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Ur. 178 Zweites Blatt

Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Samstag, 1. August 1951

Frankreichs Finanzrüsiung.

Wir machen unsere Leser auf diesen fach» kundigen Aufsatz besonder« aufmerksam, weil er mit oft gehörten Vorurteilen gründ­lich aufräumt und die tief in der Psyche und in der wirtschaftlichen Struktur de« französischen Volkes verankerten ®nmbla- gen seiner Kapitalmacht klarlegt.

Vicht nur in Deutschland. auch in den angel­sächsischen Ländern beginnt man sich über die starke französische Finanzsituation. die zur Zeit eine scharfeWasse imDienfte derPariser Politik ist. Sebanlcn zu machen. Drei Länder baden diele Wasfe im Verlaus weniger Svmmer- wochen zu spüren bekommen, zunächst O e st er­reich. dann Deutschland und in den letzten Tagen das früher so finanzstarke und geldstolze Großbritannien Woher rührt nun die französische Kapitalmacht? Wie kommt eS. dast Frankreich als einzige kapitalistische Groß- macht nicht in die Kredit- und Kapitalkrise ver­wickelt ist? Wo liegen die Ursachen des französi­schen Reichtums? Und wie ist daS System beschos­sen, das heute zur politischen Vorherrschaft Frank­reichs auf dem Kontinent auch die Vorherrschaft des französischen Dolde« nicht nur in Suropa. son­dern auch in der Welt fügt? Denn darüber besteht kein Zweifel Selbst die Position von Wallstreet erscheint zur Zeit zweitrangig gegenüber der fran­zösischen Finanzkrast.

Man erinnert sich bei dieser Gelegenheit. wie eindrucksvoll Frankreich nach dem Kriege mit sei­ner Armut hausieren ging und wie sehr der finan­zielle Teil der Friedensdikta ie auf das h'.lssbedürs- tiae Kriegsopfer Frankreich zugeschnitten wurde. MiNiardenersparnisse im bolschewistischen Ruß- land verloren, vier Iahre Kriegssinaruierung, ein zerstörter DebietSstreifen musste in der Tat das früher so reiche Frankreich nicht arm ge­worden fein? 3n Wirklichkeit ist der franzö- fische Wohlstand durch den Krieg wohl vermin- dert, aber nicht erschüttert worden. Auch die Inflation. die übrigens von Poincare mufter­hält. mit einer imponierenden Rücksicht auf die soziale Struktur Frankreich« liquidiert worden ist, hat nicht zu einer nennen«toerten Kapitalzerrüt- tung geführt. Heute ist eine jahrlang ausgestellte Kulisse weggezogen: Frankreich präsentiert sich als eine - der reich st en Länder der Erde, und unter diesen unbestritten als da« Land mit dem solidesten, bodenständigsten und am konser­vativsten organisierten Reichtum. Man wird sich diese Feststellung für die zukünftige politische Pro­paganda merken müssen.

Zunächst ein'ge Zahlen D.r französische Gold­bestand beträgt rund 9 Milliarden Reichsmark. 32 Millionen Pfund sind in den letzten Wochen au« England abgezogen worden. Die gesamten französischen Anlagen in ® roh Britannien werden aber von den Franzosen auf 25 Milliarden Fran­ken geschaht. Man bedenke, dast das halb so viel ist wie die Kredite Frankreich« an das zaristische Rußland. Der Rotenumlauf der Bank von Frankreich beträgt 79 Milliarden Franken. Das ist dreimal so viel wie unser Notenumlauf, doppelt soviel wie die Notenausgabe der Vank von Eng­land, zweineinhalb mal so viel wie die Noten- menge der amerikanischen Bundesrcservebank.

