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Nr. 231 Drittes Blatt

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2ach den Bestimmungen der zweiten Notoerord- irrg der hessischen Regierung wird die Spardikta- ir für Gemeinden unter 8000 Einwohnern von I n Kreisämtern ausgeübt. Für die Städte iit mehr als 8000 Einwohner gilt die Diktatur- o l l m a ch t des B ü r g e r m e i ft e r s, die sich ud> aus die Einführung der Bier« und der Bürger- (euer, sowie der Getränkesteuer erstreckt. Diese drei ileuern kommen für unsere Stadt bei den dikkato- ifdien Maßnahmen nicht mehr in Betracht, da diese b<aben hier bereits eingeführt sind. Nach der Dor- ijrift der Notverordnung kann der Oberbürger-

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rngen aus Wohnungsbauanleihen verwendet wer- y.n, während die Beträge für Neubauten so gering pull' (Gießen 30 000 Mark, die allerdings auch noch i'djt überwiesen sind), daß man an Wohnungsbau Ä«rhaupt nicht denken kann. Der hessische Staat ver- jmgt für die von ihm gewährten Baudarlehen 2 o.$). Zimfen und 1 d. S). Tilgung^ die bisher allerdings loch nicht erhoben wurden. Man steht also vor dem m der Steuertechnik wohl einzig dastehenden Fall, kiS die von d e r Bürgerschaft aufge­brachte staatliche Sonder st euer ihr in §o rm von Anleihen wieder zugeführt und von ihr :e r 3 i n ft werden muß. Dadurch würde der hessische Staat, wenn er auf der Annuität bestehen bliebe, zanz erhebliche Mittel ansammeln. Im Einverständ- lis mit der Regierung haben die Städte die Hälfte in Gebäudesondersteuer für den Wohnungsbau (sog. iemeinöeanteile) kapitalisiert, also Anleihen auf- Mvmmen, deren Zinsen aus der Sondersteuer zu ieden Jini). Seit einiger Zeit hat nun der Staat, um <iie Finanzen zu entlasten, einfach den Anteil letr Gemeinden an der staatlichen Son- :e-rsteuer gekürzt, ohne sich um die Frage zu immern, wie die Städte ihren Zinsverpflichtungen 1 i i(nf)fommen sollen. Dabei hat aber der Finanzaus- 16e 15 des Staates 80 v. H. Einnahmen des Solls aus Iler Sondersteuer nachgewiesen, während die Städte, di« an dem vorstehenden Beispiel dargetan, noch lange nicht 80 v. S). ihres Anteils vom Staate er= lidien haben. Daraus ergibt sich, daß der Staat den sonder st euerertragfürandereZwecke msgegeben hat oder daß er auf Kosten der klcidte Zinsen macht, die Gemeinden aber diä den auf seine Veranlassung aufgsnommenen liieren Zwischenkrediten hängen läßt. Man ersieht heraus das Bestreben des Staates, die Lasten auf lir Gemeinden abzuschieben, so daß die Kommunal- yemDQltungen obendrein noch vor der Oessentlichkeit yls Sündenböcke erscheinen, während man ihnen im Proportionalen Verhältnis ihre Rechte nimmt. Kein

Himber, daß bei dieser Sachlage die Gemein- |e n finanziell notl idend werden und Aushebung des Selbst-

