Ausgabe 
1.6.1931
 
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Aus der pwvinzialhaupistadt.

Vieh en, den 1. 3uni 1931.

Frei von Last!

Die schöne Sonne lockt. Sie meint es fast ZU gut in diesen Tagen, die bereits hochsommerliche Glut brachte, während man sich nur auf frühlingshafte Wärme eingerichtet hatte. Die Kleidung wurde eine Last. Man warf davon ab, was einigermaßen mög­lich war, ohne den Mitmenschen unangenehm auf­zufallen. Allerdings sind darin Grenzen gezogen, die man ganz gern weiterstecken möchte, wenn nur nicht die Tradition daran hinderte. Man konnte sich vorstellen, daß ein großzügiger, moderner Mensch einen Reisenden auch dann empfängt, wenn er in dieser Glut nicht viel mehr anhat als dos Aller- notwendigste, ja, daß er gerade daraus schließt, es mit dem Vertreter eines großzügigen, modernen Unternehmens zu tun zu haben. Aber man kann sich ebensogut vorstellen, daß em solcher Reisender da und dort übel ankommt. Wenn der Vertreter die äußeren Formen gar zu leicht nimmt, ist es mög­lich, daß auch die von ihm vertretene Firma man- ches an Gewissenhaftigkeit fehlen läßt. Und man stelle sich vor, daß an heißen Sommerlager, die uni­formierte Beamtenschaft die. schwere Uniform im Schrank hängen läßt, wo sich die Motten an ihnen gütlich tun können, in leichter Sommerkleidung zpm Dienst erscheinen, gekennzeichnet durch eine Arm­binde, die man irgendwie amtlich abstempeln kann. Die Welt fiele darum nicht ein, die Erde bliebe nicht vor Schreck stillstehen, aber die Neuerung wäre möglicherweise vernünftiger als manche andre, für die man allerhand Aufwand an Geld und Geist verbraucht. Ä .

Frei von Last! Das ist vor allem die Devise in den Freibädern, wo sich heute einfindet, wer irgend- wie die Zeit dazu finden kann. Dom kleinsten Knirps bis zum alten Mann sind sie vertreten, sonnen sich, verschaffen sich Kühlung, führen für einige Stun­den wenigstens ein freies Leben, nur nicht ganz in dem Sinne, wie es die Bande Karl Mohrs vor- gezeichnet hat. _ ,

Frei von Last! Wenn man dieses Wort prägt, man muß unwillkürlich daran denken, wie angenehm es wäre, wenn man heutzutage auch manche andere Last abwerfen könnte, so leicht abzuwerfen ver- möchte wie den Sommeranzug und all die füllen, die einem lästig sind. Da sind die Lasten, die uns das wenig wohlwollende Ausland aufgebürdet hat. Da sind aber auch die vielen andern Lasten, die wir uns selbst auferlegen, weil wir in mancher Verbohrtheit nicht sehen wollen, daß es auch in anderer Richtung und in dieser Richtung sogar viel besser ginge. Es ist leider anzunehmen, daß noch mancher Sommer ins Land gehen wird, bis sich die Menschheit es kommt in solchen Dingen schließ- ljch auf die ganze Menschheit an zu mehr Der- nunft durchgerungen Haden wird, als sie heute auf- wendet, um sich das bißchen Leben erträglich zu gestalten. Aber bevor man an die Menschheit drau­ßen denkt, ist es zweckmäßig, erst einmal an den eigenen Stall zu denken. r-

Linser neuer Roman.

Nachdem wir am letzten Samstag den Roman Das Schicksal spricht das letzte ODort" zum Ab- schlich gebracht haben, beginnen wir m der heu­tigen Ausgabe desGießener Anzeigers mit der Veröffentlichung eines neuen Romanwerkes, das uns in seinem Charakter, durch seine Schauplatze und seine Handlung besonders gut der sommer­lichen Iahreszeit und der jetzt beginnenden Rerse- unb Feriensaisvn sich anzupassen scheint. Der neue Roman heißt:

Brandung des Lebens" von Käte Lindner

und führt den Leser nach dem sonnigen Süden, in das Taumland seiner heimlichen Sehnsucht, an den blauen Gardasee, der al- ein Wunder paradiesischer Srdenschönheit so oft gepriesen wurde und 3ahr für 3ahr das hecherseynte Ziel so mancher Sommerreise bildet.

