Ausgabe 
3.11.1931
 
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lk. 257 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Oienstag, 3. November (YZf

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 3. November 1931.

Provinzialausschuß-Sitzung.

Sn der am Samstag unter dem Vorsitz von Provinzialdirektor Graes abgehaltenen öffent­lichen Sitzung des Provinzialausschusses der Provinz Oberhessen stand die Klage ks E r n st I u n g in Gießen, Marburger Str.109, -egen die StadtGießen wegen Heranziehung m den Kosten der Gossenpflasterung in der Mar- turger Straße zur Verhandlung. Durch Bescheid les Oberbürgermeisters der Stadt Gießen wurden km Kläger im Februar 1930 124,81 Mark Beitrag zu den Kosten der Gossenpflasterung vor feinem Änwesen Marburger Straße 109 ange» svrdert. Dieser Bescheid war innerhalb einer Frist von zwei Monaten mit Klage bei dem Provinzialausschuß anfechtbar. Alsbald nach kessen Zustellung erhob Jung unter Ueber- cabe der Anforderung mündlich Beschwerde lei dem zuständigen Dezernenten der Stadt Gie­sen, der ihm angeblich zugesagt haben soll, die Lache nochmals zu prüfen und ihm alsdann Be­scheid zukommen zu lassen. Der Kläger bekümmerte , sich nach dieser Rücksprache nicht mehr um die Angelegenheit. Er erhielt am 27. Dezember 1930 ton der Stadt Gießen eine Mitteilung, daß die Anforderung nach Ansicht des städtischen Rechts- ousschusses zu Recht bestehe. Daraufhin erhob Jung Ende Januar 1931 Klage bei dem Pro- dinzialausschuß mit dem Antrag, festzustellen^ keß die Stadt Gießen nicht berechtigt sei, von km Kläger den angeforderten Beitrag zu ver­langen, und der Stadt Gießen die Kosten des Rechtsstreites einschließlich der dem Kläger durch Destellung eines Anwalts entstehenden Kosten oufzuerlegen. Sowohl formell, als auch materiell sei die Klage begründet; formell insofern, als er, der Kläger, die in dem Bescheid der Stadt Gießen gesetzte Frist nicht einzuhalten brauchte, weil der Vertreter der Stadt Gießen den Bescheid wieder rnrückgenommen habe und demnach der Lauf der Rechtsmittelfrist erst mit Zustellung des Schrei­bens der Stadtverwaltung vom 20. Dezember 1930 beginne. Auch aus materiellen Gründen halte er sich nicht verpflichtet, den angeforderten Beitrag zu zahlen. Eine Heranziehung zu diesen Kosten könne nur dann erfolgen, wenn es sich um die Herstellung einer neuen, oder um die Verlänge- rung einer schon bestehenden Straße handele. Diese Voraussetzungen lägen hier nicht vor, zumal bie Marburger Straße zur Zeit des Inkraft­tretens des Ortsbaustatuts der Stadt Gießen von 1888 bereits eine ausgebaute Straße mit festem Bürgersteig und Straßengräben gewesen sei. Hier handele es sich um die Verbesserung einer bereits bestandenen Ortsstrahe. Hierfür könne nach der Entscheidung des Verwaltungs- aerichtshofs in Sachen Architekt Wehrurn (Gie­ßen) gegen die Stadt Gießen wegen Heranziehung zu Straßenbaukosten einen Anliegerbeitrag nicht verlangt werden. Die Stadt Gießen bean­tragte Klageabweisung und Auferlegung der Kosten für die anwaltliche Vertretung der Gegen­seite.'Schon aus formellen Gründen sei die Klage unzulässig, zumal mit der Zustellung der An­forderung an den Kläger die Zweimonatsfrist für die Klageerhebung zu laufen beginne, selbst denn der Kläger den Ansorderungsbescheid bei einer Dienststelle der Stadt Gießen, bei der er sich ja nur Rat und Aufschluß hätte holen können, zurückgelassen habe. Aber auch materiell sei die Klage unbegründet. Bei Erlaß des Ortsbaustatuts im Jahre 1888 habe es an allen Erfordernissen, bie für den Begriff einer fertigen Straße gegeben feien, gefehlt. Weder Beleuchtung, noch Seiten- psad für Fußgänger seien vorhanden gewesen. Die gepflasterte Straßenrinne sei erst im Jahre 1929 geschaffen worden. Ein Straßengraben, wie er jeder Landstraße entlangführe, könne nicht als Entwässerungsanlage angesehen werden. Eine ge° Klafterte Gosse sei nach dem Gesetz als wesent­licher Bestandteil einer fertigen Straße anzusehen.

