Ausgabe 
27.8.1930
 
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Geschichten aus aller Welt.

Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Der Duellant bittet um Gefängnisstrafe.

(v) Budapest.

Aehnlich wie in anderen Ländern sind Duelle auch in Ungarn gesetzlich verboten. Woraus jedoch nicht etwa heroorgeht, daß man sich nicht schlägt. Im Gegenteil: die magyarischen Kavaliere halten es für unter ihrer Würde, Differenzen anders als mit der Waffe in der Hand auszutragen. Hinterher föhnt man sich eben (in den meisten Fällen) aus und nimmt die kleine Strafe gern mit in Kauf; meist eine kurzfristige Freiheitsstrafe, die jedoch mit Geld abzulösen ist. Kurz: das Duellieren zwischen Pußta- kavalieren gehört zu den Alltäglichkeiten, über die sich kein Mensch weiter aufreat. Und daß man einen solchen Sünder auch wirklich ins Kittchen gesteckt hätte, kam in den letzten hundert Jahren kaum ein einzigesmal vor. Jetzt ist aber das Eis gebrochen. Der junge Rechtsanwalt Dr. Stephan Katona schlug sich mit dem Bürgermeister Dr. Josef Toth in KecskemLt. Und bat den hohen Gerichtshof, seine Strafe absitzen zu dürfen. Da er augenblicklich so knapp bei Kasse fei, daß ihn die Geldstrafe weit unangenehmer berühren würde als die Einsamkeit der Zelle! Die ungarischen Richter waren menschen­freundlich genug, der sonderbaren Bitte nachzukom- men, und Dr. Katonadurfte" ins Gefängnis. Er bedankte sich geziemend für die Güte der Richter. Seinem Beispiele dürften mit Rücksicht auf die auch im Magyarenlande katastrophale Wirtschaftslage bald mehrere Herrschaften folgen.

Neapel sehen und auf dem Bahnsteig telefonieren...

(g) Rom.

Frische Würstchen, Obst, Bier, Schokolade, Zei­tungen, saure Drops gefällig?" Ein Glas Chianti? Oder gar Asti Spumante, den wundervollen italie­nischen Sekt? Alles da, verehrter Reisegast, die Oeko- nomie der italienischen Bahnhöfe, seit Menschen- gedenken auf Fremdenverkehr, Dienst am Kunden und dicke Trinkgelder eingestellt, sorgt für dein leibliches und geistiges Wohl. Sie wird aber in die­ser Arbeit auch von der Eisenbahndirektion wirksam unterstützt. Wenn Sie, verehrter Gast, weder eine Erfrischung genießen wollen noch die neueste Zei­tung kaufen, sondern die Lust verspüren, mit Ihren Lieben oder Geschäftsfreunden zu telefonieren, so steht Ihnen dietragbare Telefonzelle" zur Ver­fügung. Sie brauchen nur zu winken, man bringt ihnen den Fernsprecher an das Fenster ihres Ab­teils, und die Zentrale verbindet Sie außer der Reihe. Herrlich, diese Neueinführung.Neapel, fünfzehn Minuten Aufenthalt", ruft der Schaffner. Bitte einen Apparat", schreien Sie.Fräulein, verbinden Sie mich mit Kötzschenbroda", sagen Sie. Und sprechen aus Neapel, aus ihrem Abteil, aus dem Zuge auf dem Bahnsteig drei Minuten später mit Onkel Max in Kötzschenbroda.Wie geht das Geschäft?"Alles in Ordnung?", du hängst beruhigt an und fährst weiter noch Rom. Ohne den Platz verlassen zu haben.

Neapel sehen und sterben? Nicht doch! Neapel streifen und auf dem Bahnsteig telefonieren.

Bankraub" in den Lüften.

(a) Deuhork.

