Ausgabe 
27.8.1930
 
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Nr. 199 Zweiter Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Tberhesfen)Mittwoch, 27. August 1950

Frankreichs Prosperität.

Don Otto (korbach.

Man hatte sich schon fast daran gewöhnt, die vereinigten Staaten für do» einzige Land au hatten, das den Weltkrieg wirklich gewonnen habe, indem e» auf Kosten de» verarmten (Europa für alle absehbare Leit seine wirtschaftlichen Kräfte frei entfalten könne. Die ganze übrige Welt ftarrte jahrelang wie hypnotisiert, neiberfiiüt, auf die ame- rikanilcheProsperity". Daß auch Frankreich gleichzeitig einen glanzenden wirlfchastlichen Auf- fchwung erlebte, wurde wenig bemerkt, noch weniger aufmerksam verfolgt, zumal die klugen leitenden französischen Staatsmänner durch bewegliche Klagen über die Hartgesottenheit de» amerikanischen @e» somtgläubigers die Blicke von dem besruchtenden Strom deutscher Neparatianen abzulenken muhten. Um so deutlicher, in die Augen springender, hebt sich heute der unerschütterte und ungestörte Wohlstand de» neuen Frankreich von der allgemeinen Welt­wirtschaftskrise ab, die gerade in der nprb- amerikanischen Union eine beispiellose Prosperität beispielloser Zerrüttung preisgob. Während alle anderen Länder, in der Alten wie in der Neuen Welt, mit unerhörtem massenhastem Arbeit»- losenelend zu kämpfen haben, faugt der fron- zosistde Arbeitsmarkt noch wie vor Arbeit»- k raste au» femden Ländern auf. Noch im Jahre 1929 sind nach offizieller Zählung 164 048 ausländische Arbeiter, alle mit behördlicher lkinwil- ttgung, nach Frankreich gezogen. Außerdem siedelten zahlreiche fremde Arbeiter ohne behördliche Erlaub­nis noch Frankreich über. Dabei blieb das Angebot auf dem französischen Arbeitsmarkte noch hinter der Nachfrage zurück. Durchschnittlich blieben im vorigen Jahre monatlich 19 2 2 8 offene Arbeits­stellen unbesetzt. Nachdem das Land während des großen Krieges saft alle Fremden abgestoßen hotte, gab es in Frankreich, von den Kolonien ab­gesehen, schon 1925 wieder 2 845 214 Ausländer. Seitdem schien genauere Angaben, aber die Ziffer stieg und ftelat unaufhaltsam. Nur ein r a s ch w a ch- sender Industrialismus konnte, trotz aller menschlichen Arbeitskräfte frei fetzenden Wirkungen moderner Maschinerie, einen solchen massenhaften Zuzug fremder Arbeitskräfte beschäftigen. Im Jahre 1920 hatte die französische Industrie erst wieder 62 d. S). ihrer Produktion während des letzten Jah­re» vor dem Kriege (1913) erreicht, aber 1924 war dieser Index bereits auf 109, 1928 auf 127, Ende 1929 auf 144 v.H. gestiegen, ohne seitdem einen Rückgang zu erfahren, von der allgemeinen Gesund­heit des sranzvsischen Wirtschastsorgonismus zeugt der Umstand, daß der Preisindex nunmehr 112 o.Z). de» Vorkriegsstandes beträgt, gegen 134 v. h. in Deutschland. Die Unterhaltskosten einer Arbeiter­familie betragen in Frankreich 113, in Deutschland 153 d. H. derjenigen der Vorkriegszeit.

Nur auf solcher soliden Grundlage konnte die Bank von Frankreich in den letzten Jahren mit (Er- Elfi eine Art Go 1 dkrieg gegen die angel- chs Ischen Mächte fieren. Ende 1926 wurde r Franken de facto stamlisiert. Seitdem hat sich der Goldbestand der Bank von Frankreich mehr als verdoppelt: in den letzten zwölf Monaten betrug die Zunahme allein neun Milliarden Franken, also rund 1,5 Milliarden Reichsmark. Zunächst kam der Zu­strom aus einer Reihe von Ländern, deren Wech­selkurs auf Paris eine folche Umlagerung begün- fügte, dann aber in immer größerem Umfange vor­zugsweise aus England. Der größte Teil des an den Londoner Markt gelangenden südafrikanischen neuen Goldes wanderte nach Paris ob. Außerdem verlor die Bank von England binnen weniger Monate 12 Millionen Psund Sterling. Neuerdings wurde dieser Zustrom wieder mehr von einem amerikani- schen abgelöst, der sich über die Bank für Inter­nationalen Zahlungsausgleich nach Paris ergoß.

