Nr. 281 Zweites Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Dienstag. I. Dezember
Italiens Sozialversicherungen.
Don unserem römischen ^-Korrespondenten.
Rom. Rovember.
Verhältnismäßig spät, wenn man an die eiligen Schritte seiner ehemaligen Bundesgenossen denkt, überraschend früh, wenn man sich die Zu- rücthaltung der Vereinigten Staaten oder der Schweiz vor Augen hält, hat sich Italien auf das Gebiet der Sozialversicherungen gewagt. Anter dem bedrohlichen Widerschein der roten Revolution, im Jahre 1919 wurden die Arbeitslosen-- und die Alters- und Invalidenversicherung gleichzeitig in die Welt gesetzt. 24 Stunden vor dem Marsche auf Rom legte man ihnen die ersten Kinderschuhe an (27. Oktober 1922), aber erst unter Mussolini lernten sie laufen.
Anverkennbar nach deutschem Schnitt gearbeitet, wurden die Gesetze aber weise den anderen Verhältnissen in Italien angepaht und ohne allzugrohen Respekt vor dem Schema F. führt man sie durch. Vergleiche mit anderen Staaten anzustellen, ist gefährlich, wie immer, wo die Voraussetzungen verschieden sind. Man muh die oft unbegreifliche und unglaubliche Bedürfnislosigkeit des italienischen Arbeiters im allgemeinen und der italienischen Familie im besonderen kennen, um zu verstehen, warum es die Moskauer Propheten so schwer hatten auf der Halbinsel. Man soll sich an die eigenartige Schichtung der unteren Klassen erinnern, wenn die Frage aufgeworfen wird, wieso die marxistische Lehre immer wieder auf steinigen Boden fiel. Wo ist etwa, um nur ein einziges Beispiel anzuführen, die Trennungslinie zwischen dem Bauernunddem „Arbeite r“, wie ihn nordische Industriezentren verstehen? Als die „Schritte der Arbeiterbataillone erdröhnten", um draußen auf dem Lande Verständnis für das „Requirieren" von Lebensmitteln zu erwecken, weil doch der Boden allen gehöre und Eigentum Diebstahl sei, da trat dem Hammer in der Faust die zornige Sichel entgegen — denn so mancher Fabrikarbeiter ist nach Feierabend Bauer und umgekehrt. Die ersten Gewalthaufen der Schwarzhemden rekrutierten sich zum großen Teile aus Mezzadri, Halbpächtern, und ßcnbleute aller Art bildeten die Kerntruppe Mussolinis vor den Toren Roms.
Schwer ist es aber vor allem, Leuten, die es nicht anders gewohnt sind, begreiflich zu machen, daß es ihnen doch eigentlich hundemiserabel gehe und daß sie daher die Pflicht hätten, sich nach dem Muster ferner Staaten, „wo es immer kalt ist und immer regnet", zu organisieren, rote Fahnen herumzutragen und in engen Parteizimmern über Probleme zu streiten, statt sich nach lieber alter Art in die Sonne zu legen. Das „Elend" ist ja überhaupt ein relativer Begriff. Die „bescheidenen Verhältnisse" einer Schweizer ArbeiterfamiL» etwa gelten der Masse der 31a* liener schon als ein erstrebenswerter Zustand. Der Gehalt, den ein Zürcher Strahenbahnschaffner bezieht, würde in Rom einen höheren Beamten überglücklich machen (und übrigens auch so manchen ausländischen Pressevertreter).
Unter diesem Gesichtspunkt müssen die überraschend niedrigen Hnter st ühungssähe in Italien betrachtet werden. Man darf nicht den engen Familienzusammenhalt vergessen, der kein Beispiel mehr im Rorden mit seiner entgegengesetzten Tendenz hat, wenn sich Arbeitslose wegen der damit verbundenen Scherereien gar nicht um die paar Lire bemühen. Aebrigens ist die Arbeitslosigkeit, gemessen an den Millio
nenziffern, die uns täglich vor Augen flimmern, gering. Man hat oft seine liebe Rot, tüchtige Handwerker zu finden und der kleinste, selbständige Maurer seht für eine Tagesarbeit 40 Lire in Rechnung. Die Magna Charta der Arbeit, mit ihrem Verbot von Streik und Aussperrung, wirkt der Zersetzung im Lohnwesen entgegen.
