Ausgabe 
23.9.1930
 
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Nr. 222 Zweites Blatt , Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für lvbcrhessen) vienstag, 23. September MO

ZurWahl vom 14 September

Don Herrn Dr. rer. pol. h. c. Paul Mcesrnann werden wir um Veröffent­lichung folgender Zuschrift gebeten.

Die Wahl vom 14. September hat die Kräste- verhältniffe im Reichstag derartig um gestaltet, daß cs nicht angeht, die Kombinationsmöglich, teilen für eine künftige Regierung nach bisherigen Rezepten zu behandeln. Wit Recht ist in dem Aufsatz des _G. 21." .Was geschieht nun?" vom 20. d. W oaSgesührt. daß das Ergebnis ein Faustschlag deS empörten DolkeS war. um der Meinung unzweideutig Ausdruck zu geben, daßeS von dem System der Halbheiten und der Schwäche genug hat und noch Führung verlangt, ebenso stimme ich der Meinung zu, daß, nachdem das Ergcbnis vorliegl, auch die Folgerungen gezogen werden muffen, daß nichttoic heute in Kreisen der Mitte oder der Linken vielfach doziert wird, die Staatsgewalt nur dann vom Doll auSgcht, wenn der Volkswille sich zufällig einmal mit der diesbezüglichen Pareistimmung deckt, sondern dah fair play gelten müsse. Ich weiche aber darin von dem Verfasser ab, das; nun die Rechtsoppo- fition einmal do. wo cS auf den Rägeln brennt, nämlich der Wirtschaftsnot und Arbeitslosigkeit ihre > Befähigung erweisen müsse durch Uebcr- nahme der hierfür zuständigen Ministerien, wäh­rend ihr die ausgesprochenen Machtministerien nicht auSgeliesert werden dürften.

Diese Auffassung wird meines Erachtens der durch die Wahlen geschaffenen Lage nicht gerecht, zu deren Verständnis man auf die tieferen Ur­sachen der bisherigen Bildung von Regierungs­koalitionen eingehen muh. Alle diese Koalitio­nen lassen sich auf die eine Annahme der Par­teien der Mitte zurücksühren, daß ohne die Sozialdemokratie in Deutschland nicht regiert werden könne. Will man die ganze Bedeutung dieser Annahme ermessen, so bedenke man. welche unversöhnlichen Gegen­sätze zwischen der Sozialdemokratie und den bür­gerlichen Parteien an und für sich bestehen: der Gegensatz zwischen der bürgerlichen Auffassung vom Rationalen Staat, der sich gegen­über dem 2luslande behaupten und im Innern eine olle Stände umfassende, sie nach dem Grund­satz sifum cuique behandelnden Staatsordnung Herstellen muh. und der sozialistischen Auffassung, daß dos Proletariat das Bürgertum unterwerfen und in Gemeinschaft mit dem Proletariat anderer Länder, also auf internationaler G rundlage, eine einseitige Klassen­herrschaft errichten soll: der Gegensatz ferner zwischen einer Wirtschaftsordnung, die auf der persönlichen und vcrinögensrechtlichen Verantwor­tung eines selbst wirtschaftenden Unterneh­mertums beruht, und einer solchen, die unter Ausschaltung des letzteren die Wirtschaft in die Hände unverantwortlicher Gemein schafts- verwaltunge n mit Zwangscharakter über­führen will: endlich auf kulturellem Gebiet der Gegensatz zwischen der Auffassung von einer re­ligiösen (nicht konfessionellen) Grundlage des staatlichen Erziehungswesens und einer solchen, die diese Grundlagen verneint.

