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Nr. 283 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Donnerstag, 3. Dezember 1931

Die neue Osthilfe.

Von Prof. Or. Moldenhauer, MdR., ehem. Reichsfinanzminister.

Die veränderten Verhältnisse haben eine Qteu» Ordnung der Osthilfe notwendig gemacht. Auf der einen Seite hat d.e Verschlechterung der wirtschaft­lichen und finanziellen Lage dazu geführt, daß die Osthilfe für dieArnschuldungszwecke bei weiteni nicht über die Mittel verfügt, auf die man gerechnet hatte. Die Preuhenkasse hatte ursprünglich für dieses Jahr 100 Millionen Mark in Aussicht gestellt hat aber dieses Angebot ganz zurückgezogen, weil die Lage des landwirtschaftlichen Genossen chastswesens ihre Kräfte vollständig in Anspruch nimmt. Die Renten-Kredit Anstalt hat 50 Mi l o. en Mark zur Verfügung gestellt. Dazu kommen 50 Mil­lionen Mark aus der Industrieumlage, während die Vorfinanzierung, mit der man gerechnet hatte und die mindestens 200 Millionen Mark bringen sollte, bei den augenblicklichen Verhältnissen nicht durchführbar ist. Auf der andern Seite ist die Aot der Landwirtschaft immer grö­ber geworden, häufen sich die Anträge auf Zwangsversteigerungen. Die Erfahrung lehrt, daß bei diesen heute nur noch die 1. Hypothek ^isgeboten wird. Alle zwcitstelligen Gläubiger, alle Forderungen der Kaufleute, insbesondere des Getreidehandels, der Genossenschaften und der Handwerker fallen aus. Abhilfe so 1 hier die Rotverordnung zur Sicherung der Ernte und der landwirtschaftlichen Entschuldung im Osthilfe- gebict vom 17. November bringen. Sie entstand aus der Besorgnis, daß bei weiterem Fortbestehen der gegenwärtigen unsicheren Zustände die Feld­bestellung für d<e nächstjährige Ernte nicht in der ausreichenden Meise erfo'gt und desha b mit star­ken Ernteausfällen zu rechnen ist, während wir gerade darnach streben müssen, den notwendigen Bedarf an Lebensmitteln möglichst aus dem eigenen Lande zu decken, um unsere Zah­lungsbilanz zu verbessern. Dazu kommen die star­ken nationalen Besorgnisse, die sich aus dem Zu­sammenbruch der östlichen Landwirtschaft er­geben.

Die Acnderung, die an de», bisherigen Osthilfe vorgenommen wird, besteht darin, daß für Be­triebe, die im Amschuldungsverfahren begriffen sind oder solche, die nicht mehr in der Lage sino, ihren Zahlungsverpflichtungen ohne wesentliche Beeinträchtigung der Borbere tung und Erbrin­gung der nächsten Ernte nachzutommen, ein An­trag aufSicherungsverfahrenbi? zum 31. Dezember 1931 gestellt werden kann. Wäh.end des Sicherungsverfahrens und des mit ihm einzu­leitenden En schu'dungsverfahrens unterblei­ben alle Zwangsvollstreckungen und Zwangsversteigerungen bN das Te.- fahren sein Ende gefunden hat. 3n diesem Ver­fahren soll eine Schuldenbereinigung stattfinden. Soweit die erste H)pothek und sonstige Forderungen von Hhpothelarinstiluten in Frage kommen, kann eine Abwertung des Kapi­tal s und eine Herabsetzung der Zinsen nur mit Zustimmung des Gläubigers erfolgen. Da­gegen können die Forderungen zweitstelliger Hy­potheken, Grundschulden oder die dinglichen For­derungen anderer Gläubiger nur gekürzt werden, wenn diese Forderungen bei der Zwangsversteige­rung aus fallen würden. Soll im Amschul- dungsplan der Schuldbetrag um mehr als die Hälfte und der Zinssatz auf weniger als 4,5 Pro­zent herabgesetzt werden, so ist die Zustimmung ves Gläubigers erjorderlich. Die kleineren Gläubiger, insbesondere Hendwerker und Kaufleute sollen mög ichst in bar abgefun­den werden, und zwar aus den Amschuldungs-

