ungarisch« Wirtschaft jene Veränderung, die in der deutschen Wirtschaftspolitik der Nachkriegszeit zutage getreten ist. Gewiß bringt das ungarische Volk jenen Bestrebungen, die das Deutsche Reich zum Schuhe seiner Landwirt- schäft entfaltet, Verständnis entgegen, doch gibt es auch solche, die im Hinblick aus die schweren 'Folgen der deutschen Wirtschaftspolitik für Ungarn diese als eine Absperrung bezeichnen und deshalb fordern, es solle auch Ungarn eine Wirtschaftspolitik betreiben, die sich ausschliehlich sein eigenes Interesse vor Augen hält. Ich Wunsch« ausrichtig, dah die unmittelbare Berührung mit den maßgebenden deutschen Staatsmännern das Bestreben begünstige, ungeachtet aller bestehenden Schwierigkeiten solche wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Nationen zu schassen, die den Interessen beider Staaten in gleicher Weise dienen.
Als Gast beim Reichskanzler.
Das gemeinsame politische Ziel.
Berlin, 22-Nov. Reichskanzler Lr.Brüning gab im Reichskanzlerhause zu Ehren des ungarischen Ministerpräsidenten Grafen B e t h l e n und seiner Begleitung ein Essen, an dem neben den Reichsministern und den Nlit- gliedern der ungarischen Gesandtschaft der Präsident des Reichstages, Vertreter des Reichsrates, führende Parlamentarier, Spitzen von Reichs- und Staatsbehörden sowie der Kirchen, Angehörige der ungarischen Kolonie und führende Vertreter der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Presse teilnahmen. Während Des Festmahles, das i n dem Kongrehsaal von 1 878 stattfand, hielt
der Reichskanzler
eine Ansprache, in der er u. a. ausführte:
Herr Ministerpräsident! An dieser historischen Stätte des Berliner Kongresses heiße ich im Namen der Reichsregierung und des ganzen deutschen Volkes tEuere Exzellenz in unserer Reichshauptstadt aus das herzlichste willkommen. Die alte Geistesverbundenheit unserer beiden Völker bietet die sicherste Gewähr dafür, daß Ungarn und Deutschland stets in Freundschaft ihren nationalen Zielen zustreben werden, die sich mit einer dauernden und wahren Befriedung Europas in voller Übereinstimmung befinden. Cs ist unser gemeinsamer Wunsch, dieser auf unseren gemeinsamen kulturellen und politischen Idealen aufgebauten Verbundenheit a u f den Gebieten der Wirtschaft und des Güteraustausches immer stärkere Auswirkung zu verschaffen. Wir hoffen deshalb, daß sich trotz der Verschiedenheit der wirtschaftlichen Struktur unserer Länder ein Ausgleich der berechtigten Interessen finden lassen wird. Bei uns wie bei Ihnen ist die Zukunft voller Sorgen, und die Lösung schwierigster Probleme harrt ihrer Erfüllung. Aber ebenso, wie ich unerschütterlich fest an die Zukunft Deutschlands glaube, so bin ich auch überzeugt davon, dah Ungarn voll Vertrauen einer besseren Zeit entgegengehen darf. Ich erhede mein Glas auf das Wohl des Herrn Reichsverwefers, auf das Wohl Eurer Exzellenz und auf eine glückliche Zukunft der ungarischen NationI
Ministerpräsident Gras Beihlen
führte in seiner Antwort u. a. aus:
Ich brauche wohl nicht besonders hervorzuheben, wie gern ich der freundlichen Einladung d^r Reichsregierung gefolgt bin, mit welcher Sympathie meine Berliner Reise vom ungarischen Volk begleitet wird, dessen Interesse für das deutsche Volk in jahrhundertealten kulturel- fen und wirtschaftlichen Beziehungen, in Erinnerung an geschichtliche Ereignisse von größter Bedeutung tief verankert ist. Wit Bewunderung verfolgt das ungarische Voll den trotz aller Hindernisse ungebrochenen Mut, mit dem das Reich unter der sicheren und zielbewuhten Führung Eurer Exzellenz für eine bessere Zukunft kämpft.
