Ausgabe 
2.7.1931
 
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Donnerstag, 2. Juli (951

Nr. 152 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Italiens Vorstoß zum Wendekreis.

Ein Vorschlag für den französisch-italienischen Kolonialausgleich.

Don unserem v. O.-Derichterstatter.

Der Dorstoh der italienischen Kolonialtruppen fni xum Wendekreis des Krebses und die Er­oberung der Oase Eusra hat daS fran­zösisch-italienische Kolonialproblem. daS über den Kämpfen um die Abrüstungskonferenz und daS Verhältnis der KriegSslotten zeitweilig in den Hintergrund gerückt schien, aufs neue belebt. Die Tatsache, bah die italienische Flagge zum ersten­mal« in den bisher als uneinnehmbar geltenden Wüstensesten ter Senussi gehiht werden konnte, hat besonder« in Frankreich einen kie­sen Eindruck hervorgerufen, wo man mit Mih- trauen die kolonialen Aspirationen RomS ver­folgt. Das Hcrantragen der italienischen Macht- sp^ire an daS Gebiet von Dvrku und Tibesti macht in der Tat eine Einigung über die bisher noch nicht erfolgte Grenzziehung im Süden der lydi­schen Kolonie Italiens erforderlich. Es sind be­reit- Stimmen laut geworden, die ein weiteres Dvrrücken Italien- und eine Bedrohung der Ver­bindung zwischen Französisch-Westasrika und Französisch-Zentralafrika am Tschadsee Voraus­sagen Hiernach wäre das Endziel der afrikani­schen KvlSnialpolitik Italiens nichts weniger als eine Verlängerung LybienS bis nach Kamerun. Es will uns fraglich scheinen, dah Italien eben viel Kraft auf so einen Plan verwenden wollte. ,

In diesem Zusammenhang ist em kürzlich in der Otaffcgna Italiana" erschienener Aufsatz des Se­nators und Generals Luigi Dongiovanni über die Möglichkeiten einer französisch-italieni­schen Verständigung von besonderem Interesse, da der Verfasser als ehemaliger Gouverneur der Cirenaika für die Fragen der italienischen Kolo- nialpolitik eine unleugbare Zuständigkeit besitzt und die erwähnte Zeitschrift als der Regierung nahestehend bezeichnet werden kann. Daran än­dert auch das Vorwort der Herausgeber nichts, daS die Vorschläge Dongtovannis als rein per­sönliche Meinungsäußerungen aufgefaht haben will.

Der Verfasser vertritt den Standpunkt, dah die verwickelte internationale Lag« der Gegenwart nur durch eine Abänderung derFrie- densvertröge geklärt werden könne. Europa müsse sich selbst retten und werde das nur errei­chen. wenn bei den europäischen Staaten der ent­sprechende Wille vorhanden sei. In Angriff zu nehmen seien aber vor allem zwei wichtige Fra­gen. die der Sicherheit, wie sie Frankreich aussaht, d. h. als Doraussetzung für die Ab­rüstung, sowie das italienisch-fran­zösische Verhältnis.

Zur Lösung des Sicherheitenproblems sind nach Dongiovanni neue Wege erforderlich. Der Ver­trag von Versailles hat das international Recht um eine Formel ergänzt, die in gewisser Hin­sicht als neu zu bezeichnen ist: die der Entmili­tarisierung der deutschen Gebiete am Rhein. Hierbei habe es sich allerdings um ein Diktat des Siegers über den Besiegten gehandelt, nicht um die gegenseitige Sicherheit. Der Grundsatz der Entmilitarisierung der Grenz­zonen könne in bestimmten Fällen ein neues Mittel zur Verhinderung eines Krieges dar­stellen. In erster Linie müsse aber die Gegen­seitigkeit gewährleistet sein. Der Völkerbund sei noch nicht geeignet, dieses neue Befriedigungs­mittel zu verwirklichen: toerm seine Anwendung aber unmittelbar zwischen benachbarten Staaten möglich würde, wäre viel erreicht. Italien könnte als neuen Beweis seines Friedenswillens mutig dieses Beispiel geben. Wenn Italien Oester­reich Vorschlägen würde, auf 25 Iahre gegen eine Entmilitarisierung des Gebie­tes von Südtirol bis nach Tarvis das entsprechende Grenzgebiet zu entmilitarisieren, würde dieser Vorschlag voraussichtlich wo^wol- lend ausgenommen loerden und zu einer Besse­

