Ausgabe 
28.1.1930
 
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Dienstag, 28. Zanuar 1950

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Nr. 25 Zweites Blatt

Die kommendeReichsfinanzresorm und die Gemeinden.

Don Or. Carl Dölsing, Äürgermeister von Alsfeld.

Wir veröffentlichen den folgenden Auf­sah des bekannten hessischen Kommunal­politikers, ohne seinen Ausführungen in allen Punkten beipflichten zu können.

Eine der letzten Regierungshandlungen des kürzlich zurüctgetretenen Reichsfinanzministers Dr. H i l f e r d i n g waren die programmati­schen 14 Punkte seiner beabsichtigten Finanz­reform. welche seitdem die Oeffentlichkeit stark beschäftigt haben. Der Hilferdingsche Entwurf war freilich keine wirkliche, große Reichsfinanz­reform, sondern er bedeutete eher eine Novelle zum Finanzausgleich. Eine wirklich durch­greifende Finanzrcform mit einer endgültigen Auf­teilung aller Steuerquellen setzt eine Berfas- sungs. und Derwaltungsreform in Deutschland voraus, eine überaus schwierige Auf­gabe, bis zu deren Lösung noch geraume Zeit ver­gehen dürfte, die allerdings vielleicht ernsthaft in Angriff genommen werden muß, wenn der vielum- striltene Y o u n g p l a n in Kraft tritt.

Seit der Veröffentlichung des Programms Dr. Hilftrdings hat sich die Situation wesentlich verän­dert. Es kann schon heute mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden, daß nach der Entwickelung der Reichsfinanzen in den letzten Wochen vielleicht nur 20 v. j). von dem übrig bleibt, was Dr. Hilfer- ding an Steuersenkungen plante. Dagegen wird un­ter dem neuen Reichsfinanzminister nach den bis jetzt vorliegenden Anzeichen eine schärfere Drosselung gegenüber Länder und Gemeinden zu erwarten sein, hinsichtlich der Reichssteuerüberweisungen. Hierzu muß vorweg vom Standpunkt aller deutscher Kommunen betont werden, daß eine weitere Herabsetzung des Anteils an der Reichseinkommensteuer und Körperschafts­steuer von 15 v. H. auf 60 v. H., wie vorgesehen war, insolange schleckterdings unmöglich ist, als nicht hierfür ein vollwertiger Ersatz gegeben wird. Der dringende Hinweis der Reichsregierung auf eine größere Sparsamkeit bei den Ge­meinden mag vielleicht bei manchen großen Städten mit ihren kostspieligen Verwaltungen und ihren oft über das Notwendige hinausgehenden Leistungen auf dem Gebiete sozialer Einrichtungen und der Wohlfahrtsfürsorge ihre Berechtigung haben, für die Mehrzahl der kleineren Städte und gar erst unserer Landgemeinden ist auf dem Wege von Einsparun­gen nicht mehr viel herauszuholen, denn hier sind fast 90 v. H. aller Ausgaben zwangsläufig, deren Zurückschraubung nicht in der Macht der Kommu­nen liegt.

Den Gemeinden wird nun als Ersatz des Ein­nahmeausfalls aus der beabsichtigten Steuersenkung vom Reiche der Erlös aus neuen bzw. aus der Erhöhung bestehender indirekter Steuern in Aussicht gestellt. Ein fragwürdiger, durchaus unsicherer Ersatz. Es muß mit Recht be­zweifelt werden, ob die allgemeine Wiederein­führung der Getränke st euer oder eine Erhöhung der Bier st euer einen auch nur annähernden Einnahmeersatz erbringen können bei einer sinkenden Konjunktur. Es muß daher vom Standpunkt der Gemeinden an der seitherigen Höh« der Reichssteueranteile unbedingt festgehalten wer­den. Als Ersatz der Ausfälle durch die Steuersenkun- tzen und die Kürzung der Reichssteueranteile findet letzt im Reichsfinanzministerium das von vielen Seiten, insbesondere vom deutschen Städtetag im­mer wieder geforderte Zuschlagsrecht zur Einkommensteuer mehr Gegenliebe als seit­her. Durchaus berechtigt ist jedenfalls die Forde- runa des Einbaues eines beweglichen Faktors in das Gemeinde st euersy st em, durch den unter Berücksichtigung sozialer Notwendig­keiten alle Gemeindebürger zu den Lasten der Ge- meinden herangezogen werden. Durch Einbau eines solchen beweglichen Faktors wird die Verantwor­tung in den Kommunen bei der Entscheidung über die Ausgaben erhöht und der Gedanke der Selbst­verwaltung gestärkt werden. Wie dieser bewegliche Faktor endgültig zu gestalten wäre, wird ein­gehendster Prüfung bedürfen.