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Sie kommunale Spardiklaiur

Die hessische Regierung hat vor einigen Tagen in il>rer zweiten Notverordnung die Maßnahmen zur Sicherung der Gemeindehaushalte be. stimmt. Dabei hat sie in außerordentlich weitgehen, her Weise in das kommunale Selbstverwaltungsrecht clngegriffen. Zur Begründung für die harten Bestim­mungen verwies sie auf die Notverordnung der llLeichsregierung vom 5. Juni, womit sie zwar eine rechtlich stichhaltige Entschuldigung gegenüber unbe­quemen Kritikern an der Hand hat, in tatsächlicher Ansicht aber ihren Anteil an der Verantwortung für die schwierige Finanzlage der Kommunen nicht dnschönigen kann. Wenn tyeute allenthalben von den Ärommunalverwaltungen 808-Rufe zur Hilfeleistung für die kommunalen Finanzen ertönen, so darf man wicht übersehen, daß bei vielen Gemeinden die schwere Fnnanznot nicht durch die kommunale Verwaltung fe-.bft verschuldet ist. Abgesehen von gewissen Kom- munen, deren Verwaltung und Stadträte in den lebten Jahren allerlei unnötige Experimente an. [teilten, die die kommunale Finanzkraft in geradezu unheimlicher Weise schwächten man denke nur an unglaublichen Vorgänge in Berlin, Frankfurt om Main, Köln usw., ist doch zu sagen, daß bei ber Mehrzahl der Kommunen, insbesondere bei den mittleren und kleinen, die Sorge um eine gesunde ffinanzgebarung das Leitmotiv des Handelns ge- hi) cfen ist. Zu diesen sorgsam wirtschaftenden Gemein- |n)([en gehört auch die Stadt Gießen. Wenn diese |0 emeinben jetzt auch mit bet erstgenannten Gruppe hon Kommunen in schwere finanzielle Bebrängnis heiraten sinb, so ist baran bie finanzielle [Drüdebergerei bes Reiches unb bes a n b e 5 schulb. Der Haushaltsplan ber Stabt >0 ießen z. B. wäre nicht notleibenb geworben, wenn lihm burch bas Reich bie außerarbentlich brückenbe |ßa[t ber Wahlfahrtserwerbslosenfürsarge erspart Iwürben wäre, und bie Finanzlage ber Stabt hätte Iweiter vor ungünstigen Einwirkungen geschützt wer­den können, wenn ber hessische Staat seinen Ver- Ipslichtungen gegenüber ber Stabt bei ber lieber» IWeisung ber Sonberfteueranteile in ber erfarberlichen meife entsprochen hätte. Leiber stehen bie Kommunen I unb bamit auch bie Stabt Gießen heute vor [bei Tatsache, daß ihre kommunale Finanznot zur Illufhebung bes Selbstverwaltungs- Ired) t s in ben wichtigsten Funktionen loefüfjrt hat. Die Verantwortung hierfür ist beim kneich unb bei ber Lanbesverwaltung zu suchen.

Lor einigen Jahren würbe van oben yerab mit I ulEer Kraft auf bie Betätigung ber Gemeinden im Wohnungsbau gedrängt. Den Gemeinden wur- Iben für diese Tätigkeit Sander st euermittel lins der Staatskasse zur Unterstützung zugesagt. Für hie Rechnungsjahre 1927 und 1928 erhielt unsere Ivtabt bie zugesagten Mittel in Höhe van 556 400 15,0. 574 000 Mark ausgezahlt. Van ber Summe hon 574 000 Mark für bas Rechnungsjahr 1929 Liripfing Gießen aber nur 546 000 Mark, bie Regie- Innig hatte also für bieses Jahr runb 30 000 Mark Leftridjen. Das Rechnungsjahr 1930 brachte eine noch liinpfinblidjere Einbuße an ber staatlichen Sonber- ienerzahlung, benn statt eines Anteiles von 468000 Mark erhielt unsere Stabt bis jetzt, Enbe Iteptember 1931, nur 340 000 Mark überwiesen, mit» hin runb 128 000 Mark weniger. Von bem staatlichen 4tonberfteucrantei( für bas Rechnungsjahr 1931 in flöhe von 230 000 Mark ist bis heute überhaupt noch nichts hier eingegangen. Hiernach fehlen also her Gießener Stabtkasse an st a a t - hi cher Sonbersteuer allein für 1930/31 mnb 358000 Mark. Der hessische Staat kürzte im. Jahre 1930 ben Betrag für ben Wohnungsbau kr Gemeinben um 2 Millionen Mark auf runb 16 Millionen. Im Jahre 1931 würben biefe 10 Mil- lio nen für ben Wohnungsbau noch einmal um runb

Millionen gekürzt, so baß bie Wohnungsbaukonten L-r Gemeinben zum Teil überhaupt nicht mehr, zum le il nur knapp ausgeglichen werben konnten. Die fce-iräge für 1931 (für Gießen 230 000 Mark) bürfen im zur Erfüllung ber bisherigen Zinsverpflich-

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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)

Samstag, 3. Gttober 1931

Menschen, die Geschichte machten.

