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Nr. 256 Zweites Blatt
Eietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Montag, 2. November (Y3(
Robert Gilbert, die so bewährten Fachleuten Gilbert und Robert
sen Liebeshändel, zuvörderst zwischen der Röß'l- wirtin und dem Zählkellner Leopold, und die Tri- kotagen-Prozeßaffäre Giesecke-Sülzheimer hier in alter Frische und neuem Bühnenglanz unwiderstehlich zur Geltung.
Das Gastspiel des Operettentheaters Hamborn, dem das Gießener Publikum gestern einen überaus amüsanten Theaterabend zu verdanken hatte, war von Direktor Theo Bachenheimer inszeniert,
der beliebtesten englischen Zauberkünstler, der verstorbene Charles Bertram, diese Kunst zunächst als Steckenpferd und verdiente sein Brot als Geschäftsmann. Doch dann kamen schlechte Zeiten, und aus dem Spaß wurde nun Ernst: er wußte seine bis dahin brotlose Geschicklichkeit zu einer reichen Verdienstquelle zu gestalten. Wer in einen solchen „Magischen Zirkel" ausgenommen werden will, muß eine gewisse Vorbildung aus- weisen, die er sich am besten durch Unterricht bei einem bekannten Berufs-Taschenspieler verschafft. Sehr gesucht als Lehrer des Zauberns ist in England der berühmte Illusionist David Devant, der sich jetzt von der Bühne zurückgezogen hat. Er erzählt in einer englischen Wochenschrift einige Erlebnisse mit seinen Schülern. Ein Herr in mittleren Zähren, der bei ihm Stunde nahm, zeigte nicht die geringste Begabung, so daß ihm Devant schließlich sagte, er werde es niemals auch nur zu einem mittelmäßigen Zauberer bringen. Zu seiner Ueberraschung war der Schüler darüber gar nicht unglücklich. Auf Befragen verriet er, daß er durchaus nicht die Absicht hege, sich der schwarzen Kunst zu verschreiben: er sei nur auf Drängen seiner Frau in die Stunden gekommen: diese hatte Devant seine Wunder auf der Bühne vollführen sehen und war fast krank vor Neugierde, zu erfahren, „wie es gemacht wird". Sie zwang daher ihren Gat- ten, sich im Unterricht die Sachen vormachen zu lassen, um so die Geheimnisse herauszubekommen. Ein unangenehmes Abenteuer hatte Devant, als er einmal in einer mondhellen Nacht durch eine menschenleere Straße nach Hause ging. Plötzlich sprang unvermutet ein großer Mann hinter einer Ecke hervor und starrte ihn durchdringend an. „Sie sind doch der Mann, der Geld macht?" schrie er. „Ich habe gesehen, wie Sw es machten." Devants Blut gerann, als er sich erinnerte, daß er vor kurzem eine Vorstellung m einer Irrenanstalt gegeben hatte, bei der er Geldstücke aus der Luft gezaubert hatte. „Zeigen Sie mir sofort, wie man Geld macht" verlangte der Geisteskranke. Der Zauberstünstler
sich in einer gefährlichen Lage und konnte von Gluck sagen, daß im letzten Augenblick noch A arter herbeikamen, die den Entsprungenen gefangen nahmen.
Zaubern als Steckenpferd.