So sehr das Zuschlagsrecht zur Einkommensteuer vom Standpunkt der Selbstverwaltung von den deutschen Gemeinden zu begrüßen ist, so darf man doch nicht übersehen, daß bei der gegenwärtigen rückläufigen Wirtschaftslage die Einführung des Zu­schlagsrechts für viele Gemeinden, namentlich für die Landgemeinden, keine Vorteile, sondern finan­zielle Nachteile mit sich bringen müßte, da es heute schon in Preußen 320 Gemeinden gibt, in denen überhaupt keine Ein kommen- steuer mehr bezahlt wird, und bekanntlich sind heute weite Kreise der Landwirtschaft infolge ihrer Notlage steuerfrei. Gerade für die kleineren Gemeinden würde das Zufchlaqsrecht ein Fehl­schlag für die Sanierung ihrer Finanzen bedeuten, denn man kann keine Zuschläge erheben zu einem Steueraufkommen, das nicht vorhanden ist. Mit Recht hält daher der Deutsche Landgemeindetag bei dem gegenwärtigen System der Einkommen- und Lohnsteuer die Einführung des Zuschlagsrechtes für praktisch unmöglich, im Gegensatz zum Deutschen Städtetag, für welchen in den Städten mit Industrie naturgemäß auf diesem Gebiete die Verhältnisse an­ders liegen. Von der Reichsregierung war bekannt­lich im Finanzprogramm Dr. Hilferding der Ein­bau eines beweglichen Faktors in einer ande­ren Form vorgeschlagen, nämlich in der Form eines Verwaltungskostenbeitrages d. h. einer Kopfsteuer. Trotz mancher Bedenken könnie man diese Steuer bejahen, da sie jedenfalls gerechter wäre als das Zuschlagsrecht zur Einkommensteuer, das auf dem zufälligen örtlichen Steueraufkommen beruht. Es müßte jedoch verlangt werden, daß die Kopfsteuer reichsgesehlich allgemein eingcführt wird, und daß deren Erhebung nicht etwa dem Er­messen der Gemeinden überlassen wird.

Zur Deckung des Finanzbedarfs dürfte eine E r - Höhung der Umsatzsteuer von f v. H. auf 1 v. H zu erwägen sein. Bekanntlich ist die Umsatz­steuer wiederholt gesenkt worden, zuletzt auf } v. H. Es steht dem gegenüber aber fest, daß diese Herab­setzungen weder dem Erzeuger noch dem Verbrau­

cher irgendwie eine Entlastung gebracht haben. Dar­aus darf man mit Recht den Schluß ziehen, daß eine Erhöhung der Steuer um i o. H. dem deutschen Wirtschaftskörper keine schwerwiegenden Erschütte­rungen in Form von Preiserhöhungen bringen kann. Diese Erhöhung würde voraussichtlich eine Mehr­einnahme von rund 410 Millionen Mark bringen, womit das Reichsdefizit schon zur Hälfte gedeckt wäre. Freilich werden manche Wirtschaftsverbände gegen eine Erhöhung der Umsatzsteuer Sturm laufen, indessen muh demgegenüber doch darauf hingewiesen werden, daß, wenn man einerseits Steuern senken will die Gewerbesteuer um 20 o. H., die Grund- erwerbssteuer um 10 v. H. auf der anderen Seite wieder nach einer Deckung des Ausfalls gesucht wer­den muß. So sehr die Forderungen der Wirtschaft auf Senkung der Steuern bei der heutigen Notlage verständlich sind, so wenig darf eine solche Senkung allein vom Reich auf Ko st en der Län­der und Gemeinden vorgenommen werden, dies würde in der Praxis keine Entlastung bedeu­ten, sondern lediglich eine Verschiebung der Steuerlasten vom Reich auf die Länder und Ge­meinden. Die Gemeinden müssen sich dagegen weh­ren, daß die Reichsgesetzgebung scheinbare Steuer­senkungen vornimmt, deren Wirkung wieder da­durch aufgehoben wird, daß die Gemeinden infolge geringer Neichssteuerüberweisunaen nunmehr zur Erfüllung ihrer zwangsläufigen Aufgaben sich nach neuen Einnahmequellen in Form von Steuer- oder Tariferhöhungen ihrer Werke umsehen müssen. Zur Deckung des Finanzbedarfs wäre schließlich auch eine Erhöhung der Kraftfahrzeugsteuer in Erwägung zu ziehen nach einem auf die tatsächlich gefahrene Silo« meterzahl umgestellten Steuertarif.

