J rentiblo Oeflöeeliuchl
Erschienenes
UMWW
Damen. Maskenkostüme SU verleihen.
Asbest- Platten 1.2,3,4and ? mrn- nieder flm 67® D
CarlSchunck z-A
WwA-K l*r. GtüHgHljof tn Mttg»ch/in FS. Äetdixi toflfflfttL
$ct, 3ß r> £sy
gS^yenl toÄw
y?l0Q)5 JjMn S«lfl .S’Hhifi tztz Ü8 Wg'-
au Wien oder zu t (uiien geludjt. Gdir. ilnneb. un er 0573 nn den Kiek. 8m, JnMig.jg.Tame, geiuonö! in üiaiibi« nenuinbShirjIdjüit,
Iftbreibt
WWW gttMm L eigener Slnldjine. / Voctbeftr. M Ib. b. llnioeriil. M
t
he )e
beß iav. na* isen Ä 9L
»U AU iflL 575 IA.
s'w** iS-S
sKi,?z AsK i-gü-"'
QVere/nfl^J W
Mttw- V > Wona^Lr
eitel* rfauf- lote"- jll}: )hT|
en
10- b.*l (rtü
(Jj/4
6«6-
AdE« Mvewen ^InidjlnOiiiüergeb.
Lchliili. «nneb. mit ’Vteiß unter iiüDnn den Kien-An», erb.
I^ennuerinbentOer äflbren m nMicr ■ Stellung ipennons' I berechtigt lucht »*-
Seisai.
! ui» älterem lW 1 odLttweobneKii'd I (oLin'öerbinbtm I net. emngcinem e I riiiL8ngcb.untet I 0577anö.<SicB.«n»-
JSSSÖ S-Zs
Lfinl(1Sf abl*efln Lorvenam b-nlDCÄ(L’'*tl <ßoröcrti*u ö’jnfPon'
'*<*"Ädeb->uSt'- . vla^^djuiitrflB«'
»d
wo e«!
34. terS^ Wien',
Dienstag, 28. Zanuar 1950
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Nr. 25 Zweites Blatt
Die kommendeReichsfinanzresorm und die Gemeinden.
Don Or. Carl Dölsing, Äürgermeister von Alsfeld.
Wir veröffentlichen den folgenden Aufsah des bekannten hessischen Kommunalpolitikers, ohne seinen Ausführungen in allen Punkten beipflichten zu können.
Eine der letzten Regierungshandlungen des kürzlich zurüctgetretenen Reichsfinanzministers Dr. H i l f e r d i n g waren die programmatischen 14 Punkte seiner beabsichtigten Finanzreform. welche seitdem die Oeffentlichkeit stark beschäftigt haben. Der Hilferdingsche Entwurf war freilich keine wirkliche, große Reichsfinanzreform, sondern er bedeutete eher eine Novelle zum Finanzausgleich. Eine wirklich durchgreifende Finanzrcform mit einer endgültigen Aufteilung aller Steuerquellen setzt eine Berfas- sungs. und Derwaltungsreform in Deutschland voraus, eine überaus schwierige Aufgabe, bis zu deren Lösung noch geraume Zeit vergehen dürfte, die allerdings vielleicht ernsthaft in Angriff genommen werden muß, wenn der vielum- striltene Y o u n g p l a n in Kraft tritt.
Seit der Veröffentlichung des Programms Dr. Hilftrdings hat sich die Situation wesentlich verändert. Es kann schon heute mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden, daß nach der Entwickelung der Reichsfinanzen in den letzten Wochen vielleicht nur 20 v. j). von dem übrig bleibt, was Dr. Hilfer- ding an Steuersenkungen plante. Dagegen wird unter dem neuen Reichsfinanzminister nach den bis jetzt vorliegenden Anzeichen eine schärfere Drosselung gegenüber Länder und Gemeinden zu erwarten sein, hinsichtlich der Reichssteuerüberweisungen. Hierzu muß vorweg vom Standpunkt aller deutscher Kommunen betont werden, daß eine weitere Herabsetzung des Anteils an der Reichseinkommensteuer und Körperschaftssteuer von 15 v. H. auf 60 v. H., wie vorgesehen war, insolange schleckterdings unmöglich ist, als nicht hierfür ein vollwertiger Ersatz gegeben wird. Der dringende Hinweis der Reichsregierung auf eine größere Sparsamkeit bei den Gemeinden mag vielleicht bei manchen großen Städten mit ihren kostspieligen Verwaltungen und ihren oft über das Notwendige hinausgehenden Leistungen auf dem Gebiete sozialer Einrichtungen und der Wohlfahrtsfürsorge ihre Berechtigung haben, für die Mehrzahl der kleineren Städte und gar erst unserer Landgemeinden ist auf dem Wege von Einsparungen nicht mehr viel herauszuholen, denn hier sind fast 90 v. H. aller Ausgaben zwangsläufig, deren Zurückschraubung nicht in der Macht der Kommunen liegt.
