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Rr. 25| Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhesfen)Samstag. 5. Gktober (93|

Zwei Fliegerbesuche in Tokio.

Politische Eindrücke von einer Weltreise.

Don Dr. paul Rohrbach.

Tokio, September 1931.

Während der Lieberfahrt von San Franzisko nach Japan auf dem Dampfer »President Wilson" brachte der Ozeanfunk jeden Tag einen ausführ­lichen Bericht über »Lindy", den Flieger Lino- b e r g h, der mit seiner jungen Frau von den Bereinigten Staaten über Kanada auf dem Flug nach Japan war. Lindbergh ist in Amerika eine sehr populäre Figur, eine Art amerika­nischer National h'e l d, seit er den be­rühmten Flug von Neuyork nach Paris gemacht hat. Die Amerikaner haben ein stetes Bedürfnis nach solcher Heroisierung (das moderne englische Wort hierfür ist »Lionization", »Verlöwung"), und jede Etappe der Lindberghs wurde mit aus­führlichem Kommentar gebucht. Unter den Damen des Schiffs gab es große Debatten darüber, ob Frau Lindbergh recht getan hätte, ihr eben ge­borenes Baby in Pflege zu geben und mit ihrem Mann davonzufliegen. Die Mehrheit war natür­lich für unbedingtes »Ja".

Eines Tages tauchten im Bordfunk zwei be­scheidene Zeilen auf: »Marga von Etzdorf, the German aviatrix, die deutsche Fliegerin will von Berlin nach Tokio fliegen"; einen Tag später: »Sie ist abgeflogen und hat gesagt, sie nehme ein Taschentuch mit. um den Lind­berghs unterwegs damit zuzuwinken." Dann war sie in Moskau, dann in Irkutsk aber nach Tokio lieh der amerikanische Funk sie merkwür­digerweise gar nicht kommen, dort gab es n u r Lindberghs und Lindbergh-Feiern!

Es ist bezeichnend für das Interesse, das Durchschnittsamerikaner an Europa haben, was die Redaktion der Bordzeitung an Aachrichten- material aus den natürlich viel reichhaltigeren Funkberichten auswählte, d. h. wofür sie die Pas- sagiere interessiert glaubte. Im Lause von zwei Wochen gab es aus Berlin nur die eine einzige Nachricht über Marga von Etzdorf, aus Paris überhaupt keine, aus London einen täglichen Bericht über die englische Finanz- und Negie­rungskrisis, und im übrigen nur amerika­nisches Material, meist Personalien, Sport, Km3e. Eine wichtige Auslandnachricht war noch die, daß in Basra ein achtzigjähriger Araber, der gegen Cholera geimpft war. gemeint hatte, es fei eine Derjüngungsimpfung und sich darauf­hin eine neue Frau genommen hat. So sind die Amerikaner!

Als unserPresident Wilson" am 31. August bei strömendem Regen am Pier von Bokohama anlegte, war aber Marga von Etzdorf schon vor ein paar Tagen glücklich gelandet: nicht als politisch aufgemachte große Sensation wie die Lindberghs, sondern als ein lieber Gast, dessen Aufnahme durch die Japaner für den deutschen Augenzeugen eine rechte Freude ist. Auch ich habe vom ersten Augenblick meines Besuchs auf japa­nischem Boden an die Erfahrung gemacht, daß die Japaner gute Beziehungen zu allem,, was deutsch ist, aufrichtig schätzen. Der Lindbergy- Flug hat einen bestimmten politischen Hin­tergrund, nämlich die Frage der Zulassung japanischer Einwanderer nach den amerikanischen Staaten, die jetzt wieder einmal drüben schwebt. Die Einwanderung ist seit Jahr und Tag verboten, hauptsächlich, weil der Staat Kalifornien keine Japaner hereinlassen will. Sie sind billige Arbeiter und würden den ameri­kanischen Arbeitern und Obstzüchtern scharfe Kon­kurrenz machen. Japan verlangt nicht etwa freie Einwanderung, weil es die ja schon seit Jahren in Amerika nicht mehr gibt, aber es verlangt, daß die in dem Verbot liegende Ehrenkränkung, dieDiskriminierung" als asiatische Nation, ver­schwinden soll.