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In Berlin-Schöneberg ist in bitterster Armut der Maschinenbauer Goebel gestorben, der vor dem Kriege als erster eine Art Tank konstruierte. Der Panzerwagen fand jedoch bei den zuständigen Be­hörden nicht genügend Interesse. Goebel hat dann jahrelang in größter Not gelebt und an dem Projekt einer schienenlosen Eisenbahn gearbeitet.

Der Provinzialausschuß erkannte zu Recht, die Klage als unzulässig zurück- z u w e i s e n und die Kosten des Verfahrens, einschließlich derjenigen Kosten, die der Stadt Gie­ßen durch ihre anwaltliche Vertretung entstanden sind, dem Kläger zur Last zu setzen. Der Wert des Streitgegenstandes wurde auf 124,81 Mark festgesetzt.

Die Beschwerde des Wilhelm HosmannV. in S t e i n h e i m gegen den Bescheid des Kreis­amts Gießen vom 2. Mai 1931 wegen Verhängung einer Ordnungsstrafe infolge Fehlens in der Jnnungsversammlung der Schuhmacher­zwangsinnung wurde als unbegründet zurückge­wiesen. Die Kosten des Verfahrens wurden dem Kläger auferlegt und der Wert des Streit­gegenstandes auf 5 Mark festgesetzt.

In der Sache der Aufnahme des Karl Wilhelm Kinkel aus Frankfurt a. M. in die Landes- Heil- und Pflegeanstalt Gießen; hier: Ansinnen des Kreisdirektors des Kreises Gießen an die Stadt Gießen auf Uebernahrne von Verpflegungs­kosten, erkannte der Provinzialausschuß zu Recht, das Verwaltungsstreitverfahren für die Entschei­dung über die Frage der Gesetzmäßigkeit des An­sinnens des Kreisamts Gießen an die Stadt Gießen für unzulässig zu erklären.

Die Klage des Bezirksfürsorgeverbandes Ham­burg-Stadt gegen Den Bezirksfürsorgeverband des Kreises Friedberg auf Erstattung der für den Geisteskranken Richard 011 aus Butzbach entstandenen Kosten wurde als unbegründet zurückgewiesen, unter Belastung des Klägers mit den Kosten des Verfahrens.

Eröffnungsabend der Volkshochschule.

Die Volkshochschule eröffnete am Samstag im großen Hörsaal der Universität mit einer schlichten Eröffnungsfeier das Wintersemester 1931 32. Der Hörsaal war bis auf den letzten Platz beseht. Zu­nächst hielt Oberstudiendirektor Dr. Baur einen Vortrag über Wilhelm Raabe. In kurzen Zügen schilderte der Redner die Person des Dichters, der abseits und in engem Kreise sein Leben führte und zum großen Dichter wurde, der dem deut­

schen Volke unendlich viel gegeben hat und sich einen bleibenden Rainen erwarb. Die Werke Wil­helm Raabes seien, so führte der Redner aus, nicht für diejenigen, die im Buche die Sensation suchten, Raabe sei immer der Dichter gewesen, der den Stoff zu feinen Werken aus den Kreisen der Aermsten holte und aus diesem Milieu bleibende Gestalten zeichnete, in denen sich die deutsche Seele spiegelt. Raabes Werke müßten deshalb mehr als bisher zum deutschen Volksgut werden. Allerdings bedürfe es dabei des liebevollen Versenkens in seine Bücher, denn Raabe sei nun einmal einer jener Dichter, die erst in einer gewissen Breite ihren ganzen Wert und ihre ganze Kraft offen­baren konnten. Es wäre verkehrt, Raabe als einen Pessimisten zu bezeichnen, obwohl manches seiner Werke von einem düsteren Hauch umweht sei, obenan stehe aber doch der Grundsatz, den er einem seiner Bücher voraussehte:Richt mit« Huhassen, sondern mitzulieben bin ich da". Im An­schluß an den Vortrag brachte der Redner zwei Kapitel aus Wilhelm Raabes Werken zum Vor­trag und zwar eines aus demHungerpastor" und eines ausHoraker", die beide die ganze Eigenart des Dichters, den Ideenreichtum, den feinen Humor und die universelle Beherrschung der deutschen Sprache in unverfälschter Reinheit bewußt werden ließen. Die Wirkung dieser Aus­schnitte aus dem dichterischen Schaffen des wahr­haft deutschen Schriftstellers wurde durch die klare sympathische Art des Vortrags noch wesentlich gehoben. Der Vortrag und die Rezitation fanden herzlichen Beifall.

