Montag, 2. März VN
18j. Jahrgang
Nr. 51 Erstes Statt
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Außerkraftsetzung
Schlichtungswesens.
Not der
des 2ch
Vorbehalt, daß diese für den Dienst zwischen dem Mutterland« und den französischen Kolonien in Uebersee Verwendung finden.
5. hinsichtlich der 10 000-1 onnen-fitcu- zer sollen sich Frankreich und Italien gleich- stehen.
6. In der allgemeinen Kategorie der Hilfs- schiffe soll Frankreich eine leichte Ueber- l e g e n h e i t gegenüber Italien erhalten.
0er erste Eindruck in England
Abwartende Halt'ng der Londoner Presse.
London, 2. März (WTB. Funkspruch.) Die Blätter behalten sich in Erwartung der Einzelheiten der vorläufigen Flottenvereinbarung ihr endgültiges Urteil vor, drücken aber ihre Befriedigung über das bereits Bekanntgewordene aus. „Daily Herold" sagt: Wenn die Staatsmänner bei der internationalen Abrüstungskonferenz den gleichen Mut,unb Fähigkeiten zeigen würden, wie sie bei den jetzt beenoeten Besprechungen in Paris und Rom zu Tage getreten seien, dann dürften die Aus- sichten der Konferenz gut sein. — Im „Daily Telegraph" heißt es: Großbritannien sei natür- lich kein uninteressierter Vermittler gewesen, aber eine Verständigung zwischen den beiden eifersüchtigen Mittelmeermächten habe ohne Zweifel eines der größten Hindernisse der Abrü- stungsverhandlungen beseitigt. — „Daily E x - preß" sagt: Henderson und seine Mitarbeiter verdienten Lob für ihre Leistungen auf einem der heikelsten Gebiete der internationalen Diplomatie. — Das liberale „N e w - C h r o n i c l e" führt aus: Im Augenblick wollen wir dem geschenkten Gaul nicht ins Maul sehen, sondern alle Parteien beglückwünschen zu etwas, was auf den ersten Augenblick wie ein Sieg derSache des Friedens und der Vernunft aussehe.
Wünsche der Parteien nicht auh<n: Acht lassen. Die Lohnhöhe ist kein ausreichender Maßstab für die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Es kommt auch darauf an. was für die Löhne geleistet wird. Hinsichtlich der Leistung steht der deutsche Arbeiter mit an der Spitze aller europäischen Länder. Lieber die Beseitigung von Inflationserscheinungen und Unausgeglichenheiten im Tarif-, Schlichtungs- und Sozialver- sichcrungswesen lasse ich mit mir reden, am Kern dieser Einrichtungen dagegen lasse ich für meinen Teil nicht rütteln!
Die Aengstlichen und lleberängstlichen im Ausland sollten sich vor allem diese Leistungen des deutschen Volkes und Staatswesens vor Augen hallen. Dann würden sie zu richtigeren Schlußfolgerungen kommen, als wenn sie immer nur auf die deutschen innerpolitischen Auseinandersetzungen starrten, die in ihren Grundrichtungen durch die große und lange Notzeit als geradezu organisch bedingt angesprochen werden müßten.
Wirischaflskrisiö und Reparationen
Reichsbankpräsident Dr. Luther über die Sicherheit der deutschen Währung.
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Chefredakteur
Dr Friedr Wilh. Lange. Derantwortlich für Politik Dr Fr Wilh. Lange, für Feullleton Dr H.THynot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.
Rom, 28. Febr. WTB.) wie offiziell mitgeteilt wird, ist in den italienisch-britischen Verhandlungen eine grundsätzliche Einigung über die auf der Londoner Flotlenkonseren; noch offen gelassenen Fragen erzielt worden. Die Formel muß noch der französischen Regierung unterbreitet werden, die britischen Minister Henderson und Alexander reisten zu diesem Zweck nach Paris ab. In Paris fand am Sonntag zwischen den französischen und englischen Ministern am Quai d'Orsay eine Aussprache statt. Um 19 Uhr französischer Zeit haben v r i a n d und Henderson an den italienischen AuhenministerGrandi einTelegramm gerichtet, in dem sie ihr gemeinsames Einverständnis mit den in Rom getroffenen Vereinbarungen seststellen, der italienischen Regierung für ihre loyale und freundschaftliche Haltung danken und ihre Bereitschaft erklären, die erzielten Abmachungen ihren bzw. den interessierten Regierungen zur Billigung vorzulegen.