In diesem Roman ist eine der sympathischsten und beliebtesten Qlutorinnen am Werk, die nicht zu den Vielschreiberinnen gehört, deren reizvolle und gefühlswarme Erzählungen ihr aber einen großen und anhänglichen Leserkreis gewonnen haben. _

Käte Lindner schrieb mit dieser jungften Arbeit einen in der Gegenwart spielenden, internatio­nalen Gesellschaf ts- und Liebesroman und schildert in überaus spannender Form die wechselvollen Schicksale ihrer aus allen Zonen zusammenge- strömten Helden und Heldinnen. Keine der Her­zensgeschichten ist so mitreißend wie die deS schwermütigen russischen Tänzers Kyrill Petro­witsch, und keine so rührend wie die der ver­liebten Julietta aus der OsteriaZu den tau­send Freuden".

So dürfen wir hoffen, mit diesem fesselnden und stimmungsvollen Roman allen unseren Lese­rinnen und Lesern eine besonders willkommene Sommerlektüre zu bieten.

Bornotizen.

Tageskalender für Montag: Oden- «äldcr Heimatvereinigung, 20 Uhr im Hotel Köhler. Lichtspielhaus Bahnhofstraße:Der Schrecken der Garnison".

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Am^ Sonntag, 7. Juni, findet das trfte Gastspiel eines auswärtigen Grohstadtensembles statt. Das BerlinerKleine Theater" gastiert mit Liebe unmodern", einem Lustspiel von Sterk. Als Hauptdarstellerin wird die bekannte Tonfilm- schauspielerin Grete Reinwald im Mittelpunkt der Handlung stehen. Das Gastspiel findet zu er­mäßigten Sommerpreisen statt.

DerDeutsche Republikanische Leh- rerbunb, Bezirksgruppe Gießen, veranstaltet am Mittwoch, 3. Juni, 16 Uhr, im Saale des Gymna- siums (Südanlage) einen Vortrag. Rechtsanwalt Jean Z a y (Orleans) spricht überDie französische Jugendbewegung und der Friede". Näheres in der heutigen Anzeige.

** Preisabbau beim Stadttheater. Man schreibt uns: Der starke Preisabbau bei den Eintrittspreisen des Stadtheaters hat in allen Krei- j (en große Beachtung gefunden. Die Intendanz hofft, durch diesen Preisabbau dem Theater viele neue Freunde zu gewinnen. Gegenüber dem vorigen Sommer find die Preise bis zu 33 v. H. (bei den Eechserkarten) und bei ermäßigten Tageskarten bis xu 25 d. H. eingetreten. Die Karten in den Sechser­blocks sind ihrer Gültigkeit nach an keinen Tag ge­bunden, sind außerdem übertragbar, haben für den ganzen Sommer Gültigkeit, können aber auch an einem einzigen Abend in Anspruch genommen wer­den. Die Intendanz macht in diesem Zusammen­hang auf die moderne Dentilationsanlage im Thea­

ter aufmerksam, die auch an heißesten Sommertagen angenehmen Aufenthalt gewährleistet.

** Das 80. Stiftungsfest derBurschen. schäftG e r m a n ia" brachte am Samstagabend einen Festkommers, der einen eindrucksvollen und in allen Teilen wohlgelungenen Verlauf nahm, lieber die Veranstaltung werden wir noch berichten.

* Oeffentliche Büchcrhalle. Im Mai wurden 1263 Bände ausgeliehcn. Davon kommen auf: Erzählende Literatur 796, Zeitschriften 16, Ju- gendschriften 61, Literaturgeschichte 4, Länder, und Völkerkunde 5B, Kulturgeschichte 2, Geschickte und Biographien 102, Naturwissenschaft und Technologie 34, Heer, und Seewesen 3, Haus- und Landwirtschaft 3, Religion und Philosophie 6, Staatswissenschaft 6, Fremsprachliches 3 Bände.