Eurer Exzellenz anerkennende Worte für die Leistungen Ungarns in den jetzigen so schweren
Zeiten, Ihre Zuversicht in eine belfere Zu- kunft unseres Landes wird daher zweifellos in allen Schichten der ungarischen Bevölkerung lebhaften und dankbaren Widerhall finden. Ich bitte Euer Exzellenz versichert zu sein, daß die aufrichtigen Wünsche aller Ungarn das deutsche Doll auf seinem schwierigen und dornenvollen Wege des Wiederaufbaues begleiten: ganz Un
garn ist davon überzeugt, daß es dem Reich in xaher Zukunft gelingen wird, den ihm gebührenden Platz an der Sonne zurückzuerobern. Ich erhebe mein Glas auf das Wohl des in der ganzen Welt hochverehrten Herrn Reichspräsidenten, auf das Wohl Eurer Exzellenz und eine glückliche Zukunft des deutschen Volles.
Die Weilersüdkung
des SamemnMrosramms
parieisührerbesprechungen beim Reichskanzler. — Oer Reichskanzler fordert parlamentarische Erledigung bis Weihnachten.
Berlin, 23.Rov. (ERB.) Das Reichskabinett wird am Montag zu einer Sitzung zusammen- treten, in der in erster Linie die Frage der parlamentarischen Verabschiedung des Finanz- Programms besprochen werden wird. Möglicherweise dürfte die Beratung dann aber auch auf die Frage ausgedehnt werden, ob sich im Rahmen der allgemeinen Preissenkungsaktion auch eine Tarifsenkung der Reichsbahn ermöglichen lassen könnte. Dem Vernehmen nach soll der preußische Handelsminister Schreiber, der bekanntlich dem Preissenkungs- ausschuh des Reichskabinetts angehört, an die Veichsbahngesellschast ein Schreiben gerichtet haben, das die Frage der Tariffenkung zum Gegenstand hat.
Nach Abschluß der Reichsratsverhandlungen begannen die Besprechungen mit den Führern der R e i ch s t a g s p a r t e i e n wegen der parlamentarischen Erledigung des $i- nanz- und Wirtschaftsprogramms der Reichsregierung. Zuerst wurden die Vorsitzenden jener Fraktionen vom Reichskanzler empfangen, die der Regierung nahestehen. Wie die Blätter melden, hat der Kanzler bereits den Zentrumsabgeordneten Dr. Perlitius und den Führer der Volkspartei Abg. Dinge l deY empfangen. — Der „Dörsenzeitung" zufolge soll der Reichskanzler dem Abgeordneten Dingeldey erklärt haben, daß er eine Verschiebung des Finanz- Programms im Reichstag über Weihnachten hin
aus auf keinen Fall dulden tonne und von den Parteien erwarte, daß sie alles unterlassen, was die rasche parlamentarische Erledigung des Programms vereiteln könne. Um seinen Ausführungen noch besonderen Nachdruck zu verleihen. soll der Kanzler auch aus die Rückwirkungen hingewiesen haben, die eine Verschleppung des Finanzprogramms auf die kredit - politische Lage des Reiches zur Folge haben müßte. Wie verlautet, soll sich der Abgeordnete Dingeldey in „positiv zu stimmendem" Sinne geäußert, aber die letzte Entscheidung seiner Fraktion Vorbehalten haben. Die Besprechungen sind so gedacht, daß im Laufe der nächsten Woche sämtliche Parteien mit Ausnahme der Kommunisten empfangen werden, allo auch die Nationalsozialisten werden zu diesen Besprechungen zugezogen. Es heißt, dah der Reichskanzler von den Parteiführern bedangen wird, dah die 28 Sanierungsgesehe bis z um 2 1. Dezember die parlamentarische Erledigung finden. Für die Spezialberatung in den Ausschüssen soll eine Frist von 14 Tagen gegeben werden. Die erste Beratung über das Finanz- und Wirtschaftsprogramm soll drei Tage dauern und wenn möglich bereits in der Eröffnungssitzung am 3. Dezember beginnen. Für die zweite und dritte Lesung sind gleichfalls drei Tage vorgesehen, und zwar die Zeit vom 19. bis 21. Dezember.