Rach einer in der Morgenpresse veröffentlichten Agenturmeldung aus Rom sollen die Bedingungen des Flottenkompromisses wie folgt lauten:
1. Frankreich wird gegenüber Italien in der Gesamttonnage eine Ueberlegenheit bewahren.
2. Italien wird in der Kategorie der T o r - pedobootszerstörer und der leichten Kreuzer eine etwas höhere Tonnage erhalten als Frankreich.
3. Frankreich wird in der Kategorie der Unterseeboote eine ziemlich beträchtliche Ueberlegenheit gegenüber Italien erhalten.
4. Frankreich darf einige seiner großen Schlachtschiffe modernisieren mit dem
Das Flottenkompromiß perfekt
Einigung zwischen CRom und Paris unter brit scher Vermittlung. Italien verzichtet auf seine Paritätsforderung.
lebens durch. Die kurzfristige Verschuldung, die uns als „unsichtbare Besatzung" bedrohe, sei durch eine langfristige, sich selbst langsam abtragende, a b z u l ö s e n.
Billiges Kapital brauche Deutschland, um die Ausfuhr zu steigern. (Eine der Voraussetzungen des Poungplanes fei, daß die freulfdjc Ausfuhr sich vermehren laste. Die Tatsache der Repara- lionsverpslichtungen wirke jedoch genau in der umgekehrten Richtung. Unsere Repa>-alionsoer- pslichtungen seien eine der Ursachen für die hohen Zollgrenzen, die die Genesung der Menschheit hindern.
Die deutschen Zölle seien notwendig, das reparationsbelastete Deutschland könne nicht aus Maßregeln zur Herabsetzung seiner Einfuhr verzichten. Damit hänge zusammen, daß Länder, die an den Reparationen unbeteiligt, aber auf die AuS- fuhr landwirtschaftlicher Erzeugnisse angewiesen sind, in Schwierigkeiten geraten. Aber auch überall in den Empsängerländern werde mit Besorgnis aus das Absinken der deutschen Kaufkraft und die daraus beruhenden Ausfälle in den Weltmärkten geblickt. Der Boung- Plan habe Verpflichtungen für Deutschland geschaffen, aber ebenso Verpflichtungen für die anderen. Wohl bei allen Sachverständigen sei bei Abschluß des Voung-Planes die Hoffnung vorhanden gewesen, daß die Tatsache dieses den Dawes-Plan ablösenden Reparationsabkommens der Weltwirtschaft einen neuen Auftrieb geben werde. Die wirkliche Entwicklung habe dieser Hoffnung in gar keiner Weise entsprochen. Es sei hohe Zeit, daß etwas Reues in die Welt hineingebracht werde. Ob auf Grund des Voung-Plans oder über ihn ßin- auswachsend, sei gleichgültig. Es komme darauf an, daß die starken Kapitalkräfbe und Ka- pitalmächte der Welt sich die Hand zu g e m e i n - samem Handeln, zur Rettung der Völker der Kulturwelt reichten. Voraussetzung dabei ser die Verständigung auch mit denen, denen bas Geld zugeführt werden solle, und der Verzicht auf die Verbindung politischer oder polikk- ahnlicher Forderungen mit der Kapitalgewährung.
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Der Reichsbankpräsident, fuhr Dr. Luther fort, müsse deutlich sprechen. Die gegenwärtige habe ihren Grund nicht in Mängeln Währung. Viele der Pläne, die darauf aus- ginaen, durch Währungsexperimente die Rettung zu versuchen, seien nichts anderes als Wege zur neuen Inflation. Die Machtmittel der Reichsbank seien zur Verhinderung einer Inflation durchaus genügend. Der Währung drohen keine
Gefahren.
Es fei von entscheidender Wichtigkeit, daß d i e Bahn für das natürliche Spiel der marktwirtschaftlichen Kräfte frei sn und mithin, wo erforderlich, frei gemacht werde. Daß die Reparationsleistungen den marktwirlschaftlichen Organismus der . Welt immer mehr schädigen und untergraben, diese Erkenntnis setze sich in steigendem Maße bei den Sachverständigen des Wirtschajts-
Giegerwald begründet den sozialpolitischen Kurs
Oer Etat des Reichsarbeitsministeriums im Haushaltsausschuß.
Oer Bottstrauertag in Berlin.
Der Neichspräsid nt bei der Feier int Reichstag.