Vei diesem Notenumlauf müßte Frankreich eigentlich eine inflationistische Entwicklung haben. Die Warenpreise müßten stark gestiegen sein. Aber hier zeigt sich das Zusammenspiel von Notenmenge und Umlaufstempo. ferner der Unterschied zwischen Sparen und Verbrauchen. Das Tempo der französischen Geldzirkulation ist viel geringer als unser Geldumschlag. Der Fran­zose liebt das Bargeld. Vargeldloser Zah­lungsverkehr ist noch wenig entwickelt. Hinzu tritt die große Rolle de« Sparstrumpfs. Die Spar- taffen haben wenig Zulauf. Auch reizt der niedrige Zinsfuß nicht gerade zur Geldanlage. Der Fran- zvle entgeht auch gern der Steuer und der kleine Mann besonders gern der Erbschaftssteuer. Das

sind einige Gründe für den Umstand, daß heute etwa 9 Milliarden Goldmark von den französischen Rentnern gehamstert sind. Hinzu kommt, daß der Franzose ein Muster von Sparsam­keit ist. Sr versagt sich viele«, was der nach- kriegSdeutschen Bevölkerung selbstverständlich ge­worden ist. Er kennt keine Konsumthevrie. Er folgt nicht der Aufforderung, in den großen Kuchen zu beißen. Daher letzt sich der größer« Notenumlauf nicht in mobilisierte Kaufkraft um, daher ziehen die Preise nicht wesentlich an. D« Kehrseite ist. daß in Frankreich die Konjunktur­kurven flacher sind, die AdsayauSweitung nicht sprunghaft, infolgedessen auch die Investierung zu­rückhaltender. die Rationalisierung bedächtiger ist. Können wir auS dieser Haltung nicht nur sozial, sondern auch wirtschaftlich nicht einige« lernen?

Wir haben schon oft festgestellt, daß Frankreich sich der Solidarität des internationalen Kapitalis­mus versagt. Nun gibt eS eine solche Solidarität nur aus aufgeklärtem SgoiSmuS herau«. Der fran- Aöfltoe WrrtlchaftsegvismuS ist nicht rein kapita­listisch orientiert. S>er französische Kapitalismus ist ganz anderer Art als der deutsche und der angelläck'sische. Daher auch das Kuriosum, daß das französische Kapital sich weigert, dem besseren Zins zuzufliehen. Hier stößt man auf die Funda­mente des französischen DolkScharakrerS. auf ein altes Dauern- und Kleinbürgertum. Dem ist Delitz und Sicherheit das wich­tigste. dann erst folgt der SrwerbStrieb, da« Er­fassen der spekulativen Ehance Derselbe Zug wie in der Politik

Daher auch die starke Politisierung der französischen Kapitalanlagen. Der Franzose, sonst Individualist, ist als Kapitalanleger fast rin Kollektivwesen. Er wagt sich ungern auf eigene Faust auf das Meer der internationalen Chancen und Risiken, wie das der Amerikaner, der Brite, der Deutsche tut. Er sucht in erster Linie Sicher­heit. Die verbürgt ihm dasBotum be r Re­gierung. So gibt bie befonbere kapitalistische Haltung bes kleinbürgerlichen Franzo'en die Grundlage für eine Politisierung der nationalen Kapitalmacht, wie sie anderswo in dieser Geschlos­senheit unbekannt ist. Hinzu tritt natürlich das jahrzehntelange Training der französischen Banken in internationalen, mit politischen Garantien aus- geftatteten Anleihen.

Der heutige Reichtum Frankreichs hat einige Hauptquellen: ein starker Bestand alten Reich­tums. erhalten durch eine äuhcrst vorsichtige, sparsame Besi h p o l i t i k, gemehrt durch die wirtschaftlich.' Harmonie des Landes mit seiner gesunden Mischung von Land­wirtschaft, Gewerbe und Industrie, gemehrt d-irch die Reparationen, gemehrt auch in letzter Zeit durch die Reserven der Kolonien. Frankreich be­zieht heute 80 v. H. bet Reiseinfuhr. 66 v. H. der Weineinfuhr. 38 v. H der Kolonialprodukte aus seinen eigenen Kolonien. Hinzu kommt eine ak­tive Zahlungsbila nz. in welcher ber Frembenverlehr eine große Rolle spielt, wäh­rend ber Franzose ungern reist unb wenig Geld ins Ausland trägt.

