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wetterzuführen war. Von Wirtschaftlern ge- schaffen, wurde der plan durch Politiker ent­fallt. Das Dokument, dem ich in Paris meine Unterschrift gab. war geändert worden. Entstellt lm Haag, kompliziert durch die belgische Mark­affäre und den polnischen Vertrag, war es nun ein fragwürdiges und unsicheres Instrument. Ich konnte es nicht mehr girieren, wie konnte ich dem deutschen Volke gegenüber die Ver­antwortung für einen Vertrag übernehmen, der uns derartige unerfüllbare Verpflichtungen auf­erlegt?"

Dann fragte ich ihn, ob er nicht glaube, daß er durch die Stabilisierung der Mark, außer dem praktischen Ergebnis der Reorgani­sierung der Währung, dem deutschen JBoIFe auch eine Lehre für die Zukunft gegeben hätte.

Lieberschätzen Sie nicht die Bedeutung eines einzelnen Mannes", antwortete er.Gewiß, manchmal muh man einem Bolk den Weg, den es zu gehen hat, zeigen. Manchmal lernt es dar­aus für die Zukunft, manchmal nicht. Die Tat­sachen der Markstabilisierung liegen offen vor aller Augen. Ich möchte aber wirklich nicht be­haupten, daß mein Werk, die deutsche Art zu denken, irgendwie geändert hat. Vielleicht wuchs meine Arbeit eher auf dem Boden dieser Men­talität. 1913 erschien ein kleines Buch von mir über meine frühere Tätigkeit im Bankwesen. Bei der Besprechung desselben machte eine englische Autorität den Kommentar,dieses kleine Buch sei ein schlagender Beweis dafür, wie die Deut­schen die Dinge anfassen". Der deutsche

Münchener Wahlversammlungen ohne Bier!!!

Wahrheit ist es, was ich hier erzähle: Münchens Polizei hat es gewagt, hat für alle Wahlversammlungssäle Diergenuß und Ausschank unter­sagt.

Alldieweil den Maßkrug, den man hatte, keiner nur zum Zweck des Trinkens nahm, und der Krug, zur Hebung der Debatte, meistens durch den Saal geflogen kam.

Gibt es noch Gerechtigkeit auf Erden, wenn es im Verbot dann weiter heißt: Speisen dürfen nicht verabreicht werden, weil man gern mit harten Tellern schmeißt: weil man ferner Messer oder Gabel, deren Zweck sich jeder anders denkt, in den Schädel oder in den Babel seines stark erhitzten Gegners senkt.

Auch die sehr beliebten Aschenbecher werden nicht mehr auf den Tisch gestellt, weil ein solcher Decher manchem Sprecher unvermittelt auf das Auge fällt, ülntersagt ist kurzum einfach alles, was nicht irgend niet- und nagelfest, und was etwa sich gegebnen Falles noch als Wurfgeschoß verwenden läßt.

Ach, das Haupt verhüllen alle Musen; durch die Lande zuckt ein stiller Schmerz, und in jedem echten Dahernbusen krampft elegisch sich das Löwenherz. Sieht man so die alten Sitten ftcraen, dann verliert das Leben Lust und Glanz; denn ein Wahlkampf ohne Maßkrugscherben ist ein Radi ohne Salz und Schwanz.

Eines aber konnte uns nicht rauben diese rücksichtslose Obrigkeit: Unfern unerschütterlichen Glauben an den Ausgleich der Gerechtigkeit. Denn wir wissen in dem Wahlgewühle, sei es vor, sei 's nach dem Referat, daß ein jeder der Versammlungsstühle und auch jeder Tisch vier Deine hat!

Puck.

Wirble ins Leben!

Vornan von Anna Fink.

Llrheber-Rechtsschuy durch Verlag Oskar Meister Werdau. 6.-01.

28 Fortletzung 'Hochdruck verboten

Barbara wurde ganz mutlos.

