Ausgabe 
25.8.1930
 
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Nr. 197 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Tberhessen) . Montag, 25. Angust 1950

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Dicht genug damit: es erweist sich bald, dah das unnatürliche Gebot nur dazu geschaffen scheint, um übertreten zu werden. DaS niedere

Dom alten Stamm spielte Wesener mit guter Mischung von Würde und leisem Humor den König von Davarra. Als liebliche Hoffräuleins die Damen Doering und Me­wes. Die derbkomischen Chargen brachten Hub und Link mann mit breiter Drastik, Dr. Ritter und 03 o I <f mit zarterer Poin­tierung. Außerdem: Zingel. Dommisch, 3a6n, Fa ssott.

lichen Geschehens zu rüftcn. Dir vnnen vor allem aber, was am wichtigsten ist. unsere ge­samte nationale Wirtschaft mit Hilfe der Ar­beitsbeschaffung auf die völlig veränder­ten Der hält nisse, wie sie durch den Struk­turwandel in wichtigen Zweigen der Weltwirt­schaft eingetreten lind, mit einer gewissen Scho­nung unteres nationalökvnomischen Olnlagetafi- talS einstellen. Der Weg, den die Rciä^post dabei beschritten hat. indem sie von den Liefer­firmen Preisabschläge in erheblicher Höhe for­derte. unter Umständen wie bei der Linoleum- induftrie geradezu erzwang, scheint uns grund­sätzlich der richtige zu sein, auch wenn wir uns nicht verhehlen wollen, daß ein Preisabbau durch behördliches Diktat immer einen peinlichen Bei­geschmack hat. GS kann aber sein, daß diese er­zwungene MmL'br eine# Tages zum stärksten 03e- lebungsfaktvr für die deutsche Gesamtwirtschast überhaupt wird.

Die Sabel ist untief, kraus, verwirrend und m manchen zeitgenössischen Elementen für den heu­tigen Leser und Betrachter kaum mehr verständ­lich. Gin possenhaftes, tändelndes, ganz und gar unwirkliches Spiel mit einer märchenköniglichen Laune, die kaum ernstgenommene, burleske P^mtasie einer naturwidrigen Prohibition Das llosterliche Gesetz der Enthaltsamkeit, die der König von Davarra sich und seinen Kavalieren aufedegt, verbannt zum geheimen Mißvergnügen aller Betroffenen jedwedes weibliche Wesen für dret lange Jahre von den Grenzen deS Reiches.

S^er Konflikt deS Dramas ergibt sich von un­gefähr mit der Ankunft der Prinzessin von Frankreich, welche mit jungfräulichem Gefolge in Staptsgeschästen an den keuschen Hof gereist kommt, vor den Toren empfangen und trotz allen chevajeresken Gebärden sehr ungalant genötigt wird. ihre Zelte im wörllichen Sinne im Wald und auf der Heide zu errichten.

3n den Rüpel- und Darrenszenen selbst scheint gelegentlich schon die ganze, sich überschlagende Ausgelassenheit der Sommernachtstraum-Inter- mezzi vorweggenommen.

Etwas gequält und heute kaum noch verständ- llch wirken hinwiederum die vom Dichter sa­tirisch angelegten Partien des Don Adriano. deS Holofernes und des Dathanael. die für Shakespeares Zeitgenossen sehr deullich bissig auf die grotesken und barocken Auswüchse einer geschraubten und verbohrten Pseudogelchdam- keit zielten, welche sich damals offenbar zur Un­zeit bei Lehrern und Pfarrern auf dem Lande breitmachte.

Aber der gemeinsame Ansturm derer von Da- varra auf die französischen Damen wird zwie­fach abgeschlagen. ÄIS MoSkowiter vermummt verirren sich die vier Kavaliere unter den listig maskierten Geliebten: ein jeder hält die Galanin des anderen im Arm. Eine Rüpelkomödie bei Hofe, in der shakcspearesche Darren die Helden deS klassischen Altertums operettenhast paro­dieren. wird jählings und unharmonisch durch die QHelbung vom Tode des französischen Königs unterbrochen. Die Prinzessin, schwer getroffen, nimmt eiligen Abschied mit ihren Damen und läßt den Freiern nur die vage Hoffnung auf spä­tere Srhörung zurück.