Diese Gegensätze sind nicht etwa nur theoreti­scher Ratur. sondern entsprechen der Wirklich­keit Die Sozialdemokratie hat zwar, abweichend von ihrem Zwillingsbruder, dem Kommunismus, bald nach dem Umsturz eingesehen, dast mit einem Schlag die heutige Staats- und Wirt­schaftsordnung nicht zu beseitigen ist, und hat des­halb dem Bürgertum Zugeständnisse gemacht, aber stets mit dem Vorbehalt deS Festhaltcns an . ihren Endzielen. Wenn man heute das Er­gebnis der Zusammenarbeit von bürgerlichen Parteien und Marxismus anschaut, so findet man, dast wir auf dem Wege zu den Zielen des letzteren schon ein ganz erhebliches Stück vorwärts gekommen sind. Das zeigt sich bei der auswärtigen Politik, die ganz in das internationale Fahr­wasser einlcnkte und, um dies tun zu können, auf dem Wege freiwilliger Verträge die wichtigsten

Reichspräsident von Hindenburg empfangt seine kleinen Gäste aus dem Saargebiet, der Rhein­provinz und Rheinhessen.

Teile deS unheilvollen Versailler Vertrags an­erkannte, ja zu feinem Ausbau auf Generationen hinaus die Hand reichte, es zeigte sich auch in der inneren Politik durch die in letzter Zeit von führenden Männern aller bürgerlichen Parteien anerkannte Untergrabung unserer Etaatsfinanzen und unserer Privatwirtschaft durch ein Ueber« mast öffentlicher Ausgaben, durch Zwangswirt­schaft. Steuern und soziale Qlbgaben. Darüber war das Bürgertum erwacht, es machte seiner Unzu­friedenheit in zahllosen Kundgebungen Luft und nötigte die Mittelparteien zu den bekannten Ver­suchen von Parteiumbildungen.

Run kam die Wahl vom 14. September, deren Ergebnisse zunächst zeigten, dast letztere Ver­suche von der Wählerschaft ganz eindeutig ver­worfen wurden. Vor allem aber ergab sich, dast die Auffassung, man müsse die Macht der Sozialdemokratie als eine gegebene Tatsache hin» nehmen und - loste es. was es wolle mit ihr regieren, um Schlimmeres zu verhüten, auf un­berechtigtem Kleinmut beruhte. Der Sozialdemo­kratie wurde eine ebenbürtige Kampffront gegen­übergestellt. Den 8 572 016 Stimmen der Sozial­demokratie, die um acht Mandate geschwächt aus dem Wahlkampf hervorging, stehen 8 859 707 Stimmen der Deutschnationalen und der Ratio­nalsozialisten gegenüber. Unter diesen Millionen von Stimmen müssen sich auch Millionen von Arbeiter st im men befinden, sonst sind sie nicht zusammenzurechnen. und damit ist der Bonn der Vorstellung, dost die Sozialdemokratie die Arbeiterpartei sei, ohne die man nicht re­gieren könne, gebrochen.

Dies ist das entscheidende Ergeb­nis der Wahl, aus ihm müssen die bürger­lichen Mittelparteien die Folgerung ziehen. Dast die Deutschnationale Partei in allen drei oben angegebenen entscheidenden Punkten auf feiten des allgemeinen Bürgertums stehen wird, braucht nicht besonders gesagt zu werden. Bei den Rationalsozialisten trifft dasselbe jedenfalls be­züglich des ersten und dritten Punktes (Ratio- naler Staat und Kultur) unbedingt zu. bezüglich des zweiten Punktes (Wirtschaftsordnung) sind ihre Ansichten offenbar noch in einer gewissen Gärung begriffen, aber es liegt Anlast vor. anzunehmen, dast die zweifellos von nationalem Geist getragenen Führer auch hier der Wirklich­

keit Rechnung tragen werden, wenn sie zur ver­antwortlichen Leitung der Staatsgeschäfte be­rufen sind.

Die Leitung der Staatsgeschäfte aber erfordert Zielklarheit und deshalb würde der neuen Lage nicht damit Rechnung getragen, dast den Ratio- nalfozialisten einmal versuchsweise das eine ober andere Fachministerium übertragen wird, sondern der Eintritt der beiden bisherigen Oppositions­parteien in die Regierung hat nur dann einen Sinn, wenn sie ine Richtung der neuen Re­gierung bestimmen: in der auswärtigen wie in der inneren Politik.

