Ausgabe 
28.1.1930
 
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sich in seinem Konfektionsgeschäft auf »stoffliche" Formulierungen umgeftellt. Bei Rodin kann sich die Bezeichnung. Studienrat nur auf seine Aktstudien beziehen. Der Pfarrer Kneipp hat seinem Raturheilverfahren ein Institut für Gas-, Wasser- und Heizungsanlagen angeschlossen. Als Konditor macht Knigge denUmgang mit Menschen" schmackhafter. Wenr Dollarkönig: söhne Warenhausangestellte werden, weshalb sollte es da Rockefeller nicht auch r: mal als Kutscher versuchen. Der Schirnmelreit.'r Storm allerdings hat sich gleich zum Autobesihe. modernisiert. Die Lust, Märchen zu fabulieren, war sicher der Grund, weshalb Andersen auf eine Zier­fischzüchterei und Fabrik heizbarer Aquarien ver­fiel. Rinaldini ist den böhmischen Wäldern entflohen und steht jetzt friedlich an der Drehbank.

Zum Schluß sei noch bemerkt, daß nicht weniger als acht Virgils, von denen keiner Dichter ist, und zwei Trojaner im Berliner Adreßbuch zu finden sind.

Aus der provinzialhauptstadt.

Gießen, den 28. Januar 1930.

Parlament und ^ungdeutscher Orden.

Der Iungdeutsche Orden veranstaltete am Freitagabend im Caf6 Leib einen außer­ordentlich gut besuchten Vortragsabend. Rach einer kurzen Einleitung durch Studienrat W. Schmidt sprach Dr. Reinhard Höhn, Jena, überParlament und Iungdeutscher Orden".

Der Redner erklärte u. a daß das Problem der Jetztzeit die Organisierung unseres Staats­bürgertums sei. Cs sei der Wunsch und Wille weiter Kreise unseres Volles, durch neue Formen des politischen und wirtschaftlichen Lebens eine Besserung der Verhältnisse herbeizuführen. Dazu sei die Loslösung von der Betonung des einzelnen und der Siebergang zur Volks­gemeinschaft notwendig. Allerdings sei es erforderlich, Formen zu finden, die dem Morgen angepaßt seien. Die Diktatur sei unbedingt ab­zulehnen. Die Geschichte habe gezeigt, daß die Gemeinschaftsform das richtige sei. Die Mängel des im Jahre 1918 geschaffenen neuen Systems seien seither genügend hervorgetreten. Der Jung- deutsche Orden erkenne das Parlament als solches an. Der ursprüngliche Gedanke des Bürgertums, sich selbst zu vertreten, sei gut gewesen, solange eine Grundlage bestand, sich über die politischen Fragen zu einigen. Heute sei das Parlament nicht mehr der Ort, wo sich die Abgeordneten überzeugen liehen, wo das Gesamtinteresse der Ration über den Interessen des einzelnen Men­schen und der einzelnen Berufsgruppen stünde. Der Abgeordnete sei an diejenige Gruppe ge­bunden, die er zu vertreten habe, er vertrete nicht mehr die Allgemeinheit. Das Parlament sei zum Spielball widerstrebender Strafte ge­worden. wobei die Majorisierung eine besondere Rolle spiele. Wo Kompromisse geschlossen wür­den, geschehe dies nur, um Zeit zu gewinnen, die politische Macht zu vergrößern. Das Parla­ment sei heute der Ausdruck des Gegeneinander­stehens der einzelnen Berufsgruppen, es sei keine politische Vertretung, sondern ein Wirtschafts­parlament. Der Redner stellte die Frage:Ha­ben wir nur Wirtschaftsgruppen, oder haben wir auch Verantwortung gegenüber der Allgemein­heit, gegenüber der Ration?" Er fordert einen Staat, der frei ist von wirtschaftlicher Beein­flussung. Hierzu sei eine Umorganisation des Denkens notwendig. Der Weltkrieg habe vielen klar gemacht, daß es noch etwas anderes gibt, als das Interesse des einzelnen Menschen und des einzelnen Berufsstandes, nämlich die Volks­gemeinschaft. Der Redner erläuterte dann in längeren Ausführungen die Gründung des Iungdeutschen Ordens, sein Ziel und seine Ent­wicklung, dabei auch auf die Schwierigkeiten und Erfolge hinweisend. Weiter besprach er die

9er Traum vom Glück.