Die Hauptversammlung des deutschen „Magischen Zirkels" in Berlin, die mit einer Ausstellung von allen möglichen Zauberapparaten und von Zauberliteratur verknüpft war, hat die Aufmerksamkeit auf diese Liebhaberei gelenkt, die nicht nur von den berufsmäßigen Zauberkünstlern, sondern auch von manchen Privatleuten gepflegt wird. Amateur-Magier aus aller Welt waren vertreten, die ihre Tricks vorführten und es dabei mit den besten Zaubermeistern der Bühne aufnahmen. Besonders verbreitet ist dieses Steckenpferd in England, wo der „Magische Zirkel", der große Londoner Zauberklub, 350 Mitglieder umfaßt, die alle Meister auf ihrem Gebiet sind. Man findet hier Vertreter aller Berufe. Hohe Gerichtsbeamte versammeln bei den Klubsihungen eine sachverständige Schar um sich, die ihre neuesten Errungenschaften bewundert und zu erklären sucht. Auch angesehene Aerzte gehören zu diesem Zaubererkrcis, und sogar ein Mitglied der Regierung, I. H. Thomas, zeichnet sich in der Taschenspielerei aus. Er hat schon öfters gesagt, daß er immer noch, wenn es mit der Politik nicht mehr ginge, sich sein gutes Brot durch feine Kartenkunststücke verdienen könnte. Einer der bekanntesten englischen Rechtsanwälte, Sir Patrick Hastings, betätigt sich ebenfalls auf diesem Gebiet, tritt aber selten im Klub hervor. Sein größtes Vergnügen ist, Kinder mit seinen Tricks zu unterhalten, und er ist daher in seinem weiten Bekanntenkreise der beliebteste „Onkel". Bisweilen kommt es vor, daß solch ein'leiten-
So wurde auch die zweite Operettenaufführung dieses Winters ein großer Erfolg vor einem angeregt erheiterten Publikum — mit Applaus bei offener Szene und zahlreichen Wiederholungen.
Es besteht Anlaß, darauf hinzuweisen, daß die Bezeichnung „einheimische Kräfte^' im Bericht über die Schwankoperette „Frauen haben das gern...!" sich lediglich auf die im Programmheft genannten Mitwirkenden bezog.
hth.
nach ihr (!) an derselben Stelle ihres Amtsblattes die Losung „Die öffentliche Speisung ist ein machtvoller Faktor des sozialistischen Aufbaues!" aus- gibt, wo zwei Tage vorher jene Einweihung verherrlicht worden ist! Ordensregen, ja. Aber besseres Essen? Nein. Zwar hat sich in der öffentlichen Speisung seit dem entsprechenden Regie- rungsdetret vor anderthalb Monaten schon manches gebessert, berichten die „Jswestija", qber sie klagen dennoch: „Nach wie vor spüren die öffentlichen Speiseanstalten einen bitteren Mangel an Inventar und Berufskleidung. Löffel, Messer, Gabeln, Teller, alles das sind noch immer in hohem Maße Defizitwaren." „Keine hygienischen, und sanitären Regeln schlagen dort ein, wo der Arbeiter einer Speiseanstalt seine Berufskleidung tagelang nicht wechseln kann. Wir haben etwa 150 000 Arbeiter in solchen Anstalten, aber mit Berufskleidung sind nur die wenigsten versehett." „Die weitere Entwicklung der öffentlichen Speisung wird durch das Problem der Ausrüstung mit Inventar gehindert. Die von der Industrie zur Herstellung solchen Inventars unternommene Beauftragung bestimmter Fabriken führt zu nichts."
Alle solche Klagen aber laufen darauf hinaus: Macht die öffentliche Speisung zur Massen- speisung! And wer noch immer nicht den Pferdefuß erkannt hat, der überdenke einen Augenblick diese schlichten Worte eines sonst sehr loyalen Arbeiters: „Wie der neue Zusahlohn einen auf die Stange des Lohntarifs umgestülpten Brotkorb darstellt, wie der Kreml künftig die Stange nur zu verkürzen oder zu verlängern braucht, um uns hungern zu machen oder zu sättigen, so werden die öffentlichen Speiseanstalten immer mehr zur Gesindeküche des feudalen Herrn, unseres Staates. Denn der Witz liegt doch darin, daß die Speiseanstalten schon heute bewußt einmal gut, einmal schlecht mit Nahrungsmitteln oder Löffeln und Gabeln ausgerüstet werden, je nach der politischen Gefügigkeit der einen und anderen Fabrik, Gewerkschaft oder Lohngruppe."
Gießener Stadttheater.
