Ausgabe 
24.3.1930
 
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die Mehrheit habe, und selbst wenn sie Lie Mehr­heit hätte, könnte sie nicht von heute auf mor­gen aus der kapitalistischen Wirtschaft eine so­zialistische machen. Jede Regierung müsse die Wirtschaft pfleglich behandeln: denn nur wenn die Schornsteine rauchten, gebe es Brot. Als grundsätzliche Gegnerin der kapi­talistischen Wirtschaft müsse sie doch mit den zunächst gegebenen Tatsachen rechnen. Dadurch bestehe die Möglichkeit der Zusammen­arbeit der Sozialdemokratie mit den bürger­lichen Parteien. Die Sozialdemokratie trage da­mit den Notwendigkeiten der Gegenwart Rech­nung, ohne ihre großen Zukunftsziele zu ver­leugnen oder gar preiszugeben. Sie habe in manchem umlernen, in manchem nachgeben müssen und sehe sich öfter in der Defensive als in der Offensive. Da die Volkspartei zu diesem Staat stehen wolle, müsse sie ihm auch die Mittel bewilligen, die er zum Leben brauche. Rach dem Parteitag dürfe man vielleicht hoffen, daß d i e Finanzreform in g,emeinsamer Ar­beit mit der Dolkspartei gelöst wer­den könne.

Oer Reichsstädiebund zum Seibstverwattungsgesetz.

Berlin, 22. März. Gesamtvorstand und Hauptausschutz des Reichsstädtebundes beschlossen einmütig, in Anbetracht der schlechten Finanz­lage der mittleren und kleineren Städte die dies­jährige Mitgliederversammlung aus Sparsam­keitsgründen aus fallen zu lassen. Bei der Beratung des neuen Entwurfs der Selbstver­waltungsgesetze wurde der Ue&ergang vom Zweikamm ersy st em zum Einkammer- s y st e m trotz mehrfacher Bedenken als zweck­mäßig anerkannt. Einmütig abgelehnt wurde die Absicht der Regierung, für die Städte unter 1OOOO Einwohnern ein Ausnahmerecht zu schaffen durch ihre Unterstellung unter die Staatsaufsicht des Landrates an Stelle der des Regierungspräsidenten, weil da­durch keine Berwaltungsvereinfachung, sondern das Gegenteil erreicht wird, und der Landrat als Leiter des kommunalen Kreisverbandes wegen der vielfachen Interessenkollision zwischen Land­kreis und kreisangehörigen Städten zur Aus­übung einer unparteilichen Staatsaufsicht nicht geeignet ist. Ebenso wurde der weitgehende Zwang zur Bildung von Zweckver- bänden auf Gebieten, die nicht zu den gesetz­lichen Aufgaben der Gemeinden gehören, ab - gelehnt. Beschlossen wurde der Aufbau eines kommunalen Revisionswesens zwecks regelmäßiger kassentechnischer und wirtschaftlicher Prüfung der gemeindlichen Kassen und Betriebe.

Tarifs orderungen derReichsbahn

Berlin, 23. Marz. CBN. (Eigene Meldung.) Bereits anfangs der Woche wird der Derwal- tungsrat der Deutschen Reichsbahngesellschaft zu­sammentreten, um über die Finanzlage des Unter­nehmend zu beraten und im Zusammenhang da­mit, wie schon jetzt feststeht, auf schleunige Bewilligung der Forderungen auf Tariferhöhung zu bringen. Lieber die schon in der Oeffentlichkeit bekannten Ziffern der hinter den Doranschlägen zurückbleibenden Einnahmen in den ersten beiden Monaten dieses Jahres hinaus hat auch im laufenden Monat stark die schlechte Entwicklung des Eisenbahnverkehrs an­gehalten. Bis vorgestern, also bis zum 20. März, blieben auch in diesem Monat die täglichen Ein­nahmen um mehr als 1 Million Mark hinter dem Soll zurück, und zwar sowohl im Personen- wie im Güterverkehr. Dabei sind die saisonmaßigen Schwankungen in diesen Berechnungen bereits berücksichtigt, und man stellt sich bei der Reichs- bahn schon jetzt darauf ein, daß infolge der Wirtschaftslage auch in den kommenden Monaten mit der zu erwartenden Belebung des Derkehrs doch die Llnterschiede zwischen den Doranschlägen und den tatsächlichen Einnahmen ungefähr die gleichen bleiben werden wie bisher. Infolgedessen

Gießener Stadttheater.

