Ausgabe 
24.11.1930
 
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Nr. 275 Erstes Blatt

180. Jahrgang

Montag, 24. November 1930

Erscheint tügllch,außer Sonntage and Feiertag».

Beflogen: Die Illustriert,

Siebener Familienblätter Heimat im Dill» Die Scholle ®onots«Bejngspret$:

2.20 Reichsmark unb 30 Reichspfennig für Tröge» lohn, auch bei Richter« scheinen einzelnerRummern tnfolg« höherer Gewalt. Kernsprechanschlüsse

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Die Terrorwahlen in Ostoberschlesien.

Blutige Ausschreitungen von Banden polnischer Aufständischen. Schärfste Unterdrückung der Wahlfreiheit. Schwere Wahlniederlage der Deutschen.

Schwere Noheitsdelikte in Hohenbirken.

Bestialische Ausschreitungen der Polnischen Aufständischen.

Kattowih, 22. Roo. (TU.) lieber (Breuelialcn der polnischen Aufständischen werden folgende Ein­zelheiten bekannt: In hohenbirken haben in der Nacht zum Donnerstag die Aufständischen, die in einem Lastauto von auswärts erschienen, stunden­lang gehaust u.,d nicht nur den Vertrauensmann der Deutschen Wahlgemeinschaft, Neugebauer, son­dern auch eine Reihe weiterer Deutscher aus ge­radezu bestialische weise mißhandelt. Neugebauer selbst ist so zugerichtet worden, dah er am ganzen Körper blutunterlaufene, dick geschwollene Stellen Hal. Nachdem er etwa eine Viertelstunde lang mit Knüppeln und Stöcken bearbeitet worden war, bat er iu der Verzweiflung seine Peiniger, ihn zu erschießen. Als daraufhin einer der Aufständi­schen einen Revolver aus Neugebauer anlegte, sprang dessen Tochter, die die Mißhandlungen ihres Vaters mitansehen muhte, hinzu und bat, den Vater am Leben zu lassen und lieber sie zu töten. Neugebauer sollte dann schwören, dah er am kommenden Sonn­tag die Liste der Regierungspartei wählen wurde. Als er das ablehnte, begannen die Mißhandlungen von neuem, bis Neugebauer bewuh110 s zu­sammenbrach.

In mehreren Nachbarhäusern wüteten die Auf­ständischen mit der gleichen viehischen Roheit. Lin Deutscher namens Wandrysz ist so zugerichtet wor­den, dah er heute noch nicht sprechen kann, und die Aerzte an seinem Aufkommen zweifeln. Selbst Kinder wurden von den Aufftändifchen nicht geschont. Bei dem planmäßigen vorgehen der Banditen wurden zahlreiche Schüsse abgegeben. Die heimgesuchten Häuser bieten ein Bild ro ü ff eft er Zerstörung. Die P 0 l i; e i, die in der Nähe der überfallenen Häuser untergebradjt ist, will weder die Schüsse noch die Schreie der Mih- handellen noch das Klirren der Fen­sterscheiben gehört haben.

Oer zweite Wahlsonntag.

Terror bis zum letzten Augenblick. Lchärfstc Äontrolle der Wähler.

Kattowih, 23. Olob. (TU.) Die polnischen Aufständischen haben ihre Ausschreitungen bis zum letzten Augenblick fortgesetzt. Selbst in den Straßen von Kattowih wurden am Samstagabend durchPrügelkommandos" deutsch­sprechende Bürger mißhandelt. Diel schlimmer ging cs in den Landgemeinden zu. Dabei kam es auch zu Zusammenstößen zwischen Aufständi­schen und dem Selbstschutz der polnischen Oppo­sitionsparteien. 3n Gollaschowitz wurde dabei ein Polizeibeamter erschossen.

Am Wahlsonntag scheint es nicht so schlimm zugegangen zu fein als in den letzten Wochen. 3edoch kann d o n einem ungestörten Ver­lauf der Wahlen keine Rede fein. 3n den meisten Landgemeinden wurden die Ver­trauensleute der deutschen Parteien durch Aufständische aus den Wahllokalen her­ausgeworfen. 3n den meisten Stimmbezirken sind >. aher die Wahlen ohne Kontrolle durch deutsche Vertrauensleute vor sich gegangen. 3n einigen Wahllokalen waren Verschlüge von einem Meter alsWahlzelle" ausgestellt, so daß es den Wählern unmöglich war, die Stimmzettel unbe­obachtet in den Umschlag zu tun. 3n Kattvwitz übten höhere Eisenbahn beamte eine regelrechte Kontrolle über die Wahl der Eisenbahnbeamten aus, die ihre Stimmzet­tel zeigen mußten (!!). Wenn diese nicht die Dummer der Regierungspartei trugen, wurden sie durch entsprechende Stimmzettel er, setzt. Bei dieser Lage kann von einerWahl" in Ostoberschlesien überhaupt nicht gesprochen werden. Die Wahlbeteiligung war auch dementsprechend schwach. 3nsvlge der Einschüchterung der Bevölke­rung auf dem Lande laufen diesmal die Wahl­resultate außerordentlich, schleppend ein.

