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Nr. 281 Zweites Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Dienstag. I. Dezember

Italiens Sozialversicherungen.

Don unserem römischen ^-Korrespondenten.

Rom. Rovember.

Verhältnismäßig spät, wenn man an die eiligen Schritte seiner ehemaligen Bundesgenossen denkt, überraschend früh, wenn man sich die Zu- rücthaltung der Vereinigten Staaten oder der Schweiz vor Augen hält, hat sich Italien auf das Gebiet der Sozialversicherungen gewagt. Anter dem bedrohlichen Widerschein der roten Revolution, im Jahre 1919 wurden die Arbeits­losen-- und die Alters- und Invalidenversicherung gleichzeitig in die Welt gesetzt. 24 Stunden vor dem Marsche auf Rom legte man ihnen die ersten Kinderschuhe an (27. Oktober 1922), aber erst unter Mussolini lernten sie laufen.

Anverkennbar nach deutschem Schnitt gearbeitet, wurden die Gesetze aber weise den anderen Verhältnissen in Italien angepaht und ohne allzugrohen Respekt vor dem Schema F. führt man sie durch. Vergleiche mit anderen Staaten anzustellen, ist gefährlich, wie immer, wo die Voraussetzungen verschieden sind. Man muh die oft unbegreifliche und unglaubliche Be­dürfnislosigkeit des italienischen Arbei­ters im allgemeinen und der italienischen Familie im besonderen kennen, um zu verstehen, warum es die Moskauer Propheten so schwer hatten auf der Halbinsel. Man soll sich an die eigenartige Schichtung der unteren Klassen erinnern, wenn die Frage aufgeworfen wird, wieso die marxi­stische Lehre immer wieder auf steinigen Boden fiel. Wo ist etwa, um nur ein einziges Beispiel anzuführen, die Trennungslinie zwi­schen dem BauernunddemArbeite r, wie ihn nordische Industriezentren verstehen? Als dieSchritte der Arbeiterbataillone erdröhnten", um draußen auf dem Lande Verständnis für das Requirieren" von Lebensmitteln zu erwecken, weil doch der Boden allen gehöre und Eigentum Diebstahl sei, da trat dem Hammer in der Faust die zornige Sichel entgegen denn so mancher Fabrikarbeiter ist nach Feierabend Bauer und umgekehrt. Die ersten Gewalthaufen der Schwarz­hemden rekrutierten sich zum großen Teile aus Mezzadri, Halbpächtern, und ßcnbleute aller Art bildeten die Kerntruppe Mussolinis vor den Toren Roms.

Schwer ist es aber vor allem, Leuten, die es nicht anders gewohnt sind, begreiflich zu machen, daß es ihnen doch eigentlich hundemise­rabel gehe und daß sie daher die Pflicht hätten, sich nach dem Muster ferner Staaten,wo es immer kalt ist und immer regnet", zu organisieren, rote Fahnen herumzutragen und in engen Partei­zimmern über Probleme zu streiten, statt sich nach lieber alter Art in die Sonne zu legen. Das Elend" ist ja überhaupt ein relativer Begriff. Diebescheidenen Verhältnisse" einer Schweizer ArbeiterfamiL» etwa gelten der Masse der 31a* liener schon als ein erstrebenswerter Zustand. Der Gehalt, den ein Zürcher Strahenbahnschaffner bezieht, würde in Rom einen höheren Beamten überglücklich machen (und übrigens auch so man­chen ausländischen Pressevertreter).

Unter diesem Gesichtspunkt müssen die über­raschend niedrigen Hnter st ühungssähe in Italien betrachtet werden. Man darf nicht den engen Familienzusammenhalt vergessen, der kein Beispiel mehr im Rorden mit seiner ent­gegengesetzten Tendenz hat, wenn sich Arbeits­lose wegen der damit verbundenen Scherereien gar nicht um die paar Lire bemühen. Aebrigens ist die Arbeitslosigkeit, gemessen an den Millio­

nenziffern, die uns täglich vor Augen flimmern, gering. Man hat oft seine liebe Rot, tüchtige Handwerker zu finden und der kleinste, selb­ständige Maurer seht für eine Tagesarbeit 40 Lire in Rechnung. Die Magna Charta der Arbeit, mit ihrem Verbot von Streik und Aussperrung, wirkt der Zersetzung im Lohn­wesen entgegen.