Richard Wagner:DerfliegendeHolländcr"

Rach der heroischen Opernwelt desRienzi" tritt in dem Schaffen Richard Wagners eine tiefeinschneidende, entscheidende Wendung ein; soweit meine Kenntnis reicht, vermag ich im Leben keines Künstlers eine so auffallende Um« Wandlung, in so kurzer Zeit vollbracht, zu ent­decken, als sie hier bei dem Derfasser jener beiden Opern sich zeigt, von denen die erste kaum beendigt war, als die zweite fast fertig schon vorlag." (Richard Wagner.)

Hatte er für den Rienzi das Textbuch quasi qls Librettist sich verfertigt, so begann er mit demFliegenden Holländer"seine Laufbahn als Dichter". Don jetzt ab wird unter den Stoffen seiner Werke das Reich der Sage, des Mythos, herrschend; im Gegensatz zu dem Einmaligen des Historischen fand er hier in der Verallgemeine­rung der Sage das Spiegelbild des Rein-Mensch­lichen, das immer wieder aufs Reue erlebt und durchlebt werden kann und das in dieser Le­benskraft zum berufenen Träger der dichterischen Idee und als Symbolverlörperung der ge­kündeten Weltanschauung zu gelten vermag.

In der Rigaer Zeit hatte Richard Wagner die Heinrich Heinesche Fassung der Sage vom fliegenden Holländer kennengelernt, und der Plan für eine Formung dieses Stoffes wird bei ihm noch durch sein eigenes unstetes Schicksal beson­ders bestimmt worden fein. Dazu kam das per­sönliche Erleben der nordischen Meereswelt auf einer von Stürmen heimgesuchten Seefahrt:Die Durchfahrt durch die nordischen Scharen machte einen wunderbaren Eindruck auf meine Phan­tasie: die Sage vom fliegenden Holländer, wie ich sie aus dem Munde der Matrosen bestätigt erhielt, gewann in mir eine bestimmte, eigen­artige Farbe, die ihr nur die von mir erlebten Seeabenteuer verleihen konnten. Ein unsägliches Wohlgefühl erfaßte mich, als das Echo der un­geheuren Granitwände den Schiffsruf der Mann­schaft zurückgab, unter welchen diese den Anker warf und die Segel aufhihte. Der kurze Rhyth­mus dieses Rufes haftete in mir wie eine kräftige, tröstende Dorbedeutung und gestaltete sich bald zu dem Thema das Matrosenliedes".

Während des darauf folgenden Aufenthaltes in Paris konnte Richard Wagner die Hoffnung hegen, daß ihm dieGroße Oper" die Kompo­sition eines Bühnenwerkes übertragen würde. Er entwarf deshalb einen Plan für die Dichtung des fliegenden Holländers, in dem er den Stoff

will man an die Regierung die dringende For­derung richten, dieser Forderung der Reichs­bahn durch Bewilligung von Tariferhöhungen unverzüglich Rechnung zu tragen.

Oie Genfer Wirtschafiskonferenz. Nm den Zottwaffenstillstand.

Genf, 22. März. (WTB.) Die Konferenz zur Stabilisierung der europäischen Handels­beziehungen hat ihre Arbeiten sachlich abge­schlossen. Die Schluhsihung mit dem Llnter- zeichnungsakt ist auf Montag 17 Llhr angeseht. Drei Dokumente liegen zur Unterzeichnung auf: 1. die Konvention zur Stabilisierung der europäischen Handelsbeziehungen, 2. das Protokoll über weitere Wirtschaftsver­handlungen zum Zwecke der Zollsenkung und des Abbaues der Handelshemm­nisse, und 3. die Schlußakte.