Rach den bisher vorliegenden Meldungen sind in der Rächt zum Sonntag und am Sonntag sechs Tote als Opfer des Wahlter­ror s zu verzeichnen. Die Streichungen von Min­derheitenangehörigen auf den Wahllisten werden unter Grundlegung der von der polnischen Presse gemachten Angaben auf mindestens 15 000 bis 20 000 geschätzt. Daß der Wahlterror sich dies­mal noch viel schlimmer ausgewirkt hat als bei den Wahlen am vergangenen Sonntag, erhellt aus dem bedeutsamen Rückgang der Stimmen überhaupt. 3n Wilczek drangen heute in den ersten Rachmittagsstunden acht bis zehn unifor­mierte Aufständische in sämtliche Wahllokale ein, um die deutschen Vertrauensleute zu entfernen. Wer das Wahllokal nicht freiwillig verlassen wollte, wurde mit Knüppeln und Stöcken bearbeitet. Die Polizisten ft a n b en dabei, ohne dagegen einzuschreiten. 3n

Lipinh wurde ein Hüttenmeister schon seit vier Tagen in den Abendstunden belästigt. Am Sams­tag unternahmen kurz vor Mitternacht etwa 80 bis 90 Aufständische einen Generalangriff gegen seine Wohnung. Rachdem zunächst die Fensterläden mit Ziegelsteinen beworfen wor­den waren, wodurch 28 Scheiben in Trümmer gin­gen und eine zweite Abteilung die Haustür be- ranntc, gab der Bedrängte Schreckschüsse ab. Dies veranlaßte schließlich die Aufständischen, von ihrem Vorhaben abzusehen. Sie gaben dann auf der Polizeiwache an, daß sie von dem Hütten­meister beschossen worden seien, als sie ruhig ihres Weges an seinem Hause vorbeigekommen seien.

Das Wahlergebnis.

schwere Einbußen der Deutschen.

Warschau, 24.Noo. (WTB. Funkspruch.) Bei den Wahlen zum Schlesischen Sejm erhielten die Regierungspartei 19 Mandate (im letzten Sejm 10), Korsanty-Partei 19 (16), die Deutsche Wahlliste 7 (15) und die Sozialisten insgesamt 3 (davon zwei Deutsche, früher fünf) Mandate. Die Kommunisten, die im letzten Sejm über zwei Mandate verfügten, erhielten diesmal kein Mandat. Die Verschiedenheit der Wahllistennummern der Deutschen wahlgemein- schoff (Sejm und Senat) hat sich verhängnisvoll aus­gewirkt. Die äußerst zahlreichen Verwechslungen haben einen außerordentlichen Stimmenverlust zur Folge, da die Zahl der falschen Stimmscheine bedeu­tend ist.

Calonder interveniert.

Feststellungen in Hohenbirken. Ausreden Graczynsti.

WTB. Kattowih, 22. Rov. Präsident Ca­lo n de r ist gemeinsam mit dem polnischen Mit­glied der Gemischten Kommission M 0 r a w s k i sowie dem Leiter der Sicherheitsabteilung der Woiwodschaft 3 d c i k 0 w s k i, dem Starosten von Rybnik Wyglenda, dem Vorsitzenden des Deutschen Volksbundes Fürsten v. P leh, dem Geschäftsführer Ulih und dem Abgeordneten 3ankowski nach Hohenbirken gefahren, um sich persönlich von den Ausmaßen der Aus­schreitungen gegen Deutsche zu überzeugen. Heber die Vorgänge wurde von der Gemischten Kommission ein genaues Protokoll ausgenommen. Die Mißhandelten erklärten ausdrücklich, daß sie sich als Deutsche fühlten und auch Deutsche bleiben wollten, obwohl sie sich völlig schutzlos fühlen, da die Poli­zisten mit den Aufständischen ge­meinsame Sache machten.