Vornan von E Lovett und M. v. Weißenthurn.

Copyright by Marie Brügmann, München.

22 Fortsetzung. Na..-druck verboten.

Oh. meine teure Frau von Rechten, ich weiß ich weiß! Es ist auch gar nicht Sabines Geburt, auf die ich anspiele gewiß nicht. In dieser Hinsicht habe ich wahrhaftig keine Einwendungen zu machen, nur hat sie unglücklicherweise kein Vermögen. Aber wie ich Ihnen schon gestern sagte ich würde deshacb nicht gegen die Verbindung unserer Kinder sein, wenn mein Mann leinen Einspruch erhebt und"

Der Einspruch lonunt in diesem Augenblick von feiten meiner Tochter!" unterbrach die Intri­gantin hier die Rede der Schloßherrin in etwas herausforderndem Ton.Sabine weigert sich, Ihren Herrn Sohn zu heiraten."

Aber Sie versicherten mir doch gestern abend, daß sie ihre Meinung noch ändern würde!?"

Ich hosse es, da ich fest davon überzeugt bin, daß meine Tochter Ihren Herrn Sohn leiben- schaftiich liebt; aber sie hat einen harten Kopf und dazu ein so übertriebenes Zartgefühl, daß sie sich nicht entschließen kann, ihrerseits auch nur einen Finger zu rühren, um den getanen Schritt rückgängig zu machen."

Oh, das kann sie auch nicht. Eine solche Handlungsweise könnte ich nur unweiblich nennen!"

Das ist auch meine Ansicht! Aber ich bin überzeugt, wenn Ihr Herr Sohn sie abermals bittet, die Seine zu werden, wird sie nicht länger mit ihrem Jawort zögern. Ihr liebendes Herz wird dann gewiß nicht länger widerstehen können."

Das will ich auch annehmcn; ebenso wie ich überzeugt bin, daß Kurt seinen Antrag wieder­holen wird, denn ich kenne ihn in seinem beharr­lichen Sinn besser als jeder andere."

..Er hat aber nur noch diesen Abend Gelegen­heit, seine Beharrlichkeit zu zeigen." Die Dame sprach sehr langsam und mit schwerer Betonung. Wie Sie wissen, werden wir morgen früh ab­reisen."

Rur noch diesen Abend!" wiederholte Frau von Wildhofen lachend.Meine Beste, wie kön­nen Sie das sagen! Sie sind beide jung und haben noch ihr ganzes Leben vor sich."

Wie hätte ihr Frau von Rechten erklären können, daß, wenn Kurt feinen Antrag nicht wiederholte, bevor Sabine Wildhofen verließ, er wahrscheinlich Dinge erfahren würde, die eine abermalige Anfrage seinerseits für immer un­möglich machen würden. Als Entgegnung aus Frau von Wildhofens Worte verschanzte sie sich wiederum hinter allerlei Redensarten.

Grundbegriffe der Volksgemeinschaft, sowie das oiel zur Erringung des wirklichen Volksstaates. Selbstverständlich sollten auch hier die Interessen der einzelnen Berufsstände vertreten werden, aber über diesen Interessen müsse die Ration stehen. Es gelte das ganze Staatsbürgertum auf- zu rufen, das auch die Pflicht habe, Opfer zu bringen, für die Ration. Der Redner erläuterte sodann den Sinn der geplanten v o l k s n a t i o - n a l e n Reichsvereinigung. Der Jung- deutsche Orden sei der technische Hilfsdienst dieser neuen Staatsbürgerbewegung, welche den Weg der Partei gehen müsse, allerdings in anderer Form. Der Weg zur Macht könne nur von unten organisiert werden. Der Redner besprach sodann die grundlegenden Momente der geplanten Reichsvereinigung, insbesondere Organisation, Fi­nanzierung usw. Hinsichtlich der zur Zeit bestehen­den Parteien vertrat der Redner die Auffassung, daß sich bei diesen nach Gründung der volks­nationalen Reichsvereinigung auch allmählich der Gemeinschaftsgeist durchsetze. Der Redner besprach dann noch kurz den jungdeutschen Staats­vorschlag, welcher die Grundgedanken der neuen Zeit enthalte. Der Staat müsse auf Ge­meinschaft aufgebaut sein, damit er innerlich stark werde. Der Gedanke des w i r k l i'ch e n Volks- st a a t e s sei die Re -oluiion des 20. Jahrhunderts. Es müsse wieder die Zeit kommen, wo der eine dem anderen mit Vertrauen entgegenkomme.