Können Sie mir denn überhaupt nicht behilf­lich sein?"

Das einzige ist. ich schicke Sie nach Deutschland auf Konsulatskosten zurück, und Sie gehen in Ihre Heimatstadt, wo man Sie kennt", sagte er etwas freundlicher, denn Darbara tat ihm nun doch leid.

Auf keinen Fall will ich wieder nach Deutsch­land zurück", sagte Darbara so leidenschaftlich, daß der Konsul sie befremdet ansah.

Das ist natürlich Ihre Sache, und dann ist die Angelegenheit wohl hiermit erledigt."

Er stand auf. Sein Ton war eisig geworden und seine Miene ganz abweisend. Er verbeugte sich knapp und ließ Darbara allein hinausgehen.

Wer weiß, was die auf dem Kerbholz hat", murmelte er hinter ihr her.Schauderhaft, was für ein Gesindel einem hier ins Haus kommt."

Barbara Much trat tief bedrückt auf die Straße.

Sie fühlte sich sehr jämmerlich.

Jeden Polizisten sah sie mit ängstlichen Augen an, ob er sie auch nicht nach ihren Papieren frage.

Ich bin ganz nervös geworden", dachte sie bei sich.Der Konsul, der gräßliche Mensch, hat mich ganz verdreht gemacht."

Sie überlegte, was sie tun wolle.

Die Stadt machte einen so traurigen Eindruck auf sie, daß sie beschloß, noch ein wenig mit der Bahn weiterzufahren.Vielleicht ist es auch besser, ich fahre in eine kleine Stadt. Da wird man's nicht so genau nehmen, und da sehe ich dann weiter, was ich anfangen kann."

So fuhr sie noch am gleichen Abend etwa zwei Stunden mit dem Zug und stieg in einem kleinen Städtchen aus.

Die Sonne schaute gerade noch einmal durch die Wolken, als wollte sie Barbara noch einen Strahl Hoffnung zusenden.

Barbara ging in das Städtchen hinein.

Ein unendlicher Friede lag über dem klei­nen Rest.

Ein paar Frauen standen schwatzend auf dem Markt am Brunnen, während das Wasser in die hohen Amphoren einlief. Dann nahmen sie die Gefäße auf den Kopf oder auf die Schulter und wandelten mit ihnen leicht und anmutig nach Hause.

Kopf ist gut dafür geeignet, in finanziellen, ökonomischen und geschäftlichen Termen zu denken. In dieser Beziehung möchte ich die Deutschen mit dem Volk, das ich außer meinem eigenen am besten kenne, den Amerikanern, vergleichen. Mein Vater war, was wohl nicht allgemein be­kannt ist, amerikanischer Bürger. Er kam 1870 nach Amerika, lebte mehrere Iahre im Osten und kehrte 1876 infolge der schwankenden Ge­sundheit meiner Mutter zurück. Meine Mutter lebt noch, mein Vater ist tot. Aber da er drüben wertvolle Beziehungen hinterließ, bin ich seit 1905 viele Male in Amerika gewesen.

Ich fand, daß die amerikanische Mentalität der deutschen ungemein ähnelt. Umgekehrt fühlen sich auch Amerikaner nirgends so zu Hause wie in Deutschland. Weil ihre Gedankengänge den unseren gleichen, ähnelt auch ihr Geschäfts­gebaren dem unseren. Ihr Wunsch, alle mit einem Problem zusammenhängenden Fakten durch und durch zu kennen, ihr schnelles Ar­beiten, ihre kurze Entschlußfähigkeit zum Ja oder Rein sind deutsch. Geschäftlich sprechen

Deutsche und Angelsachsen dieselbe Sprache.

Ich möchte die Tatsache unterstreichen, daß Geschäftsleute verschiedener Rationen sich eigent­lich immer gegenseitig verstehen. Selbst wenn man bei internationalen Streitigkeiten mit Geschäftsleuten spricht, die politisch auf der geg­nerischen Seite stehen, werden sie den Standpunkt des anderen würdigen, wenn er auf konkreten Tatsachen basiert.

