Oer ©freit um die Verwaltungsratssitze der Reichsbahn.
Oer ©taatsgerichtshof entscheidet zugunsten der Länder.
Das Reich hat sich vor dem Staatsgerichtshof in seinem Verfassungsstreit mit Vaden, Bayern, Sachsen und Württemberg eine ziemlich peinliche Riedcrlage geholt. Kampfobjekt war dicBenennungvonVerwaltungs- rats Mitgliedern der Deutschen Reichsbahn, und der Staatsgerichtshof hat gegen das Reich für die Länder entschieden. Damit ist diese unerquickliche Angelegenheit, die nun schon seit Jahr und Tag andauert und die 1928 zum Rücktritt des Reichsgerichtspräsidenten Simons führte — weil das Reich am Tage vor dem Spruch des Etaatsgerichtshofes in aller Plötzlichkeit die freigewordenen Stellen im Verwaltungsrat besetzte — hoffentlich endgültig erledigt. Er hat nicht gerade dazu beigetragen, die Hochachtung vor der Weisheit zu erhöhen, mit der gegenwärtig die Beziehungen zwischen Reich und Ländern geordnet sind. Der ganze juristische Zusammenhang ist so ungewöhnlich verwickelt, daß der normale Staatsbürger ihn kaum begreift.
Die Länder stützen sich darauf, dah ihnen in den Staatsverträgen, in denen sie dem Reich ihre Eisenbahnen abtreten, einen Sih im Verwaltungsrat zu gebilligt sei, das Reich redete sich darauf hinaus, das) diese Zusicherung nur für die ursprüngliche Reichsbahn gegolten habe, nicht aber für die spätere Reichsbahngesellschaft, die unter dem Dawesplan errichtet werden muhte. Die Zahl der Verwaltungsratsmitglieder sei damals von 30 auf 18 ermäßigt, von den 18 habe die Hälfte der Treuhänder zu besehen gehabt, so
daß das Reich von den wenigen Sitzen, die ihm zur Verfügung standen, keine entbehren könne. Inzwischen ist ja durch den Voungplan der Treuhänder außer Kraft gesetzt, das Reich hat alle 18 Stellen zu besehen. Vier allerdings gebühren den Vorzugsaktionären, einen hat sich Preußen vor dem Staatsgerichtshof bereits erstritten. Die anderen 13 wollte das Reich sich Vorbehalten: mit dem Ergebnis, daß es davon jeht vier weitere an die Länder verliert.
Der Ausgang hätte sich bei klügerer Taktik sicherlich vermeiden lassen. Es war nicht notwendig, eine Entscheiduna des Staatsgerichtshofes zu erzwingen. Das Reich hätte von sich aus viel klüger daran gehandelt, wenn es sich mit den Ländern verstän- d i g t e, indem es ihnen ^twa ein Vorschlagsrecht einräumte, denn das politische Recht ist zweifellos auf Seiten des Reiches. Der Verwaltungsrat soll in erster Linie eine wirtschaftliche Angelegenheit sein. Er soll die Finanzpolitik der Reichsbahn beaufsichtigen. Sein Zweck aber wird verfälscht, wenn hier Beauftragte der Länder nack- rein regionalen Gesichtspunkten ihre Stimme abgeben. Während nichts dagegen einzu- wenden märe, wenn die vom Reich aus gewählten wirtschaftlick-en Vertreter auch die Interessen der verschiedenen Länder nebenbei mit berücksichtigen könnten, so ist nun jedoch erreicht, daß ein Fremdkörper im Derwaltungsrat der Reichsbahn bleibt; und das alles nur zum Schaden der Sache, weil ein schlecht beratener Bürokratismus den Streit um eine juristische Interpretation in einen staats- politischen Prestigekampf umzumünzen verstand.
Der Untergang der „Luise Leonhardt".
Eine furchtbare ©chiffstragödie in der Elbmündung. — Oas Opfer des Orkans und der Untiefen der Nordsee.