Sofern diese Dokumente nicht sofort in der Schlußsitzung unterzeichnet werden, kann die Un- terzeichnung bis zum 15. April 1930 nachgeholt werden. Ratifiziert werden muh nur die Kon­vention, und zwar müssen die Ratifikationsur­

kunden bis spätestens 1. November 1930 Beim Dölkerbundsekretariat niedergelegt werden. Tie Konvention erhält aber bereits mit dem Tage der Llnterzeichnung vorläufige Gültigkeit. Zur endgültigen Inkraftsetzung wird in der ersten HÄfte des November eine Konferenz der Staa­ten abgehalten werden, die die neue Konvention ratifiziert haben.

Eine vorläufige Abstimmung am Schluß der heutigen Sitzung ergab, daß fünf Staaten bereit sind, am Montag zu unterzeichnen, näm­lich Belgien, Deutschland. England. Frankreich und Luxemburg. Wcchrschein- lich werden aber gleichzeitig auch Holland, Italien, die Schweiz und Rumänien, also insgesamt neun Staaten, am Montag unter­zeichnen. Mit21 ein haben auf die Frage des Präsidenten geantwortet: Iapan, Spa­nien und Ungarn. Die übrigen 18 Delega­tionen machen die Entscheidung von den Instruk­tionen ihrer Regierungen abhängig. Die unga­rische Delegation hat ihre negative Stellung­nahme mit dem Hinweis auf das Zugeständnis begründet, das Oesterreich und die Tschechoslo­wakei in bezug auf die Kündigungsmöglichkeit ihrer Handelsverträge mit Ungarn gewährt wor­den ist.

für einen einzigen Akt zusammenfahte und auf den einfachen dramatischen Vorgang zwischen den Hauptpersonen zusammendrängteohne alles ihn jetzt anwidernde Opernbeiwerk". Den Entwurf überreichte er dem Direktor der Oper P i l l e t. Später trat er ihn, durch die Verhältnisse ge­zwungen, zur Weiterverwertung an die Oper ab gegen eine Entschädig rng von 500 Franken.

Mit diesen 500 Franken mußte der .Fliegend« Holländer' sofort von mir in Dichtung und Musik für Deutschland ausgeführt werden, während ich das .Vaisseau fantöme* seinem französischen Schicksal überließ." Zwei Ereignisse wirkten sich bei der Ver­tonung des Wettes besonders aus: einmal die er­freuliche Nachricht, daß derRienzi" in Dresden zur Aufführung angenommen sei, zum andern der Eindruck, den die Erstaufführung von Webers Freischütz" an der Großen Oper in Paris ausübte. In sieben Wochen wurde die ganze Musik bis auf die Instrumentation ausgeführt. Nur die Nieder­schrift der Ouvertüre verzögerte sich durch die Not­lage des Meisters um zwei volle Monate.

3m Anschluß an den ersten Entwurf war die Ballade der Senta, das Lied der norwegischen Matrosen und der Spukgesang der Mannschaft des Fliegenden Holländers entstanden. Die Sentaballade wurde die Keimzelle für das ganze Werk, stellt sie doch das Drama in konzentriertester Form dar. Sie gab die musikalischen Grundmötiv« für das geistig symbolische Geschehen der großen dramatischen Bal­lade, wie man die ganz« Oper durchaus nennen könnte, ab.

Die erlösende Wendung, die Heine schon der Hol­ländersage verliehen hatte, fand bei Richard Wagner ihre besondere Durchbildung und wurde zum trei­benden Grundproblem der ganzen Oper, die damit in eine ethische Sphäre gehoben wurde. Denn es ist bei Senta durchaus nicht eine Liebe, die auf irgend welchen sinnlichen Hintergründen basiert, sondern ein aus dem Mitleid herausgewachsener Wille zur Erlösung, eine zu ethischer Kraft erwach­sene Hingabe der Weiblichkeit. Um die beiden Haupt­personen in ihrem charakteristischen Wesen mit den Motiven ihres Handelns deutlich hervortreten zu lassen, stellte Wagner ihnen die Gestalt des Jägers Erik gegenüber. Er ist durchaus nicht ein sentimen­taler Mensch, der sich nicht zum entscheidenden Ent­schluß durchzuringen vermag; er ist im Gegenteil stürmisch, heftig, düster, wie der Einsame (nament­lich der nordischen Hochlande)". In diese Well ge­steigerten ethischen Empfindens, hoffnungsloser Zer­knirschtheit die aber trotzdem nicht den Gedanken an eine Errettung aus dem fluchbeladenen Lose gänzlich aufgeben möchte, ist Sentas Vater Daland gestellt; eine nüchterne, praktische Alltagsnatur, der

