Turnen, Sport und Spiel.
Rudersport in Gießen.
Bei zeitweise strömendem Regen fand am Sonntag das Abrudern der Gießener Ruder- Gesellschaft 18 7 7 statt. Die sportlichen Darbietungen wurden trotz des schlechten Wetters programmäßig durchgefiihrt. Das Abrudern erhielt eine besondere rennsportliche Rote durch die Beteiligung des Marburger Ruderoereins, der einen Anfänger- und einen Alte-Herren-Vierer zu der internen Wettkampfkonkurrenz entsandt hatte. In beiden Rennen waren die Mannschaften der Gießener Rudergesellschaft 1877 siegreich.
Besonderer Hervorhebung bedarf dabei die Leistung der „Alten Herren", die in der Besetzung: W. Müller, Dr. B r e u n i n g , O. Fi s che r und W. Schmidt, Steuer: Herr Wehner, in guter Form ein überlegenes Rennen lieferten.
Das meiste Interesse wurde sodann dem Rudern der Damenabteilung entgegengebracht, die im Frühjahre b. I. gegründet wurde, jetzt zum ersten Male in regulären Rennen ihr gutes Können zeigten und Zeugnis von eifriger Ruderbetätigung ablegten. Nachdem der Starter die für. Gießen und die Rudergesellschaft 1877 neuartige Einrichtung entsprechend gewürdigt hatte, konnte man auf der 1000- Meter-Bahn ein spannendes Rennen sehen. Die Boote kämpften Bord an Bord bis kurz vor das Ziel, das die Damen Lilo Noll, Lore Bender, Hertha Ebert und Hannelore Kipper zuerst erreichten. In einem zweiten gemischten Vierer wurde das siegende Boot ebenfalls bestens von Frl. Kipper geführt.
Die übrigen Vereinswettkämpfe im Einer, Vierer und Achter brachten manche Ueberrafchung. Die Einzelleistungen führten den Rudersachverständigen noch einmal die gute Technik und Wasserarbeit der Gießener RG.-Mannsä>aften vor.
Damit hat die Gießener Rudergesellschaft 1877, die in diesem Jahre die stattliche Anzahl von 15 Rennsiegen erringen konnte, eine erfolgreiche Rudersaison zu Ende geführt.
Paddelsport in Gießen.
Arn Sonntag veranstaltete die Paddlergilde Gießen ihr Abpaddeln. Trotz des Regenwetters sah man 25 Boote nach der Dodenburg fahren. Dort wurden die K l u b Meisterschaften ausgetragen, die folgendes Ergebnis hatten: Vereinsmeister im Faltboot wurde in scharfem Rennen gegen Ernst W i t t i n g und Max Lehmann der Sportwart der Gilde: Joachim Kaphingst. — Im Einer für Damen siegte Marianne Trapp, während sich im Wander-Zweier die Mannschaft Hugo Becker und Ludwig Friedrich als die beste erwies. — Sieger im Dreikampf (100-Meler-Lauf, Kugelstoßen und Weitsprung) wurde überraschend Ernst W i t t i n g vor August Kolb und Joachim Kaphingst. — Während es gelang, die angesetzte Stafetten-Wettfahrt auszusühren, sielen die außerdem geplanten Spiele, die Auffahrt und die Lampionfahrt dem Regenwetter zum Opfer. — Damit hat die Paddlergilde Gießen ihr fünftes Vereinsjahr beschlossen.
Rottschuhsport im Gießener Eisverein
Der vergangene Winter hatte wieder den Beweis erbracht, daß die Liebhaber des Eislaufes in unserer Gegend ihre Hoffnungen nicht so hoch schrauben dürfen. Schon früh hat man in den eisarmen Gegenden einen Ersatz in dem Rollschuh geschaffen. Mit seiner Hilfe ist es dem Läufer wie .auf dem Eise möglich, die schönsten Figuren des Kunstlaufens auf festem Boden auszuführen. Im ^vergangenen Jahre ist gerade im Verbandsgebiet des Südwestdeutschen Eislaufverbandes — dem Gießen angehört — für den Rollschuhsport in besonderem Maße geworben worden. Erst kürzlich
Helene (Wodtm'gs
Schuld und Sühne.
