Nr. 77 Zweiter Blatt
Mittwoch, 1. April tM
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Aus der Provinzialhaupistavi.
Gießen, den 1.April 1931.
Verwurzelt.
Olein, es ist nicht gleichgültig, ob die Ollen- schen im Boden wurzeln. der sie trägt, oder ob sie wirNich oder auch nur geistig freizügig sind. „Mensch bleibt Mensch!" Wenn dos so Ware so wäre der schlimmste Gauner dem Ehrenmann gleich, der in der Seele und bis m die Fingerspitzen Gentleman ist. Wenn es gleich wäre, dann wäre all das, was man Kultur und Adel der Menschheit nennt, eine Farce. Und adlige Menschen kann man auch im ärmlichsten Gewände finben; die Gesinnung entscheidet.
Ob einer verwurzelt ist mit seinem Volkstum, ist schtver zu entscheiden? O nein. Man braucht nur auf seine Taten zu sehen und zu hören, wie er sich zu schwierigen Fragen stellt. 3a, sogar die Entscheidungen des Alltags können beweisen.
Da gibt es Dinge, die Hand und Fuß haben. Angelegenheiten, die höchst einfach sind. Der Verwurzelte fragt nicht lang, überlegt nicht viel: für ihn gibt es da keine Unsicherheit. (Deine Entscheidung ist im Auganblick fertig. Wenn die Sache gut ist. tritt er fit» sie ein. Sein unbeirrbares Gefühl sagt ihm: Hier ist das Rechte, dazux stehe ich! Der Richt-Derwurzelte hat es nötig, sich lange Vegründungen für seine ent- fcheidung zurechtzulegen, und was dabei herauskommt. sind blasse Theorien, für die keiner einen roten Heller gibt. Ohne viel nach links und rechts zu blicken, geht der mit dem Volkstum Verbundene seinen Weg: der andere sieht bald dahin, bald dorthin, um eine Stühe für seine Anschauung zu finden.
Das Verwurzeltsein hat nicht immer etwas zu tun mit dem Boden. Cs kann von den Vorfahren her im Blute liegen und durch glückliche Umstände unvcrwischt geblieben fein, auch wenn das Schicksal den Menschen weit in die Ferne verschlagen bat. Allerdings — es kann verlorengehen, wenn Einflüsse wirken, die der Bewahrung des Echten abhold sind. Und es ist das Verhängnis unserer raschen, aufgeregten Zeit, daß es solcher Einflüsse sehr viele gibt. Wären sie nicht, hätten sie nicht gewirkt, das von den Vätern überkommene seelische Erbgut zu zerstören, wir hätten heute weit weniger Verworrenheit und Unsicher- beit in kulturellen Dingen. Aber meist glaubt man, es dem ..Fortschritt" schuldig zu sein, daß man die Grundlage festgegründeter Anschauungen verleugnet. Olur keine Rückständigkeit! Rur immer der moderne Mensch fein! Dabei merkt man gar nicht, dost der „Fortschritt" nur auf einem Mißverständnis beruht und im Grunde ein Rückschritt ist wie jede Verleugnung des solid Gegründeten. 3m besonderen ist „Fortschritt" ein Schlagwort seelisch blasser Aestheten. die den Boden unter den Füßen verloren haben, aus der Rot eine Tugend machen, sich aus Dürstigkeiten eine Art wettanschaulichen Boden schaffen, den sie morgen, wenn eine andere Moderichtung aufgekommen ist. mit der sich noch bessere Geschäfte machen lassen, schon wieder verleugnen. Der wurzel- starke Mensch braucht das nicht. Er hat seinen selten Boden unter den Füßen, und für ihn gilt das ganze Leben hindurch die eine Weltaus- sassung. die sich fester gründen, ausbauen läßt, die aber fertig dasteht, unwandelbar, weder der Mode noch einer andern Zeiterscheinung unterworfen. Es ist darum nicht nötig, stur und starr den Blick auf ein kleines Segment gerichtet zu halten. 3m Gegenteil, gerade die festgegründete Auffassung gibt großen Spielraum, weil f>e in den Grundlagen auch von großen Zugeständnissen unberührt bleibt.