Hamburg, 25. Rov. (ERD.) Kleber den Untergang des Hamburger Dampfers „ßu t f e Leonhardt“, der, wie gemeldet, dem furchtbaren Orkan der Sonntagnacht In der Elb- mündung auf Groß-Vogelsand zum Opfer gefallen ist. erfährt das Hamburger Fremdenblatt in einer llnterrcbung mit einem Mitglied der Rettungsbesatzung, die dem Schiff auf seine SOS-Rufe zu Hilfe eilte, noch folgende Einzelheiten:
Als der Bergungsdampfer „Hermes" der Bugsier-Reederei und Bergungs-AD., Hamburg, der auf Station in der Rordsee lag, am Sonntagabend kurz nach 8 Llhr die drahtlosen Hilferufe des in höchster Seenot befindlichen Dampfers „Luise Leonhardt" hörte, lief das Schiff sofort aus. 'Die Schiffsleitung des Hamburger Dampfers, der durch den Bruch des Ru - Dergeschirrs ein Spiel der Wellen wurde und gegen die Llntiefe trieb, telegraphierte bald nach dem Loswerfen des Dergungs- dampfers, daß die Seen die gesamten Deck - auf bauten einschl. der Rettungsbooteweggerissen haben, und daß sich die Schiffsbesahung in äußerster Lebensgefahr befinde. Die Rotrufe wurden immer dringender. Die schweren Grund'een schlugen in regelmäßigen Intervallen gegen das sinkende
Hauch von Paris.
Don Albert H. Rausch.
X. Soiree de Paris: S^lect.
Wir verlassen das Varictö erst kurz vor dem Schluß der Vorstellung. Eine ganze Skala der verschiedensten Empfindungen haben wir durch- laufen. Reugierde. Spannung, Verblüffung, Wehmut (als eine Russin Steppenlieder auf russisch fang und sie dann mit sentimentalen amerikanischen Schmarren aus dem Gedächtnis fort- drängte) — — aber vor allem haben wir gelacht. Run stehen wir auf der Straße, die mit Menschen überfüllt ist, und überlegen, wie wir den Abend beschließen werden. Run werden wir das tun, was Sie wollen, sage ich zu Georges. Wirklich? lächelt er. Bestimmt. Also dann werden wir nur noch ins Cafe Sölect gehen und plaudern. Lind einen Whiskv trinken. Es ist köstlich, die paar Schritte durch die milde Luft zu Fuß zu gehen. Es ist so warm, dah man kaum den Mantel erträgt. Das Innere aller Kaffeehäuser ist leer. Aber die Menschen drängen sich auf den Terrassen. Kein Stuhl ist frei. Wäre die Luft in Paris besser, ja wäre das Klima überhaupt erträglicher, so könnte dieses Leben im Freien eine ungetrübte Freude sein. Es ist nur eine sehr geteilte Freude: denn was man einatmet, ist nur eine halbe Luft. Lind diese Aft doll Ruß und Schmutz — ganz ohne Kraft. Im Sammer oft so dick, so schwer, dah man nach Atem ringt. Hier liegt die einzige — aber auch sehr gewichtige — Schattenseite von Paris. Will man in den Hundstagen wirklich atmen, so muh man schon recht weit ins Land hinaussahren — oder ans Meer. Wer von den Parisern Geld genug hat, tut es auch. Die Wanderungen (von Samstag bis Montagfrüh) nach Paris-Plage (wie sich der nächste Seeplatz am Kanal nennt) sind an der Tagesordnung, und sie beginnen oft schon zu einer Zeit, wo an Baden im Meer noch nicht zu denken ist. — Georges liebt es deswegen, mit mir am „S6lect" zu sitzen, weil er sehr neugierig ist. Da ich viele von den jungen Künstlern renne, die sich hier ein Rendezvous geben, kann ich ihm allerlei erzählen. Lind so wenig mitteilsam er in seinen eigenen Angelegenheiten ist, so gerne laßt er sich berichten. Man kann ihm auch berichten: Er wird keine Silbe weitertragen. Er weih, dah daS unbedingte Vertrauen, welches er einflößt, das A und O seines Lebens ist.
Der Geschäftsführer macht mir zwei kleine Strohsessel an der Wand der Terrasse frei. Wir sehen uns. Georges bestellt sich eine „Infusion“. Das ist ein Lindenblütentee. Diele Franzosen schließen mit einem solchen Getränk ihren Tag ab. Es ist guter Stil, es zu tun. Ich will von diesem guten Stil durchaus nichts wissen und bestelle mir einen Black and White. Es herrscht ein großes Gehen und Kommen auf dem Boulevard Montpar- nasse, vor uns, und am Casü selbst. Wir nehmen die Parade ab — und ich erkläre: Svend - fen, dänischer Journalist, Deutschenhasser. Tut
Schiff und zertrümmerten die Luken. Besonders schwere Brecher rissen das tief beladene Schiff in die Höhe, das einige Sekunden später wieder aufschlug.