Im Anschluß an den Vortrag fand eine Be­sprechung der Ausführungen des Redners statt. Es wurde dabei die Frage der Aufnahme weiterer Auslandkredite, sowie die Stellung des Jung- deutschen Ordens zur Iudenfrage, wie zur Flaggenfrage aufgeworfen, desgleichen die Frage der Versorgung der Kriegsbeschädigten usw. Die einzelnen Fragen wurden sodann von dem Refe­renten beantwortet.

Berufsweittampf für kaufmännische Lehrlinge und Handelsschüler.

Der Iugendbund im Gewerkschaftsbund der Angestellten (G. d. A.) veranstaltete am Sonntagvorniittag im ganzen Deutschen Reich einen Derufswettkarnpf der Ange- stelltenjugend, an dem kaufmännische Lehr­linge und Handelsschüler beiderlei Geschlechts im Alter von 16 bis 20 Jahren teilnahmen. In Gießen wurde dieser Wettkampf im Physik­saal der Goetheschule durchgeführt, und zwar beteiligten sich hier 48 junge Leute (17 Damen und 31 Herren) daran.

Rach einer kurzen Einleitung des Vorsitzenden des hiesigen vorbereitenden Ausschusses, Herrii Vogt, begrüßte der Vorsitzende der Ortsgruppe Gießen des Deutschen GewerkschaftZbundes, Herr Zecher, die Ehrengäste, sowie die Teilnehmer am Wettkampf. Er wies darauf hin, daß Tau­sende und Abertausende gleichalterige Berufs­kollegen und Handelsschüler zur selben Zeit unter gleichen Bedingungen die gleichen Aufgaben lösen, wodurch die Veranstaltung erst die richtige Be­deutung erhalte. Der Berufswettkampf sei auf dem besten Wege, volkstümlich zu werden; das beweise, daß auch in unserem Zeitalter der Sche­matisierung aller Arbeitsgebiete immer noch der Geist des Menschen ausschlaggebend fei. Die Jugend, die an den Gegenwartsaufgaben Mit­arbeiten wolle, müsse sich davon überzeugen, daß es auch heute in unserer gebundenen Wirt­schaft für den Tüchtigen Aufstiegsmöglichkeiten gäbe. Aber hierzu sei weitgehende Schulung notwendig, auch müsse Gelegenheit geboten wer­den, die Kräfte zu messen. Diese Gelegenheit biete der Reichsberufswettkampf der Angestellten­jugend. Tüchtigkeit sei die Grundlage für den Erfolg. Mit diesem Werkzeug nütze die Jugend nicht nur sich selbst, sondern ringe für die Zu­kunft des Vaterlandes.

Hierauf fand die Verlegung der Ausgaben nach fünf verschiedenen Gruppen (Rechtsanwalts- und Rotariatsangestellte, Dehördenangestellte, Schü­ler, kaufmännische Lehrlinge und sonstige Ange-

Junge Leute wären oft unberechenbar, hätten überspannte Ideen und sentimentale Ansichten; die bloße Erwähnung vonGeld" sei oft schon hinreichend, um ein junges, zartfühlendes Mäd­chenherz erkalten zu lassen und mit Mißtrauen zu erfüllen. Ihre Tochter hätte ja keine Ahnung davon gehabt, daß ihr Verehrer ein so reicher Erbe sei. Wäre ihr das bekannt gewesen, so hätte sie nie, niemals eingewilligt, nach Wildhofen zu kommen. Sie selbst, als Mutter, hätte auch erst durch ihr Hiersein von seinen glänzenden Verhältnissen Kenntnis erhalten.