Man sieht: eine Dotlöfung, ein erzwungener, peinlicher, unorganischer AuSgang. der mit Recht als fühlbarster Mangel im Stück des unerfahre­nen Dichters getadelt wurde und der auch durch die nochmalige Wiederaufnahme des burlesken ToneS der vorausgehenden Szenen kaum ge­mildert oder verwischt werden kann.

Der türkische Außenminister Tevfik R ü d - s ch i Betz will sich nach Moskau begeben, um die Maschen deS Q3ertragc$, der das Sow­jetreich mit Angora t>crbinbct, noch enger zu knüpfen. Die nahen Beziehungen zur Türkei sind in der sowjetrussischen Außenpo'ittk eine Trumps- karte, die namentlich im Interessenspiel der Län­der am Schwarzen Meer geschickt ousgespielt zu werden pflegt. Um die Konformität ber außen­politischen Dörmen zwischen Angora und Moskau zu unterstreichen, veröffentlichte kürzlich die tür­kische Zeitung .Milliet" einen Artikel, der in ben Dalkanländern. besonders in Rumänien, sehr großes Aussehen erregte. Die .Milliet" machte nämlich die Feststellung, daß Bessara­bien ethnographisch und politisch z u R land gehöre und sich unrechtmäßig in __ mänischem Besitz befände. Q3effara6ien aber ist

So versteht man das Ganze am zwanglosesten als ein leichtes, ganz unwirkliches, theatralisches Spiel ohne viel Tiefe und Hintergrund und komödienhaft-ernsten Akzent. Und so wurde es auch in der Aufführung unter der Regie des Intendanten Dr. P rasch mit sicherem Gefühl und ohne falschen Ehrgeiz ersaßt und gegeben.

Die Regie hat die Mafse der fünf Akte die int Buch vielfach schwerfällig, umständlich und langweilig anmuten gekürzt, tzusammengefaßt, rynen ein frisches Tempo und eine zarte musi­kalische Untermalung gegeben. Der enge und ettoad schwierige Spielraum der Waldbühne war geschickt ausgenuht: die Q3ertoanMungen geschahen fließend und zwanglos. Die vom Kapellmeister Cujö zusammengestellte Bühnenmusik nach alt» englischen Motiven des 16. und 17. Jahrhunderts ist der lockeren und tänzerischen Gebärde des leichtgeschürzten Spieles feinsinnig angepaht.

sich den Entscheidungen deS Berliner Kongresses zu unterwerfen und die Dardanellen wurden für die russischen Kriegsschiffe gesperrt. Der .Riegel" der Dardanellen behinderte den Zugang zum östlichen Mittelmeer und machte eS Ruß­land unmöglich, als maritime Großmacht an den Küsten Kleinasiens aufzutreten. England, das seine Straße nach Indien durch eine starke russische Kriegsflotte im östllchen Mittelmeer bedroht ge­sehen hätte, widersetzte sich ständig bet Frei­gabe ber Darbanellen für Ruhlanb. Trotz aller Bemühungen Iswolskys würbe auch 1907, während ber Zusammenkunft DikolauS II. mit König Ebuarb VII. im Hafen von Reval, bic ben Abschluß ber Einkreisung DeutschlanbS unb bic Einteilung Persiens in Interessensphären brachte, und damit die Einleitung zum Weltkriege wurde, die Meerengensrage nicht gelöst und erst der Weltkrieg sollte Rußland die Verwirklichung seines jahrzehntelang gehegten Derlangens bringen.