Gastspiel pes Operettentheaters Hamborn: „Im meisten Nötz'l".
Einer der stärksten und dauerhaftesten Berliner Theatererfolge der letzten Zeit war das „Weiße Röß'l" in der Inszenierung von Charell im Großen Schauspielhaus: ein Erfolg, der sich nicht nur über öic gesamte deutsche Provinz ausgebreitet hat, sondern auch weit über unsere Grenzen gedrungen ist — bis nach London sogar.
den Wettlauf aller Parteien um die Gunst der Massen und die in den letzten Jahren allenthalben zutage getretene Großmannssucht machte der Redner für unser Wirtschaftselend mit verantwortlich. Damit müsse jetzt gründlich und endgültig gebrochen,
das Steuer müsse herumgeworfen werden. Untere Politik müsse hinweg von den sozialistischen Grundsätzen, sie müsse sich jetzt auch zu unpopulären Maßnahmen entschließen. Die Staatsführung müsse das Volk von der Notwendigkeit und Richtigkeit dieser Wandlung unterrichten und überzeugen. Kein anderer Weg führe zur Lösung der Krise als der, den Ursachen des Verfalls zu Leibe zu gehen. Der Redner kritisierte dann die neuen Belastungen aus der Juni-Notverordnung und betonte, daß die Zeit der Entlastung durch den Hoover-Plan von Deutschland dazu benutzt werden müsse, alle Reformen mit größtem Nachdruck d u r ch z u f ü h r e n. Er bemängelte, baß bis heute in dieser Hinsicht noch kein einheitliches Programm ausgearbeitet worden sei, um uns auf dieser Grundlage außenpolitisch widerstandsfähig zu machen in; Hinblick auf den baldigen Ablauf des Stillhalteabkommens. Diesen Mangel an einem festen und klaren Programm führte der Redner auf Hemmungen zurück, die von der Sozialdemokratie gekommen seien, um sog. Errungenschaften ter Revolution zu sichern. Er betonte, daß wir politisch und wirtschaftlich heute weiter wären, wenn der Reichskanzler nach den Reichstagswahlen vorn September 1930 die Kräfte, die damals ein so starkes Vertrauensvotum vom Volke erhielten, sofort in die Verantwortung gestellt hätte, anstatt sie weiter in der Agitation verharren zu lassen: ferner habe sich der Aus-
musikalischen Einlagen von wie Granichstädten, Stolz.
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Das Ganze ist eine ein
Rußlands neue Lohnpolitik.
Die Geißel 6er Arbeitsnorm. - Der Brotkorb auf der Stange. Don unserem dl.-Berichterstatter.
Es handelt sich um das gute, alte, unverwüstliche Lustspiel von Blumenthal und K a d e l b u r g , das schon über zahllose Bühnen gegangen ist; aus ihm hat Hans Müller eine Operette gemacht, und Benatzky, einer unserer begabtesten modernen Komponisten, hat eine überaus geschmeidige, pointierte und in ihren besten Teilen schon ganz volkstümlich gewordene Musik dazu geschrieben, deren Durchschlagskraft auf der geschickten Mischung von alter, unkomplizierter Melodiesührung und neuzeitlicher Instrumentierung beruht. Die Gesangstexte stainmen von " '
theatralisch außerordentlich gelungene Schöpfung, deren sensationellen Publikumserfolg man sofort begreift, wenn man erlebt, wie die traditionellen Lustspielverwicklungen am Wolfgangsee vor den Toren des Wirtshauses ^Zum weihen Röß'l" hier mit Gesang und Tanz, mit Girls und Buam, mit Feuerwehrkapelle und Jungfrauenverein, revuemäßig aufgemacht sind, ohne daß die teils humorvollen, teils sehr rührenden Elemente der alten Fabel darüber vergessen worden wären. Und also kommen sowohl die diver-
Die Deaische Volkspartei im Wahlkampf
Der Parteiführer Abg. Dingeldey spricht in Gießen.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Moskau, Oktober 1931.