Berlin, 1. März. (WTB.) Zu der heute wie alljährlich am Sonntag Reminiszere abgehaltenen Gedenkfeier des Dolksbun- des Deutsche Kr i e g s g rä b e r f ü r s o r g e war der Plenarsihungssaal des Reichstags eindrucksvoll und würdig geschmückt. Die Rednertribüne zierten zwei von Reichsregierung und Reichstag gestiftete Kränze in den Reichsfarben. Punkt 12 Ahr nahm der Herr Reichspräsident, durch Erheben der Versammlung begrüßt, in der Präsidenten löge Platz, begleitet vom Reichstagspräsidenten Lobe, den Reichsministern Groener und Wirth, dem früheren Reichswehrminister Gehler als Präsidenten des veranstaltenden Dolksbundes, dem Ghef der Marineleitung, Admiral Räder, dem Chef der Heeresleitung, General Freiherr v. Hammerstein, Staatssekretär Meißner und Oberstleutnant v. Hindenburg. Auf der Rc- gierungstribüne hatten Platz genommen Reichskanzler Dr. Brüning, Vizekanzler Dietrich, die Reichsminister Dr. Cmrtrus. v. Guörard, Treviranus.
Der erste Schriftführer des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge Dr. Eulen hielt die' Gedenkrede, die von musikalischen Darbietungen des Kosleckschen Bläserbundes und des Erckschen Männ rg:sangve>e ns ftima u gä oll umrahmt war. Mit den Klangen der ersten Strophe des Liedes „3d) hatt' einen Kameraden und dem von der ganzen Versammlung stehend gesungenen Deutschlandlied schloß die Feier. Der Herr Reichspräsident schritt nach dem Terlassen des Reichstages in Begleitung des Reichswehrministers Groener die vor der Freitreppe aufgestellte Ehrenkompanie' des Wachregiments unter den Klängen des Präsenticrmarsches ab. Dem Reichspräsidenten wurden bei seiner Ankunft wie bei der Abfahrt lebhafte Huldigungen dargebracht.
Die Kriegslage im 3uni 1918.
ÄriMche Tage vor dem Wendepunkt.
Aeuyork, 28. Febr. (WTB-) Rew Bork Times, die in täglichen Fortsetzungen die Kriegserinnerungen des früheren amerikanischenHöch st kommandieren- den der amerikanischen Armee, General Pershing veröffentlichen, drucken heute einen Brief Pershings an den früheren Kriegsminister Baker ab, der im Juni 1918 geschrieben ist, und in dem Pershing dringend weitere zwei Millionen Soldaten und eine weitgehende DeschäftigungvonFraueninden Munitionsfabriken verlangt, da die Aussichten sehr ungünstig seien. „Wenn in diesen Jahre", so heißt es in dem Schreiben wörtlich, noch weitere ernste Rückschläge kommen, dann wird es sehr schwerfallen, Frankreich überhaupt noch im Kriege zu halten. Die moralische Widerstandsfähigkeit sowohl der französischen als auch der britischen Truppen ift nich t wie sie sein sollte. Unsere zweite und dritte Division haben in Wirklichkeit die Deutschen zum Halten gebracht, die Franzosen waren der Aufgabe nicht gewachsen."
staatlichen gab zur Antwort, daß ich" dafür nicht zu haben sei. Es geht nicht an, daß man in einem Zeitpunkt, wo man die Wohnungspolitik umwirft, die Ar- beitsloscnpersicherung vom ReichSetat abhängt, die Steuern für die breiten Massen erhöht, Lohnkürzungen durchführt, gleichzeitig die Arbeitnehmer des letzten lohnpolitischen Schuhes beraubt. Daß in der Regelung der Arbeitsbedingungen noch manches gebessert werden kann, weiß ich natürlich auch. Auch ich wünsche, daß die beiderseitig« Verantwortung gesteigert werden möge. Die Parteien können im Einzelsall über Geltungsbereich, Inhalt und Laufdauer des Tarifvertrages reifliche Ueber- legungen anstellen. Die Schlichtungsbehörden werden die auf die Bedürfnisse abgestellten
Leipzig, 1.März. (WTB.) Aus dem Presse- abend der Leipziger Meste wandte sich Reichs- bankpräsident Dr. Luther gegen die politische Ausschlachtung des neuen Rcichskredits und der Beteiligung französischer Banken daran und sagte, es handele sich bei diesem Reichskredit um einen höchst unsensationellen Vorgang lediglich fin anz tech n i sch e n Charakters, der in normalen Zeiteii überhaupt nicht beachtet worden wäre. Bei annähernd fünf Millionen Erwerbslosen werde kein Kundiger behaupten, daß Deutschland über den Berg sei. Deshalb handele es sich an erster Stelle immer noch um die tatkräftige Fortsetzung des inneren Reform Werkes, sowohl un Sinne einer unmittelbaren Sparsamkeit wie durch Vereinfachung des gesamten St aa t s - undVerwaltungsorganismus. Wie es aber auch weitergehen möge, aus der bisherigen Entwicklung muffe festgehalten werden, was das Reich feit einem Jahre in der Ordnung ferner Finanzen geleistet habe. Eine gerechte Beurteilung erfordere die Hervorhebung der ^atsache. daß sich in diesem Jahre schwerster Rot der Schuldenstand des Reiches zwar etwa um 500 Millionen Waick, aber doch eben nur um diese 500 Millionen Mark erhöht habe und dabei die schwebende Schuld in ihrer Höhe unverändert geblieben sei.