Kreuzweg der Liebe.
Roman von Paul Grobem
Lrheberrcchtsschuh: Romandienft „Digo", Berlins 30.
15. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Einen Augenblick sahen die Beiden, anein- andergeschlniegt, und blickten vor sich hin in das Sonnengeflimmre des Gartens, da fuhr Fräulein Zindler plötzlich auf.
.Der Doktor!" Sie machte eine Handbewrgung nach dem unteren Ende des Gartens, und eine leichte Röte stieg in ihrem zarten Gesicht auf. 3n der Tat. dort unten kam Doktor Wigand gegangen, langsamen Schrittes, den Hut in der Hand, mit etwas nach vorn gebeugter Haltung, tote ein müder Mann, der nach angestrengter Arbeit sich nun unbeobachtet einmal ein paar Minuten gehen läßt.
..Ach Gott! Wie angegriffen er wieder ist!' Der ungewöhnlich herzliche Ton machte Ursula zu ihrer Begleiterin aufsehen, und nun nahm sie auch die Röte in deren Antlitz wahr, während ihre Blick mit heimlicher Zärtlichkeit an der Gestalt des dort unten schreitenden Mannes hingen. Kein Zweisel! Das junge Mädchen nahm an Wigand ein ernsteres Interesse. Ein plötzliches Weh stieg in Ursula auf: wenn ihre Begleiterin ahnte, was ihr dieser Mann einmal gewesen toarl
..Wieso soll Dr. Wiegand angegriffen sein, er macht doch sonst nicht den Eindruck?"
„Ob, er läßt sich natürlich nichts anmerken, toenn er unter Menschen ist", erklärte eifrig seine kleine Verehrerin. „Aber ich weiß es besser. Er arbeitet über seine Kräfte. Selbst sein Assistent gibt es zu. Sechzig Patienten im Hause, von denen er fast die Hälfte speziell mit Elektrizität, schwedischer Massage, Vibrationstherapie behandelt, das kann auf die Dauer auch der Stärkste nicht aushalten. Er gönnt sich ja nicht die geringste Erholung. Don morgens sechs an. wo er manche schon im Bett behandelt, bis abends elf und oft noch länger, ist er ständig in Tätigkeit. Sonntags nachmittags mal eine Stunde Spazierengehen — das ist alles. Ist das nicht ein trübseliges Leben? Und dazu noch den Aerger mit den verdrehten Menschen hier! Äamentlich mit den alten Frauenzimmern. Da ist zum Beispiel so eine alte, verdrehte Miß — wissen Sie? Die gräßliche, alte Vogelscheuche links unten an unserem Tisch, die immer mit Augen, so groß wie ein Teller, zu ihm hinschmachtetl Die Person ist ja ganz verrückt nach ihm. Jeden Tag fehlt ihr was anderes, bloß damit sie einen Grund hat, ihn zu sich holen zu lassen."
Ursula hatte schweigend den Wisbruch warmherziger Entrüstung mit angehört: ihr Auge
Oie Stillegung der Hefrag.
Katastrophales Sinken der Teerpreise. - Das Oumping der Muffen aus dem Denzinmarkt. — Oie reichen Erdölquellen in der Lüneburger Heide.
Zu unserer gestrigen Meldung über bie Stilllegung des Draunkohlen-Schwel- kraftwerks Hessen-Frankfurt. AG.. (Hefrag) in Wölfersheim rnb die daraus zu erwartende Entlassung von rund 1300 Arbeitern und Angestellten erfahren wir folgendes:
Die Stillegung der Hefrag, mit der zum 1. Juli zu rechnen ist. hat drei bedeutsame Gründe. Zunächst ist es der
allgemeine Zusammenbruch der internationalen Oelwirischafl,
in der auf der einen Seite eine ständig anwach - sende Ueberproduktion an Erdöl herrscht, während auf der anderen Seite die Absatzmärkte immer mehr einschrumpfen.