Das vor acht Jahren in Kraft getretene Gesetz über die obligatorische Versicherung gegen unfreiwillige Arbeitslosigkeit verpflichtet alle von Arbeitnehmern abhängige Personen zwischen 15 und 65 Jahren, Dersicherungsrnarken zu kleben. Wo Ausnahmen gemacht werden, wie bei den Landarbeitern, die den Schuh besonderer Derufs- genossenschaften genießen, werden feine Unter- scheidungen gemacht. So ist der Garbenträger, der bis zur Dreschmaschine geht, noch Landarbeiter. nicht aber der Bediener der Maschine, der Führer eines Traktors, der Chauffeur usw. Ausgenommen von der Zwangsversicherung sind ferner Heimarbeiter, Dienstpersonal, freie Berufe, Staatsangestellte. Saisonarbeiter und alle Privatangestellten, deren Monatseinkommen 800 Lire übersteigt. Ein Ausländer also zum Beispiel, der einen höheren Gehalt aus dem Ausland bezieht, ist mit dem Augenblick seiner Entlassung dem Hungertod ausgesetzt. Keine Anterstühung wird in der toten Saison gewährt und während der ersten 30 Tage nach selbstverschuldeter Entlassung.
Grundprinzip ist, daß sich die Versicherung selbst erhält, also den Staatshaushalt nicht belastet. Grundtendenz, daß nicht der Arbeitslose um jeden Preis unterstützt, sondern die Arbeitslosigkeit als solche bekämpft wird. Es darf nicht heißen: sie säen nicht, sie ernten nicht und Vater Staat ernährt sie doch. Sondern es heißt: du kriegst, was du gespart hast. Grundsatz bleibt, daß Arbeitgeber und -nehmer zu gleichen Teilen bei den Beiträgen herangezogen werden. Bei einem Tagesverdienst bis zu 4 Lire müssen halbmonatlich für 70 Centesimi Marken geklebt werden, bei 8 Lire das Doppelte, über 8 Lire von jedem Partner 2,10 Lire. Dazu kommen die Sähe für die obligatorische Altersund Invalidenversicherung. And wie sehen d i e Anter st ühungssähe aus? 1,25 bis 3,75 Lire täglich. Aus längstens 120 Tage.
Die „Rationalkasse für die Sozialversicherungen" hat das Recht und die Pflicht, der Arbeitslosigkeit nach Möglichkeit zuvorzukommen. Durch Vergebung öffentlicher Arbeiten, durch Verteilung nach anderen Arbeitsplätzen, durch Spezialschulen für die Heranbildung von Facharbeitern. Der Arbeitslose wird gehalten, si ch für einen anderen Beruf umzuschulen, wo weniger Aeberfluß an Arbeitskräften herrscht. Das dolce tar mente gehört vergangenen Zeiten an. Wer zugewiesene Arbeit ohne Grund verweigert, erhält keine Anterstühung. In der Hauptsache freilich wird die Arbeitslosigkeit nicht mit Paragraphen, sondern mit — Arbeit bekämpft. Vor allem mit dem Wohnungsbau, der als Schlüsselindustrie alle Gewerbe belebt und dem Kapital einen Anlagereiz verschafft, da Reu- bauten auf 25 Jahre hinaus von allen Steuern befreit find.
Arbeitslosenversicherung und Alters- und Invalid enversicherung bilden siamesische Zwillinge. Versicherungspflichtig sind hier aber auch die freien Berufe, die Heimarbeiter und das
ALBERT H. RAUSCH
Unterwegs
III. Die Koffer.
Die Koffer: das sind — unterwegs — unser Ankleide- und Toilettezimmer. Auch unser Arbeitszimmer, wenn wir Bücher und Schreibzeug mitnehmen. Die Koffer: das sind wir selbst in solchem Maße, wie es wenige wissen. Zeige mir die Koffer, mit denen du reisest, und ich sage dir, wer du bist. Am langweiligsten sind die heute so beliebten Schrankkofser. Sie sind erschreckend nüchtern und aufgeblasen. Sie sind des öfteren geradezu gemein. Jede Maus hat heute einen Schrankkoffer, mit dem sie von Berlin nach Heringsdorf reist. Jeder Gigolo desgleichen. Der Sechstagerenner tut es nicht unter einem Schrankkoffer — und der Boxer hat deren mehrere. Kanalschwimmerinnen ebenfalls, weil sie zu ihrem Beruf nur eine ölgetränkte Schuhhaut brauchen. Die Filmdiva weiß nicht, was ein Koffer irgendwelcher Gattung ist. Das weiß nur ihre Oberhofmeisterin — und die auch nur vom Hörensagen, denn die Abteilung „Koffer" untersteht dem Sektionschef für Gewandung der Starin Evelyn Condor, dieser aber dem Sekretariat derselben Firma. Was man eine Dame nennt, pflegt ihren Schrankkoffer so nebenbei von dem Augenblick an zu erwähnen, wo sie mit ihrem Freunde reist (der auf „Schrank" Wert legt). Eine mit ihrem Gatten reisende Gattin pflegt keinen Schrankkofser zu haben, selbst wenn sie einen hat. Der Gatte zahlt nicht gerne unnötige Transportkosten. Auch kennt er die vielen Kleider seiner Fra . And nur das Anbekannte reizt bekanntlich ...