Eine große Industriefirma in St. Louis ver­traute ihrem Chefpiloten die runde Summe von sechshunderttausend Dollar an; das Geld sollte auf dem Flugwege nach Chicago befördert und der dortigen Bank eingeliefert werden. Der Pi­lot trat vor rund dreißig Jahren als einfacher Monteur in den Dienst der Firma und gehörte zu deren zuverlässigsten Angestellten. Kurz nach .dem Start stieg er mit der Maschine auf etwa 700 Meter; da ertönte hinter seinem Dücken reine rauhe Männerstimme:Guten Morgen, Herr Luftdroschkenführer!"Wie zum Don­

nerwetter kommen Sie her, Mann?", staunte der Pilot.Das dürfte Ihnen gleichgültig sein", lautete die unwirsche Antwort des Schwarzfliegers.Ich will Sie jedenfalls um ein gänzlich überflüssiges Llebergewicht erleich-« tern: Geben Sie die Kassette mit dem Geld her!" Ich denke nicht daran", beteuerte der Flug­zeuglenker.Ich werde vielmehr in der nächsten Stadt notlanden und Sie der Polizei übergeben." Der verwegene Luftbandit lachte hell auf: Wenn Sie mir nicht freiwillig die Moneten geben und mir dann Gelegenheit zur Flucht bie­ten, knalle ich Sie sofort nieder!"Wenn Sie mich umbringen, stürzt das Flugzeug ob und Sie kommen ebenfalls nicht mit dem Le­ben davon!"Das ist ein freundlicher Irr­tum Ihrerseits. Ich habe die Pilotenprüfung bereits vor zwei Iahren mit Auszeichnung be­standen!" Was blieb da dem unglücklichen Piloten übrig? Er händigte dem Gauner das Geld aus, landete auf einer menschenleeren Wiese und startete unter dem Druck der geladenen Pi­stole sofort zum Weiterflug. Erst in Chicago konnte er den eigenartigen Fall der Behörde melden. Man lachte ihn glatt aus; kein Mensch wollte dasAmmenmärchen" glauben von dem phantastischen Luftdiebstahl. Der Aermste wurde in Schutzhaft genommen und wäre wohl zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wor­den, wenn man nicht einige Tage später einen feit Monaten gesuchten schweren Iungen durch Zufall erwischt hätte, der seine Tätigkeit mit dem waghalsigenBankraub in den Lüften" krönen und dann auf Dimmerwiedersehen ver­schwinden wollte. Man fand bei diesem die Kassette mit einem Teil des luftgestohlenen Gel­des. Die Firma leistete dem unschuldig ver­dächtigten Angestellten Abbitte, stellte ihn wie­der in Dienst ein, mußte ober daran glauben, daß mit der fortschreitenden Entwicklung der Fliegerei gleichzeitig das Zeitalter der Luft­piraten beginnt!

Das Geheimnis der Inspiration.

(g) Dom.

Wie arbeitet der schöpferische Musiker? Eine italienische Kunstzeitschrift beantwortet diese Frage mit der Aufzählung geschichtlich erwiesener Eigentümlichkeiten im Schaffen berühmter Mu­siker. Rossini zum Beispiel, derSchwan von Pesaro", schrieb seine melodienreichen Par­tituren , im Bett. (In der Literatur hat er darin einen Rivalen in dem amerikanischen Hu­moristen Mark Twain). Der italienische Kom­ponist S a r t i, der Dachwelt ist gerade noch der Dame dieses einst weltberühmten Musikers bekannt! arbeitete in einer fast völlig ver­dunkelten Kammer. Lediglich eine kleine Oel- lampe erhellte zur Rot den Raum, älnd nur nachts kam die Inspiration über ihn. C i m a - rosa dagegen mußte lauten Lärm und Spek­takel um sich haben; die schönsten Partiturstellen seiner OperDie heimliche Ehe" schrieb er an einem Bormittag, als seine Frau einen Wut- anfall hatte, einige Geschirrstücke zertrümmerte und die beiden Dienstmädchen vor die Tür setzte. Eigentlich muhte das für den Komponisten der heimlichen Ehe" eineunheimliche" gewesen sein. Aber er teilte seine Borliebe für geräuschvolle älmgebung mit seinem Landsmann Salieri, der, wenn er komponieren wollte, durch die be­lebtesten Straßen Wiens lief und einmal, als er im dichtesten Gewühl einen musikalischen Ein­fall zu Papier brachte, ums Haar von einer Hofkutsche überfahren worden wäre. Cheru - bini, der Schöpfer desWasserträgers", war ein leidenschaftlicher Billardspieler; er kompo­nierte die Fragmente seines berühmten Re­quiems zwischen einer Reihe schwieriger Karam­bolagen. Mozart dagegen hielt es mehr mit