" Karl-Kehler-Quelle. Man schreibt uns: Es dürfte wohl nur wenigen bekannt sein, daß am südlichen Abhang des Schiffenbergs, an der Straße nach Hausen, sich eine Quelle befindet, die reichlich Wasser liefert. 3n anerkennenswerter Weise hat sich der Straßenwärter Karl Keßler in seiner freien Zeit die Mühe gemacht, diese Quelle provisorisch so zu fassen, daß der Aus­lauf schon jetzt von Wanderern und Straßen- Passanten öfters als Triniwasser benutzt wird. Herr Kehller, der nicht nur an die Menschen denkt, sondern auch für die Tiere sehr besorgt ist (was auch die Fahrbahn der ihm anvertrau­ten Straße zur Genüge und zur Zufriedenheit aller Fahrzeughalter beweist), beabsichtigt nun, wenn ihm das nötige Material zur Verfügung gestellt wird, die Quelle so herzurichten, daß auch den Fahrzeughaltern Gelegenheit geboten ist, ihre Zugtiere dort zu tranken. Hoffentlich wird ihm seine vorgesetzte Behörde bei dem Dorhaben behilflich fein, damit schon in diesem Sommer der ideale Gedanke in die Tat umgeseht werden kann.

Altersvereinigung 1 8 64/1 9 1 4. Man berichtet uns: Aus Anlaß des Besuches des Deutsch-Amerikaners Georg Amend aus Rew 3ersey (Amerika) hatte sich die Altersver­einigung 1864/1914 im .Aquarium" versammelt, um mit ihrem Alterskollegen, bevor er wieder nach Amerika zurückkehrte, einige Stunden zu­sammen zu sein. Herr Haggenmüller be­grüßte es aufs herzlichste, daß der Alterskollege Amend, der schon seit 1914 mit seinen gleich­alterigen Kollegen, wenn auch nur schriftlich, in

Verbindung gestanden hätte, jetzt in deren Mitte weilen tonne. Herr Amend, der vor 45 3ah- ren von Gießen nach Amerika auSwanderte, hat in Rew 3erseh seine zweite Heimat gefunden. 3nteressant waren seine Ausführungen über das Verhalten der Amerikaner gegenüber den Deut­schen während des Krieges und auch noch in der Rachkriegszeit. Eine Wendung in dieser feind­lichen Stellungnahme sei erst eingetreten, als erstmals daS Zcppetinlustschisf dort gelandet sei. Die gegenwärtige Lage und die große Arbeits­losigkeit bezeichnete Herr Amend als trostlos, und demzufolge warne er jeden Deutschen, jetzt nach dem .gelebten Land Amerika" zu gehen, wo es weder Unterstützung für die Erwerbslosen, noch Arbeit gäbe. Am Schlüsse seiner Erzählung sagte Herr Amend, trotzdem er schon ein Men­schenalter aus Deutschland heraus sei, sei sein ganzes Denken und Fühlen immer noch deutsch und werde es auch bis zu seinem Lebensende bleiben. Rach Beendigung der interessanten Er­zählung blieben die Alterskollegen noch einige Stunden gemütlich beisammen, und manche Zu­genderinnerung wurde dabei wieder wachgerufen.

** Leichter Motorradunfall. Heute mor. gen fuhr in der Etephanstraße ein Motorradfahrer gegen einen Lastkraftwagen. Der Kraftradfahrer wurde einige Meter geschleift und erlitt dabei eine geringfügige Kopfverletzung sowie eine leichte Der- letzung am Knie. Eine Ueberfütjrung in die Klinik erwies sich nicht als notwendig.

Kunst und Wissenschaft.

Der Goclhc-Prcis für Ricarda Huch.

Frankfurt a. M., 30. Mai. (TU.) Das Kura­torium des Frankfurter Goethe-Preifes hat in feiner heutigen Sitzung beschlossen, den diesjährigen Goethe-Preis zu Ehren des Gedächtnisses der Frau Rat einer Frau, und zwar der Dichterin R i - carba Huch zu verleihen. Die Bekanntgabe er­folgt anläßlich der zur Zeit in Frankfurt ftattfinben- den Frau-Aja-Gedenkfahrt der Weimarer Goethe- Gesellschaft. Die Preisverleihung findet in der üb­lichen Weise an Goethes Geburtstag im Goethehaus statt.