Mit den Koffern in enger Verbindung stehen die Hotelportiers. Heber diese hat leider noch niemand eine Dissertation geschrieben. Ich schlage den Prosessoren der Psychologie folgende Themen vor: Der Koffer als Maßstab der Gäste- betoertung durch den Hotelportier — oder: Versuch einer Relativitätstheorie der Kofferbewertung — oder Der Koffernkomplex der Hotelportiers — oder: Der Koffer als Ding an sich — ober: Der Koffer und „es" — oder: Welche Schlüsse ergeben sich für die Psychoanalyse aus der Tatsache des Mitnehmens von Kabinenkoffern auf Landreisen in Pommern?--Lachen
Sie nicht: es ist mir ganz ernst.
Denn ich weih, welche Rolle in meinem viel- jährigen Reiseleben meine Koffer spielen! Ich habe auch einmal einen Schrankkofser gehabt. Heute schäme ich mich dessen. Denn er war ein ' Zugeständnis. Ich habe ihn rasch wieder ver
kauft und durch ein schönes, kleines, vernickeltes Bügeleisen erseht. Zweimal hin und her: und schon ist an Rock und Hose der Sinn des widerlichen Mammuts erseht ... und die Kunst des schönen Packens wieder zu Ehren gebracht. Wer nicht schön einpacken kann, kann auch nicht schön reisen. Er weiß nichts von den Gesehen des Raumes. Meine ganze Liebe gehört den Handkoffern. Mit zwei Handkoffern reifen und so aus ihnen leben, wie man zu Hause in seinem Paläste aus Schlaf-, Ankleide- und Badezimmer lebt: das ist eine Kunst, die Freude und Genugtuung bringt! Am sieben Ahr abends mit diesen Handkoffern ankommen — sie mit drei, vier Taschenspielergriffen entleeren, ohne ihre innere Ordnung zu zerstören, und um acht AHr im Smoking an einem gastlichen Tische sitzen, der zwölfhundert Kilometer von demjenigen entfernt liegt, an dem man am Abend zuvor sich niederließ: das ist ein hoher statischer Reiz in einem dynamischen Leben: das ist antikische Gegenwärtigkeit: Kultus der rinnenden Minute: das ist der Punkt, an dem sich die unterirdischen Muttergottheiten mit den himmlischen Lichtgottheiten einen.
Sich einen neuen Koffer kaufen zu müssen, ist für den „Reiser" (nicht den Reisenden) immer eine schmerzliche Sache. Reue Koffer sind schicksalslos. Sie sind wie das berühmte weiße Blatt, auf das die Götter schreiben.. Was werden sie darauf schreiben? Alte Koffer aber sind — wie abgetragene und verwitterte Mäntel — gute und bewährte Freunde! Sie wissen — genau so gut wie ihr Besitzer — was das Leben ist! Sie haben viele Geheimnisse. Der Duft der Abenteuer ist an ihnen haften geblieben. Man kann sich mit ihnen unterhalten ..
— Warum eigentlich, sagte eines Abends mein Koffer 104:32 B zu mir, als ich ihn in eine dunkle Ecke stellte, warum legst du mich nicht mehr auf meinen Bruder 105:33 A, deckst eine weiche rotseidne Decke über uns beide, die ein wenig auf dem Boden schleift, stellst einen Leuchter auf diese Decke, eine Vase mit Blumen und jenes schöne Bild, das ich genau so liebte wie du? Warum siehst du dir nicht mehr die süßen Schläfen und die langen, weichen Wimpern dieses Bildes an, ehe du schlafen gehst?