Zum Teil erklärt sich der wirtschaftliche Auf­schwung Frankreich daraus, daß es sich erst infolge des großen Krieges in einen wirklichen m o - dernen kapitalistischen Staat verwan­delte. dem dann sowohl die deutschen Re­parationszahlungen wie die fortdauernde Möglichkeit landwirtschaftlicher Selbst-

Oie Spielregeln der Ehe.

Don Max Sidow.

ES scheint, alS gäbe cS für Witzeleien kein Thema. daS dankbarer wäre, als die Ehe. Alle Witzblätter oller Zeiten find davon erfüllt, un­zählige Anekdötchen werden über die Ehe erzählt und verständnisvoll bekichert, begrinst, belacht, mögen sie nun wirklich neu oder nach einer ruhm­reichen Geschichte, von Generation zu Generation vererbt, von Volk zu Volk kolportiert, in ein ehrwürdiges Alter eingegangen sein: bem gut­willigen Hörer sind sie immer neu und immer ergötzlich.

Der gutwillige Hörer ach, in den meisten Fällen ist er selber Ehemann, lacht über sich selbst und merkt eS nicht, erkennt sonderbarerweise nicht, daß all diese Scherze im letzten Grunde unwahr sind, eine von der Konvenienz aller Ehemänner sanktionierte Fälschung, bei der man den Humor zugunsten einer flachen Satire unterschlagen bat. Denn, beim Himmel!, diesen Witzen fehlt zumeist die Konsequenz der Durchführung, man hat ihren anekdotischen Charakter entstellt und ihnen den organischen Schluß genommen: sie find wie Hunde, die dem naturgewollten Zustande zum Trotz mit gestutzten Ohren -und verstümmelter Rute einher­laufen.

So geschah eS auch mit einer Anekdote auS napoleonischer Zeit, von der wir hier berichten wollen. Obren Anfang kennt man vielleicht als einen jener billigen Witze über die Ehe im all­gemeinen und die Kläglichkeit der Ehemänner im besonderen. Ihr wahrhaftiger Schluß jedoch ist unbekannt, und um seinetwillen verlohnt es sich schon, den Beginn zu wiederholen.

3n das Kaffeehaus einer südfranzösitchen Stadt trat eines Rachmittags ein Mann mittleren Al­ters. der sich mehrmals umsah, scheu, ein wenig gedrückt, fast ängstlich, bevor er sich an einem Tische im verborgensten Winkel des Raumcks niedcrhockte. Er bestellte sich etwas zu trinken, ließ aber den Schnaps, den ihm der Kellner brachte, lange Zeit unberührt, stützte den Kopf in die Hand und starrte regungslos vor sich hin. So sah er eine ganze Weile, bis endlich das Kartenspiel, das zwei ältere Männer am Reben- tische voll Eifer betrieben, seine Aufmerksamkeit zu fesseln und ihn von den Sorgen, die seine Stirn furchten, abzulenken begann. Er rückte näher, so daß er den beiden Spielern in die Karten sehen