Der neue Reichsfinanzminister, Professor Dr. Moldenhauer, sieht sich jedenfalls vor eine sehr schwierige Aufgabe gestellt, deren Lösung nir­gends Befriedigung finden wird und welche für die Partei, die diesen Finanzminister gestellt hat, eine schwere Belastungsprobe darstellt.

prominentes Berlin.

Streifzüge durch das Adreßbuch.

Don K. 3- Grün.

Unter den über vier Millionen Menschen, die Berlin bewohnen, finden sich naturgemäß viele Qi amen, mit denen sich in mancherlei Zusammen­hängen bedeutende Leistungen verknüpfen. Nimmt man einen Schuß Phantasie zu Hilfe, dann lassen sich aus den trockenen Seiten des dickleibigen Adreßbuches launige Spiele des Zufalls kon­struieren.

Hm mit der Politik und ihrem größten deut­schen Meister zu beginnen: Bismarck gibt als Beruf Bauarbeiter an. Ein Wiederaufbauarbeiter von seinem Format täte uns heute bitter not. Julius Caesar ist Dr. jur. und Ober-Regie­rungsrat. Pompejus arbeitet als Monteur, wohl an einem Patent für Dauer-Triumvirate. Von den Trägern königlicher Ramen will C y - ruß als Fahrstuhlführer auch heute noch hoch hinaus. Darius hat sich den demokratischen Prinzipien der Neuzeit als Kellner angepaßt. P i p i n ist wohl nur dem gleichlautenden An­fangsbuchstaben zuliebe Postschaffner geworden. Der Kaufmann Midas wird es mit dem Gold- verwandeln bei der gegenwärtigen Geldknapp­heit nicht so leicht haben wie sein sogenannter Ahne. Von Hannibal leben zwei Witwen im Norden der Stadt. Auch eine Lady Ha­milton wohnt als Witwe in Neukölln. Met­ternich betreibt eine Seifenhandlung. Wran - g e l findet man als Polizeibeamten a. D. wieder. Sein Derussgenosse Ziethen sorgt als Schmied für fachmännischen Hufbeschlag. Wallenstein versucht als Chemikerdes Schicksals Sterne" zu analysieren.

Gestalten der Mythologie, der Heldensage, aus bedeutenden Dichtungen und biblische Namen fin­den sich sehr zahlreich vor. Zeus, Willy mit Vornamen, könnte heute als Reserve-Lokomotiv- führer seine geliebte Europa weit rascher in Sicherheit bringen. Den Gott Hermes haben

seine Berliner Erfahrungen auf seinem Spezial­gebiet des Verkehrswesens Friedhofsinspizient werden lassen. Atlas (hieß er Hugo?), Welt- rekordmann im Schwergewichtsheben, macht in Lombardgeschäften. Phönix liest als Studien­rat überRegeneration der Asche". Amor ist als Rentiere demZug nach dem Westen" ge­folgt. Hm eine mehr pazifistische Denkungsart bemüht sich Mars als Milchhändler. Der Zau­berer K l i n g s o r liefert als Tischler Gestal­tungen seiner Kunst. Faust huldigt diesem Me­tier als Elektromonteur mit den Errungenschaften moderner Magie.