Schwere Sonntagsstürme über Europa.
Orkanschäden in Karlsruhe.
Karlsruhe, 24. Nov. (TU.) Ein tomadoahn- licher Sturm, begleitet von schweren Ge- wittern und w o l k e n b r u ch a r t i g e m Regen, ging auch ähnlich wie im übrigen Deutschland über Baden hinweg. Ueberall hat der Sturm Schä- den angerichtet. In der Südstadt stürzte einer der kleinen Türme der L i e b f r a u e n 11 r d) e em. Die Trümmer durchschlugen das Gewölbe des westlichen Querschiffes und richteten im Innern der Kirche großen Schaden an. Der Einsturz erfolgte mit bonnerartigem Getöse, in den nahegelegenen Häusern glaubte man zuerst an ein Erdbeben. Auf dem Rhein peitschte der Sturm die Wellen meterhoch auf. Eine Hühnerfarm in der Umgebung von Karls- ruhe ist mitsamt den Hühnern vollständig vom Erd- hoben verschwunben. Im Harbtwold wurden Hunderte von Bäumen, zumeist Kiefern, geknickt. Ziegeln wurden in der Stadt von den Dächern gerissen; in der Schützenstrahe mußte ein Kamin abgetragen werden. Das Rheinbad im Max- auer Hafen wurde abgetrieben und liegt jetzt auf der anderen Rheinseite. Auch der Fern- sprechoerkehr wurde durch den Sturm in Mitleidenschaft gezogen, da besonders im badischen Oberland und in der benachbarten Pfalz zahlreiche Leitungen unterbrochen sind.
Oer Föhn knickt die Münchener Zunktürme.
München, 23. Nov. (WTB.) Der schwere Föhnfturm, der schon während der Nacht über München tobte, brachte heute früh die beiden
Funktürme des Senders München- Stadel heim zum Einsturz. Um 6,45 Uhr knickte der rechte, eine Viertelstunde später auch der linke Turm in etwa ein Drittel der Höhe zusammen. Beide Türme stürzten in Richtung Sudwest auf die freie Wiese, so dah wie durch ein Wunder weder Gebäudeschaden entstand, noch Menschenleben zu beklagen sind. Die übrige Sendeanlage blieb vollkommen intakt. Cs wird bereits daran gearbeitet, eine Behelfssendeantenne zu errichten.
Hochwasser an Rhein und Mosel
K ö ln , 23. Nov. (TU. Funkspruch.) Die Mo - s e l ist seit Samstagabend um 60 Zentimeter gestiegen. Die Uferstrahen sind von Trier mosel- wärts überflutet. Der Straßenverkehr nach Ruwer, das halb unter Wasser steht, muhte eingestellt werden. In der Nacht zum Sonntag tobte über dem Trierer Talkessel ein Gew itter , das von orkanartigem Sturm und ungeheuren Regenmassen begleitet war. 2rn Stadtteil Trier (West) reicht das Wasser bis zu den ersten Häusern am Ufer. Von der mittleren Mosel wird ein gefährliches Anwachsen des Wafserstandes gemeldet. In Lieser steht, die Mosel in den tiefer gelegenen Weinbergen. Verschied«ie im Unterdorf liegende Häuser muhten wegen Einsturzgefahr geräumt und das Vieh in Sicherheit gebracht werden. Aus der Eifel und vom Hochwald werden wiederum schwere Sturm- und Wasserschäden gemeldet. Licht- und Telegraphenleitungen sind überall unterbrochen. Bei Nettersheim (Eifel) er
trank ein 1 4jähriges Mädchen in der hochgehenden Urft, als es auf dem Schulwege einen Steg über den stark angeschwollenen Dach passieren wollte. In Ehrenbreit st ein und in der nördlichen Dorstadt von Koblenz steht das Wasser bereits in den Straßen. In der Rheinstrahe von Koblenz hat das Wasser die Wcrftanlagen überschwemmt und drohtindie Geschäftshäuser einzudringen. Das Deutsche Eck ist vom Hochwasser rings umgeben,
Sinken des Wafferstandes am Oberrhein.