Versorgung außerordentlich zustatten kamen. Schon die Kriegsoerhättniste brachten für die Fran- Zofen, von Hause aus ein Volk typischer Kleinbürger mil angeborener Abneigung gegen alle wirtschaftliche Mechanisierung, den Zwang mit sich, dem modernen, auf Massenproduktion eingestellten Industrialis­mus Konzcffionen zu machen. Die Arbeit für die nationale Verteidigung" in den Jahren 1914 bi» 1918 mußte mehr im Sinne der Massen- als der Qualitätsproduktian organisiert werden. Dann be­scherte Frankreich der Vertrag von Versailles da» Geschenk einer übermächtigen Metallurgie. Die RuckkehrLathringen s in die Grenzen Frank- reich» verdoppelte seine Produktionskapazität für Eisenerz (40 000 000 Tonnen statt 22 000 000, wie vorher): sie verdoppelte ebenso nahezu seine Er- Zeugungsfähigkeit für Roheifen (8,8 Mill. Tonnen statt 5 Mill.). Und da in den nördlichen Departe­ments da» Wirtschaftsleben fast ganz neu auf­gebaut werden mußte, wurde es notig, sich dafür das Verständnis für moderne Planwirtschaft anzu- c.flncn. Die Größe dcs Programms, die g c ro ei­ligen Mittel, die zur Verfügung standen, der Vorteil, von Grund auf Neues zu gestalten, alles das drängte beim Wiederaufbau in den zerstörten Ge­bieten in der Richtung mirtfamfter Standar­disierung im Sinne moderner Industrie.

Für den Export kam es dcm französischen In- duftrialismus zustatten, daß die Nachkriegszeit auch neue Möglichkeiten für die Anwendung traditio- netter französischer Wirtschaftstugenden bot. In den meisten Lander war eine Klasseneuer Reicher" entstanden, in deren Kreisen sich all- mählich, besonders in den Vereinigten Staaten, ge­radezu eine Sucht entwickelte, Dinge zu kaufen. Die sich andere nicht leisten können. Das waren die ge­gebenen Kunden für solche französische Produzenten, die ihren Individualismus auf dem Altäre moderner Massen- und Serienfabrikation nicht gänzlich opfern wollten. So kam es, daß z. B. in der '21 u fe­in b u ft r i e in keinem Lande so viele Spielarten eleganter Wagen auf den Markt gelangten als in Frankreich, die mit der Zeit auch auf fremden Märk­ten immer leichter Absatz sanden. Die Kundschaft derneuen Reichen" sorgte auch bafür, daß fran*

Abstiche Deine unb Liköre. Tafe 1 früchte. Gemüse, Blumen usw. ihren allen Rus be­haupten konnten unb einem Teil der Bevölkerung Frankreichs geftatteten, in den ausgetretenen Bahnen wirtschaftlicher Irabition zu verharren

Die französische Nachkriegs Prosperität bat ober auch ihre Kehrseite, unb bie besteht in ihrer Abhängigkeit von politischen Voraussetzungen, um beren ,.cid)erbeii" es nichts weniger als günstig bestellt ist. Je mehr ber Wohlftanb Frankreichs dem anderer europäischer Länder vorauseitt, desto mehr wachst der politischeKraftaufwand, durch den die französische Regierung den auf dem Versail­ler Frieden begründeten etatue quo zu sichern suchen muß. Damit hängt es zusammen, daß bas sranzosische Wirtschaftsleben von einem immer un­ersättlicher sich gebärdenden F i » k a 1 i s m u s über­wuchert wird. Tardieu stellte kürzlich mit besorgter Miene feft, daß die Anforderungen des Fiskus nachgerade ein viertel des nationalen Einkommens aufsaugen unb daß eine große Zahl von Einkommen dadurch halbiert würde. In dem Maße, wie im französischen Gemut die Sorge um bie Zukunft derSicherheitspolilik" wächst, schwinden alle Hemmungen gesunden Menschenver­standes gegen das Anwachsen eine» politischen unb militärischen Machtapparates, ber vor allem f ü r bie Sicherheit einer Wohlstanbsinsel am Ranbe eines oerelenbenben Erb­teils hasten soll. In basselbe Kapitel gehört b i e Go1dpo 1 itik ber Bank von Frankreich Sie zieht nicht Gold aus aller Welt an, um durch eine kredilschöpferische Wirksamkeit auch das Wirt­schaftsleben anderer Länder zu befruchten, sondern hauptsächlich deshalb, u m der französischen Sicherheitspolitik einen um s o ft Ör­ter c n Rückhalt z u geben, die feit ber Lon- boner Flottenkonferenz nicht sehr mit dem Wohl­wollen der angelsächsischen Mächte rechnen kann. So trägt die französische Nachkriegs-Prosperität doch letzten Endes den Eharakter politischen Spielge­winns, der bei einem neuen Wandel weltpoli­tischer Machtoerhältnisse ebenso schnell zerrinnen tann, wie er gewonnen wurde.