Außenminister Sasonow versuchte 1914 die Türkei einzuschläfern und abseits vom Kampfe zu halten, um sie bann, wie eS auS den Dolumenten- veröffentlichungen hervorgeht, im Einverständ­nis mit Giers bei Kriegsende zu überfallen und zur Abtretung Konstantinopels zu zwingen. Aber de Türkei ist auf ihrer Hut und Sreift zu den Waffen. Sasonow tritt nun mit

*ret) unb Delcasse in ben Kampf, um die russi­schen Forderungen auf die Meerengen durchzu- sehen. Der französische und der englische Außen­minister verzögern ihre Zustimmung. Dun ver­handelt Sasonow nicht mehr, sondern er ver­langt in brüskem Ton. Die Botschafter in Petersburg, Buchanan unb Paleologue, raten zum Dachgeben, weil Rußlanb sonst auS bet Kriegsfront ausfallen könnte. Dun erst erhält Rußland durch baS britische Memoranbum vom 12. März 1915 bic Herrschaft über ben Bosporus, über bas Marmarameer und bic Dardanellen, sowie den Besitz über die Stadt Konstantinopel, über Ostthrazien, über die Halbinsel Gallipoli, über die Bithynische Halbinsel und über die In­seln Imbros und Tenedos zugesagt, während England sich das asiatische Ufer der Sarbanellen reserviert und seine spätere Abtretung an Italien verspricht. Als Kompensation verzichtet Ruß­land zugunsten Englands auf die neutrale Zone in Persien. Sasonow hängt sich an dieses Ab­kommen, das durch allerlei Vorbehalte abge­schwächt wurde, und dessen Derwirllichung Eng­land kaum zugelassen hätte, und macht es zum Feldzeichen des Krieges auf russischer Seite. Aber bereits Ende 1915 stellte sich heraus, daß man gar keine Aussicht hatte, sich mit Gewalt der Dardanellen zu bemächtigen und General Alexejew versucht Sasonow zu überreden, mit der Türkei einen vorteilhaften Sonderfrieden zu schließen, um durch Derhandlungen ein Ziel zu erreichen, wo die Gewalt versagte. Dun bc- stand Sasonow auf der Veröffentlichung deS Meerengenabkommens mit der Entente, wäh­rend England Schwierigkeiten im Unterhause

Probleme um das Schwarze Meer Don d. von Llngern-Eiernberg.

wechsel, die Gegenüberstellung einer höfischen und einer bäurischen Sphäre im Kreis der agierenden Personen, und die Vervielfachung eines Einzel­motivs. die am klarsten im Wechselspiel des Doppelquartetts der französischen Damen und der Kavaliere von Davarra zum Ausdruck kommt.

Gießener Stadiiheaier.

Shakespeare:Liebes Leid und Lust" (LZaldbühne).

Loves labours lost, .Verlorene Liebesmüh" ober .LicbeS Leid und Lust" ist ein Stück des noch nicht dreißigjährigen Shakespeare, um 1590 herum entstanden unb somit zeitlich in enger Dachbarschast der .Komödie der Irrungen" stehend. Und nicht nur zeitlich, auch wesentlich: wie der Schwank mit den zweimal zwei Doppel­gängern ist aud) daS Schaserspiel zu Davarra eine der leichtesten, unreifsten und unfertigsten, unter der Gattung bercomedies, äußerster Gegenpol etwa -zum sehr ernsten unb bitteren Charakterstück vom venezianischen Shylock.

Ein Iugendwerk also, selten gespielt, mit allen Schwächen feiner frühen Entstehung, am besten -u werten als ein erster Versuch. ein Ansatz, ein Vorläufer späterer Reise unb sicherer Mei- sterschast, bic gewiß in einzelnen charakteristischen Szenen schon deutlich vorauSzuspüren ist.