dem Kegeln; sein ^8-Dur-Trio für Piano, Klari­nette und Alt schrieb er während einer Kegel­partie. S a c ch i n i wiederum, dessen Werke leider verschollen sind, konnte komponieren, wenn ein Dutzend Katzen um ihn herum spielte. Unb das seltsamsteMilieu" für die künstlerische Inspi­ration mußte Sullivan, der Komponist des Mikado" aufsuchen: er tondichtete ausschließ­lich im fahrenden Eisenbahnzug! Fehlt also heute nur noch der Musiker, dem die Inspiration nur im Flugzeug oder im Zeppelin-Luftschiff kommt! _______________________

Oberhessen.

Landkreis Gießen.

g. Klein-Linden, 26. Aug. Die hie­sige Ortsgruppe der Bolksnationalen Reichsvereinigung hielt dieser Tage eine Mitgliederversammlung ab, in der Lehrer K r a u s ch , Gießen, über die neue Deut­sche Staatspartei sprach. Don dem Redner, wie auch von den Mitgliedern wurde die Gründung der Staatspartei als eine Dotwendigkeit zur Erlangung der volksnationalen Ziele angesehen.

.// Großen-Buseck, 26. Aug. Am Sonntag unternahm der B H C., ZweigvereinBu­se ck e r t a I", bei großer Beteiligung eine Wande­rung nach Lich. Dort wurde die Brauerei Jhring- Melchior in allen Teilen besichtigt. BHC.-Br. Mendelsohn stellte sich seitens der Brauerei als Führer zur Verfügung. Dem Rundgang schloß sich ein gemütliches Beisammensein an. Nach einem Gang durch Lich und nach Besichtigung der sehens­werten Stiftskirche wurde der Heimweg teils zu Fuß, teils mit der Bahn zurückgelegt.

Bg. Großen-Bufeck, 26. Aug. Einern hie­sigen Landwirt wurde in kurzer Entfernung von Dem Dorfe das Pferd scheu. Dabei stürzte der Besitzer allem Anscheine nach vom Wagen. Als das Fuhrwerk führerlos auf der Hofreite an- kam, wurden sofort Nachforschungen anoestellt. Man sand den Verunglückten bewußtlos auf. Er mußte nach der Klinik verbracht werden. Vermutlich liegen innere Verletzungen vor. Seit einigen Wochen hat sich die Bautätigkeit in unserer Gemeinde gehoben. In verhältnismäßig kurzer Zeit wurden drei Neubauten errichtet. Ein vierter ist im Ent­stehen begriffen.

* Leihgestern, 26. Aug. Am Samstag fand die diesjährige Iahreshauptversamm- lung des TurnvereinsFrisch auf" statt. Der erste Borsihende Wilh. Will gab im Anschluß an seine Begrüßungsworte, insbeson­dere an den zweiten Gauvorsitzenden Größ­mann, einen kurzen Geschäftsbericht. Dann er­stattete er den Turnbericht und betonte, daß das vergangene Iahr reichliche Lorbeeren erbracht hat. Er dankte allen Turnern, die den Turn­verein bei den verschiedenen turnerischen Ber- anstaltungen innerhalb des Turngaues, sowie im Derband vertreten haben. Es wurden im ver­gangenen Turnjahre insgesamt 62 Preise er­rungen, darunter zwei Meisterschaften, elf erste Preise, sowie 26 Preise in den zehn ersten Wertungen. Im Anschluß an den Turnbericht gab der Kassierer den Kassenbericht. Daraus war zu ersehen, daß trotz großer Ausgaben ein ansehnlicher Kassenbestand zu verzeichnen ist. Der Vorstand wurde außer Kassierer und Schriftführer, die ihre Aemter niederlegten für das neue Geschäftsjahr wieder verpflichtet.