Den Gemeinden wird nun als Ersatz des Einnahmeausfalls aus der beabsichtigten Steuersenkung vom Reiche der Erlös aus neuen bzw. aus der Erhöhung bestehender indirekter Steuern in Aussicht gestellt. Ein fragwürdiger, durchaus unsicherer Ersatz. Es muß mit Recht bezweifelt werden, ob die allgemeine Wiedereinführung der Getränke st euer oder eine Erhöhung der Bier st euer einen auch nur annähernden Einnahmeersatz erbringen können bei einer sinkenden Konjunktur. Es muß daher vom Standpunkt der Gemeinden an der seitherigen Höh« der Reichssteueranteile unbedingt festgehalten werden. Als Ersatz der Ausfälle durch die Steuersenkun- tzen und die Kürzung der Reichssteueranteile findet letzt im Reichsfinanzministerium das von vielen Seiten, insbesondere vom deutschen Städtetag immer wieder geforderte Zuschlagsrecht zur Einkommensteuer mehr Gegenliebe als seither. Durchaus berechtigt ist jedenfalls die Forde- runa des Einbaues eines beweglichen Faktors in das Gemeinde st euersy st em, durch den unter Berücksichtigung sozialer Notwendigkeiten alle Gemeindebürger zu den Lasten der Ge- meinden herangezogen werden. Durch Einbau eines solchen beweglichen Faktors wird die Verantwortung in den Kommunen bei der Entscheidung über die Ausgaben erhöht und der Gedanke der Selbstverwaltung gestärkt werden. Wie dieser bewegliche Faktor endgültig zu gestalten wäre, wird eingehendster Prüfung bedürfen.
So sehr das Zuschlagsrecht zur Einkommensteuer vom Standpunkt der Selbstverwaltung von den deutschen Gemeinden zu begrüßen ist, so darf man doch nicht übersehen, daß bei der gegenwärtigen rückläufigen Wirtschaftslage die Einführung des Zuschlagsrechts für viele Gemeinden, namentlich für die Landgemeinden, keine Vorteile, sondern finanzielle Nachteile mit sich bringen müßte, da es heute schon in Preußen 320 Gemeinden gibt, in denen überhaupt keine Ein kommen- steuer mehr bezahlt wird, und bekanntlich sind heute weite Kreise der Landwirtschaft infolge ihrer Notlage steuerfrei. Gerade für die kleineren Gemeinden würde das Zufchlaqsrecht ein Fehlschlag für die Sanierung ihrer Finanzen bedeuten, denn man kann keine Zuschläge erheben zu einem Steueraufkommen, das nicht vorhanden ist. Mit Recht hält daher der Deutsche Landgemeindetag bei dem gegenwärtigen System der Einkommen- und Lohnsteuer die Einführung des Zuschlagsrechtes für praktisch unmöglich, im Gegensatz zum Deutschen Städtetag, für welchen in den Städten mit Industrie naturgemäß auf diesem Gebiete die Verhältnisse anders liegen. Von der Reichsregierung war bekanntlich im Finanzprogramm Dr. Hilferding der Einbau eines beweglichen Faktors in einer anderen Form vorgeschlagen, nämlich in der Form eines Verwaltungskostenbeitrages d. h. einer Kopfsteuer. Trotz mancher Bedenken könnie man diese Steuer bejahen, da sie jedenfalls gerechter wäre als das Zuschlagsrecht zur Einkommensteuer, das auf dem zufälligen örtlichen Steueraufkommen beruht. Es müßte jedoch verlangt werden, daß die Kopfsteuer reichsgesehlich allgemein eingcführt wird, und daß deren Erhebung nicht etwa dem Ermessen der Gemeinden überlassen wird.