rung der an sich schon guten Beziehungen zwi­schen beiden Staaten führen. Einen ähnlichen Vorschlag könnte Italien hinsichtlich der nördlichen und mittleren Adria machen. Seine Verwirklichung würde Italien und Südslawien Opfer auferlegen, aber zweifelsohne der Sache des Friedens dienlich sein. Man solle nicht von vornherein mit einer Ablehnung dieser Idee von Seiten Südslawien- und Frankreichs rechnen, weil das mit der Behauptung gleich­bedeutend tväre, dah Italien mehr als die Fran­zosen und Serben an der Aufrechterhaltung deS Friedens interessiert sei oder mehr al- sie einen Krieg fürchte. Die Annahme oder Ablehnung eine- italienischen Vorschlags aus Entmilitarisie­rung der nördlichen und mittleren Adria würde aus alle Fälle in internationaler Beziehung klärend wirken.

Run zu den besonderen italienisch-französischen Beziehungen: die Meinungsverschiedeichelten er­geben sich hauptsächlich auf folgenden Gebieten: die Gleichheit der Stollen, das französisch-süd­slawische Bündnis, die Südgrenze Lydiens, die Richterfüllung deS Arttkels 13 des Londoner Ver­trages, die Frage der Staatsangehörigkeit der Italiener in Tunis und die Duldung einer ita­lienfeindlichen Betätigung der italienischen po- littschen Emigranten (Fuorusciti) in Frankreich.

Die vorgeschlagene Neutralisierung der Adria würde die Frage der Flottengleichheit sowie das französisch-südslawische Bündnis beeinflussen. Italien, das seine Flot­tengleichheit mit Frankreich auf eine bereits vorliegende unumstößliche Anerkennung dieses Rechts sowie auf seine Lage a IS Mittelmeermacht stützt, könnte sich zu einem Entgegenkommen in der Verwirklichung der Ftottengleichheit bereit« finden, wenn seine leicht verwundbaren Küsten gesichert wären. An dem Tage, an dem die beiden lateinischen Schwestern sich einigen, würde außerdem der Grund zu dem französisch-süd­slawischen Bündnis fortfallen, und die Adria Italien und Südslawien mehr vereinen als trennen

Der Anspruch Italiens auf die Ausdeh­nung Lybiens nach Süden fuße auf dem Eintritt Italiens in die souveränen Rechte der Türkei, die von letzterer zum Teil ausgeübt, zum Teil nur festgestellt worden sind, aber nie ver­fallen seien. Sicherlich würde der Verzicht auf eine Ausdehnung der Südgrenze Lybiens bis ein­schließlich der Gebiete von Borku, Tibestt, Ennedi und eine« Teiles des älabai und auf eine un­mittelbare Beeinflussung * der Umgebung des Tschadsees für Italien ein großes Opfer bedeuten, da es sich nicht nur um ein Anrecht handelt, das von der Türkei übernommen wurde, sondern um eine natürliche geographische, wirt­schaftliche und militärische Ergänzung Lybiens. Andererseits müsse man aber anerkennen, dah die Türkei diese von ihr rechtlich beanspruchten Ge­biete nie wirklich besessen hat, während sie von Frankreich in kurzer Zeit durch Verbin­dung von Weit- und Zentralafrika tatsächlich in sein großes afrikanisches Reich cinbezogen wurden.