ALBERT H. RAUSCH

Unterwegs

IV. Mancher Deutsche und . . .

Lieber Volksgenosse: Daß ich nicht etwas über dich schreibe, sondern a n dich, mag dir beweisen, daß ich es gilt meine. Du wirst vielleicht nicht ganz ent­zückt sein über die Dinge, die ich dir hier sage. Aber Da du sicherlich von meiner ehrlichen Absicht über­zeugt bist, wirst du auch nicht schimpfen und sagen, ich bekümmere mich um Dinge, die mich einen Honigkuchen angehen. Sie gehen uns alle beide zwei- und»inenhalben Honigkuchen an, denn wir sind ja beide Söhne des gleichen Volkes, wir sind ja beide von keinem anderen Wunsche beseelt als dem, mit allem, was in unseren schwachen Kräften steht, dazu beizutragen, daß diesem Volke die Geltung wieder werde, die es verdient. Also abgemacht: wir wollen das Beste. Ja, das wollen wir. so wahr uns Gott helfe. Und das wollen wir auch in dem, was man .Kleinigkeiten zu nennen pflegt. Nur sind eben sehr oft diese sogenannten Kleinigkeiten impondera- bilia, sagten die Römer viel wesentlicher für Dritte als für uns: und eben deshalb wollen wir ihnen einmal eine kurze Andacht widmen.

Da du ein Deutscher bist, lieber Volksgenosse, liebst du es zu reisen. (Vgl. Kap. 1, Zeile 130 dieser Commenfatio.) Da ich es dir gleich tue und mein Beruf mich auch zu sehr häufigem Ortswechsel zwingt, so müssen wir uns an sehr vielen Punkten der Welt begegnen. Ich möchte dir nun einmal einiges sagen, worüber ich mich schon ein halbes Leben lang bei diesen Begegnur aen immer wieder wundere. Ich möchte es dir so sagen, daß es für die heutige Zeit paßt. Denn wenn auch der Stoff aller Dinge immer der gleiche bleibt, seine Ausstrahlung ändert sich dauernd. Und auf diesen Wechsel kömmt es in unserem äußeren Leben an. Denn wir müssen uns ihm anpassen, sofern wir nicht die Belastung, welche Verschrobenheit heißt^ auf uns nehmen wollen. Nur der Grad und der Geschmack aber, mit denen wir das Neue annehmen, legen erst ein gültiges Zeugnis dafür ab, wer wir sind.

Lieber Volksgenosse: ich stelle fest, daß du mit dem Begriff des Reisens die Vorstellung verknüpfst, man müsse unterwegs eigentlich die Dinge immer anders machen, als man sie vernünftigerweise bei sich zu Hause tun würde. So fällt es mir in den letzten Jahren auf, daß du eine völlig unverständliche Vorliebe für Knickerbockers hast. Diese Hosenart ist heute bei uns sehr beliebt geworden. Sie hat sich fast schon zur Nationaltracht emporentwickell. Aber nur hei der Jugend um die Zwanzig herum--und auch da

meistens nur aus Sparsamkeitsgründen. Wir sind

Mitteln, die das Reich und die Dank für Industrie-- obligationen zur Verfügung stellen, daüber hinaus unter Arnständen durch Gutscheine, die an die Stelle der früher im Gesetz vorgesehenen Ab­lösungsscheine treten und in fünf Zähren zu amor­tisieren sind. Für das Gut, für das ein Siche­rungsverfahren durchge .üjrt wird, wird ein Treuhänder bestellt, der dafür zu sorgen hat, daß die verfügbaren Mittel zunächst nur zur geordneten Weiterführung der Wirtschaft bei nie­drigsten Ansätzen für den Persönlichen Anterhalt au verwenden sind, darüber hinaus zur Zahlung der laufenden Zinsen und Tilgungsbeträge der Schulden.

Cs ist zu begrüßen, daß sich die Reichsregierung allen Wünschen nach einer zwangswei'en allge­meinen Herabsetzung der Zinsen verschlossen hat, nachdem man sich davon überzeugt hatte, dah ein solches Vorgehen die allerschwersten kreditschädi­genden Wirkungen gehabt haben würde. Cs ist ferner zu begrüßen, daß zum erstenmal nach monatelangem Zaudern wenigstens auf einem Teilgebiet die Reichsregierung entschlossen han­delt, nachdem es nicht möglich gewesen ist, recht­zeitig ein großes Wirtschaftsprogramm auszu- stellen und alle aneinander bedingenden Maß­nahmen gleichzeitig zu treffen. Aber es bleibt, wie auch der Reichsminister Schlange-Schöningen in der Sitzung des Hauptausschusses des Reichs­tags in diesen Tagen zugeben muhte, ein sehr gewagter Versuch.