Der Lebensstandard des armen Hiob scheint sich noch nicht wesentlich gebessert zu haben: Ge­meindearbeiter. H a b a k u k hat als Postschaffner Gelegenheit, seine Weissagungen unter die Leute . zu bringen. Mit den Restbeständen seines Zoo in der Arche hat Noa eine Pserdehandlung eingerichtet. Kain wurde Parkwärter, weil man ihm nach seinem k. o.-Sieg über seinen Bruder Abel, der als Tennistrainer in Steglitz wohnt, eine besondere Handfestigkeit zutraute. Josua, Der die Israeliten nach Palästina führte, und merkwürdigerweise auch Kolumbus, müssen auf ihren Fahrten die Musik als angenehme Reisebegleiterin schätzen gelernt haben, denn sie sind beide Klavierbauer. Vielleicht stellen sie sich noch auf das bequemere Radio um.

An Dichternamen ist kein Mangel. Goethe, der Olympier, ihr mögt es glauben oder nicht hilft sich mit einer Wasch- und Plättanstalt weiter. Horaz ist als Handlungsgehilfe noch bescheidener. Wenn Friedrich Schiller Kanzlei- angestellter ist, dann wohl in der Sektion für Dichtkunst bei der Akademie der Wissenschaften. Theodor Körner hat Leier und Schwert an den Nagel gehängt, da er als Bademeister und Mas- 1 feur anders zu tun hat. Wilhelm Hauff hat

eine ©teile als Hausdiener, vermutlich beiLich­tenstein". Hebbel nennt sich Bühnenarbeiter, nicht Dramatiker. Mörike hat als Geheimer Kanzleisekretär Anstellung beiMozart auf der Reise nach Prag" gesunden. Eichendorfs (was aus einemTaugenichts" alles werden kann!) hat es zum Goldschmiedemeister gebracht. Kleist liefert als Eisenwarenhändler das technische Ma­terial für dieHermannsschlacht". Hinter Sch le ­ge l lieft man: Bügler, wobei sich als Spezialität Shakespeare auf neu geplättet" denken läßt. Tieck stellt als Heimarbeitergestiefelte Äater her.

Scheffel ist StaNmeister, frei nach seinem Lied: ... geb ich dem Roh die Spornen, und reit ins Neckartal '. Her d e r verwahrt in einem Sargmagazin dieStimmen der Völker in Lie­dern". Moliere hat es sich wohl kaum träu­men lassen, daß er einmal als Oberstleutnant a. D. in Berlin leben würde. Zf f land setzt als Molkereibesiher die Fabrikation von Quark fort. Rückert betreibt als Krankenwärter praktische Weisheit das Brahamen". Hnklar bleibt, wes­halb sich Plate n für Leich en träger entschieden hat. Homer hat bei den vielen Irrfahrten des Odysseus Geschmack an Fuhrhalterei gefunden. Lenau, der ewig Hnruhvolle, reist als Kauf­mann. Ernst Moritz Arndt wird als Renten­empfänger sicher nick t auf Lorbeeren gebettet sein. Von Ibsen konnte man nach demBau­meister Solneß" die Angabe: Zimmermann er­warten. Ausgerechnet Wedekind muß Küster sein. Oskar Wilde hat seine Orchideenlieb­haberei Gärtner werden lassen.

Gogol führt als Dierfahrer dieVertauschten Seelen", sozusagen spirituell, mit sich herum. In den Mußestunden als Bücherrevisor wird K l o p st o ck sich wahrscheinlich auch feinen Messias" gelegentlich einmal vornehmen. Der Schweizer Dichter L e u t h o l d arbeitet als Stuk­kateur. Aus seinen Studienreisen zu denFran­zösischen Lustschlössern" hat Heinrich L a u b e seine Eignung als Kunstglaser entdeckt. Der Re­volutionär Beranger stellt sich als Gerichts­assessor auf den Boden der gegebenen juristischen Tatsächlichkeit.