Der Funker gab ununterbrochen Auskunft über die immer verzweifelter werdende Lage des Schiffes. Als Wasser in die Räume drang und die Brücke schon fast weggeschlagen war, rlß eine gewaltige See das Schiss los und warf es auf die Untiefe. Die Besatzung rettete sich dann in die Masten.
Inzwischen war der Ber^ungsdampfer so dicht herangekommen, daß die Flackerfeuer des unter- gehenden Schisses gesichtet wurden. Die See war derart aufgewühlt, dah ein Längsseitssahren an den Dampfer in der Nacht unmöglich war. Die g e • fürchtetfte Stelle der ganzen Nordsee, die Untiefe des Vogelsandes, wird bei stürmischem Wetter dadurch so gefährlich, dah die Grundsecn an dieser Stelle mit einer furchtbaren Wucht auftreten und alles zerschlagen, was hier angetrieben wird. Schiffe, die im Sturm hier auflaufen, sind in den meisten Fällen verloren. Der Bergungsdampfer konnte bis auf eine Seemeile an das untergehende Schiff herankommen und wollte dann, da augenblicklich Hilfe unmöglich, das Tages- licht abwarten. Die See und der Sturm waren der-
sich immer wichtig, spricht laut ein schlechtes Französisch, hat immer Bücher und Zeitschriften unter dem Arm und klopft gerne Leuten auf die Schulter. Die Franzosen nennen ihn: La puce de Montparnasse: Floh von Montparnasse. Per- rin, junger Maler aus Genf. Sehr begabt. Aber das Kalvinistische kann nicht aus ihm heraus. Genf und Paris vertragen sich niemals. Es scheint nur so. Vielleicht würden sie sich vertragen, wenn es morgen auf der Welt keine Betschwestern und keine Freudenjungfrauen mehr gäbe. Perrin weiß nie, in welche dieser beiden Kategorien er gehört. Hahfurth, deutscher Berichterstatter. Gewichtig, schwerfällig, muffig. Richt mehr jung, aber ganz unausgeglichen, ücnia, seine Freundin, ist Russin (aus der Gegend von Saratow). Sie hat immer einen abscheulichen Dologneserhund bei sich, der nie gewaschen oder gekämmt wird. Sie ißt, so oft ich sie sehe, Welsh Rarebit. Landmann, deutscher Zeichner. In Breeches aus dunkelgrünem Lodenstoff, breitkrempiger Hut, gegen den Racken geschoben. Iovial, vielbeschäftigt, sehr bekannt, Hans Dampf in allen Gassen. Er zeichnet alles, was vor ihn kommt. Großindustrielle, Botschafter, Kokotten, Deputierte, Dichter, Gigolos, Zeitungsfrauen, Flics, Kellner, Prinzessinnen aus dem Balkan, Iockeys, Regergirls, Qlnnamitcn.... Er grunzt, trinkt, raucht (Toskanis) und zeichnet. Ein Kerl, der es geschafft hat. Wilson and Thimney, genannt: Oskars Enkel (les petits- fils d’ Oscar). Oscar = Wilde. Also zwei junge Engländer. Sehr elegant. Sehr vermögend. Orchideen im Knopfloch. Trfcs chichi (unübersetzbar). Sie könnten ihre eigenen Großväter sein. So waren junge Leute um 1890 (denke ich mir). Sie kommen nicht ins Caf6: sie treten auf. Gegen 1. Llhr früh. Sie sind oft im Frack. Man glaubt ihnen, daß sie auf einem Diner waren. Sie sprechen nie ein lautes Wort. Wilson sieht dem Prinzen von Wales ähnlich. Er soll sehr feine, aber sehr altmodische Strophen schreiben. Marion, eine Chilenin. Bildhauerin. Zarte, melancholische Frau. Sehr schön. Llnwahrscheinlich durchsichtige Hände. Evelyn, ihre Freundin. Irin. Blond, schwarze Brauen, graugrüne Augen. Teppichweberin (alte irische Muster). Rührend besorgt um Marion. In der Gesellschaft dieser beiden Damen ist oft ein schwedischer Tänzer, Seth genannt. Man nennt ihn auch: „das blonde Gift" — und erzählt phantastische Dinge über seinen Lebenswandel. Man kann sie nicht wiederholen. Aber sie sind sicherlich wahr. Er hat ein hartes, straffes Gesicht und eiskalte, hellblaue Augen. Sein Benehmen ist vollendet. Es sind immer* Frauen mit ihm und um ihn.... Craigworth, junger, amerikanischer Schriftsteller. Kommunist. Sehr klug. Schmutzig. Schlampig. Ohne Erziehung. Ein Kind. Er ißt immer Schokolade. Er las mir aus seinem Buch über Paris ein paar Seiten: ergreifend schön. Heimweh Amerikas nach Europa. Kondourdtis, griechischer CÖßrfen- mann. Hervorragende Erziehung, hohe Dildung, reich. Unglücklich durch seine Häßlichkeit. Rur
art rasend, daß diese Nähe an der Untiefe schon eine drohende Gefahr für das Schiff und die Bergungsbesatzung bedeutete.