ZRoman von 3- Schneider-Foerstl.
Urheber-Rechtfchuh durch Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
20. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Ein Stöhnen fürchterlichster Qual drang aus ihrem Herzen. „Um meiner Schuld willen!"
„Rein! Um Gottes willen nein! Habe ich das je gesagt? Habe ich dich je verantwortlich gemacht, daß er gestürzt ist? Habe ich dir je vorgeworfen, du hättest ihn besser behüten sollen? —_ Din ich nicht selbst in seiner unmittelbaren Rahe gewesen, als ihn das Unglück ereilte? — Sag, Helene!"
Sie lag mit geschlossenen Augen und wagte die Lider nicht zu öffnen aus Furcht, er könnte in ihrem Dlick die Gröhe ihrer Sünde lesen. Das Kind des Mannes, der um ihretwillen der Welt entsagt hatte, hatte sie ihm als eigenes in die Arme gelegt. Und nun war sein Herz mit diesem Wesen in ollen Tiefen verankert und mit ihm das ihre und das der anderen, die darunter zugrunde gehen muhten — um einer Schuld willen, die nur sie allein zu bühen hatte.
Mit hilflosen Fingern strich sie ihr Kleid zurecht. Ihre Hände zitterten und die Fühe schwankten aus dem satten Rot des Teppichs. „Ich bin am Ende all meiner Kraft! Wenn es dir recht ist — werde ich wieder reisen!"
Er glaubte nicht recht gehört zu haben. „Reisen? —
„Ja! — Und wenn ich zurückkomme, gehst du, und ich bleibe bei unserem armen Kranken."
„Rie!" sagte er schroff. „Ich bleibel — Dleibe immer!"
„3dj hatte es gut gemeint", kam es demütig. Sie hörte durch die offenen Fenster das Lochen ihrer beiden Töchter, schrak zusammen und ging nach der Türe, die lautlos hinter ihr einklinkte.
„Sie Hot kein Herz!" Franke hielt mit den Fingerspitzen die klopfenden Schläfen fest. Dann glaubte er einen Ton von oben zu vernehmen, horchte, stand wieder regungslos und nahm dann die Treppe zu Huberts Zimmer in langen Sprüngen.
Das ins Gelbe spielende Knabenantlitz lächelte ihm entgegen. „Vater, hast du die Mama gebeten, daß sie wieder einmal für mich singt?"
„Roch nicht, mein Junge!"
„Vielleicht heute abend, Vater?" —
„Ja! — Heute abend, Bert!"
„Das war früher immer so schön und ich habe so herrlich geträumt, wenn mich Mama in Schlaf gesungen Hat."
hatten Rollschuh-Kunstläufer in Frankfurt Gelegenheit, einer begeisterten Zuschauermenge ihre Kunst zu zeigen. So hat man denn auch im Gießener Eisverein die Einführung dieses Er- gänzungssportes geplant. Es dürfte nicht nur dem Eiskunstläufer willkommen sein, sondern auch den Kleinsten wird hier ein Ersatz für manche zuschanden gewordene Winterfreude geschaffen. Unter Mitwirkung eines Frankfurter Kunstläufers wird am kommenden Freitag eine Werbeveran-
stoltung stottfinden, die die Vorteile dieses Sportes zeigen soll. (Man beachte die morgige Anzeige.)
Sport des Gymnasiums.
Arn morgigen Mittwochnachrnittog treffen sich auf dem Universitätssportplatz die Leichtathletikmannschaften der Oberrealschule Dutzbach Und des hiesigen Gymnasiums zu einem Leichtathletik k a m Pf.
V. f. B. Leichtathletik.
Die Vereinsmeisterschafts-Wett- kämpfe nahmen am Sonntag einen flotten Verlauf. Es waren fast 70 Teilnehmer, die sich harte Kämpfe um den Meistertitel lieferten. Die Leistungen wurden durch die ungewohnte Kühle beeinträchtigt. Rachstehend die Ergebnisse:
Aktive.