Können sich die Parteien der Mitte nicht ent- schliehen. an die ihnen wesensverwandten Rechts­parteien heranzurücken, wie sie bisher glaubten aus einem Zwang der Lage an die Sozialdemo­kratie heranrücken zu müssen, dann wird wohl nichts anderes übrigbleiben, als demnächst durch eine Reuwahl eine noch klarere Entscheidung der Wähler herbeizuführen.

Ich möchte mit einem Bilde schliesten. Unsere bisherige Lage glich einem Schlachtfeld in dichtem Rebel. Man sieht nichts, man hört nur dumpfe Geräusche aus unbestimmten Richtungen. Da zer­reißt ein kräftiger Windstoß den Rebel und die Sonne beleuchtet die beiden sich gegenüberstehen­den Fronten. Zwischen ihnen befinden sich klei­nere Gruppen, die unschlüssig find, waö sic tun sollen Sollen sie sich teils nach dieser, teils nach jener Front wenden oder Gewehr bei Fuß stehen bleiben? In beiden Fällen werden sie zwischen den beiden Fronten aufgerieben. Es bleibt ihnen deshalb nur übrig, sich einer der beiden Fronten zuzuwenden, um diese zu ver­stärken und zugleich in ihr mitzuführen. Rur der letztere Weg ist für diese Gruppen gangbar und dann must die Wahl auf diejenige Front fallen, deren Farben "Im Grunde auch die ihri­gen sind.

Veleidiüungsprozeß Slahlhelm-Zunado.

Zu dem von uils am 19. September veröffent­lichten Bericht der Telegraphen - Union über die Beleidigungsklage des zweiten Bundesführers des Stahlhelms, Oberstleutnant Düst er berg, gegen den Hauptgeschäftsführer des Iungdeutschen Ordens. Borne mann, und

Generalleutnant von Blomberg, Befehlshaber im Wehrkreis l der Reichswehr, wurde auf zwei Monate zum Studium von Heereseinrichtungen und Schulmethoden zur Armee der Vereinigten Staaten abkommandiert.

den Schriftleiter der ZeitungDer Iungdeutfche". P a st e n a c i. geht uns von Herrn Studienrat Dr. O. Stotz. Lich (Oberhefscn), folgendeBe­richtigung" zu

Don Herrn Rcchberg wird keck erklärt, er stehe dem Iungdeutfchen Orden nahe, obwohl gerade im Verlauf der Verhandlungen dieser unter Hinweis aus seinen Eid erklärt hat, daß er in keinerlei Beziehungen irgendwelcher Art zu dem Orden stehe oder gestanden habe. Es geht ferner in keiner Weise aus Ihrem Be­richt hervor, daß die unter Ehrenwort von Herrn Düsterberg abgegebene Erklärung zwar subjektiv richtig war. ein Dritter aber nicht hatte er­sehen können, ob die Verhandlungen des Stahl­helms offiziellen Charakter hatten oder nicht und dast durch die Beweisaufnahme jedenfalls die Tatsache feftgeflellt wurde, dast Stahlhelm­mitglieder mit französischen Politikern und Herrn Rechberg Besprechungen gehabt hatten. 2luS alledem erklärt sich auch die milde Be­strafung der Beklagten, die zwar formal bestraft werden mustten. sachlich jedoch zweiselloS einen moralischen Sieg davongetragen haben."

Rheinhessen.

WSR. Main z, 22. Sept. Der 25jährige Schreiner Jakob M o ck aus Mainz-Kostheim fuhr mit feinem Motorrad in der Rächt zum Sonntag gegen 2 Uhr auf der Landstraße bei Gonsenheim in voller Fahrt auf ein Lastauto von hinten auf. Mock erlitt einen schweren Schädelbruch und wurde in das Städtische Krankenhaus in Mainz eingeliefcrt. In derselben Rächt verlor der 30jährige Spengler Ph. Schultheis aus Harrheim beim Herabfahren des Harrheimer Berges die Gewalt über lein Motorrad und rannte mit der Maschine gegen einen Baum. Schultheis wurde auf die Straste geschleudert und erlitt auster einer erheblichen Schädelverletzung einen Unterschenkel- bruch. Der Schwerverletzte ist in der vergangenen Rächt im hiesigen Städtischen Krankenhaus ge­storben.