Internationale Kongresse sind die beste Methode, um Mißverständnisse und Haß- gefühle zu beseitigen. Hier sitzen Geschäftsleute am gemeinsamen Tisch. Persönliche Füh­lungnahme Auge in Auge ist das Wich­tigste im Leben. Wenn man jemandem ins Gesicht sieht und fragt ihndenken Sie, daß das richtig ist oder nicht , so muh er so antworten, wie er denkt. Er kann keinen Artikel, der zur Veröffent­lichung bestimmt ist, mit ruhiger Lieberlegung schreiben, sondern er muß sich auf eine sofortige, direkte Antwort einrichten. In diesem Moment sind Sie seine Zuhörerschaft. Sie, als Geschäfts­kollege und wirtschaftliche Autorität. Da bringt er die leeren Phrasen des streitbaren Politikers, die er für das große Publikum in Bereitschaft hat, nicht über seine Lippen. Er kann keine Ausflüchte über das machen, was er für richtig oder falsch hält, wenn man selbst mit ihm spricht und ihm ins Auge sieht."

Die Deckung des Gießener HauchM für 1930.

Nachdem die Beschlüsse des Gießener Stadtrats vom 20. Mai über die Deckung des städti­schen Haushalts für 1930 trotz wochen- langer Verzögerung keine Gnade vor den Augen des hessischen Ministeriums für Arbeit und Wirtschaft gesunden hatten angeblich nach Einwirkung einer politisch sehr rührigen Gießener Persönlichkeit beschloß der Stadtrat am vorigen Donnerstag andere steuerliche Maßnahmen zum Ausgleich des Fehlbetrages im diesjährigen Haushalt. Man darf wohl hoffen, daß die neuen Beschlüsse nunmehr umgehend die Zustimmung der hessi­schen Regierung finden werden. Größte Be­schleunigung der Entscheidung der Regierung ist so­wohl für die Stadt, wie auch für die Steuerzahler notwendig, damit nun endlich die Steuerzettel her­ausgegeben und Zahlungen geleistet werden können, wobei es sicherlich manchem Steuerpflichtigen sehr schwerfallen wird, jetzt zwei Ziele auf einmal zu erlegen.

Die neue Kommunalsteuerregelung war stark um­stritten. Der Finanzausschuß des Stadtrats mußte wiederholt zu langwierigen Sitzungen zusammen- treten, bis er zu einem Ergebnis kam. Und als die Anträge des Finanzausschusses bereits dem Plenum des Stadtrats zur Entscheidung unterbreitet waren, trat durch die bekannte Erklärung des Ortsgewerbe­vereins eine neue Wendung ein, die nodvm letzter Stunde eine teilweise Aenderung des «feuerpro- gramms zur Folge hatte. Der Kampf um die Deckung des Haushaltes hatte zwei Brenn- punkte: auf der einen Seite herrschte das Be­streben vor, die R e a I ft e u e r n zur Uebernahme der steuerlichen Mehrlast noch schärfer als bisher heranzuziehen und dabei als gewissen Ausgleich die durch die Notverordnung des Reichspräsidenten ge­botene Möglichkeit der neuen Bier st euer mit hinzuzunehmen; auf der anderen Seite wurden die Realsteuerpläne in dem vorgeschlagenen Ausmaß abgelehnt und die Möglichkeiten zur Heranziehung breiterer Bürgerschichten für die Deckung des steuer- lichen Bedarfs als brauchbare Grundlage angenom­men. Die Stadtverwaltung hatte neben Erhöhungen der Real steuern die Erhebung der neuen Bier st euer dem Finanzausschuß des Stadtrates in Vorschlag gebracht. Die Mehreinnahme aus dieser Steuer wurde auf rund 24 400 Mark veranschlagt. Für die Biersteuer ergab sich indessen im Finanz, ausschuß keine Mehrheit, da sowohl die Fraktion der

