Ausgabe 
3.1.1931
 
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3,1 flößet Rosien fek-Kleider..

Jahresbilanz der Weltwirtschaft.

Äon Professor Or. s rmann Levy, Berlin.

Das Weltwirtschaftsjahr 1930 hat den Gang der wirtschaft.ichcn Entwick ung der g o en Kul­turstaaten entscheidender beeinflußt, als die vorhergehenden. War die Weltwirtschaftslrisis in den Jahren 1925 bis 1929 scheinbar in ein Stadium allmählicher, wenn auch kein swegs etwa durchgreifend:!: B-ss^rung gerückt, so hat das Jahr 1930 Ereignisse von revolutionierender Art auf allen Weltmärkten gebracht, Ereignisse, von denen heute noch nicht gesagt werden kann, ob sie die weltwirtschaftliche Depression der Nach­kriegszeit noch verstärken werden, oder ob sie der Anfang einer wirklichen Gesundung der inter­nationalen Wirtschafisverhältnifse sein können. Diese Ereignisse betreffen die Nahrungs­mittel- und Rohstoffmärkte der Welt und bestehen darin, daß auf diesen Ge­bieten in der ganzen Weltwirtschaft auf Grund einer überckll bestehenden Aeberzeugung die Preise sich saft allgemein unter das Niveau der Frie­denspreise gesenkt Haden, oder im besten Falle das Niveau derselben nicht unterschritten. Diese Erscheinung bezieht sich natürlich nicht auf die zollgeschützten Märkte, wohl ab r auf alle Aus- fuhrländer Ob man den amerikanischen Weizen oder Mais, die australische Wolle, den Kakao der westafrikanischen Kolonien, den Kautschuck der britischen oder holländischen Besitzungen in In­dien. das Erdöl der Bereinigten Staaten oder deren Baumwolle, den Rohrzucker Kubas, die Gewinnung von Zinn. Blei, Zink oder Kupfer untersucht, überall findet sich das gleiche Bild: daß die Borräte an diesen Waren in der Welt­wirtschaft enorm zuginommen haben, ohne daß sich ein entsprechender Absatz gründen hat und daß infolgedessen die Preise durchweg einen Sturz durchgemacht haben, den man noch vor kurzer Zeit für völlig unmöglich gehalten haben würde.

Die Ursachen diesesZuvie's" in der Welt­wirtschaft liegen einerseits in einem über­raschenden Borwärtsdrängen der Erzeugung, andererseits in der chronischen Scschlafiung des Dedarles. Alle Nahrungsmittel- td Rohstoffländer haben nach dem Weltkrieg im Glauben an einegroße" Zukunft ihre Erzeu­gungen erheb.ich vermehrt. Kanada hat seinen Weizcnanbau seit dem Kriege mehr als ver­doppelt, die Kautschuckplantogen haben ihre Er­zeugungen auf eine Bedarlsste'g rang eingestellt, die selbst die stärkste Entwicklung des Auto- mobilismus nicht auf die Dauer gewährleisten konnte, die Kimstseideerzeugung hat in fast jedem großen Lande eine Ausdehnung erfahren, die weit über den Jnnenbedarf hinausging, während die Ausfuhrmöglichkeiten durch gegenseit g? Ab­sperrung beschränkt blieben, alle bedeutenden überseeischen Kolonialländcr haben auf das Ge­ratewohl ihre Erzeugungen erweitert, zum^ Teil nicht aus wirtschaft ichen, sondern aus Gründen des weltpolitischen Prestige. und das alles bei einer Weltwirtschaft, deren Kaufkraft seit dem Beginn des Krieges andauernd geschwächt worden ist und die sich in einer chronischen Depression befand.

