Ausgabe 
23.7.1930
 
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Kür den Büchertisch.

Don deutschem (Schrifttum.

Hebbels Werke in acht Bänden. Für d>e Diotimallassiker des Stuttgarter Der- läge- Walter Haedecke, die sich wegen ihrer sorg­fältigen textlichen Bearbeitung wie ihrer muster­gültigen buchtechnischen Ausstattung gut einge­führt haben, besorgte Wilhelm von Scholz eine achtbändige Au-gabe der Werke Friedrich Hebbel-, in die dankenswerterweise auch die aufschlußreichen Tagebücher ausgenommen wur­den. Eine Leben-skizze deS Dichters auS der Feder deS HerauSzeoerS beschließt das Werk. Preis in Halbleder aus Bünde gearoeitet 68 Wk. (743)

Walter von Molo: Zwischen Tag und Traum. Gesammelte Reden und Aufsätze. 324 Seiten 8°. Paul Zsolnay Verlag. Berlin, Wien, Leipzig 1930. (129.) Wie Thomas Mann vor einiger Zeit in dem BandeRede und Antwort­vereinigt hier Molo in einer umfänglichen Sammlung unter dem Ra men Zwischen Tag und Traum" aller­lei Nebenwerk, Publistik, Geschriebenes und Ge­sprochenes aus Aktualität, für den Tag und die Stunde: Ansprachen, Vorlesungen und Referate, Aussätze, Antworten aus Rundfragen, und Charak­teristiken. Hier findet man vieles von Molo, was man in seinen Buchern vergeblich sucht, die offizielle Würde seines Amtes (als Präsident der Sektion für Dichtkunst in der Akademie) aber auch viel Mensch­liches, Persönliches, Unmittelbares, manches, was zur Rundung seines Bildes nicht unwesentlich bei- zutragen scheint. Wir denken hier etwa an die nach­denkliche CharakteristikIridericus Sinn und Unsinn-; sehr lesenswert scheint uns ferner, was Molo über Tolstoi und Hamsun zu sagen hat, über die Schauplätze meiner Werke", über die dichterische Konzeption und über die Entstehung des Luther- Romans. Die verlegerische Ausstattung des Wer­kes ist gediegen und großzügig.

3osef Ponten:Wolga Wol- a a, Deutsche Derlagsanstalt Stuttgart. (155.) 3ofef Ponten, von dem unsere Leser bereits eine Reihe ausgezeichneter, treffsicherer Schilderungen ausland-deutscher Kolonien ken­nen, hat sich zum Ziel gesetzt, in einer großen RomanfolgeVolk auf dem Wege" den Hin­tergründen der deutschen Auswanderung psycho­logischer, historischer und wirtschaftlicher Art nachzuspüren.Roman der deutschen Unruhe" nennt er sein Werk, und wahrlich gibt eS kein zweite- Dolk, das wie das deutsche vom Her­zen Mitteleuropas, vom Herzen der Welt auS seit frühester geschichtlicher Zeit in alle Teile der Erde ausgestrahlt ist. Die großen Wan­derungen der Deutschen mögen vielerlei Gründe gehabt haben, die Kargheit der heimatlichen Scholle, die politische Enge der Kleinstaaterei des alten römischen Reichs deutscher Ration, religiöse Unduldsamkeit weltlicher und geistlicher Fürsten stetS war doch auch ein starker Schuß von Aventeurerlust und unstetem Wandertrieb dabei, der säst in jedem Jahrhundert deutscher Geschichte Tausende deutscher Dauern und Bür­ger in die Ferne zog. Unb eS ist wohl wert, dieser großen Wanderung ein literarisches Denk­mal ,,dauernder als Erz" zu setzen. Hnruhe treibt deutsche Dauern in das Rußland der großen Katharina, die ihren Landsleuten an der unteren Wolga Boben gibt. Unb die gleiche Unruhe treibt balb zweihunbert 3ahre später einen Rachsahren bieser schwäbischen Diebler zu­rück in- Reich aus heimlicher Suche nach der deutschen Seele, nach dem großen stolzen Dolk, dem er bescheiden unb boch innerlich erhoben sich kaum zuzurechnen wagt, nach bem mächtigen deutschen Staat der Ordnung, Kultur und wirt­schaftlichen Wohlfahrt. Gleichgültigkeit und Un­kenntnis gegenüber den tapferen Vorkämpfern deutscher Art jenseits der Reichsgrenzen findet er im Dorkriegs-Vaterlande. Das große Ge­fühl für die Deutschen als volkliches Ganze ist ja erst durch den Krieg in uns aufgegangen unb nach dem Kriege lebendige- DolkSgut ge­worden. Mit großer Kunst verwebt Ponten Die Schicksale dieses deutschen Rückwanderer- von der Wolga mit denen seiner Ahnen, die einst aus Schwaben an den Rand der kirgisischen Steppe zogen, unb meisterhaft erhellt er bie «roße psychologische Linie vom einst zum jetzt. Dir warten mit Spannung auf bie weiteren Bände der Romanreihe. Seit Han- Grimms Dolk ohne Raum" hat kein anderes Duch deut­sches DolkSschicksal nachdenklicher unb frucht­barer bargestellt.

Länderkunde.

D c. ColinRoh:DerUnvollendete Kontinent, mit 104 Abbildungen und einer Karte, Ganzleinen 8 Mk. (Verlag F. A. Brock­haus, Leipzig). (195.) Dr. Eolin Roh kennt fast ganz Europa, Amerika, Asien und Afrika. Run hat er auch Australien durchstreift. Der größte Teil der Erde ist übervölkert. Aber ein ganzer großer Erdteil steht noch leer. Seine im Verhältnis zu seiner Ausdehnung lächerlich ge­ringe Bevölkerung schließt sich jedoch gegen die andere Welt hermetisch ab. Sie ist bestrebt, aus ihrem Land eine behagliche Wohnstube zu ma­chen, an die alle Gefahren und Röte der Zeit vergeblich anbranden. Aber bald wird sich Australien entscheiden müssen, ob e- ein weißer oder farbiger Erdteil werden will. Der Men­schenüberdruck sowohl in Europa als auch in Süd- und Ostasien muß ja zur Explosion führen. Darum bildet bie Untersuchung des Problems Australien gegenwärtig vielleicht die Hauptauf­gabe weltpolitischer Forschung. Mit dem .Un­vollendeten Kontinent" rückt die Literatur über Australien endlich von der Entwicklungsstufe der reinen Berichterstattung herauf in einen weltpoli­tischen Dlickpunkt.

Karl Scheffler: .Holland"". Mit 100 Bildern, Preis in Leinen Mark 16, im Insel­verlag zu Leipzig. (154). Karl Schefflers Bücher über Pares und Italien sind in aller Hande. Dieses neue Werk nach langer Pause wird ebenfalls seinen Weg machen. Scheffler geht aus vom Boden und der Landschaft und erarbeitet sich von hier aus bie Menschen und ihr Werk. Das ist gerade bei Holland äußerst fruchtbar, denn nirgends wird man heute noch eine ähnliche Geschlossenheit von Ratur unb Mensch, von Stadt und Landschaft finden, wie in diesem, in stetem Kampf mit den Raturge­walten eroberten, vom Menschen dem Meere buchstäblich entrissenen Lande. Und dieser Charakter deS durchaus jungen Landes bringt es mit sich, daß man hier, wie selten anderswo, bie Dodengestaltung gleichsam in ihrer Ent­

wicklung beobachten kann, und daS wieder schafft daS grundlegende Verständnis für baS beson­der- enge Verhältnis des Holländers zu der ihn umgebenden Landschaft; ein Verhältnis, das in Formen der Siedlung und namentlich auch im Städtebau mannigfachen Ausdruck findet, unb eS schlägt wiederum durch in der holländischen Malerei, bie in ihrer einzigen großen kurzen Glanzepoche absolut gegenständlich ist, ganz Milieubarstellung in Lanbschast, Porträt oder Genre. DaS ist bie Stärke deS Schefslerschen Buche-, bah es bei allem Eingehen aus bai Ein­zelne doch stet- bie große Linie, bie Beziehun­gen, aufzeigt unb dem Lefer so äußerst präg­

nant bie ganze Geschlossenheit de- Eindruck- vermittelt, den jede Reise durch die nicber- ländischen Provinzen dem offenen Auge ge­währen muh. Erwähnt sei noch, bah auch dieses Werk Dom Verlag mit 100 zum großen Teil nicht alltäglichen, ausgezeichnet reproduzierten Abbildungen ausgestattet wurde, die auch die moderne, besonder- interessante Daugeschichte Hollands und die großen wirtschaftlichen Unter­nehmungen des Landes, wie z. B. die Trocken­legung der Zuidersee, berücksichtigt. Auch bie holländische Kunst ist in zahlreichen charakte­ristischen Abbildungen von Werken holländischer Museen gut vertreten.

AM Schriften Gießener Hochschullehrer.

Örn ft D. Aster: Die Psychoanalyse. 295 Seiten 8P. VolkSverband bet Bücherfreunde, Wegweiser-Verlag G. m. b. H., Berlin-Charlot­tenburg 2. (227) Trotz der Popularität deS Wortes .Psychoanalyse" hat der Laie von dieser jüngsten unter den Wissenschaften heute meist noch einen recht wenig vorstellbaren Begriff. Das Erscheinen des vorliegenden WerkeS ist daher besonders zu begrüßen. Cs wird dazu beitragen, den Mangel an positiver Kenntnis um das weite und so bedeutungsvolle Arbeitsgebiet der Psychoanalyse wesentlich zu beheben. Der be­kannte Gießener Philosoph entwickelt in diesem seinem neuesten Werke zunächst an Beispielen aus der Praxis die Stellung, die die Psycho­analyse im wissenschaftlich-praktischen Betriebe der Gegenwart einnimmt. Hierbei werden dem Leser u. a. Begebenheiten auS dem frühesten Kinde-alter vor Augen geführt, die ihm un- beachtcn-wert erscheinen mögen, bie bagegen dem Psychoanalytiker wichtige Anhaltspunkte sind für die Diagnose und die Behandlung ner­vöser Störungen. Iedoch nicht nur von der ärzt­lichen Seite der Psychoanalyse als Therapie der Reurose ist in diesem interessanten Buche bie Aede, sondern von der Bedeutung der Psycho­analyse für unsere Auffassung vom seelischen Leben und von der seelischen Ratur de- Men­schen. Sowohl in der Zustimmung wie in der Kritik entfaltet der Autor eine eindringende An­schauung vom Verlauf der Geschichte der mensch­lichen Kultur und hebt wesentliche Gesichtspunkte der Kulturphilosophie heraus. Wir haben es hier mit einer Erscheinung aus dem Rahmen der Wissenschaftlichen Iahresreihe dcS Volksverban- beS der Bücherfreunde zu tun, bie bie Aufmerk­samkeit weitester unb ganz neuer Kreise auf biete bebeutungSvolle Organisation deS V. b. B. lenken wirb.

- Geschichte der Philosophie im Altertum und Mittelalter. Von Prof. Dr A. M e s s e r. 8. Ausl. Geb. 1 80 Mk 3nSamm­lung- Wissenschaft und Bildung. Verlag von Quelle L Meyer, Leipzig (49). Von Messers Geschichte der Philosophie erscheint der den inter­essantesten Zeitabschnitt, das Altertum und Mittelalter behandelnde Band soeben in achter, erneut verbesserter Auflage. Der Hauptvorzug diese- Buches ist es. baß die so oft beklagte Dunkelheit philosophischer Bücher hier geschickt vermieden unb alles klar unb verständlich dar- gestellt ist. Hierzu kommt noch der weitere Vor­zug. daß der Verfasser nicht nut historische Dar­stellungen gibt, sondern auch eine kritische Wür­digung der wichtigeren philosophischen Ansichten bietet. Dabei weiß er den Leser zu eigenem philosophischen Rachdenken anzuregen, was da- Buch gerade für eine Erarbeitung philosophi­scher Systeme hervorragend geeignet erscheinen läßt.

D i e Lebensvorgänge deS mensch­lichen Körpers. Von Prof. Dr. med. et sc. nat. K. Bürker. (179.) 3m Verlag von K. G. Lutz (Eckstein und Stähle) in Stuttgart er­scheint jetzt der zweite Teil der Lebensvorgange des menschlichen Körpers von Prof. Dr. Durker, dem Direktor des hiesigen Physiologischen 3nsti- tuts. Rachdem im ersten Band, welcher früher an dieser Stelle eingehend gewürdigt worden ist, die vegetativen Funktionen behaiidelt wurden, fol­gen in dem vorliegenden Band die animalen Lebenserscheinungen des Menschen, die Sinnes» empsindungen, die Bewegungen und die 8en* traten Funk.ionen. Die gewiß nicht leichte Auf­gabe des Buches, dem Richtmediziner eine um­fassende und klare Vorstellung der teilweise recht komplizierten Lebensvorgänge zu geben, hat der Verfasser in sehr glücklicher Weise gelöst. Der ausgezeichnet klar gegliederte Stofs wird be- fonberä dadurch dem Verständnis näher gebracht, daß immer wieder an allgemein bekannte und beobachtete Erscheinungen angcknüpst wird und diese Kenntnisse erweitert und vertieft werden. Entsprechend ihrer Bedeutung sind die einzelnen Teile des 3nhalts mehr ober weniger ausführ­lich, aber immer ein vollständiges Bild zeichnend, behandelt. Eine große Anzahl guter Textabbil­dungen und Tafeln erleichtern daS Eindringen in die verschiedenen Gebiete, und bie Beschrei­bung leicht burchsührbarer Versuche regt ben Leser zu praktischer Betätigung der gewonnenen Erkenntnisse an. 3n bem Abschnitt über bie Sin- nesempfindungen wird gezeigt, daß der Mensch nicht bloßfeine fünf Sinne beisammen hat , sondern wesentlich mehr, und daß die Sinnes­organe, die jeder fast ununterbrochen braucht,, in wunderbarer Weise gebaut und den Bedürf­nissen des Körpers angepaht sind. Die Dewe- gungen der glatten, quergestreiften und Herz- Muskulatur enthüllen sich als hochinteressante Vorgänge und der Muskel selbst als eine Ma­schine, welche an Nutzeffekt kaum von unseren modernsten Maschinen erreicht wird, obwohl sie zu 75 Prozent aus Wasser besteht. Endlich behan­delt der Verfasser das Rervensystem in feinen einzelnen Teilen und zeigt, wie in grandioser Weise die Funktionen aller Organe von einer Zentrale aus geregelt werden, welche sowohl in ihrem Aufbau als auch in ihrer Zweckmäßigkeit unb Zuverlässigkeit schier unnachahmlich anmu­tet. Die Fülle interessanter Einzelheiten zu wür­digen. ist hier nicht der Platz, ein jeder möge die wunderbaren Funktionen seines eigenen Kör­pers an Hand dieser ausgezeichneten Darstellung selbst ergründen. Emst und Liebe zu dem behan­delten Stoff fordert der Verfasser als Wissen­schaftler mit Recht, unb nur wer ihm von Anfang bis Ende folgt, erringt einen Einblick in bie fabelhaften Vorgänge unb Gesetze, bie unser

Leben bestimmen. Dieser Lohn aber ist wahrlich bet Mühe wert.

Handbuch der geographischen Wissenschaft.Die Lander der Erde in Ratur, Kultur und Wirtschaf t", herauSgegeben von Prof. Dr. Fritz Klute, Gießen, unter Mitwirkung zahlreicher Gelehrter; Akademische Derlagsgesellschaft AthcnLion. Wild- park-PotSdam. Lieferung 1 bis 3. Preis 2,40 Mark je Lieferung. (252) DaS 3ntercffe an den Schönheiten fremder Länder, aber auch an der wissenschaftlichen Erforschung der Erde ist seit dem Weltkriege ständig im Wachsen begriffen. DaS hat nicht nur romantische Gründe, bie be­kannte Sehnsucht nach fernen Parabiesen auS ber Enge und Rot des heimatlichen Alltags, son­dern auch bie Realitäten beS Geben« regen immer mehr Kreise an zur intensiven Beschäftigung mit allen Zweigen ber geographischen Wissen­schaft. Richt nur der Kaufmann, der 3nbu- ftrielle, der Gelehrte, nein jeder interessierte Zei­tungsleser stößt heute tagtäglich auf Dinge, denen er an Hand eines zuverlässigen, umfassenden Werkes nachgehen möchte. Fragen nach Aufbau und Gestaltung der Erde, nach ihrer Besiede­lung durch den Menschen, nach Boden- und Raturschätzen, nach Wirtschaft und Verkehr fin­den ihre Antwort in einem so reich gegliederten Sammelwerk, wie es das in den drei ersten Lieferungen vorliegende zu werden verspricht. Herausgeber ist der durch erfolgreiche For­schungsreisen und wissen'chaftliche Arbeiten hin­länglich bekannte Geograph unserer Landesuni­versität Professor Fritz Klute, der in Verbindung mit einer Reihe der bedeutendsten Gelehrten seines Faches in etwa 30 Lieferungen die Wunder ber Erbe vor unS erstehen lassen will. Der Haupt­wert soll auf die Länderkunde gelegt werden und dabei jede trockene Darstellung, die man der geographischen Wissenschaft häufig nachsagt, vermieden werden. Die Verbindung von Land­schaft unb Mensch, bie unmittelbare Wirkung ber Lanbschast auf den Menschen, soll dem Leser durch ein möglichst umfangreiches Dildermaterial eindringlich vor Augen geführt werden. Rament- lich Farbbilder, die nach wissenschaftlichen unb künstlerischen Gesichtspunkten ausgewählt sinb, sind bereits den ersten uns vorliegenden Lieferungen in überraschender Menge unb technisch eintoanb» freier Wiedergabe beigegeben. So verspricht dies schöne unb bankenSwerte Unternehmen nach Text und Ausstattung, namentlich auch in Hinsicht auf das beigegebene Bild- und Kartenmaterial ein großzügiges, in seiner Art einzig dastehende- Werk zur Vermittlung all des Schönen unb 3ntcreffanten unserer Mutter Erbe zu werben.

Untersuchun gen über Vorsatz unb Sa hrlässigkeit im Strafrecht. Von Dr. jur. Karl Engifch, Privatdozent an der Universität Gießen. Berlin W 57, Verlags­buchhandlung Otto Liebmann. 21 Mk. (131.) Vorsatz unb Fahrlässigkeit stehen als die bedeut­samsten Bestandteile des Schuldbegriffs im Mit­telpunkt der strafrechtswissenschaftlichen Erörte­rungen. Volle Klarheit über die einschlägigen Probleme ist noch nicht erzielt, für Rechtslehre und Rechtspraxis aber von der größten Bedeu­tung. Der Verfasser des vorliegenden Werkes unternimmt es, die Begriffe Vorsatz und Fahr­lässigkeit unter eingehender Auseinandersetzung mit der Literatur und sorgfältiger Berücksichti­gung der Rechtsprechung neu zu bestimmen. Zu den zahlreichen Theorien wird unter gerechter Würdigung aller Gesichtspunkte selbständig Stel­lung genommen. 3ebcm, dec sich in den schwie­rigen Fragen ber Strafrechtsschuld orientieren will, wird das Werk unentbehrlich sein. Dem Verfasser ist es auch gelungen, ein methodische- Prinzip einzuführen, bas seinen Darlegungen nicht nur Bedeutung für das Verständnis des geltenden, sondern auch für die Auslegung des kommenden Rechts sichert.

Sozialpolitik. Don Dr. E. Günther, bim. ao. Professor an der llniberfität Gießen. Preis geh. 6 Mk., in Leinen geb. 7,80 Mk. In» dustrieverlag Spaeth & Linde, Berlin W 10. (197) Keine Darstellung im Stile der Iahresberichte und Zehnjahresrückblick der nationalen und in­ternationalen Arbeitsämter, die die Sozialpolitik nur als gesetzgeberisches Problem betrachten und deshalb der fröhlichen Hoffnung sind, daß teil nur fleißig weiter jedes Iahr ein paar hundert neuer sozialpolitischer Geseyesparagraphen machen müßten, um mit Sicherheit ein soziales Hebel nach dem andern auszurotten, dem sozialen Ideal­zustand immer näherzukommen. Auch keine gräm­liche Kritik, die nur auf Kosten der Sozialpolitik sieht und auf die damit verbundenen Einschrän­kungen der persönlichen Handlungsfreiheit, und darauf, daß trotz unserer jahrzehntelangen red­lichen Bemühungen die sozialen Hebel unb Span­nungen boch scheinbar in alter Stärke fortbe­stehen. Aber eine wohlabgewogene, wissenschaft­liche Hntersuchung, die die Sozialpolitik nicht bloß als eine Klassenangelegenheit, als eine Streit­frage zwischen Arbeiter und Unternehmer be­trachtet, sondern sie aus bem Wesen, aus den QcbenSxiclen von Staat und Gesellschaft, von Individuum und Gemeinschaft zu begreifen sucht. Den unmittelbaren Interessenten ber Sozial­politik, die aktiv den Hauptvorteil davon haben oder passiv die Hauptkosten dafür Vorschüßen müssen, wird es der Verfasser nicht immer ganz recht gemacht haben, aber wer sich im Streite der Meinungen ein unbefangenes Hrteil bilden will, der wird gern nach dem Buche greifen^ zumal es noch den Vorzug einer außerordentlich klaren und flülligen Darstellung hat und seine Lektüre durch ein ausführliches Inhaltsverzeichnis und Sach- und Damenregister erleichtert wird.

Politik und Geschichte.

Provinzen der Weltwirtschaft und Weltpolitik: Rußland von Prof. Dr. Han- v. Cckardt. Mit vier mehrfarbigen unb zwölf schwarzen Karten. 233 Abbildungen. 568 Veiten. ©t.-S0. In Ganzleinen 30 Mk. Ver­lag Bibliographische- Institut AG., Leipzig (199). Ruhlanb liegt heute, über zehn Iahre nach ber Hmwälzung, immer noch wie ein Rätsel -wischen Europa unb Asien. Die tatsächlichen politischen unb wirtschaftlichen Beziehungen zu ihm sinb gering. Da- Verhalten der neuen Machthaber ist nicht einheitlich, ihre Pläne auf lange Sicht schwer zu burchschauen. Sv bietet bie Gegenwart wenig Ansatzpunkte zur Beurteilung der Vereinigten Sowjet-Republik unb ihrer po- litisch-wirtschastlichen Zukunft. Wir haben unS allzusehr daran gewöhnt, die bolschewistische Hm­wälzung als etwas ganz Reue- unb noch nie DageweseneS auch für Rußlanb selbst anzusehen. Das ist nur bebingt richtig. Zahlreiche auhen- unb innenpolitische, Wirtschafts- unb bevölke­rungspolitische Maßnahmen ber neuen Regenten bebeuten jahrhundertealte Praxis, sinb von allen großen russischen Staatsmännern seit Peter bem Großen versucht unb erstrebt worden. HanS v. Eckardt, in Rußland geboren und ausgewachsen, macht die russische Gegenwart durch Klarlegung der großen natur- und volk-bestimmten önt- wicklungSlinien verständlich und greifbar. Russi­scher Staat, russische Wirtschaft, russisches Denken werben historisch entwickelt, immer in ber Ab­sicht, daS heute Seienbe unb Werdenbe zu er­klären. Die Schlußkapitel behanbeln ben bolsche­wistischen Proletkult als Ansatz neuer geistiger Kultur der Werktätigen, den FünfjahreSplan als erste Phase ber Ginglieberung in die Welt­wirtschaft, die Rattonalttätenpolitik als Drücke zur Weltkulturprovinz Rußland. Reue, verant­wortungsfreudige, gegenwartszugewandte Ge­schichtsschreibung, die sich das oesondere Ziel steckt: Deutschlands und Rußlands Rähe und Derbundenheit zu -eigen. Für daS epoche­machende Werk spricht auch die ganz au-ge­zeichnete Schilderung, die, meist auf zeitgenössische Quellen zurückgreifend, in ber hier gebotenen Reichhaltigkeit und sorgfältigen Auswahl und Eingliederung Wohl einzig dasteht.

Heinz Gorrenz:Die Franzosen­zeit in Rassau und Frankfurt a. M. 19 18 b i s 1 930." Eine Chronik, in der von Rot unb Schanbe, von Rarretei und Derrat, aber auch von Heimatliebe und deutscher Treue er­zählt wird. Druck und Derlag der Frankfur­ter Rachrichten I. G. Holtzwarts Rachf. G. m. b. H. Frankfurt am Main (259). Der Verfasser, der als Redakteur in Wiesbaden bis zu seiner Ausweisung bie Rot bet BesatzungSzeit gründ­lich durchgekostet hat und später im Abwehr­kampf gegen rheinische Separatisten unb fran­zösische Kulturpropaganda in vorderster Linie ftanb, hat auS einem überreichen Material da- interessanteste in bieser kleinen Broschüre au* sammengestellt. Die Tage bes Einzug- bet Sieger", bie Tage bet Dorten unb Matthe- erstehen toieber, bie Tage scharfen Kampfe- und enblichen Sieges ber tapferen deutschen Gegen­wehr. Leibet ist bie Ausstattung dieses inter­essanten Büchleins, was Papier unb Druck be­trifft, seht mäßig, auch bie vielen beigegebenen Bilber, so interessante Dokumente sie an sich fein mögen, sinb kaum erkennbar toiebergegeben.

Musikiieraiur.

Geschichte ber Musik in allgemein« verständlicher Form. Don Prosessot Dr. I. Wolf. Erster Teil: Die Entwicklung ber Musik biS etwa 1600. 2. Auflage. 159 Seiten. Geb. 1,80 Mk. In Sammlung Wissenschaft und Bildung. Verlag von Quelle & Meyer, Leipzig (48). Der Ber­liner Musikhistoriker I. Wolf hat e- verstanden, klar und anschaulich ben Wetbegang ber Musik­geschichte zu schildern und für alle Probleme der Musikgeschichte lebendige- Interesse zu erwecken. Rach einem Heberblick über bie Musik bet alten Welt führt uns bet Verfasset über bie kirchliche und weltliche Musikkultur des Mittelalters in die ars nova der Renaissance. Reben ber Sanges­kunst sinb Instrumentalmusik und Theorie aus­giebig berücksichtigt. Wer einen tiefen Einblick in das geschichtliche Werden der Musik haben möchte, dem sei dieses Büchlein empfohlen.

Iulius Levin: Iohann Sebastian Bach. Dolksverband ber Bücherfreunde, Weg­weiser-Verlag G m. b. H., Berlin-Charlotten­burg 2. (152) Tiefet als alle früheren Gene­rationen verehrt die heutige in Dach nicht nur den Meister einer vergangenen Epoche des musi­kalischen Stil-, sondern das künstlerische Genie, dessen Wirkungen sich über Iahrhundette hin­weg bis in die jüngste Gegenwart erstrecken. Julius Levin hat diese Tatsache in den Mittel­punkt seiner Arbeit gestellt. Richt allein Leben unb Werk bes Meisters schildert er, fonbern vor allem bie ungeheure Machtausstrahlung, bie von dem architektonischen Gesetz seiner Werke auf die Musik der folgenben Iahrhundette aus­gegangen unb selbst in ben Roten unserer mo­dernsten Komponisten noch zu erkennen ist. So wird das Werk Levins zu einem rechten Duch der Gegenwart, geeignet nicht nut für den Mu­siker, sondern besonders für den Laien, der all­zuleicht Gefahr läuft, vor ber Fülle bet Der* schiebenartigen musikalischen Erscheinungen bie ungebrochene Linie einer großen Entwicklung nicht mehr flar zu erkennen. Das Werk ist mit interessanten Illustrationen, Handschrist- unb Rotenproben ausgestattet. Preis in Halbleber 4,20 Mk.

2 ohannes Brahms. Don Dr.Paul Mies. Geb. 1.80 Mk. In Sammlung Wissenschaft und Dlldung. Derlag von Quelle & Meyer in Leipzig. (203) DaS Duch setzt das Werk in den Dordergrund und läßt in einer Reihe von Querschnitten Dokal- und Instrumentalmusik nach der Seite des Inhaltes und der Form vor bem Leser entstehen. An Hand zahlreicher Beispiele finb diese leicht erkennbar und bei eigenem Stu­dium auf weitere Werke des Weisters anwend­bar. Ein zweiter Abschnitt umreißt die Stel­lung deS Komponisten im Lause der Musik­geschichte, zeigt seine Beziehungen zu Früheren und Glclr^ettigen und deckt das DorwärtS- weisende in Brahms Lebenswerk auf. 3m letzten Abschnitt macht uns Dersasser mit dem künst­lerischen und 'menschlichen Charakter des Meister- bekannt.