Wirtschaftlichen Vereinigung, wie auch die sozial­demokratische Fraktion diese Steuer glatt ablehn­ten. Die Fraktion der Arbeitsgemeinschaft der Mitte, die zur Bewilligung der Biersteuer bereit war, sah sich in die Minderheit versetzt, und die Stadtver­waltung mußte bei dieser Sachlage auf ihr Bier- steuerprojekt verzichten. Da man das ganze Aus­maß des steuerlichen Bedarfs aber nicht auf die Realsteuern allein und auf die verstärkte Entnahme aus den städtischen Betrieben verteilen konnte, wurde die Bürger steuer zur Deckung des Fehl­betrages mit herangezogen und schließlich auf Vor­schlag des Finanzausschusses mit Mehrheit im Ple­num des Stadtrats genehmigt. Mittlerweile entstan­den allerdings Zweifel darüber, ob die Bürger­steuer, für die bis jetzt die erforderlichen Ausführungs- beftimmungen noch fehlen, heute schon in Kraft ge« setzl werden könnte. Hoffentlich macht die Regierung in diesem Punkte nicht wiederum Schwierigkeiten, da sonst die Lage für unsere städtische Finanzwirt­schaft und für die Leistungspflicht der Steuerzahler noch ernster werden wird, als bisher.

*

Wenn man die Arbeit des Finanzausschusses und des Stadtratplenums kritisch betrachtet, drängen sich verschiedene Fragen auf. Wäre es möglich gewesen, ohne besondere Härten die R e a l ft e u e r n in stär­kerem Ausmaß als jetzt beschlossen zu erhöhen? Würde es nicht zweckmäßiger gewesen sein, die von der Stadtverwaltung vorgeschlagene Bier st euer- erhöhung durchzuführen? Ist die Bürger- steuer am Platze und gerechtfertigt?

Hinsichtlich der Real steuern herrscht in weiten Bürgerkreisen die Meinung, daß eine weitere Erhöhung zur Zeit nicht tragbar sei. Insbesondere wird diese Ansicht vom Handwerk und Gewerbe, wie auch vom Haus- und Grundbesitz vertreten. Dabei wird auf die gegenwärtige Wirtschaftslage hingewiesen. Demgegenüber wird von anderer Seite betont, ldaß die Realsteuersätze in einer Reihe von hesssichen Städten erheblich höher seien, als in Gießen und im Hinblick darauf hier sehr Wohl eine weitere Erhöhung dieser Steuersätze ange­bracht und auch tragbar wäre. Die Stadtverwal­tung ist, wie Oberbürgermeister Dr. Keller erneut in seiner Rede vom vorigen Donnerstag betonte, der Auffassung, daß diein den letzten Iahren beliebte Riedrighaltung der Realsteuer-

Barbara Much freute sich über das malerische Bild und ging ins Albergo am Markt.

Ein netter italienischer Wirt fragte sie nach ihrem Begehr und wies ihr ein einfaches, sehr sauberes Zimmer an.

Es schienen selten Fremde hierher zu kommen, denn der Wirt fragte neugierig nach ihrem (Ha­men, woher sie käme, wohin sie ginge, und als sie nachher unten in der Wirtschaft ein paar Makkaroni verzehrte, füllte sich das kleine Gast­zimmer geradezu beängstigend, denn jeder wollte die Tedesca sehen.

Barbara ging nach dem Abendessen noch ein wenig vor die Stadt. >

Es war klar und schön geworden.

Die Sterne blitzten, und der Mond stand zu­nehmend und hoffnungsfroh am Himmel.

Morgen war ihr Geld fast zu Ende.