ch L i ch, 26. Aug. Die Schützengesell schäft L i ch veranstaltete an den drei letzten Sonntagen auf ihren neuen Schießständen ihr diesjähriges Haupt- p r e i s f ch i e ß e n. Die Beteiligung, namentlich auch der benachbarten Vereine, war außerordentlich stark. Schützenkönig (Königscheibe 100 m aufgelegt, 40 Ringe, ein Schuß) wurde Friedrich Adam mit 40 Ringen, erster Ritter Wilhelm K r a u s mit 38 Ringen, zweiter Ritter Ludwig Böhm mit 35 Rin­gen. Auf der Festscheibe (100 m) blieben 1. Sieger Nickel (Nidda) mit 39 Ringen. 2. Sa u e r (Gießen) mit 39 Ringen, 3. Hans Krämer (Gießen) mit

37 Ringen, 4. Wilhelm Hahn (Lich) mit 37 Ringen, 5. Willi Georg (Gießen) mit 36 Ringen. Auf der Meisterscheibe (175 m) errang Wilhelm Hahn (Lich) den 1. Preis mit 51 Ringen, Sauer (Gießen) den 2. Preis mit 46 Ringen. Auf der Meisterscheibe (100 m) erzielte den 1. Preis mit 35 Ringen Sauer (Gießen), 2. mit 33 Ringen Textor (Lich), 3. mit 33 Ringen Jhring (Lich), 4. mit 33 Ringen R. Riebel (Nidda), 5. mit 33 Ringen Hahn (Lich). Den Wanderpokal errang als bester Schütze der Schiützengesellschaft Lich Adam Friedrich (Lich). Im Kleinkaliberschießen (50 m freihändig) waren die besten Schützen Willi Hahn (Lich) mit dem 1. Preis (33 Ringe), Spanier (Nidda) mit dem 2.Preis (31 Ringe), Schilling (Gießen) mit dem 3. Preis (30 Ringe) und Adam Friedrich (Lich) mit dem 4. Preis (30 Ringe).

* Nieder-Bessingen, 26. Aug. Am Sonn­tagnachmittag ereignete sich hier in der Straßen­kreuzung ein Zusammen st zwischen einem Radfahrer und einem Automobil. Als der Radfahrer über die Straßenkreuzung nach Nonnen- roth zu fahren wollte, wurde er von dem Auto, das einer Butzbacher Firma gehört, erfaßt und zur Seite geschleudert. Man brachte den bedauernswerten Mann in ein benachbartes Haus, wo ihm kurze Zeit später von Dr. Schaad (Lich) erst^ ärztliche Hilfe geleistet wurde. Zum Glück waren feine Verletzungen leichterer Art, so daß er gegen Abend feine Fahrt fortsetzen konnte.

Kreis Büdingen.

nd. Nidda, 26. Aug. Die Zahl der diesjährigen Konfirmanden ist die nieorigfte, die feit einem Menschenalter hier zu verzeichnen war. Sie beträgt im ganzen Kirchspiel nur 30 Kinder, und zwar 17 Knaben und 13 Mädchen. Hiervon wohnen in Nidda 16, in Unter-Schmitten 5, in Michelnau 6 und in Kohden 3 Kinder. Bad Salzhausen stellt diesmal gar keine Konfirmanden.

Dudenrod, 26. Aug. Hier starb der im Ruhestand lebende Lehrer Otto Heck im 81. Lebensjahre. Bon 1872 bis zu seiner Ruhe­standsversetzung im Iahre 1919 war er un­unterbrochen in unserer kleinen Gemeinde segensreich tätig. Als bedeutender Bienenzüch­ter war er weit über die Grenzen Hessens be­kannt. Er war Mitbegründer des Hessischen Dienenzüchterverbands und rief verschiedene Zweigvereinc im Kreise Büdingen ins fiebern. Bis ins hohe Alter hinein war er noch auf dem Ge­biete der Bienenzucht tätig.