Als zweites kommt hinzu das Dumpingder Russen, die ihre Benzinvorräte zu jedem Preis auf den deutschen Markt werfen, um hier Absatzgebiete zu erobern. Infolgedessen ist eS zu einem
riesigen Preiskampf auf dem Benzinmarkt gekommen, den die Russen durch ihr von den Konkurrenten abgelehntes Verlangen auf eine Quote von jährlich 400 000 Tonnen Benzin besonders verschärft haben. Die Konkurrenzunter- nehmungen der Russen auf dem Denzinmarkt bemühen sich, dem unbequemen russischen Rivalen nur ein wesentlich geringeres Absatzfeld in Deutschland zu überlassen, fo daß nun infolge des Quotenvcrlangens der Russen der Kampf um den Benzin absah auf der ganzen Linie in vollem Umfange entbrannt ist. Weiter ist in diesem Zusammenhänge zu beachten, daß die Denzin- preise international sehr schwach liegen. weil es allen ausländischen Denzinsirmen infolge der Ueberproduktion und des Absatzmangels nicht gut geht. Da der weitaus größte Teil des in Wölfersheim erzeugten Teers und Leichtöls als Ausgangsprodukt für die Denzinerzeugung verwandt wird, sind die Zusammenhänge zwischen dem Kampf auf dem Denzinmarkt und den Schwierigkeiten des Wölfersheimer Derks ohne tveiteres ersichtlich.
Als drittes Moment für die Beurteilung des Wölfersheimer Entschlusses kommt das
überaus reichliche Erdölvorkommen in der Lüneburger Heide seit September v. 3.
in Betracht, für das die Möglichkeiten zur Ausarbeitung zur Zeit in Deutschland nur in beschränktem Umfange vorhanden sind, weil entsprechend der bisherigen geringen Urproduktion nur wenige deutsche Raffinerien bestehen. Infolgedessen haben sich die Erdölbetriebe in der Lüneburger Heide mit ihrer Produktion zum Teil auch auf den Rohteermarkt geworfen und damit dort zu der Preis-Revolutionierung ebenfalls beigetragen, während gleichzeitig die Benzinkonvention zusammengebrochen ist und die Preise z. Z. völlig in der Luft hängen.
Durch diese Umstände ist die Preisgestaltung für Wölfersheimer Braunkohlen-Schwelteer, die in enger Abhängigkeit vom Benzinpreis steht, unter ungeheuren Druck geraten. So kam es. daß der Preis für das Wölfersheimer Teerprodukt um nicht weniger als drei fünftel gegenüber den Erlösen von 1929 bis Ende 1930 gefallen ist.
Was das bedeutet, sagt die Tatsache, daß die Wölfersheim crSchwelteer - Produktion die größte von sämtlichen Betrieben in Deutschland ist. Hinzu kommt aber noch, daß auch die Preise für Leichtöle, die auch in Wölfersheim hergestellt werden und in engem Zusammenhang mit den vorerwähnten Verhältnissen auf dem Benzinmarkt stehen, in ähnlicher Weise gefallen sind.
Bei dieser Sachlage müssen leider die Betriebsaussichten des Schwelkrastwerks in Wölfersheim als so trübe bezeichnet werden, daß
die Stillegung zwangsläufig wurde.
Es ist außerordentlich bedauerlich, sowohl für die Wirtschaftsgesamtheit unserer Provinz, wie auch für den Arbeitsmarkt und nicht zuletzt für das Unternehmen selbst, daß dieser mit großen Hoffnungen begleitete Betrieb jetzt in derartige Schwierigkeiten geraten ist. Man darf wohl als selbstverständlich annehmen, daß alle Möglichkeiten zur Behebung dieses Rotstan- d e s, soweit sie noch irgendwie gegeben sind, unverzüglich angewandt werden, um den Wölfersheimer Betrieb in Gang zu erhalten und damit auch dem Arbeitsmarkt die außerordentlich unerwünschte Reubelastung mit rund 1300 Erwerbslosen zu ersparen.