Daicn für Mittwoch, 24. Scptcmbcr.

Sonnenaufgang 5.48 Uhr. Sonnenuntergang 17.56 Uhr: Mondaufgang 8.20 Uhr, Mondunter­gang 18.40 Uhr.

1541: der Arzt und Raturforscher Paracelsus in Salzburg gestorben: 1583: Albrecht von Wallenstein geboren.

Oie Welt-Tabelle.

Von Kasimir Edschmid

Die Welt ist durch die Erfindungen der letzten Jahrzehnte eine total andere geworden als sie war.

Man must das immer wieder aufs nachdrück­lichste feststellen, weil die Chausfeure und Flie­ger selbst noch nicht wissen, welchen dämonischen Abgrund die Welt in den letzten Jahrzehnten übersprungen hat. Denn sie lieben oft, während * sie die vortrefflichen Leistungen des modernen Lebens regieren, in der Literatur die Postkutschen, in der Malerei die Schinken mit den Hühner­ställen. in der Politik die Ideale von Onkel Ben­jamin. Sie sind wie jener Mann, der mit mir t»on Prag nach Straßburg flog und drei Stunden lang seiner Schildkröte zuredete, daß sie bald wieder au Hause sei, bis wir nach drei Stunden wegeP. R«^el und im Kreislauf wieder in Prag Heruntermust ten.

Kann man sich Rova 1 is in einem Dinos- Wagen oorftcllen oder den sanften, aus Furcht vor der Cholera gestorbenen Grasen Leo- pardi im Flugzeug seiner futuristischen Lands­leute Papini und Mar.netti? Was wäre Rous­seau mit feinem Wert auf einem Motorrad? Hätte Schiller nicht einen ganz anderen Stil geschrieben, wenn er das fatale Vergnügen ge­habt hätte, im Jahre Reunzehnhunk^rtvierund- zwanzig zwanzig Jahre alt zu sein? Was ist Homers Giftbecher, wenn man weist, dast man Hunderttaufende von Volt durch einen Körper unbeschadet laufen lassen kann? Goethes Rei- terliedchen sind zum mindesten als Zeitvorstellung so komisch wie sein brauner Schlafrock, in dem er schrieb. Die Degen und die phantastischen Perücken die Goldtressen und die geblümten veldenwesten unserer Vorfahren sind ein Witz ln deui Augenblick, wo Herr Carraciola mit roten Handschuhen und Fritz von Opel ln blauer Lederbluse in ein Motorradrennen los- schießen. Diese Dinge haben unsere Erde und uns selbst umgepflügt, so dast wir mit vollkom­men anderen Vorstellungen leben. Man must nur ben Mut haben, sich das klar zu machen. Zu diesem Zweck wird, infolge der Schwerhörigkeit unserer Zeitgenossen, eine Tabelle angelegt"

Tüc'e Tabelle ist, ohne zu versäumen, amüsant zu sein, die Lebensbeschreibung aller jener Dinge ohne die wir ein Existieren überhaupt nicht mehr uns denken können. Es gehört ein ungeheurer ^Bille dazu -n v-r.ustcllen. man müsse

ohne Dahn. Telephon. Elektrizität leben. Cs ge­hört die wilde Phantasie von Dichtern dazu. Denn die Phantasie der Ingenieure und Kauf­leute ist meist in ihren Werken selbst stecken ge­blieben. Sie sehen gar nicht mehr die Revolutio­nen, die sie selber gestartet haben, die Acrmsten.