Wilhelm Teil übt jetzt den notgedrungen so häufigen Beruf eines Vertreters, vielleicht für Kleintaliberwaffen, aus. Wenn man bedenkt, welche Pahschwierigkeiten Tannhäuser auf seiner Rom-Pilgerfahrt gehabt haben mag, dann wird man es begreiflich finden, daß er sich als Rechtsbeistand niedergelassen hat. Der grimme Hagen nennt sich: Propagandist, zweifellos für Mannentreue. Frau Holle verwendet ihre Kraft nicht mehr zum Bettausschütteln, sondern stellt sich als Masseurin in den Dienst der schlanken Linie. Die Damen Salome und Demeter führen ein bescheidenes Witwendasein in Berlin.

Die Ausbeute an Musikernamen ist weniger reichhaltig. MitFuge" und Recht kann man jedoch behaupten, daß Dach Naturheilkundiger (mit der Macht seiner Töne) ist. Nach einem Blick in feine Kompositionen muß man bei Robert Schumann ohne weiteres zustimmen: Fein­mechaniker. Der Reiniger germanischer Mytho­logie und alter musikalischer Tradition: Richard Wagner, braucht als Desinfektor nicht um­zusatteln. Hub Franz Schubert dekoriert als Tafeldecker ä laForellenquintett". Lor hing dürfte als QJertreter hauptsächlich Waffenschmied- erzeugnisse führen. Durch feine Heirat mit Martha" ist Flotow Fabrikdirektor geworden. Caruso lebt als Musiker im Berliner Norden.

Unter den Philosophen sind Plato undK ant zu etwas seltsamen Konsequenzen gekommen. Plato erschwingt feinen Lebensunterhalt im Handumdrehen als Drehorgelspieler, während Kant als aus a priori kritisch reiner Ver­nunft Nachtportier geworden ist. S o l o n da­gegen blieb Rechtsanwalt innerhalb paragra- phierter Bezirke. In dem Kommissionsgeschäft bon Leibniz wird der Vertrieb vonMonaden" ein Spezialartikel sein. Nach mathematisch-physi­kalischen Prinzipien leitet Pascal eine Tape­ziererei. Der Filmregisseur Hegel soll sich mit einerPhänomenologie des (Kino) Geistes" be­schäftigen.

Der Maler Schwind läßt seinem Hang zur Romantik als Drechsler freien Flug. Rubens, der Enthüller weiblicher Schönheitsideale, hat

Goethe-Bund.

Vortragsabend Alfred Neumann.

Alfred Neumann nicht au verwechseln mit Robert Neumann in Wien, dem Dichter der literari­schen Parodien und derSündflut" schrieb unter anderem die RomaneDer Teufel",Rebellen", Guerra", erhielt den Kleistpreis und wurde hier in Gießen vor einiger Zeit bereits mit dem russischen SchauspielDer Patriot" vorgestellt.

Neumann las drei Abschnitte aus drei verschie- denen Werken: diese drei wie schon in der knap­pen Einführung angebeutef wurde, worin der Autor sich als einen politischen Menschen, nicht aus Partei­doktrin sondern aus Leidenschaft, bekannte zu- sammengefaßt durch ein gemeinsames Thema: die Krisis des politischen Menschen. Das Thema wurde in drei typischen Fällen abgewandelt: an der Ge- ft alt des Revolutionärs, des Prätendenten, des Attentäters.

Den ersten Fall behandelt ein Abschnitt aus dem RomanGuerra": er schildert den Einzug des italienischen Revolutionärs Guerra, vom Volke um« jubelt, in Livorno. Schon in diesem einleitenden Stück, das verhältnismäßig am leichtesten wirkte, am äußerlichsten, am meisten auf ein repräfentables Bild hin gearbeitet mit mehr Oberfläche als Tiefe, schon hier war bemerkenswert der Stil Neu­manns: sehr fließend und elegant, aber zugleich sehr bestimmt, klar, unverschwommen, mosaikartig und deutlich in einem.

Zweiter Fall: der Prätendent. Zwei charakte­ristische Szenen aus dem DramaKönigsmaske", welche das phantastische und rätselhafte Schicksal des siebzehnten Ludwig von Frankreich, Charles Louis, umkreisen, der hier jeweils einem Vertreter des Bol­les und einem Vertreter der Regierung gegenüber« gestellt wird. Beide Szenen machten einen sehr guten Eindruck: man empfand die innere Berech­tigung der Kleistpreisoerleihung gerade an diesen Dichter. Hier war wirklich dramatischer Atem, gei­stige Haltung, scharfe Dialektik das Ganze wie «ine Oase in der Wüste und Wildnis unserer gegen­wärtigen Dramatik.

