Oie Sünde
der Senate Mercandin.
Vornan von Fred Nelius.
5. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Ditte, setzen Sie sich. Einen Augenblick Geduld.'
Griebenow nahm Platz. Vor ihm, auf dem Prunkstuhl mit den Löwenköpfen, sah Herr Neu- gereuth. Die hohe Stirn gesenkt, den Mund gefurcht, mit der Rechten schreibend. Wenig später schob er den Schreibblock weg, steifte seinen Rak- ken und umfaßte Griebenow mit einem Blick.
„Also, bitte ..." sagte Reugereuth.
Danach berichtete Griebenow. Er sucht Stellung. Habe nach dem Kriege Medizin studiert. Sei Arzt. Käme aus dem Ausland. Er sei mittellos und ohne Stellung.
Reugereuth lag tief zurückgelehnt in seinem Sessel. Die Arme überkreuzt. Das Monokel blitzte. Er fixierte Griebenow.
„Rach dem Kriege haben Sie studiert. Sie sind etwa vierzig Iahre alt. Vor dem Kriege also?"
„Ich war Offizier."
„Ah . . Wo?"
„In Glriwitz."
„Allem ...?"
„2a, Herr Reugereuth."
„Darum — Ich kenne Sie bereits dem Namen nach, Herr Doktor Griebenow. Durch — — — na, erraten Sie es Wohl? Durch meinen Sohn."
Ein Blitz durchzuckte Griebenow. Heiliger Marcuse! dachte er. Also, das ist Reugereuth, der Geheimrat Reugcreuth! Der Vater meines lieben Bobby! Welch ein Dusel war das! Griebenow nahm unwillkürlich Haltung. Er verbeugte sich. „Ich hatte keine Ahnung davon, als ich herkam, Herr Geheimrat."
„Der Zufall führt oft sonderbare Wege, lieber Doktor Griebenow. Sie sind mit meinem Sohn zusaminen eingetreten und Offizier geworden?"
„Ia. Wir waren Freunde. Von der Fähnrichstube ab bis zu seinem Tode vor Iwangorod."
„Sie werden recht bald meiner Frau und mir von diesen Zeiten erzählen, wenn Sie uns besuchen wollen. Lind nun Ihr Gesuch um eine Stellung. Hm .... schwer erfüllbar. Woll'n mal hören, was Sie leisten. Sind Sie Stenograph?"
„Ia. Zur Rot."
„Wie ist es mit der Schreibmaschine?" „Perfekt."
„Sie "waren jahrelang im Ausland, wie Sie sagen. -Wo?"
„Aegypten — Kairo. Später Rizza."
„Sprachen?-
„Englisch und Französisch."
„Gut. Das ist schon was. Sehen Sie, mein lieber Doktor Griebenow ... eigentlich war ein Iurist gemeint, als wir an die Reubesehung eines Postens dachten. Immerhin ... manches ist an Ihnen, das empfehlen könnte. Stenograph, Maschinenschreiben, Sprachen. Das andere — was Sie mir persönlich nahebringen könnte, scheidet hierbei selbstverständlich aus. Ich überlege, wie ich Sie verwenden könnte--Etwa--
Korrespondenzen lesen, Briefdiktate, Kommissionen ... Sagen wir Vertrauensache. Wie?"
Griebenow verbeugte sich.
„Ich möchte es versuchen", sagte Reugereuth. Er machte eine Pause, währendder er mit dem Briefbeschwerer spielte. „Muh ich betonen, das; ein jedes, was Sie sehen und tun, hören und erfahren, selbstverständlich Dienstgeheimnis ist?"
„Rein."
„Bleibt noch das Gehalt. Zu Anfang müssen wir bescheiden sein. Sagen wir dreihundert — oder" — er verbesserte sich schnell — „dreihundertfünfzig Mark im Monat. Einverstanden?"
„Selbstverständlich, Herr Geheimrat."
