Wirble ins Leben!
Roman von Anna Zink.
Urheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister. Werdau. S.-2L
29 Fortsetzung Nachdruck verboten
Ein eigenartiger Schritt, so, als ob immer dazwischen ein hölzerner Stock aufgestohen würde, lieh ihn sich aufrichten.
Da kam ein Mann daher, der offenbar einen Stelzfuß hatte.
Er humpelte zu Reginald hin und schwenkte seine Mühe.
„Outen Tag, Herr", begrüßte er Contius, „ist's gestattet, ein wenig daneben Platz zu nehmen?" Sein Tonfall war leicht österreichisch gefärbt.
„Bitte schön. Und guten Tag gleichfalls", gab Reginald zurück und sah den Mann etwas genauer an.
Der hatte sich mit auffälliger Oeschicklichkeit, die man ihm seines Stelzfußes wegen nicht ohne weiteres zugetraut hätte, neben Contius niedergelassen.
Er muhte schon mindestens in die Fünfzig fein, denn sein Gesicht war faltendurchfurcht.
Er hatte einen etwas verwilderten Vollbart und struppige Augenbrauen, unter denen ein paar merkwürdig scharf und listig blickende Augen hervorsahen.
Der Mann rief Reginalds Interesse wach, und er beschloß, ein Gespräch mit ihm anzusangen.
„Woher die Reise und wohin?" fragte er freundlich.
„Ach, lieber Herr, ich lebe schon seit Ewigkeiten hier in Italien. Ich habe es schon fünfmal von oben bis unten durchwandert und quer herüber auch."
„Mit Ihrem Holzbein?" fragte Reginald ungläubig.
„Jawohl, Herr. Ich bin früher Offizier auf einem türkischen Schiff gewesen. Dann wurde ich Invalide. Mein Bein hat irgend so ein vermaledeiter Hai im Indischen Ozean gefressen. Ich kam weit herum. War ein paarmal in Ostasien. Kenne die halbe Welt. Run bin ich ein Vagabund geworden. Meine Frau starb vor fünfzehn Jahren. Seitdem ziehe ich hier durch Italien. Ein schönes Land. Ich kenne die ganzen Provinzen wie meine Westentasche und spreche sämtliche Dialekte. Ich gelte hier als Italiener und hab auch meinen Ausweis." Er schlug sich auf die Brusttasche.
„Weshalb gehen Sie nicht in Ihre Heimat?" fragte Reginald.
Der Invalide spuckte verächtlich aus.
„Was heißt Heimat? Das ist jetzt zu Jugoslawien gekommen. Ich kann die Saubande nicht riechen. So bettle ich mir meine Soldi zusammen, verfasse für die Mädchen Liebesbriefe und verstehe mich auf allerlei Schnickschnack. Brot und Wein, ein warmes Essen und eine Strohschütte gibt's überall. Die Leute haben ein gutes Herz. Sie lassen keinen verhungern. Aber wenn ich mir ein paar hundert Lire zusammengespart habe, dann hol ich mir meinen Koffer, ziehe einen anständigen Anzug an, lasse mich rasieren und fahre in ein Seebad. Da erhole ich mich von den Strapazen und bin wieder der Herr von... Ach, lassen wir das, der Rame tut ja nichts zur Sache. Es kommt doch nur auf das an, was hier drinnen ist."
Er schlug sich auf die linke Brustseite.
„Glauben Sie mir, Herr, dann rennen mir die kleinen Mädchen immer noch nach."
„Ich bin fest davon überzeugt", sagte Reginald lachend, der Freude an dem alten Knacker hatte. „Unö was wird, wenn Sie alt sind?"
Der Mann lachte. „Dann kaufe ich mir ein kleines Cafe und verdiene damit meine Soldi. Vorderhand ist das noch zu langweilig. Ich bin eben eine Vagabundennatur. Sowas liegt im Blut, Herr!"
„Darf ich Ihnen etwas beitragen?" fragte Reginald lächelnd und reichte ihm eine Zehn- lirenote. „Für das nächste nette Mädchen oder für die Cafestube, wie Sie wollen."
Der alte Vagabund war gerührt. „Schönsten Dank, Herr." Er legte zwei Finger an Den schmierigen Mützenrand und rappelte sich auf.
„Ich hab' noch zu tun, muß weiter. Alles Gute, Herr!"
Humpelnd ging er weiter.
„Seltsame Existenz", sagte Reginald hinter ihm her und sah ihm nach, bis er verschwunden war.
Er hatte genug gelegen und geträumt.
Er sprang auf, um wieder weiter zu wandern. Die Bewegung des Gehens tat ihm wunderbar gut.
Die letzten Wochen war er in dauernder Angespanntheit gewesen, um die Spur von Barbara zu finden.
Er hatte an sämtliche Grenzübergänge geschrieben, die es zwischen Oesterreich und der Schweiz und Italien gab mit der Anfrage, ob eine Frau Much über die Grenze gekommen sei. Alle wußten sie nichts von einer Dame dieses Ramens.
Er hatte in Barbaras Heimatort geschrieben und bei der Behörde um Auskunft über ihren Verbleib gebeten. Man schrieb ihm: Frau Barbara sei auf rätselhafte Weise verschwunden. Man nehme an, sie sei einem Unglück zum Opfer gefallen, denn ihr Auto habe man abgestürzt gefunden, sie selbst aber trotz vielseitiger Bemühun
gen nicht. Ob er sich nicht mit Dem Gatten Der Dame verständigen wolle.