Aber eine Ruhe war in Barbara, als müsse nun alles zu einem guten Ende gehen. Sie brachte es nicht fertig, sich Sorgen um das, was nun werden solle, zu machen.

Sie schlief in der Rächt so herrlich wie feit langem nicht.

Ein kurzes Klopfen weckte sie am frühen Mor­gen aus dem Schlaf. ,

Was ist?" fragte sie, noch gar nicht ganz wach Es war der Wirt.

Signora, bitte kommen Sie sofort. Unten ist ein Carabinieri, der möchte Ihre Papiere sehen."

Mit zitternden Händen zog Barbara sich in Hast an.

Run konnte es gut werden! Unten sah ein Carabinieri, der sie sehr höflich um ihre Pa­piere bat.

Barbara gab an, daß sie keine hätte, sie seien verloren gegangen.

Er bedauerte aufrichtig, aber dann müsse sie mit ihm zum Brigadiere, dem Hauptmann, mit­gehen.

Barbara machte sich schweigsam zurecht und folgte dem Mann.

Er brachte sie zur Wachtstube. Rach einer kur­zen Zeit erschien ein erhitzt ^ussehender junger Brigadiere, der Barbara in kurzen, knappen Worten ausfragte.

Sie nannte ihren vollen (Hamen und erklärte ihm noch einmal dasselbe, was sie dem Cara­binieri schon gesagt hatte.

Die beiden unterhielten sich in einem länd­lichen Dialekt, sd daß Barbara kein Wort ver­stehen konnte. Ab und zu musterte der Brigadiere Barbara mit unverhohlenem Mißtrauen.

Sie glaubte in dem Gespräch der beiden das WortSpionin" zu verstehen. Also dafür hielt man sie!

Hilflos, schutzlos saß sie nun in einem fremden Lande.

Sie begann zu weinen.

Dem Carabinieri tat sie offenbar leid. Er ver­suchte sie mit primitiven Worten zu trösten. Dann verschwand er.

Barbara Much mußte eine Zeit warten, bis jemand wiederkam. Ihr erschien es wie eine Ewigkeit. Endlich trat ein junger Mann in Zivil ein.

Er sprach ein leidliches Deutsch und erklärte, sie müsse mit den Polizisten mitkommen.

Diese würden sie in die nächste größere Stadt mit einem Wagen bringen. Dort mühte sie so lange in Haft behalten werden, bis man sich in Deutschland über sie informiert habe. Dann könne sie nach Hause zurückkehren.

Ich will nicht ins Gefängnis!" schrie Barbara entsetzt, und sie schluchzte herzbrechend auf.

Der junge Mann hatte aufrichtiges Mitleid mit ihr.

Man wird Ihnen kein Härchen krümmen", versicherte er immer wieder.Es wird nicht lange dauern, bis man Nachricht hat", versuchte er ihr zuzureden,Und man wird gut gegen Sie sein, Signora."

Er verlieh bann Barbara nach einigen teil­nehmenden und tröstenden Worten.

(Barbara Much sah wie gelähmt. Ein Schauder nach dem anderen ging ihr über den Rücken. Ins Gefängnis."

Was wußte sie, (Barbara Much, davon, wie es in einem Gefängnis zuging!

Sie hatte nur eine panische Angst davor.

Rach verhältnismäßig kurzer Zeit tarnen die beiden Polizisten wieder und forderten (Barbara auf, mit auf die Strahe hinunterzukommen.

Gehorsam ging sie mit

Linien stand ein kleiner offener Wagen mit einem Pferdchen davor.

Man nahm darin Platz und es ging im Zockel- trab los.

Während der ganzen Fahrt hörte und sah (Barbara überhaupt nichts, was um sie vor­ging.

Rach längerer Zeit waren sie in einer mittel­großen Stadt angelangt. Sie fuhren durch einige Straßen, zuletzt hielten sie vor einem großen, schwer vergitterten Tor. Rechts und links davon lief eine hohe dicke Mauer entlang.