Der Sntourf eines neuen ReichslagswahlreW.

Don Ministerialrat Dr. Kaisenberg, weiter der Derfassungsabteilung im Reichsministerium des Innern.

DaS Reichskabinett hat in der letzten Woche den Entwurf eines ReichswahlgefetzeS verab­schiedet. Der Entwurf will die besonderen Mängel des geltenden Wahlrechts, die großen Wahlkreise unb die langen Listen und die dadurch hervorgerufene Entpersön­lichung unb Mechanisierung der Wahl beheben. Die parteipolitische Konzen­tration und der Gedanke der Verbundenheit deS Abgeordneten mit feinem Wahlkreise soll gefördert, der Wähler soll wiederum unmittelbar an die Reichswillensbildung herangebracht wer­den. Um diese Ziele zu erreichen, sieht der Ent­wurf eine wesentliche Verkleinerung der Wahl­kreise, die Beseitigung der Reichsliste und den Wegfall des amtlichen Stimmzettels vor. Einzel­persönlichkeiten soll der Weg zum Parlament wieder eröffnet werden.

Es ttxrbcn 16 2 Wahlkreise gebildet, die zu 31 Verbänden, diese zu 12 Ländergruppen zusammengesaßt find. Die Wahlkreise umfassen durchschnittlich 385 000 Einwohner oder 225 000 Stimmberechtigte. Die 31 Verbände entsprechen im wesentlichen den heute geltenden 35 großen Wahlkreisen. Der amtliche Einheits­stimmzettel wird abgeschafft. Die Stimmzettel müssen wiederum von den Parteien oder den Wahlkomitees besorgt werden. Sie müssen den Ramen des Bewerbers enthalten, dem der Wühler seine Stimme geben will. Sie können auch zwei oder drei Bewerber aufführen. Den Ramen der Bewerber kann ihre Partei hinzugefügt werden. In einem Wahlkreis dürfen unter derselben Parteibezeichnung nicht verschiedene Stimm-

zettel bestehen. Die Verrechnung für die Feststellung des Wahlergebnisses ist einfach. Zunächst wird ermittelt die Zahl der auf bie Parteien ent­fallenden Sih«. Bei Ginzelbewerbern ist lediglich das Erreichen der Derteilungszahl festzustellen. Die Zahl der Sitze für eine Par­tei ergibt sich dadurch, daß die Gesamt­zahl der im Verband für eine Partei oder Bewerbergruppe abgegebenen Stimmen die Der­teilungszahl (70 000) geteilt wird. Die Partei- sihe werden auf die Bewerber nach dem d'Hondtschen Höchstzahlenversahren verteilt. Auf diese Weise wird erreicht, daß innerhalb eine- Verbandes die einzelnen Stimmzettel einer De- Werbergruppe oder Partei nach Maßgabe ihres Wcchlerfolges in den verschiedenen Wahlkreisen berücksichtigt werden. Praktisch bedeutet dies, daß die auf einen Stimmzettel entfallenen Stimmen zunächst dem Bewerber zufallen, der an erste r Stelle im Stimmzettel auf geführt ist. Der zweite und dann der Dritte Bewerber werden erst berücksichtigt, wenn dieser Stimmzettel nach den ausgesonderten Teilzahlen wieder zum Zuge kommt.

Den Grundsätzen der Verhältniswahl würde ausreichend Genüge geleistet sein, wenn die Stim­men im Verbände zusammengerechnet und die den Parteien zukommenden Sitze unter Derücksich- tigung der im Verbände für die Partei abgege­benen Stimmen ermittelt werden würden. Hier­bei würden indessen doch noch große Restftimmen unberücksichtigt bleiben. Die Wahlreform sieht daher noch einen Ausgleich innerhalb der Parteien vor. Dieser Ausgleich soll

konnte, und beobachtete nun mit wachsender Teil­nahme Stich um Stich und Spiel um Spiel. Einige Male noch sah er furchtsam nach dec EingangStür, bald jedoch verloren sich auch diese ängstlichen Regungen. WaS sich im Lokal zutrug. Kommen und Gehen, lebhaftes Gespräch und Be­wegung, wurde ihm gleichgültig: allein das Spiel interessierte ihn und zwar so sehr, daß eS schien. alS wollte er nur zu gern daran teilnehmen.