Rach Ansicht des Generals handelt es sich hierbei zwar um eine Verletzung der italieni­schen Rechtsansprüche, aber um eine vollen­dete Tatsache. Die Vorherrschaft der fran­zösischen Interessen in der Sahara und in Zen­tralafrika vorn Atlantischen Ozean bis zum Sudan und bis Kongo sei so klar, dah die italienischen Rechtsansprüche auf ein gröheres Hinterland für Lybien zwar bestehen bleiben, aber nicht un­abänderlich zu sein brauchten, sondern nötigen­falls als Austauschware benutzt werden könnten. Der Traum, wie in den allen Zeilen die Karawanen aus dem Süden in Bengasi und Tripolis ankommen zu sehen, könne forlfallen, ohne dah man ihn) von italienischer Seile nach-

?utrauern brauche, wenn inzwischen neu« af ri- anische Horizonte sich für Italien öffnen würden: (Es trifft zu. dah Lybien im Gegensatz zu früher keine Handels- oder verkehrspolitische Bedeutung hat.)

Ein noch gröhere- Opfer schiene jeder Kom- prvmih in Fragen der Staatsangehörig­keit der Italiener in Tunis. Ein Pro­blem. das eng verbunden ist mit der noch nicht verheilten Wunde, die durch die französische Be­setzung von Tunis im Jahre 1881 dem italieni­schen Rationalstolz geschlagen wurde. Ader so fährt der General fort die Weisheit eine- groben Dolles besteht nicht in der Verfolgung unerreichbarer Wunschgebilde. Wohl oder übel müsse anerkannt werden, dah die Frage deS Be­sitzes von Tunis gefchtofsen ist und nur durch einen siegreichen Krieg wieder geöffnet werden könnte. Frankreich habe für die Italiener in Tunis die französische Staatsangehörigkeit von der dritten Generation an als verbind­lich vorgeschlagen. Aus dieser Grundlage könnten nach Ansicht von Dongiovanni Verhandlungen beginnen, immer vorausgesetzt, dah Frankreich sich zu anderweitigen kolonialen Ge-- genleistungen bereit fände.

Diese Gegenleistung sieht der Dersasser der interessanten Ilbhanblung in einer Abtretung von französisch Somaliland an Ita­lien. Don 1915 an. als eS in London galt. Italien zum Eintritt in den Weltkrieg zu be­wegen. hat Frankreich eine entsprechende italie­nische Forderung rundweg abgelehnt. Ein Fehler der italienischen Regierung war es. nicht daraus zu bestehen. 3n Versailles wurde diese schüchtern wiederholte Frage nicht einmal diskutiert. Warum sollte Italien nun so einen Wert auf diesen kleinen französischen Besitz legen, der an Eritrea uno brittsch Somali grenzt und im übrigen ein Glied in der italienisch-englischen Kette ist, die Abessinien vorn Roten Meer und dem Indi­schen Ozean trennt

Bongiovanni geht langsam auf fein Ziel toS, indem er zunächst die Gründe cruSschaltet die nicht mitfbieten; der strategische Wert ist eS angeblich nicht, ebensowenig die wirtschaftliche Bedeutung von französisch Somali, noch seine Verkehrs- und Handelsbeziehungen über Djibuti mit Abessinien, die. wenn auch heute schon beachtlich, so doch nicht entwicklungsfähig seien. FranzösischerfeitS werde geltend gemacht, daß Djibuti der einzige französifche Hafen auf dem Wege nach Madagas­kar und Indvchina sei. diese Funktion könnte aber jeder beliebige Hasen am Roten Meer oder der Enge von Dal-el-Mandel übernehmen, diessHrage sei also nicht schwer zu lösen. Po fische Gründe liehen Frankreich den Streifen von So­mali so wichtig erscheinen: Frankreich will in Ostafrika vertreten sein, wo ein großer unab­hängiger Staat (Abessinien) gegenwärtig der Zivilisation entgegengeht, will ihm in dieser (Ent- wicklung helfen und sich für die dunklen Mög­lichkeiten der Zukunft einen Bundesgenossen schaf­fen Wenn Italien von Frankreich durch die Ab­tretung von Somali den Verzicht auf diese poli­tischen Absichten fordert, so ginge eS zweifelsohne um kein leichtes Opfer für Frankreich. Aber, war Paris für Heinrich IV. eine Messe wert, so könnte die Freundschaft Italien- und die Ga­rantie des europäischen Friedens dem heutigen Frankreich den Verzicht auf ein entferntes poli­tisches Ziel wert sein.

