Ausgabe 
28.6.1930
 
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Nr. HO (Elftes Blatt

180. Jahrgang

Samstag, 28. Juni (950

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Dr. Friede. Will». Longa. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lana«: für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für bew Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in (Biegen.

Frei wird das deutsche Land am Rhein.

Die Fahnen hoch.

Don Geheimrat Dr. Hermann Onclen, o. Professor der Geschichte an der Universität

Äerlin.*

Fm weltgeschichtlichen Sinne geht mit der Rau- mung des deutschen Bodens am 30. Juni 1930 eine Epoche in dem säkularen Rheinkampf zwischen der deutschen und französischen Nation zu Ende. In welchem Matze dieser liefe Einschnitt in den Be­ziehungen der beiden Völker einen wirklichen A b

Strescmann.

schlutz bedeutet, und in welchem Matze er doch nur wieder eine Etappe in einer weitergehenden Entwicklung sein wird, vermag heute noch nie- manb mit Sicherheit zu sagen. Aber eine politisch denkende Nation muß, inmitten des Gefühls auf­atmender Erleichterung, auch in diesem Augenblick unerbittlich nach rückwärts und vorwärts schauen, um zu wissen, wo sie steht.

Noch einmal erinnern wir uns der Kriegs- ziele, wie sie das kriegführende Frankreich zu- "letzt noch im Februar 1917 mit dem Rußland des Zaren Nikolaus II. amtlich vereinbarte. Sie um­faßten: 1. Rückgabe Elfatz-Lothringens. 2. Er­weiterung Lothringens, nach Matzgabe feiner histo­rischen Grenzen und der strategischen Notwendig­keiten, unter Einbeziehung der lothringischen Eisen­gruben und des Kohlenbeckens im Saargebiet. 3 Abtrennung des ganzen übrigen linken Rhein- ufers vom Deutschen Reich, ausfeder politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeit vom deutschen Staat". 4. Bildung eines autonomen und neu­tralisierten Staates aus diesen Gebieten, der so lange von französischen Truppen besetzt bleiben sollte, bis alle Bedingungen und Garantien des Friedensvertrages erfüllt waren. Die Summe die­ser Forderungen war, bei aller Verschleierung und unbestimmten Befristung, die französische Rheingrenze aus der ganzen Linie von Basel bis Eleve: eine neue Stufe der fran­zösischen Rheinpolitik, die zuletzt in der Vorgeschichte des Krieges von 1870/71 eine verhängnisvolle Rolle spielte. Daß in dieser traditionllen Politik zugleich Stern und Endziel einer sranzösischen Hegemonie­politik auf dem Kontinent stecken, ist von den curo- päischen Mächten schon am Ende des 17. Jahrhun­derts erkannt worden.

Es ging auch diesmal um nichts Geringeres. Was selbst in Versailles die Siegermächte dem französischen Verbündeten nicht zugestehen wollten, hat die französische Politik, den Traditionen ihrer Geschichte getreu, in dem Jahrzehnt nach Versailles in immer neuen Anläufen der Welt abzuringen und abzulisten versucht. Dagegen hat das deutsche Volk, gebrochen aus dem Weltkriege herauskommend, wehrlos, verelendet und isoliert, den Kampf der Freiheit und der Ehre führen müssen. Alle deut- schen Schicksalsfragen seit Versailles: die Durchfüh­rung des Friedens, die Räumung unseres Bodens, die Festsetzung der Reparationen, die Rehabilitie- rung und Ausnahme Deutschlands in den Völker­bund, sind auf einer Bühne ausgefämpft worden, auf der jene verborgenen Endziele der französischen Rheinpolitik den großen Unsichtbaren darstellten, der alle Fäden in dem Drama zog.

Diesen Abwehrkampf haben wir Deutschen g c - wonnen seit jener Wendung im Spätherbst 1923, in der Strefenwnn die Führung der Geschäfte über­nahm. Wenn wir uns den großen Zusammenhang der Geschichte vergegenwärtigen, in dem dieser letzte Kampf um den Rhein steht, dann dürfen wir mit berechtigtem Stolz die Fahnen in den befreiten Lan­den Hochziehen: der Abmarsch der französischen Truppen, auch wenn Briand ihn hinter dem pur­purnen Vorhang seines europäischen Unionsvor- schlages zu verhüllen sucht, ist ein Verzicht auf ein Programm, das mit höchster nationaler Leidenschaft von unfern Nachbarn durchzuführen

* Aus dem der Rhcinlandbcfreiung gewidmeten Iuniheft desRheinischen Beobachters".

Mainz, das Zentrum der III. Zone.

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versucht wurde. So atmen wir auf in dem Gefühl, daß die Nation das heffte Tal des Todes durch fchritten hat: der neue deutsche Staat hat seine erste große Ausgabe auf dem Wege der Befreiung gelöst.