Kreis Schotten.

c Schotten, 26.Aug. Der Alice-Frauen- verein, Zweigverein Schotten (Leitung Frau Direktor Hertsch) hat einen Kindergarten eingerichtet, der sehr gut besucht wird und segens­reich wirkt. Am Sonntag hielt der Kindergarten, der von Frl. Schmidt ausgezeichnet geleitet wird, sein diesjähriges Sommerfest in dem mitten in der Stadt gelegenen Schloßgarten ab. Eine große Zuschauer- menge hatte sich eingefunden und verfolgte mit großem Interesse die schönen Spiele und Vorfüh­rungen der Kinder. DieStraßeSchotten Rainrod wird zur Zeit gewalzt und bis zum Spießwald neu hergestellt. In den städtischen Höllwiesen wird zur Zeit eine größere Drai­nage angelegt, ebenso wird im Quellengebiet der städtischen Wasserleitung eine Q u e 11 s ch ü r f u n g und Neufassung vorgenommen. Bei den Arbeiten finden die ausgesteuerten Erwerbslosen Verwendung.

ORudingshain,26. Aug. Ein hiesiger Land- wirt fand am verflossenen Sonntag einen Kinder- I u f t b a 11 o n , der am gleichen Tage bei einem Feste in Grivegnee (Belgien) abgelassen worden war, so daß er nur wenige Stunden brauchte, um die Strecke von etwa 300 Kilometer zurückzulegen.

* Eiche 1 sdorf, 26. Aug. Eine größere Grummetgrasoersteigerung erbrachte nur geringe Preise, die etwa 50 v. H. unter den vorjährigen lagen. Für den Morgen wurden durchschnittlich nur 7 Mark erzielt. Preisdrückend wirkten der gute Ausfall der Heuernte und der zur

Wirble insLeben!

Vornan von Anna Fink.

Llrheber-Rechtsfchutz durch Derlag Oskar Meister, Werdau, 6.-QL

30 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Sie fühlte sich urrsagbar elend und verlassen.

Die Türe tat sich auf, und die Aufseherin kam mit einem alten Herrn herein, der ein frisches Gesicht hatte. Seine Augen hinter ein paar scharfen Gläsern sahen trotz aller Schärfe gütig aus.

Er sprach mit jeder der Frauen ein gutes Wort, hörte väterlich ihre Bitten an und ver­sprach und redete zu, so viel er konnte.

Zuletzt kam er zu Barbara.Wie lange muh ich noch hier sein?" fragte sie so verzagt, daß er sie mitleidig ansah.

Sie müssen nicht so traurig sein, Signora Barbara. Sie werden noch ganz krank davon. Wir haben nach Ihrer Heimat wegen Auskunft geschrieben. Die Behörden arbeiten langsam. So­bald wir Rachricht haben, dürfen wir Sie fort­bringen."

Wohin?" Barbara sah ganz entsetzt und ver­ängstigt aus.

Run, in Ihre Heimat natürlich, nach Deutsch­land. Ist das denn so schlimm?"

Rein", antwortete sie niedergeschlagen und es klang eher wieja".

Hören Sie, Signora", nahm der Direktor wie- »vslben Sie keinen Menschen hier

rn Italien, der Sie kennt und sich für Sie ver­bürgen könnte? Dann ließe sich vielleicht etwas machen."

Barbara dachte nach.

Plötzlich fiel ihr etwas ein.Mein Schwager Hans Much, der Bruder meines Mannes, lebt in Rom, soviel ich weiß, er ist Künstler."

So schreiben Sie doch an ihn und bitten Sie ihn, daß er einmal herkommt. Dielleicht läßt sich dann ein Ausweg finden", sagte der alte Herr aufmunternd.

Barbara war wie elektrisiert. Daß sie an diese Möglichkeit noch nicht gedacht hatte!

Auf Befehl des Direktors bekam sie Schreib­zeug und Briefpapier und durfte sich zum Brief­schreiben an den Tisch im Korridor sehen, wie das so üblich war.

Sie schrieb gan$ kurz an Hans Much. Sie sei nach Italien gereist, habe ihre Papiere verloren und man habe sie aus diesem Grunde hier fest­gesetzt. Sie bat ihn in dringenden Worten, sie doch aufzusuchen und alles daran zu sehen, sie zu befreien.

Don ihrer Flucht von Bernhard Much er­wähnte sie nichts vielleicht wußte er noch nichts davon.