Berlin, 1. März. (VDZ.) Der Haushalts- ausschuß des Reichstages begann die Beratung des Haushaltes des Reichsarbeitsministeriums. Reichsarbeitsmini st er Dr. Steger- wa ld erklärte zu seinem Etat'
Ein Allheil-Mittel für die Behebung der gegenwärtigen Krise gibt es weder in Deutschland, noch in Europa, noch in der Welt. Die preußisch« Regierung hat vorgeschlagen, ein großes M e - livrationsprogramm auszustcllcn, das neunte Schuljahr einzuführen und ein« gesetzliche Vorschrift zu erlassen. daß weiter« Ar- beiterentlafsungen nur dann vorgenommen werden dürfen, wenn ein« entsprechende Arbeitszeitverkürzung durchgeführt fei. Wieder andere versprechen sich viel von der Arbeitsdienst p s l i ch t. Der Reichsfinanzminister hat vor kurzem die Frage aufgeworfen, ob nicht einige für die Gesamtwirtschaft b-efond«rs wichtige Industrien dadurch belebt werden könnten, daß ihnen aus Mitteln der Arbeitslosenversicherung oder der Krisenfürsorge Vergünstigungen eingeräumt werden sollten, wenn sie mehr Arbeiter ein st eilten. Von gewerkschaftlicher Seite ist vorgeschlagen worden, die Arbeitszeit vorübergehend auf 42 oder 40 Stunden zu verkürzen. bzw. die Fünftagewoche einzuführen. Alle diese Vorschläge enthalten einen gesunden Kem. Aber meines Erachtens ist generell keiner durchzusühren.
Am umfassendsten geht meiner Ueberzeugung nach das Sanierungsprogramm der Reichsregierung an die Dinge heran. Sein Ziel ist, unter allen Umständen 0 r fr- fi u n g In fr i e Finanzen der öffentlichen Hand zu bringen, Sicherheit und vertrauen und damit die Grundlage für eine langfristige Kreditpolitik zu schaffen. Das sind natürlich Aufgaben, die nicht von einem Tag zum anderen Tag gelöst werden können. Bis dahin kann man selbstverständlich nicht die Arbeitslosen ihrem Schicksal überlassen. In der Frage der Meliorationen gibt es keinen Streit. Seit Jahren werden diese mit öffentlichen Mitteln gefördert. Sobald die Beschaffung langfristiger Gelder möglich ist, soll und kann mit einem großen Programm begonnen werden. Ueber die Frage der fremdländischen Landarbeiter haben sich Reichsregierung und Reichsrat geeinigt. Das Ziel ist, möglichst bald ohne diese landwirtschaftlichen Arbeiter auszukommcn. Das 9. Schuljahr ist nur als vorübergehende Zwangsmaßnahme denkbar. Auch Arbeitgeber und Arbeitnehmer sträuben sich dagegen, weil sie dafür die Kosten aus den Mitteln der Arbeitslosenversicherung aufbringen sollen. Von der A r b e i t s d i e n st p f i i ch t verspreche ich mir nicht den sachlichen Erfolg und die moralische Wirkung auf die jugendlichen Arbeiter, wie sie von den Befürwortern erwartet wird. Die Besprechungen im Reichsarbeitsminifterium tarnen zu dem gleichen Ergebnis. Anders steht es mit dem Gedanken des freiwilligen Arbeitsdien ft e s, der zweifellos vieles für sich hat. Für die Pläne, die der Reichsfinanzminister ventilierte, kommen in der Hauptsache Kohlen, Eisen, Schiffsbau und Reichsbahn in Frage. Im ganzen erheben sich grundsätzliche Bedenken, die gegen jede Sonderunter st ützuna einzelner Wirtschaftszweige aus öffentlichen Mitteln bestehen. Wenn überhaupt, so dürften Subventionen nur in den seltenen Ausnahmefällen vertretbar fein, wo Interessen des ganzen Volkes auf dem Spiele stehen.