100 Meter: 1. R. Fischer, 12,2 Sek.: 2. Müller, 12,4 Sek.: 3. v. Rotenhan, 12,8 Sek. — 200 Meter: 1. R. Fischer, 25,6 Sek.: 2. Müller, 25,9 Sek.: 3. Siegmund, 27 Sek. — 400 Meter: 1. R. Fischer, 57 Sek.: 2. Müller, 58,4 Sek.: 3. Treser, 58,6 Sek. — 1500 Meter: 1. Müller, 5,06 Min.: 2. R. Fischer, 5,20 Min.: 3. Mewes, 5,44 Min. — Weit» sprung: 1. Mohl, 5,24 Meter: 2. R. Fischer, 5,18 Met.: 3. v. Rotenhan, 5,06 Met. — Kugel: 1. Mohl, 12,42 Meter: 2. R. Fischer, 8,92 Meter: 3. Müller, 8,44Met. — Zehnkampf: 1. Mohl, 294 Punkte: 2. R. Fischer, 269 P.: 3. Müller, 246 Punkte.
Jugenb A,
100 Meter: 1. Kirchheimer, 12 Sekunden: 2. Luh, 12,2 Sek.: 3. Jäger, 12,3 Sek. - 200 Meter: 1. Jäger, 26 Sek.: 2. Kirchheimer, 26,2 Sek.: 3. H. Simon, 26,4 Sek.: — 8 0 0 Meter: 1. Jäger, 2:26,8 Min.: 2. H. Simon, 2:28,2 Min.: 3. H. Schäfer, 2,34 Min. — Weit- sprung: 1. Luh, 5,69 Met.; 2. H. Simon, 5,17 Öltet.; 3. H. Jäger, 4,87 Met. — Kugel: 1. Luh, 12,64 Met.: 2. Jäger, 9,62 Öltet.; 3. H. Simon, 9,18 Öltet. — Diskus: 1. Luh, 38,50 Meter: 2. W. Schäfer. 26,65 Öltet; 3. H. Simon, 23,46 Öltet. — Dreikampf: 1. Luh, 148 P.; 2. Jäger, 103 P.; 3. H. Simon, 49 Punkte.
Jugend B.
50 Meter: 1. W. Schäfer, 6 Sek.; 2. W. Paulus 6,2; 3. Willy Schäfer, 6,4 Sekunden. — 100 Meter: 1. W. Schäfer 11,7 Sek.: 2. W. Paulus 12,2; 3. K. Simon 12,3 Sekunden. — 800 Meter: 1. K. Simon 2,25 Min.; 2. W. Schäfer 2,25 Minuten (Handbreite). — Hoch- sprung: 1. W. Schäfer 1,30 Meter; 2. W. Paulus 1,15; 3. K. Simon 1,05 Meter. — Speer: 1. K. Simon 25 Meter; 2. W. Paulus 24,51; 3. W. Schäfer 21,68 Meter. — Kugel: 1. W. Schäfer 10,75 Meter; 2. K. Simon 8,90; 3. W. Paulus 8,59 Meter. — Dreikampf: 1. W. Schäfer 88 Punkte; 2. W. Paulus 71 P.; 3. K. Simon 65 Punkte.
Jugend C.
5 0 Meter: 1. Hörder 8 Sek.; 2. Laudon 8 Sek. (Handbreite); 3. Schneider 8,2 Sek. — 7 5 Meter: 1. Schneider 10,4 Sek.; 2. Hörder 10,9; 3. Laudon 11 Sek. — Hochsprung: 1. Schreiner 1,10 Meter; 2. Hörder 1,05 Meter. — Kugel: 1. Laudon 9,48 Meter; 2. Hörder 6,45 Meter.
3ugenb D.
5 0 Meter: 1. Fischer 8 Sek.; 2. Wedel 8,4 Sekunden. — 75 Meter: 1. Fischer 11,2 Sek.;
2. Wedel 12,7 Sek. - Kugel: 1. Wedel 5,72 Meter; 2. Fischer 4,84 Meter. — Weitsprung aus dem Stand: 1. Fischer 1,91 Meter; 2. Wedel 1,81 Meter.
Jugend E.