Freiburg 24. Nov. (WTB. Funkfpruch.) Mit Eintritt niedrigerer Temperaturen haben die Niederschläge, die in der letzten Zeit bas Hochwasser bes Rheins zur Folge hatten, nach- gelassen bzw. bei aufklarenbem Himmel ganz auf. gehört. Infolgedessen ist ber Rheinwasserstanb langsam im Sinken begriffen. Zwischen Bafel unb Breisach ist der Rhein bis heute morgen um 20 cm gefallen.
Starke Lleberschwemmungen in Belgien
Drüssel, 22. Nov. (WTB.) Infixe wolkenbruchartiger Regenfälle traten die Flüsse des ganzen Landes über die Ufer und verursachten dadurch Flurschaden. Im Laufe der Nacht überschwemmte die Sambre die niedrig gelegenen Viertel zahlreicher Gemeinden in der Umgebung von Charleroi. Zahlreiche Dewohner muhten ihre Hauser verlassen. Eine Fabrik zur Herstellung flüssiger Luft wurde überschwemmt. Sie dort aufgespeicherte Kohlensäure zog Wasser, was Gasausströmungen verursachte. Die der Fabrik benachbarten Wohnviertel mußten geräumt werden. Im Laufe des Morgens ereignete sich eine furchtbare Explosion. Neue Explosionen werden befürchtet, wenn sich der Wasserspiegel weiter heben sollte.
Schwerer Sturm an der Wasserkante.
Hamburg, 24. Nov. (WTB. Funkfprich.' Ter außerordenll.ch schwe.e Nordweststurm, der gestern bis in die Nacht hinein an der ganzen Wasserkante tobte, erreich.« teilweise Windstä.ke 12. Auf der Seewarte wurden bis 30 Sekundenmeter, also halbe Orkan stärke, gen^es en. In Hamburg drückten an der Schleuse am Graskeller di« anstürmenden Wassermas en sechs g.ohe Schaufenster eines Lederwarengeschäftes ein und schwemmten etwa 60 große und Meine Koffer mit sich fort. Durch das Hochwasser wurden u. a. auch das Postscheckamt, eine Kunsthandlung am Rödingsmarkt und das Weltwirtschaftsarchw in der Poststrahe in Mitleidenschaft gezogen. Das in die Keller- räum« eingedrungen« Wasser richtete an den wiisenschaftlichen Werken, di« hier untergebracht waren, Schaden an. Irn Laufe der Nacht lieh der Sturm merklich nach.
Die Sturmflut brachte Cuxhaven die feit Jahren nicht erreichte Höhe von 2,70 über Normal. Der Sturmwind peitschte mit einer Stärke von 7 bis 10 die hochschäumenden Wellen gegen den langgestreckten Cuxhavener Deich. Das ganze Auhendeichgelände, der alte Hafen und die anliegenden Straßen waren völlig überschwemmt. Vielfach sah man kleine Boote in den unter Wasser gesetzten Strahenzügen. Durch Schließen der Schotten ist der Stadtteil Alt- Cuxhaven gegen das Eindringen der Flut gesichert toorben. Von der „Alten Liebe", die völlig überspült war, war nichts mehr zu sehen, nur das Bootshaus ragte noch aus dem wildbewegten Element hervor.. Mit ungeheurer Wucht rollten die hohen Wassermiassen heran und nur noch etwa ein Meter fehlte, dann wäre auch die Deichkrone überspült worden.
Oeichbruch bei Berpedorf.