„Sie werden Ihre Stellung hier wohl nur als Alebcrgang betrachten wollen, lieber Doktor Griebenow. Schließlich sind Sie Arzt. Ich weih wohl, wie unendlich schwer es ist, als junger Arzt die Krankenkassenpraxis zu gekommen. Alnd die gehört ja zu dem Aufbau Ihrer Existenz. Aber vielleicht kommt ein Zufall ... irgend eine Assistentenstelle. Hoffen wir! Sobald Sie irgendwelche Aussichten haben, sprechen wir uns aus. Alnd bis dahin wollen Sie mir Ihren Diensteid leisten?"
„Von Herzen gern, Herr Geheimrat."
Griebenow stand auf. Er ergriff die ausgestreckte Hand Reugereuths. Kräftig war sein Druck.
„Auf gute Kameradschaft und gedeihliche Zusammenarbeit. Alnd nun kommen Sie. Sie sollen schnell noch einen Blick in das Getriebe werfen, dessen Rädchen Sie nun werden."
Neugereuth war ausgestanden. Er öffnete die große Mitteltür und trat vor Griebenow in einen großen, langgestreckten Raum ... den Zeichensaal. Staffeleien standen dort, Zeichner arbeiteten mit Bleistift, Zirkeln, Farben oder Tuschen. Der Geheimrat grüßte und ging weiter in einen Raum, der aussah wie ein Saal in einer Kunstausstellung. An den Wänden hingen große farbige Kartone mit Zeichnungen von Kirchen, Villen, Rathausbauten und von Kaufpalästen. In der Mitte stand ein breiter Tisch. Auf ihm Modelle aus Kartonpapier und Gips.
Der Geheimrat öffnete die nächste Tür. In dem weiten Zimmer modellierten Männer in weißen Kitteln. An den Wänden, aus den Schränken und auf Etageren standen kleine Bau
ten aller Art, Gipsmodelle, Ornamente, Karyatiden, Reliefs und Friese.
Weiter! Reugereuth stieß eine Tür gegenüber auf. Schreibmaschinen klapperten, junge Mädchen lasen Stenogramme, spannten blaue Farbbänder. Iemand sprach ins Telephon. Ein Herr mit Spihbart und mit Brille diktierte einer Tippdame. Es war ein Chaos von Geräuschen und von Stimmen.
„Buchhalterei und Sekretariat", erklärte Reugereuth. „Run noch schnell zur Kasse und dann Schluß."
In dem Kassenraum mit eingebauten Safes und hohen Pulten faß der Prokurist mit seinem Stab.
Der Geheimrat nickte freundlich. „Guten Morgen, Herr Kannemann." Er stellte, als der alte Herr von feinem Bock herunterkroch, die beiden vor. „Mein neuer Sekretär, Herr Doktor Griebenow ... hier Herr Kannemann, der Prokurist des Hauses Kleusch & Reugereuth."
Beide reichten sich die Hand. Der Geheimrat ging zur Tür.
„Alnd nun kommen Sie, Herr Doktor Griebenow."
„So ..."
Beide standen wieder in dem Allerheiligsten von Reugereuth.
„Das wäre vorerst alles", sagte der Geheimrat. „Bleiben noch die Spitzen des Betriebes. Mein Sozius, Herr Kleusch, dann der Chef- sowie der Innenarchitekt. Ich stelle Sie den Herren bei Gelegenheit vor. Wann können Sie mit Ihrem Dienst beginnen, Herr Doktor Griebenow?"
„Sofort."
„Gut. Morgen früh. Wohnung?"
Griebenow hob lächelnd feine Schultern. „Ich bin erst heute früh aus München angekommen, Herr Geheimrat."
„Teufel", sagte der. „Das nenne ich Tempo. Also installieren Sie sich erst. Alnd dann ... morgen früh mit frischen Kräften an die Arbeit. Guten Tag."