Das vor acht Jahren in Kraft getretene Gesetz über die obligatorische Versicherung gegen un­freiwillige Arbeitslosigkeit verpflichtet alle von Arbeitnehmern abhängige Personen zwischen 15 und 65 Jahren, Dersicherungsrnarken zu kleben. Wo Ausnahmen gemacht werden, wie bei den Landarbeitern, die den Schuh besonderer Derufs- genossenschaften genießen, werden feine Unter- scheidungen gemacht. So ist der Garbenträger, der bis zur Dreschmaschine geht, noch Land­arbeiter. nicht aber der Bediener der Maschine, der Führer eines Traktors, der Chauffeur usw. Ausgenommen von der Zwangsversicherung sind ferner Heimarbeiter, Dienstpersonal, freie Berufe, Staatsangestellte. Saisonarbeiter und alle Pri­vatangestellten, deren Monatseinkommen 800 Lire übersteigt. Ein Ausländer also zum Beispiel, der einen höheren Gehalt aus dem Ausland bezieht, ist mit dem Augenblick seiner Entlassung dem Hungertod ausgesetzt. Keine Anterstühung wird in der toten Saison gewährt und während der ersten 30 Tage nach selbstverschuldeter Ent­lassung.

Grundprinzip ist, daß sich die Versiche­rung selbst erhält, also den Staatshaushalt nicht belastet. Grundtendenz, daß nicht der Ar­beitslose um jeden Preis unterstützt, sondern die Arbeitslosigkeit als solche bekämpft wird. Es darf nicht heißen: sie säen nicht, sie ernten nicht und Vater Staat ernährt sie doch. Sondern es heißt: du kriegst, was du gespart hast. Grundsatz bleibt, daß Arbeitgeber und -nehmer zu gleichen Teilen bei den Beiträgen heran­gezogen werden. Bei einem Tagesverdienst bis zu 4 Lire müssen halbmonatlich für 70 Centesimi Marken geklebt werden, bei 8 Lire das Doppelte, über 8 Lire von jedem Partner 2,10 Lire. Dazu kommen die Sähe für die obligatorische Alters­und Invalidenversicherung. And wie sehen d i e Anter st ühungssähe aus? 1,25 bis 3,75 Lire täglich. Aus längstens 120 Tage.

DieRationalkasse für die Sozialversicherun­gen" hat das Recht und die Pflicht, der Arbeits­losigkeit nach Möglichkeit zuvorzukommen. Durch Vergebung öffentlicher Arbeiten, durch Vertei­lung nach anderen Arbeitsplätzen, durch Spezial­schulen für die Heranbildung von Facharbeitern. Der Arbeitslose wird gehalten, si ch für einen anderen Beruf umzuschulen, wo weniger Aeberfluß an Arbeitskräften herrscht. Das dolce tar mente gehört vergangenen Zeiten an. Wer zugewiesene Arbeit ohne Grund verweigert, erhält keine Anterstühung. In der Hauptsache freilich wird die Arbeitslosigkeit nicht mit Para­graphen, sondern mit Arbeit bekämpft. Vor allem mit dem Wohnungsbau, der als Schlüsselindustrie alle Gewerbe belebt und dem Kapital einen Anlagereiz verschafft, da Reu- bauten auf 25 Jahre hinaus von allen Steuern befreit find.

Arbeitslosenversicherung und Alters- und Invalid enversicherung bilden siamesische Zwillinge. Versicherungspflichtig sind hier aber auch die freien Berufe, die Heimarbeiter und das

ALBERT H. RAUSCH

Unterwegs

III. Die Koffer.

Die Koffer: das sind unterwegs unser Ankleide- und Toilettezimmer. Auch unser Ar­beitszimmer, wenn wir Bücher und Schreibzeug mitnehmen. Die Koffer: das sind wir selbst in solchem Maße, wie es wenige wissen. Zeige mir die Koffer, mit denen du reisest, und ich sage dir, wer du bist. Am langweiligsten sind die heute so beliebten Schrankkofser. Sie sind erschreckend nüchtern und aufgeblasen. Sie sind des öfteren geradezu gemein. Jede Maus hat heute einen Schrankkoffer, mit dem sie von Berlin nach Heringsdorf reist. Jeder Gigolo desgleichen. Der Sechstagerenner tut es nicht unter einem Schrankkoffer und der Boxer hat deren meh­rere. Kanalschwimmerinnen ebenfalls, weil sie zu ihrem Beruf nur eine ölgetränkte Schuhhaut brauchen. Die Filmdiva weiß nicht, was ein Koffer irgendwelcher Gattung ist. Das weiß nur ihre Oberhofmeisterin und die auch nur vom Hörensagen, denn die AbteilungKoffer" untersteht dem Sektionschef für Gewandung der Starin Evelyn Condor, dieser aber dem Sekre­tariat derselben Firma. Was man eine Dame nennt, pflegt ihren Schrankkoffer so nebenbei von dem Augenblick an zu erwähnen, wo sie mit ihrem Freunde reist (der aufSchrank" Wert legt). Eine mit ihrem Gatten reisende Gattin pflegt keinen Schrankkofser zu haben, selbst wenn sie einen hat. Der Gatte zahlt nicht gerne un­nötige Transportkosten. Auch kennt er die vielen Kleider seiner Fra . And nur das Anbekannte reizt bekanntlich ...