Vier Jahrtausende historischer Entwicklung im Spiegel entscheidend gelebten Lebens.

Ein neues Geschichtswerk

besprochen von Will Scheller

Jene Blüte ber materialistischen, jebes Geschehen auf äußerliche Vorgänge zurückführenben Weltan­schauung, jener Gebanke, baß aller Wanbel ber Zei­ten als Ergebnis hanbgreislicher Voraussetzungen, alles Völkerschicksal gleichermaßen als berechenbare Folge, besser gesagt, als mechanischer Ablauf wechsel­seitig bebingter Verhältnisse zu beuten sei sie ist, diese ben Massen schmeichelnbe, weil ben Wert ber Tat, ben Belang ber Persönlichkeit leugnenbe Ge- bankenblüte, schnell verborrt unb ohne Frucht zu bilden. Längst hat sich wieber, gestützt aus bie Auto­rität überragenber Denker ber Gegenwart, aus bem Erlebnis eben bieser Zeit heraus bie naturhaste Erkenntnis burchgesetzt, baß nicht blinde Kräfte, dumpfe Massen es sind, die ben Wanbel ber Zeiten, bas Schicksal ber Völker bestimmen; es entspricht einem wieber allgemein geworbenen Gefühl, baß Geschichte von Menschen gemacht wirb, von Einzel­nen, in benen Geist unb Wille zur Tat sich vereini­gen, Persönlichkeiten, in benen jenes Lebensgesetz ber Menschheit, bas als Entwicklung ober Fort­schritt immer nur unvollkommen bezeichnet wirb, sich geltenb macht, indem es die Auslese trifft, deren es zum Vollzug bes Notwenbigen bebarf. Der jüngst verstorbene Friebrich Gunbolf hätte, um nur ein Beispiel anzuführen, nicht eine so erstaunliche Aus­wirkung gewonnen, wenn nicht seine Führer- unb Helbenlehre selber einer geistesgeschichtlichen Not- wenbigkeit entsprochen hätte; biefe Lehre aber war ihrerseits nur möglich auf bem Boben einer rabi» taten Verneinung ber materialistischen Welt- unb Geschichtsanschauung.

Die Sehnsucht nach einem Führer ist nicht bloß eine Folgeerscheinung ber befonbers für Deutschlanb so schwierigen Lage ber volkhaften Gemeinschaft. Diese Lage selbst ist erst eine Folgeerscheinung ber materialistischen Abkehr vom Führergebanken, unb was jetzt geistig vor sich geht, ist eine Rückkehr zu ben alten unvergänglichen Jbealen, beten Ver- roerfung erst bas Chaos hervorgerufen hat bie Unorbnung, bie ber ersehnte Führet beseitigen soll. Es ist kennzeichnenb für biefe Oeifteslage, baß bie Biographie gegenwärtig bas begehrteste unter ben Büchern ist, benn in ber Beschreibung gelebten Le­bens glaubt ber heutige Mensch Wege aufspüten zu können, bie ihn aus ber Verworrenheit eines führer­losen Zeitalters hetausfühten können. Persönlich­keiten, bie in ber Vergangenheit bie Zeit geroenbet, bas Schicksal ber Volker mitbestimmt haben, erschei- ihm als Votbilber, lehren ihn, was er vom künftigen Führer zu forbern hat. So ist es nicht mehr unb nicht weniger als ein Ausbtuck bes innersten Be- bütsnisses ber Zeit, wenn unter bem TitelMen­schen, bie Geschichte machten" (im Verlage von L. W. Seibel & Sohn, Wien) ein breibänbiges Werk er­scheint, bas vier Jahrkausenbe ber weltgeschichtlichen Entwicklung im Spiegel groß unb entscheibenb ge­lebten Lebens vorüberziehen läßt. Vom sagenhaften Aegypterkonig Sesostris bis zu Gustav Stresemann zieht in langer Reihe bie Mannschaft berer, bie, ber Menschheit ooranschreitenb, Völkerschicksal unb Zeit- roenbe bewirkt haben, vorüber: Fürsten unb Felb- herren, Staatsmänner unb Entdecker zumal, unb seltener marschiert unter ihnen ein Mann bes Geistes, unb wenn es geschieht, so ist es ein politischer Mensch, ein Rebner wie Cicero, ein Denker wie Macchiavell.