Wenn von sozialistischer Seite behauptet wor­den ist, dah das Gesetz eine entschädigungslos»: Expropriation des Privateigentums vorsehe und somit marxistische Grundsätze befolge, so haben demgegenüber nicht mit Anrecht der Minister, aber auch die Redner der bürgerlichen Parteien dar­auf hingewiesen, dah es sich hier nicht darum handelt, Privateigentum entschäd.gungs ios zu kon­fiszieren, sondern von einem als verloren an­gesehenen Eigentum im Interesse der Erhaltung des Privateigentums möglich st viel zuret­ten. Immerhin ist es ein starker Eingriff in bestehende Rechtsverhältnisse, der nach dem Wortlaut der Rotverordnung zunächst ohne jeden Schuh der Gläubiger unternommen wird. Daraus ist auch von allen Seiten im Haupt­ausschuh hingewiesen worden. Besser begründet war die Erklärung, dah ein außerordentlicher Rot­stand vorliege, der eine außerordentliche Maß­nahme rechtfertige. Der Minister erklärte gleich­zeitig, daß die Absicht des Gesetzes weniger auf eine Kapitalabwertung als auf eine individu­elle Zinssenkung hinziele. Aber für jeden, der eine Forderung, deren Zinssatz ermäßigt ist, verwerten will, bedeutet diese Zinsherabsehung auch eine Kapitalabwertung. Im Aus­schuß des Deich, tags war das Verlangen nach einem erhöhten Schutz der Gläubiger so sta.k, daß der Minister sich mit einem Antrag einverstanden erklärte, der für Entscheidungen aus Sicherungs- uno Amschuldungsanträgen eine beim Reichs­kommissar für die Osthilfe einzurichtende Bem- sungs stelle vorsieht und außerdem eine Reihe weiterer Sicherungen für die Gläubiger, insbe­sondere solche von gesicherten Forderungen ver­langt. Der Ausschuß nahm auch eine Entschlie­ßung an, die die Befristung der Geltung der Rotverordnung auf den 31. Oktober 1932 vorsieht.

Cs ist mit Recht darauf hingewiesen worden, dah derartige Schutzmaßnahmen für die La. dw rt- schaft, deren Rotwendig»eit nicht bestritten wird, die Wirkung einer völligen Untergrabung des Kredits für die Landwirtschaft im Osten, aber auch für deren Gläubiger haben und damit unter Umftän'een ein solches Verfahren die Landwirtschaft letzten Endes mehr schädi­gen könne, als dah es ihr Vorteil bringe. Cs kommt deshalb ganz besonders auf die Art der Durchführung an, vor allem auch auf ein verständ»

Ijeute ein sehr armes Volk und unsere Jugend leidet an dieser Verarmung ganz besonders. Siehst du: es gibt heute viele Jungen, die einen einzigen Anzug haben. Und der besteht aus einem Paar bil­liger Knickerbockers, einem Pullover und einem pas­senden Rock. Das Ganze steht meistens gut und sauber aus ... ja, es täuscht dem oberflächlich schauenden Ausländer einen Lebensstandard vor, der lange nicht mehr vorhanden ist. Nie, lieber Volksgenosse, würde dir der Gedanke kommen, in deiner Heimatstadt in derTracht" dieser jungen Menschen herumzugehen. Du würdest dir komisch vorkommen und vielleicht auch in Erwägung ziehen, ob denn deine Gestalt sich eigenllich für eine solche Kleidung eignet. Aber in dem Augenblick, wo du über die Grenze gehst und dich nach Paris, nach London, nach Rom begibst, scheinst du eben diese sehr gesunde Erwägung nicht mehr anzustellen: also gerade da, wo sie am aller- nötigften wäre. Wisse Freund: Knickerbockers trägt man nur, wenn man sehr jung und schlank ist oder, falls man sehr schlank geblieben ist und sehr gute Beine hat, auf dem Lande. Und auch dann nur, wenn man sie sich von einem ganz besonders tüch­tigen Schneider anfertigen lassen konnte. Wir Deut­sche reiferen Alters sind aber leider nicht ein Volk guter Beine. Von hundert Beinen sind achtzig un­vollkommen: also untauglich für Knickerbockers und Wadenstrümpfe. Du gehörst zu diesen achtzig Beinen. Also fort mit den Hosen, die uns schlecht kleiden.