Aus der russischen Erde ist jetzt wieder ein Industriegigant gestampft worden, wo vor einem Jahr noch kein Zaun stand: das Traktorenwerk in Charkow. 140 bis 160 Traktoren täglich werten hier zu bauen geplant. Und an demselben Tag weihte die Regierung e i n e L a st - autofabrik bei Moskau ein, deren Jahresproduktion mit 25 000 großen Lastautos für die Industrie, die Landwirtschaft und den Handel beginnen soll. Auch diese Fabrik ist sozusagen aus dem Nichts entstanden, aus einer noch unter dem Zarismus angelegten kleinen Fabrik, in ter bis dahin nur 1400 Arbeiter beschäftigt waren, deren Zahl sich aber mit einem Schlag auf 14 000 erhöht hat. Die Produktionspläne sollen sich von Jahr zu Jahr steigern, mit ihr auch die Arbeitermassen, und bis zum Jahresende 1931 stehen noch 516 neue Unternehmungen zur Einweihung, davon so bekannte und vielgerühmte wie Magnetogorsk und Kusnezk. Mit Stolz rechnen die Blätter aus, daß sich das Industrie- Grundkapital in den letzten fünfJa streu vvn 6 auf 14 Milliarden erhöht hat, daß bis zum Jahresende täglich noch 2 bis 3 Unternehmen eröffnet werden, daß z. B. in der Herstellung von Lastautos durch eine einzige Fabrik, die neue, jede amerikanische Leistung weit übertroffen wird, — es hat des Rechnens fein Ende.
Doch wer hielte beim Lesen der vielen schönen Reden aus Anlaß solcher Erfolge nicht einmal wenigstens inne, wenn versteckt und so nebenbei erwähnt wird: „Die von den Werktätigen der Sowjetunion auf gesparten Milliarden beginnen zu leben in der Gestalt gigantischer metallurgischer, chemischer und großer Maschinenbaufabriken. Alle diese Unternehmungen beginnen ihre Milliardenproduktion an Gußeisen, Metall, Kohle, Maschinen, Traktoren und Werkbänken, die für das Einhalten der weiteren Tempi ter Industrialisierung und den sozialistischen Umbau der Landwirtschaft so nötig sind?" Wer hält nicht inne — „Milliardenersparnisse für Milliardentempi?" ... Nein, nicht Sparkassenguthaben sind damit gemeint, sondern die Erträge der Entbehrungen des rußländischen Dölkermeeres zunutzen des — Sozialismus. So, und nur so ist es gemeint. Man nimmt im Arbeiterparadies kein Blatt vor den Mund. Aus dem Ertrag der Entbehrungen wird die Zukunft gebaut — an sich wie überall heute in der Welt, und dennoch von besonderer Art, ton so besonderer Art, daß der zweite Fünfjahresplan 1934 bis 1938 einen entschiedenen Bruch mit dem Bau von Industriegiganten bedeuten wird. Man plant nur einen Ausbau und eine Verbesserung des Verkehrswesens, der Elektrowirtschaft und der Versorgungsindustrie für den inneren Markt. Denn mit dem Abschluß des jetzigen Fünfjast- resplanes 1933 wird der Sowjetstaat technisch saturiert sein.