Indessen, die beiden Spieler hatten seiner wenig Acht. Sie schauten wohl dann und wann einmal auf und zu ihrem Rachbarn hin, aber nur, um sich dann um so lebhafter wieder den Karten zuzuwenden.

So verging die Zeit. Das Lokal leerte sich und füllte sich wieder. ES wurde Abend und wurde Rächt. Die Kellner liefen hin und her, Gläser flirrten, das Summen der Gespräche schwoll auf und ab, der Aabaksgualm stieg em­por, vernebelte in dicken Schwaden den Raum und zog durch Tür und geöffnete Fenster m bie sommerliche Schwüle der Straße.

Roch immer saßen die beiden Spieler hinter ihren Karten, noch immer hockte der einsame Zuschauer in seiner Ecke und sah ihnen zu. Er hatte seinen Kognak längst ausgetrunken, nun stand eine Weinkaraffe vor ihm und ein GlaS, aus dem er von Zeit zu Zeit den dunklen Bor­deaux schlürfte, aber wohl ohne fonderlichen Ge­nuß: denn er trank achtlos, seine Stirn halte sich noch nicht geglättet, obwohl ihn seine Sorgen nicht mehr zu quälen schienen.

Um Mitternacht verringerte sich die Zahl der Gäste. Mählich wurde es stiller, die Kellner räumten das Geschirr von den leeren Tischen, standen gähnend herum oder räkelten sich hinter der Theke. Die Stunden rannen träge vorbei, bald gingen auch die letzten Gäste nach Haus, und nur die Spieler blieben unverdrossen bei ihren Kar­ten. und jener Einsame sah gekrümmt auf seinem Stuhl und verfolgte aufmerksam jede ihrer Be^ wegungen.

Endlich es mochte bereits vier Uhr morgens sein hieb einer der Spieler die Faust auf den Tisch, daß die Gläser flirrend tanzten, warf die Karten hin und stieß wilde Flüche aus. Der Stich, den der andere eben getan, sei gegen die Regeln, schimpfte er, und ob er selbst dabei gewänne oder verliere, so wünsche er doch, daß der Ord­nung gemäß gespielt werde und nicht nach Laune. Sein Gegner verteidigte sich und rief, er ferme die Regeln genau und habe auch richtig gespielt,

jener dagegen verstünde nichts von den Karten. So wetterten beide gegeneinander, schrien und stritten, bis schließlich der erste sich xum Reben­tische wandte: .Hier", sagte er, .unser Rachbar hat alles mitangcsehen, er wird dir sagen können, wer richtig gespielt hat. Richt wahr, Herr, Sie haben die Güte, zwischen uns zu richten? Bitte, entscheiden Sie, wer von un- beiden im Recht ist!"

Der Angeredete erhob sich erschrocken und stotterte verlegen: ,3a natürlich sehr gern, aber wenn ich nur Ihr Spiel kennen würde! Ich selbst habe es noch nie gespielt und ver­stehe von seinen Regeln nicht das mindeste!"

.Was?"', schrie jener und wurde blaß vor Zorn. .Sie verstehen nichts davon? Aber bei allen Teufeln, warum sitzen Sie bann hier zwölf Stunden lang wie festgewachfen unb gucken uns in bie Karten T*

.Ach verzeihen Sie! ich bin verhei­ratet."

Dem Spieler verflog die Wut vor diesem jämmerlich-trotzigen Gestammel. Und als er nun den kläglichen Ehemann, diesen ängstlichen Em­pörten, dem mehr um feine gefährdete Zuflucht als vor dem Gelächter der andern bangte, so vor sich sah. schlug er ihm lachend und tröstend auf die Schulter.

.Ra ja, schrie er, während ihn daS Lachen noch immer beutelte: .Die Langeweile hier ist Ihnen also lieber als die Kurzweil zu Haus. Beim Eatan, das faim man verstehen!"