Aber das Bestehen des Abwehrkampfes gibt uns in dieser Stunde noch keinen Anlaß, kein Recht zu rauschenden Festen und lauten Fanfaren tßir können uns nicht verhehlen, wieviel wir der eigenen Kraft und wieviel wir dem Gewicht der anderen Mächte verdanken. Und jetzt erst, wo das Joch von uns genommen wird, werden wir uns bewußt, wie viele nie wieder gutzumachende Opfer uns diefer Kampf gekostet hat, wie viele seelische und mate­rielle Werte in ihm verlorengingen, wieviel Blut und Jammer, wieviel Erniedrigung und Peinigung mit ihm verbunden waren. Unter vieles ist heute ein Strich gemacht worden, und es liegt uns fern, von neuem die Leidenschaften aufzupeitschen. Aber eine ehrenhafte und politisch denkende Nation wird niemals aus ihrem Gedächtnis die Zeiten dieser Prüfung und Heimsuchung auslöschen können. Sie erlegten unserem Volke Härteres auf a\> selbst der Krieg

Darum wird auch kein Deutscher die bittere Emp­findung unterdrücken können, daß die Liquidation der französischen Rheinpolitik an einer Stelle auch am 30.6uni 1930 noch nicht vollzogen, ist: daß

Entmilitarisierung des linken Rheinufers samt der 50-Kilometer-Zone eine Wehrlosigkeit, die ihre moralische Begründung in der unmoralischen Kriegs- schuldthese hat? Sollen mir immer wieder erfahren, daß auch ein Frankreich, das das linke Rheinufer räumt, darum den Druck auf unsere entblößte und offen«- Westfront keinesfalls aufzugeben entschlof- scn ist?

Wenn wir die ganze Bilanz des letzten Jahrzehnts ziehen und unsere Innere, wirtschaftliche und soziale Gesamtlage überblicken, gewahren wir nicht nur die Folgen des Weltkrieges und die aus ihm stammen­den Lasten. Das deutsche Volk wird die starben aus dem Kampfe, in dem unsere Politik zwischen die beiden Schraubstöcke der Rheinpolitik und der Re- parationsfestsetzung genommen war, die Folgen der Verlängerung und Verschärfung dieses Ringens nicht sobald wieder loswerden, sondern an seinem Körper durch die Jahrzehnte tragen. Das bleibt zurück.

Und doch wollen wir die Fahnen Hochziehen. Dor allem um unserer Volksgenossen am Rhein willen, die mehr zu tragen hatten als wir alle, und sich dem natürlichen Gefühl, daß das Joch von ihrem Nacken genommen wird, nun endlich hin- geben können. Wir wollen angesichts der Befreiung des deutschen Landes, so unendlich mühsam sie er­rungen ist, auch den Glauben nicht aufgeben, daß

Singen.

die Entscheidung über das Schicksal des S a a r ge­bt c t e s sich unbestimmt hinauszögert. Dieses Stück der sranzösischen Kriegsziele, für das einst in Ver- sailles eine wirtschaftliche Rechtfertigung gemacht wurde und sogar ein gefälschtes Motiv gefunden werden sollte, ist heute noch nicht endgültig von der Tagesordnung verschwunden. Der Ähatten dieser Enttäuschung fällt tief in 6ie Feierstunden der Be­freiung hinein.

Das ist überhaupt die große Frage, die sich bei der Einstellung der offensiven Rhempolitik der Fran- zosen uns ausdrängt: Was bleibt von ihr zurück? Wir beobachten, daß in Frankreich die Widerstände in der Armee und der öffentlichen Meinung gegen die neue Politik fortbauern. Es läßt sich nur darauf schieben, daß in diesen Tagen bei der Zerstörung der Flughallen ein Verfahren angewandt wird, das die Geste des Siegers bis in die letzte Stunde des Abzugs den Menschen einprägen möchte nicht die materielle Zerstörung, sondern das Symbol­hafte dieses Handelns wird in unserem Gedacht- nis bleiben. Sollen wir bis zuletzt daran erinnert werden, daß aus diesem Verteidigungskampfe dort unsere eingestandene Wehrlosigkeit zurückbleibt, die

damit ein Schritt weiter zur Versöhnung der Soi­fer getan ist. Auch im sranzösischen Volke gibt es Kreise, die sich ehrlich davon überzeugt haben, was ein wirkliches Zusammengehen der Deutschen und Franzosen für die Wohlfahrt und Befriedung un­teres Erdteils bedeuten kann. Beide Völker brau­chen nur auf die unabsehbaren Umwälzungen in der Welt, auf die grollenden Gewalten der Tiefe, auf die ernsten Lehren der Volkswirtschaft zu blicken, um zu wissen, was sie gemeinsam tun sollten. Es ist die Ausgabe der deutschen Politik, in den Gestaltungs- Möglichkeiten einer besseren europäischen Zukunft die ohne Deutschland von vornherein zum Tode verurteilt sein würde dem Gedanken der wahren Gerechtigkeit und der Parität unter den Völkern zu seinem Rechte zu verhelfen. Wir gehen damit auch den Weg der Befreiung weiter, an deren An­fang wir heute stehen.