Die Flackerfeuer und SOS-Rufe der „Luise Leonhardt" hörten bald nach 11 Uhr auf. Die Masten, auf denen die Besatzung Schuh vor den gewaltigen Brechern suchte, wurden durch eine einzige See über Bord geschlagen, von diesem Augenblick an war das Schicksal von Schiff und Menschen entschieden. Die Haltetaue hielten die schweren Masten längsseits des Dampfers und schlugen mit der See von Außenbord leck und zermalmten die Schiffbrüchigen, die sich an die
Masten und das Tauwerk anklammerten.
Drei Stunden hat der furchtbare Kamps mit der See gedauert. Kurz nach 11 Uhr war kein Licht und kein Lebenszeichen von den Leuten mehr zu beobachten. Als am Montagmorgen der Schlepper „Heros" und die Rettungsbapkaffe „Laisz" an die Unfallstelle eilten, war von dem Hamburger Dampfer nur noch ein kleiner Teil des Vorschiffes zu sehen. Der Malstrom und die furchtbare See hatten in den wenigen Stunden das Schiff und die Besatzung in die Tiefe gerissen. Wie mitgeteilt wird, soll die Leiche des Kapitäns Hoffmann bei Rieschen angetrieben sein. Eine Bestätigung der Identität des Kapitäns war noch/nicht zu erhalten.
Der neue Prozeß gegen Konterrevolutionäre in Moskau.
Die Angeklagten gestehen. - OemonstrationSzÜge fordern das Todesurteil.
Moskau, 25. Rov. (WTB. — Telegraphenagentur der Sowjetunion.) Die Verhandlung vor dem Obersten Gericht der L1DSSR. in Sachen der sog. „Industriepartei" wurde heute eröffnet. Angeklagt sind Professor Ramsin und andere Professoren und Ingenieure wegen Organisierung von S ch ä d l i n g s a k t e n und Vorbereitung einer Intervention der Auslandstaaten. Der Verhandlung wohnen über 1000 Arbeiter sowie viele hervorragende Gelehrte, Ingenieure, Schriftsteller, Vertreter der Sowjetprefse und mehr als 70 Berichterstatter der Auslandpresfe bei. Die Verhandlung begann mit der Verlesung der Anklageschrift. Während der Sitzung durchziehen Demonstrationszüge mit Musik die Straßen. Der Zug endete beim Gewerkschafts- Haus, in welchem die Gerichtsverhandlung abgehalten wird. Die Demonstranten, deren Zahl eine Million überstieg, führten Plakate und Inschriften mit, wie „Die Vorbereitung der Intervention beantworten wir mit der Ausführung des Fünfjahrplanes in vier Iahren", „Wir verlangen Llnerbittlichkeit vom proletarischen Gericht" und dergleichen mehr.
Rach der Verlesung der Anklageschrift begann der Gerichtshof mit der Vernehmung der Angeklagten. Professor Ramsin leitete seine Aus-, sage mit der Erklärung ein: „Ich will mich nicht verteidigen, denn meine Schädlings- und Verräter tätigtet! i ft klar. Ich möchte, daß durch diesen Prozeß die Richtigkeit konterrevolutionärer Versuche zutage tritt und der Widerstand eines gewissen Teiles der Ingenieure und der technischen Kräfte aufhort." Sodann berichtete Ramsin über die Organisierung des von
Paltschinski geschaffenen Ingenieurzentrums und schilderte die Tätigkeit der gegenrevolutionären! Organisation, als sie sich bereits mit dem „Handels- und Industriekomitee" in Paris — einer Organisation russischer Weißgardisten — und mit einzelnenMitgliedernfranzösischer Regierungskreise zur Beratung der für 1928 in Aussicht genommenen Interventionspläne in Verbindung gesetzt hatte. «In jenen Zeit ging der Gedanke einer Intervention", wie Ramsin betonte,, „mehr von Regierungskreisen Frankreichs und Englands als voni Handels- und Industriekomitee aus. Während eine Anzahl von Mitgliedern den „Industriepartei", unter ihnen Fedotow und Sit- nin, auf Reisen waren, traf die Rachricht von Verhandlungen des Handels- und Industriekomitees mitPoincars und D r i a n d ein, die dazu dienten, die Intervention zu organisieren. Im gleichen Iahre überzeugten wir uns, d. h. Laritschew und ich daß die Frage einer Intervention in England und in Frankreich ernst gemeint wurde. In Paris fand dann eine Konferenz statt, an der außer mir und Laritschew die Mitglieder des Handels- und Industriekomitees teilnahmen. Ich und Laritschew berichteten über die Lage in der Sowjetunion, über die Tätigkeit der „Industriepartei" und besonders über die Lage der sowjetrussischen Oel- industrie. Die Mitglieder des Handels- und Industriekomitees betonten die dringliche Rotwendigkeit, die Intervention von innen vorzu - bereiten, denn die Vorbereitung von außen, die vom Handels- und Industriekomitee betrieben wurde, verliefe erfolgreich."