Daß es noch solche wurzelstarken Menschen unter uns gibt, das ist eine Hoffnung. Und es ist zu wünschen, daß sie nicht nur nicht aussterben, sondern daß ihre Gemeinde noch mehr Zufluß erlangt durch jene üebcrläufcr, die nach einer Zeit, in der vieles wankt, wieder zurückfinden zu dem soliden Quaderoau einer natur» und erdverbundenen Denkweise. —r.
Bornotizcn.
— Lageskalender für Mittwoch. Etadttheater: „X Y Z“, 20 bis 22 Uhr. — Rationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei»: Vortrag von Madel. Braunschweig, 20.30 Uhr, Safe Leib. — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „Wiener Liebschaften".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Heute 20 Uhr unter der Spielleitung von Dr. Karl Ritter „X Y Z“, ein Spiel zu Dreien von Klabund. — Freitag bleibt das Theater geschlossen. — Die Intendanz hat für
Samstag Arthur Schnitzlers jüngstes Werk „Im Spiel der Sommerlüfte" zur Uraufführung angenommen. Die Uraufführung findet unter der Spielleitung von Walter Bäuerle im Freitag- Abonnement statt. Beginn 19.30 Uhr. — Am Ostersonntag wird Frau Auguste Prasch-Greven- berg, Ehrenmitglied b«6 Meininger Landestheaters, in der Rolle der Herzogin in der Gesellschaftskomödie von Oskar Wilde „Lady Windermeres Fächer" gastieren: Spielleitung Walter Bäuerle. Die Vorstellung findet als Fremdenvorstellung zu ermäßigten Preisen statt und beginnt 18.30 Uhr. — Am Ostermontag beginnt die Fremdenvorstellung bereits 15 Uhr, um auch den Bewohnern der weiteren Umgebung Gelegenheit zum Theaterbesuch zu bieten. Zur Aufführung gelangt unter der Spielleitung von Dr. Karl Ritter zum letzten Male das Spiel zu Dreien: „X Y Z“, von Klabund. Die 3n- tendanz hat für diese Fremdenvorstellung kleine Preise festgesetzt. — Am Mittwoch, 8. April (im
Mittwoch-Abonnement) und Donnerstag. 9. April (im Dienstag- Abonnements sindet ein zweimaliges Operettengastspiel der Vereinigten Operettentheater Bochum-Hamborn statt. Zur Ausführung gelangt die Schlageroperette ..Viktoria und ihr Husar", von Grünwald u. Löhner-Beda, Musik von Paul Abraham. Die Wiedergabe der Operette verlangt ein Personal von 70 Personen: das Vereinigte Operettentheater Bochum-Harn- dorn wird mit seinem sämtlichen Solo- und Chor- personal sowie verstärktem Orchester gastieren.
•• Ministerium und War en handel. Das hessische Gesamtministerium hat an sämtliche unterstellten Behörden ein Ausschreiben erlassen, nach dem jeder Warenhandel <Warenbestellung. -Verteilung und -Verrechnung) durch Beamte, oder Bezugsgemeinschaften von Beamten während der Dienststunden und in den Diensträumen untersagt ist Etwa bestehende Einrichtungen dieser Art sind auszuheben. Fremden Personen ist jede Art von Handels- und Werbetätigkeit. _ insbesondere der Verkauf von Waren (auch Büchern und Bilderns, das Sammeln von Warenbestellungen und die Vermittlung von Versicherungen bei behördlichen Dienststellen verboten. Den Beamten ist während des Dienstes jede Betätigung bei einer Dezugsgemeinschast - auch außerhalb der Diensträume verboten. Die Dienststellenleiter haben die Einhaltung dieser Vorschriften pflicht- mäßig zu überwachen.
•* 25 Jahre treue Mitarbeit. Am heu- tigen Mittwoch kann Herr Georg Burkhard, wohnhaft Am .Üugclberg 33, auf eine 25jahriae Tätigkeit als Reisender des Hutgeschäfts W & G. Schuchardt zurückblicken. Der Jubilar hat sich im Laufe der langen Jahre die Werfchätzung seines Arbeitgebers wie auch des Kundenkreises erworben.