Verhinderte Trauung in Gretna Green

®retna Green, die alte romantische Eheschmiede, ist wieder einmal die Szene eines Entführung»* dramas gewesen. daS an die Romane des 18. Jahrhunderts erinnert, nur daß die Flucht mit Pier» und Wogen durch die Autojagd erseht ist. Sm )unger Geschäftsreisender aus Leeds hatte während eines Ferienaufenthaltes zu Blackpool eine reizende Lehrerin kennengelernt, die er so rasch wie möglich heiraten wollte. Das Paar beschloß daher, die Fahrt nach Gretna ©teert, aber bei ber Ankunft an der schottischen Grenze stellte der Bräutigam fest, daß ihm daS Geld ausgegangen war. Er telegraphierte an seinen 03ater, er möge ihm Geld nach Longtown in ber Otäbe von Carlisle schicken. Der Vater aber wurde mißtrauisch, weil Longtown die letzte englische Stadt vor der schottischen Grenze ist: er ahnte Schlimmes und jagte dem Sohne im Kraftwagen uach 2lls dieser das Geld abheben wollte, trat ibm statt dessen sein Erzeuger entgegen, ber ihm eine heftige Szene machte unb ihn sowie die Braut beschwor, von diesem unüberlegten Schritt abzustehen. Die Liebenben muhten daher auf die Fahrt nach Gretna Green verzichten, trennten süh aber im Zorn von dem 03ater und gelobten, I doch noch ihre Absicht durchzusehen.

Das Sohora-Vohnprojeki.

Frankreichs Milliarden suchen Anlage.

Man hat'S ja dazu. Die Millionenströme er­gießen sich jahraus, jahrein pünktlich von Deutschland gespeist in die französischen Kassen, die ohnehin schon bi» zum Ueoerlaufen gefüllt find. Milliarden können ohne jede Anstrengung für Armeeund Flotte bcifc-itegcbradjt wer­den, der große Topf wird deswegen noch nicht leer. Ja, dieser ewige Goldsegen zwingt sogar dazu, unaufhörlich nach neuen Unterbrin* gungSmöglichkeiten Timschau zu halten, da- Kapital sucht Anlage, und Frankreich ist einfach genötigt, den abenteuerlichsten Plänen

minder wichtig als die erste Mark, die aus dem Be^chaffungSprogramm In die Lohntüte des Ar­beiters wandert.

Selbstverständlich kann man mit zusätzlicher 2r- bettSbeschatfung Konjunkturen nicht an­kurbeln. DaS haben wir ja 1926 bereits erfahren müssen, al- Deutschland allein von der Ärüc betroffen war. DaS wird in jedem Falle doppelt schwer sein, da wir heule unter einer allge­meinen Depression der Weltwirtschaft leiden und un- die Kaufkraft der großen Märkte jenseits der deuttchen Grenzen nicht zur Ver­fügung steht. Ganz sicher aber können wir mit einer zweckentsprechenden Arbeitsbeschaffung der­art, wie sie von der Reichsbahn unb Reichspost in die Wege geleitet ist. bie schlimmsten Stöße mildern, wertvolle Schichten der Be­völkerung in Arbeit und Lohn halten, der In­dustrie die Möglichkeit geben, sich für den be­vorstehenden Wiederanstteg de- weltwinschaft-

Schach dem Pessimismus!

Die zufätzlichenAufträge. de Reichs­bahn und ReichSpost nach ihren Verlaut­barungen der Wirtschaft haben zusließen lassen, sind zwar, gemessen an geschätzten Dationalein- kommen. nicht sonderlich imponierend. Diese fünf- bunbert Millionen bedeuten aber immerhin, an der richtigen Stelle angeseyt, eine nicht un« we senlliche Belebung sührender Wirtschaft - zweige, und sie fömxen bei einer vernünftigen Auftrag-verteilung durchaus dazu bienen, lebenswichtigen deutschen Industrien mit ihrem geschulten Personal über den Tiefpunkt der allgemeinen Krise hinwegzuhelsen. Freilich wird man bie etwas unglückliche Veröffentlichung ber ReichSpost, die von einer jährlichen Be­schäftigung von 125 000 Arbeits­losen im Zusammenhang mit ihrem Zweihun- bertmillionenauftrag spricht, nicht in bem Sinne wörtlich auffassen Dürfen, als könnte e» gelin­gen. mit Hilfe dieser zweihundert Millionen nun ben Arbeitsmarkt prompt um mehr al» bunberttauknb Menschen zu entlasten, ^enn selbst mit einem sicherlich zu gering geschätzten DurchschnittSjabreseinkommen deS Arbeitneh­mers von zweitausend Mark würde ber Gesamt­betrag. ben bie Reichspost für bie WirtschastS- belcbung auswenbel. nur bann für genau hun- berrtaufenb Arbeitslose reichen, wenn die Ge­samtsumme für Löhne verwenbet werden könnte. Da aber bei ben Aufträgen von Reichs­bahn unb ReichSpost die Rohmaterialien unb andere Faktoren einen wesentlichen Teil der Produktionskosten auSmachen in der Mehr­zahl ber Fälle Dürften fünfzig Prozent erreicht, wenn nicht gar überschritten werben ist un­schwer xu errechnen, bah zusätzliche Arbeit durch die Postausträge nur f ür etwa vierzig- d i - fünszigtausend Arbeiter geschas- fen werben wird. Zusammen mit dem Reichsbahn­beschaffungsprogramm aber wird baS zusätzliche ArbeitSquantum sicherlich mehr als hunberttau- senb Menschen auf bie Dauer von einem Jahre Beschäftigung unb Brot geben.

