Samstag. 8. Oktober |93I
M. Jahrgang
Rr. 231 Erstes vlatt
GietzenerAnzeiger
Leneral-Anzeiger für Oberheffen
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Sie Weltwahrungskrisis.
Don Prof. Dr. Moldenhauer, MdR., ehem. Reichsfinanzminister.
Die Weltwirtschaftskrise hat sich weiter fort zu einer großen internationalen Kreditkrise entwickelt, und diese mußte zwangsläufig zur Währungskrise führen. Die erste schwere Erschütterung ging von O e st e r r e i ch aus. Es war der Anlaß, das ganze Gebäude ins Wanken zu bringen. Denn nun sprang das Mißtrauen gegen Deutschland auf. Es begann jener Run auf Deutschland, von dem Luther neulich gesprochen. Kein Kreditsystem der Welt kann es aushalten, wenn auf einmal alle Gläubiger ihre Forderungen zurückziehen. Auf dem Vertrauen ist das Ganze aufgebaut. Es funktioniert so lange, als infolge des Vertrauens nur so viel Geld von den Banken national und international abgezogen wird, als es die wirtschaftlichen Erfordernisse verlangen. Werden die Abzüge stürmischer, so sucht man durch Erhöhung des Diskonts oder schließlich Kreditrestriktionen das Gleichgewicht zu halten. Ist aber das Vertrauen fort so helfen auch keine Diskonterhöhungen mehr. Es bleibt dann nur als letztes Mittel die Auszahlungsverwei- g e r u n g , wie wir sie durch das vorübergehende Schließen der Schalter der Banken und durch die Devisenverordnung, die den Abzug von Gold und Devisen verhindert, kennengelernt haben.
Nachdem das Mißtrauen gegen Deutschland er- wacht war, mußte es weitergreifen. Denn indem Deutschland das Abziehen der Devisen verbot und dann durch das Stillhalteabkommen vertraglich regelte, mußte die Frage aufgeworfen werden, wie solche Maßnahmen auf ein Land wirken, das in starkem Maße Deutschland seinerseits Kredit gewährt hatte. Das Land, das in erster Linie hier in Betracht kam, war E n g l a n d. Gewiß wußte jeder in der Welt, daß England nicht überschuldet ist. Auf vier Milliarden Pfund, also achtzig Milliarden Reichsmark, werden allein die Ausland- guchaben Englands geschätzt. Der Zweifel richtete sich vielmehr gegen dieL iquiditätEnglands. Würde England, wenn seine deutschen Kredite eingefroren waren, in der Lage sein, seine Schulden jederzeit zu bezahlen? Nun beginnt das Spiel von neuem, das man mit Oesterreich und Deutschland gespielt hatte. Man beginnt, auch von England Gold abzuziehen. Denn die Bank von England ist verpflichtet, jede präsentierte Note zu einem festgesetzten Betrage in Gold einzulösen. England verliert in der letzten Zeit 400 Millionen Pfund, d. h. ungefähr die Hälfte der vom MacMillan-Ausschuß für Ende März 1931 auf 407 Millionen Pfund geschätzten ausländischen Guthaben in London.
England sucht sich gegen diese Gefahren in der- selben Weise zunächst zu schützen, wie es Deutschland versucht hat, nämlich durch Kredite. Wir haben damals jenen 100-Millionen-Dollar-Kredit erhalten, der allzu schnell aufgebraucht wurde. England braucht größere. Es erhält zunächst einen französisch-amerikanischen Kredit von 50 Millionen Pfund, dann von 80 Millionen Pfund. Aber es zeigt sich dieselbe Erscheinung wie in Deutschland. Sobald man Kredite nimmt, um Forderungen bezahlen zu können, werden die Menschen mißtrauisch. Sie sehen, daß Schwierigkeiten da sind, und glauben, daß nur, wer schnell handelt, noch zum Zuge kommen kann. Und weil sie alle so denken, kommt schließlich keiner mehr zum Zuge. Der Versuch, noch einen dritten Kredit zu erhallen, scheitert, wie es scheint, an der Weigerung Amerikas. Frankreich hätte ihn bewilligt, weil es sich der Gefahren, die nun für dieses Land selbst entstehen, bewußt war. So blieb der Bank von England nichts anderes übrig, als den Goldstandard aufzuheben, d. h. die Verpflichtung, Noten in Gold einzulösen. Die Goldwährung, die vom Beginn des Krieges bis 1925 suspendiert war und dann aufs neue eingeführt war, wird wieder suspendiert.