Auf das Klingeln der Polizisten wurde aufge­schlossen und (Barbara in ein leeres, kahles Zimmer geführt, wo man sie warten lieh. Hinter ihr wurde die Tür wieder sorgfältig verschlossen.

Ergeben wartete (Barbara.

Dann kam eine Wärterin, eine freundliche, etwas wortkarge Person, die Barbaras Hab­seligkeiten durchstöberte. Spiegel, Geldtäschchen und sämtliche Toilettengegenstände behielt sie zurück.

Cs würde alles wohl verwahrt und (Barbara bekäme alles zurück, wenn sie wieder heraus- käme, so versicherte sie.

sätze ungerechtfertigt" sei angesichts der höheren Realsteuersätze in einer Reihe anderer hessischer Städte. Dem wird man nicht beipflichlen können. Wenn man sich das schwere (Ringen der breitesten selbständigen Mittelstanbsschichen unserer Stadt vergegenwärtigt und dabei auch den immer noch anhaltenden wirtschaftlichen Niedergang sich vor Augen hält, erscheint es in dir Lat zur Zeit doch wohl zweckmäßiger, vorerst von einer wei­teren Heraufsetzung der Realsteuersätze abzusehen. Seit Iahren ist immer wieder von allen Seiten eine Entlastung der Wirtschaft, also auch der handwerklichen und gewerblichen Mittel« und Kleinbetriebe, als unbedingt notwendig bezeichnet worden, wobei man vornehmlich auch daran dachte, auf diese Weise einer weiteren Verschlech­terung auf dem Arbeitsmarkte Einhalt zu ge­bieten. Zu diesen Forderungen und Ankündi­gungen steht die bisherige, ständig steigende steuerliche und durch soziale Zwecke begründete Reubelastung aller Gewerbezweige und auch die fortgesetzt anwachsende Belastung des Grund­besitzes in striktem Widerspruch. Daß bei dieser Sachlage die Tragfähigkeit der Wirtschaft aller Schattierungen für öffentliche Lasten und auch für den Arbeitsmarkt nicht besser wurde, liegt aus der Hand. Auch die Tatsache, dafr-tn anderen hessischen Städten höhere Realsteuersähe als in Gießen erhoben werden, kann u. E. nicht dazu führen, die bisherige Lastenvermehrung auf die­sem Gebiete außer acht zu lassen und die daraus erwachsenen Folgerungen zu übersehen, Liebri- gens ist hierbei die ganz verschiedenartig gestal­tete lokale Sachlage ins Auge zu fassen, und ferner ist zu beachten, daß es wohl nicht angängig ist, hier die Lasten einfach um deswillen zu erhöhen, well sie in anderen Städten eben höher find. Man kann wohl mit gutem Grund die Auf­fassung teilen, die ein linksstehender Gießener Staatsbeamter in leitender Stellung kürzlich an maßgebender Stelle in Darmstadt zum Ausdruck brachte, daß es doch nicht unbedingt angebracht sei, in Gießen mit allem Rachdruck die Real­steuersähe heraufzubringen und dadurch die wirt- ichaftliche Lage hier noch weiter zu erschweren, daß man sich vielmehr darüber freuen solle, wenn es in Gießen möglich sei, die Steuersätze auch weiterhin möglichst niedrig zu halten und dadurch die allgemeinwirtschaftliche Lage günsti­ger zu gestalten. Bei dieser Betrachtung der Dinge erscheint es zur Zeit angebracht und zweckmäßig, der Meinung derjenigen Bürger zu­zustimmen, die nach den, jahrelangen ununter­brochenen Reubelastungen der Wirtschaft und deS Grundbesitzes nun einmal eine Atempause m dieser Entwicklung als notwendig ansehen.