Der Zusammenprall dieser Entwick­lungen älebererzeugung und Kauf­kraftschwäche muhte einmal erfolgen: er ist im Jahre 1930 einge reten. Zunächst ging das Signal dieser Entwicklung von den Bereinigten

Staaten aus, die nach einer Zeit gewisserPro­sperität" in eine starke Wirtschaftskrifis herein- geraten sind, die zunächst die Landwirte, dann aber auch die Industrie und die Börse erfaßte. Es ist das Jahr 1930 das erste 3af)r seit vielen, in welchem man sagen konnte, daßauch die Bereinigten Staaten" von der Weltwirtschafts- fri 13 n d) mehr frei sind: fchrn das all t i znchnct das Jahr 1930 als etwas besonderes aus. Wir besitzen heute in dem Produktionsinder, der in den einzelnen Ländern von behördlichen oder halbbehördlichen Stellen herau.gegeben wird, einen gewissen Thermometer für die Beurteilung des Wohlstandsgrades, wenigstens soweit er aus der Erzeugung beruht. Seht man die inter­nationalen Produktionsziffern für 1924 gleich 100, so betrug die Jndexz'f.er im

Juli 1929 Juli 1930

Verein. Staaten von Amerika 130,5 100,0

Kanada 165,2 138,5

Frankreich 127,5 129,3

Deutschland 151,7 122,5

England 112,0 103,4

Man erkennt, daß nur Frankreich hier eine Ausnahme abgibt: aber auch in Frank­reich haben sich zu Ende des Jahres nicht un- bedeutsame Zeichen einer Verschüchterung der Wirtschaftslage eingestellt, wie man letzthin schon aus den verschiedenen Zusammenbrüchen von Bankgeschäften ersehen konnte. Für die andern Länder ist der R ckgang der Erzeugung kata­strophal gewesen. Den besten und traurigsten Beweis hierfür liefert das enorme An- schwellen der A r b e i t s l o s e n z i f f e r n im Jahre 1 930: in Deutschland steigt die Ziffer der unterstützten Vollerwerbslosen schon auf 1,5 Millionen zu Mitte September, wozu 459 000 Krisenunterstühte, weit über das Doppelte wie zu Beginn des Jahres, h'.nzukommen. In England steigt der Prozentsatz der Arbetts- losigkell von 12,6 Prozent im Januar 1930 aus 17.5 Prozent im August, in Amerika gehen die Schätzungen der Arbeitslosigkeit auf 4 bis 5 Mil­lionen. Es gibt kein Land, das heute nicht unter der Last und Sorge dieses Problems auf das schwerste leidet, weil cs ein Problem ist, dem jede wirkliche Hilfe verschlossen zu sein scheint.

Man muß zunächst erstaunt dar.ber sein, daß der Preissturz auf den Nahrungsmittel- und Rohstes. Märkten der Welt übrigens auch aus dem Schiffahrtsmarkt, dessen Frachten heute unter den Friedensräten stehen so ver­hängnisvolle Wirkungen ausgeübt hat. Wieder einmal scheint der Gang der wirtschaftlichen Er­eignisse alle Berechnungen umzustoßen: denn man hatte in den letzten Jahren immer wieder die Höf.nung aussprechcn hören, daß ein Zurück- ceficn der wichligsten Preise auf das Friedens­niveau vielleicht der Ausgangspunkt einer Ge­sundung der Weltwirtschaft sein könne. Heute wissen wir, daß diese Entwicklung zunächst noch verschärfend auf die Weltwirtschaftskrisis wirken muß. Den sich rasch nach unten bewegenden Preisen der überseeischen Nahrungsmittel und Rohstoffe steht nicht die Möglichkeit gegenüber, die Fabrikatpreise entsprechend schnell zu senken und auf diese Weise den Bedarf neu zu beleben. Denn weit stärker als die überseeische Rohstoff» und Lebensmittelerzeugung wird die Fabrikat­erzeugung durch feste und schwerbeweg-