Da wir von Hosen sprechen, verlohnt es sich, auch des Gürtels zu gedenken.

Schönhüftige und leiblose Jugend hat eines Tages den ausgezeichneten Gedanken gehabt, den Hosen­trägern den Krieg zu erklären. Sie hat gefunden, daß ein gut geschnittener Hosenbund über den Hüsten Halt genug gibt und sich noch mehr aus ästheti­schen Gründen einen Gürtel umgeschnallt. Die häßlichen Bänder der Träger unterbrechen nicht mehr die Einheit des Oberkörpers. Auch der Rock wurde von dieser Jugend bei warmem Wetter kaum noch getragen, und wir waren alle erstaunt, zu sehen, wie viele gut gewachsene und hübsche Buben es in unserem Volke gibt. Auch du freutest dich, lieber Volksgenosse, freutest dich vielleicht sogar ganz be­sonders: aber ein unglücklicher Nachahmungstrieb brachte dich nun dazu, es dieser Jugend gleich ^un zu wollen. Was sah mein entsetztes Auge an heißen Sommertagen in Rom, Paris und London? Ich sah dich wohlbeleibt, den Rock über dem Arm, mit feucht­gewordenem Flatterhemd, die gewaltigen Hüften und den Bauch in einen Ledergürtel gezwängt, auf die Terrassen der Kaffeehäuser zuschreiten und in einem Stuhl zusammensinken. Ich sah dich mit deinem Tuch den feisten Nacken abwischen und dann einen Kopf, von dem man nicht wissen konnte, ob er schon kahl war oder so kahl geschoren, daß nur gegen die Stirn zu ein paar Haare stehen blieben wie Sauborsten .. Der Atem blieb mir fort ... Schon waren hinter mir Bemerkungen über dich gefallen, die mir das

nisvolles Zusammenarbeiten mit der Bank für Industrieobligationen. Schon bisher hat man ver­sucht, bei der Umschuldung Akkorde mit den Gläu­bigern zu schließen, und für den Abschluß dieser Akkorde konnte eine gleichzeitige Kreditgewährung an die gewerblichen Betriebe durch die Dank sehr förderlich sein. Run wird der Akkord unter den starken Druck gestellt, daß, wenn eine freiwillige Verständigung nicht erfolgt, sie von der Land­stelle erzwungen werden kann. Gerade in die­sen Fällen ist aber die Mitwirkung der Bank not­wendig, um zu verhindern, dah schließlich der einzelne landwirtschaftliche Besitz entschu det wird und erhalten bleibt, aber seine Gläubiger dafür in Konkurs gehen müssen.

Die Erörterungen über die neue Osthilfe mach­ten es erforderlich, auch einmal die F.age der Finanzierung zu untersuchen. Rachdcm die übrigen Quellen so g t wie fortgefallen sind, bleibt als einzige die I n d u st r i e u m l a g e , die im Lause von fünf Jahren 500 Millionen Mark für die Osthilfe zur Verfügung stellen sollte. Man war seinerzeit von dem Gedanken ausgegangen, dah die Industrieumlage bis 1936 abgebaut werden sollte, indem 1936 zum letztenmal eine Umlage in Höhe von 60 Millionen Mark gegenüber der ursprünglichen von 300 Millionen Mark erhoben werden sollte. Die Industrie rechnete also damit, dah sich die Umlage von Jahr zu Jahr ermä­ßigen würde. Run sind in weitem Umfang Be­triebe von der Industrieumlage freigestellt wor­den, solche in dem engeren Gebiet der Osthilfe, aber auch darüber hinaus. Da auf der anderen Seite der Schrumpfungsprozeß in der Industrie fortgeht, verringert sich die Zahl der Betriebe, die die Industrieumlage aufbrin­gen müssen. Während die Umlage in den letzten Jahren regelmäßig 6 Prozent vom Betriebskapital ausgemacht hatte, ist jetzt zu be ürchten, dah die Industrieumlage nicht nur verdoppelt, sondern verdreifacht wird. Das entspricht nicht dem, was man seinerzeit gewollt hatte, wie es auch