England konnte sich nicht wie Deutschland mit einer Deoisenordnung helfen. Deutschlands Auslandschulden sind im wesentlichen Schulden in fremder Währung. Einer kurzfristigen Valutaverschulduna von 7,4 Milliarden Reichsmark stehen bekanntlich ausländische Markguthaben in Deutschland in Höhe von % Milliarden gegenüber. Englands Verschuldung lautet auf Pfund. Aus diesem Umstand erklären sich die ganz verschiedenen Wirkungen, die das deutsche und das englische Vorgehen haben mußte. Deutschland mußte verhindern, daß weitere Devisen abgezogen wurden. Es erreichte dies durch die Devisenverordnung, die dasUmwandeln vonMark- guthaben in Devisen verhindert, soweit es sich nicht um die Erfüllung dringender wirtschaftlicher Zwecke handelt, und traf mit seinen Valutagläubigern das Stillhalteabkommen. So gelang es, die Mark intakt und die Goldwährung aufrechtzuerhallen. Ganz anders liegen die Dinge in England. Während die Mark auf dem Weltmarkt keine Rolle spielt, ist das Pfund nach dem Dollar das wichtigste Zahlungsmittel im internationalen Zahlungsverkehr gewesen. Das Vorgehen der Ban' von England wirkt deshalb in ganz anderer Weise auf den internationalen Zahlungsverkehr, aber auch auf den Güteraustausch ein. Die Aufhebung des Goldstandards hat der internationale Kapitalmarkt mit einer U n - terberoertung des Pfundes um 20 bis 2 5 v. H. beantwortet. Was bedeutet bas? Feder, der eine Schuld in Pfund hat ist um 20 bis 25 v. H. erleichtert, jeder der eine Forderung in Pfund hat, um so viel ärmer. Wer in Deutschland eine Lebens- Versicherung bei einer englischen Gesellschaft in Pfund genommen hat, muß sich darüber klar sein, daß er im Augenblick nicht mehr mit 10 000 RM., sondern nur mit 7500 bis 8000 RM. versichert ist. Der Eng- länder muß für Waren, die er einkauft, em erhebliches Aufgeld zahlen, während seine Waren plötzlich billiger werden. Mit anderen Worten: Das Dis-
Am Dienstag erscheint die neue Notverordnung.
Falsche Weichenstellung.
Don unserer Berliner Redaktion.
Die Rotverordnung, von der nun schon seit Monaten die Rede ist, soll nach der Versicherung amtlicher Stellen am Samstag in ihrem sachlichen Inhalt fertiggestellt-sein und dann am Dienstag veröffentlicht werden. Ob diese Termine wirklich eingehalten werden, bleibt abzuwarten. Wir sind schon so oft an die Vertagung gewöhnt, daß niemand sich darüber wundern würde, falls auch jetzt wieder die Entscheidung verschleppt würde. Aber selbst wenn die Voraussage sich endlich erfüllt, bliebe von den ursprünglichen Absichten der Regierung nicht allzu viel mehr übrig. Es wird auch offiziös nicht mehr bestritten, daß die kommende Notverordnung alles andere eher als ein umfassendes Winterprogramm enthält. Sie beschränkt sich auf eine etatstechnische und finanzrechtliche Maßnahme, das eigentliche Kernstück aber, die positiven Reformen auf wirtschaftlichem Gebiet, fehlt. Auch in einem Augenblick also, wo keine Sekunde mehr verloren werden dürfte, glaubt die Regierung noch, mit Halbheiten durchkommen zu können. Sie führt zur Begründung an, daß die Entwicklung i n E n g l a n d alle Berechnungen über den Hausen geworfen hätte und sich erst einmal übersehen lassen müsse, wohin unter dem Druck der Pfundkrise der englische Handel treibt. 3e nachdem, wie dadurch die europäischen Konkurrenzverhältnisse beeinflußt werden, müßten auch die Gegen- maßregeln der Regierung sein. Also habe es keimen Sinn, jetzt schon irgend etwas zu tun, man müsse bis zum November w a r t e n.
