Nr. ZZ Drittes Blatt
Von unwahrscheinlichen Dingen.
Ion Or. Franz Riffier.
Wo sich chx Körper befindet, da kann sich nicht gleichzeitig ein zweiter befinden. Das ist allgemein bekannt, bedarf also keiner weiteren Erläuterung. Darum fährt in den hohen Schächten unserer Fahrstühle auch stets nur ein einziger Behälter aus und nieder, der Güter und Personen noch oben wie noch unten befördert. Entweder es geht noch oben oder es geht nach unten. Beide Bia)- tungcn zur gleichen Zeit im gleichen Schacht ist eine Unmöglichkeit. Wo gleichzeitig hinauf- und hinuntcrgcsahren werden soll, da braucht man zwei Schächte. Jeder Paternosteraufzug hat also einen Doppelschacht.
Zwei Schächte oder viele einzelne Schächte benötigen Baum. Raum aber ist in unseren Großstädten sehr kostbar geworden. Auch sonstwo, wie z. B. auf Schiffen, hat man nicht allzuviel davor^ übrig. In den hohen schmalen Wolken- kratzern und Hochhäusern, wie sie jetzt überall in stets wachsender Zahl entstehen, ist der Raum besonders knapp. Ein solches Haus nimmt aber Tausende von Personen auf. Tausende strömen fortwährend ein und aus. Es stellt eine Geschäftsstadt für sich dar. Die Unmenge von Personen, die hier dauernd zu befördern sind, macht große und macht viele Fahrstühle nötig. Also unwirtschaftliche Raumverschwendung, verursacht doch der Fahrstuhl nur Betriebskosten, ohne Erträgnisse zu bringen. Würde man die Hälfte des von den Schächten eingenommenen Raums vermieten können, so würde sich der Ertrag der Anlage steigern.
Diese Derhältnisse veranlaßten einen Inge- nieur, darüber nachzudenken, pb denn der eingangs angeführte Satz unter allen Umständen gelten müsse, ob es dicht vielleicht doch möglich sein könnte, in einem einzigen Schacht zwei Förderkörbe auf und nieder steigen zu lassen. Bei näherer Ueberlegung kam er zu der Erkenntnis, daß hier alles vom Worte ^gleichzeitig'' abhängt. Zwei Körper können sich nicht gleichzeitig an derselben Stelle befinden. Wenn man alfo die Gleichzeitigkeit vermeidet, so läßt sich unter Umständen dennoch das Kunststück fertig bringen, mit zwei Kasten im selben Schacht zu fahren. Eie können sogar gleichzeitig fahren, dürfen nur nicht gleichzeitig an ein- und dieselbe Stelle kommen. *
Das, was wohl jeder für unmöglich gehalten hätte, ist nunmehr verwirklicht worden. Seit kurzem gibt es in einem Gebäude von zwanzig Stockwerken Höhe einen Fahrstuhl, in dem zwei Förderkasten für Personen im gleichen Schacht gleichzeitig hinaus- und hinunterfahren. Das geht in folgender Weise vor sich. Der obere Kasten dient dem Schnellverkehr. Er beginnt seine Fahrt vom Erdgeschoß aus und steigt, ohne anzuhalten, bi- zum elften Stockwerk empor. Don hier aus geht er writer in die Höhe, hält jedoch an jedem einzelnen Stockwerk an. Besondere Brems-, Si- cherheits- und Aussangvorrichtungen sorgen dafür, daß er nicht nach unten gehen kann, während sich der untere Fahrstuhl auf dem Weg nach oben befindet. Sobald der obere Fahrstuhl sich aufwärts in Bewegung gefetzt hat, tritt der untere in Tätigkeit, der bis dahin unterhalb des Erdgeschosses gewartet hat. Er beginnt seine Auswärtssahrt. wobei er an jedem der unteren zehn Stockwerke anhält. Auch hier wieder Einrichtungen, die bewirken, daß er sich dem oberen Kasten nur bis auf eine gewisse Entfernung nähern kann. Die beiden Fahrkörbe sind zwangsläufig derart miteinander verbunden, daß sie zur gleichen Zeit an ihrem oberen Ziel, d. h. am zwanzigsten bzw. zehnten Stockwerk ankommen. Der Korb für den Schnellverkehr kann die Ab- wärtSsahrt erst antreten, wenn auch der untere sie begonnen hat. In jedem der beiden Kasten rst eine elektrische Einrichtung angebracht, an der der Führer erkennen kann, wo sich der andere befindet, ob er fährt und ob, sowie wo er anhält. Die Technik hat mit dieser sinnreichen
Oer neue Ausnahmeraum.