□Dir halten diese Korrektur eineS zunächst viel­leicht hie unb da ausslackemdcn OplimiSmu» für notwendig, nicht etwa, weil wir die Bedeutung und den Wert dieser Maßnahmen, wie sie von der Reichsbahn unb ReichSpost bereits cingcleitet sind, berabminbem wollen. ES ist aber durchaus wichtig, etwaigen Enttäuschungen vorzubeugen. Denn man kann nicht verkennen, daß da» älm- fichgreisen ber Arbeitslosigkeit in Sommermona­ten, die normalerweise bic höchsten Beschästi- gungSzifsern aufweisen müßten, in ben betroffe­nen Kreisen eine begreifliche Erregung erzeugt bat. bie von politischer Gewissenlosigkeit durch demagogische Wahlagitation immer noch weiter geschürt wird. Diesem Pessimismus, dieser Mut­losigkeit unb Verzweiflung gilt es Schach zu bieten, unb wir freuen unS beShalb, baß bas Auftragsprogramm von ReichSpost unb RcichS- babn zur rechten Zeit bekanntgeworben ist. Gleichzeitig aber möchten wir auch ber bringen­den Erwartung Au-druck geben, daß nun daS Arbeitsministerium erklärt, wie eS mit feinen ArbeitSbefchaffungSmabnahmen steht. Dr. Stcgerwalb hatte ja schon vor geraumer 3cit ein zusätzliches Dauprogramm und an­dere Aktionen in Aussicht gestellt, die insgesamt gleichsallS wieder hundert bis hunbertzwanzig- tausend Erwerbslose in ben WirtschaftSprozcß einglicbcm sollten. Es ist durchaus erforderlich, baß der Oesfentlichkcit auch hierüber einwanb- freie unb klare Mitteilungen zugehen, unb eS ist ebenso wichtig, daß die Arbeitsbeschaffung auf der ganzen Linie nach einheitlichen Ge­sichtspunkten durchgeführt wird, um den höchstmöglichen Grad an Wirksamkeit zu erzielen. Man darf daS psychologische Moment, daS in geregelter Dauertätigkeit, in regelmäßigem Okrbicnft unb Wiederherstellung normaler Kon- sumverhältnisse liegt, nicht zu gering veran­schlagen. Die Impulse, de der Wirtschaft dadurch zuflicßen. sind in ihrer Auswirkung mindesten- ebenso groß wie die, bic sich an Hand von Lohn­summen unb DerdienstsPannen ziffernmäßig er­rechnen lassen. Der erste Schornstcm, Der erste Hochofen, ber wieder angcblafen wird, sic sind für die äleberwindung der seelischen Krise nicht

die AchilleSscrse Rumäniens. Sowjet­rußland hat die Annexion nicht anerkannt und hat wiederholt unb energisch gegen die Besitz­ergreifung durch Rumänien Protest eingelegt.