Wir haben allen Anlaß, die Ursachen der fran­zösischen Kapitalmacht aufmerksam zu studieren. Wir bilden uns oft ein, den Franzosen wirtschaft­lich überlegen zu sein. Zweifellos sind wir die moderneren Kapitalisten, mit einem starken Drang zum Experimentieren, zum Fort schreiten. Aber sind wir mit unserer Wirtschaftshaltung auch nicht mehr Krisen ausgesetzt, neigen wir nicht zu sehr zum Optimismus unb bazu, den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun? Haben wir uns nicht in ber Wirtschaft allzu stark vom Inbivibualismus entfernt unb uns stellenweise einen fatalen Hang zu einer Mammutpvlitik anerzogen? Die franzö­sische Art mag altmodischer sein. Kurz vor dem Kriege war es bei uns Mobe, bie französische Dolkskraft für begeneriert zu halten. Wir haben im Selbe Enttäuschung erlebt. Das französische Heer schlug sich gut. Haben wir nicht auch An­laß. unsere ökonomischen unb sozialen Ansichten angesichts ber jetzigen Leistungsprobe französischer Kapitalpolitik einmal zu überprüfen?

SoriO3a6ren flarb berwe Opernsänger Larnso.

Don zehn Jahren, am 2. August 1921, starb ber Opernsänger Enrico Caruso, den man als den größten Sänger aller Zelten bezeichnen darf Caruso stammte aus Neapel und erlangte In kurzer Zeit durch seine herrliche Stimme Weltberühmtheit. Er starb, noch nicht SOjätjrig, in seiner Heimatstadt, der er sein ganzes Leben hindurch die größte Liebe bewahrt hatte. Eine der letzten Ausnahmen Carusos mit seiner Gattin und seiner Tochter.

Geh durch dieWett undsprich miijedem!"

Don Dr. Paul Rohrbach.

Der unseren Lesern durch zahlreiche im G. A. veröffentlichte Aufsätze bekannte Po­litiker, dessen BücherDer deutsche Ge­danke in der Welt" und ..Weltpolitisches Wanderbuch" zu den meist besprochenen Bü­chern ber politischen Literatur gehören, kr.cht soeben zu einer neuen Welt­reise auf, bie ihn u. a. nach Kanaba, USA., Iapan. China, Indien, Aegypten, Syrien unb Kleinasien führen wirb unb von ber er irft Gießener Anzeiger laufenb berichten wirb.

Wilhelm D i b e l i u s . ber leiber Verstorbene, sagt in ber Vorrede zu seinem Meisterbuch über England:Der preußische Schulmeister hatte den Krieg von 1866 gewonnen, aber ber preußische Schulmeister, namentlich ber Schulmeister auf Gymnasium unb Universität, hat den Weltkrieg verloren: benn die politischen Eigenschaften, bie zu einem Weltvolke nötig finb, hat er dem Ge­schlecht nach 1870 nicht einpflanzen können." Di- belius meint bamit, daß bie geistige Schicht, bie vor dem Kriege bei uns führend war, keine Vorstellung batxm hatte, wieviel für bie Dil- bung ber Heranwachsenden Generation auf eine gute Auslandke.nntnis anlam.

Man sagt heute wenn wir 1914 beiAmerika schon soviel Schulden gehabt hätten, wie 1931, so hätten to t den Weltkrieg nicht verloren. Mag sein, wir hätten ihn aber, von andern wich­tigen Faktoren hier abgesehen, auch nicht ver­loren. wenn unsre damals Maßgeblichen und Verantwortlichen das amerikanische Volk besser gekannt hätten. Nicht minder hätte eine bessere Kenntnis über Rußland uns beizeiten darüber unterrichtet, bah bie wirklichen Lenker bet russi­schen Politik seit Iaht unb Tag den Krieg mit Deutschland wollten Das zu spüren, beburfte es keines Geheimwissens, sondern nur ber Fähig­