Das klingt ganz einleuchtend, tatsächlich aber sehen wir wieder, daß der Kanzler zweifellos den besten Willen hat, aber den Entschluß zur letzten Entscheidung nicht aufbringt. Er erkennt die Schwierigkeiten, vor denen er steht, ganz klar. Er weiß, daß die Zahl der Arbeitslosen ins Riesenhafte wächst — allein für den Oktober sind jetzt bereits Anträge auf Stillegungen für Betriebe mit sechshunoerttausend Arbeitern gestellt — und er kann auch nicht im Zweifel darüber sein, daß dieses allmähliche Abrutschen in das Chaos der allgemeinen Arbeitslosigkeit nur verhindert werden kann durch eine gründliche 11 m- arbeitungrdes Systems. Die Kraft zu einem solchen Entschluß hat der Kanzler bisher nicht aufgebracht. Mit der Taktik des Ausweichens aber kommt er nicht mehr weiter. Er steht vor der Wahl, daß er entweder die ganze Reform versacken läßt, um die immer unsicherer werdende Unterstützung der Sozialdemokraten sich zu erhalten, dann aber auf die Unterstützung der bürgerlichen Mitte verzichtet, oder auf die Gefahr eines Bruches mit der Sozialdemokratie endlich aufs Ganze geht. Jetzt aber schiebt er seine ganze Politik auf ein falsches Gleise und muß sich dabei bald festfahren. 3m bürgerlichen Leben würde man sagen, daß er im Begriff ist. sich zwischen zwei Stühle zu sehen, und das ist niemals ein bequemer Sih.
Rachtsihung
-es Reichskabinetts.
Besprechungen über eine Neugestaltung des Tarlsrechts.
Berlin, 3. Ott. (TU.) Das Kabinett hat, um die notwendigen Beschlüsse für die neue Notverordnung zu beschleunigen, seine Beratungen b i s in bie Nacht st unben ausgebehnt. Man hofft, wie bie „Germania" erfährt, baß bie neue Notverorbnung am Dienstagabenb berPresse zur Veröffentlichung übergeben werben kann. Es handelt sich um rund 30 einzelne Punkte, die erlebigt werben mußten unb aus benen bie Notverorbnung zusammengesetzt sein wirb. Die Re
gierung hat, wie auch in den früheren Fällen bie Absicht, nach Fertigstellung ber Notverorbnung bie Vertreter ber ßänberregierungen nach Berlin zu berufen, um ihnen bie Maßnahmen ber Regierung vorzulegen.
Im Zusammenhang mit ben Auswirkungen ber Pfunbkrise ist in politischen Kreisen vielfach bavon bie Rebe gewesen, baß bie Reichsregierung bie Absicht habe, burch einen gesetzlichen Eingriff eine allgemeine Umgestaltung bes la» rif rechtes herbeizuführen. Derartige Äußerungen haben bekanntlich lebhaften Wider- spruch bei ben Gewerkschaften hervor- gcrufen, bie sich aufs schärfste gegen jeben Abbau bes Tarifrechts ausgesprochen haben, währenb bie Arbeitgeberkreise auf bie bringenbe wirtschaftliche Notwendigkeit einer gewissen A b ä n b e - r u n g bes gegenwärtigen Zustandes hingewiesen haben.