Aber der zweite Spieler, der bisher kaum gelächelt hatte, sagte nun mit bösem Ernst zu dem Unglücklichen: .Mein Lieber, mir scheint. Sie verstehen noch weniger von der Ehe als vom Kartenspiel. Beides ist eine Kunst, die ge­lernt fern will. Während aber bei unferm Spiel der Zufall bie Karten mischt, entscheiden in der Ehe ganz allein der Wille und das Können."

Der Jämmerliche nickte trübe. Doch da geriet der zweite Spieler mm seinerseits in Wut unb schrie ihn an: .Was wollen Sie noch hier? Geh'n Sie nach Haus! Bezahlen Eie bort das Spiel, das Sie verloren haben, ehrlich, wie eS sich gehört. Und toerm Eie ein Mann von Ehre sind, so fordern Eie Revanche! Aber ich rate Ihnen. lernen Eie zuvor die Spielregeln der Ehe. sonst verlieren Sie Kopf und Kragen da­bei!"

Einen Augenblick lang stand ber Ehemann, von Verblüffung betäubt, vor dem Aufgebrach-

m größeren Ausgleichsverbänden geschallen wer­ben, Diese Ausgleiche verbände schließen sich zweck­mäßig an die Landes- oder provinzielle t?liebe» rung an unb werden daher . Ländergruppen* genannt.

Im Zusammenhang mit der erstrebten Verein­fachung der öffentlichen Verwaltung wirb eine allgemeine Termin be rang ber Parla­mentsmitglieder gefordert Die Regierung schlägt daher vor. die Derteilungszahl von 60 00b auf iDOOO zu erhöhen. Die dadurch eintretende Verkleinerung der Mitglieberzahl des Reichs­tags wirb bei gleicher Wahlbeteiligung wie bis­her einen Ausgleich durch den auf der Dcvöl- kerungszu nähme beruhenden Zuwachs an Wahl­berechtigten finden. Rach der Regelung des Ent­wurfs bedarf c# nicht mehr der Einreichung von Wahlvorschlägen. DaS gaiue Wahlver­sa h re n ist wesentlich vereinfacht Die poli- tischen Organiiat.onen erhallen ein größeres Maß von Selbständigkeit. öuyelbetocrber sind zuge- laften und haben auch praktisch Aussicht, sich burchzusetzen. Diese Aenderunoen gegenüber dem geltenden Verfahren machen den amtlichen Ein- hellsfiimmzettel entbehrlich, dessen xiweckmäßig- keit schon beim gegenwärt gen Zustand in Zweifel gezogen werden muß.

Mit der Regelung, die der Gesetzentwurf vor­sieht, wäre der Sinerwahl. loireit dies Im Rahmen der Verhältniswahl überhaupt erreich­bar ist, möglichst nahe gekommen. Der Kamps wird nicht mehr am den Platz auf der Liste gehen, weil es lange Listen nicht mehr gibt, sondern um die Zuteilung gün­stiger Wahlkreise Damit unterließt er in verstärktem Maße der Kontrolle ber Wähler­schaft sowie bem Wettbewerb zwischen den Par­teien in der Auswahl hervorragender Bewerber für bie einzelnen Wahlkreise. Die politische G e s a m t pe r s ö n l i ch ke i t beS Bewer­bers tritt mehr als bisher in ben Vordergrund.

Don Wahlreformem muß man immer wieder hören, die Wahlreform müffe den Einerwahl- kreiS erstreben. Indessen haben alle Versuche, die Einerwahl mit ber Verhältniswahl zu verbinben, so interessant diese Vorschläge an sich sind, zu brauchbaren Ergebnissen nicht ge­führt. So hat ber StaatSrechtslehrer Walter JeIlinek die Mängel deS geltenden Wahl­systems durch eine Proportionalisierung des alten Reichstagswahlrechts zu beseitigen versucht. Sein Dorschlag will eine Verbi nbung Herstellen zwischen der Sinerwahl nach dem alten Prinzip der Mehrheitswahl und dem neuen Prinzip ber Verhältniswahl.