keit, zu beobachten, was jedem Kenner der russi­schen Verhältnisse zugänglich war. Wir Deutsche sind geographisch, politisch, wirtschaftlich, kul­turell mit den Zuständen anderer Länder und Völker, nah und fern wohnender, so verslochten, daß im Grunde wenig Dinge aus der Welt ge­schehen können, die nicht irgendwo aus u n S zurückwirkten. So ausgesprochen, mag ber Sah fast schon banal Hingen, aber in einem be­stimmten,auslanbkundlichen" Sinn wirb er bei uns noch keineswegs überall nach seinem vollen Inhalt verstanden, ßanbläufig ausgedrückt, han­delt es sich um das. was man öffentliche Meinung nennt, was aber im AuSlande in bet Regel mehr bedeutet, al« bei un«.

ViSmarck hat einmal, in einer ärgerlichen Stimmung, als in ber beutschen Oessentlichkeit bie He.tat zwischen bem Vatlenberger in 'Bul­garien und einer Schwester Wilhelm« 11. popu­lär war, bieöffentliche Meinung in Deutsch- lanb deröffentlichen Dummheit" gleichgefetzt, weil sie kein Gefühl für politische Vernunft und Unvernunft hätte. Man braucht sich daS Wort in seiner Schroffheit nicht anzueignen, aber e« rührt doch an einen tiefgehenden Unter­schied zwischen deutscher unb angelsächsischer oder französischer, überhaupt nichtdeutscherös- fentlicher Meinung". Die deutsche bedeutet, auch in der Politik, je nachdem, mehr Stimmung, oder mehr Räsonnement: bie anderer Völker be­deutet mehr politischen AktiviSmu«, und außerdem wieder im Unterschiede zu Deutsch­land national« Konzen tra tion auf be stmmte Ziele Wir Deutsche sind auch in den wichtigsten nationalen Fragen an eine un­einheitliche öffentliche Meinung gewöhnt. Draußen ist dies Vilb unbekannt, es gibt kein« sogenanntenVerzichtler". unb bas hat zur Folge, bah die Regierungen sich allesamt als Er-

Caruso-Anekdoten.

3um 10. Todestage des großen Sängers.

Von Fred Haqenmeyer.

Subito lente.

Als Carusoals junget Mann in Neapel beim Militär biente, pflegte er, wenn niemanb dort war. ins Zeughaus zu gehen. Er versuchte dann, so laut zu fingen, daß seine Stimme den ganzen Raum erfüllte. Sines Tages hört« ihn sein Ser­geant und erbot sich, ihn zu D e r g i n e , einem der berühmtesten Ge'anglehrer des damalig.'n 3ta- liens zu bringen. Tatsächlich fang dann Enrico vor dem Maestro. Als er seinen Vortrag beendet hatte, meinte Vergine:

.Sie können nicht fingen. Sie haben ja über­haupt keine Stimme! Das tut, wie wenn der Wind durch die Läden pfeift l"

Als Caruso dann bat. wenigstens beim Unter­richt des Meisters zuhören zu dürfen, schüttelte dieser gleichgültig die Schultern. Ein so unbe­gabter Mensch mochte tun, was er wollte, was ging es ihn an?

Subito presto.

Als unbekannter junger Mqnn durchzog Caruso dann mit einer kleinen Truppe die italienischen Städte. Da er doch keine Aussicht hatte, auf treten zu dürfen, suchte er über diese Situation durch ein Trinkgelage mit Freunden wegzukommen. Plötzlich riß einer die Tür auf:

.Caruso, komm! Subito, subito! Der Tenor ist krank. Du muht fingen. Hörst du. Carusito? Du darfst singen!"

Fassungslos und halb betrunken folgte Caruso dem Boten. Ohne zu wissen was er tat, lieh er sich umkleiden und betrat bann bie Bühne. Die erste Arie absolvierte er mit Glück. Dann aber wußte er kaum mehr, was er tat Er verwechselte die Ausgänge, stolperte anberen Schauspielern in den Weg. bas Publikum pf iff unb heult«. Alles war restlos verloren. Nach ber Vorstellung wurde Ca­ruso fristlos entlassen. In der Strahe riefen ihm die kleinen Iungen nach:

Ubbriaco! Ubbriaco! ... Trunkenbold!"