— Lieber Koffer, antwortete ich: dieses Bild ist in meinem Leben verloren gegangen. Aber du bist mir geblieben. Ich habe jetzt kein Bild mehr, dem ich ein Piedestal aus dir aufbauen könnte.. Aber es wird schon bald wieder eines kommen! Du kennst mich doch! Du mußt nicht glauben, daß ich sehr traurig bin. Wechsel ist der Sinn unseres Daseins. Deswegen verstehen doch auch wir beide uns so gut! Wir bleiben jetzt ein paar Wochen in dieser schönen Stadt.. Aber wir wollen, wenn es soweit ist, diesmal eine blaufeibne Decke nehmen. Auch du sollst ein andres Kleid haben.. Wer du bist, bleibst du ja doch!
Dienstpersonal. Der Anterstützungsfonds wird nicht bloß von Arbeitgebern und »nehmern gespeist, sondern auch vom Staat, der sich hier mit 100 Lire für das Jahr und den Kopf beteiligt. Die Altersrente wird im 65. Jahre fällig, sofern mindestens 120 Monatsbeiträge vorliegen, oder bei Eintritt der Arbeitsunfähigkeit, wenn wenigstens 60 nachgewiesen werden können. Als arbeitsunfähig gilt, wer weniger als ein Drittel des normalen Verdienstes erwerben kann. Anfall- reuten, Krankhe.töunterstützungen und dergleichen werden gegebenenfalls in Abzug gebracht. Rormalerweise seht sich die Rente zusammen aus dem Fünffachen des durchschnittlichen Jahresbeitrages, einer Zusahrente von drei Zehntel aller eingezahlten Beiträge, dem schon genannten festen Staatszuschuß und einem Zehntel für jedes nicht volljährige Kind.
Der Staat ermuntert durch Prämien die freiwillige Altersversicherung, er versucht, wie die Arbeitslosigkeit, so auch die Invalidität zu verhüten oder hinauszuschieben, durch Anterstühung der Kliniken, Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Aufklärung usw.
Hier einzuhaken ließ sich der Faschismus, um populär zu werden, nicht entgehen. Im Jahre 1927 kam die Zwangsversicherung gegen die Tuberkulose, zu der jeder Staatsbürger besteuern muß, zum Beispiel durch Sonderzuschläge bei Polizeibußen aller Art. Der Mutter- und Kinderschuh wurde vorbildlich ausgebaut. Die ganze Sozialbewegung soll mehr schützenden und vorbeugenden, als unterstützenden Charakter erhalten.
SJl.-'fpoit
Handball der Gtadtniannschast.
Ihr nächstes Spiel bestreitet die Stadtelf am Mittwoch gegen die Mannschaft der Aniversität auf dem Aniversitätssportplatz. Die Studenten haben, wie ihr Sieg gegen Darmstadt beweist, in diesem Semester eine beachtliche Spielstärke. Da auch die Stadtmannschaft in guter Form ist, darf man ein interessantes Treffen erwarten.
Die Verbandspokalspiele in der Gruppe Lahn.
Am vergangenen Sonntag wurden in der Gruppe Lahn wieder einige Pokalspiele ausgetragen. Die Spielvereinigung 1900 gewann bekanntlich gegen Dillenburg mit 5:0 (1:0); der Sportverein Wetzlar blieb mit 6:5 (2:5) knapp über Bottenhorn siegreich und Ehringshausen konnte gegen Wiesenbach mit 3:2 (2:1) das Feld beraubten. Am nächsten Sonntag spielen jetzt in der Vorschlußrunde der Gruppe Lahn die Mannschaften von Ehringshausen und Sport
verein Wetzlar und am Sonntag, 13. Dezember, tritt dann die Mannschaft der Spielvereinigung gegen den Sieger aus diesem Spiel an.
Die Punktkämpfe in Hessen.
In der Gruppe Hessen ist am Sonntag bereits eine wichtige Dorentscheidung gefallen. Kastel ließ sich auf eigenem Platz von Langen 0:1 schlagen und schied damit endgültig als Anwärter auf einen der beiden ersten Plätze aus. Wormatia und Mainz 05, die ihre Spiele sehr sicher gewannen, können nicht mehr eingeholt werden, sie stehen bereits als Teilnehmer für die süddeutschen Endspiele fest. Zwischen beiden liegt auch die Entscheidung im Kampf um die Meisterschaft. Die Abstiegsfrage ist noch nicht geklärt. Von den Resultaten des Sonntags verdient noch der glatte 4: l-(4:0)-Sieg von Mainz 05 in Wisbaden, um den sich Scherm sehr verdient machte, besondere Erwähnung. Wormatia siegte in Darmstadt mit dem Bomben- Resultat von 8:1.