Mit den Koffern in enger Verbindung stehen die Hotelportiers. Heber diese hat leider noch niemand eine Dissertation geschrieben. Ich schlage den Prosessoren der Psychologie folgende The­men vor: Der Koffer als Maßstab der Gäste- betoertung durch den Hotelportier oder: Ver­such einer Relativitätstheorie der Kofferbewer­tung oder Der Koffernkomplex der Hotel­portiers oder: Der Koffer als Ding an sich ober: Der Koffer undes" oder: Welche Schlüsse ergeben sich für die Psychoanalyse aus der Tatsache des Mitnehmens von Kabinen­koffern auf Landreisen in Pommern?--Lachen

Sie nicht: es ist mir ganz ernst.

Denn ich weih, welche Rolle in meinem viel- jährigen Reiseleben meine Koffer spielen! Ich habe auch einmal einen Schrankkofser gehabt. Heute schäme ich mich dessen. Denn er war ein ' Zugeständnis. Ich habe ihn rasch wieder ver­

kauft und durch ein schönes, kleines, vernickeltes Bügeleisen erseht. Zweimal hin und her: und schon ist an Rock und Hose der Sinn des wider­lichen Mammuts erseht ... und die Kunst des schönen Packens wieder zu Ehren gebracht. Wer nicht schön einpacken kann, kann auch nicht schön reisen. Er weiß nichts von den Gesehen des Raumes. Meine ganze Liebe gehört den Hand­koffern. Mit zwei Handkoffern reifen und so aus ihnen leben, wie man zu Hause in seinem Pa­läste aus Schlaf-, Ankleide- und Badezimmer lebt: das ist eine Kunst, die Freude und Ge­nugtuung bringt! Am sieben Ahr abends mit diesen Handkoffern ankommen sie mit drei, vier Taschenspielergriffen entleeren, ohne ihre innere Ordnung zu zerstören, und um acht AHr im Smoking an einem gastlichen Tische sitzen, der zwölfhundert Kilometer von demjenigen ent­fernt liegt, an dem man am Abend zuvor sich niederließ: das ist ein hoher statischer Reiz in einem dynamischen Leben: das ist antikische Ge­genwärtigkeit: Kultus der rinnenden Minute: das ist der Punkt, an dem sich die unterirdischen Muttergottheiten mit den himmlischen Licht­gottheiten einen.

Sich einen neuen Koffer kaufen zu müssen, ist für denReiser" (nicht den Reisenden) immer eine schmerzliche Sache. Reue Koffer sind schicksalslos. Sie sind wie das berühmte weiße Blatt, auf das die Götter schreiben.. Was werden sie darauf schreiben? Alte Koffer aber sind wie abgetragene und verwitterte Mäntel gute und bewährte Freunde! Sie wissen genau so gut wie ihr Be­sitzer was das Leben ist! Sie haben viele Ge­heimnisse. Der Duft der Abenteuer ist an ihnen haften geblieben. Man kann sich mit ihnen unter­halten ..

Warum eigentlich, sagte eines Abends mein Koffer 104:32 B zu mir, als ich ihn in eine dunkle Ecke stellte, warum legst du mich nicht mehr auf meinen Bruder 105:33 A, deckst eine weiche rotseidne Decke über uns beide, die ein wenig auf dem Boden schleift, stellst einen Leuchter auf diese Decke, eine Vase mit Blumen und jenes schöne Bild, das ich genau so liebte wie du? Warum siehst du dir nicht mehr die süßen Schläfen und die langen, weichen Wimpern dieses Bildes an, ehe du schlafen gehst?