AIS der Weltkrieg zu Ende war und das Zarenreich zerfiel, da ergriff Rumänien die Ge­legenheit, seine 1876 nach bem Türkenkriege zwangsweise an Alexander II. abgetretene Pro­vinz Bessarabien vor dem Ansturm ber Roten Slut zu retten und sie sich wieder einzu­verleiben. Die Großmächte, zuletzt Italien, haben die Annexion, ohne auf die sowjetrussischen Proteste zu achten, anerkannt. Damit schien die Frage für die große Politik erledigt, bis sich nun, wie eS der Artikel der offiziösen .Milliet" beweist, die Türkei an bie Seite Ruß­lands gestellt hat unb dadurch dem bessarabi- schen Problem eine neue Wendung gibt. Der Streit um Bessarabien ist aber eng mit dem Ringen um die Machtsphären am Schwarzen Meer verbunden, denn tm Drängen Rußlands nach dem Bosporus unb ben Darbanellcn ist Bessarabien eine nottoenbige unb vortreffliche Flankendeckung. Wenn also, wie angenom­men werden muß, der Artikel der .Milliet" in der Kanzlei Kemal Paschas inspiriert worden ist, so schließt er zum mindesten eine Unfreundlich­keit. wenn nicht eine Drohung für Rumänien ein.

Der Traum ber Herrschaft über den Bosporus unb die Dardanellen, in den sich die Dessarabische Frage als bedeutsame Debenerscheinung einsügt, ist von Rußland st e t s geträumt worden. Schon Zar DikolauS I. sprach vom .KrankenMgnn am Bosporus", worunter der Sultan gemeint war. und bereitete sich darauf vor. seine Erb­schaft anzutreten. Es war sein Wunsch, als Pro­tektor der griechlsch-ortbodoxen Christenheit das Kreuz auf der Hagia Sophia in Konstantinopel aufzupflanzen. In den Kriegen Rußlands mit der Türkei ging ber Kampf stets um bic Herrschaft über bic Darbanellcn unb über Konstantinopel, über das .brüte Rom". Im Frieben von S a n Stephan o, nach bem Siege über Die Türken, war Alexander 11. nahe an der Ver­wirklichung bicscS Wunschbildes. Da aber mischte sich England ein, Rußland wurde gezwungen.

fügten sich angenehm ins Ensemble: mehr läßt sich nach diesen unbedeutenden Chargen vorläu­fig kaum sagen.

befürchtet und mit der Veröffentlichung zögert, Ader Safonow will den russischen bereits erlah­menden Kriegseifer von neuem anfachen und bae Volk durch den ..Byzantinischen Traum" trunken machen. 6r fetzt feinen Willen durch und das Abkommen wirb unter Iubelfansaren ber .Dowoje Wremja' unb ber gc'amten übrigen russischen Presse veröffentlicht. Gegen Kriegsende schon ist das Memorandum vom 12 März 1915 nicht viel mehr alS ein Fetzen Papier. Boe­der England noch Frankreich denken an seine DerwlMichung. Die öarcnrcgicrung schwank! und stürzt, unb nun begeht ber französische Botschaf­ter Paleologuc den 'Verrat an feinen Verbün­deten unb sendet an Briand ein Telegramm, worin er Den Minister auffordert, mit ber Türkei ohne Wahrnahmc der russischen Interessen FriedenSverhandlungen zu beginnen, linier der Regierung Kerenskys wird baS Prinzip eine- Frieden» ohne alle Annexionen augcftcut, aber dennoch sendet ber damalige Außenminister Miljukow ein Telegramm nach London, worin er feststellt, daß der Verzicht auf Annexionen nicht bie Ansprüche Rußlands auf die Meerengen in sich schließe.

Jetzt, nach zwölf Jahren sind e» bic Bolsche­wiken. die durch ihr Bündnis mit ber Türkei bie Dardanellenfragc wieder auf leben lassen, ilm bic russifch-türli'chen Beziehungen zu beleuchten, mag hier an die Worte KarachanS erinnert wer­den. der vom Kreml nach 'Angora entsandt wurde, um den Vertrag vom Jahre 1925 zu ergänzen. Er saate. daß zwar Rußland und bic Türke» je eine Großmacht seien, aber vereint seien sic zehnmal größer.