Auch die Landvolkpartei hinter Hindenburg youngplati/ polenabkommen und Ostprogramm.

K ö n i g s b e r g / P r., 22. Mürz. (Tel.-Un.) Auf einer Tagung der Vertrauensmänner der Christlich- nationalen Bauern- und Landvolkpartei in Königs­berg sprach der stellvertretende Vorsitzende der Par­tei, Landrat a. D. D r. Gereke, über die ffaats» und wirtschaftspolitischen Aufgaben des Landvolks. Die Unterschrift des Reichspräsiden- t e n unter die Haager Abmachungen und unter das deutsch-polnische Liquidationsabkommen habe in wei­ten Kreisen tief^tcs Bedauern erregt. Zweifel­los habe der Reichspräsident seine Entscheidung ohne Rücksicht auf die eigene Person gefällt. Die Be­gründung lasse erkennen, daß er nur unter den größten Bedenken und mit den stärksten inneren Vorbehalten die Unterschrift vollzogen habe. Die Landvolkpartei respektiere die Entscheidung des Reichspräsidenten. Das lege ihr aber auch die Ver­pflichtung auf, gegen die gehässigen Angriffe Stel­lung zu nehmen, die von verschiedenen Seiten heute gegen den Reichspräsidenten gerichtet würden. Der Reichspräsident habe sich, nachdem die Politik der absoluten Negation, die die Land­volkpartei stets abgelehnt habe, auf den Schild er­hoben war, gerade von jenen Im Stich gelaf- s e n fühlen müssen, die ihm die oberste Leitung des Staates anvertraut hätten. Das Landvolk lasse sei­nen Führer nicht im Stich, auch wenn es sich in einer politischen Frage zweifellos weittragenden Charakter nicht in Uebereinftimmung mit ihm be­finde.

Die Ueberzeugung von der Untragbarfeit des Poungplanes sowie von der Unmöglichkeit des deutsch-polnischen Liquidationsabkommens werde da­von nicht berührt. Besonderes Augenmerk müsse auf die Gefahren gerichtet werden, die dem O st e n aus dem Liquidationsabkommen, beffeirerfter Aus­fluß der nunmehr abgeschlossene deulsch-polnische Handelsvertrag sei, drohen. Gleich Hindenburg for­dere die Landvolkpartei nicht allem Nachdruck, daß über die mit aller Beschleunigung durchzuführenden Agrarmaßnahmen für die gesamte Landwirtschaft hinaus für den Osten unverzüglich außerordentliche Hilfsmaßnahmen e i n s e tz e n müßten. Wenn der Reichspräsident das, was er in feinem Brief an den Reichskanzler für unerläßlich halte, wirklich durchgeführt sehen wolle, so komme er um die notwendigen staatspoli­tischen Folgerungen aus der bestehenden parlamen­tarischen Lage nicht herum. Eine schnelle Hilfe für den Osten und die gesamte Landwirtschaft sei so dringend nötig, daß sie nicht auf die Dauer an­hängig gemacht werden könne von den parteipoli­tischen langwierigen Verhandlungen einzelner In-

essentengruppen. Jedes Bestreben des Reichspräsi­denten, dem verfahrenen Zustand ein Ende zu machen durch Anwendung der ihm verfassungs­mäßig zustehenden Mittel, werde die Partei be­grüßen. Sie werde gegebenenfalls über engere Parteischranken hinweg diejenigen Persönlichkeiten stützen, die nach dem Ostprogramm Hindenburgs durchgreifende Maßnahmen zur Rettung der Land­wirtschaft treffen wollen.

Neue Fronten.