Im weiteren Verlauf des Abends brachte das KammerorchesterderVolkshochschule zwei großangelegte musikalische Darbietungen zu Gehör. Ein Konzert in 0-Moll von D' Al' Abacco (1675 bis 1742) für Streichorchester und Cem­balo in vier Sätzen und eine Suite in S-Dur für Flöte, Streichorchester und Cembalo von Johann Seb. Bach fanden eine sehr lebendige und ein­drucksvolle Wiedergabe. Das Kammerorchester unter der Leitung von Musiklehrer F. D a u e r jr. fand für die vorzügliche Aufführung der beiden Werke stärksten Beifall.

Konsumverein Gießen und Umgegend.

Arn Sonntagvormittag fand im Gewerkjchaftshaus die ordentliche Vertreterversammlung des KonsumvereinsGießenundUmgegend statt. An Stelle der beiden erkrankten Vorsitzenden des Aufsichtsrats leitete das Aufsichtsratsmitglied K. Br e m e r die Verhandlungen.

Der Geschäftsbericht wurde von dem Ge­schäftsführer Diener erstattet. Er gab zunächst in großen Zügen einen Ueberblick über die Entwicklung des Vereins in den verflossenen 30 Jahren, beschäf­tigte sich dann mit den mannigfachen Wirtschafts­schwierigkeiten der jüngsten Zeit und legte hierauf über den Geschäftsgang beim Konsumverein folgen­des dar: Der Umsatz im Geschäftsjahr 1930/31 be­trage 3 000 859 Mark gegen 3 157 118 Mark im Vor­jahre, also 156 259 Mark (4,95 v. H.) weniger. Das Resultat sei in Anbetracht der allgemeinen Not zu­friedenstellend, denn viele Waren hätten eine große Preissenkung erfahren. Der Umsatz müßte aber den­noch höher fein, dann würden auch die Unkosten wesentlich geringer. Die vom Konsumverein abge­führte Steuersumme betrage 57 334,09 Mark. Die Rückvergütung in Höhe von 145 686,69 Mark (5 v. H. komme in den nächsten Tagen zur Verteilung.

Den Kassenbericht gab der Kassierer Jakob Günderoth; er erläuterte die Bilanz und ver­breitete sich über die Rentabilitätsberechnung der einzelnen Betriebszweige. Die Bilanz schließt auf der Vermögens- und Schuldenseite mit je 1 600 571,67 Mark, die Gewinn- und Verlustrechnung in Soll und Haben mit je 408 839,80 Mark. Die Sparguthaben erreichten die Höhe von 731 634,72 Mark. Die Er­übrigung betrug 900,08 Mark.

Der Berichtdes Aufsichtsrats wurde von dem Verhandlungsleiter K. Bremer gegeben, der u. a. bekanntgab, daß im Berichtsjahre 31 Revisions­sitzungen und drei besondere Kassenrevisionen statt- fanden, die zu keinerlei Beanstandungen Anlaß gaben.

Sekretär Huber verlas den umfangreichen Be­richt des Verbandsrevifors Pi wier über die in der Zeit vom 5. bis 7. Januar 1931 vorgenommene Revision der Buchführung, Kasse usw. der einzelnen Betrieseinrichtungen des Vereins. Die Revision er­gab, daß die Verwaltung des Vereins eine gute ist, wesentliche Beanstandungen wurden nicht gemacht.

Die Aussprache war recht rege. Dem Vorstand und Aufsichtsrat wurde bei der Abstimmung ein­stimmig Entlastung erteilt. Die Erübrigung von 900,08 Mark wurde der Verwaltung zur Verwendung überwiesen.

Die W a h l e n ergaben die Wiederwahl von Jakob Moutarde zum Vorstand und Fr. Vetters, Hartmann (Bad-Nauheim), Heinrich Schnei- der, als Erfatzmstglieder Gg. F i f ch e r, Dr. G u m- b e l und W. Arnold zum Auffichtsrat.