ltche Produktionskosten belastet: die Löhne, die seit dem Kriege enorm gesteigerten Soziallasten um) Steuern, in Deutschland und Oe st erreich noch besonders der Druck der Reparationen, die zu hohen Kapitalkosten durchgefuhrlen Rationalisierungen, das alles sind Faktoren, die in ihrer Starrheit einet An­passung der Fabrikalpreise an die sinkenden Roh- stof preise entgegenstehen. Solange dies aber der Fall ist. kann sich die Prei^revolution auf dem Weltmarkt nicht als ein Segen auswirken, weil ihr die weitere Durchschlagskraft, die Uebertra- gung auf die Fabrikalpreise fehlt: gerade aber von einer Senkung dieser könnte auf dem, Wege der Konsumbelebung die einzige Möglichkeit aus­gehen. auch den inlernationalcn Nahrungsmittel­und Rohstof Märkten für ihre enormen Vorräte besseren Absatz zu schaf'cn. Nur eine Bele­bung desVcrbrauchesan Fabrikaten und zwar ganz besonders in Europa kann dem amerikanischen Baumwollpflanzer, dem australischen Woltz üchter, kann den Metallerzeu­gern der Welt, den Erdölproduzenten usw. den verlangten Mchrabsah bringen und gleichzeitig der europäischen Industrie helfen.

Das ist wiederum nicht nur eine Erkenntnis, sondern auch eine Lehre, die aus dem so bewegten Weltwirtschaftsjahr 1920 gezogen werden sollte. Diejenigen, welche an der wirtschaftspolitischen Befriedung der Welt mitarbeiten und teils in Genf, teils in W rtscha tskonferenzen internatio­naler Art, teils in der Begründung neuer Insti­tute. wie etwa der im Jahre 1930 begründeten, Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, Er­leichterungen schaf'en^en, müssen sich darüber klar sein, daß die Gru. dübel der Situation immer wieder und wieder in den Folgen einer ver­hängnisvollen Wirtschaftspolitik der Siegerländer in der Nachkriegs­zeit zu suchen sind. Goldanhäufung bis zum äleberfluß und bis zur Goldin lation in Amerika, enorme Kriegsentschädigungen, Absperrung der Länder gegeneinander, Zerreißung zusammen­gehörender Wirtschaftsgebiete, kurz und gut, überall einDaraufloswirtschaften" gegen den Sinn der weltwirtschaftlichen Entwicklung. das sind die tieferen älrsachen der nun schon >c»'.n Jahrzehnt langen Depression der Weltwirtschaft, die heute zu einer akuten Krisis geworden ist.

Die einzige Hoffnung, welche wirtschaft­lich und weliwirtschaftl'ch gesehen das Jahr 1930 zurückläßt, ist die Ho fnung, daß > katastrophale Entwicklungen zuweilen zu besserer Erkenntnis zu führen vermögen.

Buntes Allerlei.

Der Fanatiker.

Der Fanatismus, der früher auf religiösem Gebiet so furchtbar gewütet hat, bedeutet heute eine größere Eeiahr in unterem politischen Leben, das durch ihn schwer erschüttert wird. Sanitäts­rat Müller de la Fuente bezeichnet in derDeut­schen Medizinischen Wochenschrift" den Fana­tismus alsein Symptom der Minderwertig­keit". Die Vielseitigkeit ist strts ein Zeichen her­vorragender Begabung: jede Einseitigkeit aber zeigt eine Erstarrung des Geisteslebens, und diese Minderwertigkeit bietet den besten Boden für die Entstehung des FanatismusAuf irgend­einem Gebiete, am häufigsten wohl auf religiö­sem, neuerdings mehr auf politischem, aber auch auf anderen", schreibt der Verfasser,hat sich eine bestimmte Auffassung in das Seelenleben des Fanatikers festgesetzt: sei es durch Beein­flussung, solange er noch beeinflußbar war, sei es durch einen mehr oder weniger falsch gedeu­