Die beiden Brüder schrieben sich oft monate­lang nicht. Das lag an Hans, dem Iüngeren. Er zog es vor, dann lieber persönlich auf der Bildfläche zu erscheinen. Auch das war meist nur der Fall, wenn er größere Summen Geldes für eine Studienreise brauchte, die er auch immer er­hielt. Er nannte das:Das Angenehme mit dem Rützlichen verbinden." Im übrigen erzählte man sich, daß er in Rom innerhalb der Künstler­kolonie eine Rolle spielte und sogar zahlreiche Freunde und Gönner hatte, weil er ein begabter Mensch war.

Barbara hatte ihn einmal als Gast im Hause ihres Mannes kennengelernt. Damals war er acht Wochen bei ihnen gewesen. Sie hatten viel Sport zusammen getrieben und waren sehr vergnügt miteinander gewesen.

Die beiden Brüder schätzten sich sehr, aber die Zuneigung wuchs, je weiter sie voneinander ent­fernt waren, wie das manchmal zwischen nahen Verwandten der Fall ist.

Sind Sie fertig, Signora?" fragte die Auf­seherin freundlich.Die Zeit zum Schreiben ist um."

Barbara nickte. Sie hatte gerade den Brief beendet und gab ihn der Frau mit der dringen­den Bitte, ihn doch möglichst sofort zu befördern. Diese versprach es und brachte Barbara zurück in die Zelle.

Cs kamen jetzt schlimme Tage für Barbara.

Sie hoffte jeden Morgen auf ein Lebenszeichen von Much.

Sie wußte: Dor drei bis fünf Tagen war gar nicht daran zu denken, daß sie eine Antwort auf ihren Brief erwarten konnte.

Die Tage vergingen in der zennürbenden Regelmäßigkeit des Gefängnisbetriebes.

Es waren jetzt acht Tage verstrichen, ohne daß eine Antwort gekommen war.

Barbara wurde von Tag zu Tag blasser. Das nutzlose Warten rieb sie furchtbar auf.

Stundenlang konnte sie auf ihrem Bett sitzen, die Hände im Schoß gefaltet. In ihr war alles wie ausgebrannt. Sie weinte auch fast nie mehr. Aber das war beinahe noch schlimmer.

Einmal des Rachts träumte sie von Reginald.

Ich komme!" rief er von weither ihr zu und arbeitete sich durch Gestrüpp und Felsen zu ihr hin.

Sie wollte aufspringen und ihm entgegeneilen, aber sie war wie gelähmt am ganzen Körper.

Es geschieht dir ganz recht so, ganz recht", sagte er. Sie schrie auf und stieß nach ihm, doch der Stoß ging ins Leere.

Aber Signora, schreien Sie doch nicht so!" er­mahnte eine Stimme neben ihr.

Wir wollen doch alle noch schlafen."

Derzeihung, mir träumte schlecht", murmelte Barbara demütig.

Sie lag wach bis zum neuen Tag und starrte mit brennenden Augen ins Leere.

* * *

Ein junger Mann sah am Hafen von Reapel und malte eifrig. Die neugierigen Zuschauer, die ihm zuweilen interessiert über die Schulter sahen, schienen ihn nicht weiter zu stören. Er war so vertieft in seine Arbeit, daß er es gar nicht ge­wahr wurde, wie eine dunkle Wolke sich heran­schob.

Plötzlich prasselten große Tropfen herunter.

Run, der Himmel meint, ich habe genug ge­malt."

Lachend packte er seine Sachen zusammen und schlenderte gemütlich die Straße hinab.

Er fuhr mit der Drahtseilbahn auf den Berg, den man den Vomero nennt und von dem man die schönste Aussicht über die Stadt, den Golf bis nach Capri hinüber hat. Hier hatte er für ein paar Wochen Station gemacht.

Er beabsichtigte, in kleinen Reisen durch Italien zu ziehen, überall zu arbeiten, und dann wieder seinen teuren Bruder aufzusuchen, von dem er fast ein Iahr lang nichts gehört hatte.

Außerdem hatte er eine Studienreise nach dem Orient vor, und die sollte sein Bruder mit finan­zieren helfen.