Von Hohenbirken fuhr die Kommission nach W a I e f a Gora, wo der Deutsche Geiske am hellichten Tag von Aufständischenverhaftet", in einen Wald geführt und in der schlimm­sten Weise mißhandelt worden war. Bei der Befragung durch die Kommission konnte sich Geiske nicht auf den Füßen aufrecht erhalten. Don Angehörigen der deutschen Minderheit wurde der Kommission die Bitte unterbreitet, sich dafür einzusehen, daß der Gemeindevor­steher und der Polizeipostenkommandant des Ortes abgeseht werden, da sie kein Vertrauen zu diesen Behördenvertretern hätten. Präsident Calonder intervenierte dann auf Ersuchen des Deutschen Volksbundes beim Woiwoden Graczynski wegen der Flugblätter des Auf­ständischenverbandes und wegen der Wahlterror­akte. Rach dem Bericht desKrakauer 3lluftrier» ten Kuriers" soll der Woiwode dem Präsidenten erklärt haben, daß die Flugblätter sich nicht gegen die Gesamtheit der deutschen Minderhett richten, sondern lediglich gegen eine ihrer polv- tischen Parteien. Wenn es in einzelnen Fällen zu Terrorakten gekommen sei, so liege das an der großen Erregung der Gemüter. Oie Senatswahlen in polen.

Die Deutschen behaupten ihre Mandate in Posen und Äattowitz.

w a r s ch a u , 24. Noo. (TU. Funkspruch.) Die Se- natswahlen haben viel geringeres Inter­esse als die Wahl zum Sejm am vergangenen Sonntag gefunden. Die Wahlbeteiligung dürfte nicht viel mehr als 60 0. h. betragen. Der Senat verfügt über 111 Sitze; die Senatoren werden aus 17 Wahl­kreisen, die sich mit den Woiwodschaften decken, ge­wählt. Nach den ersten vorläufigen Berechnungen dürften in Warschau von den vier Mandaten drei dem Regierungsblock und ein Mandat den Na­tionaldemokraten zufallen. Damit hätten die Iuden zugunsten des Regierungsblocks ein Mandat ein- gebüßt. In Pofen werden die Nationaldemokraten voraussichtlich drei, der T. .gieruugsblock zwei und die Deutsche Liste em Mandat erhalten. Somit hätten die Deutschen ihr Mandat behauptet. Kandidat ist der bisherige Senator Dr. B u s f e, der früher dem Preußischen Landtag angehörte.

In der Woiwodschaft Schlesien haben von den 454 000 wahlberechtigten 409 000 abgestimmt, von den 360 000 gültigen Stimmen entfielen auf die Korsanty-Liste 136 000 Stimmen, auf die Regie­rungspartei 135 000 Stimmen, auf die Deutsche wahlgemeinschaft 68 000, auf die Sozialisten 15 000 und auf die Kommunisten 4200 Stimmen. Die Korsanty-Partei stellt demnach im Senat aus der Woiwodschaft Schlesien zwei Abgeordnete, gegen bisher einen, während die Regierungspartei ihren zweiten Sih verloren hat und ebenso wie d i e Deutsche Wahlgemeinschaft, die sich behaupten konnte, nur mit einem Abgeordne­ten in den Senat einziehen wird.

Gründung einer Lappo-Organisation in Finnland.

H e l f i n g s 0 r s. 23. Rov. (WTB.) Eine Dele- giertcnocrfammlung der Lappo-Bewegung, an bet ungefähr 800 Vertreter teilnahmen, beschloß den Zusammenschluß der Bewegung au einer straffen gesetzlichen Organisation zur Unter­drückung des finnischen Kommunis­mus, und zur Erziehung in starkem, vater­ländischem Geist. Gleichzeitig beschloß die Ver­sammlung, den jetzigen Staatsminister und frühe­ren Reichsverweser S v i n h u f v u d als Kan­didaten für die bevorstehende Präsidenten­wahl aufzustellen.

Oie ungarischen Gäste in Berlin.

Graf Bethlen beim Reichspräsidenten.