widersinnig ist, um einen landwirtschaftlichen Be­sitz zu entschu'den, durch die Industr eurnl. ge einen industriellen Betrieb zum Erliegen zu bringen. Aus dem Grunde ist der Antrag eingebracht wor­den, dah die Industrieumlage im nächsten Jahr in ihrem Prozentsatz nicht über die Umlage des Jahres 1933 hinausgehen und dah zweitens von Betrieben, die das Jahr 1931 mit einer Unter- bilanz abschliehen, die Umlag- nicht er­hoben werden darf. Der Antrag soll nur ver­hindern, dah an Stelle eines Abbaues der In- dustrieumlage eine Erhöhung in dem erwähnten Umfang tritt und. daß, als sich die Industrie be­reit erklärte, dieses Opfer zu bringen, sie nicht gewillt war. es mit dem Untergang der eigenen 'Betriebe zu bezah'en. So Iten für die Osthilfe Ausfälle eintreten, die ersetzt werden müssen, so muh dies aus allgemeinen Ctatsmitteln geschehen, kann aber unmöglich aus einer Sonder- fteuer für die Industrie bereitgestellt werden, wenn diese einen so verhängnisvollen Charakter an­nimmt, wie es ohne eine gesetzliche Mahnahme voraussichtlich geschehen würde. Erkennt man die Ausnahmezustände in der Landwirtschaft an, so darf man nicht übersehen, dah zur Zeit auch Ausnahmezustände in der Industrie bestehen. Die Auffassung von der Solidari'ät zwi­schen Industrie und Landwirtschaft darf nicht da­hin ausgelegt werden, dah sie für Zeiten der Rot der Industrie aufgehoben wird.

Ein endgültiges Urteil über die neue Osthilfe wird man erst abgeben können, wenn die Aus- führungsbestimmungen vorliegen und aus ihnen hervorgeht, in welchem Umfang die Richsregie- rung der Kritik Rechnung getragen hat. Immerhin kann das eine gesagt werden: Schlange- Schöningen hat sich clls einentschlosse- ner und mutiger Mann gezeigt. Wir hätten gewünscht, dah die gleiche Entschlußkraft auch andere Mitglieder der Reichs­regierung beseelt hätte.

SoflDerfammhma her Hessischen Handwerkskammer

Am Dienstag sand wie uns von der Hand­werkskammer berichtet wird unter Leitung des Kammervorsitzenden R o h l, Darmstadt, im Sitzungszimmer der Hessischen Handwerkskammer eine nichtöffentliche Dollver s amm- l u n g statt, die der Klärung einer Reihe von internen Fragen diente. Insbesondere gelangten finanzielle Angelegenheiten zur Erörterung, so die wiederholte Vermittlung größerer Darlehens­summen an Kreditinstitute, u. a. die Darm­städter Volksbank. Dabei wurden die sich nach Schalterschluh der letzteren für die Kammer ergebenden Verpflichtungen sowohl, als auch die eigenen Anlagen bei der Darmstädter Volksbank Behandelt und geklärt. Auch die Mitwirkung der Kammer bei der Verteilung der West- Hilf e für das besetzte Gebiet fand eingehend Behandlung, insbesondere der wiederholt auf­getauchte Vorwurf wegen der Disposition über einen angeblich für Mainz bestimmten Betrag anfangs Juni d. I. An Hand der diesbezüglichen ministeriellen Anordnung wurde nachgewiesen, daß über diesen Betrag in einwandfreier Weise verfügt worden ist. Mit den Vertretern des be­setzten Gebietes wird hierüber noch eine besondere Aussprache stattfinden.