Die Bottsnationale Neichsvereinignng.

Berlin, 22. März. (Priv.-Tel.) Seitdem sich im Frühjahr 1929 eine Füll« politischer Initiative Bei den Gruppen der jungen nach­wachsenden Generation in verschiedenen Grün­dungen geäußert hat, die angeblich sogar die Llnterstühung des damaligen Reichsauhenmini- sters Stresemann, man denke an die Front 1929, und auch des Reichsernährungsministers Diet­rich gewonnen haben sollten, ist es um diese Bewegungen in der Breiten Oeffentlichkeit stiller geworden.

Als selbständige Organisation hat eigentlich nur der Iungdeutsche Orden weiterhin Akti- vität entwickelt, die schließlich in einem Aufruf des Hochmeisters Artur Mahraun im vergan­genen Iahr zur Gründung der sogetzannten V o lks n a t i o n aIe n Re ich s v e re ini - gung ihren Höhepunkt fand. Inzwischen haben sich mehr oder weniger unabhängig vom Iung- deutschen Orden örtliche Gruppen der Volksnationalen Reichsvereinigung gzbilbet, die einmal dazu bestimmt sein sollten, als Grund­lage für einegroße bürgerliche Partei der nationalen Erneuerung" zu dienen. Die Vor­arbeiten sind jetzt soweit gediehen, daß, wie wir hören, am 5. und 6. April ein Vertre­te r t a g der schon gebildeten Kreisausschüsse der Volksnationalen Reichsvereinigung stattfinden wird, auf dem zum ersten Male ü^er die Bildung einer eigenen Satzung, einer eigenen Organi­sation und der Wahl eines eigenen Vorstandes beraten werden soll, da bisher der Vorstand nur provisorisch war und die organisatorische Arbeit von Mitgliedern des Iungdeutschen Ordens auf- tragdtoeife geleistet wurde. Mit diesem 2kr» tretertag am 5. April, der sich am nächsten Tag erweitert durch Abgeordnete der n»ch in Bildung begriffenen lokalen Organisationen, ist aber entgegen anders lautenden Meldungen noch nicht die Gründung einer eigentlichen neuen Par-

die Erlösungsmission [einer Tochter innerlich genau so fremd bleibt, wie das Sich-Klammern an einen letzten Hoffnungsschein des Fliegenden Holländers. Für Daland sind die Schätze, die der fremde Gast auf feinem Schiff mitführt, Werte, während sie für den Holländer Nichtigkeiten bedeuten, gegenüber feinem Hoffen auf Erlösung. Gemessen an Dalands Gestalt, wachsen Senta und der Holländer zu über­wältigender Größe empor.

Es ist bezeichnend für den dramatischen Stil, den Richard Wagner in diesem Werk zum ersten Male neu bildet, daß er dem Daland opern- hafte, mehr konVentioneUe Züge Verleiht, wäh­rend er in den Monologen des Holländers, in der großen Szene der Senta und in der Traum­erzählung des Erik Völlig neue musikalisch-dra­matische Werte erstehen läßt, die mit gewaltigem Schritt in die Zukunft weisen und ihre weitere Ausprägung in der nachfolgenden Reihe der Werke erfahren.

Die Inszenierung des Hessischen Lan­destheaters in Darmstadt (Renato Mordo) war abgestimmt auf sorgfältigste Liebereinstim­mung des musikalischen Geschehens mit der Hand­lung. Die Bühnenbilder (Lothar Schenck von Trapp) gaben, zumal im ersten und dritten 2lkt, dem gespensterhaften Erscheinen des Holländer­schiffes überzeugende Bildhaftigkeit und verstärk­ten damit die Llnmittelbarkeit der musikalischen Eindrücke. Die Massenszenen (Chöre der Ma­trosen, Spinnerinnenchor) wurden zum leben­digen Ausdruck des Grundrhythmus. In musi­kalischer Hinsicht waren die Chöre durchaus be­achtenswert durch Ausgeglichenheit des Klanges und stimmlichen Reiz. In der Eingangsszene des dritten Aktes, die die Chöre aktiv in den Verlauf der Handlung einbezieht, trugen sie ganz besonders zur Charakterisierung der inneren Gegensätze, die zwischen dem Matrosenchor unö der Holländermannschaft klaffen, bei.