Die vorliegenden Anträge betrafen die Einstellung von Hilfskräften bei Krankheit usw. unter Ausschal­tung sog. Doppelverdiener, Offenhaltung der Der- teilungsstellen in der Mittagszeit, sowie einen neuen Berechnungsmodus bei Festsetzung der Sterbeunter­stützung bei Todesfällen der Mitglieder, die Abon- nent desKonsumgenossenschaftlichen Volksblattes" find. Sämtliche Anträge wurden der Verwaltung als Material überwiesen.

Der Verhandlungsleiter K. Bremer sprach noch dem ausscheidenden Aufsichtsratsmitglied Fischer den Dank der Mitglieder für die geleistete Arbeit aus.

Bornotizen.

Lageskalender für Dienstag: Tv. von 1846 Ski-Abteilung, 20.30 Uhr, Versamm­lung, Turnhalle. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Der Sohn der weißen Berge".

Aus dem St a d 11 he a t e r b u r e a u wird uns geschrieben: Ein entzückendes und char­mantes LustspielLiebe und Film", eine herzlich- lustige Angelegenheit über Radio und Tonfilm, von Francis de Croisset, in der deutschen Bear­beitung von Otto Eisenschitz, erlebt am Mittwoch, 4. Rovember (5. Vorstellung im Mittwochabonne­ment) 19.30 Ubr unter der Spielleitung von Intendant Dr. Rolf P r a s ch seine reichsdeutsche Uraufführung. Ende 22 iltjr.

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Ein Spiel, das die Welt war.

Äon W. E. Süskind.

Meine Erinnerung haftet unter den vielen kpielsachen meiner Kindheit mit besonderem Rach- hüt auf einem Spielzeug, das eigentlich gar kcmes war. Es wurde von mir seinem eigent­lichen Zweck entfremdet und traft einiger wichtiger Eigenschaften, die ich gleich beschreiben werde, p einem Begleiter, Untertanen und Kameraden ohnegleichen erkoren und es hat mich in dieser Eestalt und unter unzähligen Verwandlungen 6)11 meinem schätzungsweise fünften Jahr b'.e in ein unwahrscheinlichhohes" Alter (wie eitoachsen glaubt man sich mit 16) durch alle möglichen Spiele begleitet. Ich will es mir näch­stens wieder hervorsuchen.

Es handelt sich, sei es mit Ergriffenheit ge- stmden, um ein sogenanntes Zahlenlotto; das if eigentlich ein Gesellschaftsspiel für die schon «in wenig reifere Jugend und besteht aus etwa einem Dutzend mit Zahlen bedeckter Kartonblätter Md einem Satz von, ich glaube, hundert Steinen, imben Holzklötzchen, die von eins bis hundert numeriert sind. Wie dieses Lotto kunstgerecht «spielt wird, weih ich offengestanden nicht genau, Bmn ich fcabe es nie getan und werde, wenn ich Nächstens nachsehe, die Kartons völlig unberührt fci.-berfinben. Gegolten haben für mich nur die (leine, dieses kleine Heer von Holztrümmerchen; spielt habe ich, um ihnen jetzt den Ramen zu jjtbm, auf den es ankommt, einzig und allein mit den Zahlen. .

Man stelle sich das richtig vor: eins bis huibert, diese ersten Zahlen der Arithmetik, feugen nicht viel, wenn man sie auf Papier ge= fiocieben vor sich hat, und später, wenn man Dchnen kann, bedeuten sie das System von Kletter- gmgen, zwischen denen das kleine Einmaleins «uf- und abturnt. Auf Holzklöhchen geschrieben <üct sind sie nicht mehr und nicht weniger als Hubert Menschen. Warum? Weil die Holzklotz- «chen eine verschiedene Beschaffenheit haben, was sscge ich, einen verschiedenen Körper und grund- w ischiedene Anlagen. Das eine war groß das obere klein, dieses von dunklerem Braun als die oberen, jenes von irgendeinem Tressen her ab» ^splittert und sozusagen hinkend, kurzum hundert ldirschiedene Erscheinungen, lind jedem war die Kummer anders ins Gesicht geschrieben, dem itinen groß und ernst, dem nächsten verwischt, nnb dem dritten war sie tief ins Holz gesunken Qrie eine alte Grabschrift. Gab die Hol^befchaffen-