Dor dieser Tabelle war der gesamte gesell­schaftliche Verkehr der Menschen aus weite Strecken eine Barbarei. Aber diese Barbarei liegt, an unseren Lebensuhren gemessen, nur ein paar Jahrzehnte zurück. Achtzehnhunderteins stellte der Amerikaner Oliver Evans die erste richtige Hochdruckmaschine her. Siebenundzwanzig Jahre später lies durch die Bemühung des wacke­ren George Stephenson aus der Stockton Darlington-Bahn der erste Personenwagenzug. Achtzehnhundertdreiundvierzig baute Morse die erste große Telegraphenlinie von Washington nach Baltimore. Dreizehn Jahre später legt ein Schlaukops das erste submarine Kabel, aus­gerechnet durch den Portsmouther Hasen, und dreiundvierzig Jahre darauf ist die Erde wie eine mit List gefischte Wassernymphe in einem Reh von siebenhunderteinunddreißig Kabeln. Sie kann sich nicht mehr rühren, nichts kann geschehen, ohne daß es selbst einer, der auf der Zugspitze sitzt, ein paar Minuten darauf erfährt: mag Tokio fallen. Tunis revoltieren, die Königin von Siam am Blinddarm wohlgelungen durch einen Ge­heimrat operiert fein. Die Anonymität der Welt hat aufgehört. Selbst die Eskimos sind in das rasende Tempo hineingerissen worden, man er­blickt sie im Film, wie sie essen, lieben unl> schreien. Man braucht für einen Börsenauftrag von der City nach Reuyork mit Rückbestätigung drei Minuten, Europa kann in das amerikanische Geschäft jede Sekunde einstehen, wenn es das Geld dazu hätte.

Dor achtzig Jahren noch trieben die Ban­de r b i 11 ö und Drews ihre Kuhherden, deren Gewicht durch Wasser gefälscht war, nach einem Dorh das Rew Dort hieß. Reun Jahre nach der Stärkung des deutschen Kaiserreichs lassen Siemens und Halste die erste elek­trische Bahn laufen. Im Jahre darauf verbin­den sich die amerikanischen Hauptstädte tele­phonisch und verändern damit die Welt in einen Zaubergarten. Die Erde wird elektrisch über­glüht mit Milliarden Lichtern. Wer vor hun­dertfünfzig Jahren auf einen Knopf gedrückt hätte, woraus sich eine ganze Stadt, ja nur ein Zimmer erleuchtet hätte, wäre nach den gemütlicheren Methoden der Dergangenheit geschält worden, man hätte

ihm mit einer eisernen Barre die Knochen zer­schlagen und ihn dann zum Ruhme der Mensch­heit auf geteertem Holz verbrannt. Achtzehn- hundertscchsunddreißig ließ Green den ersten Ballon mit Leuchtgas steigen. Fünsundsechzig Jahre später erreicht man mit Sauerstofsmaskcn Höhen von zehntausend Metern und hat Appa­rate, um einige tausend Meter unter dem Meeresspiegel arbeiten zu können. Run machen sich die englischen Alpenklubisten daran, die Schweiz zu entdecken. Die guten Reureichen, die jetzt mit ihren gar sehr berlinernden Da­men unter den Palmen von Montreux die Ra­tur verschandeln. . . diese glücklichen Unbefange­nen ahnen nicht, daß vor zwanzig Jahren des Winters kein Teufel im Gebirge wohnen konnte und daß, wo heute Zahnradbahnen gehen und Autos jagen, vor fünfzig Jahren Männer ihr Leben einsetzten. Fünf Jahre vor der Schlacht bei Sedan erstieg als erster Mr. Whim- per unter tödlichem Derlust seiner halben Ex­pedition das Matterhorn., Dann wird Asrika durchforscht und werden die Pole entdeckt.