Keine Nachricht von der deutschen Grönlandexpedition Was ist aus Professor Wegener geworden?
(Berlin, 25.Rov. (WTD.) Seit fast zwei Monaten fehlt jede Rachricht von den Teilnehmern der deutschen Grönland-Expedition Prof. Wegeners, die seit Frühjahr dieses Iahres auf dem grönländischen Inlandeis mit wissenschaftlichen Forschungen beschäftigt ist. Die Expedition hatte auf der Mitte der grönländischen Eiskappe in 3000 Meter Höhe. 400 Kilometer von dem Ost- und Westrande entfernt, eine De- vbachtungsstation errichtet, in der der Hamburger Meteorologe Dr.Georgi feit Mo-
noch in den schönen Dingen lebend. Monarchistisch bis zum Fanatismus.... Endlos geht die Reihe weiter.... Llnsere Fröhlichkeit ist dahin. Lind Georges findet das richtige Wort, als er im Aufstehen Maeterlinck zitiert: „O la tristesse de tout cela, o la tristesse..
(wird fortgesetzt.)
Gießener Gtadttheater.
Gerhart Hauptmann: „Rose Bernd".
Es liegt, zeitlich und geistig, ein weiter Raum zwischen diesem Schauspiel von 1903 und dem jüngsten Buch Gerhart Hauptmanns; das ist ein dünnes Bändchen, „Die Spitzhacke" überschrieben, und führt nach mancherlei Umwegen zurück in das Kinderland feiner schlesischen Heimat, auf deren Boden auch die „Rose Bernd" gewachsen ist samt manchen anderen Werken, die später einmal stärker und überzeugender die dichterische Kraft Hauptmanns beglaubigen werden als so vieles, was er nach den Kampfjahren des Naturalismus geschaffen hat.
Fünf Jahre nach dem „Fuhrmann Henschel", im April 1903, saß Hauptmann auf der Geschwo- renenbank im Schwurgericht zu Hirschberg, wo man cin°r jungen ledigen Mutter wegen Meineides und Kindesmordes den Prozeß machte. Diese Verhandlung, welche mit einem Freispruch endete, legte, unmittelbar anregend, den ersten Keim zu der alsbald niedergeschriebenen schlesischen Bauerntragödie, die mit einem hoffnungslosen menschlichen Zusammenbruch ihren aufwühlenden Abschluß fand.
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Wie der Fuhrmann Henschel an der Niedertracht einer gemeinen Weibsperson zugrunde geht, so wird die Bauerntochter Rose von der Brutalität einer gewissenlosen Männlichkeit in die Enge getrieben, eingeschüchtert, verängstigt, gewürgt und gehetzt, bis sie in ihrer Verzweiflung jeden Halt und alle Besinnung verliert. So wird — wie der Henschel sich am Ende in einen freiwilligen Tod verirrt — das Mädchen zur meineidigen Kindesmörderin ... durch die Schuld ihrer Mitmenschen.
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Und wie diese beiden schlesischen Schauspiele sich ergänzen und Gegenstücke sind in der Vertauschung und inneren Umkehrung ihrer dramatischen Fabel, so sind beide auch ihrer künstlerischen Form nach verwandt und benachbart: es ist mit Recht darauf hingewiesen worden, wie sehr gerade diese, auf den ersten Blick so völlig realistischen Stücke in ihrem inneren Stil und ihrem Ausbau schon über den Naturalismus hinaus gelangen, dem sie entwachsen sind.