Was al eü zur Verbefserun der Aundfunksen unq geschiehf.
Von Frank Warschauer.
Vorbei ist die Zeit, in der die Funksendestel- Icn in irgendeinem gerade leerstehenden Gebäude eingerichtet wurden. Man hat zwar bald, nachdem der Rundfunk ins Leben trat, allerhand Versuche gemacht, um die Qualität der Sendung durch Gröhe und sonstige Beschaffenheit des Aufnahme- raumes zu beeinflussen. Lange Zeit tobte ein heftiger Streit zwischen der Partei der Gedämpften und der Partei der Rachhaller. Die Gedämpften wattierten ihre Aufnahmeräume mit allen möglichen Mitten, vor allem mit Filz und Teppichen, um aus diese Weise jeden Rachhall zu vermeiden: der Effekt war, daß der Ton stumpf unb tot klang. Und die Rachhaller stellten sich schon frühzeitig auf den Standpunkt, man müsse im Senderaum dieselben akustischen Derhältnisse schaffen wie sonst: und die seien eben charakterisiert durch eine gewisse leichte Echowirkung, die jedem nicht besonders vorbereiteten Raum eigentümlich sei.
Aber das waren Theorien. Inzwischen ist man nun in der praktischen Erprobung von Senderäumen sehr viel weiter gekommen. Dor allem begnügt man sich nicht mehr mit Surrogaten. Heute bauen trotz der Ungunst der Zeit die verschiedenen Sendestellen ihre eigenen Häuser, die sie so zweckmäßig wie möglich gestalten: und, wo das nicht geht, da werden wenigstens die wichtigsten Teile des betreffenden Gebäudes, also vor allem die Aufnahmeräume, so umgestaltet, wie es die neuzeitliche Sendetechnik erfordert.
Da gibt es gegenwärtig allerhand Merkwürdigkeiten. Der Hörer, der am Lautsprecher sitzt und einen Sender empfängt, freut sich vielleicht über die gute Qualität der Sendung oder ist verärgert darüber, daß er sich durch den Wellenwirrwarr Europas immer noch nicht durchfinden kann: aber selten hat er einen Begriff davon, was heute alles geschieht, um die feinsten Rpancen der natürlichen Klangwirkung wiederzugeben. Em
Gießener Anzeiger lSeneral-Anzeiger für Gberhefsen)
Mittwoch, l. April p)3j
Aus Rafur und Technik.
Arwrdnung scheinbar Unmögliches möglich gemacht. Iedensall^ wird durch sie viel Raum und auch für olle die, die in dem Gebäude verkehren, Zeit gespart werden.
Richt minder unwahrscheinlich als zwei Fahrkasten in einem Schacht erscheint diese Ange- legenhett. Gummi leitet bekanntlich den elektrischen Strom nicht. Er wird deshalb als Isolator verwendet. Kohle hingegen leitet ihn. Daraus läßt sich ohne weiteres schließen, daß die Leitfähigkeit des Gummis beeinträchtigt werden muß, sobald man ihm Kohle zuseht. Reuerdings ist dieses Thema eingehend von Dr. Wiegand und Dr. B o g g s bearbeitet worden, wobei sich das merkwürdige Ergebnis herausgestellt hat, daß die Leitfähigkeit von verschiedenen Umständen abhängt. Fügt man zu 100 Gewichtsteilen Gummi 10 Gewichtsteile bestimmter Kohlenarten hinzu, so erhöht sich die Ifolations- sähigkeit des Gummis noch um ein Beträchtliches. Es wird Sache der E ektrotechnik sein, aus diesen Beobachtungen die nötigen Schlußfolgerungen und praktischen Anwendungen zu ziehen.