85Jahre Turnverein 1846 Gießen
Festabend. - Gerätewettkampf. — Elfriede Münnich erzielt die besten Wertungen.
Im Kreise seiner Mitglieder und zahlreicher Gäste feierte der Turnverein 1846 am Samstag und Sonntag das Jubiläum seines 85jährigen Bestehens. Das Jubiläum wurde in einfacher aber würdiger Form begangen. Am Samstagabend fand in der geschmückten Turnhalle am Oswaldsgarten ein Kommers statt, zu dem sich neben vielen Mitgliedern auch zahlreiche ein- geladene Gäste eingefunden hatten. Vertreter der verschiedenen Behörden, der befreundeten Vereine sowie auch der Aniversität nahmen teil. Schneidige Musik eröffnete den Abend. Der Bauersche Gesangverein wartete mit einigen vorzüglichen Lieddarbietungen auf und der Chor fand verdienten starken Beifall. Die Turner und Turnerinnen des Vereins warteten mit einigen Hebungen auf. Die Turnerinnen zeigten einen prächtigen rhythmischen Tanz, der durch seine graziöse Ausführung außerordentlich gefiel. Die Turner zeigten ihre Kunst am Darren und die Altersturner, die in einer stattlichen Riege antraten, erwiesen sich am Barren von bewundernswerter Höhe körperlicher Elastizität.
Gleichzeitig mit dem Jubiläum des Vereins beging die Fechtabteilung das Jubiläum des 45jährigen Bestehens.
Die Fechter zeigten ebenfalls einige Hebungen und Kämpfe, die mit großer Spannung verfolgt wurden. Der 1. Sprecher des festgebenden Ver- eins, Hniversitäts - Dürodirektor Erle, hielt eine Ansprache, in der er u. a. auch einen gedrängten Rückblick auf die Entwicklung des Ver- eins gab und betonte, daß der Derein wie bisher auch in Zukunft den Idealen der Deutschen Turnerschaft treu bleiben wolle. Se. Magnifizenz der Rektor der Landes-Hniversität, Professor Dr. D a n s e l o w, beglückwünschte den Verein zu seinem Jubiläum, erinnerte an die mancherlei Bindungen, die zwischen der Hniversität und dem Turnverein 1846 bestehen und sprach außerdem über die Bedeutung der Arbeit der Deutschen Turnerschaft für Volkstum und Daterland. Im Anschluß daran sprach auch nocy der 2. Gauvertreler Konrad Schneider, Butzbach, und zeichnete verschiedene Mitglieder des Turnvereins 1846 mit Ehrungen des Gaues, des Kreises und der
Oberhessischer Kunstverein.
„Künstlerhilfe für 20 bis 100 Mark."
Die am Sonntag eröffnete Weihnachtsausstel- lung erscheint als „Iahresschau oberhessischer Kunst" unter dem Motto „Künstler- Hilfe von 20 bis 100 Mark" —: das ist ein ebenso vernünftiges wie zeitgemäßes Programm, denn es kommt hier und heutigentags mehr denn je darauf an, eine Verkaufs ausstellung zu veranstalten. Hnd wem etwa eine Preisdevise, wie sie hier als volkstümliche Heberschrift die Weihnachtsausstellung kennzeichnet, mit den Leistungen nicht in Einklang zu stehen scheint, der möge bedenken, daß es in unseren Zeiten besser und wichtiger ist, zu kleinen Preisen zu verkaufen, als mit großen und anspruchsvollen (auch wenn sie an sich gerechtfertigt erscheinen) an der Wand hängen zu bleiben.
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Der Oberhessische Kunstverein will hier nicht eine erschöpfende Zusammenstellung geben, sondern eine Hebersicht über die künstlerische Entwicklung während des letzten Jahres. Durch eine innerhalb des vorgelegten Materials gezogene Qualitätsgrenze, die nicht zu unterschreiten war, ergibt sich eine gewisse Gleichförmigkeit des Gesamtniveaus, was im Interesse aller Beteiligten durchaus zu begrüßen ist.