Frau von Wildhofen nahm diese Reden größtenteils für bare Münze; denn sie und ihr Gatte schenkten Frau von Rechten ihr vollstes Vertrauen. In einer Beziehung wurde aber doch ihr Argwohn erregt. Sie konnten es trotz ihrer Harmlosigkeit nicht für möglich halten, daß zwei Damen, die in den höheren Gesell­schaftskreisen der Residenz so heimisch waren, völlig unwissend darüber geblieben sein sollten, daß ihr Sohn und Erbe eine besonders begehrte Persönlichkeit auf dem Heiratsmarkt war.

Doch ihr Gast ließ ihr nicht Zeit, länger diesem Eindruck nachzugehen, sondern wußte sie in geschickter Weise durch allerlei Andeutun­gen über andere, sehr vorteilhafte Heirats­aussichten der lieben Sabine abzulenken.

Das Mittagsmahl verlief heute in recht ge­drückter Stimmung. Die einzige, die froh und glücklich zu sein schien, war Doris Horter. Be­saß sie doch eine geheime Quelle der Freude, die allen anderen verborgen war.

Erst am späten Rachmittag vereinigte man sich wieder am Kaffeetisch; dieser war im großen Speisezimmer gedeckt worden, da man hoffte, die Herren würden zeitig genug von der Jagd heimlehren, um den Kaffee mit den Damen ein­zunehmen.

Indessen ließ sich noch kein Anzeichen ihrer Rückkehr wahrnehmen, obgleich es draußen schon stark zu dunkeln begann, und die vier Damen saßen schon geraume Zeit beisammen und harr­ten vergeblich der Vergrößerung der Tafelrunde.

Die Sinterhaltung bewegte sich in schleppen­dem Gang mühselig weiter. Der Kaffee war be­reits eingenommen, und der Diener erhielt den Auftrag, frischen Kaffee nebst Gebäck für die Herren bereithalten zu lassen.

»Ich kann es mir gar nicht erklären, was sie solange zurückhalten mag!" hatte Frau von Wild­hofen bereits wiederholt gesagt und damit eine gewisse Unruhe bekundet.Mein Mann läßt die Jagd doch sonst immer abbrechen, sobald die Dämmerung beginnt, und heute, bei diesem düste­ren, nebligen Wetter hatte ich die Herren be­sonders zeitig zurückerwartet"

Vielleicht haben sie einen sehr langen Rück­weg zu machen I" warf Frau von Rechten be­ruhigend ein.

stellte) statt. Der Wettkampf dauerte etwa zwei Stunden. Während dieser Zeit waren Schreib- und Rechenarbeiten zu lösen, welche die Teilnehmer an dem Wettkampf ihrem künf­tigen Berufe näherbringen sollen. Für die besten Leistungen sind wertvolle Preise ausgesetzt. Die Aufgaben wurden von den Wettkampfteilnehmern mit besonderem Eifer gelöst. Das Resultat des Wettkampfs wird erst später bekanntgegeben.

Musikalischer Volkskunstabend.

Der große Hörsaal der Universität war voll beseht, als Prof. K. S ch m i d t (Friedberg) feinen kurzen Vortrag überMarsch und Tanz" begann. Seine Ausführungen bezweckten, einen gedräng­ten Sleberblid über die Entwicklungsgeschichte beider Formen zu geben. Beide, Tanz und Marsch, sind so alt als die Menschheit, und sie entspringen dem natürlichen Trieb des Menschen, zu irgendeinem Rhythmus gewisse Körperbewe­gungen auszuführen. Sie lassen sich von Arbeits­gesängen herleiten, die durch ihre rhythmische Gleichmäßigkeit eine körperliche Arbeit des Men» schen erleichtern sollen. Es gibt solcher Arbeits­gesänge eine große Menge (man denke etwa an dasEi uj ufern" der Wolgabarkenschlepper), die Bücher in seinem BuchArbeit und Rhyth­mus" gesammelt und besprochen hat. Daß sich aus solchen Arbeitsliedern nach und nach Tänze und auch Märsche entwickeln können, ist ver­ständlich. Zunächst bleibt jedoch der Rhythmus das Primäre und erst in zweiter Linie kommt die Melodie. Der Rhythmus bestimmt die Art des Tanzes, die Melodie ist eine Art Verbrä­mung. Der Vortragende wies noch auf die große Menge verschiedenster Tanzarten der verschie­denen Jahrhunderte hin und streifte dabei auch die Formen altgriechischer und römischer Tanz­kunst. Während bei den Griechen der Tanz eine körperliche Ausbildung war, übten die Römer ihn nicht selbst aus, sondern ergötzten sich an den Darbietungen von Tänzern und Tänzerinnen. Die Tänze des Mittelcüters wurden ebenfalls kurz erläutert und dann noch dem Walzer des 19. Jahrhunderts ein Wort gewidmet.