Wir sagen, der Cntbehrungsertrag im Sow- jetlante sei von besonderer Art und denken dabei an das neue bolschewistische Lohn- system, das seit dem 1. Oktober in Kraft ist. Seine politische Bedeutung steht der finanziellen in keiner Weife nach. Es bezweckt nämlich nicht nur eine quantitative und qualitative Steigerung der Arbeit und ihre geldliche Klassifizierung, um die bedrohlichen Breschen der Industrialisierung und Kollektivierung schleunigst auszufüllen. Sondern fein politischer Sinn liegt in einem neuen „ Ausglei ch" zwischen Staat und Volk, im einzelnen zwischen dem Staat als Arbeitgeber und dem Jndustrieproletariat als Arbeitnehmer, zwischen Staatswirtschaft und Gewerkschaftspolitik. Die besondere Tendenz des neuen Lohnsystems wird schon aus der Ablehnung des Standpunktes der Sowjetgewerkschaften klar, wonach Gewerkschaft und Arbeiterschaft sich an den Interessen ter Jndustrieverwal-
Die Deutsche Volkspartei in Gießen trat gestern abend mit einer sehr stark besuchten öffentlichen Wählerversammlung im Cafe Leib in den Wahlkampf ein. Der
Parteiführer ASg. Dingeldey sprach über die großen Fragen der Reichs- und der hessischen Landespolitik. Er wies einleitend auf die bevorstehenden deutsch-französischen Verhandlungen hin und betonte dabei, wir stünden heute diplomatisch und macht- politisch wieder da, wo Präsident Hoover das Feierjahr verkündet habe. Amerika sei in die Front derer eingeschwenkt, die Deutschland auf den Weg einer Verständigung mit Frankreich drängen und von dieser Verständigung ihre Stellung zu den europäischen Dingen abhängig machen. Der Redner erklärte, es sei zu bezweifeln, daß der Wille zu einer Verständigung auf der Grundlage der Gleichberechtigung — nur unter dieser Bedingung komme für uns eine Verständigung in Betracht — in Frankreich vorhanden sei, es sei vielmehr zu befürchten, daß Frankreich die politische und wirtschaftliche Gunst der Machtverteilung ausnuhen wolle, um alte Machtforderungen durchzusehen. Jetzt drehe es sich nicht nur um die Fragen der militärischen Macht, der Freiheit, der Ehre und des Nationalgefühls, sondern es gehe jetzt auch um die wirtschaftlichen Probleme. Nach einem Hinweis auf England, das jetzt unter den gleichen Wirtschaftsschwierigkeiten wie Deutschland leide, betonte der Redner, hier wie dort seien es die gleichen ztoei Ursachen für den Verfall: die Herrschaft der sozialistischen Irrlehren und Frankreichs Machtstreben. Der gesunde Wirt- schastsgedanke sei verfälscht worden durch die sozialistischen Irrlehren, und dadurch sei unsere Wirtschaft so schwer getroffen worden. Aber auch
hing nicht beteiligen können, „weil man ja nicht zu gleicher Zeit ein Unternehmen nach kommer- ziellen Grundsätzen leiten und die ökonomischen Interessen des Lohnarbeiters vertreten kann". Ihrerseits gibt nun die neue Lohnpolitik vor, den Gegensatz zwischen staatlichem Arbeitgeber und privatem Lohnarbeiter, also zwischen Staat und Gewerkschaft, überbrücken zu können. Das neue Aezept heißt technische Normierung.
Aber hinter diesem unverfänglichen Schlagwort steckt mehr als nur ein einheitlicher staat- "cher Plan- und proletarischer Lohnbegriff. Formal zwar umfaßt er sowohl das, was der Staat plant, und das, was der Arbeiter leistet, aber ter alte Gegensatz Staat — Gewerkschaft ist damit noch keineswegs behoben. Im Gegenteil: Wenn auch der Staat nicht mehr plant, als der Arbeiter gutwillig leisten kann, und der Arbeiter sich auch als nicht mehr betrachtet, denn eine Ma- ichtue, so gibt den Ausschlag in der technischen Normierung doch immer wieder der Staat. Denn die staatlichen Pläne sind nicht nur Wirtschafts-, sondern vor allem P a r t e i p o 1 i t i k, ter Arbeiter aber wird zu ihrer Erfüllung künftig von den Gewerkschaften nur instruiert, wie er eine jeweilige Arbeitsaufgabe am praktischsten und erfolgreichsten löst. Ganz unverblümt kommentieren die „Jfwestija" das neue Lohnsystem mit ten Worten: „Die Verwirklichung der hohen Tempi des sozialistischen Aufbaues verlangt die Unterordnung aller treibenden Wirtschaftsfaktoren, darunter auch des Arbeitslohnes, unter die Interessen der Volkswirtschaft." Und ohne Wimperzucken ob solcher doch in nichts vom Kapitalismus unterschiedenen Forderung redet das Regierungsblatt der Arbeiterschaft pharisäisch zu, nur ja mit aller Energie auf seine richtige Jnstruierung zur Verwirklichung der — angeblich gemeinsam aufgestellten — technischen Normierung zu pochen. Weiter kann kein Pharisäertum mehr langen.