In der äußeren Maske war man von dem traditionellen Holländerbild abgewichen; bart­los wirkte sich das Leidenvoll-Zerknirschte, Schmerzhaft-Verzweifelte durch die Deutlichkeit der Gebärde um so eindringlicher aus. Hier war Wagners Forderung dennoch erfüllt,daß es dem Darsteller gelingen müsse, das tiefste Mit­leiden zu erwecken". In der szenischen Gestal­tung wahrte er unheimliche grauenvolle Ruhe, die sein innerstes Erleben um so eindringlicher werden ließ. 2lls Sänger war Hans Kom- r e g g ganz erfüllt von seiner musikalischen Mission: fein überaus biegsames Organ lieh ihn alle Stadien im inneren Mitgehen vom verhal­tenen 2kr1onnenfein bis zur Höhe des aufflam­

tei verbunden, die man auf einen späteren Ter­min und entsprechend der politischen Entwick­lung hinausschieben wird. Es ist anzunehmen, daß Mahraun in den Vorstand der Volksnatio­nalen Reichsvereinigung gewählt werden wird.

Reben dem Iungdeutschen scheinen auch andere politische Organisationen wieder neue Aktivität entwickeln zu wollen, denn die im Frühjahr 1829 gegründeteFront 1929 und die Libe­rale Vereinigung des Iute-Industriellen August Weber planen neue Aktionen. Inter­essanter ist ein Artikel des Führers derReichs - gemeinschaft der jungen Volkspar­teiler, Frank Glahel, imDeutschen", in dem dieser Volksparteiler zum erstenmal die Möglichkeit erwägt, daß die politischen Ideen der jungen Generation nicht mehr auf dem Weg über die alten Parteien durchge- fetjt werden können.

Oer Stahlhelm zur Annahme des Houngplans.

Berlin, 23. März. (TU. Funkspruch.) Der Bundesvorstand des Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten, hat in seiner Sitzung vom 23. März einen Beschluß gefaßt, in dein es u. a. heißt:Wir erkennen die Annahme des Doung planes und des deutsch-polni­schen Liquidationsabkommens durch den Reichstag nicht als für das deutsche Volk verpflich­tend an. Wir sind entschlossen, jede politische Mög­lichkeit zu benutzen, um die Ketten der auf der Kriegsschuldlüge aufgebauten .Friedensverträge' und aller aus ihnen abgeleiteten Verpflichtungen jed­weder Art zu zerbrechen. Auch die Unterschrift des Herrn Reichspräsidenten ändert an dieser Auffassung nichts. Der Sieger von Tannen­berg und der große Führer des deutschen Heeres im Weltkriege bleibt für uns der erste Soldat der alten Armee. Dem Reichspräsidenten aber, der die Der- antroortung für die Verknechtung des deutschen Vol­kes auf Geschlechter hinaus glaubt auf sich nehmen zu müssen, vermag das Frontsoldatengeschlecht aus seinem Verantwortungsbewußtsein heraus nicht zu folgen. Wir haben das Vertrauen verloren, daß eine Regierungsgewalt, die dem deutschen Volke die Freiheit wiederbringen wird, unter dem heutigen System geschaffen und getragen werden kann von Parteien und von irgendeiner aus Parteiabgeordne­ten zusammengesetzten Volksvertretung. Wir fordern für den Staatsaufbau eine wahrhaft freie, von keiner Partei- und Jnteresfenpo- litik gefesselte Führung, eine starke Reichs­gewalt, unter deren Schutz und Förderung die Bun­desstaaten ihr Eigenleben zur höchsten Leistung für die Nation entfalten können. Wir fordern als Vor­bedingung des gesunden staatlichen Lebens die W i e» der a u fr i ch,t u n g der deutschen Wehr­macht, deren Grundlage die Erziehung der Jugend zur Ehrfurcht vor der großen Vergangenheit unseres Volkes zum Wehrwillen und zur christlich-sittlichen Lebensführung ist."