Anderseits sei es nicht anzunehmen, das; Frank­reich wirklich glauben sollte, Italien endgültig an der 'Beteiligung an der Zivilisierung des afrikanischen KonttnentS verhindern zu können. Wie Italien die Vorherrschaft der französischen Interessen in Rordwestafrika und in der Sahara loyal anerkennt, so soll Frankreich die Vorherr­schaft der italienischen Interessen und der ,be­rechtigten Aspirationen" in dem somalisch­abessinischen Asrika anerkennen. Sein Beispiel werde wahrscheinlicherweise (?) auch von Groh britannien befolgt werden, das ebenfalls an den Artikel 13 des Londoner Vertrages gebunden ist, den es mit der Abtretung des Iubalandes noch nicht erfüllt hat, und das ebenfalls über reichen afrikanischen Kolonialbesitz

Am 3.3uH werden wir mit dem Abdruck einer neuen großen Erzählung in den Familienblättern" beginnen:

Der Kampf der Tertia von Wilhelm Speyer ist das ge­lungenste Werk eines feinsinnigen zeit­genössischen Schriftstellers-eine richtige Sommergeschichte voller Humor und voller Liebe zu Kindern und Tieren.

herfügt, der weit wichtiger ki al- brittto maliland Auf diele Weis« wäre die Verbindung zwischen Italienisch-Eritrea und Italiemfch-So- maliland und ein alter Kotonialwunsch Italien­erfüllt.

Der Verfasser diese- Versuchsballon- betont natürlich nicht, daß der italienische Kolonial­besitz Abessinien dann geradezu umklam­mern würde, sondern erklärt, dah die Unab» bängigfett Abessiniens .außerhalb jeder Dis­kussion" stände .Aber seine Geschichte, seine man­gelhafte Festigkeit, feine feudale Verfassung" und die .realistische Bewertung seiner Rlögl ich leiten" zeige, ..dah Abessinien nur unter der Führung und unter dem Einfluß einer europäischen Groß­macht und zwar nur einer die Güter der Zivilisation erwerben, seine Reichtümer zur Geltung bringen und sein weitreichende- Gebiet bevölkern könne." ..Eine lange, ernste, dellkate Ausgabe, in allem Italien- würdig, die allmäh­lich zu lösen ist, in vollem Einvernehmen zwischen dem italienischen und dem starken abessinisch«* Volke zur glücklichen gemeinsamen Zukunft beider Völker und dem Fortschritt der Welt."

Soweit die Ausführungen de- italienischen Kolonialpolitikers. Sein Vorschlag auf Reutrali- fierung der Grenzzonen erfordert im Hinblick auf die Abrüstung-Verhandlungen Beachtung; aber auch die von ihm gedachte Lösung de- italienisch-französischen KolonialstreiteS läßt sich nicht allein zwischen den lateinischen Schwestern entscheiden. Deutschland wird gut tun, bei einer Reuverteilung, oder sagen wir vorsichtiger auch nur teilweisen Aenderung der Kolonien unb Kolonialmandate in Afrika nachdrücklicher feine Sortierungen anzu me l den al- bisher. Dis aber Rom und Pari« sich auf diesem Gebiete einigen, dürften noch so manche .Dorschläge auS- gcarbeitet werden.

Vermählung im fürstlichen Hause zu Lich.

--- Lich. >1. Juli. Unter Anteilnahme dev ganzen Bevölkerung sand gestern die Der­rn ä h l u n g des Fürsten Viktor-Adolf zu Bentheim-Steinsurl mit Prin­zessin Rosa-Helene zu SolmS-Ho- hensolms-Lich. der ältesten Tochter deS Fürsten Reinhard zu SolmS-HohensolmS-Lich und der Fürstin Marka geb. Gräfin zu Solms-Sonnen- walde statt. Bereits am Sonntag brachte die Mädchenvereinigung von Rieder-Bessingen in schöner Hessentracht ihre Huldigung an !daS Brautpaar dar und führte im Schtohgarlen ver­schiedene Reigen und Volkstänze vor.