Reugereuth hob feine Hand. Griebenow verneigte sich.
„Darf ich ganz gehorsam danken, Herr Geheimrat?"
„Rein. Tun Sie Ihre Pflicht. Das genügt.“ Er umfaßte Griebenow mit einem Blick. Sein Auge wurde warm.
„Ich habe in der letzten Stunde doch vielleicht an meinen toten Sohn und Ihren Freund gedacht, mein lieber Griebenow."
Ich habe Glück ... ich habe Glück ... fang eine Silberstimme in die Ohren Griebenows.
Alles fügte sich nach Wunsch.
Er war in einem Pensionat der Martin-Lut- her^Straße abgestiegen. Die Pension war groß und elegant. Rur die besten Kreise pflegten dort zu wohnen. Man fand hier keine armen Künstler
oder Künstlerinnen, keine Menschen, die nicht wohlgepflegt und wohlgefestigt ihre Lebensstraße zogen.
Es tat wohl, sich in die Wärme und Behaglichkeit des Zimmers einzukuscheln. Der Kachelofen glühte. Seidekissen lagen weich bereit. Es gab Bücher. Man konnte seine Träume märchenfern spazieren führen.
Am nächsten Morgen begann die Arbeit bei der Firma Kleusch & Reugereuth. Er gewann allmählich Einblick in das vielverzweigte Labyrinth eines moderen Alnternehmens. Manchmal, wenn er Briefe aufzusehen hatte — etwa an ein großes Marmorwerk in Südtirol, an irgend einen Maler, der den Freskenschmuck des Haupt- saals eines neuen Kinos übernehmen sollte, an einen Dresdner Architekten wegen des Museums- baus —, umspann ihn wie ein Wunder die Phantastik des Geschehens.
Irgendwo in weiter Ferne — Wachtraum eher als Erlebnis — lag ein Tag ia- Monte Caelo, ein Verzweiflungskampf im öämmerüfauen Park, das Erinnern an zwei harte, grüne Mannesaugen, die den Willen banden und die Glieder lähmten. Spuk, der sich wie die Rebel vor der Sonne teilte, wenn die klare, kühle Stimme Reugereuths sagte: „Schreiben Sie, Herr Doktor Griebenow."
Die Handbewegung, jede Geste dieses Mannes, die die Rot und Sorge aus dem Leben Griebenows fortgescheucht, hatten etwas Großes, Imponierendes.
Reugereuth kam aus dem Staatsdienste, war vor Iahren als Geheimer Oberbaurat abgebaut und assoziierte sich mit einem reichen Grundstückspekulanten — Kleusch, der durch den Bau von Villen und Berliner Mietskasernen reich geworden war. Er kaufte ganze Häuserreihen, riß sie nieder, baute Proletarierhäuser nach den Regeln neuzeitlicher Hygiene. Wenn die Fenster- höhlen noch im Rohbau klafften, war schon jeder Winkel, von dem Keller bis zum Dachgeschoß, vermietet. War der Neubau aber erst mit Trockenbewohnem überall beseht, so verkaufte er das Haus. Das Geschäft war vorher ganz auf diese Art Verkäufe eingestellt gewesen; von der Skizze an bis zu den Mietsverträgen.
Dann kam Neugereuth, durch ihn gelangte Großzügigkeit in die besonders kühne Atmrt dieses Großberliner Spekulantentums. Man erschloß Gebäude, baute ein Museum, ein Theater, Film- Paläste ... endlich eine Kirche---
Gleich am ersten Sonntag hatte Griebenow bei NeugereuthS Besuch gemacht. Man empfing ihn herzlich, Frau Geheimrat Neugereuth mit einem Ton von mütterlicher Wärme. Fäden liefen hin und her, die ihre Herzen banden. Auf der einen Seite knüpften sie sich an den Sohn, auf dev andern an den Freund, zwischen diesen beiden lag das Gleicherlebte. (Fortsetzung folgt.)
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