Zur Deckung des Finanzbedarfs dürfte eine E r - Höhung der Umsatzsteuer von f v. H. auf 1 v. H zu erwägen sein. Bekanntlich ist die Umsatzsteuer wiederholt gesenkt worden, zuletzt auf } v. H. Es steht dem gegenüber aber fest, daß diese Herabsetzungen weder dem Erzeuger noch dem Verbrau
cher irgendwie eine Entlastung gebracht haben. Daraus darf man mit Recht den Schluß ziehen, daß eine Erhöhung der Steuer um i o. H. dem deutschen Wirtschaftskörper keine schwerwiegenden Erschütterungen in Form von Preiserhöhungen bringen kann. Diese Erhöhung würde voraussichtlich eine Mehreinnahme von rund 410 Millionen Mark bringen, womit das Reichsdefizit schon zur Hälfte gedeckt wäre. Freilich werden manche Wirtschaftsverbände gegen eine Erhöhung der Umsatzsteuer Sturm laufen, indessen muh demgegenüber doch darauf hingewiesen werden, daß, wenn man einerseits Steuern senken will — die Gewerbesteuer um 20 o. H., die Grund- erwerbssteuer um 10 v. H. — auf der anderen Seite wieder nach einer Deckung des Ausfalls gesucht werden muß. So sehr die Forderungen der Wirtschaft auf Senkung der Steuern bei der heutigen Notlage verständlich sind, so wenig darf eine solche Senkung allein vom Reich auf Ko st en der Länder und Gemeinden vorgenommen werden, dies würde in der Praxis keine Entlastung bedeuten, sondern lediglich eine Verschiebung der Steuerlasten vom Reich auf die Länder und Gemeinden. Die Gemeinden müssen sich dagegen wehren, daß die Reichsgesetzgebung scheinbare Steuersenkungen vornimmt, deren Wirkung wieder dadurch aufgehoben wird, daß die Gemeinden infolge geringer Neichssteuerüberweisunaen nunmehr zur Erfüllung ihrer zwangsläufigen Aufgaben sich nach neuen Einnahmequellen in Form von Steuer- oder Tariferhöhungen ihrer Werke umsehen müssen. Zur Deckung des Finanzbedarfs wäre schließlich auch eine Erhöhung der Kraftfahrzeugsteuer in Erwägung zu ziehen nach einem auf die tatsächlich gefahrene Silo« meterzahl umgestellten Steuertarif.
Der neue Reichsfinanzminister, Professor Dr. Moldenhauer, sieht sich jedenfalls vor eine sehr schwierige Aufgabe gestellt, deren Lösung nirgends Befriedigung finden wird und welche für die Partei, die diesen Finanzminister gestellt hat, eine schwere Belastungsprobe darstellt.
prominentes Berlin.
Streifzüge durch das Adreßbuch.
Don K. 3- Grün.
Unter den über vier Millionen Menschen, die Berlin bewohnen, finden sich naturgemäß viele Qi amen, mit denen sich in mancherlei Zusammenhängen bedeutende Leistungen verknüpfen. Nimmt man einen Schuß Phantasie zu Hilfe, dann lassen sich aus den trockenen Seiten des dickleibigen Adreßbuches launige Spiele des Zufalls konstruieren.
Hm mit der Politik und ihrem größten deutschen Meister zu beginnen: Bismarck gibt als Beruf Bauarbeiter an. Ein Wiederaufbauarbeiter von seinem Format täte uns heute bitter not. Julius Caesar ist Dr. jur. und Ober-Regierungsrat. Pompejus arbeitet als Monteur, wohl an einem Patent für Dauer-Triumvirate. Von den Trägern königlicher Ramen will C y - ruß als Fahrstuhlführer auch heute noch hoch hinaus. Darius hat sich den demokratischen Prinzipien der Neuzeit als Kellner angepaßt. P i p i n ist wohl nur dem gleichlautenden Anfangsbuchstaben zuliebe Postschaffner geworden. Der Kaufmann Midas wird es mit dem Gold- verwandeln bei der gegenwärtigen Geldknappheit nicht so leicht haben wie sein sogenannter Ahne. Von Hannibal leben zwei Witwen im Norden der Stadt. Auch eine Lady Hamilton wohnt als Witwe in Neukölln. Metternich betreibt eine Seifenhandlung. Wran - g e l findet man als Polizeibeamten a. D. wieder. Sein Derussgenosse Ziethen sorgt als Schmied für fachmännischen Hufbeschlag. Wallenstein versucht als Chemiker „des Schicksals Sterne" zu analysieren.