In Washington, überhaupt im Osten der Ver­einigten Staaten, wäre man gern bereit, den Wunsch der Japaner zu erfüllen und für die

Gießener Gtavitheater.

Ferdinand Bruckner:

Elisabeth von England."

Der, dem das Gegenwärtige das einzig Gegenwärtige ist, weiß nichts von der Zeit, in der er lebt." Oscar Wilde.

Die neue Saison ist mit einem vollen Akkord eingeleitet worden, mit einer in großem Stil an­gelegten Historie, mit einem der sehr wenigen Stücke, die in der letzten Spielzeit (vermöge ihöer inneren Qualitäten- zu durchschlagenden Erfolgen geführt haben.

Man wird nicht sagen können, daß dieseElisa­beth" alle Wünsche erfüllt, mit denen man eine Erneuerung unserer dramatischen Kunst seit Jah­ren erwartet; auch das Schauspiel von Bruck­ner (Theodor Tagger) kann bei objektiver Wer­tung nicht von Einwänden verschont bleiben. Aber es zeigt doch Ansätze, Versuche, Bemühungen we­nigstens, neue Werte zu schaffen: im dramatischen Kem wie in der äußeren Form.

Interessant, daß dergleichen an einem alten Stoff, an einer geschichtlich gegebenen Fabel versucht wird. Bruckner ist nicht der erste gewesen, der sich daran gewagt hat; aber er ist der erste, der neue und grundsätzlich andere Akzente aufsetzt. Seine Elisa­beth die von 1558 bis 1603 in England regierte wird nicht nur als historische und weltpolitische Persönlichkeit erfaßt, sondern auch als Charakter, als Mensch, als alternde Frau, als späte Lieb­haberin und psychologische Problemfigur. (So wird die verschollene Fabel von vornherein dem moder­nen Zuschauer genähert und interessant gemacht.)

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Mit solcher Spaltu g der Zentralfigur zerfällt aber auch die Handlung in zwei, an sich auf dem Theater schwer vereinbare Teile. (Hier liegt das formale Problem des Dramas.) Elisabeth erhält neben ihrem jugendlichen Liebhaber Grafen Essex einen außenpolitischen Gegenspieler. Sie wird über­dies zur Repräsentantin ihres Landes, ihres Le­bensraumes, ihrer Weltanschauung erhoben. Der Gegenspieler ist Philipp non Spanien, und er er­hält, um des inneren GleichgewiHtes willen, diesel- oen Funktionen wie die Oueen. oo stehen sich hier in zwei überlebensgroß angelegten Gestalten zwei europäische Bewegungen feindlich gegenüber: puri­tanischer Protestantismus und leidenschaftlicher alter Glauve; die kleine Insel im Norden und das welt­umspannende Reich im Süden.

japanische Einwanderung eineQuote" festzusetzen, so gut wie für die englische, deutsche und italie­nische. Für das Empfinden der Japaner kommt es mehr auf die Quote als solche an, als auf ihren Betrag; daß er nicht groß sein könnte, versteht sich bei der jetzt herrschenden scharfen Zurückdrängung der Einwanderung nach Amerika von selbst. Hoover muß aber für seine Wieder­wahl als Präsident mit den kalifornischen Stim­men rechnen (er ist eigentlich Kalifornier), und in San Franzisko ist man nach wie vor anti­japanisch. Daher wird die Quoten'rage einstweilen durch eine Aktion wie den Besuch Lindberghs als inoffiziellenFreundschaftsbotschafter" umgan­gen. Die glänzende Aufnahme der Lindberghs in Tokio war sozusagen der japanische Gegenzug, immer mit der Quotenfrage im Hintergrund. Die Stimmung würde hier aber auf das heftigste Umschlägen, sobald in Amerika ein gegen die japanische Quote gerichteter Beschluß gefaßt würde.

Marga von Etzdorf ist ein liebenswürdiger Mensch. Ich sprach mit ihr über ihre Fliegerei, und sie antwortete ganz einfach:Irgendeinen Beruf muß der Mensch doch haben, für manche ist es Beruf, zu malen oder zu fingen oder zu schreiben; mein Beruf ist, daß ich fliege und daß ich mir damit meinen Llnterhalt verdiene. Ich mache Kunstflüge, und wenn ich damit genug ge­spart habe, so unternehme ich etwas Größeres wie meinen Flug nach Afrika und wie diesmal den nach Japan!"

Die Japaner sind von dem blonden, hoch­gewachsenen, sich immer ganz einfach und natür­lich gebenden Mädchen begeistert. Empfänge und festliche Veranstaltungen zu ihren Ehren von japanischen Gesellschaften, offiziellen Persönlich­keiten usw. wechseln mit deutschen ab. Nach japa­nischer Sitte gibt es jedesmal ein hübsches An­denken an das Beisammensein. Fräulein von Etz­dorf, mit der ich im selben Hause wohne, hat in ihrem Zimmer schon eine sehr niedliche Ausstel­lung von Schmuckkästen, Puppen, Kimonos, Fä­chern, Dlumenvasen und dergleichen aufgebaut. Gestern gaben zwei deutsche Vereinigungen ihr

Der Liebhaber (einer der Liebhaber) ist Essex. Elisabeth spielt mit ihm ... ein tändelndes, zärt­liches, am Ende tödliches Spiel: Essex wird ent­hauptet; die Königin schaut vom Tower-Turm der Hinrichtung zu. Essex muß fallen: nicht weil er einen Putsch gegen sie angestiftet hat, sondern weil er einer gefährlichen Situation menschlich nicht gewach­sen war; er trat zu ungelegener Stunde ins Bou­doir und sah die Königin ohne Schminke und Künste, wie jene Kleisische Kunigunde ... als al­ternde Frau, alsSchrulle". Das verzeiht sie nie. Hier liegt der Schlüssel zum psychologischen Pro­blem der Elisabeth.

Man begreift aus diesen Andeutungen, wie weit­gespannt, aus welcher Perspektive heraus der Stofs gesehen wurde. Bruckner erkannte die Gefahr, die drohende Möglichkeit, die Fäden zu verlieren und von der Fülle der Gesichte erdrückt zu werden.

Schon Georg Kaiser, in seinemVolksstück 1923", hatte Aehnliches versucht, hatte drei Dramen in einem ablaufen lassen; er nannte das GanzeNebenein­ander", aber er mußte dennoch die drei Handlungen, zwar ineinanderoerflochten, hintereinander erscheinen lassen.

Bruckner wollte auch eine äußere Parallelität der Ereignisse erzwingen. Er sah die geschichtlichen Vorgänge gleichzeitig; in ihrer Gleichzeitigkeit lag sogar der tiefere Sinn seiner Chronik: also mußten sie auch im Drama räumlich nebeneinan­der gezeigt werden. Was das mittelalterliche Theater primitiv vorausgenommen hatte, was die moderne Bühnentechnik raffiniert gesteigert hatte, wird in Bruckners Chronik zu erstaunlichen Konse­quenzen entwickelt.

Der weltanschauliche Gegensatz zwischen Elisabeth und Philipp konzentriert sich mit sinnfälliger Ein­dringlichkeit in den großen Parallelszenen, wo der englische Kronrat in London und der spanische in Madrid gleichzeitig den Krieg widereinander be­schließen, und wo sie später in ihren Kirchen gleich­zeitig zu Gott um den Sieg beten: jeder für seine Sache.

Das ist eine unbestreitbar großartige weltge­schichtliche Vision, die filmhaft sichtbar gemacht wird. Das Kino leiht dem Theater seine Form. Die alten Gesetze des Raumes versinken; die Einheit des Ortes wird hier in einem neuen, bestechenden Sinne begriffen. Die Schauplätze fließen grenzenlos inein­ander und überschneiden sich. Der Dialog hüben und drüben ist kontrapunktisch gestuft und ge­steigert.

zu Ehren einen Abend mit Bowle, Reden und Musik. Die Gefeierte erzählte mit einer ange­nehmen Mischung von Schlichtheit und Humor die Ergebnisse während ihres Fluges durch Ruß­land und Sibirien. Nur einmal hatte sie einen Tag unfreiwilligen Aufenthalt, und das gereichte ihr zum Glück, denn dadurch entging sie einem Taifun.

Ihr größter japanischer Freund und Gönner ist der alte General Nagaoka, der eine große Seltenheit in Japan einen so langen Schnurrbart hat, daß er die Enden um seinen Hinterkopf zusannnenbinden kann. Er ist der Prä­sident des Kaiserlichen Aero-Klubs von Japan und hat Fräulein von Etzdorf einen Kimono ver­ehrt, in dessen Stoff er lauter Flugzeuge in Schwatz und Weiß hat einweben lassen.

Es sind nicht nur alte Generale, die die deutsche Fliegerin verehren, sondern japanische junge Mädchen rechnen es sich sogar zur Ehre an, die Strümpfe des Gastes zu stopfen. Ich besah heute eine japanische Fabrik, Spinnerei und Weberei, einen sehr interessanten Betrieb, über den ich noch berichten werde. Auf einem der Korridore, die zwischen den Schlafräumen für die Fabrikarbeiterinnen laufen, war, in ganz großem Format, ein teurer photographischer Abzug der Aufnahme angeheftet, wie Marga von Etzdorf in ihrem Flugzeugkimono Arm in Arm mit dem General Nagaoka dasteht. Einige von den Fabrikmädchen hatten das Bild in der Zei­tung gesehen und hatten nicht geruht, bis sie es beim Photographen aufgestöbert, gekauft und auf ihrem Korridor angebracht hatten. Die japanische Unterschrift unter dem Bilde wurde mir über­seht alsDie deutsche Flieger-Köni- g i n". Bei den Mädchen ist es der Stolz auf die Leistung, die eine ihres Geschlechts vollbracht hat, und man wäre im Irrtum, wenn man sagen wollte, daß diese jungen Fabrikarbeiterinnen von Deutschland doch nicht viel wissen. Sie sind alle durch die Volksschule gegangen und haben schon eine, wenn auch etwas summarische Ahnung von der Welt.

Schon die früheren Stücke Bruckners waren durch die raffende Gleichzeitigkeit der Vorgänge charak­terisiert. Synoptische Dramaturgie: er reißt die Fassade des Londoner Schlosses auf und spielt in drei Stockwerken übereinander zugleich, Oben, Mitte, unten ... in einem heftigen Tempo; wie in alten Zeitenmit bedächt'ger Schnelle vom Himmel durch die Welt zur Hölle".

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Das ist, in diesem Ausmaß und solcher Konse­quenz, neu und sehenswert ... auch dann noch, wenn man sich klar macht, daß das Schauspiel hier mehr Theater als Dichtung, mehr Technik als Ge­staltung vermittelt. Man muß begreifen, daß es ein Experiment ist, ein erster Versuch, Weltgeschichte auf dem Theater mit neuen Mitteln, von einem kon­zentrischen Blickpunkt aus sichtbar werden zu lassen.

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Im übrigen ist Bruckner ein moderner Mensch, das Psychologische (und Zweideutige) an seinem Fall interessiert ihn mindestens ebensosehr wie das Geschichtliche. Seine Menschen reden selten im klas­sischen Stil, meist nüchtern und trocken wie wir. Auch sonst ist in dieser Historie unserer Zeit man­ches anders geworden als früher. Die Towerszene könnte man sich in einigen Stücken Shakespeares vorstellen. Jene andere, wo die Königin Elisabeth im Nachthemd von Essex und seinen Leuten durch den ganzen Park gehetzt wird, wäre bei Schiller (aus mehreren Gründen) nicht möglich gewesen. Ader auch wer Schiller und Shakespeare liebt,- sollte Bruckners Chronik auf sich wirken lassen. Der Stil der Staatsaktionen und Historien hat sich in Jahr­hunderten geändert: wir sehen mit unfern Augen und haben das Recht, unsere neue Form neben der alten zur Diskussion zu stellen.

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Einer Aufführung des Werkes bei uns in Gießen standen von vornherein gewisse Bedenken, vor allem technisch-räumlicher Art, entgegen. Die Inszenierung des Intendanten Dr. P r a s ch ist indessen mit Hilfe des begabten Bühnenbildners Karl Löff - l e r der großen Schwierigkeiten sehr geschickt Herr geworden. Die komplizierte Szenerie war plastisch auf die Drehbühne gestellt, wodurch sich eine verhältnismäßig schnelle Verwandlung der stilsicher empfundenen Bilder ergab. Natürlich kann der Büh­nenrahmen und der Spielraum nicht erweitert wer­den: es war also nicht zu vermeiden, daß die an sich wohlgelungenen Parallelszenen (Kronrat und Kirche) ein wenig eng und zusammengedrückt wirkten. Auch abgesehen vom Technischen vermittelten diese Par­tien die stärksten Eindrücke der Aufführung, die von

lich zu genehmigende Kriege gar nichts an... und dazu das unheimliche Krachen an den Börsen... die Flaute in der Wirtschaft... wie sage ich's meinem Leser? Daß immerhin die Gefahr, in ein Tief zu geraten oder von einem von außen kommenden Zyklon in Mitleidenschaft gezogen zu werden, nicht von der Hand zu weisen sei? Daß es trotz allem nicht genüge, wenn der starke Mann in der Schmiede um sich haue Tag und Nacht?

In einem ist der Meister ohne Zweifel uns allen über: er verlangt, nimmt und braucht kei­nen Llrlaub. Seit neun Jahren steht er nun schon am Amboß und schmiedet und schweißt ohne Lln- terlah. Vorher hat er auch nicht gefaulenzt. Wo sind die Propheten, die da weissagten, gestrenge Herren regierten nicht lange? Alle weniger ge­strengen haben sich inzwischen mehr oder minder freiwillig ins Privatleben zurückgezogen. Wo sind die tödlichen Krankheiten, die sie ihm, außer den gutgemeinten Attentaten, andichteten? Der Schlaganfall ist ausgeblieben, kein Leberleiden hat ihn ruiniert, der Krebs ist eine fromme Vermu­tung geblieben. Er ist auch nicht an dem Felsen Petri gescheitert, wie Matrosenaberglaube wußte, und hat keinen Krieg vom Zaun gebrochen, wie die unfehlbaren Politiker es mit entrüstet ge­schwollener Parteiader ankündigten. Der Duce nimmt noch immer glänzende Paraden ab, hält mitreißende Reden und erlaubt keinem seiner Mit­arbeiter ein Extratänzchen. Der Staatshaushalt steht im Vergleich zu anderen Staaten auf be­neidenswert gleichen Füßen und die Podestä, die Statthalter, wissen nichts von Auszehrung zu be­richten. Mit schönem Beispiel geht die Haupt­stadt voran: Rom hat mit einem Jahresüber­schuh von 25 Millionen abgeschlossen! Die Ernte ist reich und gut ausgefallen. Auf den römischen Straßen kauft man das Kilo herzkirschengroher Trauben für eine Lira. Del und Butter schlagen ab. Wohnungen gibt es, so viele man haben will, besonders auch kleine. Wer das Wunder erleben will, wie ein heiteres Volk, das nach gewissen Darstellungen unter dem Liktorenbündel zu seuf­zen hätte, heiter geblleben ist, der braucht nur einmal aus dem Lande, in dem diese Darstellun­gen mit Vorliebe verbreitet werden, nach Italien zu fahren. Noch scheint die Sonne über Rom.

Der unbefangene Betrachter freilich, der über die Einheitspresse hinaussieht oder ihre leisen Andeutungen richtig zu lesen versteht, spürt auch in Rom, wie könnte es anders fein, di e Erschütterung des europäischen Gleichgewichts, die unheimlichen Bewegun­gen eines von noch niemand begriffenen Welt­geschehens. In wenigen Monaten ist die Ar­beitslosenziffer ums Dreifache hin­aufgeschnellt. Amtlich wird sie mit rund 700 000 angegeben, doch müssen alle diejenigen addiert werden, die sich wegen der damit ver­bundenen Scherereien gar nicht um die überaus bescheidenen Llnterstühungssätze bewerben. Daß diese Not nicht in die Augen springt, hat seine Llrsache in dem vorbildlichen italienischen Fa­milienzusammenhalt. Sollte die fieberhafte Bau­tätigkeit erlahmen, wie es angesichts der be­hobenen Wohnungsnot denkbar und bei Nicht­verlängerung des Gesetzes, das Neubauten 25_ Jahre lang steuerfrei läßt, sicher wäre, so würde der italienische Arbeitsmarkt mit einem Schlage erlahmen. Die Schwerindustrie führt bereits einen verzweifelten Daseinskampf, bei dem der Staat mit immer neuen und höheren Zollmauern helfend eingreifen muß. Auslän­dische Automobile einzuführen, wäre zum Bei­spiel für den Italiener ein verwerflicher Luxus, kostet doch der Zoll so viel wie der ganze Ma­gen! Wohl gehen den für HeerundMarine schaffenden Fabriken ständig neue Staatsaufträge zu, aber der Finanzminister fängt doch an, ein Wörtlein mitzureden und Musolinis kraft­strotzende Worte von Livorno und Florenz haben in diesem Jahre keine Wiederholung gefunden.

Es wird gut sein, den Gedanken an ein deutsch»italienisches Bündnis für einige Zeit zurückzustellen, wenn auch die Idee

Dr. P rasch mit Diel Fleiß und großer Energie dramaturgisch vereinfacht und szenisch durchgearbei­tet war. Die Parkszene litt etwas unter der räum­lichen Begrenzung; der Schlußakt fällt schon im Buch erheblich ab. Eine stimmungsvolle Begleitung erhielt die Aufführung durch die melodiöse Bühnen- musik. (Fritz C u j 6.)

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Die Elisabeth gab Maria Koch; sie wurde hier vor eine außerordentliche Aufgabe gestellt, die vollen Einsatz verlangt und ihre ganze schauspielerische Spannweite erprobt. Es war ohne weiteres an- zunehmen, daß ihre Routine auch vor dieser Riesen­rolle nicht versagen würde; aber Routine reicht natürlich für eine psychologisch so komplizierte Figur nicht aus; das erfordert Reife und Format: und ihre Elisabeth hatte beides; es war nicht nur feit derHellseherei", sondern überhaupt in ihrer bis­herigen Wirksamkeit die beste und menschlich er- süllteste Darstellung. Gerade das zweideutig Schil­lernde, das psychologisch Verwirrende kam hier vor- züglich heraus, wo die Liebhaberin stärker betont wurde als die Diplomatin. Eine schöne, interessante, auch dialektisch durchaus beherrschte Leistung.

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Als König Philipp sah man Karl Heyser, dessen Darstellung dem Format des großen Gegen- spielers allerdings nicht gerecht wurde ein Ein- wand, der sich zugleich gegen die Regie richtetr Heyser gab den König als einen völlig pathologi­schen, stellenweise geradezu trottelhaften Greis, ... während man einen finster-fanatischen, dämonisch glühenden Regenten zu sehen erwartet. Außerdem war d'e Leistung durch eine sprachliche Forcierung beeinträchtigt, was die Verständlichkeit des Textes stellenweise empfindlich störte.

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Den Essex gab Schelcher mit jugendlichem Temperament: gut an seinem Platz. Sehr ge- scheit, sehr konzentriert gesprochen und mit Schwung gespielt: der Bacon von Bruck, der sich immer mehr nach vorn arbeitet. Kühl und korrekt er­schien K ü h n e s Cecil; Geiger als Gresharn zu pathetisch. Hauer als Coke fand den rechten Ton für den eifernden Protestanten. Frisch, ge­radezu, mit naivem Humor gab Hans Paetsch den blutjungen Haudegen Plantagenet. Eine hübsche kleine Charge: die Lady Anne der Frau Schu­bert-Jüngling.

Das Haus war leider nicht voll besetzt; der Bei­fall, anfangs stark, wurde nach dem zweiten Teil matter. Inmitten der Spieler erschien zuletzt der Intendant. fath.

Noch scheint die Sonne über ORom.

Bon unserem römischen ^-Korrespondenten.

Rom, Ende September.

Allmählich merkt auch Italien, wie schwer ver­hangen die Zukunft ist. Noch steigt es freilich mehr erstaunt als besorgt vor dem schwarzen Vor­hang, die Weltuntergangsstimmung will nicht recht aufkommen, noch scheint die Sonne über Rom. Warum soll man sich die Freude über den Herbst verderben?

Nichts Programmwidriges an diesem Herbst und seiner Galavorstellung. Volle drei Monate strahlte die Sonne von einem fleckenlosen Himmel, und als man dieses Schauspiels müde wurde, das Meer eintönig warm und die Badeanzüge ver­schossen sand, tat der Bühnenmeister wie immer seine Pflicht, ließ etwas Wasser herabrieseln und Wind machen. Da klatschte alles in die Hände und man jubelte über den er st en Regen und reiste zufrieden in die Hauptstadt zurück. Dann schüttete der letzte Sommersonntag noch ein­mal mit den Volkszügen zu billigstem Preis, die­ser echt mussolinischen Erfindung, mit der man nicht nur den trägen Bahnfinanzen etwas auf die Räder helfen, sondern den Faschismus wieder einmal von einer anderen Seite her populär machen kann, ein fröhliches Gewimmel über Berg und Tal und See und Strand, der Florentiner fuhr nach Rom und der Römer nach Florenz, der Mailänder für ein Butterbrot nach Venedig und die sagenhafte Schar der Tizianfrauen von den Lagunen zu dem weihen Wunderdom, man rä­derte sich von Dari nach der ewigen Stadt und sogar umgekehrt, auf Capri soll es zum ersten- mal mehr Italiener a l s Fremde ge­geben haben und man munkelt von Eingeborenen.

die den Vesuv sehen wollten ja, so sehr hat sich das alles nun auf der Halbinsel verändert. Menn es so weiter geht, dann entdeckt man in Italien vielleicht gar noch den Ausflug und das Wandern. Begriffe, die bisher so unbekannt waren wie Stammtisch und Rucksack.

Wie, in diesen drei Sonnenmonaten soll draußen in der Welt einiges Dunkle vorgefallen fein? Davon weiß die Römerin, elegant und apri- kosenhaft, rein nichts. Noch blüht sie in den Sa­lons einer abgestorbenen, für den Nordländer un­faßbar geschmacklosen Innenarchitektur (auch ein Begriff, für den der Italiener nicht einmal eine Bezeichnung hat), noch will sie Autofahren ler­nen, um es nach dem mühsam gepaukten Examen, bei dem man so leicht durchfällt, weil die un­galanten Ingenieure mehr Wert auf anatomische Wagenkenntnisse als auf die Praxis des Fahrens zu legen scheinen, gleich wieder aufzugeben, weil es in Rom so schrecklich zugeht. Noch glaubt sie, das Zeitungslesen sei ein Männersport....

Vielleicht hat sie da gar nicht so unrecht, denn es gehört schon etwas von dem dazu, was sie niemals gelernt hat, um zu verstehen, warum das Barometer der italienischen Presse immer auf Schönwetter zeigt. Llnd selbst den Optikern auf den Redaktionsstuben macht es Kopfzerbrechen, wie sie den drohenden Llmschwung in der Wetter­lage auf die unauffälligste Weise einleiten sollen. Von allen Seiten laufen bedenkliche Nachrichten ein. eine Depression jagt die an­dere, Sturm über England, rote Flut über Spanien, in China marschieren die Japaner, als gingen sie die Genfer Vorschriften über amt-