•• Dienstjubiläum. Am heutigen 1. April kann Fräulein E r n st i n e R o t h a in e l auf eine 25jährige Tätigkeit als 'Verkäuferin in dem Papiergeschäft von H.Roll, MäuSburg, zurückblicken. Die Dame erfreut sich sowohl bei dem Geschäftsinhaber, wie auch beim Publikum größter Wertschätzung.
Schulperson alle. Der Lehrer Ludwig R e x r o t h an der Volksschule zu Bad-Nauheim (Kreis Friedberg) tritt am 1. April in den Ruhestand.
•• Fahrplan-Aenderung der Kraft- post Hochelheim—Gießen. Vom Postamt Gießen wird uns geschrieben: Wegen des früheren Beginns des Gießener Wochenmarktes wird die werktägliche Kraftpost von Hochelheim nach Gießen von Donnerstag. 2. April, ab vormittags eine halbe Stunde früher, und zwar nach folgenden Zeiten verkehren: Ab Hochelheim 6.00 Uhr, Hörnsheim 6.03 Uhr. Llbzweig Groß-Rechtenbach 6.13 Uhr, Lützellinden 6.25 Uhr. Abzweig Allcndorf 6.28 Uhr, Klein-Linden (Mitte) 6.39 Uhr. Klein-Linden (Rord) 6.42 Uhr. Gießen (Liebigstr) 6.49 Uhr. an Gießen (Markt) 7.00 Uhr.
** Morgen abend Mondfinsternis. Morgen, Donnerstag abend, wird Gelegenheit sein, eine totale Mondfinsternis zu beobachten. Wir verweisen im Zusammenhang damit auf den illustrierten Artikel „Im Schatten der Erde" in unserer heutigen technischen Beilage hin.
** Zur Verhütung von Waldbränden. In einer Bekanntmachung im heutigen Anzeigenteil wird darauf aufmerksam gemad)tf daß das Weg« werfen von glimmenden Streichhölzern, Zigarrenoder Zigarettenresten im Walde ftreng verboten ist.
•• Die Gießener Geldinstitute halten ihre Geschäftsräume am kommenden Ostersamstag, 4. April, für jeden Verkehr geschlossen. Interessenten seien auf die gestrige Anzeige hingewiesen.
** Pässe rechtzeitig beantragen. Mit Rücksicht auf die bald einsehende Reisezeit ist es zur Vermeidung unnötig langen Wartens
hatte dabei Wigands Züge aus der Entfernung zu durchdringen versucht. Und wirklich, soviel sie erkennen konnte, schien ein müder, bitterer Ausdruck in seinem Antlitz zu nisten. Ein brennender Drang kam da plötzlich über sie. Eines mußte sie wissen: was war die Ursache dieser Müdigkeit? Wollte er es vielleicht nicht anders? Wollte ev arbeiten bis zum Zusammensinken, um zu vergessen?
„Sie mögen ja recht haben, Fräulein Zindler", ruhig erwiderte es Ursula, aber ihr Herz klopfte vor Erwartung, Gewißheit zu erhalten. „Ich verstehe nur nicht, warum Dr. Wigand sich nicht einen Teil der Arbeitslast abwälzt — auf seinen Assistenten oder sonstwie."
„Sehen Sie, gnädige Frau, daS habe ich mich auch schon gefragt!“ Lebhaft fuhr das junge Mädchen zu Ursula herum, und mit gedämpfter Stimme fuhr sie dann nach einer Weile des Zögerns fort, als gäbe sie ein lange sorgsam gehütetes Herzensgeheimnis preis. „Wissen Sie, was ich mir denke — und auch viele andere Damen hier im Hause?"
„Run?“
„Er will sich betäuben, ja vielleicht aufreiben — er hat eine unglückliche Liebe in seiner Heimat, in Deutschland!"
Alles Blut schoß plötzlich Ursula zum Herzen, so daß sie dort einen bohrenden Schmerz fühlte und ihr Antlitz sich entfärbte. Richt allein die Worte ihrer Begleiterin waren schuld daran: nein, im selben Augenblick hatte auch Wigand, den Weg unten verlassend, eine Schwenkung gemacht, und kam herauf, gerade auf sie zu. Er hatte sie. mit seinem zu Boden gesenkten Blick, offenbar noch gar nicht hier in der Taxusnische bemerft.