Gestalten der Mythologie, der Heldensage, aus bedeutenden Dichtungen und biblische Namen finden sich sehr zahlreich vor. Zeus, Willy mit Vornamen, könnte heute als Reserve-Lokomotiv- führer seine geliebte Europa weit rascher in Sicherheit bringen. Den Gott Hermes haben
seine Berliner Erfahrungen auf seinem Spezialgebiet des Verkehrswesens Friedhofsinspizient werden lassen. Atlas (hieß er Hugo?), Welt- rekordmann im Schwergewichtsheben, macht in Lombardgeschäften. Phönix liest als Studienrat über „Regeneration der Asche". Amor ist als Rentiere dem „Zug nach dem Westen" gefolgt. Hm eine mehr pazifistische Denkungsart bemüht sich Mars als Milchhändler. Der Zauberer K l i n g s o r liefert als Tischler Gestaltungen seiner Kunst. Faust huldigt diesem Metier als Elektromonteur mit den Errungenschaften moderner Magie.
Der Lebensstandard des armen Hiob scheint sich noch nicht wesentlich gebessert zu haben: Gemeindearbeiter. H a b a k u k hat als Postschaffner Gelegenheit, seine Weissagungen unter die Leute . zu bringen. Mit den Restbeständen seines Zoo in der Arche hat Noa eine Pserdehandlung eingerichtet. Kain wurde Parkwärter, weil man ihm nach seinem k. o.-Sieg über seinen Bruder Abel, der als Tennistrainer in Steglitz wohnt, eine besondere Handfestigkeit zutraute. Josua, Der die Israeliten nach Palästina führte, und merkwürdigerweise auch Kolumbus, müssen auf ihren Fahrten die Musik als angenehme Reisebegleiterin schätzen gelernt haben, denn sie sind beide Klavierbauer. Vielleicht stellen sie sich noch auf das bequemere Radio um.
An Dichternamen ist kein Mangel. Goethe, der Olympier, — ihr mögt es glauben oder nicht — hilft sich mit einer Wasch- und Plättanstalt weiter. Horaz ist als Handlungsgehilfe noch bescheidener. Wenn Friedrich Schiller Kanzlei- angestellter ist, dann wohl in der Sektion für Dichtkunst bei der Akademie der Wissenschaften. Theodor Körner hat Leier und Schwert an den Nagel gehängt, da er als Bademeister und Mas- 1 feur anders zu tun hat. Wilhelm Hauff hat
eine ©teile als Hausdiener, vermutlich bei „Lichtenstein". Hebbel nennt sich Bühnenarbeiter, nicht Dramatiker. Mörike hat als Geheimer Kanzleisekretär Anstellung bei „Mozart auf der Reise nach Prag" gesunden. Eichendorfs (was aus einem „Taugenichts" alles werden kann!) hat es zum Goldschmiedemeister gebracht. Kleist liefert als Eisenwarenhändler das technische Material für die „Hermannsschlacht". Hinter Sch le ge l lieft man: Bügler, wobei sich als Spezialität „Shakespeare auf neu geplättet" denken läßt. Tieck stellt als Heimarbeiter „gestiefelte Äater“ her.
Scheffel ist StaNmeister, frei nach seinem Lied: „ ... geb ich dem Roh die Spornen, und reit ins Neckartal '. Her d e r verwahrt in einem Sargmagazin die „Stimmen der Völker in Liedern". Moliere hat es sich wohl kaum träumen lassen, daß er einmal als Oberstleutnant a. D. in Berlin leben würde. Zf f land setzt als Molkereibesiher die Fabrikation von Quark fort. Rückert betreibt als Krankenwärter praktische „Weisheit das Brahamen". Hnklar bleibt, weshalb sich Plate n für Leich en träger entschieden hat. Homer hat bei den vielen Irrfahrten des Odysseus Geschmack an Fuhrhalterei gefunden. Lenau, der ewig Hnruhvolle, reist als Kaufmann. Ernst Moritz Arndt wird als Rentenempfänger sicher nick t auf Lorbeeren gebettet sein. Von Ibsen konnte man nach dem „Baumeister Solneß" die Angabe: Zimmermann erwarten. Ausgerechnet Wedekind muß Küster sein. Oskar Wilde hat seine Orchideenliebhaberei Gärtner werden lassen.