Ruß und Rauch, die den Schornsteinen entströmen, sind immer ein Zeichen für schlechtes Heizen oder für ungenügendes Arbeiten der
Feuerung. Sie find aufierbem der Gesundheit wenig zuträglich. Deshalb hat man bereits verschiedentlich selbsttätige Heizungen geschaffen, die einen Ueberdlick über die Rauchentwicklung an Schornsteinen ermöglichen. Eine sehr einfache und äußerst zuverlässige derartige Einrichtung ist in einer amerikanischen Stadt ausgestellt worden. Eie besteht aus einer Kamera, die aus die Mündiing des zu beobachtenden Schornstein- eingestellt wird. Sie ist mit einem besonderen Verschluß ausgestattet, der eine elektrische Auslösung besitzt und durch <*inc Leitung mit einem Uhrwerk verbunden ist. Das Uhrwerk schließt von Minute zu Minute den Strom, der den Der- schluß auslöst. Es wird alfo jede Minute eine Ausnahme gemacht, wobei gleichzeitig daS Filmband weiter geschaltet wird. Auf diese Weise arbeitet der Rauchbeobachter stundenlang. Rach der Entwicklung des Films läßt sich genau erkennen, wie zu jeder Minute der Beobachtungs- zeit die Rauchentwicklung war. An das Uhrwerk können auch mehrere in weiter Entfernung voneinander stehende Kameras mit selbsttätigem Verschluß und ebensolcher Filmschaltung an- geschlossen werden, wodurch eine Ueberwachung ganzer Stadtgegenden, ja sogar ganzer großer Städte möglich wird. Sie dient der Ersparnis an Brennmaterial und der allgemeinen Hygiene.
3m Schatten -er Erde.
Achtung! Am Donnerstag sehen wir eine Mondfinfie:nis! - Ein Schattenkegel von 1380000 Kilomeier. — Mondfarbe und Vulkanstoub.
Von Bruno H. Bürgel.
Rachdruck verboten!
Morgen abend findet eine bei uns sichtbare totale Mondfinsternis statt. Um 19,23 Uhr tritt der Mond in den Kernschatten der Erde ein; von 23,22 Uhr bis
21.53 Uhr ist der Trabant der Erde total verfinstert. Um 22.52 Uhr verläßt bet Mond den Kernschatten. Etwa bei Beginn der Finsternis geht der Mond auf.
Bei Ausgrabungen an der Stätte, die einst die Stadt Rinive trug, fand man die Trümmer und Grundmauern des Palastes, den vor grauen Zeiten Babylons großer König Assurbanipal bewohnte. Man hatte das Glück, auch Tontafeln und Tonzylinder zu entdecken, Reste der köninglichen Bibliothek, die in Keilschrift den Urtext der biblischen Sintflut-Erzählung enthielten. Aber auch astronomische Berechnungen fanden sich vor, die beweisen, daß man schon damals genau den Lauf der Gestirne verfolgte und selbst Mondfinsternisse mit einiger Genauigkeit Voraussagen konnte. So darf es uns nicht Wunder nehmen, daß der Astronom unserer Tage Sonnen- und Mondfinsternisse bis auf ein paar Sekunden genau auf Iahthunbette, ja selbst Iahrtausende voraus oder auch zurück berechnen kann, daß wir z. B. wissen, daß die berühmte, viel umstrittene Finsternis, bie am Kreuzigungsiaze Christi eintrat, nicht eine Sonnen- sondern eine Mondfinsternis gewesen ist, daß der Mond bereits verfinstert um 18 Uhr am 3. April des Iahres 33 über Ierusalem emporstieg.