Man erinnert sich, daß vor einigen Monaten russische Kriegsschiffe unter ber stillschweigenden Duldung der Türkei bic Darbanellcn durchfuhren, ohne Die in Konstantinopel tagende Meer­engenkommission zu befragen. Sowjetruß* * lanb hat zwar ben Vertrag von Lausanne, burch den die Meerengenfrage geregelt wird, nicht unterschrieben, wohl aber wäre bic Türket verpflichtet gewesen, sich an bie Bestim- mung dieses Abkommens zu halten. Die nichtautorisierte Durchfahrt der KricgSschllffe erregte begreiflicherweise in Bukarcst baS unangenehmste Aufsehen, da da» Kräfteverhältnis im Schwarzen Meer dadurch zu ilngunften Rumäniens verschoben wird. Der rumänische Delegierte in der Meerengenkommis- sion legte scharfen Protest ein, ber aber erfolg- I o S blieb, ba Rumänien keine Garantien von ber Türkei erhalten konnte, daß die Türkei nicht wieder russischen Kriegsschiffen bic Dardanellen öffnen würbe. Die Türkei besitzt keine nennens­werte Kriegsflotte, Wohl aber können die russi­schen Kriegsschiffe im Schwarzen Meere bei Frei­gabe ber Dardanellen beliebig verstärkt werden und würden daS Oestllche Mtttclmeerbecken be­drohen.

Die türkischen Zeitungen weisen darauf hin, daß der Kurdcnaufstand vom britischen .In­telligence Service" finanziert'und mit Waffen un­terstützt würde, um die Türkei mit Persien in einen Konflikt zu verwickeln unb um bas Gin* verncchmen mit Sowjetrußlanb zu stören. In frü­heren Jahrzehnten finb hundert diplomatische Intriguen um bic Schwarzmeerproblemc gespon­nen worden: schwere Kriegskonflikte sind am Bosporus entstanden. ES will nun scheinen, al» ob wie Gespenster wieder alle die Methoden auf* leben sollen, die vor dem Weltkriege im nahen Orient üblich waren.

Es bleibt noch zu sagen, daß der Wettergott, trotz schlimmen Befürchtungen und schauder­hafter Prognose, sich gnädig gesinnt zeigte. Der Besuch war recht gut; Der Beifall verdien« termaßen freundlich. hth.

2luch in der Besetzung sah man großenteils recht beachtliche Leistungen. Mehrere neue Mit­glieder unseres Ensembles füllten sich vor. Jochen Hauer spielte den Biron im Gefolge bes Königs: mit Laune und frischem Ternpcra- ment auf einer mittleren Linie zwischen Hel­den und Liebhaber, auch körperlich erfreulich ge­löst. aber im Vortrag gelegentlich zu schnell und nicht immer klar verständlich. Hilde Schwend (Prinzessin) als Wortführerin auf bet Gegenseite hinterlieh einen lehr sympathischen Einbruck: gute Erscheinung: klare, klingende 'Sprache: gepflegtes Spiel. Walter Bäuerle. Der sich als Carlos im .Clavigo" vortrefflich eingeführt hatte, gefiel unS in der Rolle deS Don Adriano weniger: er wirkte ein toenig ge­quält und gehemmt, und die pathettsche Komik der Gestalt scheint ihm nicht sehr zu liegen. Ebenfalls neu engagiert: Agathe Walther* Sebeter unb Reinhold Schelcherf beide

Volk kehrt sich nicht daran, und die gefürsteten Echt shakespearisch sind schon der lockere Szenew Kavaliere vermögen ebenfalls nicht lange ihr *-tr-r -r " " ------

Gelübde zu wahren. Dach allerlei lustspielhaft- konventionellen Verwicklungen mündet das Stück in die heitere Szene, wo die vier insgeheim ver­liebten Herren einer nach dem anderen ihre Leidenschaft gestehen und sich gegenseitig in Schwüren und Schwärmerei überraschen unb er­tappen. Da beschließen sie, ihren Eib zu brechen und ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen.