Ausgabe 
23.7.1930
 
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Oie Allgemeine Ortskrankenkasse Gießen-Siadt im Lahre 1929.

Oie Verschmelzung der beiden Gießener Ortskrankenkassen vorerst gescheitert.

Der Ausschuß der Allgemeinen Orts- krankenkas se Giehen-Stadt trat gestern zu einer Sitzung im Gewerkschaftshaus zusammen, um den Bericht über das abgelaufene Geschäfts­jahr 1929 entgegenzunehmen und sich weiter mit wichtigen organisatorischen Fragen zu be­schäftigen.

Auf Vorschlag des Vorsitzenden der AOK. Giehen-Stadt. Herrn Ottilie, fand zunächst der Punkt ,,Beschlußfassung gemäß § 265 RVO." seine Erledigung. Es handelt sich hier um die

Zusammenlegung der beide,» Ortskrankenkassen Giehen-Stadt und Gießen-Land.

Der Vorsitzende des Ausschusses, Herr B i n be­wald. nahm die Abstimmung getrennt vor, die das Ergebnis hatte, daß alle Anwesen­den. Arbeitgeber und Arbeitnehmer, der Ver­schmelzung zu stimmten.

Geschäftsführer Fourier gab anschließend eingehende Erläuterungen zu dein Geschäfts- und Kassenbericht. Das Jahr 1929 ver­lief zu Beginn recht ungünstig, weil es durch die außergewöhnlich strenge Kälte mit der darauf­folgenden Grippe-Epidemie an die Leistungs­fähigkeit der Kasse äußerst hohe Anforderungen stellte. Wiederholt betrug die Summe des wö­chentlich zur Auszahlung gelangenden Kranken­geldes 15 000 bis 16 000 Mark. Dazu stiegen auch die übrigen Ausgaben für Aerzte und Arzneimittel. Wenn es trotzdem gelang, diese schwere Zeit ohne Zuhilfenahme von Bank­krediten usw. zu überwinden, so ist das ein Zeichen für die gute Geschäftsführung der Kassen- r>erwaltung. Obwohl eine Mehrausgabe von rund 15 000 Mark vorhanden war, konnte von der Erhöhung der Beiträge und der Herabsetzung der Leistungen Abstand genommen werben. Lieber die von der Kasse geleisteten Aufgaben gibt ein recht anschauliches Bild der

Kassenbericht.

Die Einnahmen betrugen: Erträge aus Kapitalanlagen 10 447,45 Mk., Beiträge 974 515,71 Mark, zusammen 984 603,16 Mark.

Die Ausgaben sehen sich wie folgt zu- sammen: 1. Krankenhilfe für Mitglie­der: Krankenbehandlung durch Aerzte 135 461,49 Mark, Sachleistungen der Aerzte 1946,98 Mk., Wegegebühren der Aerzte 5342,40 Mk., Zahn­behandlung 38 938,75 Mk., Krankenbehandlung durch sonstige Heilpersonen, ausschließlich Haus­pflege 112,60 Mk., Arznei und sonstige Heilmittel 111 990,66 Mk.. Barleistungen statt Arznei usw. 3,20 Mk., Krankenhauspflege 99 618,14 Mk., Kran­kengeld 339 735,08 Mk., Hausgeld 9951,74 Mk., Taschengeld 4431,90 Mk Fürsorge für Genesende 27 793,90 Mk., zusammen 775 326,84 Mk. 2. Krankenpflege f ü r Familienange­hörige: Krankenbehandlung durch Aerzte 45 147,15 Mk., Sachleistungen der Aerzte 720,75 Mark, Wegegebühren der Aerzte 3070 Mk., Zahnbehandlung 2272,82 Mk., Arznei und son­stige Heilmittel 886,58 Mk., Krankenhauspflege 8537,19 Mk., Sonstiges 225 Mk., zusammen 60 859,49 Mk. 3. Wochenhilfe: Hebammen­hilfe für Kassenmitglieder 6688,60 Mk., für Fa­milienangehörige 6835,70 Mk.: Wochengeld für Kassenmitglieder 19141,30 Mk., für Familien­angehörige 1324,52 Mk.: Stillgeld für Kassen- mitglieber 10 252,22 Mk., für Familienangehörige 806,48 Mk.: sonstige Leistungen für Kassenmit- ylieder 1830 Mk., für Familienangehörige 419,25 Mark, zusammen 47 298,07 Mk. 4. Für­sorge im allgemeinen: 2441 Mk. 5. Sterbegeld beim Tode von Mitgliedern 5032,10 Mk., von Familienangehörigen 2015,50 Mark, zusammen 7047,60 Mk. 6. Verwal­tungskosten: persönliche 84 615,57 Mk., säch­liche 18 935,71 Mk., zusammen 103 551,28 Mk., sonstige 3127,42 Mk. 7. Vermögens­anlage bzw. Veräußerungen: Erwerb von Mo­

biliar und sonstigen Geräten 1003,63 Mk. Ins­gesamt 1 000 655,33 Mk.

Der Einnahme von 984603,16 Mk. steht eine Ausgabe von 1 000 655,33 Mk. gegenüber, so daß ein Fehlbetrag von rund 15 000 Mk. besteht, der durch Reserven ausgeglichen wird.

Die Vermögensnachweisung enthält: A. Mittel: 1. Kassenbestand einschl. Postscheck­konto 87 331,38 Mk.: 2. Guthaben 40 000 Mk.: 3. Wertpapiere 4400 Mk.: 4. Hypotheken 15 472,42 Mark: 5. Forderungen: a) Darlehn für gemein­nützige Zwecke 102 000 Mk.: b) unberechtigt ge­bliebene Ersatzforderungen für Kranken-, Fa­milien-, Wochenhilfe 3451,86 Mk.: c) rückständige Beiträge 35128,11 Mk., zusammen 140 579,97 Mk.: 6. Grundbesitz 57 286,46 Mk.: 7. Geräte 11 295,73 Mark: 8. Bestand an Heilmitteln 4861,82 Mk. 3m ganzen 361 227,78 Mk. B. Verpflich­tungen: Hypotheken 7474 Mk. Lleberschuß der Aktiva 353 753,78 Mk. Rücklagen am Schlüsse des Geschäftsjahres 149 872,42 Mk. Reine 3ah- resausgabe der drei vorhergehenden Jahre: 1926: 742 737,76 Mk., 1927: 831 763,37 Mk., 1928: 931 057,72 Mk., zusammen 2 505 558,85 Mk., durch­schnittliche Fahresausgabe 835186,28 Mk.

Das Hauskonto hat eine Mehreinnahme von 1729,74 Mk. (Einnahme 7379,71 Mk., Aus­gabe 5649,97 Mk.).

Die Mitgliederzahl betrug im Jahres­durchschnitt 10 409 (5677 männlich, 4732 weiblich). Durch die ständig zunehmende Arbeitslosigkeit trat gegen Ende des Jahres eine starke Mit- gliederabnahine ein (Stand am 31. Dezember 1929 : 9595, davon 4879 männlich, 4716 weiblich).

3m Jahre 1929 waren zu verzeichnen 7391 Krankheitsfälle (4328 männlich, 3043 weib­lich) gegen 6643 im Vorjahr, die Krankheitstage betrugen insgesaint 154 546 (i. 03. 129 747), davon entfallen 83 662 ( 69 901) auf männliche, 70 884 (59 846) auf weibliche Mitglieder. An Kranken­geld wurden gezahlt 339 735,08 Mark gegen 300 701,76 Mk. im 3ahre 1928.

Die Ausgaben für ärztliche Be­handlung betrugen 241 775,13 Mark gegen 236 734,86 Mk. im Vorjahr. Die Kosten für Arznei und Heilmittel erreichten eine Höhe von 112 877,24 Mk. (i. V. 99 345,64 Mk.). Aus der Selbstabgabe wurden für 14 311,95 Mk. Krankenpflegeartikel abgegeben, der Apotheken­preis hierfür ist 28 981,55 Mk.

Die Verpflegungskosten in Kran­kenhäusern betrugen 99 618,14 Mk. (i. 03. 91 690,35 Mk.), davon entfallen auf die Gießener Kliniken 80 356,29 Mk., für Ersatz von Kranken­hauskosten an das Wohlfahrtsamt 2556,02 Mk., an sonstige Krankenhäuser 16 705,83 Mk.

3m Erholungsheim Waldkatzenbach im Odenwald wurden 207 Mitglieder (i. V. 232) an 5835 Tagen (i. D. 6413) verpflegt. Dafür wur­den 27 793,90 Mk. (i. V. 30 830,09 Mk., veraus­gabt.

Sonstige Ausgaben wurden in Höhe von 5568,42 Mk. geleistet, und zwar u. a. für die Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Tuber­kulose in Stadt und Kreis Gießen 1551 Mk., an das Wohlfahrtsamt Gießen für vorbeugende Zwecke (Kinderfürsorge) 800 Mk., zu den Kosten für die Aufführung des AufklärungsstückesDie weiße Pest" 350 Mk. und zu den Kosten der AusstellungDer Mensch" 509,20 Mk.

Der Geschäfts- und Kassenbericht fand die ein­mütige Zustimmung der Vertreter. Herr Fischer erstattete den Bericht der Revisoren und beantragte, da Kasse und Belege in muster­gültiger Ordnung befunden seien, die Entlastung. Dem Anträge wurde stattgegeben. Zur Frage des zu errichtenden

Reubaues eines Derwaltungsgebäudes führte Herr Fourier aus, daß die Errichtung eines Zweckbaues in einfacher Form und prak­tischer Einrichtung geplant sei. Die vom Aus­schuß dafür bewilligte Bausumme müsse unbe­dingt eingehalten werden.

Rach Erledigung einiger Anfragen: betr. das Versicherungswesen wurde die Sitzung geschlossen.

Oie Zusammenlegung der OK.

Gießen-Siadt und Gießen-Land hatte vorher die Vertreter der beiden Kranken­kassen zu einer gemeinsamen Sitzung zusarnrnen- geführt. Der Vorsitzende Herr Ottilie gab einen Lieberblick über den Stand der Angelegen­heit. Zur Beschlußfassung sei eine getrennte Abstimmung beider Ausschüsse nach Arbeit­geber und Arbeitnehmer erforderlich.

Das Referat über diese Frage hatte der kom­missarische Geschäftsführer der AOK. Gießen- Land, Herr Georges, d?r u. a. erklärte: Es herrschten gleiche Verhältnisse bei Giehen- Stadt und Gießen-Land. Für die Versicherten bestehe eine wechselnde Zugehörigkeit zu der einen oder der anderen Kasse. Eine Trennung vom sozialpolitischen Standpunkt bestehe nicht, da beide Kassen gleiche Zwecke verfolgten. Auch die Rotwendigkeit für zwei getrennte Kassen be­stehe nicht. Die räumlichen Verhältnisse seien bei beiden Kassen reformbedürftig. Wolle man Gemeinschaftsarbeit leisten, so solle man gleich den Schritt zur Vereinigung tun. Beide Kassen arbeiteten getrennt unwirtschaftlich. Es seien große Ersparnisse möglich, schon durch den Fort­fall einer Geschäftsführerstelle. Eingehend er­läutert wurden die Leistungs- und Beitrags­übersicht und die mutmaßlichen Ausgaben der neuen Kasse. 'Hierbei habe keine Schönfärberei vorgeherrscht, die Aufstellung erfolgte von den beiden Geschäftsführern nach tatsächlichem 03er- gleichsmaterial. Mit dem Beitragssatz von 6,5 vom Hundert müsse bei gewissenhafter Kassenfüh­rung auszukommen sein.

Geschäftsführer Fourier ergänzte diese Aus­führungen und wies vor allem auf die großen Ersparnisse hin, die durch den Zusammenschluh zu erzielen seien. Den Berechnungen haben die Ergebnisse des 3ahres 1928 zugrunde gelegen. Ein Beitragssatz von 6,75 v. H. sei aus finanz­technischen Gründen das Beste gewesen.

An der Aussprache beteiligten sich die Herren Degenhardt, Ottilie, Häuser, Fischer, Direktor R e h b e r g.

Rach längerer gesonderter Beratung gab Bür­germeister Fendt (Hungen) das Ergebnis der Abstimmung des Ausschusses der AOK. Gießen-Land befannt. Darin wird gesagt, daß die Arbeitgeber grundsätzlich nicht gegen den Zusa mmenschluß sind, sie halten jedoch den gegentoärtigen; Augenblick nicht für geeignet. Die Arbeitnehmer stimmten f ü r den Zusam­menschluß."

Der Ausschuß der A O K. G i e h e n -S t a d t war einmütig f ü r den Zusammen­schluß, wie oben erwähnt.

Zur Verschmelzung beider Kassen ist die Zu­stimmung der Mehrheit der Ausschuhmitglieder (sowohl der Arbeitgeber als auch der Arbeit­nehmer) erforderlich. Da die Zustimmung der Arbeitgeber von Gießen-Land zum jetzige»» Zu­sammenschluß nicht erfolgte, so sind die 03er- fchmelzungsverhandlungen vorerst als g e s ch e i - t er t anzusehen.

Preußen.

Kreis Wetzlar.

cxd Lützellinden, 21. Juli. Aus der jüngsten Sitzung des Gemeinderats ist folgendes zu berichten: Der Antrag der Kleinsiedlungs­gesellschaft für den Kreis Wetzlar auf Beitritt der Gemeinde als Mitglied wurde abgelehnt. Die Fischerei der hiesigen Gemeinde war bisher an den Angler-Sportverein Gießen verpachtet. Dieser hat den Antrag gestellt, ihn von dem Pachtver­trag zu entbinden und an seine Stelle den hier neu­gegründetenAnglerklub" treten zu lassen. Der Ge­meinderat genehmigte diesen Antrag mit der Maß­gabe, daß sich der neue Pächter den Bestimmungen des Fischereipachtvertrags zu unterwerfen hat. Auf die Beschwerde eines Mitpächters der Gemeindejagd gegen die Errichtung eines Schieß st an des im Jagdbezirk durch den hiesigen Kleinkaliber- Schützenverein wurde beschlossen, nach einem geeig­neten anderen Platz für den Schießstand Umschau zu

halten, um den Interessen beider Parteien (Jagd, Pächter und Kleinkaliber-Schützenoerein) nach^ lichkeit gerecht zu werden. Der Antrag eines hiesigen Gastwirts und der Burschenschaft auf Genehmigung zur Abhaltung des K i r ch w e i h f e st e s am 17. und 18. August wurde wegen der in der Gemeinde herr­schenden Arbeitslosigkeit und mit Rücksicht auf die allgemeine wirtschaftliche Notlage abge« lehnt.

Kreis Marburg.

WSN. Marburg, 21. 3uli. Der Kreisausx schuh nahm mit Bedauern von der Mitteilung des Landeshauptmanns Kenntnis, daß es dem Bezirksverband nicht möglich sei, in diesem 3ahre zu den bei Roth beabsichtigten, vom Kreistag beschlossenen weiteren Lahnre« gulierungsarbeiten die bisher übliche Beihilfe zu gewähren. Da es sich dabei um einen Betrag von 30 000 Mk. handelt, ist es lei­der nicht möglich, die Arbeiten bei Roth, die der Kreis zur Beschaffung von Arbeitsgelegenheit sehr gern in Angriff genommen hätte, durchzu* führen.

Kreis Biedenkopf.

WSR. Hommertshausen, 22. 3uli. Beim Holzholen im Walde verunglückte der 3n- valide Andreas Schneider tödlich. Als er mit einer Stange die dürren Zweige von den Aesten schlug, brach die Stange und der an der Spitze befindliche Cisenhaken verletzte ihn erheblich am Oberschenkel. Da der Ver­unglückte allein im Walde war, v e r b l u tete er,

Dillkreis.

WSR. Hörbach, 21.3uli. Das 2 Ve i ä 5 < rige Töchterchen der Familie OttoCB te n ber fiel in einem unbewachten Augenblick in einen Kübel mit kochender Seifen« lauge und zog sich derart schwere 03 e r t brühungenzu, daß es Tags darauf im Kran-, kenhaus in Herborn starb.

Turnen, Sport und Spiel.

Der Luropa-Rundflug.

B e r l i n, 23.3uli. (WTB.) Rach den bei' M Leitung des Europarundflnges hier ein* getroffenen Meldungen liegt zur Zeit der engt lische Kapstadtflieger Butler, der am Rächt mittag bereits über Poitiers-Pau den erstens spanischen Zwangslandeplatz Zaragoza erreichte, an der Spitze. Auf dem Wege dorthin be^ fanben sich weiter die englische Sportfliegerin! Miß S p o o n e r, die Franzosen Arrachart und C o r n e z. )

3n Zaragoza sind im Verlaufe des gestri­gen Rachmittags noch folgende Teilnehmer am Europaflug gelandet: Thom (England), Polte, Morzik und Poh (Deutschland). Alle vier haben den Weiterflug nach Madrid angetreten. 3n| Madrid sind eingetroffen Morzik, Polte, Poh, ferner Broad (England) und Carberry (England),

Briefkasten der Redaktion.

(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.)

Oueckborn. Ein junger Mann, der in das Reichs« Heer eintreten will, meldet sich bei dem Einstellungs­bureau des Truppenteils, zu dem er gehen möchte« Von dort erhält er a»ich die Bedingungen über den Eintritt in das Heer zugesandt.

Berliner Börse.

Berlin, 23. Juli. (WTB. Funkspruch.) 3nt heutigen Frühverkehr konnte sich »roch kein Ge­schäft entwickeln. OBefonberc Anregungen lagert nicht vor, Kurse würben noch nicht genannt« und eine Tendenz war noch nicht erkennbar. Am Devisenmarkt nannte man Conbon gegen Paris 123,69, London gegen Mailand 92,89, London gegen Spanien 42,4050, London gegen Kabel 4,8670, London gegen Berlin 20,3690, Kabel gegen Berlin 4,1850.

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