teten Zufall oder durch sonst ehren, für den frttt* scheu Teobach.er nicht selten rccht seit amen Um­stand. Diese Auffassung, diese Idee beherrscht nunmehr das Denken des Menschen. Infolge seiner geringen Geistesgaben gibt es daneben und darüber nichts weiter. Alles andere außerhalb seiner Idee ist entweder gleichgültig oder ver­kehrt. Aber nicht nur sein Den.'en wird durch diese Idee bestimmt, sondern auch sein Handeln. Weil er eben als Minderwertiger keine Logik mehr besitzt, kann er sich auch nicht mehr vorstellen, daß andere anders denken. Wenn sie es tun, so ist es eben falsch, und sie muten bekehrt werden, nötigenfalls durch Zwang oder Gewalt." Die Handlungen des mindcrüxr igen Fanatikers sind immer triebhaft und von keinerlei l gischen Er­wägungen gehemmt. Der Gead dec Hemmungs­losigkeit hängt jedoch von zwei ilmjtänben ab: von dem Grad seiner Minderwertigkeit und von dem Grad seiner Erziehung und B.l^ung. Allen gemeinsam ist die völlige älnmöglihkeit, sich in die Gedankenwelt tec Andersden.enden hinein» zuversetzen und diese als gleichberechtigt wenn auch irrig anzverkennen. Diese Eigenschaft, mit der geistigen Starrheit und Ülnregsamleit des MinderwerUgen verbunden, macht den Kampf gegen die Fana.iker so ungeheuer schwer, weil sie Gegengründen nicht zugänglich sind. Diese E.genschaften finden sich alle, meist in verstärktem Maße, auch bei ausgesprochenen Geisteskranken. Nun ist jedoch der mknderwer.ige Fanatiker scharf von dem Entdecker oder Forscher zu unterscheiden, der seine neuen Ideen_ mit einer gewissenBesessenheit' verfolgt. Die Zähig­keit des Genies unterscheidet sich von- der Ver­bohrtheit des Fanatikers dadurch, daß der eine durch sein Handeln die widerwillige Menschheit überzeug', während der andere durch Zwang und Gewalt ihr seine Meinung aufzudrängen sucht. Der Begabte bleibt auch immer belehr, ar, wäh­rend dec Minderwertige von der Änübertreff- lichkeit seiner Idee durchdrangen ist und sich von chr nicht abbringen läßt.

Walnüsse mit Opium.

Auf einem Schiff, das Konstantinopel verlassen wollte, wurden kürzlich 15 Sock Walnüsse beschlag­nahmt, von denen jede Nuß statt ihres natürlichen Kerns Opium enthielt. Diese Feststellung wirft ein scharfes Schlaglicht auf den schwunghaften Handel mit Narkotika, der in der Türkei getrieben wird. Konstantinopel ist heute ein Hauptmittelpunkt für den Schmuggel dieser verbotenen Reizmittel, und seine Bekämpfung ist infolge der langen Küstenlinie des Landes und der schlechten Ueberwachung durch die türkische Polizei sehr schwierig. Man glaubt, daß der größte Teil des Kolains, das nach Europa, Amerika, Aegypten und dem fernen Osten verschifft j wird, aus Rußland kommt und über Konstantinopel geht. Die abgelegenen türkischen Häfen am Schwar­zen Meer, wie Rizeh und Hoppa, die der russischen Grenze so nahe liegen, bieten dem Schmuggel die günstigste Gelegenheit. Die türkische Regierung sucht diesem gesetzwidrigen Handel Einhalt zu tun, aber sie ist ziemlich machtlos. Die Organisation ist weit. verbreitet. So kam kürzlich von Marseille ein Schiff nach Konstantinopel, und bevor die Passagiere lan­den durften, erschienen 50 türkische Polizisten an Bord und durchsuchten die Ladung. Sie fanden aber nichts, denn schon vor dem Verlassen von Marseille hatte der Kapitän ein anonymes Schreiben erhalten, . durch das er gewarnt wurde, und daher kein Opium mitgenommen. Haschisch, das in der Türkei aus ein- l)eimischem Opium heryestellt ist, wird in Mengen ] von Hunderten von Kilos von dort nach Aegypten geschmuggelt. Es gibt in Konstantinopel Hunderte von geheimen Derkaufsstätten, in denen mit Haschisch, Opium und Kokain gehandelt wird.

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