Der sei zur Zeit auf Reisen, aber schriftlich doch sicher zu erreichen. Im übrigen bedauerte man, nicht dienen zu können.
Reginald hatte ja auch im Grunde nichts anderes erwartet.
Er hatte das Gefühl, als sei das verfehlt, als würde er Barbara auf diesem Wege niemals auffinden. Aber wie sollte er es anfangen?
Auch das Grübeln führte zu nichts.
Er war in seinen Gedanken durch ein kleines Dörfchen gegangen.
„Signore, Signore!" rief eine klare Stimme hinter ihm.
Da kam ein halbwüchsiges Mädel gerannt. Atemlos machte es vor ihm halt, drückte ihm ein schneeweißes Weißbrot in die Hand, das köstlich duftete und noch ganz warm war.
Roch ehe er in seiner LIeberraschung ein Wort des Dankes herausbrachte, war sie schon zurück- gelaufen.
Langsam ging er weiter und bemerkte jetzt erst, wie die Dorfbewohner ihm alle mit wohlwollendem Interesse musterten. Am Ausgang des Dorfes winkte ihm ein junger Mann zu, er möchte einen Augenblick warten.
Reginald blieb stehen, und der junge Italiener kam gleich darauf aus dem kleinen Hause mit einer strohumflochtenen Flasche, aus der er Reginald ein großes Glas Wein eingoß und anbot.
„Zum Brot gehört auch Wein", sagte er lachend.
Reginald trank den Wein in einem Zuge.
Das freute den Mann.
Er wollte ihm gleich noch ein Glas ein- fchenken, aber Reginald wehrte lachend ab, denn es wurde zuviel.
Selten hatte ihn eine Gabe so erfreut und ihm so wohlgetan.
Roch lange winkten sie hinter ihm drein, und manche Frau und manches Mädchen sahen dem stattlichen „Tedesco“, dem Deutschen, nach, bis er ihren Augen entschwunden war.
Reginald fand, daß es das beste sei, von der nächsten Bahnstation aus nach Reapel zu fahren. Es zog ihn mit unwiderstehlicher Macht dorthin, er hatte ja auch fein Gepäck nach dort be»
* . *
„Ein Brief liegt hier für Sie, Herr Contius", sagte die Sekretärin auf dem Konsulat freundlich und übergab Contius einen großen Brief.
Reginald drehte ihn erstaunt hin und her.
„Vielleicht wieder Bescheid einer Behörde, daß eine Signora Much leider nicht bekannt sei", dachte er. Er steckte den Brief ungeöffnet in die
Brusttasche und ging durch die Stadt, die Im vollsten Sonnenschein dalag.
Er wollte aus der Stadt heraus, denn c8 versprach, ein schöner Sonnenuntergang zu werden.
Reginald fuhr mit dem Tram nach dem Posi- lipo und wanderte noch ein Stück an der Küste entlang. Er setzte sich auf einen großen Stein und sah auf den Golf, der heute ein so sattes und tiefes Blau zeigte, wie man es sonst nur auf Postkarten sah und für phantasievolle Lleber- treibung hielt.
Im Hintergrund schaute der Vesuv heraus, ein leichtes Rauchwölkchen stieg aus dem Berg empor und zerfloß im Blau des Himmels. Es war ein Bild, so schön und strahlend, daß Reginald sich nicht daran sattsehen konnte.
Aber eine unerklärliche Traurigkeit hatte ihn befallen.
Es knisterte leise in seiner Rocktasche. Richtig, den Brief hatte er ja noch gar nicht geöffnet!
Er griff danach und riß ihn auf.
Es war ein kurzes Schreiben darin und dann noch ein Schriftstück. Reginald zog es heraus und hielt den Führerschein von Barbara in der Hand.
Ihm setzte der Herzschlag aus. Es kam ihm zu überraschend, darauf war er nicht- vorbereitet gewesen.
Er las das Begleitschreiben.
Vor langer Zeit habe man dieses beschmutzte Dokument durch Zufall in einem Straßengraben gefunden. Leider sei die Adresse der betreffenden Dame so -erweicht und unleserlich gewesen, daß man nicht gewußt hatte, wohin es schicken. Außerdem habe eine Dame dieses Ramens nicht die Grenze passiert, soweit bekannt. Da ihm so viel daran liege, habe man ihm das Papier zugeschickt. Vielleicht könne es ihm von Ruhen fein.
Reginald saß wohl eine Stunde lang unbeweglich und starrte auf das Bild Barbaras.
Es war eine schlechte Pahphotographie, und doch gab sie Frau Barbara Much wieder, wie er sie damals im Walde traf: Sehr sorgfältig gekleidet, sehr selbstbewußt, mit einem klein wenig spöttischen Lächeln in den Augen.
Rur um den Mund war eine seltsame Linie gezogen, die wohl durch die Rässe und Den Schmutz, in denen das Papier gelegen hatte, entstanden war.
Aber sie gab dem Bild einen seltsam schmerzlichen und leidenden Ausdruck. Trotzdem er ja durch äußere Einflüsse hervorgerufen wurde, ergriff er Reginald Contius tief. Praktisch half ihm ja dieser Schein nicht viel weiter.
Doch er schien Reginald eine greifbare Bestätigung dafür zu sein, daß Barbara sich in Italien befand. Und darüber war er ganz glücklich.--
(Fortsetzung folgt.)
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Eschbach (Kreis Usingen), Sonntag, den 24. August 1930
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Mittwoch, den 27. August 1930,8 Llhr im Saale Kirchstraße 16
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