Gogol führt als Dierfahrer die „Vertauschten Seelen", sozusagen spirituell, mit sich herum. In den Mußestunden als Bücherrevisor wird K l o p st o ck sich wahrscheinlich auch feinen „Messias" gelegentlich einmal vornehmen. Der Schweizer Dichter L e u t h o l d arbeitet als Stukkateur. Aus seinen Studienreisen zu den „Französischen Lustschlössern" hat Heinrich L a u b e seine Eignung als Kunstglaser entdeckt. Der Revolutionär Beranger stellt sich als Gerichtsassessor auf den Boden der gegebenen juristischen Tatsächlichkeit.
Wilhelm Teil übt jetzt den notgedrungen so häufigen Beruf eines Vertreters, vielleicht für Kleintaliberwaffen, aus. Wenn man bedenkt, welche Pahschwierigkeiten Tannhäuser auf seiner Rom-Pilgerfahrt gehabt haben mag, dann wird man es begreiflich finden, daß er sich als Rechtsbeistand niedergelassen hat. Der grimme Hagen nennt sich: Propagandist, zweifellos für Mannentreue. Frau Holle verwendet ihre Kraft nicht mehr zum Bettausschütteln, sondern stellt sich als Masseurin in den Dienst der schlanken Linie. Die Damen Salome und Demeter führen ein bescheidenes Witwendasein in Berlin.
Die Ausbeute an Musikernamen ist weniger reichhaltig. Mit „Fuge" und Recht kann man jedoch behaupten, daß Dach Naturheilkundiger (mit der Macht seiner Töne) ist. Nach einem Blick in feine Kompositionen muß man bei Robert Schumann ohne weiteres zustimmen: Feinmechaniker. Der Reiniger germanischer Mythologie und alter musikalischer Tradition: Richard Wagner, braucht als Desinfektor nicht umzusatteln. Hub Franz Schubert dekoriert als Tafeldecker ä la „Forellenquintett". Lor hing dürfte als QJertreter hauptsächlich Waffenschmied- erzeugnisse führen. Durch feine Heirat mit „Martha" ist Flotow Fabrikdirektor geworden. Caruso lebt als Musiker im Berliner Norden.
Unter den Philosophen sind Plato undK ant zu etwas seltsamen Konsequenzen gekommen. Plato erschwingt feinen Lebensunterhalt im Handumdrehen als Drehorgelspieler, während Kant — als aus a priori kritisch reiner Vernunft — Nachtportier geworden ist. S o l o n dagegen blieb Rechtsanwalt innerhalb paragra- phierter Bezirke. In dem Kommissionsgeschäft bon Leibniz wird der Vertrieb von „Monaden" ein Spezialartikel sein. Nach mathematisch-physikalischen Prinzipien leitet Pascal eine Tapeziererei. Der Filmregisseur Hegel soll sich mit einer „Phänomenologie des (Kino) Geistes" beschäftigen.
Der Maler Schwind läßt seinem Hang zur Romantik als Drechsler freien Flug. Rubens, der Enthüller weiblicher Schönheitsideale, hat
Goethe-Bund.
Vortragsabend Alfred Neumann.
Alfred Neumann — nicht au verwechseln mit Robert Neumann in Wien, dem Dichter der literarischen Parodien und der „Sündflut" — schrieb unter anderem die Romane „Der Teufel", „Rebellen", „Guerra", erhielt den Kleistpreis und wurde hier in Gießen vor einiger Zeit bereits mit dem russischen Schauspiel „Der Patriot" vorgestellt.
Neumann las drei Abschnitte aus drei verschie- denen Werken: diese drei — wie schon in der knappen Einführung angebeutef wurde, worin der Autor sich als einen politischen Menschen, nicht aus Parteidoktrin sondern aus Leidenschaft, bekannte — zu- sammengefaßt durch ein gemeinsames Thema: die Krisis des politischen Menschen. Das Thema wurde in drei typischen Fällen abgewandelt: an der Ge- ft alt des Revolutionärs, des Prätendenten, des Attentäters.
Den ersten Fall behandelt ein Abschnitt aus dem Roman „Guerra": er schildert den Einzug des italienischen Revolutionärs Guerra, vom Volke um« jubelt, in Livorno. Schon in diesem einleitenden Stück, das verhältnismäßig am leichtesten wirkte, am äußerlichsten, am meisten auf ein repräfentables Bild hin gearbeitet mit mehr Oberfläche als Tiefe, — schon hier war bemerkenswert der Stil Neumanns: sehr fließend und elegant, aber zugleich sehr bestimmt, klar, unverschwommen, mosaikartig und deutlich in einem.