Am Montagabend veranstalteten die Vereine Lichs einen Fackelzug mit anschliessendem Ständ­chen. Rach einem Vorspiel des PosaunenchorS, der auch die Marschmusik stellte, sangen dis VereineLäcllia" undRothscher Mannerchor" unter der Leitung der Ehormeister I l g e dzw. Steinje zwei mit großem Bei all ausgenommene Chöre. Ziegeleibesiher Schmidt hielt eine An­sprache. betonte die guten Beziehungen, die alle­zeit zwischen Stadl und Schloh bestanden haben, und brachte ein dreifaches Hoch auf daS Braut­paar aus, in das die zahlreich erschienene Menge

Steine nie sind, ganz seltsam bei der Berührung. Alles an ihm entzückte mich.

Ich zeigte dem Vater meinen Fund. Zuerst schien er nichts Besonderes an dem Stein zu finden; als ich ihm aber alt sein Wundersames erklärt hatte, meinte er:

Es ist wahrscheinlich gar kein Stein. Er sieht aus wie poliert, und auch die Farben sind zu lebhaft. Cs wird Wohl ein Stück von einem zer­brochenen Bierkrug sein." ,

Ich war empört und erschrocken zugleich. Ich schleuderte den Stein mit aller Kraft vor unsere Füße hin und hob ihn ganz und unversehrt wieder auf. Ein Stück von einem Bierkrug hätte zerbrechen müssen. Ich triumphierte. Der Stein in meiner Hand triumphierte. 11 nb hinter mir und hinter dem Stein stand die ganze triumphie­rende Ratur. die so tief beleidigt worden war, denn es hatte geheißen: Dein Stein ist so schön, daß er.nicht natürlich sein kann. Aber nun war cs ein Stein und kein Menschenwerk. unb alles an ihm hatte bie Ratur gemacht.

Der Vater war überwunden. Er nahm den Stein in bie Hanb und war jetzt offen für alle feine Köstlichkeiten. Währenb er bie seltsame Form betrachtete, sagte er. unb ich konnte es kaum glau en vor Freube:Wenn bu größer bist unb einmal reiten kannst, bekommst bu eine Reit- peitsche mit bem Stein a.s Griff." Ein silber­ner Ring sollte den Stein fassen unb ihn an den Stock anschllehen.

Der Stein bekam den Ehrenpatz unter allen meinen Steinen. Er war mir dreifach teuer unb foftbar: burch sein wunberbares Sein, burch bie Erinnerung an meinen Triumph unb burch bie Hoffnung auf seine Erhöhung und Schmückung mit Silber. .

2Ls w.r bald darauf Parts für immer ver­lassen sollten, gab es in Anbetracht beä Um­zugs schwere Sorgen, bie auch bie beruhigenden Versicherungen ber Erwachsenen nicht ganz her- scheuchen konnten.

OSirb man auch alles, was hier verschwmbet in Schränke unb Kisten, wohlbehalten, Stück für Stück wieberbekommen? Das Her; hing lehr am Besitz. Für meinen kostbaren Stein bangte mir am meisten. Er war das letzte, von bem ich mich trennte, als schon die Packer in unseren Zimmern herumllesen.

Rach langer Zett, nt ber neuen Wohnung, be­kamen wir alles wieder. Wes war da. Alles war wohlbehalten. Das einzige, toas fehlte und nicht mehr zum Dorschein tarn, war mein Stein.

Oer Siem.

Don Irmgard von Faber du Faur.

Es gab so viele erstaunliche Dinge.

Manche waren nur zum Sehen, wie der Him­mel, unb was an ihm vorging, ober nur zum Denken, wie alles, was bie Menschen sagten unb taten. Aber bas Schönste waren so.che, bie man in die Hand nehmen konnte, unb bie nicht wie Schneesterne im Augenblick, ba man sie be­rührte. vergingen. Mit bem In-bie-Hanb-Rehmen nahm man sie wirklich zu eigen.