Lieber Koffer, antwortete ich: dieses Bild ist in meinem Leben verloren gegangen. Aber du bist mir geblieben. Ich habe jetzt kein Bild mehr, dem ich ein Piedestal aus dir aufbauen könnte.. Aber es wird schon bald wieder eines kommen! Du kennst mich doch! Du mußt nicht glauben, daß ich sehr traurig bin. Wechsel ist der Sinn unseres Daseins. Deswegen verstehen doch auch wir beide uns so gut! Wir bleiben jetzt ein paar Wochen in dieser schönen Stadt.. Aber wir wollen, wenn es soweit ist, dies­mal eine blaufeibne Decke nehmen. Auch du sollst ein andres Kleid haben.. Wer du bist, bleibst du ja doch!

Dienstpersonal. Der Anterstützungsfonds wird nicht bloß von Arbeitgebern und »nehmern ge­speist, sondern auch vom Staat, der sich hier mit 100 Lire für das Jahr und den Kopf beteiligt. Die Altersrente wird im 65. Jahre fällig, sofern mindestens 120 Monatsbeiträge vorliegen, oder bei Eintritt der Arbeitsunfähigkeit, wenn wenigstens 60 nachgewiesen werden können. Als arbeits­unfähig gilt, wer weniger als ein Drittel des normalen Verdienstes erwerben kann. Anfall- reuten, Krankhe.töunterstützungen und dergleichen werden gegebenenfalls in Abzug gebracht. Rormalerweise seht sich die Rente zusammen aus dem Fünffachen des durchschnittlichen Jahres­beitrages, einer Zusahrente von drei Zehntel aller eingezahlten Beiträge, dem schon genannten festen Staatszuschuß und einem Zehntel für jedes nicht volljährige Kind.

Der Staat ermuntert durch Prämien die frei­willige Altersversicherung, er versucht, wie die Arbeitslosigkeit, so auch die Invalidität zu ver­hüten oder hinauszuschieben, durch Anterstühung der Kliniken, Verbesserung der Arbeitsbedingun­gen, Aufklärung usw.

Hier einzuhaken ließ sich der Faschismus, um populär zu werden, nicht entgehen. Im Jahre 1927 kam die Zwangsversicherung gegen die Tuberkulose, zu der jeder Staatsbürger besteuern muß, zum Beispiel durch Sonder­zuschläge bei Polizeibußen aller Art. Der Mut­ter- und Kinderschuh wurde vorbildlich ausgebaut. Die ganze Sozialbewegung soll mehr schützenden und vorbeugenden, als unterstützenden Charakter erhalten.

SJl.-'fpoit

Handball der Gtadtniannschast.

Ihr nächstes Spiel bestreitet die Stadtelf am Mittwoch gegen die Mannschaft der Aniversität auf dem Aniversitätssportplatz. Die Studenten haben, wie ihr Sieg gegen Darmstadt beweist, in diesem Semester eine beachtliche Spielstärke. Da auch die Stadtmannschaft in guter Form ist, darf man ein interessantes Treffen erwarten.

Die Verbandspokalspiele in der Gruppe Lahn.

Am vergangenen Sonntag wurden in der Gruppe Lahn wieder einige Pokalspiele aus­getragen. Die Spielvereinigung 1900 gewann bekanntlich gegen Dillenburg mit 5:0 (1:0); der Sportverein Wetzlar blieb mit 6:5 (2:5) knapp über Bottenhorn siegreich und Ehringshausen konnte gegen Wiesenbach mit 3:2 (2:1) das Feld beraubten. Am nächsten Sonntag spielen jetzt in der Vorschlußrunde der Gruppe Lahn die Mannschaften von Ehringshausen und Sport­

verein Wetzlar und am Sonntag, 13. Dezember, tritt dann die Mannschaft der Spielvereinigung gegen den Sieger aus diesem Spiel an.

Die Punktkämpfe in Hessen.

In der Gruppe Hessen ist am Sonntag bereits eine wichtige Dorentscheidung gefallen. Kastel ließ sich auf eigenem Platz von Langen 0:1 schlagen und schied damit endgültig als An­wärter auf einen der beiden ersten Plätze aus. Wormatia und Mainz 05, die ihre Spiele sehr sicher gewannen, können nicht mehr eingeholt werden, sie stehen bereits als Teilnehmer für die süddeutschen Endspiele fest. Zwischen beiden liegt auch die Entscheidung im Kampf um die Meisterschaft. Die Abstiegsfrage ist noch nicht geklärt. Von den Resultaten des Sonntags ver­dient noch der glatte 4: l-(4:0)-Sieg von Mainz 05 in Wisbaden, um den sich Scherm sehr verdient machte, besondere Erwähnung. Wor­matia siegte in Darmstadt mit dem Bomben- Resultat von 8:1.

85Jahre Turnverein 1846 Gießen

Festabend. - Gerätewettkampf. Elfriede Münnich erzielt die besten Wertungen.

Im Kreise seiner Mitglieder und zahlreicher Gäste feierte der Turnverein 1846 am Samstag und Sonntag das Jubiläum seines 85jährigen Bestehens. Das Jubiläum wurde in einfacher aber würdiger Form begangen. Am Samstag­abend fand in der geschmückten Turnhalle am Oswaldsgarten ein Kommers statt, zu dem sich neben vielen Mitgliedern auch zahlreiche ein- geladene Gäste eingefunden hatten. Vertreter der verschiedenen Behörden, der befreundeten Vereine sowie auch der Aniversität nahmen teil. Schneidige Musik eröffnete den Abend. Der Bauersche Gesangverein wartete mit einigen vor­züglichen Lieddarbietungen auf und der Chor fand verdienten starken Beifall. Die Turner und Turnerinnen des Vereins warteten mit eini­gen Hebungen auf. Die Turnerinnen zeigten einen prächtigen rhythmischen Tanz, der durch seine graziöse Ausführung außerordentlich gefiel. Die Turner zeigten ihre Kunst am Darren und die Altersturner, die in einer stattlichen Riege antraten, erwiesen sich am Barren von be­wundernswerter Höhe körperlicher Elastizität.

Gleichzeitig mit dem Jubiläum des Vereins beging die Fechtabteilung das Jubiläum des 45jährigen Bestehens.

Die Fechter zeigten ebenfalls einige Hebungen und Kämpfe, die mit großer Spannung verfolgt wurden. Der 1. Sprecher des festgebenden Ver- eins, Hniversitäts - Dürodirektor Erle, hielt eine Ansprache, in der er u. a. auch einen ge­drängten Rückblick auf die Entwicklung des Ver- eins gab und betonte, daß der Derein wie bisher auch in Zukunft den Idealen der Deutschen Turnerschaft treu bleiben wolle. Se. Magnifizenz der Rektor der Landes-Hniversität, Professor Dr. D a n s e l o w, beglückwünschte den Verein zu seinem Jubiläum, erinnerte an die mancherlei Bindungen, die zwischen der Hniversität und dem Turnverein 1846 bestehen und sprach außerdem über die Bedeutung der Arbeit der Deutschen Turnerschaft für Volkstum und Daterland. Im An­schluß daran sprach auch nocy der 2. Gauvertreler Konrad Schneider, Butzbach, und zeichnete verschiedene Mitglieder des Turnvereins 1846 mit Ehrungen des Gaues, des Kreises und der

Oberhessischer Kunstverein.

Künstlerhilfe für 20 bis 100 Mark."

Die am Sonntag eröffnete Weihnachtsausstel- lung erscheint alsIahresschau oberhes­sischer Kunst" unter dem MottoKünstler- Hilfe von 20 bis 100 Mark": das ist ein ebenso vernünftiges wie zeitgemäßes Programm, denn es kommt hier und heutigentags mehr denn je darauf an, eine Verkaufs ausstellung zu veranstalten. Hnd wem etwa eine Preisdevise, wie sie hier als volkstümliche Heberschrift die Weihnachtsausstellung kennzeichnet, mit den Lei­stungen nicht in Einklang zu stehen scheint, der möge bedenken, daß es in unseren Zeiten besser und wichtiger ist, zu kleinen Preisen zu verkaufen, als mit großen und anspruchsvollen (auch wenn sie an sich gerechtfertigt erscheinen) an der Wand hängen zu bleiben.

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Der Oberhessische Kunstverein will hier nicht eine erschöpfende Zusammenstellung geben, son­dern eine Hebersicht über die künstlerische Ent­wicklung während des letzten Jahres. Durch eine innerhalb des vorgelegten Materials gezogene Qualitätsgrenze, die nicht zu unterschreiten war, ergibt sich eine gewisse Gleichförmigkeit des Ge­samtniveaus, was im Interesse aller Beteiligten durchaus zu begrüßen ist.