Die Arbeitszeitverkürzung kann auch nicht al» das große Allheilmittel angesehen werden. Denn es ist zu überlegen, daß nur noch gut d i e Hälfte der Arbeitnehmer in Industrie, Gewerbe, handel und verkehr voll be- befchäftigt ist.
Betrachtet man bi« in dielen Wirtschaftszweigen nicht ober nicht voll ausgenuhtcn Arbeitskräfte und die Beschäftigten als eine Einheit, dann ist zu sagen, daß gegenwärtig in diesen Wirtschaftsgebieten täglich etwa nur 51/» Stunden gearbei te t wird. Ich kann nicht so optimrstilch sein, zu glauben, daß eine schematische Arbeitszeitverkürzung in der komplizierten deutschen Dolkswirtfchaft viel erreichen kann und bah man ohne Mehrproduktion den Lebensstandard des deutschen Volkes aufrechterhalten kann. Das ist aber nicht mein letztes Wortuber die Arbeitszeitverkürzung. Führen andere Mittel nicht zum Ziele, dann muß man trotzdem zu einer Arbeitsstreckung und zu einer Arbeitszeitverkürzung gelangen. Denn es ist meines Erachtens für uns nicht tragbar, im ganzen Jahre 1931 vier und mehr Millionen Menschen auf der Straße zu haben. . .
Heber die deutsche amtliche Lohnpolitik herrscht noch immer große Verwirrung. Rach der volkswirtschaftlich-praktischen Seite hin stand die Reichsregierung im September 1930 vor der Frage, was ist bei unserer Gesamtlage gegenwärtig das Primäre? Die Senkung der Gestehungskosten oder die Einführung einer verkürzten Rotarbeitszeit?
Die Reichsregierung sah aus außen- und inner- politischen Gründen die Senkung der Gestehungskosten als das Primäre an. Dabei konnte keine Regierung, mochte sie aussehen wie sie wollte, an der Lohnfrage vorbeigehen. Bei der Lrörle- ctmg dieser Frage halte ich sowohl das versteife«
GietzemrAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
vnttl lind Verlag: vrühl'fche Untverfitätr-Vllch. und Stehrtrnderei B. Lange in Gießen. Zchriftlettung und Geschäftsstelle: Schulstraße 7.
auf die Kaufkraft-Theorie als auch eine allgemeine Lohnkürzung von 20 bis 25 Prozent für falsch.
Die Kaufkraft-Theorie hat nicht verhindert, daß cs auch in Amerika zu einem wirtschaftlichen und in Australien zu einem finanziellen Zusammenbruch kam. Andererseits ist bei der wirtschaftlichen Gesamlstrultur Deutschlands ein allgemeiner Lohnabbau von 20 bis 25 Prozent k e in Allheilmittel für die deutsche Wirtschaftsgesundung. Kohle und Eisen befinden sich gegenwärtig in einer sehr schweren Krise. Hier waren Preissenkungen erforderlich. Und um Preissenkungen durchführen zu können, mußte auch in der Lohnfrage nachgegeben werden. Die Regierung kann nicht plötzlich von diesem Kurs abweichen und sagen, jetzt ist das Primäre die Arbeitszeitverkürzung. Das würde praktisch zu einem Lohnchaos führen. Bis zum 1. April sind etwa 80 Prozent aller Tarife erneuert. Sache der Regierung nach dem 1. April wird es fein, zu überlegen, ob noch auf eines der letzten Hilfsmittel, nämlich auf die gesetzliche Arbeitszeitverkürzung, zurückgegriffen werden muß, falls bis dahin das Arbeitslosenheer nicht wesentlich vermindert werden konnte. Der lohnpolitische lieber- gang zu diesem Schritt ist nicht einfach.
Kürzlich forderte eine maßgebliche Arbeitgeber- Vertretung eine mindestens vorübergehende