Im Sonuyer gab es solche schönsten Dinge vorn Morgen bis zum Abend. Am Meer füllte man Säcke mit Schätzen: Muscheln und Seetang. See­sterne unb Schneckenhäuser. Zugleich träumte man noch immer von Fischen unb anberen fchwuw- menben Tieren, bie da in kleinen Felstrichtern blitzschnell hcrumschossen, sie doch auch einmal.in bie Hanb zu bekommen. Wie man m ber stillen Straße vor Großvaters Haus immer hoffte, von ben Tauben eine mit bem zauberhaften schu- lernben Gefieber, bas wohl auch weich unb tost- lich anzufühlen fein mußte, doch noch einmal zu fassen. Zutraulich hüpften ste <^f ben bunten Pflastersteinen ganz nahe heran, aber flatterten auf im Augenblick, ba man sie greifen wollte.

Auch in Paris auf bem Schulweg gab es immer toiebet neue, erstaunliche Dinge: zum Sehen, zum Denken unb zum In-bie-Hanb-Rehmen.

Einmal waren große Steinhaufen aufgeschuttet zum Ausbessern ber Straße, ganze Berge, man kletterte hinauf unb lief oben entlang, bas war luftig Aber noch besser war es. auf bie Steine Acht zu haben. Keiner war wie der andere. Don dem ganz großen Haufen von Steinen hatte jeder einzelne eine besondere <jarbe unb Form. Manche waren gewöhnlich. Wie wie man ähnliche alle Tage fand; aber manche waren ganz selten. Die schönsten trugen wir nach Hause unb fügten sie zu unseren Schätzen. So hatten wir einen Stein ber war geformt wie ein Dogemest. cm anbercr sah aus wie eine Ruß. ganz genau, mit Oben unb Unten, unb sogar ber erhöhte Ranb. wo bie beiden Ruhschalen aneinander- liegen, war daran gebildet.

Ich ging auf den Steinbergen. Ich nahm einen Stein in die Hand. Er war blau und gelb; das Blau in sich selber spielend, ftetgtrte sich vom milchig Hellen zum wundervollsten blaue­sten Leuchten, und seine Form war bie §orm eines Brückenkopfes. Er war so gllttt, Wie sonst

Alle anderen Steine waren ba, ber wie eine Ruh auSsah. und der wie ein Vogelnest beschaf­fen war, aber mein blau und gelber, kostbarer Stein war verloren.

Ich habe mich später in jedem fremden Land, in jeder fremden Landschaft, durch die ich ging, nach den Steinen gebückt, und sie in bie Hanb genommen. Keiner glich dem anbem. Jeder war von jedem verschieden, an Farbe unb Gestalt, unb bei ber Berührung mit ber Hand. Ieder offenbarte ein anderes Geheimnis der Erbe, spiegelte eine andere uralte Erinnerung. Meinem verlorenen Stein aber glich keine- der Gesteine. Er war wie eine kleine leuchtende Wolke ge­worden, die man einmal gesehen hat und bie am Himmel verging, wie ein Schneestern, der bei ber Berührung mit der Hand erlischt.

Rach ben Jahren ber Fremde ging ich in Deutschland wie einer, der ins Da ter haus zu­rückkehrt und seine Liebe nun durch alle Räume trägt.

Ich berührte bas Gestein bes Gebirges, ich fühlte ben märkischen Sank) unter meinen Füßen, lieh ihn burch meine Finger rieseln. Unb eines Tages schloh sich jenes halbvergessene Kinder- erlebnis zum Ring.

Ich lag im Sande und spielte mit ben Steinen. Ich fühlte eine unwahrscheinliche, seltsam köst­liche Glätte, sah leuchtenbe, unwahrscheinliche Farben und hielt auf einmal meinen verlorenen Kinderstein wieher in der Hand.