Im Anschluß an diese Ausführungen spielten Prof. Schmidt und Frau ClfriedeFischer (Gießen) zunächst drei Militärmärsche vierhändig. Dann folgten drei der schönsten Walzer des Meisters 2oh. Strauß, und zwar dieG'schichten aus dem Wiener Wald".Kaiserwalzer" und der unvergänglicheAn der schönen blauen Do­nau". Alles sehr sicher und exakt. Dann folgten noch der bekannteMilitärmarsch" und einCha­rakteristischer Marsch" von Schubert, in denen sich jroh aller straffen Rhythmik doch immer wieder der Melodiker Schubert offenbart Zwei geschickt ausgewählte ungarische Tänze von Ioh. Brahms und der klangselige Walzer aus Rich. Strauß' OperDer Rosenkavaliev' machten den Beschluß.

Beiden Ausführenden kann man für die Lösung ihrer keineswegs leichten Aufgaben volle An­erkennung zollen. Prof. Schmidt verwaltete die Baßlage mit scharfer Rhythmisierung und Frau Elfriede Fischer wußte den Klängen der Straußschen Walzer und besonders desRosen- kavalier-Walzers'^ Schwung und Charme zu ver­leihen. Daß die kurzen Einleitungsworte Prof. Schmidts eine gute Vorbereitung auf den musikalischen Teil des Abends darstellten, darf nicht unerwähnt bleiben.

Die Zuhörer zeigten sich sehr dankbar und spendeten reichen, ehrlich gemeinten Beifall, b.

*

* Frauengruppe der Deutschen Volkspartei. Man berichtet uns: 2n der Frauengruppe der Deutschen Volkspartei hielt Geschäftsführer Dr. Weiher einen Vortrag über die soziale Gesetzgebung. Einleitend gab der Redner eine Schilderung der geschichtlichen Ent­wicklung der deutschen Sozialpolitik und stellte sie in Gegensatz zu der sozialen Gesetzgebung in andern Ländern. 2m weiteren Verlauf des Vor-

Rein, wie ich hörte, sind sie auch heute nicht viel weiter gegangen als bis zum Meierhof, wo sie gestern mit 2hnen gefrühstückt haben. Pst! Was ist das?"

Alle hielten den Atem an und lauschten auf­merksam.

Man horte das Geräusch schneller Schritte auf dem gepflasterten Boden des Schloßhofes. 2eht kam es näher und näher.

Wer mag das fein? murmelte Doris halb­laut; doch im nächsten Augenblick fuhren alle erschrocken zusammen, da sich ein lautes Klopfen und zugleich ein Läuten am Hauptportal ver­nehmen ließ.

Das hat etwas Böses zu bedeuten!" rief Frau von Wildhoscn, aufspringend, m'.t bleichem Gesicht, aus.Geh', und sieh, was es ist!" sagte sie zu Doris, während sie die Hand auf ihr klopfen­des Herz drückte.

Doris eilte durch die Vorhalle, um die Haus­tür zu öffnen; doch zu ihrer Verwunderung fand sie diese unverschlossen, so daß es ihr wie ein Blitz durch den Kopf schoß, es müsse ein Frem­der draußen stehen. Jeder der Herren hätte ohne weiteres geöffnet und wäre eingetreten. Trotzdem drückte sie ohne Zögern auf die Klinke, und als die Tür aufsprang, sah sie einen jungen Dauernburschen im Arbeitsanzug, ganz atemlos vom schnellen Laufen, im grellen Lampenschein auf der Schwelle stehen.

Kommen Sie herein!" rief Frau von Wild- hofen, die mit den anderen Damen bereits hinter Doris stand, mit zitternder Stimme.Kommen Sie schnell herein! Was ist geschehen?"

Die Mütze verlegen zwischen den Händen drehend, stolperte der anscheinend sehr ermüdete, junge Mann herein und begann sofort:

Madame, ich soll 2hnen sagen: Sie sollen sich nicht wundem, daß die 2agdherren noch nicht heimgekommen sind; aber es ist ein Unglück geschehen!"