In Verbindung hiermit wurde über eine An­zahl von Anträgen, Anfragen und anderen An­gelegenheiten verhandelt, die sich zum Teil auf Angriffe gegen den Kammervor- sihenden gelegentlich der Tagung des Hand­werks- und Gewerbeverbands in Bensheim und bei anderen Anlässen bezogen. Sie führten sowohl

in dieser Sitzung, als auch bei vorhergehenden Provinzaussprachen mit den Kammermitgliedern zur Aufklärung und Erledung, so daß nach dem Urteil der Kammermitglieder letzten Endes nichts mehr übrig blieb, was Herrn R o h 1 in seiner Stellung als Kammervorsihender bzw. die Ge­schäftsführung der Kammer belasten könnte. Hin­sichtlich der Tätigkeit des Kammervorsihenden in seiner Eigenschaft als ehemaliger Aufsichtsrats- vorsihender der Darmstädter Dolksbank maß sich die Kammer bis nach Beendigung des schweben­den Verfahrens ein Ar teil nicht zu.

Was die Veröffentlichung anbelangt, die der Landesverband Hessen und angrenzende Gebiete für Handel, Hani werk und Gewerbe, Sitz Mainz" dieser Tage in die hessische Presse brachte, so wird erklärt, daß sich dieser Verband außerhalb der im Hessischen Handwerks- und Gewerbeverband" zu- sammengefaßten Zentralorganisation des hessisa)en Handwerks befindet, daß er mit seinen wenigen Ortsgruppen nicht befugt ist, im Rainen des hes­sischen Handwerks zu sprechen und daß die in diesem Artikel ausgestellten Behauptungen in der Vollversammlung der Handwerkskammer rest os zusammengebrochen sind. Tie Geschäftsführung der Kammer ist beauftragt, nachzuprüfen, i..wie­weit gegen diesen Verband bzw. den verantwort­lichen Verfasser gerichtlich vorzugehen ist, insbe­sondere soweit es sich um die Anschuldigungen gegen den Kammervorsitzenden, Herrn R o h l, und gegen den Vorsitzenden der Handwerk-kammer- Rebenstelle Mainz, Herrn S ch ö n t a g, handelt.

Blut ins Gesicht trieben ... Aber sie waren berech­tigt ... Ja, sie waren es und es wäre dir gut gewesen, sie zu hören. Denn du bist ja einsichtig ... und hättest sicher die nötigen Schlüsse gezogen ... Ich ging ein Stück weiter und sah mich noch einmal nach dir um: da fuhr mir ein neuer Schreck durch die Glieder. Denn ich hatte die Baskenmütze entdeckt, welche du neben dich auf den kleinen Tisch gelegt hattest. Bist du denn auch das Opfer dieser Kopfbedeckung geworden? Hand aufs Herz: Trägst du sie auch bei dir zu Hause? Ich glqube, du trägst sie dort nicht. Du bist aber der Meinung, es gehöre sich, daß man sie unterwegs aufsetze und ganz besonders in Frankreich, wo sie ja eigentlich Na­tionaltracht geworden ist. Lieber Volksgenosse: Ver­weilen wir ein wenig bei diesem problematischen Kleidungsstück, sowohl um seiner selbst willen als auch in bezug auf seine Beziehung zu dir. Und sagen wir das Entscheidende gleich voraus: Es ist eines der häßlichsten, unkleidsamsten, die jemals erfunden wur­den. Von tausend Menschen, die es tragen, darf viel­leicht einer behaupten, daß es ihm steht. Es hat die unheimliche Kraft, die Gesichter zu verdummen. Du weißt doch, ehemaliger Jünger des Mars, was vor dem Krieg bei unsKrätzchen" genannt wurde? Nun: die Baskenmütze ist das Krätzchen der Zivilisten unse­rer Tage. In allen Ländern. Sie ist das Symbol der kosmopolitischen Geschmacklosigkeit. Es ist das In­strument der Kollektivverdummung auf dem Gebiet der Mode. Ich weiß nicht, ob du die Rasse die höchst mysteriöse Rasse der Basken kennst, die dieses Instrument erfunden haben sollen und sich seiner bedienen: Ich hab- selbst unter ihr nur wenig Köpfe gesehen, deren Schärfe und schmale Gedrängt­heit nicht durch diese Mütze beeinträchtigt worden wäre. Bei ganz jungen Menschen mag sie ein wenig schief und verwegen getragen kleidsam sein. Aber wirklich nur bei diesen. Setze deine Basken- mütze, die du nun einmal hast, im staubigen Eisen­bahnabteil auf, nachts, wenn du den Kops bequem anlehnen willst, setze sie meinetwegen auf bei raschen Fahrten im offnen Wagen--aber entledige dich

ihrer sofort, wenn du das Weichbild einer Stadt be­trittst. Vertausche sie mit dem Hut. Glaube mir, du hast bei diesem Tausche alles zu gewinnen. Alles. Und dein Vaterland ebenfalls.