Achtzchnhundcrtsechzig stellt Lenoir den ersten schüchternen Motor her. Dor fünsund- zwanzig Jahren fragten wir unseren Vater, ob es in der Tat Droschken gäbe, die ohne Pferde liefen. Reunzehnhundertzehn erlebte ich den Ab­bau der Pferdeomnibusse in Paris zur Zeit der großen Uebcischwemmung, und alle Tragödien der alten Kutscher, die von ihren Gäulen scheiden mußten, in deren Gesellschaft sie zwischen Pan­theon und Quartier latin so angenehm verblödet waren. Im selben Jahr photographierte man L a t h a m, wenn er zehn Kilometer zur Jagd irgendwohin flog, als Fabelhelden in allen euro­päischen Gazetten. Man konnte im Auto schon durch die Wüste fahren, deren Räuber unsere Knabenphantasie heute noch umspannt, als D I ö- r i d t, der Held der neuen modernen Mythe, den Kanal überflog. Fünfzehn Jahre später fliegt man in zwei Unternehmungen von Portugal nach Chile. So ficht die Welt heute aus. aus der die Romantik aller Indianer, Malaien, Pi­raten. Goldsucher, Standartenträger herausge­nommen ist. Die Sensationen von vor zwanzig Jahren sind heute Gartenlaubenbilder. Die neue Welt hat' ihre phantastischen modernen Gesetze, die, wie man sieht, noch lächerlich jung sind. Von den Werken des Geistes war in dieser Tabelle nicht viel die Rede. Cs sollte der Fehler vermie­den werden, unsere Epoche immer mit den geisti­gen und künstlerischen Leistungen früherer Epochen zu vergleichen, während man sie doch nur neben das Leben stellen und mit Leben vergleichen kann.

Vielleicht waren alle früheren Jahrhunderte besser, feiner, menschlicher, tiefer, beseelter Mög­lich Ich glaube es nicht Aber, obwohl wir erst in den Babyschuhen des neuen Maschinen­zeitalters stehen, ist heute schon klar, daß die Welt sich in fünfzig Jahren letzthin mehr ver­ändert hat als in fünftausend vorher. Und eS ist bestimmt angenehmer darin au leben, falls man nicht vorzieht, sich eine falsche Romantik vorzu­machen.

Oie verspätete Liebeserklärung.

Aimee Momet ist heute die noch immer heiß geliebte Gattin eines mittleren Beamten in Paris, dem Fie in einer sünsundzwanzigjährigen Ehe drei Kinder geschenkt hat, die schon ihrerseits wieder Kin­der haben- Und doch ist es in diesen Tagen zu einer EisersuchtSszene gekommen, die fast zu einer Lösung der langjährigen Ehebande geführt hätte. Aber im letzten Augenblick wurde das Mißverständnis doch aufgeklärt, und nur im Herzen der Großmama Aimee soll noch ein Tropfen Wehmut zurückgeblieben sein. - Eines Tages bekommt Frau Aimee eine Postkarte. Eine Karte, die sich äußerlich nicht von anderen Post­karten unterschied, auf der sie aber beschworen wurde, an der bewußten Stelle zu erscheinen", da er, der Unterzeichner, endlich die Einwilligung seiner Eltern zur Heirat erhalten habe. Die Karte erhält nicht Aimee, sondern ihr Herr Gemahl, der gerade dem Postboten geöffnet hatte, - und darin lag das Miß­geschick. Vergebens beteuert Aimee ihre Unschuld. Der Mann ist entschlossen, sich scheiden zu lassen. Da liest auch sie, Aimee, die Karte, und alte Er­innerungen steigen in ihr auf. Wie war das doch damals? Sie hatte lange vergeblich auf eine Rach- richt von Paul gewartet, der damals endgültig mit seinen Eltern sprechen wollte. Sie kam aber nicht, - deshalb hat sie Ja gesagt, als ihr jetziger Mann ein halbes Jahr später um sie anhielt. Und jetzt - jetzt sollte Paul die Einwilligung der Eltern, die doch schon längst tot sein müssen, erhalten haben?- Da fällt ihr Blick auf die Jahreszahl. 6.8.05 steht auf dem Stempel. Sie zeigt es ihrem Mann, erklärt das Mißverständnis und der Friede ist wieder her­gestellt.-Und erst viel viel fpäter klärte sich auch der sonderbare Vorfall auf. Ein unvorsichtiger Fahrer war in der Rähe des Bahnhofs Louxembourg auf Öen Bürgersteig gefahren und hatte einen Postkasten umgerissen. Dabei fielen die Karten und Briefe heraus - darunter auch solche aus den Jahren 1904 und 1905. Sie hatten irgendwo eingeklemmt über 25 Jahre in dem Kasten gesteckt und waren von einem _ übereifrigen Beamten zur Beförderung in den nächsten Kasten getan worden.