Hamburg, 24. Nov. (WTB. Funkspruch.) Infolge des orkanartigen Norbweststurmes brach in ben Abendstunden des Sonntags oei Bergeborf bas Verbindungsstück zu dem alten unb neuen Schleusengraben in einer Länge von etwa 30 bis 40 Meter. Die vor 10 Jahren gerünbete Kriegsbeschäbigten-
Hauch von Paris.
Don Albert H. tausch.
VIII. Soiree de Paris: „Oder Henriette’s“.
Pünktlich um sieben, als eben di« älhr auf dem Kaminsims des Nebenzimmers zu ihrem dünnen, rasselnden Schlag aushvll, erscheint Georges. Er ist der am besten gekleidete Mensch, den ich in Paris kenne. Blauer Anzug, blaue Krawatte mit winziger Perle, Lackschuhe, schwarz- blauer Mantel, abgesteppte englische Handschuhe, dunkelgrauer Filzhut mit schwarzem Band, Walallarohrstock mit goldenen Nägeln. In der Hand hat er ein kleines Paket. Niemals kommt er, ohne etwas mitzubringen. Diesmal sind es glacierte Früchte, die man ihm aus seiner Heimat geschickt hat. Ich gebe chm eine Zigarette. Er dankt: nicht vor Tisch. Wohin? Wir entwerfen das Programm. Er möchte gern „Chez Henriette’s“ in Montparnasse essen. Man hat ihm erzählt, es soll dort Sonntag abends sehr lustig sein. Ich zweifle. Er läßt nicht nach. Ich werde einen Tisch bestellen, sage ich. Gut. Es geschieht. Man bittet mich, sehr pünktlich zu sein, da es sehr voll werden wird. Georges freut sich. Wir werden lachen, sagt er. Wir gehen. Die Lust ist lau wie im Frühling. Ein leiser, feuchter Wind weht vom Seineufer her. Ich winke einen Wagen herbei. Der Chauffeur winkt ab und macht mit der Hand eine Bewegung nach dem Mund«: das heißt: er wird jetzt nicht fahren, da er vorerst zu Nacht effen muh. Dreimal erhalte ich die gleiche Antwort. Der vierte fährt. Seine Aussprache verrät den Russen. Es gibt viertausend russische Chauffeure in Paris. Flüchtlinge. Immer wieder schämt man sich, sich so dahinfahren ... das Trinkgeld in die feingegliederte Hand gleiten zu lassen ... Man mildert es mit dem abgezogenen Hut, mit der Zigarette aus dem Etui, mit einem kleinen Gespräch. Wissen wir, was uns allen noch bevorsteht? Nitchevö: Schicksalsmähig leben, heißt das ...
„Chez Henriette’s“ ist ein kleines, enges Restaurant in einer Seitenstraße des Boulevard RaspaiL Durch einen schmalen Gang gelangt man in die drei Zimmer, in denen gespeist wird. Alle Tische sind belegt. Vier Fünftel schon besetzt. Studenten aus guten Familien (nichts von der Atmosphäre des quartier latin), Künstler, junge Gelehrte, junge Frauen und Mädchen — und alle, dürre amerikanische Gestell« mit dicken Glaskugeln um den Hals und einem Geklimper
von goldenen Armbändern um die dünnen, blau- jeaöertcn Handgelenke... Haufenweise vertilgen ie die Austern, deren Meergeruch im Raum« schwimmt. Sie betrachten durch ihre Lorgnons die hübschen jungen Männer und tuscheln. Dann und wann kommt einer an ihren Tisch und tut so, als ob er ihnen die Hand küßte. Die Namen von Nachtlokalen fallen. Blicke bleiben haften. Von oben bis unten. Eine starrt Georges an, der beim Lächeln feine Zähne zeigt. Zwei — drei — vier starren Georges an, der den Kopf nach der Karte senkt... Stellen Sie zusammen, sage ich ihm, ich bin zu faul dazu. Leicht und nicht langweilig. Ich weih, daß chm das große Freude macht. Er nimmt ein Bhatt und schreibt auf: Austern, ein consommd froid, Kalbsmilcher mit jungen Erbsen und Kartoffelbrei, Artischoken, Ananas mit Kirsch, Mokka. Sieben Sachen zum Essen: noch nicht halb soviel wie in Deutschland ein einziges „Schnitzel ä la Holstein" — und doch doppelt soviel: und kostet keinen Groschen mehr. Den Wein bestelle ich, denn davon versteht Georges gar nichts: Ein „Chateau neuf du Pape“ wird getrunken, der ins Blut geht. Aus gan- dünnen, ganz großen Gläsern... Emilienne — pardon: Madame Emilienne, die Kellnerin, Gattin und Mutter von zwei Knaben — überprüft das Menu, bestätigt es — und eilt davon.