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Obwohl, wie gewöhnlich, die Malerei auch dies­mal den breitesten Raum beansprucht, ist es erfreulicherweise gelungen, einige hessische Bild­hauer zu der diesjährigen Weihnachtsausstellung mit heranzuziehen, was eine entschiedene Be­reicherung und Belebung des Gesamtbildes be­deutet.

Gleich am Eingang findet man eine Reihe Porträtplastiken von Bourcarde: markante, technisch ausgereifte Arbeiten, von denen wir einige schon früher zu sehen bekamen; so das sympathische Porträt Alfred Bock. Zu den stärksten Arbeiten zählen hierneben der sehr persönlich geformte KopfMeine Frau" und die zu schönem und lebendigen Ausdruck zusammengeschlossene GruppeMutter und Kind"; auch der Bildnis­kopfSchauspielerin H. dürfte hier besonders interessieren.

Lockerer in der Materialbehandlung wirken die Maske der Zeit" und der ganz expressionistisch anmutendeAufschrei" von Diehl (Bielefeld). Stilistisch noch einen Schritt weiter geht der Gießener Bildhauer K ö d d i n g, dessen Figur für Messing bereits gan$ entmaterialisiert er­scheint. Völlig abstrakt wirkt daneben eine nur auf den Zusammenklang von gewölbten und recht­winklig begrenzten Körpern aufgebaute Kom­positionsgruppe.

Mehr ins Kunstgewerblich-Dekorative hinüber spielen die TierplastikenEule" undHabicht"

von Riegger. Das reine Kunstgewerbe ist, wie in früheren Jahren, durch die Schmuckstücke in Silbertreibarbeit von Küchel vertreten, wovon man in der Vitrine eine Anzahl gefälliger und praktischer Entwürfe vorfindet.

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Don Scheid in Darmstadt sieht man wieder eine Reihe von locker und bewegt hingesehten Pferde- und Reiterbildern, deren impressionisti­scher Stil sich auch in den Landschaftsaquarellen und einem guten Porträt wiederfindet.

Der Gießener Stephan ist mit einigen hüb­schen und stimmungsvollen Federzeichnungen zur Stelle, die Landschafts- und Architekturmotive aus Hessen behandeln. Stegmayer und von Reuter bringen eine Anzahl luftiger und Heller Aquarellblätter. Von Barthel f seien zwei Landschaften genannt, von Barnas die Bauernhäuser". Will ist u. a. mit einem apar­ten Früchtestilleben und demHasen von Rimini" wirksam vertreten; auch seine Gießener (Straften- bilder dürften hier interessieren.

Don Steinbach mochten wir dieBoote" empfehlend hervorheben; dasStilleben" scheint uns in Farbe und Hmrift etwas hart und un­verbunden. Zwei lebendige, technisch sehr fer­tige Selbstbildnisse zeigen die Dad-Rauheimer Maus und Kutscher.

Unter den Landschaften von Fries, Orten­berg, seien dieKirschbäume" besonders erwähnt; von Huth in Weimar das malerische und inter­essant beleuchteteSängerfest in Lich".

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Die vier neuen Arbeiten von Mueller- Le u t e r t erscheinen uns charakteristisch für die Entwicklung seiner Malerei; er ist weicher, lockerer, fülliger und wärmer in der Farbe geworden: vor allem dieHäuser", derBahndamm" und der im Kolorit fein gestufteBagger" erweisen das sehr überzeugend.

Aus zwei begabte Arbeiten des in Düsseldorf studierenden jungen Gießeners Kleine eine helle, dekorative Landschaft und eine ruhende Antilope sei mit einer Empfehlung hingewiesen.

Margret Kranz ist wieder mit ihren fein- gliedrigen und liebevoll ausführlichen Blumen­stücken zu sehen, die wir von früher her kennen. Landschaften von L i st I (Aus Reapel"), List ll ^.Dergwerkswald"), von Klingelhofer und D i e h m a n n, ein Dlumenstück von Rohrbach, eineHerbststimmung" von Jost und zwei Blu­menarrangements von Langebartels runden das vielseitig anregende Gesamtbild der Ausstel­lung ab, die hoffentlich einen nicht minder zahl­reichen Besuch aufzuweisen hat als die letzte. Es ist dringend zu wünschen, daß das materielle Ergebnis den Erwartungen des Deranstalters und der Aussteller entspricht.y