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Obwohl, wie gewöhnlich, die Malerei auch diesmal den breitesten Raum beansprucht, ist es erfreulicherweise gelungen, einige hessische Bildhauer zu der diesjährigen Weihnachtsausstellung mit heranzuziehen, was eine entschiedene Bereicherung und Belebung des Gesamtbildes bedeutet.
Gleich am Eingang findet man eine Reihe Porträtplastiken von Bourcarde: markante, technisch ausgereifte Arbeiten, von denen wir einige schon früher zu sehen bekamen; so das sympathische Porträt Alfred Bock. Zu den stärksten Arbeiten zählen hierneben der sehr persönlich geformte Kopf „Meine Frau" und die zu schönem und lebendigen Ausdruck zusammengeschlossene Gruppe „Mutter und Kind"; auch der Bildniskopf „Schauspielerin H.“ dürfte hier besonders interessieren.
Lockerer in der Materialbehandlung wirken die „Maske der Zeit" und der ganz expressionistisch anmutende „Aufschrei" von Diehl (Bielefeld). — Stilistisch noch einen Schritt weiter geht der Gießener Bildhauer K ö d d i n g, dessen Figur für Messing bereits gan$ entmaterialisiert erscheint. Völlig abstrakt wirkt daneben eine nur auf den Zusammenklang von gewölbten und rechtwinklig begrenzten Körpern aufgebaute Kompositionsgruppe.
Mehr ins Kunstgewerblich-Dekorative hinüber spielen die Tierplastiken — „Eule" und „Habicht"
— von Riegger. Das reine Kunstgewerbe ist, wie in früheren Jahren, durch die Schmuckstücke in Silbertreibarbeit von Küchel vertreten, wovon man in der Vitrine eine Anzahl gefälliger und praktischer Entwürfe vorfindet.
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Don Scheid in Darmstadt sieht man wieder eine Reihe von locker und bewegt hingesehten Pferde- und Reiterbildern, deren impressionistischer Stil sich auch in den Landschaftsaquarellen und einem guten Porträt wiederfindet.
Der Gießener Stephan ist mit einigen hübschen und stimmungsvollen Federzeichnungen zur Stelle, die Landschafts- und Architekturmotive aus Hessen behandeln. Stegmayer und von Reuter bringen eine Anzahl luftiger und Heller Aquarellblätter. Von Barthel f seien zwei Landschaften genannt, von Barnas die „Bauernhäuser". Will ist u. a. mit einem aparten Früchtestilleben und dem „Hasen von Rimini" wirksam vertreten; auch seine Gießener (Straften- bilder dürften hier interessieren.
Don Steinbach mochten wir die „Boote" empfehlend hervorheben; das „Stilleben" scheint uns in Farbe und Hmrift etwas hart und unverbunden. — Zwei lebendige, technisch sehr fertige Selbstbildnisse zeigen die Dad-Rauheimer Maus und Kutscher.
Unter den Landschaften von Fries, Ortenberg, seien die „Kirschbäume" besonders erwähnt; von Huth in Weimar das malerische und interessant beleuchtete „Sängerfest in Lich".
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Die vier neuen Arbeiten von Mueller- Le u t e r t erscheinen uns charakteristisch für die Entwicklung seiner Malerei; er ist weicher, lockerer, fülliger und wärmer in der Farbe geworden: vor allem die „Häuser", der „Bahndamm" und der im Kolorit fein gestufte „Bagger" erweisen das sehr überzeugend.
Aus zwei begabte Arbeiten des in Düsseldorf studierenden jungen Gießeners Kleine — eine helle, dekorative Landschaft und eine ruhende Antilope — sei mit einer Empfehlung hingewiesen.
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Margret Kranz ist wieder mit ihren fein- gliedrigen und liebevoll ausführlichen Blumenstücken zu sehen, die wir von früher her kennen. Landschaften von L i st I („Aus Reapel"), List ll ^.Dergwerkswald"), von Klingelhofer und D i e h m a n n, ein Dlumenstück von Rohrbach, eine „Herbststimmung" von Jost und zwei Blumenarrangements von Langebartels runden das vielseitig anregende Gesamtbild der Ausstellung ab, die hoffentlich einen nicht minder zahlreichen Besuch aufzuweisen hat als die letzte. Es ist dringend zu wünschen, daß das materielle Ergebnis den Erwartungen des Deranstalters und der Aussteller entspricht. —y—