Der Kern des neuen Lohnsystems nämlich besteht im Zusahlohn für quantitative und qualitative Arbeitsleistung über ter technischen Normierung. Die Norm aber wird von der Regierung je nach den politischen Bedürfnissen der Partei bzw. ihren volkswirtschaftlichen Interessen festgesetzt, wie wir. schon sahen, denn das Tempo des sozialistischen Ausbaues gibt der Arbeitgeber auch hier an. Aoch klarer jedoch wird die Falschheit dieser Lohnreform durch die Vergrößerung der Spannweite zwischen der Entlohnung von einfacher und qualifizierter Arbeit, falsch deshalb, weil auch die neue Lohnpolitik und gerade sie von der grundsätzlichen Gleichheit der Menschen faselt. Ja, dies neue System gewährt dem bisher so verachteten intellektuellen Fachmann schon bei bloßer Annäherung seiner Arbeitsleistung an die Norm einen progressiven Zusatzlohn, während der gewöhnliche Meister (etwa der Maschinenmeister) erst über ter Norm Zusahlohn erhält.
Zur Begründung solcher Politik redet die Regierung sich mit der ungenügenden Arbeitsleistung auf den Fabriken und sonst heraus. Freilich, die Arbeitsleistung war und ist nur gering, und zwar aus Granden sowohl der Trägheit wie auch der schlechten Lebensverhältnisse, ohne Zweifel. Aber mit dem neuen Lohn- stzstem will man ja nicht nur die Arbeit verbessern, sondern auch — und vor allem — den katastrophalen Gegensatz Staatswirtschaft — Gewerkschaftspolitik aus der Welt schaffen. Künftig also hilft hierzu die technische Normierung, formal von beiden Seiten festgelegt, tatsächlich aber jetzt erst recht die Knute in der Hand der Partei- und Staatspolitik. Die Regierung besitzt den Ausschlag beim Bestimmen des Aufbautempos, die Arbeiterschaft bei ihrer „Jnstruierung" durch die Gewerkschaften darin, wie sie die Pläne des Staates und der Partei am besten erfüllt. Wo die Gewerk- schaften politisch nicht gefügig sind, erhöht der
Staat die technische Normierung, um den Zusah- tohn weiter fortzurücken, und umgekehrt: wer sich fügt, erhält eine günstigere Normierung vorgeschrieben und verdient damit einen leichteren und größeren Zusatzlohn. Die Widerspenstigen aber mögen nur ruhig aus der Haut fahren, ihnen wird eine Normierung gegeben, an der sie sich totarbeiten können und doch nichts verdienen. Im offiziellen Sowjetjargon heißt man das: Prä- miensystem nach bolschewistischen Grundsätzen oder größere Geschmeidigkeit des Tarifsystems. So ist also auch im Sowjetstaat das Darifshstem noch immer die Trennungsmauer zwilchen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, nur daß das Kind hier einen anderen Namen hat.