30 Meter: 1. Möller 6,5 Sek.; 2. Guckes 6,8 Sek.; 3. Carein 7,1 Sekunden. — 5 0 Meter : 1. Möller 8,9 Sek.; 2. Guckes 9,1 Sek.; 3. Carein 9,4 Sekunden. — W e i t s p ru n g a. d. Stand: 1. Möller 1,68 Meter; 2. Carein 1,67 Meter; 3. Guckes 1,66 Meter. — Kugel: 1. Möller 4,28 Meter; 2. Guckes 3,86 Meter; 3. Carein 2,77 Meter.
Stauen.
50 Meter: 1. Stühler 8 Sek.; 2. Luh 8,4 Sek.; 3. E. Müller 8,5 Sek. — 10 0 Meter: 1. Stühler 15,2 Sek.; 2. E. Müller 15,9 Sek.; 3. Ehelmüller 16,2 Sek. — 8 0 0 Meter: 1. Etzelmüller 3,07 Min.; 2. Stein 3,26 Min. — Wei tsprung: 1. Luh 3,80 Meter; 2. Etzelmüller 3,75 Meter; 3. E. Müller 3,58 Meter. — Kugel: 1. Stühler 8,29 Meter; 2. Luh 7,96 Meter; 3. Euler 7.04 Meter. — Diskus: 1. Luh 22,90 Meter; 2. Frau Fischer 19,65 Meter; 3. Euler 19,43 Meter.
Mädchen A.
5 0 Meter: 1. Fr. Fischer 7,2 Sek.: 2. M. Müller 7,4 Sek.; 3. Krause 7,5 Sek. — 100 Meter: 1. M Müller 15 Sek.; 2. Fr. Fischer 15,1 Sek.; 3. Krause 15,3 Sek. — Hochsprung: 1. Fischer 1,15 Meter; 2. Stein 1,10 Meter; 3. F. Müller 1 Meter. — Weitsprung: 1. Fr. Fischer 4,23 Meter; 2. Stein 3,70 Meter; 3. M. Müller 3,66 Meter. — Kugel: 1. Stein 8,08 Meter; 2. Fr. Fischer 7,45 Meter; 3. Krause 6,20 Meter. — Diskus: 1. Fr. Fischer 17,77 Meter; 2. Heinz 14,81 Meter; 3. Fr. Müller 15,15 Meter.
Mädchen B.
5 0 Meter: 1. Schneider 8,1 Meter; 2. E. Müller 8,1 Meter (Handbreit zurück). — 75 Meter: 1. E. Müller 10 Sek.; 2. Schmidt 10,4 Sek.; 3. Heinz 11,2 Sek. — Weitsprung: 1. Schneider 3,86 Meter; 2. Heinz 3,54 Meter; 3. E. Müller 3,35 Meter. — Kugel: 1. Schmidt 7,80 Meter; 2. Heinz 6,93 Meter; 3. E. Müller 5,86 Meter.
Alle Herren (Sußballer).
5 0 Meter: 1. Reuter, 7 Sek.; 2. Daldauf, 7,4 Sek. — 10 0 Meter. 1. Reuter, 14.2 Sek.; 2. Mohrhardt, 14,6 ©et.; 3. Baldauf, 14,7 Sek. — Kugel: 1. Baldauf, 7,49 Meter; 2. Mohrhardt, 7,08 Meter; 3. Reuter, 6,72 Meter. — Weitsprung: 1. Baldauf, 3,92 Meter; 2. Reuter, 3,83 Meter; 3. Mohrhardt, 3,48 Meter.
Sußballer (Aktive).
10 0 Meter: 1. Pannecke, 13,4 Sek.; 2. Bomend, 13,6 Sek.; 3. Reuter, 14 Sek. —-4 0 0 Meter: 1. Pannecke, 66,8 Sek.; 2. Rau, 68,8 Sek.
„Sie wird es wieder tun, mein Bub!" Schützend, als müßten seine Hände alles Döse von dem geliebten Haupte fernhalten, umschloß Franke die abgemagerten Finger. Der Knabe hob die Rechte des Vaters hoch und legte sie an seine Wange
„Es ist so schön, wenn du bei mir bist!"
„Ja, mein armer Junge?"
„Ja!" Ein Strom von Liebe und wunschloser Seligkeit brach aus den dunklen Augen und leuchtete in Frankes abgehärmtes Gesicht, wie der Abglanz einer gotterfüllten Seele.