heit den Zahlen einen Körper, so leuchtete aus der Inschrift ernst oder leichtsinnig ihr Wesen, ihr Charakter, so deutlich, so persönlich, daß ich es nie vergessen werde. 39, mit seiner einge­sunkenen Ziffer, war er nicht ein verschlossener Haudegen, nicht zu höheren Zielen geboren, aber gediegen in seiner Art, verläßlich wie ein guter Sklave und treu wie Gold! Unb 7, nie werde ich 7 vergessen; er war mein zweiter Liebling (vom ersten spreche ich später), er war das Kluge, das Ernsthafte, der Ratgeber des Königs, über­legen, weise, ritterlich, nur um einen Hauch zu wenig strahlend, um der Allererste zu sein, und gerade darum reich und bevorzugt, von der besonderen, geheimnisvollen Bedeutung des Zweit­besten (vergessen wir sie im späteren Leben?). 66 wiederum, etwas dick und untersetzt, war ein schleimiger, zur Verstellung geeigneter Charakter, froh, daß er so leicht mit 99 zu verwechseln war, und ewig lächelnd.

Ich hatte also, versteht man nun, em Volk, mit dem ich spielen konnte, wenn ich die Zahlen vor mir ausschüttete, ein Regiment von Charak­teren, von Helden und Feiglingen, Gegenstände meiner Zu- und Abneigung. Was brauchte ich noch?

Ich brauchte noch Schicksal. Es ging nicht an, daß ich selber entschied, wany meine Leute umzukommen oder in Gefangenschaft zu geraten hatten (denn um Krieg und Kriegsgefahr handelte es sich natürlich in den frühesten/ Spielen), sonst wären immer die Favoriten urcttt geworden, 7 ein Greis mit Silberhaar, und npr die Schurken hätten die Götter jung zu sich genommen, was bekanntlich ganz und gar nicht ihre Gepflogen­heit ist. 1

Das Schicksal nun, das meiner Macht entrückte, trug ich selber in zitternder Hayd, recht symbo­lischerweise, wie mir heute scheint:. Wie das? Ich erfand die gleiche Chance, erfgnd das Ja und das Rein, das Glück und den," Unstern, ich ent­deckte das zweigesichtige Schiel. Rahm ich einen der Leute in die hohle Fa»ist und würfelte ihn zur Erde, so konnte er auss Gesicht fallen oder auf den Rücken, konnte/Tod gezogen haben oder Leben, Gefahr oder Triumph, und dennoch blieb die leise, ahnende Vermutung, daß nicht nur der Zufall entschieden habe, sondern ein wenig auch seine und so geformte, edle oder zähe Gestalt, und ein klein wenig ich selber, je nachdem Liebe oder Abneigung meine Hand geführt.

Dies alles habe ich ausführlich beschrieben, weil es sicher kein Zufall ist, daß mein Lieblingsspiel so sehr mit der Entdeckung menschlicher Gegeben­

heiten zusammenfiel, und daß ich, von tausend adretten und teuren Spielwaren umgeben und abgelenkt, Jahre langeigentlich" nur mit diesen meinen Zahlenmenschen gespielt habe. Was ich alles mit ihnen spielte, ist daneben weniger wich­tig; es wechselt mit den Jahren und den mir von außen zugetragenen Interessen. Meinen Helden und ersten Liebling (um nun auch von ihm zu reden) empfing ich wahrscheinlich aus Zufalls Hand; es war Rümmer 73, ein derbes, etwas angeecktes, ungefähr achteckiges Klötzchen, das vielleicht dieser Sondergestalt wegen ausdauern­der war als die andern, leichter auf den Rücken fiel und mehr zum Ueberlcben neigte, ein Held des praktischen Lebens sozusagen, ein gesunder Barbarossa, neben dem eleganten, geistigen Fried­rich II., will sagen 7. Versteht sich, diese histo­rischen Bilder nenne ich heute, aus der Erinne­rung heraus. Damals, was spielte ich wohl? Ich spielte Schlacht (Tod und Leben), ich spielte Fürstengeschlecht, wobei jedes auf den Rücken­fallen ein weiteres Regierungsjahr eintrug noch gibt es irgendwo lange Tabellen und Stammbäume, die ich damals aufstellte und bei denen jeder Zahl ein Raine entsprach. Später erfand ich die Wahrscheinlichkeit) denn ich hatte zu viele kurzlebige Regenten gehabt und unmün­dige Herrscher waren an der Tagesordnung. Also bedeutete ein schlechter Wurf nur Gefahr oder Krankheit, und erst zwei- oder dreimal aufs Gesicht fallen bedeutete den Tod. Roch später wurde ich kaufmännisch, stellte mir große Handels­häuser vor, ließ sie Floridas Getreideernte auf» kaufen und sah, wie 73 & Co. durch glückliche Würfe (steigende Kurse) ein Vermögen scheffelten, während der Schurke 66 Konkurs aninelden mußte. Unö abermals einige Jahre darauf waren die Zahlen Minister unserer Großmächte, bildeten Kabinette und schickten Gesandte aus; 73 war Kriegsminister, 7 hatte das Aeuhere, der tückische und intrigante 37 Justiz oder Finanzen. Ein Wurf meiner Hand, und ein Minister war ge­stürzt oder ein Krieg bahnte sich an noch zwei Würfe auf die Kehrseite und er würde log» brechen; und jede, noch die komplizierteste 'Ver­wicklung war vorgesehen, ich konnte alles, alles und jedes spielen, mit einem kleinen Hundert Holzklöhchen jede menschliche Verwicklung.