Berlin, 23.Rov. (WTB.) Reichspräsi­dent v. Hindenburg empfing den Besuch des in Berlin eingetroffenen ungarischen Mi­nisterpräsidenten Graf Bethlen, der von dem hiesigen ungarischen Gesandten v. K a n h a be­gleitet war. Mittags gab der Herr Reichs- Präsident zu Ehren des Grafen und der Gräfin Bethlen ein Frühstück, an dem außer den un­garischen Gästen und ihrer Begleitung u. a. die Mitglieder der ungarischen Gesandtschaft, der Reichskanzler, Reichsminister Dr. Cur- ti u s sowie der Chef der Heeresleitung General Freiherr v. Hammer st ein mit ihren Damen teilnahmen. Graf Bethlen besuchte am Sonntagvormittag zunächst die Berliner staat­lichen Museen. Darauf begab er sich nach dem ungarischen 3 n ft i t u t der Ber­liner Uniberfität, wo ihn dessen Leiter, Professor v. Farkas, begrüßte.

Hm 14 3hr gab der ungarische Gesandte von Kanha zu Ehren des Ministerpräsidenten ein Finihstück, an dem u. a. Reichskanzler Dr. Brü­ning, Außenminister C u r t i u s und Frau, Staatssekretär von Bülow, Generaloberst D«o n Seeckt und Frau sowie der italienische und der türkische Botschafter teilnah- men. Am Rachmittag setzte Graf Bethlen seine politischen Besprechungen fort Am Abend fand im Collegium Hungaricum ein Empfang zu Ehren des Ministerpräsidenten statt, zu dem neben der Reichsregierung und dem Berliner Diplomatischen Korps Vertreter der deutschen und der ungari­schen Gesellschaft Berlins geladen waren.

Oeutschland und Ungarn.

Schwierigkeiten in der Wirtschaftspolitik.

Berlin, 23. Rov. (WTB.) Der in» und ausländischen Presse erklärte Ministerpräsident Gras Bethlen auf einem Empfang in der Ge­sandtschaft u. a.:

Es tut mir besonders wohl, mich inmitten eines Volkes zu fühlen, mit dem Ungarn eine vielhundertjährige historische und kulturelle Tradition verknüpft, mit dem wir den Weltkrieg als Waffenbrüder

durchgelämpst haben. Die meistensad hoc" ein­getretene Zusammenarbeit unserer Völker hat mehr als einmal gute Früchte getragen, dies war z. B. der Fall in der Frage der Aushebung der intemattonalen militärischen Kon­trolle; es konnte auch auf anderen Gebieten, wie z.B. in der Frage der Minderheiten, durch dieses parallele Vorgehen ein gewisser Fortschritt erzielt werden. Diese sich aui un­serer Lage ergebende natürliche Art der Zu­sammenarbeit enttpricht der Situation beider Ra­ttonen. Das höchste Ziel beider Rattonen ist die Wiedererlangung der völligen Handlungsfreiheit mit friedlichen Mit­teln sowie die Wiederherstellung der Gleichberechtigung der Völker im internationalen Leben. Aus dieser Politik folgt die gleichartige Haltung, die wir in der Frags der Abrüstung einnehmen. Am meisten charakteristisch für das Verhältnis zwischen Deuttchland und Ungarn sind vielleicht jene innigen kulturellen Bande, die zwischen beiden Völkern seit 3ahrhunderten bestehen. Das ungarische Kollegium in Berlin, aus dem so viel tüchtige ungarische junge Leute hervorge­gangen sind, ist bloß eine der Quellen, aus denen deutsche Kultur nach Ungarn strömt.

3n Ungarn ist eine der wichtigsten Quellen deutscher Kultur und der Liebe zu dem deutschen Volkstum, die mehr als eine halbe Million Seelen zählende deutsche Minderheit. Sie ist ein sehr geschätzter Bestandteil des unga­rischen Staates und bewirkt, daß die Sympathie für deutsche Sprache, deutsches wesen und deutsche Individualität bis ins Innere des häus­lichen Lebens dringt. Ls war deshalb stets mein Herzenswunsch und wird auch in Zukunst mein vornehmstes Bestreben sein, dah dos wertvolle deutsche Element im ungarischen Staat mit seinem Schicksal zufrieden, im freien Gebrauch seiner Sprache und Kultur an der gemeinsamen

Arbeit des Wiederaufbaues teilnehmen möge.

3n allen maßgebenden wirtschaftlichen Kreisen Ungarns hat sich der Wunsch geäußert, es möch­ten die wirtschaftlichen Bande zwischen den beiden Völkern dem freundschaftlichen poli- ttschen Verhältnis Deutschlands zu Ungarn an- gepaßt werden. Schwer empfindet die gesamte

Der ungarische Ministerpräsident @raf Bethlen (links) verläßt in Begleitung des ungarischen Gesandten in Berlin v. Kanya (Mitte) das Reichspräsidentenpalais, wo er dem Reichspräsidenten von Hindenburg einen Besuch abstattete. >