Nach diesem Erfolg glaubte Caruso, sich das Leben nehmen zu müssen. Da er indessen nicht genug Geld für Gift hatte, wohl aber genug für «ine Flasche Wein, machte er sich zunächst an diese. Da wurde es ihm besser. Leise begann er

vor sich hinzusingen. Und wieder ging die Tür auf:

.Caruso, komml ... Du sollst fingen. Sie wollen den Tenor nicht hören! ... Sie pfeifen ihn aus! ... Eie rufen nach dir!"

Und wieder betrat Caruso die Bühne: Heu­lend begrüßte ihn das Publikum.

Ubbriaco! Ubbriaco!

DaNn fang Caruso zum zweiten Male jene Arie. Plötzlich wurde alles still. Darm brach frenetischer Beifall los. Gerettet.

Auf diesen Erfolg hin erklärte sich der Impre­sario bereit, Carusos Gage auf zehn Lire pro Abend zu erhöhen.

Gon brio.

Als Caruso auf der Höhe seines Ruhmes in Berlin fang, gehörten bie Studenten zu seinen glühendsten Verehrern. Als er eines Abends von der Bühne in leinen Ankleideraum ging, fand er ein Riesenbukett:

.Dem größten Sänger von den Studenten."

.Schön", meinte Caruso, und wollte weiter gehen Da hörte er jemand sagen:

.Schade, die Studenten horten ihn nicht ein­mal.

Caruso drehte sich um:

.Warum, fang ich nicht laut genug?"

.Doch. Aber sie bekamen keine Entrittskarten."

Als Caruso dann durch starken Lärm aufmerk­sam gemacht, ein Fenster öffnete, sah er Tau­sende von Studenten auf der Strahe auf ihn war­ten Sin Gebrüll erhob sich. Er streckte den Arm aus und kurz darauf ertönte seine gewaltig« Stimme in die Nacht. Er fang ihnen eine Arie aus der Oper, in der er eben gespielt hatte. Nach­her spannten sich die begeisterten Studenten vor seinen Wagen und zogen ihn so unter Iubelge- schrei vor sein Hotel.

Con moto.

Eine der Glanzrollen Carusos war der Canio in .Daja^o". Strahlend schmetterte et eines Abends dasKidi Pagliaca hinaus in ein atemlos lau­schendes Publikum. Aber die Tränen des ver­ratenen und verlassenen Bajazzo waren echt. Ca­ruso sang fein eigenes Schicksal. Während das ahnungslose Publikum vor Begeisterung tobte, blutete dem Sänget selbst das Herz. Er hatte die Nachricht bekommen, daß seine Frau ihn ver­lassen und seine Abwesenheit dazu benutzt hatte, nach Südamerika zu entfliehen.

Ridi Pagliacd ..."

Con passione.

Als Caruso zum zweitenmal heiraten wollte, stieß er beim Vater seiner Braut auf ernsthaften Widerstand. Verzweifelte Stimmungen suchten die Liebenden heim. Sic fühlten, irgendwie muhte der jetzigen unglücklichen Situation ein Ende ge­macht werden. Als sie eines Tages vor dem Ab­schied standen unb ihnen von Minute zu Minute beklommener ums Herz würbe, ging Caruso plötz­lich in ein Grammophongefchäst. Kurz daraus er­klang jene schaurig-schöne Arie aus Aida, eine von Caruso« Meisterleistungen. Rasch wollte sich Ca­ruso entfernen. Als feine Braut ihn bei den Händen nahm, sah sie, daß er weinte wie ein unglückliches Kind. Während sie ihn mit trösten­den Worten zu beruhigen suchte, erklang los­gelöst und strahlend immer weiter jene mächtige Stimme, der eine ganze Welt huldigte:

Celeste Aida Celeste Aida, forma divina!" Staccato.