*
*
*
Die Septembernächte waren voll letzter, köstlicher Wonnen, voll heimisch sterbender Süße. Lieber den Bergen lag der Himmel wie ein saphirölaues Tuch. Mattgolden schüttete der Mond sein Licht über Grate und Spitzen, ließ die Firnen erglänzen und hauchte über Wände und Zacken hin.
Weibgrau, wie die Schleier der Rornen, ruhten die Rebel im Tag, zogen hinauf und hinunter und verkrochen sich mählich in Schluchten und Schlünde, die als schwarze, bedrohliche Löcher gähnten.
Eine Dirne taumelte von dem großem Baum, der seine Arme über das Haus gebreitet hielt. Sie schlug gegen das Fenstersims, daß Helene jäh aus dumpfem Schlummer gerissen wurde. Die Lider waren ihr bleiern. Die Fühe wie mit schwerstem Metall bis an die Schenkel gefüllt.
Sie sah aufrecht und horchte. Rebenan, wo Hubert schlief, war alles still. Allabendlich bekam er jetzt ein Pulver, dah er bis in den Mor
gen von Spiel und Lachen träumen konnte. Etwas
sog sie vom Lager hoch, zwang sie aufzustehen und ihr Rachtgewand überzuwerfen.
Behutsam, damit die Türe nicht knarre, erweiterte sie den Spalt. Milchweih brannte die Dirne in der kleinen Ampel: „Just!" wollte sie schreien — brachte feinen Ton aus der Kehle und lehnte schreckdurchschüttelt neben dem Pfosten.
Von irgend etwas erschreckt wandte Franke den Kopf. Seine Hände fielen herab und schoben sich in die Tasche des Rockes. „Er schläft sehr ruhig, Helene. Du kannst dich ohne Sorge wieder legen.“
. Ich habe so schwer geträumt“, sagte sie und holte den letzten Rest von Kraft aus ihrer Stimme. „Lah mich hier bleiben, ich könnte doch nicht mehr schlafen jetzt."
Er nickte und schob ihr geräuschlos einen Stuhl zurecht. Ihre schlanken Formen verschwanden in dem dunklen Leder und ruhten wie ein zerbrechliches Kunstwerk in dasselbe hingestreckt.
Er hatte sich wieder auf seinen alten Platz am Fuhende des Bettes niedergelassen und sah unter halboffenen Lidern nach ihr hin.
„Kannst du nicht ruhen, wenn ich wache?“ fragte sie.
Ohne dah eine Antwort kam, glitt fein Kopf herab, hob sich und sank abermals vorneüber. Sie horchte auf seinen Atem und verfolgte das Auf- und Riederheben der Brust. Grauenhaft hatten die letzten zwanzig Tage an seinem Körper gewütet. Sein Haar schimmerte weih. Die Backenknochen standen nach außen und zeigten die tiefe Höhlung, welche die Wangen bekommen hatten. Die Rase lief spitz und um die Mundlinie war ein Zug von leidender Ohnmacht eingegraben.
„Just!" —
Er hörte sie nicht mehr.
Minutenlang wartete sie, rief noch einmal seinen Ramen und wagte es dann, die Finger in die Tasche seines Rockes gleiten zu lassen. Das falte Metall einer Waffe machte ihr die Hand frösteln, als sie dieselbe langsam heraus- zog.
So stand es also! — Born Gipfel eines Baumes mußte eine Birne fallen, dah sie geweckt wurde, genau in der Minute, in der er das Fürchterliche hatte tun wollen. Ihre Zähne schlugen aufeinander und das Klopsen unter ihrem Kleide in hüpfend zeitlosem Takte.
Ihr Blick hing noch immer an dem Manne, über den der Schlaf der Erschöpfung gekommen war. Dann wandte sie das Gesicht nach dem Sohne, der mit einem stillen Ausdruck der Qual in den Zügen in den Kissen ruhte.
Aus verschleierten Fernen tarn von weither eine Stimme. Schritte gingen am Haus vorüber. Ein heimliches Lachen irrte zu den Fenstern herauf.