Ein lähmendes Entsetzen befiel die zitternd lauschenden Frauen.

Wer ist es?" stammelte Frau von Wildhofen, die sich, von Doris gestützt, aufrechtzuhalten suchte. Wer ist verunglückt? Reden Sie! So reden Sie doch!"

Sie bringen ihn schon die Allee herauf!" fuhr der Bursche fort.

Wer ist es?" kam es jetzt fast kreischend von Frau von Wildhosens Lippen. Bevor der Bote antworten konnte, drang ein herzzerreißender Klagelaut durch die weite Halle, und mit den abgebrochen hervorgestohenen Worten:

2ch weiß ich weiß eS ist Kurt er ist - tot ich weiß eS!" sank Sabine wie leblos aus den Parkettfußboden nieder.

*

Einige Augenblicke später betrat eine seltsame Gruppe die erleuchtete Schloßhalle. Doris konnte

trags beschäftigte er sich vor allem mit der Kran­ken- und Arbeitslosenversicherung, sowie mit den Fragen der allgemeinen Wohlfahrtspflege. Ge­stützt auf ein reichhaltiges Zahlenmaterial wies er auf die verschiedensten Auswüchse in der Kranken- und Arbeitslosenversicherung hin und betonte, daß das Bürgertum sich viel mehr mit den Fragen dieser Versicherungen beschäftigen müsse. Er geißelte scharf die Verhältnisse in der allgemeinen Wohlfahrtspflege, die es möglich machen, daß heute z. B. in Frankfurt a. M. ein verheirateter Sinterstützungsempfänger mit zwei Kindern mehr Slnterstühung vorn Wohl- ! fahrtsami erhalte, wie er als vollbeschäftigter Arbeiter in der 2ndustrie verdiene. Demgegen­über wies er auf die Forderungen der Deutschen Volkspartei hin, die derartige Slcbertreibungen der Wohlfahrt bekämpfe. An die interessanten * Ausführungen, die beifällig aufgenommen tour- ; den, schloß sich eine Aussprache an, in der der" Referent noch auf manche Frage Auskunft geben konnte. Zum Schluß erfreute Frau Schudt die Anwesenden noch durch einige schöne Lieder, zu denen Frl. 03e 1 le die Begleitung übernommen hatte.

** Zwei interessante Sommerreifen im Film konnte man am vergangenen Sonntag, vormittags, bei einer Sondervorführung im Licht­spielhaus, Bahnhofstraße, mitmachen. Es handelte sich um die Vorführung zweier Reifefilme der Hamburg-Amerika-Linie, deren einer eine Sommer­fahrt mit dem HapagdampferDceana" und damit verbundene Ausflüge an Land schilderte, während der zweite Film eine Reise mit dem Hapagdampfer Resolute" darstellte. DieOceana"-Reise ging von Venedig durch die Adria nach Ragusa, von hier nach Griechenland, Konstantinopel, Kleinasien mit Land­fahrten nach Damaskus und Jerusalem, dann mit dem Dampfer weiter nach Aegypten und schließlich von Nordafrika aus zurück nach Neapel. Die Reise mit derResolute" führte nach dem Norden über Bergen. Trontheim, Spitzbergen bis zum Nordkap und dem Beginn des ewigen Eises. Beide Reifen im Film offenbarten, daß man mit diesen Reife­mitteln erlebnisreiche und schöne Wochen sich be­reiten kann, wenn man nur das nötige Geld hat. Hoffen wir, daß uns allen dieser wichtige Faktor im Laufe dieses Jahres befchieden fein möge, dann foll's an Reifeeifer wirklich nicht fehlen.'

Oderheffen.

Stillegung her GrubeFriedrich".