Da sah ich bas lächelnbe Antlitz der Erde, zu- getoanbt mir in Freundlichkeit unb mütterlich allgegenwärtiger Treue, die war, ist und sein toirb, so lange ich lebe.

Italiens erste Vogelwarte.

Die Italiener haben in der Welt der Dvgel- freunbe einen schleck ten Ruf, weil sie als rücksichts­lose Dogeimörder und Dogelesfer bekannt sind. Aber auch in Italien scheint sich langsam ein Um­schwung vorzubereiten, und ein Beweis dafür ist die Tatsache, daß die Italiener auch anfangen, sich an ber Vogelforschung zu beteiligen, denn Ver­ständnis für das Wesen dieser Bewohner der Luft ist Vorbedingung für eine größere Ehrfurcht vor ihrem Leben. Bisher gab es nur in Oberitalien zwei vom Mailänder Verein für Vogelkunde ein- -«richtete kleine Beobachtungsstellen. Die erste, streng wissenschaftlich geleitete Vogelwarte ist, wie

Dr. Knottnerus - Meyer im .Ratursor- scher" (Hugo Dermühler-Derlag, Derlin-Lichter- felbe) mit teilt, im Mai vorigen Jahres in ber Rähe von Rom geschaffen worden. Der beste Vvgelkenner Italiens, Fürst FranceSco Chigi, stellte zu diesem Zwecke Gelände und Baulichkeiten auf feiner Besitzung Eastel Fusano, zwei Kilometer von Ostia entfernt, an ber Hüfte bes Tyrrhenischen Meeres zur Verfügung; die wissenschaftliche Lei­tung hat ber Professor Raffaele von der Uni­versität Rom. Das neue Institut stellt sich die Ausgabe, durch Beringung der Vögel nach dem Vorbild von Rossitten ihre Zugsttahen zu bestim­men, ihre Ruheplätze auf dem Zuge und Rist- ftätten genau festzustellen, ferner die Dauer deS Zuges, seine Abhängigkeit von Wetter unb Wind­richtung. Alter unb Verhalten ber Vögel, ihre Schnelligkeit und Wiberstanbskraft, bie körper­lichen Bedingungen, unter denen sie wandern, Ver­änderungen in ber Färbung des Gesieders usw. zu untersuchen. Auf dem Gipfel einer Str and du ne ist in ber Rähe eine Fangstelle errichtet, bie von einem 200 Meter langen unb 3 Meter hohen Reh abgeschlossen wirb; dieses ist in vier Abteilungen zu je 50 Meter eingeteilt und hält auch den stärk­sten Seewinden stand. Die von Afrika über das Meer kommenden Vögel treffen meist in den frü­hen Morgenstureben ein unb fliegen gegen das ela­stisch nachgebende Retz, in dessen weiten.Taschen" sie sich fangen; sie werben bann behutsam herauS- genommen und in mit Leinen überzogenen Körben untergebracht; nach der Beringung werden die Tiere wieder freigelassen, und abends beginnen sie von neuem ihre Wanderung, denn die Rächt ist die Hauptzugzeit der Dögel. Schon während ber ersten Vevbachtungsperiode von März biS Juli v. 3. hat man wichtige Ergebnisse gewonnen. So wurden am 18. und 19. Mae drei Wachteln südlich von Ancona an der adriatischen Küste ge­fangen, die den Tag vorher in Fusano beringt worden waren. Diese baldige Erbeutung der Wachteln enthüllte de erstaunliche Tatsache, dah bie kleinen Tiere innerhalb von 24 Stunden eine Entfernung von 500 bis 700 Kilometer, je nach der genauen Flugrichtung^zurückgelegt haben; da­bei übertlogen sie den 2Lt>ennin, ber dort eine Höhe von 2000 Meter erreicht. Wissenschaftlich wichtig ist, dah bie Vögel ben Apennin quer nt nordöstlicher Richtung überflogen; bas bestätigt die Annahme, bah die Landvögel nicht einfach nvrdsüblich ober umgekehrt, sondern von Rvrd- often nach Südwesten ober umgekehrt ziehen-