„O — fein! Er kommt zu uns her!" frohlockte leise Fräulein Zindler.
Mit einer heftigen Bewegung fuhr Ursula von der Dank empor, so daß ihre Begleiterin sie überrascht ansah. Um jeden Argwohn abzulenken, sah Ursula schnell nach der Uhr am Handgelenk.
„Mein Gott, gleich zwölf! Da wird mein Mann schon auf mich warten." Und sie machte Miene, sich von Fräulein Zindler zu verabschieden
3n diesem Augenblick aber stutzte Wigand und verlangsamte seine Schritte. Das plötzliche Aufspringen Ursulas hatte feine Blick nach der Rische gezogen. Er erkannte die beiden Damen und sofort übersah er die Situation Ratürlich! Ursula, die ihm feit jenem ersten unvermeidlichen Begegnen konsequent aus dem Weg gegangen war, wollte bei feiner Annäherung entfliehen
Ein Ausdruck tiefster Bitterkeit erschien einen Moment lang auf seinem Gesicht, und sein Auge suchte das Ursulas: Keine Sorge! Ich werde deinen Weg nicht kreuzen. So hielt er denn seine Schritte an, fuhr sich über die Stirn, wie jemanb, dem plötzlich etwas einfällt, unb ging, umkehrend, schnell zurück, nach der Dependance hinüber.
„Oh, wie schade!" Enttäuscht rief es Fräulein Zindler aus, dem sich Entfernenden mit Blicken lebhaftesten Bedauerns nachschauend. „Ich hatte mich schon gefreut, ein paar Minuten mit ihm zu verplaudern! — Aber, was mag er nur haben? Ist es Ihnen nicht auch aufgefallen“, sie wandte sich 'an ihre. Begleiterin, „seine Miene wurde mit einem Wale ganz finster! Was mag ihm nur so plötzlich durch den Kopf geschossen sein?"
Der arglos fragende Blick des jungenMädchenS drohte Frau Ursula zu verwirren.
„Ich habe nichts bemerkt", wich sie aus. „Sie haben sich wohl getäuscht. — Aber Sie müssen mich wirklich nun entschuldigen", verabschiedete sie sich, „mein Mann wird sonst ungeduldig. Auf Wiedersehen, Fräulein Zindler."
12. Kapitel.
„ Fred, ich bitte dich noch einmal — laß uns nicht heute hinuntergehen. Tu es mir zuliebe!"
Ursula bat in fast flehendem Ton den Gatten, der bei seiner Absicht beharrte, an dem geselligen Beisammensein teilzunehmen, das heute abend die Pensionäre des Hauses vereinen sollte.
„So? Sollen wir also wieder den Abend hier stumpfsinnig auf dem Zimmer hocken? Rein, das kannst du wahrhaftig nicht von mir verlangen!"
„Aber Fred! Du weiht doch worum. Heute abend ist eine Begegnung mit Wigand sicher unvermeidlich."
„Run, und wenn? Man drischt ein paar konventionelle Phrasen, und fertig ist die Sache. Darum werde ich doch nicht auf die einzige Zerstreuung verzichten, die man in dieser gottverlassenen Bude hat."
Ursula Drenck sah den Gatten mit einem schmerzlichen Blick an: Was hatten die Jahre des Leidens aus ihm gemacht! Wo war all das Zarte, Ritterliche an ihm geblieben! — Aber sie dachte daran, daß er eben ein Kranker war. ein Unglücklicher. den ein grausames Schicksal erbarmungslos unter die Füße trat; so erwiderte sie denn in Güte:
„Wenn es dir selbst auch schon nichts aus- macht, Fred, so denk doch ein wenig an mich. Kannst du dir denn wirklich nicht vorstellen, wie furchtbar mir ein gesellschaftliches Zusammensein mit Wigand sein muh?"