Als entschiedener Höhepunkt zuletzt: ein Kapitel aus einem neuen, noch unvollendeten Roman. Der Roman heißtDer Held", und dieser Held ist dritter Fall der Attentäter, ein ehemaliger Ka- vallerieoffizier, der einen Minister ermorden will

und soll. Das Kapitel ist überschrieben mit den BuchstabenM. S." die man mit der unheim­lichen Bezeichnung Mordstelle auflösen muß und schildert den Attentäter kurz vor dem geplanten Attentat am Schauplatz M. S., imAbschnitt", an der Mordstelle eben. Dieses Kapitel ist ausgezeichnet. Es vibriert von Leidenschaft, innerer Erregtheit, Spannung, und ist dennoch ganz beherrscht, kühl, diszipliniert geschrieben, von großer Klarheit und Schärfe des Stils. Vorzügliche Steigerung und sehr sicher gewählter Ausklang des dreigeteilten Pro­gramms.

Elliche knappe Schlußworte faßten noch einmal das Gelesene in seinem geistigen Zentrum zusam­men. Der Abend war stark besucht: lebhafter Bei­fall dankte dem Vortragenden.y

Kanarienvogel.

Don Franziska Herzfeld.

Ich will nicht sagen, daß Menschen uninter­essant sind. Aber mitunter waren es die Tiere, die ein Geheimnis hat.en, um das wir uns be­mühten, oder das wir uns nachdenklich ent- rätsellen.

Zum Einzug in meine Wohnung erhielt ich zum Geschenk einen Kanarienvogel. Es war ein besonders schönes Exemplar, von reinstem Gelb, mit großen schwarzen Augen und zierlichen Kopf- bewegungen. Seine Schönheit war so groß, daß später (auf dem dramatischen Höhepunkt dieser Geschichte) ein sachverständiger Vogelhändler er­klärte, eine solche Schönheit könne kein Männchen und folglich auch kein Sänger fein. Aber er war dem Schenker, einem Philosophen, als Sänger und Männchen verkauft. Hnd als er gebracht wurde, in einem orientalischgüldenen" Dauer von glänzender Märchenpracht, da standen, wir, ich und der Schenker, vor den Stäben des Käfigs, um seinen Gesang zu vernehmen.

Der blieb aus

Wir drehten das Grammophon an, ihn zu er­muntern, und liehen Jazzmusik ertönen. Aber er geriet in förmliche Verzückung der Wut. Sein schönes Köpfchen flog hin und her.

Der Gesang blieb aus.

Wir spielten Mozart. Sein Leib verzerrte sich und verwandelte sich in alle erdenklichen Raub­tiere. Bald einer Schlange, bald einem Tiger

gleich, sprang er zuletzt in feinen Badenapf und spritzte von da ganze Kaskaden auf die pastell- farbene Tapete.

Aber der Gesang blieb aus.

Als die Musik schwieg, schwieg er weiter und schwieg in Zukunft. Schön fein und Schmutz ver­ursachen waren feine Funktionen. Als meine Auf­wartefrau, eine sparsame Person, feinen Preis erfuhr, hüllte sie üm in ein schwarzes. Tuch und ging mit ihm und mir zum Vogelhändler. Dort forderte sie Gesang oder Rückgabe des Geldes. Jedoch und natürlich vergebens. Ein vielbeschäf­tigter Rechtsanwalt schrieb alsdann einen langen und drohenden Dries an den Vogelhändler. Je­doch und natürllch vergebens. Das Schweigen, das, wie wir sahen, bei dieser Tierart ein weib­liches Zeichen ist, veranlaßte die Reinmachefrau, den Wasserspritzer nicht mehr im Hause zu dul­den. Ich schenkte ihn also meiner siebenjährigen Freundin Dorle, einer eifrigen Tierliebhaberin.

Da hing er in feinem festlichen Käsig im Kin­derzimmer, weiter und konsequent beschäftigt mit schön fein und Schmutz verursachen.