Zweiter Fall: der Prätendent. Zwei charakteristische Szenen aus dem Drama „Königsmaske", welche das phantastische und rätselhafte Schicksal des siebzehnten Ludwig von Frankreich, Charles Louis, umkreisen, der hier jeweils einem Vertreter des Bolles und einem Vertreter der Regierung gegenüber« gestellt wird. Beide Szenen machten einen sehr guten Eindruck: man empfand die innere Berechtigung der Kleistpreisoerleihung gerade an diesen Dichter. Hier war wirklich dramatischer Atem, geistige Haltung, scharfe Dialektik — das Ganze wie «ine Oase in der Wüste und Wildnis unserer gegenwärtigen Dramatik.
Als entschiedener Höhepunkt zuletzt: ein Kapitel aus einem neuen, noch unvollendeten Roman. Der Roman heißt „Der Held", und dieser Held ist — dritter Fall — der Attentäter, ein ehemaliger Ka- vallerieoffizier, der einen Minister ermorden will
und soll. Das Kapitel ist überschrieben mit den Buchstaben „M. S." — die man mit der unheimlichen Bezeichnung Mordstelle auflösen muß — und schildert den Attentäter kurz vor dem geplanten Attentat am Schauplatz M. S., im „Abschnitt", an der Mordstelle eben. Dieses Kapitel ist ausgezeichnet. Es vibriert von Leidenschaft, innerer Erregtheit, Spannung, — und ist dennoch ganz beherrscht, kühl, diszipliniert geschrieben, von großer Klarheit und Schärfe des Stils. Vorzügliche Steigerung und sehr sicher gewählter Ausklang des dreigeteilten Programms.
Elliche knappe Schlußworte faßten noch einmal das Gelesene in seinem geistigen Zentrum zusammen. Der Abend war stark besucht: lebhafter Beifall dankte dem Vortragenden. —y—
Kanarienvogel.
Don Franziska Herzfeld.
Ich will nicht sagen, daß Menschen uninteressant sind. Aber mitunter waren es die Tiere, die ein Geheimnis hat.en, um das wir uns bemühten, oder das wir uns nachdenklich ent- rätsellen.
Zum Einzug in meine Wohnung erhielt ich zum Geschenk einen Kanarienvogel. Es war ein besonders schönes Exemplar, von reinstem Gelb, mit großen schwarzen Augen und zierlichen Kopf- bewegungen. Seine Schönheit war so groß, daß später (auf dem dramatischen Höhepunkt dieser Geschichte) ein sachverständiger Vogelhändler erklärte, eine solche Schönheit könne kein Männchen und folglich auch kein Sänger fein. Aber er war dem Schenker, einem Philosophen, als Sänger und Männchen verkauft. Hnd als er gebracht wurde, in einem orientalisch „güldenen" Dauer von glänzender Märchenpracht, da standen, wir, ich und der Schenker, vor den Stäben des Käfigs, um seinen Gesang zu vernehmen.
Der blieb aus —
Wir drehten das Grammophon an, ihn zu ermuntern, und liehen Jazzmusik ertönen. Aber er geriet in förmliche Verzückung der Wut. Sein schönes Köpfchen flog hin und her.
Der Gesang blieb aus.
Wir spielten Mozart. Sein Leib verzerrte sich und verwandelte sich in alle erdenklichen Raubtiere. Bald einer Schlange, bald einem Tiger
gleich, sprang er zuletzt in feinen Badenapf und spritzte von da ganze Kaskaden auf die pastell- farbene Tapete.
Aber der Gesang blieb aus. —
Als die Musik schwieg, schwieg er weiter und schwieg in Zukunft. Schön fein und Schmutz verursachen waren feine Funktionen. Als meine Aufwartefrau, eine sparsame Person, feinen Preis erfuhr, hüllte sie üm in ein schwarzes. Tuch und ging mit ihm und mir zum Vogelhändler. Dort forderte sie Gesang oder Rückgabe des Geldes. Jedoch und natürlich vergebens. Ein vielbeschäftigter Rechtsanwalt schrieb alsdann einen langen und drohenden Dries an den Vogelhändler. Jedoch und natürllch vergebens. Das Schweigen, das, wie wir sahen, bei dieser Tierart ein weibliches Zeichen ist, veranlaßte die Reinmachefrau, den Wasserspritzer nicht mehr im Hause zu dulden. Ich schenkte ihn also meiner siebenjährigen Freundin Dorle, einer eifrigen Tierliebhaberin.