Marinemaler Prof. Stoewer f.

Berlin, 1. Juni. (CNB.) Der Marinemaler Prof. Willy Stoewer ist am Sonntag 1 Uhr in

seiner Villa in Tegel gestorben. Prof. Stoewer, der vor kurzem 67 Jahre alt wurde, ist einer Drü­senvereiterung, die ihn feit etwa vier Wochen an» Krankenlager fesselte, und einer Herzlähmung nach schwerem Leiden erlegen.

Jtunbfunfprogromm.

Dienstag, 2. 3uni.

7.30 bis 8.30 ilfcr: Bad EmS: Konzert de» Äuror<beftcr8. 11.50: Schallplattenkonzert. 12.15: Berlin: Feier in der Gedächtnis stätte für bw Gefallenen des Weltkrieges. 15.20 bis 15.50: Hausfrauennachmittag. 16.30: Rachmittagskonzert des Rundfunkorchesters. 18.15:Sür das Thea­ter", Vortrag von Herbert 3bcring, Berlin. 19.15:Moderne gärtnerische Kulturmaßnahmen: Bodenemährung", Vortrag von Dr. H v. Bron- sart. 19.45: Unterhaltungskonzert des Philharmo­nischen Orchesters.

Mittwoch, 3. Juni.

7.30 bis 8.30 Uhr: Bad Bertrich: Konzert deS KurvrchesterS. 10.20 bis 10.50: Schulfunk Kampf der Kunstflieger", Hörbild von Paul Laven. 11.50: Schallplattenkonzert. 15.20: Stund« der 3ugend. 16.30: RachmittagSkonzert de» Rundfunkorchesters. 18.15:Die Rot der bilden­den Künstler", Dreigespräch zwischen älgi Datten­berg, Gustav Kahnweiler, Stadtrat Dr. Michel. 18.45: Freiburg:Dom Recht auf Krieg zum Recht auf Frieden l", Dortrag von Geh. Aal Prof. Dr. v. Calker. 19.30: Bühne und Brettl, heitere Schallplattenplauderei. 20.20: Kurhaus Bad Homburg: Konzert. 21: Typen, Rezitationen von Edith Herrnstadt-Oettingen. 21.30: Schlagen und Chansons

Donnerstag, 4. Juni.

7.30 bi- 8.30 Uhr: Bad Bertrich: Konzert bei Kurorchesters. 11.50: Schallplattenkonzert. 15.20 bis 16.20: Stunde der 3ugend. 16.30: Kurhaus Wiesbaden: Konzert. 18.10: Zeitfragen. 18.35: ClownS", eine Plauderei auS der Welt de» Artisten von Paul Köllner. 18.50:Auf der Suche nach Frankreich", Dortrag von Paul Ed­mund Hahn. 19.20: Dortrag. 19.45: Rational- Hhmnen (2. Abend). 20.30: Herz unter Trümmern, Hörspiel von Paul Schaaf.

Verantwortlich für Politik: i. V. Ernst Blumschein.

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Cigaretten

Fünf Jahre Atikah - Fünf Jahre Aufschwung!

Er mußte kommen. Wer einmal die mundstücklose Atikah probiert hat. erfaßt die ganze Widersinnigkeit des Mund­stücks und kann einfach nicht mehr zu der gewöhnlichen Cigarette zurück. Deshalb wird jeder Probierende be­geisterter Atikah-Raucher und -Propagandist... und des­halb konnte es nicht ausbleiben, daß Atikah zum Begriff der Cigarette ohne Mundstück geworden ist!

PACKUNGEN RM. 0.60) 1.80 UND 3 -

ATIKAH

AUSLESE CIGARETTEN

SELBSTVERSTÄNDLICH OHNE MUNDSTÜCK

1925 19*26 19*27 1928 1929 1930

Graphische Darstellung des beispiellosen Aufschwungs der Atikah ohne Mundstück