Eines Tages, nach einem halben Jahr, erhielt Dorle einen zweiten Kanarienvogel: grünlich und weiß gefleckt, von weit geringerer Schönheit. Der saß in einem kleinen Dlechbauer und fang und trällerte, daß es eine Lust war. Er tat dies mit so ostentativer Kraft, daß die kleine Herrin von dem Gesang bezaubert, den schönen Schwei­ger oben aus dem kostbaren Käsig nahm und ihn nach unten in den kleinen Blechkasten ver­setzte. Der fleißige Sänger wohnte oben in dem goldenen Haus. Der andere aber... da sah er nun, mein schöner Sohn, den ich ausgesetzt hatte, unten wie der Portier in einem Herrschaftshaus und horchte verdutzt auf die rauschende Musik, die aus den Prachträumen zu ihm drang.

Als ich nach einigen Tagen meine kleine Freun­din wieder aufsuchte, sprang diese mit erregt entgegen, mein Vogel sänge: keine einfachen Triller wie der neue, sondern ganze Melodien, und immerzu. Ich bekam ordentlich Herzklopfen. Hnd wirklich, er fang und schmetterte aus voller Kehle. Nun, hätte ich gewünscht, wäre es gerecht gewesen, ihn wieder in das goldene Dauer zurück­zuversehen. Aber der gerechten Stimme wurde kein Ohr geliehen. Er hatte zu lange geschwiegen. Dorle behauptete, er müsse heraus aus der Stube, sonst verlöre der neue die Luft, weiterzufingen.

So kam er in die Küche und fang die wunder­barsten Lieder vor den Kochtöpfen und der Köchin. Am Abend erreichte er eine solche Kunst- höhe, daß die ganze Familie um ihn herumstand, in hellstem Entzücken.

Wer weiß, was sein Geheimnis gewesen ist. Sachverständige versichern, manche Vögel, die lange geschwiegen hätten, fingen plötzlich an zu fingen, wenn sie sich gekränkt fühlen aus Trauer.

Am nächsten Morgen fand ihn die Köchin in feinem kleinen Dlechkasten. Er lag am Doden wie ein kleines Stück Seidenpapier tot ohne Wunden und ohne das Symptom einer Er­krankung.

Diese siebenjährige Dorle, die Tochter eines strengen, kommerziellen Papas und einer gefühl­vollen Mama, kaufte sich zum Trost einen kleinen Fisch. Dald darauf sand sie ihn tot im Dassin und grub ihm ein Grab im ©arten, setzte ein Kreuz darauf mit der Inschrift:Hier ruht mein lieber Fisch." Zwei Tage später wurde das väter­liche Dlut in ihr wach. Ohne sich irgendwie zu beraten (man erfuhr es nur hinten herum) grub sie den Fisch aus, trug ihn zum Fischhändler und machte dort eine fürchterliche Szene mit Scha- densersahansprüchen. Man mußte sie sanft und unverrichteter Dinge vor die Tür sehen. Es war ein sonniger Sommertag, und sie stellte den Fisch auf den Balkon, noch unschlüssig, was würde. Aber das Schicksal kam ihr zuvor. Einen Heinen Drahthaarterrier, Fips, reizte der Hautgout des ausgegrabenen Fisches bis zur Leidenschaft. Der kategorische Imperativ und die Prügel, die ihn erwarteten, ließen ihn jedoch nicht zum Entschluß kommen. Indessen war er firm in der Psychologie, und so war ihm meine unkantische Gutmütigkeit nur zu bekannt. Dorle verschwqnd für einen Augenblick: da kam er an mich heran, warf mit einen großen und heißen Blick zu:Du schweigst, auf dich verlasse ich mich", und fraß den Fisch. Als Dorle wieder hereinkam, saß er neben mir, als wäre nichts geschehen, nur mit einem kleinen flehenden und dankbaren Streicheln seiner Pföt­chen an meinem Kleid. Ich sagte nichts, und seither Tann ich von ihm haben, was ich will: ich glaube, daß er sein Leben für mich lassen würde.

Das Fehlen des Fisches wurde erst am Abend entdeckt, und das ersparte ein zweites Begräbnis.