Nachdem ich dir nun dieses in Gedanken gesagt hatte, wollte ich wirklich meiner Wege gehen und dich deinem Schicksal überlassen: da gewahrte ich gerade, daß du auf einige Damen und Herren zu­stürztest, die einem Automobil entfliegen, das eben vor der Kasfeehausterrasse oorgefahren war ... Und euer Geschrei unverkennbar berlinisch drang bis zu mir herüber ... Lieber Freund: Warum müßt ihr eigentlich immer so laut schreien, wenn ihr euch zufällig im Auslande trefft, ihr aus der Tauentzien- straße und ihr aus der Nürnberger? Ist denn das ein solches Ereignis, sich unvermutet einmal am Cate de la Paix zu treffen anstatt in Berlin im

Zoo oder im Schottenhammel ober bei Dobrin ober im Korso? Warum unterstreicht ihr eigentlich immer so sehr bie beglückende Tatsache eurer Existenz? Man sieht euch doch sowieso ... und wenn man euch gar nicht sähe: wäre denn das ein so großer Verlust für euch und die andern?

Siehst du, lieber Volksgenosse: es gibt eine vorzüg. liehe Klasse von Deutschen, bie im Ausland reift: das ist bie Klasse der Unsichtbaren. Sie sind außer­ordentlich beliebt, sehr geachtet und werden überall mit großer Zuvorkommenheit ausgenommen. Sie sind die wirklichen Diener ihres Vaterlandes. Sie sind die jenigen, welche dumme Vorurteile zerstören, indem sie die deutsche Würde durch die Selbstverständlichkeit üjrer Haltung verkörpern. Sie sind gebildet, wissen viel von dem Land, in dem sie sich bewegen, haben ein Lächeln zu ihrer Verfügung und den Sinn für das richtige Maß. Meinst du nicht auch, daß .. - Aber da wurde ich in meiner Gedankenrede an dich unterbrochen. Ein Bekannter legte mir die Hand auf die Schulter ...

Also: Auf Wiedersehen, lieber Volksgenosse. Nichts für ungut--und, bitte, lasse den Zigarrenkloben,

den du dir soeben angezündet hast, nicht aus dem Munde heraushängen, ohne ihn zwischen zwei Finger zu nehmen... Auf Wiedersehen!

v-Zug 13 hat Verspätung".

Der Tllel dieses Kriminaltonfilms der Ufa hat insofern einen gewissen merkwürdigen Doppel­sinn erhalten, als er sich nicht nur auf das Hauptmotiv der Handlung bezieht, sondern auf den ganzen Filmstreifen als solchen übertragen werden konnte, der seinerzeit vor der Premiere von der Zensur verboten, bald darauf aber wie­der freigegeben wurde und mit entsprechender, spielplanwidriger Verzögerung anlaufen konnte. Im übrigen ist er nach Jüterbog und Bia Torbagy von einer etwas fatalen Aktualität: er behandelt den Anschlag auf den Sonderzug einer pcl tisch b:beutfam:n Persönlichkeit, ein bös­artig und kaltblütig angelegtes Verbrechen, in dessen Vorbereitung ein harmloser Reisender sehr zufällig und unschuldig verwickelt wird: immerhin gelingt es diesem freundlichen, aber krimina­listisch nicht übermäßig begabten Zeitgenossen, das Verbrechen im bekannten letzten Moment zu vereiteln. Das geht nicht ohne allerlei Anklar­heiten undUnwahrscheinlichkeiten ab, dennoch bleibt der Zuschauer bis zum Schluß in der sachlich motivierten Spannung. Die Regie von Z e i s 1 e r leistet ihr Bestes in Tempo und Aufnahme­technik. Aus dein Cnsemble hebt sich Charlotte Susa heraus, die ihre Eignung für ähnliche Ausgaben schon früher erweisen konnte. Der Film läuft seit gestern im Lichtspielhaus. -r-