Roch einmal alles ungeschehen machen können! Alles! Ihre Ehe mit Petratini! Die Rächt ihrer Schuld! — Richt wissen, daß es einen Just Franke gab und Kinder, die sie ihm geboren hatte — und — und —“
„Gott! Du Allmächtiger! Hilf mir!“
Aus allen Tiefen quoll es! Aus tausend Brunnen schrie ihr Beten in das Schweigen der Rächt. In die Knie brechend, krallte sie die Finger in das weihe Sims des Fensters. Kriechend wandte sie sich zum Bette, darin das Wesen ruhte, das um ihretwillen so fürchterlich zu sühnen hatte.
Keine Stimme war um sie, die Trost sprach! Keine Hand, die sich barmherzig um die ihre legte! Keines anderen Beben mengte sich mit dem ihrer Seele.
Lind so von Gott und aller Welt verlassen tat sie ihr Gelübde.
Lieber die Fellvorlage hingestreckt, sand sie Franke am anderen Morgen in tiefem Schlafe.
Als er sich niederbeugte, sie nach ihrem Zimmer zu tragen, erwachte sie. Ihre Augen waren wieder groh und leuchtend, wie ehedem. Sie hob die Hände und strich ihm das weihe Haar zurück. „Es wird alles wieder gut werden. Just! Alles wieder!"
Spielvereinigung 1900 Gießen.
ö. Die Ligareserve blieb am Sonntag im Derbandsspiel über die erste Elf des Sportklubs Daubringen mit 1:0 Toren siegreich. (Halbzeit 1:0.) Der schlechte Boden lieh fein gutes Spiel aufkommen, zudem mußte 1900 in letzter Stunde einige gute Kräfte ersetzen. Das einzige Tor des Tages fiel gleich nach Spielbeginn. Rach dem Wechsel wurde Daubringen merklich besser und hätte bei einem schußsicheren Sturm leicht zum Ausgleich kommen können.
Die vierte Mannschaft unterschätzte ihren Gegner, Daubringens zweite Elf, gründlich und verlor knapp mit 1:2 Treffern, ohne daß man beiderseits besondere Leistungen zu sehen bekam. Das Spiel wurde nur als Gesellschaftsspiel ausgetragen, da der Schiedsrichter ausgeblieben war, wofür ein Herr vom Platzverein einsprang. _
A I. Jugend — VfR. L i ch AI.^Iugend 4:0. In der ersten Halbzeit konnte Lich mit dem Winde im Rücken baä Spiel ziemlich offen halten, trotzdem 1900 technisch besser war. Rach dem Wechsel zogen die 1900er alle Register ihres Könnens und belagerten förmlich des Gegners Tor, der sich nicht mehr frei machen konnte.
All. Jugend — Lollar AI. Jugend in Lollar 1:3. Schon 10 Minuten nach Beginn stand das Spiel 3:0 für Lollar. Alle Anstrengungen bis zum Schluß kamen nur in einem Erfolge zum Ausdruck.
A III. Jugend — Butzbach AI. Jugend 1:1. Die kleinen 1900er lieferten den starken Butzbachern ein ebenbürtiges Spiel und konnten sogar bis kurz vor Schluß 1:0 führen. Durch ein Mißverständnis in der Verteidigung kamen die Gäste zum Ausgleich.
Handball der Gp.-Vg. 1900.
VfL. wehlar I — Gießen 1900 II 5:5.
ö. Für 1900s zweite Handballelf war ym vergangenen Sonntag ein Spiel gegen die gleiche Mannschaft des VfL. Wetzlar auf dessen Platz vereinbart. Zum Erstaunen der Spielvereinigungsleute trat ihnen jedvck die erste Wetzlarer Garnitur entgegen. Die 1900er lieferten ihrem Gegner eine vollkommen gleichwertige Partie und haben das Llnentschieden mehr als verdient. Zum Spielverlauf ist zu sagen, daß sich sofort ein lebhafter Kampf entwickelte, in dem die Wetzlarer alsbald zum Führungstor kamen. 1900 antwortete jedoch sofort mit dem Ausgleichstor. Bis zur Pause kamen die Gastgeber noch zweimal zu Erfolgen, denen die Spielvereinigungsleute einen entgegenzusetzen vermochten. Rach dem Wechsel erhöhte der VfL. seinen Vorsprung auf 5:2. Da rafften sich die Gäste überraschend auf und stellten bis zum Schlußpfiff das Llnentschieden her. Das große Können des Wetzlarer Hüters ließ sie nicht mehr zum Sieg kommen.