Als er in seinem Zimmer anlangte, fand er einen Brief vor, der ihm von Rom aus überall durch ganz Sizilien nachgereist war. Erst war er nach Palermo gegangen, dann nach Catania und zum Schluß über Taormina und Messina nach Re apel.

Erstaunt betrachtete er ihn. Die Handschrift kam ihm vertraut vor, als habe er sie schon irgendwo einmal gesehen, aber er wußte nur nicht, wo und wie.

Gr öffnete ihn und las erstaunt die lleber- schrift:Lieber Hans!" Er drehte das Schreiben um und fand den Ramen darunter:Deine Schwägerin Barbara Much."

Hans Much machte kreisrunde Augen vor Er­staunen beim Lesen des Brieses.

Barbara im italienischen Gefängnis! Das arme Ding!

Wo in aller Welt war denn sein Bruder, der doch der nächste gewesen wäre, um Barbara zu beschützen?

Aufgeregt sprang er auf und fing cm, im Zim­mer auf und ab zu rennen. Großer Gott!

Barbara hatte wahrscheinlich mal wieder irgendeine ganz extravagante Dummheit gemacht.

Aber das war ja alles vollkommen gleichgültig. Die Hauptsache war: Wie half man Barbara aus dieser Klemme heraus?

Er zog sich sofort wieder an und fuhr auf das Konsulat.

Ich wünsche den Konsul zu sprechen.

Gewiß, gern. Man führte ihn in das Warte­zimmer. Der Herr Konsul sei gerade beschäftigt, der Herr möge sich doch noch, ein wenig gedulden.

Seufzend nahm er auf einem der schweren geschnitzten Stühle Platz und trommelte ungedul­dig mit den Fingern auf die Stuhllehne.

Er hatte ein sehr lebhaftes Temperament, und nichts fiel ihm schwerer als das Warten.

Er dachte an Barbara.

Damals, als fein Bruder sie heiratete, war er zur Hochzeit gekommen und hatte sie zum ersten Male gesehen.

Er war über die Wahl seines Bruders ge­radezu frappiert gewesen.

Einen so guten Geschmack hatte er ihm niemals zugetraut.

Er hatte später einmal ein paar Ferienwochen im Hause seines Bruders verbracht und dabei Gelegenheit gehabt, Barbara näher kennenzu­lernen. Er hatte sich sogar ein wenig in sie ver­liebt. Sie hatten sich in manchen Dingen ganz gut verstanden.

Eigentlich war es schon sehr lange her, daß er bei seinem Bruder gewesen war.

Er hatte es nie so ganz verstanden, daß die beiden, Bernhard und Barbara, auf die Dauer gut miteinander auskamen. Sie waren doch gar zu große Gegensätze.

Der Herr Konsul läßt bitten", sagte ein höf­licher junger Mann und riß dienstbeflissen die Türe nach des Konsuls Sprechzimmer auf.

Der Konsul begrüßte Hans Much mit großer Freundlichkeit.

Sein bester Freund in Rom, ein Großkaufmann, hatte sich von Hans Much porträtieren lassen und ihm außerdem viele Arbeiten abgekauft.

Derzeihung, daß ich Sie warten ließ, Herr Much. Wie geht es Ihnen? Ich habe viel An­erkennenswertes über Sie gehört und freue mich, daß Sie mich wieder einmal aufsuchen. Sie sehen gut aus."

Und er schüttelte ihm herzlich die Hand und klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter.

«Zu liebenswürdig, Herr Konsul. Ich hoffe, daß es Ihnen und Ihrer lieben Familie gut geht." Hans Much setzte zum Sprechen an und brach wieder ab. Cs war doch eine verflixte Geschichte mit der Barbara!

Er wußte, der Konsul war ein äußerst korrekter Herr.

Run, lieber Freund", ermunterte ihn dieser, »ich sehe es Ihnen an, daß Sie etwas auf dem Herzen haben. Wo fehlt's beim?

»Ich komme allerdings mit einer Bithe", begann HanS Much vorsichtig.

Aber nun re'oen Sie doch! Was in meinen Kräften steht, werde ich jederzeit tim, drängte der Konsul.

(Fortsetzung folgt.)