Inzwischen habe ich von einem Romandichter gehört, der die Entwicklung seiner Gestalten mit Zinnsoldaten nachspielen soll. Das hat mir ge­fallen. Aber, frage ich mich, woher nimmt der Mann das Schicksal, woher nimmt er die Ent­scheidung über Tod und Leben, und woher vor

allem dies bebende Gefühl der Verantwortung, wenn des geliebten Helden Los in unserer Hand liegt, wenn wir mogeln würden und doch etwas, etwas Unbekanntes uns zwingt, ihn untergehen zu lassen, weil der Würfel so fällt, weil er auf Dem Gesicht liegt, 7 oder 73, der Allerbeste.

Ich muh hingehen und nach den Steinen sehen, nach dem Zahlenlotto, den unberührten Kartons und den Klötzchen, meinem Volk, in tausend Schlachten bewährt. Wenn sie nur noch da sind, wenn keine fremde Hand sie verworfen oder ver­schenkt hat, dreimal auss Gesicht gewürfelt, zum Tode bestimmt, zum Untergang!

Oer Sohn der weißen Berge."

Dieser Tonfilm unterscheidet sich von den zahl­reichen früheren Schneeschuh- und Hochgebirgs­filmen dadurch, daß in feine Raturaufnahmen und seine Sportreportage außer der obligaten Liebesgeschichte eine kleine Kriminalafsäre (Ver­sicherungsschwindel, recht aktuell) eingeschaltet ist. Doch überwiegt im Grunde der sportliche Ein­schlag, und die besten Szenen schildern halsbreche­rische Klettertouren mit Abseilen im Eis und zuletzt eines der schon bekannten Langstrecken- Skirennen, woran jeder Kenner seine Freude haben wird. Inmitten der Handlung: LuisTren- k e r, wortkarg und ernst, wie immer, in der Rolle des Bergführers Turri; er leistet kletter- sportlich Bedeutendes und gewinnt auch zuletzt nach erbittertem Kampf die Skimeisterschaft von Zermatt, wobei allerdings dem Laien einige Bedenken auffteigen, wenn er erlebt, nach welchen Strapazen dieser Turri gegen starke ausländische Konkurrenz in das schwere und aufreibende Ren­nen geht. Von der übrigen Besetzung sind vor allem Renate Müller, diePrivatsekretärin", eine Rovize im Reich des Schneeschuhs, und Maria S 0 l v e g als Gegenspielerinnen zu nen­nen. Außerdem in einer ganz untergeordneten Rojle: Bressart, ohne den es anscheinend überhaupt nicht mehr geht; hier ist er jedenfalls nicht in der richtigen Umgebung. Die Regie von Mario Bonn ar d bringt eine Reihe schöner Aufnahmen, arbeitet mit viel Details und wechselt manchmal etwas unvermittelt das Thema. Die auf lautmalerische Wirkungen eingestellte Musik wirkt streckenweise, besonders während des Rennens, ziemlich monoton. Im ganzen: ein guter, besonders für Sportsleute und Alpinisten inter­essanter Film, der freilich an Wirksamkeit Die besten Vorläufer auf diesem Gebiet nicht erreicht; seit gestern im neuen Programm des Lichtspiel­hauses.r