Am Nebentifch lassen sich Robby und Bobby nieder: das find zwei Karikaturentänzer, welche um zehn im „Empire“ auf treten. Sie haben Gesichter wie aus Email und große, wehmütige, graue Augen. Warum waren Sie gestern abend nicht bei der Spiläwa? fragt mich Robby... Es war foooo lustig. Die Derttni hat gesungen — gesungen sage ich Ihnen... Eine große, müde Blondine gesellt sich zu den Jungen. Sie ist sehr erregt, macht ihre Tasche auf, holt einen zerknitterten Brief heraus und wirft ihn hin. Lest! Lest diese Schweinerei! (Sie sagt es sehr, sehr leise.) Eine Dame, die ein« Photographie bei ihr hat machen lassen, verzichtet auf die Bilder — und will nicht zahlen. Ich flage, sagt die Blonde. Klagen, meint Bobby ... Klagen! Hast du den Auftrag schwarz auf weiß? Daß du noch immer nicht gescheit geworden bist! ,
Hervs Mangin begrüßt mich: Journalist eines liberalen Blattes. Sehr deutschfreundlich. Begeistert von Berlin. Begeistert von Hamburg... „Quelle vitalite, quelle force“ ... Ja, das sagen sie ja alle: daß wir Deutsche stark und lebendig sind — und davor haben sie Angst! Anstatt sich einfach mit uns zu verbünden — unter vernünftigen Bedingungen... Georges legt feine I Hand auf meine: Nicht, nicht, sagt er eindringlich.
Ich weiß ja, was Sie jetzt wieder denken! Nicht traurig werden... Unb er hebt das Glas...
Zwei wundervolle Frauen in großen Abendtoiletten (schwarz-rot-gold und weiß-rot-gold) betreten den Raum. Eine Welle von Mitsouko von Guerlain — Weh und brennend-süß zugleich — spült durch die Luft. Die Studenten starren die Bilder an, die sich nun an einem Tisch niedergelassen haben. Die Frauen sprechen zusammen. Ich kann nichts verstehen. Die eine hebt ihr Lorgnon auf Georges ... kurz, läßt es sinken ... hebt es wieder, auf mich ... läßt es fünfen... Ueberlegt ... fragt Emilienne ... resigniert schließlich. Nein, Madame, wir sind es nicht. Mich haben Sie auf keinem Rennen gesehen, und Georges nicht am Lido. Und zu einem Empfang gehen Sie auch nicht um 22 Uhr, obwohl Sie es hier alle Welt glauben machen wollen. Sie gehen um 22.30 Uhr in die „Jungle“ und tun so, als ob Sie von einem Diner kämen ... und um 24 Uhr gehen Sie ins „Oceanique“ und glauben schließlich selbst, Sie waren in der Oper und haben Strauß dirigieren hören ... und um 2 Uhr werden Sie einen schwarzen Kaffee im Select trinken ... und morgen früh, an der Schreibmaschine, finden, daß es sich eigentlich nicht lohnt, seine Träume so durch Montparnasse zu tragen... Doppelt nicht, wenn man so schön ist... Dann soll man — in Paris — versuchen, zu heiraten ... et de se faire une position dans le monde. Der Freund kommt dann — immer noch von selbst 1
(wird fortgesetzt.)