Sie alle aber, wie verschieden sie untereinander sind in ihren zeitlichen Bedingtheiten und persön­lichen Anlagen, und wie sehr die Darstellung, die in jedem Falle von einem anderen Gelehrten aus­geführt worden ist, von Bild zu Bild abweicht unb immer in einem eigenen Ton gehalten ist, sie alle lehren das Eine: es ist der Geist, der sich den Körper baut, es ist der Wille, der die Welt bewegt, es ist die Tat, die je die Zeiten wendet, es ist der Mensch, in dem sie wirklich wird. Das besonders Erfreuliche an diesem aus so unter­schiedlichen Bausteinen zusammengefügten Ge­

schichtswerks ist aber, daß es, herausgegeben übri­gens von Peter Richard Rohden und Georg Ostrogorsky und eingeleitet von Friedrich Mei­necke, sich frei hält von zeitlich beschränkter Ein­stellung. Ob von Hannibal die Rede ist oder von Loyola, von Mark Aurel oder Woodrow Wil­son, von Otto dem Großen oder Scan Jkaurös, von Themistokles oder von Lenin, es ist immer die Stimme einer Geschichtsschreibung zu vernehmen, die ohne andere Teilnahme als die des mensch­lichen Berstehens und der zeitlichen Aleberschau herangeht an die Schilderung der Gestalten und der Begebenheiten, und so findet sich der Le­sende stets dem Leben gegenüber, wie es wirklich war, soweit die Rachwelt überhaupt imstande ist, Vergangenes ohne Voreingenommenheit, sachlich, von keiner wie immer gearteten Parteilichkeit ange­kränkelt, zurückzurufen in die Erinnerung und einer ileberöenfung zugänglich zu machen, der es darauf ankommt, aus dem, was geschehen ist, zu lernen für das, was geschehen soll.

Darum aber geht es vor allem: die Geschichts­schreibung hat in Zeiten wie den gegenwärtigen eine größere Aufgabe als die einer Bewahrung und Weitergabe von Begebnissen und Erscheinun­gen verflossener Zeitläufte. Sie hat in Zeiten, die sich selbst keine oder nur wenige und unvoll!ommen sichtbare Vorbilder für entscheidendes Handeln zu geben vermag, eine bedeutende, eine erz eherische Aufgabe: sie soll den Menschen, der alles Be­stehende wanken und die übernommenen Maßstäbe zerbrochen sieht, zu der Erkenntnis leiten, daß allzeit das Opfer, das der überragende Mensch einer ihn beherrschenden Idee brachte, es gewesen ist, was seinen Willen und feine Tat in den Dienst des Ganzen gestellt hat. Es tut nichts zur Sache, ob dieser Vorgang sich bewußt vollzogen hat oder nicht, und es spielt keine Rolle, ob der große Täter ein Idealist im heute gebräuchlichen Sinne war oder nicht. Es handelt sich vielmehr darum, daß Taten vollbracht worden sind um einer Idee wil­len, die den Täter sein privates Zch der Tat unter­ordnen hieß, die ihrerseits auf das Ganze wirkte, und daßbie Menge, die schön ist, wenn das Wun­der sie ergreift, von dieser Tat entzündet, in ihr etwas erlebte, was notwendig war und unaus­weichlich.Menschen, die Geschichte machten", find nicht zu messen mit der Elle des Alltags. Ihr W.lle schwingt weit hinaus über die Grenzen, die dem Einzelleben von der Ratur gezogen sind, und ihre Tat weih die Berge zu versetzen, die das Schicksal in ihrem Lebensraum aufgetürmt hat, und wird selber Schicksal.

Wenn Heutigentages die Menschen vielfach von der Literatur sich abkehren, so heißt das nicht, daß sie nicht lesen wollen. Cher heißt das viel­leicht, daß sie, denen das Hemd wahrlich näher ist als der Rock, unter dem Zwang einer allge­meinen R o t solchen Büchern sich zuwenden, in denen berichtet wird, wie ehedem allgemeine Rot überwunden wurde durch die menschliche Tat. Ein solches Lesen wird ihnen zuteil in Werken wie diesem, dasMenschen, die Geschichte machten" überschrieben ist. Es ist geboren aus einer gei­stigen Rot dieser Zeit und zeigt auf mannig­faltige und höchst unterhaltsame Weise, wie die Menschheit es von jeher verstanden hat, durch eigene Auslese, durch Menschen der Tat dem Verhängnis und der Vernichtung zu wider­stehen und die Fackel der Freiheit des Menschen­tums weiterzureichen von Geschlecht zu Geschlecht. Geistesgröße und Seelen stärke sind die Kräfte, die dem Menschen ermöglichen, die Ver­engungen des allgemeinen Lebens, die Hemmun­gen des gemeinsamen Daseins zu überwinden unb der Idee zum Sieg über die Materie zu verhelfen. Der Sieg derJdee über bie Materie ist bas, was die Menschen Geschichte nennen, unb sie, bie immer von neuem und oft, ja, meist unter Preisgabe des eigenen Glücks diesen Sieg herbeiführen, sie sind die Menschen, die Geschichte machen.

meister bie biktatorischen Anorbnungen ohne Be­schluß bes Stabtrats treffen, ber also von ber Negierung ausgeschaltet würbe. Gegenüber ber Staatskommistar-Episobe zu Beginn bieses Jahres ist bie jetzt angeorbnete Diktatur bes kom­munalen Verwaltungschefs auf alle Fälle zweckmäßiger, benn bie Bürgerschaft hat nun wenigstens bie Gewißheit, baß in ben Angelegen­heiten ihrer Stabt nicht von einem Manne diktiert wirb, ber sich am Orte selbst noch nicht einmal blicken läßt, [onbern lebiglich burch Fernwir - k u n g in Erscheinung tritt. Man barf bei bieser kommunalen Verwaltungsbiktatur von vornherein bamit rechnen, baß unter besserer Berücksichtigung ber lokalen Notwenbigkeiten unb Möglichkeiten be­stimmt werben wirb, als früher. Aber auch gegen eine Oberbürgermeister-Diktatur sinb ernste Bebenken geltenb zu machen, wenn sie ohne Fühlungnahme mit ben gewählten Vertretern ber Bürgerschaft ausgeübt wirb. Diese Bebenken richten sich in keiner Weise gegen bie Person bes Oberbür­germeisters, [onbern sie sinb rein sachlicher Art. Was wir seinerzeit gegenüber bem Staatskammissar gel= tenb machten, möchten wir heute in gleicher Ein- bringlichkeit wieberhalen: bie Verwaltung möge nicht versäumen, vor ber Entscheidung über ihre biktatorischen Maßnahmen wenigstens bie B e - ratung burch berufene Vertreter bes Stabtrats in Anspruch zu nehmen. Ein solches Verfahren wirb, auch wenn es in ber Notverorb- nung nicht vorgesehen ist, nach zwei Seiten hin Vorteile haben. Es wirb einerseits bie Entscheibun- gen ber Verwaltung sachlich tiefer funbieren, ba hierbei Kenntnisse von Praktikern über bie Wirt­schaftsverhältnisse in ben einzelnen Berufsschichten ihren Nieberschlag finben können, anberseits wirb es nach ber persönlichen Seite hin von vornherein manchen Stachel ausschalten, ber nun einmal bei jeher rein persönlich ausgeübten Diktatur vorhan- ben ist unb ber in ber Regel noch lange Zeit später seine unliebsame Wirkung ausübt. Abgesehen hier­von ist aber auch zu bebenken, bah eine nur auf zwei Schultern ruhenbe sachliche Verantwortung für bas Geschick einer Stabt unter ben jetzigen schwieri­gen Verhältnissen zu stark auf ben rechtlichen Trä­ger bieser Machtvollkommenheit brückt unb ihn in ben Augen ber Bürgerschaft für Schöben verant­wortlich macht, bie auszuschalten vielleicht gar nicht in feinem Machtbereich gelegen hätte. Die berotenbe Mitwirkung von Stabtratsvertretern erscheint ge­

rade bei ber Beseitigung eines mutmaßlichen Fehlbetrages von etwa 500000 Mark aus bem mit runb 7 300 000 Mark abschließenben Voranschlag bringenb geboten. Bekanntlich verzeich­nete ber Voranschlag für 1931 schon bei seiner Ver- abfchiebung einen ungedeckten Fehlbetrag von 304 000 Mark. Dazu kommt jetzt ein wesentlich höhe­rer Aufwand für ben Zinsenbienst, ben man infolge ber Erhöhung ber Zinssätze wohl mit 50 000 Mark Mehrausgabe nicht zu gering veranschlagen wirb. Auf ber anderen Seite ist mit ansehnlichen Aus­fällen beim Steueraufkommen zu rechnen. Im Vor­anschlag, dessen Steueransätze auf Schätzungen vom Januar b. I. beruhen, sinb veranschlagt: bie Bier­steuer mit 100 000 Mark, ber Anteil an ber Reichs^ Einkommen- unb Körperschaftssteuer mit 460 000 Mark, her Anteil an ber Reichs-Umsatzsteuer mit 91 000 Mark, bie Grunberwerbsteuer mit 32 000 Mark, bie Vergnügungssteuer mit 50 000 Mark, bie Wertzuwachssteuer mit. 8000 Mark, bie Hunbesteuer mit 21000 Mark, bie Bürger­steuer mit 140 000 Mark, bie Getränkesteuer mit 30 000 Mark, bie Filialsteuer mit 10 000 Mark, bie Erunb-, Gewerbe- unb stäbtische Sonbersteuer vom bebauten Grundbesitz mit 1 487 000 Mark. Der starke Rückgang auf allen Gebieten des Wirtschafts­lebens wirb bei ben Steuererträgen zum Teil sogar sehr erhebliche Minberungen zur Folge haben; z. B. wirb Man von ber Grunderwerbsteuer unb der Wertzuwachssteuer wohl überhaupt kaum etwas erwarten können, da ja ber Grunbstücksmarkt so gut wie gänzlich ftilliegt; auch bei ben Reichssteuer­anteilen, ben Steuern auf bie Getränke unb wohl auch bei ber Bürgersteuer wirb ein ansehnliches Minus in Rechnung zu stellen sein. Wenn man ben anfänglichen Haue Haltsfehlbetrag von 304 000 Mark, ben geschätzten Mehraufwand) von 50 000 Mark für Zinsen unb bie mutmaßlichen Ausfälle an ben Steuererträgen zusammenrechnet, so wirb man zweifellos auf ein Defizit von runb 500 000 Mark zu Beginn bieses Monats kommen. Daß unter biefen Umständen ber Ausgleich bes Etats eine sehr schwierige Aufgabe ist, zu ber man auch unter ber Herrschaft ber kommunalen Sparbiktatur bie berotenbe Mit­wirkung minbeftens ber Führer ber Stabtratsfrak- tionen aus zwingenben fachlichen Grünben nicht entbehren können wirb, bürste klar zutage liegen. Bei bem guten Verhältnis, bas hier zwischen ber Verwaltung unb bem Stabtrot allezeit bestauben hat, barf man wohl hoffen, baß bie Verwaltung vor

ber Festlegung ihres Sparbiftats nicht nach bem rein formalen Gesichtspunkt, (onbern nach prak­tischen Erwägungen hanbeln wirb.

Wenn ber Ausgleich ber kommunalen Haushalte, ben man jetzt unter beträchtlichen Opfern in fach­licher unb personeller Hinsicht herbeiführen will, von Dauer sein soll, ist es unbedingt notwendig, baß mit ber bisherigen Lastenabwälzung auf bie Gemeinben nun enbgültig von allen Seiten Schluß gemacht wirb. Unb nach ein Weiteres sei bei bieser Betrachtung ab» schließen!) gesagt. Man stärke von oben herab mehr als bisher bas Vertrauen bes Volkes in feine eigene Kraft unb in bie Stärke bes Willens zur Ueberroinbung ber Schwierigkeiten bieser Zeit! Wir wollen keine un­nütze (Einnebelung ber Gehirne unb der Geister vor den Gefahren dieser Zeit am Werke sehen. Nützlich und aufbauenb ist es aber auch nicht, wenn beinahe in jeder Woche von irgendeiner regierenden Stelle aus nur in schwärzestem Pessimismus zum Volke gesprochen, also glatte Miesmacherei getrieben wird. Unter her Wirkung solcher Reden leidet die Stimmung naturgemäß noch mehr als bisher. Das ganze Wirtschaftsleben erhält durch diese von oben her noch genährte Psychose der Wirtschaft 5- angst nur noch weitere Nackenschläge, die sich dann in unliebsamer Weise auch auf die öffentliche Fi­nanzwirtschaft auswirken. Man mache das Volk eindringlich auf den Emst dieser Zeit aufmerksam, aber man flöße ihm auch wieder mehr Vertrauen zu seinem eigenen Können und zur Kraft des deut­schen Staates und der deutschen Wirtschaft ein! Ebenso wichtig wie bie Sanierungsarbeit auf bem Gebiete ber Wirtschaft und der Finanzen, ist die Erneuerung und Stärkung der mora­lischen Kraft in unserem Volke, bie eine ber wichtigsten Voraussetzungen für bas Gelingen bes ganzen Sanierungswerkes ist.

Oie miff erc Reife an technischen Lehranstalten.

Von ber Gewerbe- unb Maschinenbauschule wird uns geschrieben:

Es ist eine bebauerliche Tatsache, baß bei allen Einsparungen im öffentlichen Haushalt zur Zeit bas Schulwesen an erster Stelle steht. Daß bie gesamte Dolksbilbung barunter sehr zu leiben hat, bebarf keiner näheren Begrünbung; aber ber finanzielle Erfolg ber Sparmaßnahmen bei manchen Schulgat. tungen wirb recht beträchtlich sein. Nur bei einer Schulgattung ben reinen Fachschulen wirb mit recht wenig Sparertrag zu rechnen sein, aus bem einfachen Grunbe, weil für sie im Ver­gleich mit anberen Schulgattungen bisher herzlich wenig getan worben ist.

Die Erkenntnis, baß ben Fachschulen mehr als bisher eine größere Bedeutung zugemessen und ihnen daher auch mehr Unterstützung zuteil werden muß, findet speziell in Hessen ihre Auswirkung in dem sog. Fachschulgesetz (Gesetz über die öffent­lichen Unterrichtsanstalten für freie und angewandte Kunst und die technischen und gewerblichen Unter­richtsanstalten mit Staatsunterstützung).