Für uns moderne Menschen, die wir schon in der Schule lernen, daß Erde und Mond zwei frei im Raume schwebende Kugeln sind, die (gn sich völlig dunkel) ihr Licht erst von der Sonne empfangen, sind solche Finsternisse zu gänzlich un- romantischen Ereignissen geworden. Wir begreifen, daß die Sonne verfinstert werden muh, wenn sich der Mond bei seiner Wanderung um die Erde vor die große Weltleuchte schiebt, und es ist uns klar, daß der Trabant bet ©r.c i s D nke l taucht, wenn er in den mächtigen Schattenkegel einbringt, ben bie runbliche Mutter Erde hinter sich in ben Raum wirst, wie jebe von ber Sonne beleuchtete Kugel. Dennoch ist bas Schauspiel
immer wieber interessant, das sich da auf dem großen Welttheater abspielt, schon deswegen, weil uns gerade bann baS räumliche astronomische Sehen leichter wirb. Trotz all unseren Schulkenntnissen will es uns boch eigentlich nicht so recht gelingen, um diese mächtige Erbe mit ihren Ländern, Meeren, Reichen mit 1930 Millionen Menschen als eine frei schwebende Kugel vorzustellen, bie mit ber breißigfachen Geschwinbigkeit einer Granate um die Sonne fliegt, ihrerseits wieber umtanzt vom Monde. Aber bei einer Mondfinsternis sehen wir plötzlich ben Schatten ber Erde, wir erkennen, bah er wirklich von einer Kugel herrührt: ber Monb Ist die „Wand" im Raum, auf die dieser Schatten nun fällt und deutlich wird. Ia selbst die Existenz der irdischen Lufthülle wirb uns bann klar, beim ber Monb beginnt bei einer solchen Finsternis in einem gespenstischen, kupferroten Licht aufzuleuchten, das von den Sonnenstrahlen herrührt, die noch die Crbatmosphäre durchdringen und, durch Beugung von ihrem Wege ablenkt, ben Monb erreichen. Die rote Färbung stammt daher, daß die blauen Strahlen des Sonnenlichtes von der Lufthülle ber Erde verschluckt werden und nur die roten übrigbleiben. So leuchtet der Mond, der auf feiner öden, einsamen FelsenwildniS sonst nur die Farben des Todes kennt, schwarz und weih, plötzlich in rötlichem Schein.
Ueberhaupt würde sich eine solche totale Mondfinsternis viel romantischer ausnehmen, wenn wir sie vom Monde aus betrachten könnten. Am Himmel des Mondes hängt unsere Erde als eine riesige Scheibe inmitten eines Sternenheeres, das viel reicher ist als das des irdischen Himmels, weil ja auf dem Monde die Lufthülle fehlt, die das Licht der Sterne schwächt. Tiefschwarz ist der Himmel des Mondes auch am hellsten Tage. Am Tage einer Mondfinsternis würden wir beim Besuch des Mondes mit der Raumrakete sehen, wie die Sonne langsam hinter der riesigen Etb- scheibe verschwindet, denn was auf Erden eine Mondfinsternis ist, ist auf dem Monde naturgemäß eine Sonnenfinsternis. Die Erde verdeckt, vom Monde aus gefeiert, die Sonne. Endlich wäre die mächtige Weltleuchte ganz hinter der Erde verschwunden, ober nun sähe man aus ben schon
genannten Gründen die Lufthülle ber Erde als einen bellen rötlichen Ring erstrahlen, ja ec allem zeigte noch den Ort unserer Erde an, denn sie ist >a in diesen: Moment, wo die Sonne hinter ihr steht und die dem Monde zugcwandle Haldlugel nicht erleuchten kann, naturgemäß völlig dunkel. Da Sonne. Erde, Mond nun auf einer geraden Linie im Raum stehen, muß brr Kem- schatten unserer Erde auf den Mond fallen und ihn verfinstern.
Dieser Schattenkegel unseres Wodnsternes hat eine Länge von etwa 1 330 000 Kilometer. Da der Mond in mittlerer Entfernung nur 384 000
Wie eine Mondfinsternis entsteht:
Erde
Sonne
Oben
Oer Mond geht durch den Schatten der Erde
Unsere schematische Darstellung zeigt da- Zustandekommen und den Verlaus einer totalen Mondfinsternis, wie sie bei uns morgen, am 2. April, zu beobachten ist.