Der 30. Juni 1930 ist das Ende einer weltge­schichtlichen Epoche das Schicksal der Menschheit wird davon abhängen, ob er zugleich das Gin­gangstor zu einer neuen und besseren Zeit sein wird.

Dem befreiten Rheinland!

Don (Jarl Shriftian Gchmik», 2)1. b. R, Staatssekretär im ^eichsimnisierium für dis besetzten Gebiete.

Wenn am 30. Juni die lohten französischen Truppenzüge über die Reichsgrenze gerollt sind, und die Pariser Botschafterkonserenz zur Mitter­nacht deS gleichen ^ageS ba# Besatzung-recht außer Straft gesetzt hat. so ist entgegen aller Skepsis noch in jüngster Vergangenheit Frank­

Earl Christian Schmid.

reich -Rückzug oom Rhein Tatfache. Gin Kapitel deutschen Rachkrieg-schicksalS gelangt dann zum Abschluß, da- in ganz besonders sicht­barer Form die Unfreiheit und Bedrückung un­sere- Vaterlandes vor aller Welt offenbart hat. Die scharfen, innerpolitischen Gegensätzlichkeiten, der Wirrwarr der Meinungen, hie große wirt­schaftliche und seelische Rot weitester Volk-kreis« verdurneln für hie (^egemnarit die Bedeutung der nunmehr vollzogenen Gesamträumung de- RheinlandS. Erst in späterer, ruhigerer Zeit wird es allgemeine Erkenntnis fein, daß der 30. Juni 1930 mit einem weltpolitischen Vor­gang verknüpst ist. der zu den wichtigsten Ereig­nissen der neuesten Geschichte gehört.

Lebhafte Freude bewegt jede- deutsche Herz, daß der rheinische Voden endlich frei wird von den Truppen unserer ehemaligen Feinde. F a st zwölf Jahre haben die Gebiete der dritten Rheinlandzone da- Joch fremder Militärgewalt ^u tragen gehabt. GS ist ein einzigartiger Fall tn den modernen Völker be^iehungen, daß einer der reichsten und blühendsten Teile eine-Kultur­staats auf fo lange Zeit einem diktatorisch schal­tenden Okkupationsregime au-geliesert worden ist. Dabei wurde diese- Regime von französischer Seite viele Jahre hindurch in der ossenkundigen Tendenz gehandhabt, das in den FriedenSver- handlungen nicht erreichte ttabitionelle rhein­landpolitische Ziel noch nachträglich zu verwirk­lichen und in mehr ober weniger verhüllter Form die Lande am Rhein unter die Ober­herrschaft Frankreich- zu bringen. All« Mittel dep Gewalt und politischen Beeinslussung wurden hierfür angewendet. Auf den unmittel­baren militärischen Druck und die Putschversuche der Wa^enstillstandSzeit folgten die Perioden der wirtsHastlichen Abschnürung und der kultu­rellen Propaganda, bis tn den Jahren 1923 24 mit dem Ruhretnmarsch und den ihm nachfolgen­den Ansturm der separatistischen Söldlinge der letzte große Generalangriss zur LoSreißuna der Rheinlande erfolgte. Mit ernster Sorge haben wir in manchem kritischen Augenblick auf da- Iker ringen um den Rhein geblickt. Aber immer wieder konnten wir mit berechtigtem Stolz beob­achten, mit welchem Opfermut und welcher Dtand- hastiakeit daS rheinische Volk alle Bedrückungen, alle Verlockunaen abwehrte. Die imposante Feier der taufenbjäfrigen Zugehörigkeit deS Rhein­lands zum Reich im Zähre 1925 ließ für dis Welt keinen Zweifel mehr übrig, daß Frankreich da- Spiel verloren hatte und daß die Rhein­länder durch nichts von der ewigen Schicksals­gemeinschaft mit dem übrigen Deutschland los­gelöst werden können. Die deutsche Wacht am Rhein hatte sich auch im waffenlosen Kamps bewährt.

3n Dankbarkeit gebeult am Tage der Rhein- lanbbefreiung das getarnte deutsche Volk, soweit eS nicht augenblicklich durch überhitzte Partei- leidcnschaften verblendet ist, derjenigen Männer, welche die deutsche Außenpolitik der letzten Fahr« verantwortlich geführt haben. Belastet mit dem tragischen Zwiespalt zwischen den realen Macht- veryältnissen und den Wunschbildern emeS Vol­kes von großer Tradition und leidenschaftlichem Drang nach raschem Wiederausstiea, haben sie in vielsach unpopulärer, kluger und besonnener Ar­beit die Voraussetzungen für die Rheinlandräu­mung geschaffen. Ganz besonder- leuchtet heute in der Erinnerung auch der Aame Gustav Stresemann. den ein harte- Geschick wenig« Monate vor der Vollendung deS BefreiungS- werkeS, dem er fein staatsmännische- Können und seine ganze Straft gewidmet hatte, aus un­serer 211 Ute abberufen hat Gewiß mit btua