Ein weiterer Schritt vorwärts in dieser Entwick­lung ist die Vereinbarung der Länder über bie mittlere Reife. Diese Uebereintunft ist für bie breite Oeffentlichkeit von größtem Inter­esse, ba burch sie einerseits eine Regelung für das ganze Reich getroffen und anderseits eine bestehende Lücke im Derechtigungswesen in bezug auf bie Fach­schulen geschlossen wurde.

Auf Grund der ßänberoereinbarung würbe eine Anzahl hessischer Fachschulen berechtigt, ihren Absol- Deuten nach beftanbener Abgangsprüfung bas Zeugnis ber mittleren Reife zu ver­leihen. Zu biefen Anstalten gehört u. a. auch bie Maschinenbauschule Gießen. Soweit es sich bis jetzt übersehen läßt, wirb sich bie neue Rege­lung nach zwei Richtungen hin praktisch auswirken.

Der Schüler ber Volksschule braucht in Zu­kunft nicht mehr eine höhere Schule zu besuchen, um hort bas sog.Einjährige" zu erwerben, sondern er kann bei genügender praktischer Tätigkeit eine technische Lehranstalt besuchen, die ihm eine Fach­ausbildung vermittelt und an der er zugleich mit dem Bestehen der Abschlußprüfung das Zeugnis der mittleren Reife erhält, um deswillen allein er eine ganze Anzahl von Jahren eine höhere Schule be­suchen muß. Was also sowohl bie Zeit als auch bie Kosten ber Ausbilbung betrifft, so wächst bem jungen Menschen beim Besuch einer technischen Lehranstalt mit mittlerer Reise ein bebeutenber Vorteil zu, ber bei ben gegenwärtigen Verhältnissen schwer ins Ge­wicht fällt.

Unter ben Schülern der höheren Lehran­stalten befindet sich mancher, der technische An­lagen oder Neigungen hat und dessen Ziel ein tech­nischer Beruf ist, der aber entweder nur aus per­sönlichem Ehrgeiz ober bem Wunsch ber Eltern entsprechend auf der höheren Schule verbleibt, um wenigstens bie mittlere Reise zu erlangen. Für biefe Menschen ist bie allgemeine Schule z. T. eine Qual, weil sie sich hier mit Dingen befassen müssen, welche sie nichtinteressieren" unb von benen sie anneh­men, baß sie sie nicht nötig hätten. Einiae schassen interesselos, aber mit Ehrgeiz, um bas Ziel zu er­reichen. Anbere erlahmen ober besitzen für gewisse Dinge keine Dispositionen; sie sind ober werden widerspenstig und schleppen sich mühevoll bis ans Ziel, wenn die Energie überhaupt so lange anhält; jedenfalls kein Objekt der Freude für Lehrer und Schule. Dabei ist noch nicht erwiesen, baß diese Schüler dumm ober nicht intelligent sinb. Sie fühlen sich in bem Milieu eben nicht wohl. Auch biefen jungen Menschen ist Rechnung getragen, indem sie mit bem Besuch einer technischen Schule mit mitt­lerer Reife gewissermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe fangen. Sie kommen einerseits in eine ihren Anlagen und Neigungen entsprechenbe Beschäftigung unb Umgebung, anberseits erreichen sie zugleich mit Absolvierung her technischen Lehranstalt bas, um beswillen allein sie sich vorher u. U. jahrelang abmühten, bie mittlere Reife. Mit bem Zeug­nis ber mittleren Reife von einer Fachschule ist der U ebergang auf eine höhere Fachschule im ganzen Reichsgebiet ohne weiteres möglich.

Betrachtet man die Vereinbarung ber Länder über bie mittlere Reife vom Standpunkt des gesam­ten Schulwesens aus, so muß man erkennen, daß durch sie eine notwendige Ergänzung gemacht unb eine Lücke z. T. geschlossen wurde.

Daten für Sanwlag. 3 Oktober.

1859: bie italienische Schauspielerin Eleonora Düse in Vigevano geboren; 1895: ber Forschungs- reifenbe Otto Ehlers auf Neuguinea ermordet; 1929: Reichsaußenminister Gustav Stresemann in Berlin gestorben.