Da hing er in feinem festlichen Käsig im Kinderzimmer, weiter und konsequent beschäftigt mit schön fein und Schmutz verursachen.
Eines Tages, nach einem halben Jahr, erhielt Dorle einen zweiten Kanarienvogel: grünlich und weiß gefleckt, von weit geringerer Schönheit. Der saß in einem kleinen Dlechbauer und fang und trällerte, daß es eine Lust war. Er tat dies mit so ostentativer Kraft, daß die kleine Herrin von dem Gesang bezaubert, den schönen Schweiger oben aus dem kostbaren Käsig nahm und ihn nach unten in den kleinen Blechkasten versetzte. Der fleißige Sänger wohnte oben in dem goldenen Haus. Der andere aber... da sah er nun, mein schöner Sohn, den ich ausgesetzt hatte, unten wie der Portier in einem Herrschaftshaus und horchte verdutzt auf die rauschende Musik, die aus den Prachträumen zu ihm drang.
Als ich nach einigen Tagen meine kleine Freundin wieder aufsuchte, sprang diese mit erregt entgegen, mein Vogel sänge: keine einfachen Triller wie der neue, sondern ganze Melodien, und immerzu. Ich bekam ordentlich Herzklopfen. Hnd wirklich, er fang und schmetterte aus voller Kehle. Nun, hätte ich gewünscht, wäre es gerecht gewesen, ihn wieder in das goldene Dauer zurückzuversehen. Aber der gerechten Stimme wurde kein Ohr geliehen. Er hatte zu lange geschwiegen. Dorle behauptete, er müsse heraus aus der Stube, sonst verlöre der neue die Luft, weiterzufingen.
So kam er in die Küche und fang die wunderbarsten Lieder vor den Kochtöpfen und der Köchin. Am Abend erreichte er eine solche Kunst- höhe, daß die ganze Familie um ihn herumstand, in hellstem Entzücken.
Wer weiß, was sein Geheimnis gewesen ist. Sachverständige versichern, manche Vögel, die lange geschwiegen hätten, fingen plötzlich an zu fingen, wenn sie sich gekränkt fühlen — aus Trauer.
Am nächsten Morgen fand ihn die Köchin in feinem kleinen Dlechkasten. Er lag am Doden wie ein kleines Stück Seidenpapier — tot — ohne Wunden und ohne das Symptom einer Erkrankung.
Diese siebenjährige Dorle, die Tochter eines strengen, kommerziellen Papas und einer gefühlvollen Mama, kaufte sich zum Trost einen kleinen Fisch. Dald darauf sand sie ihn tot im Dassin und grub ihm ein Grab im ©arten, setzte ein Kreuz darauf mit der Inschrift: „Hier ruht mein lieber Fisch." Zwei Tage später wurde das väterliche Dlut in ihr wach. Ohne sich irgendwie zu beraten (man erfuhr es nur hinten herum) grub sie den Fisch aus, trug ihn zum Fischhändler und machte dort eine fürchterliche Szene mit Scha- densersahansprüchen. Man mußte sie sanft und unverrichteter Dinge vor die Tür sehen. Es war ein sonniger Sommertag, und sie stellte den Fisch auf den Balkon, noch unschlüssig, was würde. Aber das Schicksal kam ihr zuvor. Einen Heinen Drahthaarterrier, Fips, reizte der Hautgout des ausgegrabenen Fisches bis zur Leidenschaft. Der kategorische Imperativ und die Prügel, die ihn erwarteten, ließen ihn jedoch nicht zum Entschluß kommen. Indessen war er firm in der Psychologie, und so war ihm meine unkantische Gutmütigkeit nur zu bekannt. Dorle verschwqnd für einen Augenblick: da kam er an mich heran, warf mit einen großen und heißen Blick zu: „Du schweigst, auf dich verlasse ich mich", und fraß den Fisch. Als Dorle wieder hereinkam, saß er neben mir, als wäre nichts geschehen, nur mit einem kleinen flehenden und dankbaren Streicheln seiner Pfötchen an meinem Kleid. Ich sagte nichts, und seither Tann ich von ihm haben, was ich will: ich glaube, daß er sein Leben für mich lassen würde.
Das Fehlen des Fisches wurde erst am Abend entdeckt, und das ersparte ein zweites Begräbnis.