Ganz klar aber wird die politische Bedeutung dieser Lohnpolitik erst bei Berücksichtigung des eingangs angebuteten Ueberleitens der Planwirtschaft von den forcierten Schlüsselindustrien zu der kleineren und mittleren Versorgungsindustrie. Allerdings, diese Ueberleitung nimmt ihre zwei bis drei Jahre gut in Anspruch. Aber schon jetzt hat die Regierung sich durch die öffentliche Speisung ter Arbeitermasse ein Mittel gesichert, dessen Anwendung ihr gerate dort, wo die Begeisterung des Arbeiters für Industriegiganten wegen deren Freßgier auf den proletarischen Entbehrungsertrag immer mehr aufhört, das Vorrecht eines Staatsseudalismus sehr wohl sichern wird. Ist es nicht ein vielsagendes Beispiel, daß bei der pompösen Einweihung der eingangs erwähnten Industriegiganten zwar jede Begeisterung in Worten vorhanden war, daß aber nur ein einziger Betrieb im ganzen Sowjetstaat an diesem -tage wirklich mehr als sonst gearbeitet hat, ein Dankesgruß quasi an die Regierung?! Nur ein Kohlenschacht gab sich zu einer so beredten Kundgebung mit der Tat her. Alles andere in Rußland feierte das große Ereignis mit einem genaueren Hinhoren auf den knurrenden Magen unter dem festgeschnürten Hosengürtel. Und ist es nicht auch ein Eingeständnis der Regierung selbst, daß sie zwei Tage nach der Einweihung, schon zwei Tage
I der zugleich für Spielleitung und Tanzregie ver- I antwortlich zeichnete. Er brachte eine vorzüglich eingespielte Aufführung heraus, die sich durch 'einfallsreiche Regie und große Ausstattung wie durch Tempo, Stimmung und bemerkenswerte darstellerische Leistungen erfreulich auszeichnete. Den musikalischen Teil der Vorstellung leitete Kapellmeister Will). Bachenheimer, der die dankbare Partitur mit straffer Stabführung betreute und für klaren Einsatz und kräftige Chorwirkung sorgte. Karl Löffler hat einen lustigen, mit leicht auswechselbaren Dekorationen versehenen Bühnenrahmen für das farbig bewegte Spiel entworfen.
Im Mittelpunkt des zum großen Teil vom vorigen Jahre her schon bekannten Ensembles stand Hans Schröck in der Rolle des Leopold Brandmeyer, der gesanglich und darstellerisch eine brillante Leistung zeigte und überhaupt als eine der fähigsten Kräfte der Hamborner Operette erscheint; wir kennen ihn von Frankfurt her und finden, daß sich seine sympathische Naturstimme in Technik und Umfang erstaunlich vervollkommnet hat; sein österreichisch-liebenswürdiges, heiteres Spieltalent macht ihn überdies für derartige Aufgabe besonders geeignet. Das Äuftrittslied im ersten Akt und das aktuelle Potpourri moderner Schlager im zweiten waren ausgesprochene Publikumserfolge.
Eine ebenbürtige Leistung bot Otto Kraatz, den wir selten in so guter Form erlebt haben wie hier in der Rolle des Giesecke, einer mit blühendem, berlinerischen Humor saftig und prall gegebenen Operettenfigur; sein Salzkammerguter Schuhplattler im zweiten Akt war eine äußerst fidele und aufgedrehte Angelegenheit; überhaupt erscheint diese Szene typisch für die bühnenmäßige Wirksamkeit und volkstümliche Durchschlagskraft eines mit großem Betrieb aufgemachten „Weißen Röß'ls".
Auch sonst gab es eine Reihe erfreulicher Leistungen zu verzeichnen: Ida B a u e r als die fesche und resolute Wirtin; die pikante und witzige Soubrette Anny Sperg als Ottilie; Alfred Fi r - ment, ebenfalls eine neue Ersechinung, stattlicher blonder Liebhaber mit guter Stimme und guter Haltung; Erich Berry, der zu allgemeinem Ergötzen mit einem Hauptschlager aufwartete: „Was kann der Siegismund dafür, daß er so schön ist?"; die komischen Vergnügungsreifenden Nuschi Wies-
ner und Fred Roth; Tilly Kaulmann als . fchaftlicher Freund der Zauberkunst vorn „Ama- Klärchen; Adolf Wiesner als Hinzelmann und, teur“ zum „Professional" wird. So betrieb einer Earl Santori als leutseliger Kaiser Franz. —
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