WSR. Hungen. 27. Jan. Die Still«- legungsverhandlungen wegen der Schließung der GrubeFriedrich" fanden in Trais-Horloff unter dem Vorsitz von Ministerialrat Dr. Pennrich (Darmstadt) statt. Das Kreisamt Gießen war durch Regierungsrat Dr. Braun und die Hesrag durch General­direktor Ministerialrat Dr. Windisch vertreten. Dr. W i n d i s ch legte die Gründe der Still­legung dar. Er schilderte die Verluste der Ge­werkschaftFriedrich" im 2ahre 1929, die 1,5 Mill. Mk. betrügen. Das Werk in Trais-Hor­loff erklärte er als keineswegs rentabel. Es ist geplant, die beiden Schwelwerke zusammenzu­legen. Wölfersheim soll neu aufgebaut und mit 14 Schwelöfen ausgestattet. Trais-Horloff da­gegen soll abgebrochen werden. Die Sleberfiebe» lung nach Wölfersheim soll bald in Angriff genommen werden.

Zu einer Protest Versammlung gegen die Stillegung des Schwelwerkes gestaltete sich anschließend eine Vers ammlung der Be­legschaft. Die Versammlung lehnte in einer Entschließung die Stillegungsabsichten ab. Durch die Stillegung des Werkes werden 400 Per­sonen arbeitslos.

Landkreis Gießen.

is. Steinbach, 23. 2an. Dieser Tage fand die erste Sitzung des neugewählten Ge­meinderates statt, in der Bürgermeister Krämer zunächst den ausscheidenden Gemeinde-

sich später, trotz der unleugbaren Tragik des Augenblicks, nicht ohne- ein Lächeln daran er­innern.

Onkel Georg und Herr Bertram senior führ­ten. oder richtiger gesagt: schleppten Die an allen Gliedern zitternde Gestalt des jungen Bertram herein. Bei seinem Anblick glaubten die drei vor Angst fast sinnlosen Damen Sabine hatte man in der Eile auf einen niedrigen Diwan gelegt nicht anders, als daß dieser vom Kopf bis zu den Füßen bebende junge Mann das Opfer eines unglücklichen Zufalls geworden sei. Aber nein, jetzt sahen sie, daß Herr Albert völlig unver­sehrt war, und doch konnte man sich kaum eine mitleiderregendere Gestalt denken. Die Zähne schlugen ihm hörbar aufeinander, seine Knie schlotterten und zwischen seinen farblosen Lippen drang der Atem stoßweise hervor. Aschfahl int Gesicht, schluchzte er konvulsivisch und stammelte händeringend in abgebrochenen Sähen:

O Gott! O Gott! Was wird man mit mir anfangen? Was wird man mit mir tun? Din ich ein Mörder? Oh. retten Sie mich retten Sie mich!"

Die letzten Worte richtete er hilfesuchend an den Rechtsanwalt Hagenau, der dicht hinter den anderen eingetreten war und nur mit Mühe seinen gewöhnlichen Gleichmut zu bewahren schien.

Wenn Sie ein Mann des Gesetzes sind, müssen sie es ja wissen," fuhr Albert Dertram stammelnd fort,ob sie mich einsperren werden! Wird man eine Slntersuchung gegen mich einleiten?"

Das wird ohne Zweifel geschehen!" erwiderte Hagenau in einem wenig tröstlichen Ton. Er konnte es nicht ändern; er empfand eine gewisse Genugtuung beim Anblick des vor Furcht Beben­den, der sich am Morgen so selbstbewußt und hochtrabend gezeigt hatte. 2ch will dich lehren, dich höflicher gegen Damen zu betragen und allem 2agdsport ein für allemal fernzubleiben! dachte Hagenau bei sich selbst.

Aber Herr Rechtsanwalt?" fragte jetzt der kaum weniger zitternde Vater des Geängstigten. Man wird ihn doch nicht als Mörder zur Ver­antwortung ziehen, da es nur ein unglücklicher Zufall war?"

Sim Gottes willen, Georg!" rief hier Frau von Wildhofen, bebend vor Angst, dazwischen. Was ist geschehen? 2ch sehe Kurt nicht unter euch? Wo ist er?

Oh, Kurt ist frisch und munter. Er ist mit den Trägern zum Kutscherhause gegangen, wo man den armen Burschen vorläufig unterbringen wird."

Aber wer wer ist es?" beharrte Kurts Mutter, der ein Stein vom Herzen gefallen war.

Frau von Rechten äußerte kein Wort. 2n ihren ruhelosen Augen aber, die sie blitzschnell von einem zum anderen gleiten ließ, flackerte es wie ein unstetes Feuer. (Fortsetzung folgt)