Kilometer von uns absteht, ist dieser Schatten dort, wo sich der Mond befindet, noch sehr breit; könnte man ihn neben dem Monde sichtbar machen, so wäre er als eine dunkle Scheibe erkennbar, die 22/3mal größer ist als die Scheibe des Vollmondes. Der Mond braucht daher auch eine erhebliche Zeit, um diesen Schattenkegel zu durchwandern, natürlich kommt es daraus an, ob er ihn in seiner vollen Breite durchläust oder nur ein kleines Stück des Schattens durchmißt. Im äußersten Fall kann eine totale ^Mondfinsternis 4V- Stunden dauern. Es kommt bann zuweilen vor, daß der Mond völlig unsichtbar wirb, daß selbst das erwähnte kupferrote Licht ihn uns nicht mehr erkennen läßt. K e p l e r, ber große Himmels, orscher, erlebte des bei der Mondfinsternis vom 9. Dezember 1601. Der Grund dieser Erscheinung ist darin zu sehen, daß zu manchen Zeiten die Lufthülle der Erde ringsum mit enormen Wolkenmaisen angefüllt ist, die kein Sonnenlicht mehr hindurchlassen, daS sonst eben noch auf Umwegen den verfinsterten Mond erreicht und ihn zart rötlich aufschimmern läßt. Uebrigens hängt dieses Licht auch davon ab, ob die Lufthülle ber Erbe durch Dulkanstaub verunreinigt ist. Bei dem gewaltigen Ausbruch des Vulkans Krakatao in ber Sundastraße im Iahre 1883, ber bie ganze Insel umgestaltete, würben viele Millionen Kubikmeter Asche in die Lusthülle emporgeblasen, bie noch, durch Luftströmungen verteilt, viele Iahre nach der Katastrophe in großen Höhen nachweisbar waren. All das ist für bie Stärke des KupferlichteS bei einer totalen Mondfinsternis von Bedeutung und wir erkennen hier, daß eine Fülle interessanter Fragen sellist bei einem so scheinbar nebensächlichen Phä- nomen auf tritt.
Cenberaum ist heute das reinste Kunstwerk; ein allgemein gültiges Schema für die Einrichtung des Senderaumeö hat man noch nicht gefunden — so hängt noch alles von ber Intuition, dem Wissen und den Erfahrungen ber einzelnen Sendeleiter ab. Und so findet man, wenn man auf Studienreisen durch Europa fährt, bie allerverschiedensten Eigentümlichkeiten beim Dau der Senderäume.
Da ist zum Beispiel ber Sender Budapest, über dessen ausgezeichnete Klangqualität sich bestimmt schon viele Hörer in ganz Europa und darüber hinaus gefreut haben. Hier ist ein Prinzip ver- wirllicht, das schon oft vergeblich von Sachverständigen als wesentlich bezeichnet wurde. Die große Schwierigkeit des Sendebetriebs liegt besonders bei ber Wiedergabe musikalischer Werke daran, daß der Dirigent fein Orchester nicht so hören kann wie sein unsichtbares Funkpublikum, sondern so, wie es im ©enberaum erklingt. Gewiß kann er feine eigene Phantasie unb seine funkischen Erfahrungen zu Hilfe nehmen, um die orchestrale Gesamtgestaltung so zu korrigieren, wie es auch den Erfordernissen des Mikrophons nottoenbig ist. Das ist und bleibt ein Rotbehelf.
Um dem abzuhelfen, hat man nun in Budapest einen ganz eigenartigen Weg gewählt. Dort befindet sich zwischen dem Dirigenten und seinem Orchester eine feste Glaswand. Durch diese hindurch kann er sich zwar optisch mit den Musikern verständigen, aber er hört auf dem direkten Wege nicht das geringste von ber Musik, die sie spielen. Diese wird ihm vielmehr indirekt vermittelt, nämlich mit Hilfe eines Lautsprechers. Da kann er denn nun ganz genau beurteilen, wie die von ihm an'uftrebenbe Endwirtung beschaffen ist; unb er hat bann die besten Unterlagen dafür, um nun alle die Korrekturen anzubringen, die er danach für notwendig hält.
Ein anderes Moment, das vielfach eine sehr wichtige Rolle spielt, ist das der Größe des Aufnahmeraumes. Hiervon hängt in der Tat ungeheuer viel ab. Wenn zum Beispiel ein großes Orchester in einem relativ kleinen Raum spielt, so helfen die schönsten Künste des Dirigenten unb des Orchesters nichts, es wirb immer stumpf, beengt unb armselig Hingen müssen. Der Klang wird sich bann eben nicht richtig enthalten, so wie er es
gewöhnlich in bem bebeutenb größeren Konzertsaal tut.
Auch bas Umgekehrte ist manchmal zu konsta- tieren. Wenn man etwa ein Streichquartett in einen sehr großen Raum bringt — bann geht nicht nur die Intimität ber Wirkung verloren, sondern auch der Klangcharakter der Instrumentengruppe verändert sich sehr zu seinen Ungun- sten. Wer einmal Gelegenheit gehabt hat. ein Streichquartett zum Beispiel in privatem kleinen Raum zu hören unb bann später in einem großen, vielleicht nicht völlig gefüllten Konzertsaal — ber wirb die gleiche Beobachtung gemacht haben. Man braucht also eigentlich für jebe Kategorie von Senbungen Aufnahmeräume von be- ftimmter Gröhe.