Auch anberc Wahlreformvorschläge sind ge­macht worden. Sie sind alle auf ihre praktische DerwertungSmöglichkeit und ihre Auswirkung ge­prüft worden mit dem Ergebnis, daß die Stner- wahl im Rahmen der Verhältniswahl nicht verwirklicht werden kann. Die »kleine Liste", wie fie die Wahlreform zuläßt, er­möglicht einen gewissen Interessenausgleich durch Berücksichtigung von Vertreterin verschiedener Richtungen innerhalb einer politischen Organi­sation. Auch wird so den Schwierigkeiten begeg­net, bie ber Ausstellung einer Frau alS Allein­bewerberin im Wahlkreis entgegenstehen.

Die Wahlreform kann also nur daS Ziel haben, ber Sinerwahl möglichst nahe zu kommen. Gleich- r?itig muh die Konsolidierung der po- ittschen Parteien angestrebt werden, um klare Mehrheitsverhältnisse im Parlament zu schaffen und so bie Regierungsbildung zu er­leichtern. Aufgabe deS Parlaments im Staate mit parlamentarischer Verfassung ist es, dem Staate die Führung zu geben. Diese Ausgabe kann das Parlament nur erfüllen, wenn die Parteizersplitterung nicht überhond nimmt. Die Geschichte aller Wahlreformen lehrt, wie schwierig es ist, eine Wahlvefvrm durchzusehen. Eine solche hat nur Aussicht, wenn Verfass ungSä nde ru n ae n vermieden werden. Der Vorschlag der ReichSregierung be­dingt feine Verfassungsänderung^ Er weist den Weg, wie die vom deutschen Volke geforderte Reform verwirklicht werden kann.

ten. Dann raffte er sich zusammen, warf dem grinsenden Kellner ein Geldstück zu und lief hin aus.

Die beiden Spieler kehrten zu ihren Karten zurück. Ihren Streit hatten sie gänzlich ver­gessen.

Aber sie sollten nicht lange ben neuen Frie­den ihres Spiels genießen. Don der Straße her scholl Lärm. Eine kifenbne Weiberstimme schrillte. Plötzlich flog die Tür auf, eine junge, hübsche Frau wurde hereingestvßen, unordent­lich angezogen, in Rock, Rachtjacke und Haube. Hinter ihr erschien, toterregten Gesichts, der Ehemann, zerrte sie, die vor Scham verstummte, bis an den Tisch der erschrocken aufspringenden Spieler und brüllte: .Hier ist sie! Sehen Sie sich diese Bestie nur genau an unb sagen Sie selbst, ob daS ein ehrlicher Partner für ein Spiel nach ihren kunstvollen Regeln ist!"

Er hatte die Frau dabei loSgelassen. Run hielt er inne, wischte sich den Schweiß von der Stirn, stand erschöpft da unb sah sich um, auf einmal ganz verändert, ratlos, alS habe et feiner Tapferkeit zuviel vertraut und wüßte mm nicht mehr weiter.

Doch ba fuhr das Weib auf ihn los, schüttete einen Mund voll Spülicht über ihn auS, lieh ihre Fäuste auf ihn niedersausen, schlug dann aber plötzlich die Hände vorS Gesicht und lief laut aufschluchzend davon. Ganz verstört stol­perte ber Mann ihr nach.

Die Spieler blickten sich kopfschüttelnd an. Dann nahmen sie ihre Karten zusammen, zahlten und gingen.

-Der Wann ist zu bedauern", sagte der eine. .Ihm ist nicht zu helfen", meinte der zweite unb zuckte die Achseln: .Dieser Dummkopf lernt bie Kunst ber Ehe nie!

Das nächtliche Abenteuer war bald in der Stadt bekannt. Man lachte über den kläglichen Ehemann und erkundigte sich begierig bei den Rachbam nach neuen Schlachten zwischen den beiden Eheleuten. Aber seltsamerweise erfuhr man hiervon nichts. Es hieß vielmehr, daß o Wunder! bie feindlichen Gatten nurunefjc still unb friedlich unb voller Liebe zusammen­lebten. als ob sie die Regeln deS gefährlichen Spiels doch endlich gelernt hätten. Ob nun die Scham sie bekehrt unb belehrt ober die plötzlich erwachte CZkmunft, das hat bie enttäuschte Scha­dens veube nie erfahren können.