Rezepte für glückliche Ehen.
„Das Geheimnis meiner glücklichen Ehe" — so lautet der Titel eines Buches, das soeben in London erschienen ist und in dem 15 Frauen hervorragender Männer dem Publikum das von ihnen in der Ehe angewendete „Rezept" vorlegen. So schreibt z. B. die Gattin des verstorbenen großen Dichters Joseph Conrad: „Nachdem wir geheiratet hatten, behielt Conrad so viel Freiheit, wie wenn er Junggeselle geblieben wäre. Ich wußte, daß die gewöhnlichen Beschränkungen, die durch die Ehe auf erlegt werden, etwas Kostbares in meinem Gatten hemmen würden, und ich beschloß, alle meine Vorurteile zu opfern, um nicht die Eigenart feiner Persönlichkeit zu vermindern, die ein Teil seines Genies war. Nur eine Frau, die ein tiefes Verständnis für ihren Mann hat, wird mit ihm glücklich leben können." Die Gatttn des jetzigen Staats- j sekretärS I. R. C l y n e s, der als einfacher •
Arbeiter feine Laufbahn begann, erzählt von den schweren Zeiten der Not in ihren ersten Ehejahren: „All das Elend und die Sorgen würden einen andern verbittert haben, aber bei ihm steigerten sie nur seine Begeisterung für die Sach« d«r andern, und niemals zeigte er mir, daß er litt; niemals wurde er zornig oder enttäuscht, niemals verlor er die Hoffnung, auch wenn alles gegen ihn zu fein schien. In diesen Tagen lernte ich seinen Charakter kennen und beschloß, mich seiner würdig zu zeigen. So Wuchs ich mit ihm zusammen." Die Frau des Abgeordneten M u n n i n g s ist der Ansicht, dah eine gute Gattin nie vergessen dürfe, daß ihr Mann ein unabhängiges Wesen ist. „Die Ehe bedeutet nicht, wie sie vielfach von Frauen aufgefaßt wird, ein Joch, das dem Mann aufgelegt wird, sondern sie muh ihm seine Freiheit lassen, nur dann wird fein Verantwortlickkeitsgefühl geweckt. Die Frau, die verlangt, daß ihr Mann ihr alles erzähle, was er tut, denkt oder träumt, macht selbst ihre Ehe unglücklich." Frau E d gar Wallace, die Gattin des vielgelesenen Erzählers, bekennt, daß sie durch die Zusammenarbeit mit ihm erzogen worden sei. „Als ich sah, wie glücklich ihm alles von der Hand geht, wie rasch und fröhlich er arbeitet, da beschloß ich, dasselbe zu versuchen und selbst Aufgaben auf mich zu nehmen, die mir verhaßt waren. Er tadelte mich nie, sondern half mit, wo es not tat, und so wurde ich feine dankbar« Gefährtin für Lebenszeit." Die Gemahlin des Feldmarschalls Lord Allenby steht noch auf dem altmodischen Standpunkt, daß Selbstlosigkeit und Aufopferung der Frau die beste Gewähr für eine glückliche Ehe fei. „Wir kannten noch nicht die heute beliebte Selbstvergötterung", schreibt sie. „Wir hatten noch den festen Glauben, dah man in der Ehe für feinen Mann leben muh, und so wurden wir nicht nur gute, sondern auch glückliche Ehefrauen."
Sochschulnachrichten.
Rektor und Senat der Technischen Hochschule zu Darmstadt haben auf einstimmigen Antrag der Abteilung für Chemie Herrn Dr. Adolf Spiegel in Darmstadt in Anerkennung der hervorragenden Verdienste, durch die er in rastloser Arbeit unb mit unbeugsamer Energie bie beutsche Oelschiefer-Verwertung in Messel bei Darmstabt zu hoher Blüte gebracht unb Vorbildliches auf diesem Gebiete geschaffen hat, die Würde eines „Doktor-IngenieurS ehrenhalber" verliehen.