Früher hat man sich in biefem Dilemma ba- durch geholfen, daß man sich ganze Sammlungen von Aufnahmeräumen ber verschiebenen Größen anlegte — oft in verschiebenen Stabtieilen. Desonbers London war für die Zahl feiner Aufnahmeräume berühmt. Reuerdings geht man aber einen anderen Weg, und zwar ist es der Sender Hamburg, der dabei die interessanteste Methode der Lötung gefunden hat.
Der dort gebaute schöne neue Aufnahmeraum erinnert an die geheimnisvollen Szenen aus verschollenen Opern unb Detektivromanen. Zunächst sieht man ihm nichts Desonberes an, außer daß er architektonisch überaus klar burchgebilbet ist, ein großer Saal, erhöhtes Podium, ein kleiner Dorhang, dann der Platz für bas Orchester und Sei- tenwände, die von fern an die dennoch ganz anders geartete Logenglieberung eines Theaters erinnert. Und während Sie nun in der Mitte stehen und sich alles genau betrachten, seht sich plötzlich die Hinterwand in Bewegung unb kommt ganz ruhig auf Sie zu. Unb Sie müssen sich nun vor ber unheimlichen Wand in das Orchester flüchten, -solange, bis es bem Maschinenmeister gut dünkt, sie wieder rückwärts wandern zu lassen. Eine englische Iournalistin, der diese Merkwürdigkeit vorgeführt wurde, ohne daß man sie vorher davon unterrichtet hatte, soll darüber so erschreckt getreten fein, daß sie beinahe in Ohnmacht fiel. Aber imponiert hat ihr die Sache doch, und sie hat sehr günstig darüber berichtet...
Diese verschiebbare Wand, die so hoch ist wie der ganze Raum und auS einem mit Zuckerrohr überdeckten Metallgerüst besteht, hat den Zweck, den Raum für die verschiedenen Sendungen zu vergrößern und zu verkleinern. Und da sie sich so lautlos bewegt, so kann sie diese Funktion auch mitten während einer Sendung vollführen. Und so wandert sie denn hin und her — und der auf-1 merksame Hörer hat den Dorteil davon.
Auch sonst ist dort alles beweglich und versenkbar. Das Orchester 3um Beispiel kann ebenfalls in seiner Gesamtheit lautlos versinken. Die Seitenwände bestehen aus auswechselbaren Holzplatten, die durch Filzplatten ersetzt werden können. um so ebenfalls die Dämpfung des Raumes unb damit den Charakter der Schallwirkung zu verändern. Und an der Seite ist eine kleine, glasgeschühte Koje untergebracht, von der auS ein Regisseur die Aufführungen überwachen kann. Auch sie ist vom Ausnahmeraum schalldicht getrennt, was dort draußen vorgeht, kann er zwar mit den Augen direkt sehen, aber mit den Ohren nur indirekt durch den Lautsprecher hören. Und die Decke des Aufnahmeraumes ist eine Merkwürdigkeit für sich. Sie besteht nämlich aus Stalaktiten, die dort oben herunterbaumeln- ähnlich wie die einer Tropfsteinhöhle, nur kürzer unb regelmäßiger. Hebet ihnen befindet sich noch ein Glasdach, durch aas Licht von verschiedener Fatb»hin- durchgeichickt werden kann. Die Stalaktiten sollen die Akustik des Raumes verbessern unb bas farbige Licht, das von oben einbringt, ist dazu bestimmt, die Stimmung des Raumes zu verändern, was unter Umständen für die Leistung bet mit- witkenden Künstler von Einfluß sein kan 1.
Cs ist anzunehmen, baß die von dem Intendanten Boden st edt durchge führte Methode, Gröhe und akustischen Charakter eines Aufnahmetau- mcs beliebig zu vetändern, allmählich Schule machen wird. Iedenfalls ist hier ein interessanter Beitrag zur Lösung des Sendetaumptoblems gegeben, und die Höret, denen das alles zugute kommen soll, mögen sich auch einmal damit beschäftigen. was alles für raffinierte technische Mittel unb Kniffe angetoenbet werden, um den durch den Rundfunk übertragenen Klang nur ja recht natürlich und wirksam zu ihnen gelangen zu Taffen,