Wie bie „TU." erfährt, steht bie Reichsregierung auf bem Stanbpunkt, baß bie Tariffrage
ebenfotoenig einseitig entschieden werden könne, wie auch andere sozialpolitische Fragen. Sie lehnt es ebenso ab, sich mit ben Forderungen ber Spitzenverbände zu ibentifizieren, wie sie sich für bie Forberungen ber Gewerkschaften einsetzen könne. Sie bürste einen gangbaren Weg vielmehr in einer Lösung sehen, bie ben Forberungen ber Wirtschaft ebenso roie benen ber Arbe itneijmer gerecht wirb, unb hofft, baß es ihr gelingen wirb, eine entsprechenbe Lösung zu finben. Sie bürste baher nach Abschluß ber Beratungen über bie fommenbe große Notverorbnung Vertreter ber Arbeitgeber- unb ber Arbeitnehmer-Verbänbe zusammen- berufen, um in gemeinsamer Aussprache eine Lösung zu finben. Ein Beschluß in biefer Hinsicht liegt aUerbings bisher noch nicht vor. Er bürste jeboch unmittelbar nach Erlaß ber Notverorbnung gefaßt werben. Dor biefer Aussprache finb ebenfalls weitere grunbsätzliche Schritte ber Regierung in ber Tarif- unb Lohnfrage nichtzu erwarten.
Der deutsch-smnMche MlschaMausschuß.
Will Frankreich Aenderung des deutsch-französischen Handelsvertrags?
Paris, 2.Ott (IU.) Der Vorsitzende des Zollausschusses der Kammer, (Etienne J o u g e t e, der berufen ist, Mitglied des in Berlin beschlossenen deutsch-französischen Wirtschaftsausschusses zu werden. erklärte dem „3ntranfigeant“: Das Arbeitsprogramm des Wirtschaftsausschusses sehe in erster Linie einen umfangreichen plan für die Durchführung öffentlicher Arbeiten vor, an denen nicht nur Deutschland und Frankreich, sondern alle europäischen Länder beteiligt werden sollten, deren Produktion entsprechend organisiert sei. Ls handele sich f erner um die Finanzierung dieser Arbeiten, die Erweiterung der bereits bestehenden Kartelle und die Regelung der Erzeugung sowie der Ab- s a h m ö g l i ch k e-i 1 e n , die parallel mit einer Herabsetzung der Lebenshaltungskost en
und einer besseren Ausnutzung der Ar^ beit laufen sollen. Die Angleichung der verschiedenen Handelsverträge, besonders des deutsch- französischen Handelsvertrag» werde die ganz besondere Aufmerksamkeit des Ausschusses in Anspruch nehmen. Die wirtschaftliche Lage habe sich seit dem Abschluß dieses Handelsvertrags, d.h. seit 1927, derart geändert, daß die ZUeiftbegün- stigungsklausel heute bereits zu einer Heber- oorteilung Frankreichs geführt habe. (?) Er persönlich sei der Ansicht, daß man das Vorbild eines Handelsvertrags schaffen müsse, ber nicht nur für Frankreich unb Deutschland Anwendung finde, sondern nach und nach auf alle Länder ausgedehnt werden könnte, um so schließlich zu einer Schaffung eine» Einheitsmarktev zu gelangen.
Die Knsenunterstühung wird verlängert.
Ausgleich für die früher Ausgesteuerten. — Kein schnellerer Llebergang in die Wohlfahrtserwerbslosensürsorge.
Berlin, 2.Oft. (VDZ.) Zu ber gestern von ber Reichsanstatt für Arbeitslosenversicherung angeordneten Verkürzung der Bezugsdauer in der Lrwerbslojenunterstühung wird von sozialdemokratischer Seite erklärt, daß es nicht richtig sei, daß die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften von dieser Maßnahme überrascht worden seien. Ursprünglich hätte die Reichsregierung beabsichtigt, an ber Arbeitslosenversicherung durch den Vorstand der Reichsanstatt drei Aenderungen vornehmen zu lassen. Erstens sollten die Unterstützungssätze allgemein auf d i e Sähe der Krisenfürsorge herabgedrückt werden. Zweitens sollte darüber hinaus noch eine Verkürzung ber Sähe für bie Lebigen eintreten, unb brütens war eine Verkürzung ber Bezugsbauer von26aufl8wochen,für Saisonarbeiter auf 14 Wochen geplant. Den Vorstellungen ber Sozial- bemotratie unb ber Freien Gewerkschaften sei es gelungen, bie Regierung zum Verzicht aus bie beiben ersten Pläne zu bewegen unb bie Herabsetzung ber Bezugsbauer um zwei Wochen zu m i l b e r n. Außerbem werbe bie jetzige Maßnahme
ber Reichsanstatt ihre Ergänzung baburch finben, daß bic Bezug sbauer für b i e Krifenunter- st ü h u n g entsprechenb verlängert wirb, so daß die Erwerbslosen nicht früher in die wohl- sahrtserwerbslosenfürsorge übergehen müssen als bisher.
Dazu wird von zuständiger Stelle erklärt, daß im Reichsarbeitsministerium tatsächlich eine entsprechende Verordnung in Vorbereitung ist, die durch Verlängerung der Bezugsdauer der Krisenfürsorge den nach dem Beschluß der Reichsanstatt früher Ausgesteuerten einen Ausgleich verschaffen will. Die Verordnung wirb schon in ben nächsten Tagen erlassen werben. Die Verlängerung ber Krisenfürsorge bebarf keiner Regelung burch Notverorbnung, sonbern kann burch einfache Verorbnung bes Arbeitsminisieriums verfügt werden. Gegenwärtig beträgt die allgemeine Dauer ber Krisenfürsorge 32 Wochen. In beson- beren Fällen, namentlich für über 40 Jahre alte Personen, kann sie bis zu 39 Wochen verlängert werben. Für berufsübliche Arbeitslose trift auf Grunb ber Notverorbnung vom Juni zu
a gi o bes Pfundes drosselt die Ein- fuhr und fördert die Ausfuhr.
Js. diese Wirkung von vornherein beabsichtigt gewesen? Ist hierin das Hauptmotiv der englischen Politik zu erblicken? Unzweifelhaft besteht in England eine starke Strömung, die die Devalvation des Pfundes anstrebt. An ihrer Spitze steht der auch in Deutschland durch seinen Kampf gegen ben Irrsinn bes Vertrages von Versailles bekanntgewordene Pro- fessor Keynes. Man hat um des englischen Prestiges halber das Pfund 1925 zu hoch stabilisiert, nämlich mit einem Goldwert von 20 NM., während ber innere Wert bamals etwa 15,50 RM. gewesen ist. Die Folge seien bie hohen Löhne und überhaupt die hohen Gestehungskosten und damit die hohen Preise. Daher komme der Rückgang des englischen Exports und die steigende Arbeitslosigkeit. Zwei Wege gäbe es zur Ueberroinbung: entmeber bie Senkung ber Gestehungskosten unb ba- mit ber Lohne, nachsolgenb ber Preise ober aber, wie es Keynes nennt, „the sane devaluation of the pound“ unb bie baburch erreichte automatische Senkung ber Gestehungskosten, freilich erkauft mit einem Vermögensverlust aller Sparer.
Liegt in biefer Maßnahme ber Bank von Englanb bereits eine Inslation begrünbet? Eine Inflation entsteht dann, wenn sich das Verhältnis der um- laufenden Zahlungsmittel zu dem Warenumsatz in der Weise verändert, daß dieZahlungsmittel mehr zunehmen als der Warenumsatz. Wenn der Engländer, um ein bestimmtes Quantum van Waren zu kaufen, statt 100 Pfund in Zukunft 120 Pfund ausgeben muß, so bedeutet das unstreitig
die Gefahr, daß die Nachfrage nach Zahlungsmitteln, um diese Käufe durchzuführen, eben wegen der Eni- wertung entsprechend steigt. Nun hat Snowden erklärt, man werde mit allen Mitteln einer Inflation entgegentreten. Damit bekämpft er aber gerade die Tendenz, die, wie erwähnt, ein großer Teil der englischen Industrie und die City verfolgt. Aber es ist unendlich schwer, auf diesem Wege Halt zu bieten. Hat die Wirtschaft einmal das süße Gift der Inflation gekostet, so geht es ihr leicht wie dem Opiumraucher, der nach immer weiterer Steigerung verlangt, bis schließlich der Organismus zusammenbricht.
Auch bei uns i n T> e u t s ch l a n d ist der Ruf nach einer Inflation vorhanden, bei allen denen die lieber diesen bequem scheinenden Weg gehen wallen als den sehr steinigen der Sparsamkeit und der Kostensenkung. Aber der Reichsbankpräsident Dr. Luther hatte durchaus recht, wenn er auf der Tagung des Deutschen Sparkassen-Verbandes am 28. September darauf hinwies, daß tln Land, das wie Deutschland schon einmal die Inflation durchgemacht hat, eine W i e d e r h o l u ng nicht ertragen werde. Mit Recht ist daraus hingeroiefen worden, daß durch eine Inflation Deutschlands Ausland- schulden nicht berührt werden, well sie Va- lutaschulden sind, daß aber im Innern sich alles sofort auf Gold um st eilen werde, die Ankurbelung der Wirtschaft nicht eintrete, wohl aber eine Erschütterung unseres Kredits, die die verhängnisvollsten Folgen haben müsse. Es ist deshalb zu begrüßen, daß sowohl der Reichskanzler Dr. Brüning wie der Reichsbankpräsident Dr. Luther auf das energischste abgelehnt haben, die Mark
dem Pfund „anzuhängen" wie man so schön sagt. Auch die Aufhebung des Goldstandards in Skandinavien kann uns nicht veranlassen, diesem Weg zu folgen, nachdem wir bereits die Maßnahmen ergriffen haben, die nach Lage der deutschen Verhältnisse zur Erhaltung der Währung notwendig finb.
Niemand kann die weitere Entwicklung über- blicken. Wird es den Engländern gelingen, das Pfund „aufzufangen", ober wirb eine weitere schwere Erschütterung auf bem Kapitalmärkte vor sich gehen? Schon beginnt Frankreich besorgt zu werben. Sobalb ber französische Sparer von bemfelben Mißtrauen erfaßt wird wie bisher die andern Sparer, steht auch Frankreich vor einer sehr ernsten Lage. Nur eine Wiederaufrich- tung des Vertrauens kann über die Schwierigkeiten wirklich hinwegführen, nicht Maßnahmen wahrungstechnifcher Art. Durch sie kuriert man nur an den Symptomen. Solange aber die Völker der Welt unb namentlich bie beiben Golb hortenden, Frankreich und die Vereinigten Staaten, sich nicht entschließen, die Initiative zur Wiederherstellung des Vertrauens zu ergreifen — der französische Besuch ist nur eine Episode in dem Stellungskampf, In den wir uns nach der verlorenen Marnefchlacht der Zollunion begeben haben —, bleibt für Deutschland nur eins übrig: bie Währung z u halten unb alle Maßnahmen zu treffen, soweit sie von uns überhaupt ergriffen werben können, um den Teil der Krise zu überwinden, der auf unser eigenes Konto kommt.