In der B i er st e uer f r a ge find die bei­den bürgerlichen Stadtratsfraktionen bis zuletzt getrennte Wege gegangen. Rach der bekannten Erklärung des Ortsgewerbevereins unternahm die Fraktion der Arbeitsgemeinschaft der Mitte im Plenum des Stadtrats noch einmal einen Vor­stoß, um die im Finanzausschuß von der Wirt-' schaftspartei und den Sozialdemokraten abge­lehnte Biersteuervorlage der Stadtverwaltung doch noch zur Beschlußfassung zu bringen. Ver­gebens. Es sind nicht wenige (Bürger der Mei­nung, daß man mit den von der Stadtverwal­tung aus der Biersteuer erwarteten 24 400 MF. mancherlei hätte anfangen können. Wer die Dinge von höherer Warte aus betrachtet, muß zugeben, daß wirklich stichhaltige Gründe gegen diese Steuer nicht vorgebracht werden können. Mit Recht sprach der Ober­bürgermeister am Donnerstag davon, die (Dir;- steuer stelle gewissermaßen eine freiwillige Belastung dar, die jeder umgehen könne. Da­mit wollte er natürlich nicht zu einer Sch.idi- gung des Gasthausgewerbes aufrufen, sondern nur dartun, daß bei dieser Steuer auf breitere Schultern kein Zwang zur Leistung be­stehe. Man kann denen wirklich nicht unrecht geben, die diese Steuer als gerecht und be-

Barbara konnte sich schwer vorstellen, daß das überhaupt je wieder einmal der Fall sein könnte.

Dann brachte die Schließerin Barbara, nach­dem sie noch einmal im (Bureau der Anstalt (Hamen und Herkunft genau hatte angeben müffen, eine große breite Treppe hinauf und führte sie einen düsteren Gang entlang.

Ein paar junge Mädchen in gestreiften Klei­dern und derben Schürzen darüber waren damit beschäftigt, den Flur zu scheuem.

Sie schauten von der Arbeit auf und sahen Barbara aus großen Augen erstaunt an.

Leidensgenossinnen", durchfuhr es Barbara.

Endlich machten sie vor einer grünen Türe halt.

Rasselnd zog die Wärterin den großen Schlüsselbund unter der Schürze hervor, schloß auf und hieß Barbara eintreten.

*

Reginald Contius lag im Sand und sah träu­merisch dem Spiel der Wellen des Adriatischen Meeres zu. Die Sonnenstrahlen warfen tausend Lichtreflexe auf die kleinen, hüpfenden Wellen.

Weit und breit war keine Menschenseele zu erblicken.

Die Mittagsstille wurde nur durch das leise Plätschern der Wellen unterbrochen.

Am fernen Horizont, wo Wasser und Himmel in eins Zusammenstössen, zog ein Dampfer dahin.

Alles war so friedlich und sonnendurchwärmt, als gäbe es nur Schönes auf dieser Welt.

(Reginald hatte ein paar Stunden unbeweglich gelegen.

So weit war er gekommen.

Er war einige Tage zu Fuß durch das köst­liche Land gewandert.

Sein Gepäck hatte er von Venedig nach Neapel gehen lassen.

In Venedig hatte er em paar Wochen gelebt.

Er hatte auf dem Konsulat nach Barbara geforscht, hatte auch an einige andere Konsu­late geschrieben mit der Ditte um Auskunft. Man schrieb höflich bedauernd zurück.

Wie komme ich nur auf den Gedanken, daß Barbara sich gerade in Italien auf hält?" fragte er sich immer wieder.

Es war wie eine fixe Idee, und er gab ihr nach.

Der Geldsorgen war er seit drei Wochen ent­hoben.

Eine seiner Erfindungen, die er nach Berlin zur Prüfung eingesandt hatte, war angekauft worden, und das hatte erstaunlich viel Geld gegeben.

Aber das Geld freute ihn nicht. Er hätte es bis auf den letzten Pfennig ausgegeben, wenn er Barbara gefunden hätte.

(Fortsetzung folgt.)