Aus aller Wett.

Ein neues schweres 5aw n^nunolück.

Landeck (Tirol), 22. Mörz. Freitag früh gegen 9 Uhr find bei der Jamtalhütte im Pa; - nauntal bei Galtür drei Damen auf einer Skitour durch eine tosgetretene Lawine ge­tötet worden. Es sind dies Frau Gertrud Hein­rich, Regierungsbaumeistersgattin aus Heilbronn, Lotte vergo aus Stuttgart und Helga Opitz aus Freiburg L Br., Tochter des verstorbenen Frei­burger Gynäkologen Geh. Rat Opitz, der vor feinet Berufung nach Freiburg Direktor der Gie­ßener Frauenklinik war und vor mehreren Jahren bei einem Autounfall ebenfalls in Tirol ver­unglückte. Außer den drei Damen wurden noch drei Herren, die sich in ihrer Begleitung be­fanden, von der Lawine verschüttet, sie konn­ten aber noch lebend geborgen werden. Die Leichen wurden nach Lttndeck gebracht, von wo sie in die Heimat der verunglückten übergeführt werden.

menden Affektes und zerknirschter Verzweiflung in stets edel beherrschter Art kundtun. Die Rolle der Senta hatte in letzter Stunde eine Llmbe- sehung erfahren müssen, für Rose Landwehr war Elsa Varena eingetreten; sie legte ganz besonderes Gewicht auf die in ihrer Rolle ge­gebenen dramatischen Akzente; die große Bal­lade im zweiten Akt wuchs sich zu einer sehe­rischen Vision aus; grob war sie in der Hollän­derszene; stark ihr Emdruck im letzten Akt. Hans G r a h l entsprach als Erik im zweiten Akt dar­stellerisch wie stimmlich den Anforderungen der Rolle; gesanglich war er auch im dritten Akt un­bedingt zu bejahen. Ob aber sein Umarmen der Senta hier mit dem dramatischen Geschehen sich vereinbaren läßt, muß doch stark bezweifelt werden. Wenn Erik überhaupt einen Anspruch auf die Gegenliebe Sentas hatte, war die Ent­scheidung durch Sentas Gelöbnis dem Holländer gegenüber gefallen. Unbedingt mutz sie makel­los aus der Szene des dritten Aktes hervor­gehen, im andern Falle würde das einen Bruch ihres Schwures bedeuten; die freiwillige Preis­gabe ihres Lebens würde aber dann ein Akt der Verzweiflung fein, dem die erlösende Kraft ab­ginge. Gerade dadurch verschärft sich ja der tra­gische Konflikt bei Wagner, dah der Holländer durch sein immer waches Mitztrauen beim Be­lauschen der beiden Befreundeten einen Bruch des Versprechens ihm gegenüber vermutet und dadurch der Verzweiflung anheimfällt.

In Theo Herrmann fand Daland eine sehr treffende Verkörperung, er wutzte seinen Part mit kleinen typischen Zügen auszustatten und gesanglich sehr fein zu charakterisieren. Sylvester Dunsel als Steuermann und Martha Liebel (Mary) fügten sich in durchaus anzuerkennender TDeise der Reihe der Einzelspieler ein.

DaS Orchester bewies unter der Direktton von Dr.Karl Böhm, wie schon so oft, seine hervor­ragenden Qualitäten. Die Ouvertüre wurde zu einem starken Dorerlebnis des Dramas; Dr. Böhm lieh die einzelnen klanglichen Episoden zu wichtigen Momenten im Aufbau des Ganzen werden. In der Begleitung der Sänger zeigte er überaus diskrete Zurückhaltung und vornehme Anpassungsfähigkeit. Dem gesamten Werke ver­lieh er durch die Art der Auffassung eine orga­nische Abrundung, und nicht zuletzt ist es ihm zu danken, wenn die Auswirkung der Auffüh­rung so stark nachhallend war. Der Intendanz des Stadttheaters mutz es ganz besonders anerkannt werden, dah sie trotz der schwierigen Verhältnisse eine Aufführung in diesem großen Stile ermög­lichte Dr. H.