Ursula trat bittend zu dem Gatten, der, ihr abgewandt, im Fauteuil saß und sich während dieser Unterhaltung damit beschäftigte, feine wohlgepflegten Fingernägel sorgfältig zu polieren. Mit zusammengezogenen Augenbrauen blickte er jetzt einen Moment unentschlossen auf die Fingerspitzen: er schwankte, ob er ihr nicht doch nachgeben sollte. Roch einmal regte sich bei ihm, wenn auch schtvach, ein Gefühl, »as ihn mahnte, seiner Frau diese Rücksicht nicht zu berfagen. Aber stärker war das Bedürfnis nach Zerstreuung und Aufheiterung. Mein Gott, was hatte er eigentlich noch von seinem jämmerlichen Leben, wenn
er nicht die paar Gelegenheiten ausnuhen wollte, sich'mal in animierter Gesellschaft über die Oede hinwegzuhelfen!
„Das kannst du wirklich nicht von mir verlangen. Gewiß! Ich toeiß selbstverständlich so gut wie du, angenehm ist solch Begegnen mit Wigand für dich nicht — für mich üorigenS auch nicht"
Ursula schwieg, aber nicht, weit sie nichts zu erwidern gehabt hätte. 3m Gegenteil, wenn sie nur hätte reden wollen! Aber sollte sie dcm (Satten sagen, wie aufgerührt ihr Inneres war seit jener Minute im Garten? Daß gegen ihren Willen sich ihre Gedanken unablässig mit Wigand beschäftigten, um ihr inneres Verhältnis zu ihm klarzustellen? Sollte sie sich Fred offenbaren, ihm zurufen: „Du ahnst ja nicht, was um dich vorgeht. Siehst ja nicht, wie die Frau an deiner Seite in Qual und Angst lebt, ohne daß du dich um sie kümmerst; hilf ihr in dieser ernsten Stunbe, wie es doch deine heilige Pflicht ist!"
Ursula brannten Worte der Aufklärung auf den Lippen, in dunklem Triebe drängte es sie schutzsuchend zu dem Gatten. Schon krampften sich ihre Hände zu einem Entschluß ineinander, schon wollten sich ihre Lippen bewegen zu der schwerwiegenden Mitteilung, aber wie ihre geängstigten Blicke den Galten trafen, der sich schon wieder von ihr abgewandt hatte und nun vor dem Spiegel die Krawatte mit großer Aufmerksamkeit zurechtzupfte, da schlossen ihre Lippen sich wieder fest aufeinander. Eine unendliche Bitterkeit quoll in ihr auf: Rein! Fred war nicht der Mann, fie zu verstehen, geschweige denn, sie mit fester Hand zu führen und zu stützen in diesen schweren Stunden dunklen Suchens. Don ihm dürfte sie nichts erwarten, — höchstens Vorwürfe, daß sie überhaupt noch mit Wigand sich in ihren Gedanken beschäftigte. Also allein mußte sie sich durchkämpscn zu Klarheit und Ruhe.
Allein! Rory nie war es ihr so zum Bewußtsein gefommen, wie vereinsamt sie an der Seite ihres Mannes war, wie in diesem Augenblick.
Drenck hatte inzwischen fein Werk vor dem Spiegel vollendet. Er sah in der Tat sehr vornehm aus, wie er sich nun ihr zuwandte, hoch, schlank gewachsen, im eleganten Abendanzug mit seinem feinen, zartfarbigen Gesicht. „Was sind Sie zu beneiden, Keine Frau!" hatte seufzend die angejahrte, aber immer noch verliebte polnische Fürstin in Cannes zu ihr gefügt — Zu beneiden! Bitter lachte Ursula im füllen auf.
Drenck ahnte nicht, was alles in ihr vor sich ging; er glaubte, daß ihre tiefernste Miene nur der Ausdruck ihrer schon vorhin geäußerten Abneigung cegen den Besuch der Gesellschaft sei.
„Ra, Kind, wenn dir die Sache so furchtbar zuwider ist, so bleib* du doch hier; ich geh' auf ein paar Stunden allein hinüber. Das ist doch auch ein DuÄveg."
^Fortsetzung folgt.)