Bald heirateten Enrico Caruso und Dorothy Benjamin, ohne die Einwilligung des Schwieger­vaters zu haben. Alles ging höchst einfach vor sich. Dom Hotel Knickerbocker in Neuhork be­gab sich das Brautpaar mit den Trauzeugen zum Standesamt. Der Schreiber Sully kannte Caruso nicht ober hatte den Namen schlecht verstanden. Er fragte darum:

.Was ist Ihr Beruf?

Caruso war verdutzt: .Beruf?" fragte er etwas beOommen.

,3a, von was leben Sie?"

»Oh" erleichtert schaute Caruso auf .von was ich lebe? Nun, ich finge, das ist alle«

Vivace.

Caruso war ein begeisterter Vater. Als ihm sein Töchterchen Gloria geboren wurde, kannte sein Glück keine Grenzen. Im übrigen machte er es wie alle Väter Wohlgefällig betrachtete er sein Baby:

Sieh, wie sie mir ähnlich ist! Siehst du bie Ohren? Ganz wie bie meinen. Und ihre Augen und ihren Mund. Gon; wie die meinen. Unb siehst du ihre stehle! Ist sie nicht genau wie die meine geformt?

Dos große Publikum aber, bas ihm am Abend in ber Neuyorker Oper lauschte, feierte ihn mit dem einstimmigen Rus:

Viva papa, viva papa!

Piano.

Wenn sich Caruso nach seinem Auftreten in ber Metropolitan-Oper in Neuyork abgeschminkt hatte

unb zum Weggehen fertig gemacht hatte, stand am Ausgang immer ein kleiner deutscher Mr Scholl, tagsüber seines Zeichens ein Schirmmacher, nachts aber ber Führer ber (Slaquc Obwohl Caruso ihn niemals als Schirmmacher beschäftigte unb sich auch nicht in Unkosten stürzte, um die Resonanz seiner Stimme zu erhöhen, kannte doch bie Bewunderung bes Mr. Scholl keine Grenzen. Er versäumte nie, auf ben großen Sänger zu warten unb sich schüchtern zu melben:

Gute Nacht, Mr. Caruso.

Worauf Caruso regelmäßig erroiberte:

Ah, Scholl, guten Abenb. Sehr nett, baß Sie ge­kommen fmb.

Um biefe Worte zu hören, konnte der kleine Scholl stundenlang in Nacht unb Nebel stehen.

Als bie Nachricht von Carusos Tob bekannt würbe, war unter ben ersten Telegrammen, bie bie Witwe in Neapel erhielt, auch eins mit ber kurzen Nachricht:

,Hch komme! Scholl.

Das Testament auf der Schallplatte.

Major Christopher Stone, ber englische Gram- mophonsachverftänbige, hat sein Testament in der ungewöhnlichen Form einer Grammophonaufnahme gemacht. Der auf bie Platte gesprochenen letztwilligen Verfügung hat er eine feierliche Erklärung folgen lassen, daß die Stimme, die die Platte roiebergibt, wirklich seine eigene ist Zwei Zeugen haben biefe Erklärung mit bem Hinweis bestätigt, baß sie bei ber Besprechung ber Platte persönlich anroefenb ge­wesen und Major Stones Erklärungen mit eigenen Lhren gehört haben. Zu diesem Zweck haben sie die Wachsplatte mit ihren Namen unterschrieben, so daß diese Unterschriften auf allen Abzügen der Platte sichtbar werden. Major Stone will damit die für die Abfassung eines Testaments oorgeschriebenen Formen erfüllen, legt aber Wert daraus, feinem Testament bas Gepräge einer roürbigen, intimen persönlichen Erinnerung zu geben. Es brängt sich dabei die Frage auf, ob eine so zustande gekommene letztwillige Verfügung rechtskräftig ist. Nach den Ausführungen eines hervorragenden englischen Juristen ist es das Haupterfordernis eines Testaments, daß es sichtbar ist. es ist aber durchaus zweifelhaft, ob ein ins Grammophon gesprochener letzter Wille im Sinne des Gesetzes alssichtbar zu gelten hat.