Handball im Männerturnverein (O.T).
Igm. Sriebbecg I — 2Mv. Gießen I 1:1 (1:1).
Am vergangenen Sonntag weilte die crffex Mannschaft des Gießener Männer-Turnvereins in Friedberg und trug gegen die gle che der dortigen Lurngemeinde das fällige Pflichtspiel aus. Während die Friedberger nur für ihren Mittelläufer Ersah eingestellt hatten, mußten die Männerturner wieder mit fünf Mann Ersatz antreten. Der beste Teil der Gießener war die Hintermannschaft, insbesondere der Torwart. Bei den Friedbergern waren der Torwart und die Stürmer die besten Mannschaftsteile.
Die erste Iugendmannschaft, die auf eigenem Platze gegen die gleiche des Tv. Lich ein fälliges Verbandsspiel austragen wollte, gewann die zwei Punkte kampflos, da Lich nicht antrat.
Er hielt ganz stille, als sie ihn auf Mund und Stirne küßte.
Am Abend dieses Tages sagte sie ihm, dah sie Sonntag verreisen werde.
„Wohin?“ Er fragte es mehr aus Höflichkeit, als weil es ihn interessierte.
„Rach Sankt della Travestare.“
„Ist das ein Badeort?“ Er war in Gedanken weit von ihr.
„Rein, eine Wallfahrt.“
Sein Mund verschob sich. „So weit bist du gekommen, Helene, dah du zu den Himmlischen, die dich schlugen, bitten gehst?“
„Bitten — für meinen Sohn!“
„Sie werden ein Herz von Stein für deine Tränen haben“, sagte er hart.
Ihr Lächeln war der Ausdruck ihres unerschütterlichen Glaubens. „Meine Hände werden gefaltet bleiben und mein Mund wird nicht im Bitten verstummen, bis ich erhört bin."
Er sagte nichts mehr, sah sie mit einem langen Dlicke an und ging nach dem Bette des Sohnes. — Mochte sie reifen! — Vielleicht war das Frauenart, dah sie, wenn alles Hoffen versank, sich an ein Letztes, Lieberirdisches klammern mußten. Für ihn galt nur, was die Unter- suchung ergab: Zeitlebens gelähmt! Der Roll- stuhl die einzige Fortbewegungsmöglichkeit:! Fürchterlicher als alles, war diese Erkenntnis des Rimmerwiedergenesens zu alter, lebensfreudiger Gesundheit.
Unö wie es der Junge trug!
Keine Frage: „Vater, wann wird es wieder sein, wie ehedem?“ Kein Ton der Ungeduld: „Run liege ich schon Wochen und Wochen! Wie lange wird es noch dauern?" — Kein Sich- aufbäumen gegen Schmerz und hilfloses Gefesseltsein.
Wie kam er zu diesem Sohn, der in gesunden Tagen wie eine Sonne über dem Hause geleuchtet hatte und nun in seinem Siechtum ein Held war, der ihn tausendmal beschämte?
Und diesen Sohn hatte er in der verflossenen Rächt niederknallen wollen! Sich und ihn! Auslöschen wollte er dieses Leben! Auslöschen auch das seine, um mit ihm gemeinsam durch das dunkle Tor hinüberzutreten in das Land, aus dem es kein Wiederkommen gab.
Was dann? Wenn ihre Wege dort drüben auf den Sternen, sich hätten trennen müssen? Für immer trennen, weil seine Seele schuldbefleckt war, während die des Jungen rein erglänzte, wie das Gewand eines Cherub — wenn er, statt mit ihm vereint zu sein, allein durch die Rächt der Ewigkeiten hätte irren müssen?
„Vater, warum weinst du?" In müder Schwere schoben sich die Hände des Knaben zu ihm empor.
„Weil ich so machtlos bin!“
(Fortsetzung folgt.).