Sie finden wieder den Anschluß an eine Dramenform, die mit der damals jüngsten Richtung verlorengegangen schien oder vielmehr bewußt ausgeschaltet wurde: in ihnen ist die Zustandsschilderung nicht mehr ein über die Handlung triumphie-
naten mit meteorologischen Messungen beschäftigt ist. Lim diese Station für den Winter mit Proviant zu versorgen, war der Leiter der Expedition Professor Wegener mit Dr. L o e b e. 13 Grönländern und einer entsprechenden Zahl Hundetransportschlitten Ende September aufgebrochen. Am 2. Oktober telegraphierte Wegener:
Aus der vierten Hundeschlittenreise zur Zentralstation, mitten im Inlandeise trat plötzlich ein We 11ersturz ein, der enorme Kälte brachte. Von unseren Grönländern wollten neun nicht mehr weiter und kehrten zurück. Dr. Loebe und ich mit vier Grönländern weitergegangen.
Dieses Telegramm, das von den zurückkehrenden Grönländern aufgegeben worden ist, ist die letzte
renber Eigenwert und Selbstzweck; hier verläuft auch nichts mehr im Sande, wie man es, für die naturalistische Dramaturgie sehr bezeichnend, genannt hat; man kam vom „Milieu" wieder zur „Entwicklung"; hier ist wieder Handlung, dramatische Handlung, aus Kraft und Gegenkraft gespeist, gesteigert, zugespitzt und zu einem sehr entschiedenen und endgültigen Abschluß gebracht.
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Wir sehen -das Stück heute anders an, als man es zur Zeit der ersten Aufführung beurteilt hat; aber es ist schon früh und nicht mit Unrecht empfunden worden, daß dieses Schauspiel nicht nur menschlich ergreifend, sondern in manchen Szenen auch quälenb unb nervenzermürbenb wirke. Die Regie sollte also barouf bebacht sein, bas Drama so einfach unb so gemäßigt unb gemilbert spielen zu lassen, wie es ohne Vergewaltigung seines Schöpfers möglid) ist. Es ist ein Verdienst ber von Fafso11 geleiteten Aufführung, baß sie auf bie Herausarbei- tung ber menschlichen Umrisse bebacht war unb die naturalistischen Kraßheiten unb überscharfen Akzente tunlichst vermieb. Immerhin hätte ber letzte Akt, der an den Zuhörer doch erhebliche Anforderungen stellt, noch verkürzt, beschleunigt unb gebämpft werben können. Die Bewältigung bes Dialektes (ein schwacher Punkt in ben allermeisten Hauptmann-Aufführungen) bereitete auch hier mancherlei Schwierigkeiten; bie Lokalfarbe bes Dramas tarn nicht recht heraus. Ein entschiedener Höhepunkt gelang im dritten Akt, dessen szenische Spannung mit ber Gewit- terftimmung bes sommerlichen Landschaftsbildes harmonierte. (Dekorationen von Löffler.)
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Die stärkste Stütze ber Regie war Hilde Schwend in der seinerzeit von Else Lehmann kreierten Rolle der Rose. Sie beherrschte die große Partie mit ökonomischem Ueberblick unb sparsamen Mitteln; sie begann mit einem ganz leichten, heiteren Akkorb, steigerte sich allmählich, ohne peinliche Theatralik, unb fand nach kurzer Sammlung im Mittelakt überzeugenben Ausbruck für ben menschlichen Zusammenbruch. Es war bei weitem bie beste Leistung, bie man bisher von dieser Schauspielerin zu sehen bekam.
Von ben übrigen ist Bäuerle als Streckmann zuvörberst zu nennen, ber nicht nur als einziger dem Dialekt völlig gewachsen war, fonbern auch sonst eine ganz geschlossene Darftellung bot, obwohl er auf ben „schönen Mann" mit breitem Vollbart verzichtete, ben Hauptmann sich vorgestellt hatte. — Sympathisch unb männlich gab Hauer den Christoph Flamm. — Die bemitleidenswerte Erscheinung des August Keil wurde von Bruck (besonders im vierten Akt) treffend chargiert. — Maria Koch (Frau Flamm): ein wenig blaß; Fasfott als alter Bernd zu theatralisch im letzten Akt.
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Im Zuschauerraum herrschte, besonders gegen Ende, störende Unruhe. Auch wurde an den ungeeignetsten Stellen gelachr. Der Beifall zuletzt war verdient. hth.


