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Jas Panoptikum ist tot - es lebe der Ulm!

Oie Darstellung -eseigenen menschlichen Organismus" früher und heute.

Don Heinz Me-efind.

Das Wort von der sterbenden City Berlins ist zum Schlagwort geworden. Der Kursürstendamin macht der Friedrichstraße heftige Konkurrenz. Des­halb sucht man im Zentrum mit allen Mitteln neues Leben in die alten Straßen zu bringen.

So hat man versucht, die große Passage, die von der Friedrichstraße bis zu den Linden führt, neu zu beleben Man hat es versucht durch lange Reihen von Glühbirnen, durch große Lampen, die oben unter dem Glasdach hängen. Man hat ge­glaubt, durch die Lichtfülle das Publikum wieder in Massen dorthin zu ziehen. Man hot es versucht. Es ist nicht gelungen.

Bor zwanzig Jahren gab es in dieser Passage noch ein Panoptikum, das Zuschauer lockte. Später kam es in andere Hände, wurde verpachtet, fristete das Dasein durch die Kriegsjahre hindurch und verschwand 1921 als Opfer der Inflation end­gültig. Als Opfer der Inflation? Oder hatte es keine Zugkraft mehr auf dieBachkriegsgeneration?

Manches hat sich gewandelt in der Zeit nach 1921 hier in der Passage. In die Räume des Panoptikums zog eine Bank und verschwand wie­der. Es folgte ein Lombardhaus, das erst vor kurzem endete. Jetzt stehen die Räume zum großen Teil leer.

Aber einiges ist doch geblieben in dieser eigen­artigen Geschäftsstraße, durch die kein Auto und keine Bahn fährt, die auch heute noch nur von Fußgängern betreten wird. And dieses, was sich erhalten hat, ist durch nichts geändert. Da ist der Königliche Porträt-Hofmaler", dessen Bilder und Werbeplakate noch genau so sind wie vor zwanzig Iahren. Da ist der Laden mitSchmuck aus echt böhmischen Granaten", und da ist das Weltpano­rama.-Eine Reise für zwanzig Pfennig jede Woche andere Länder".

Aber noch eines ist geblieben ein Rest vom Passage-Panoptikum: das AnatomischeMu- s c u m.Der moralische Zweck dieser Ausstellung ist die Erkenntnis des eigenen menschlichen Orga­nismus. Wenn an sich schon die Erforschung des Raturreiches von hohem Interesse ist, so wird es um so mehr die des eigenen Körpers sein. Ieder Gebildete..." so steht am Eingang zu lesen. Große Bilder sind im Hausflur aufgestellt.Die Folgen des Korsettragens ..

Im Museum selbst atmet man echte Museums­luft. Anter Glaskästen liegen Wachspräparate. Arme, Hände, Deine, Gesichter alle von kranken Menschen. Die Krankheiten, die hier ge­zeigt werden, sind nicht die harmlosesten.

Es sieht sauber aus in diesen Räumen, alles ein wenig ältlich, aber solide und tot. Schwarzes altes Holz und Wachs. Was aber machen diese geschwollenen Wachsnasen schon für einen Ein­druck auf den Besucher, der aus dem lauten Betrieb der Friedrichstraße hier eingetreten ist. Rimmt er sie ernst?

Er braucht nur zehn Pfennige in eines der drehbaren Panoramen zu werfen, die an der Wand aufgestellt sind, und dann hineinzu­blicken er wird das Gruseln vergessen, er wird lächeln.Berliner Rachtleben": Damen mit langen weiten Röcken, Herren im knappen Jäckchen verliebt mit den Augen spielend, dos ist Berlins Rachtleben durch das Auge dieses Museums. Bilder von 1905. Ia, es ist ein Museum!

' Eine Erinnerung liegt noch da:Hand-, Faust- und Fußabguß der elfjährigen Riesin, welche hier ' im gewesenen Passage-Panoptikum auftrat. Da- -neben die Hand einer normalen Frau." Eine Erinnerung wie dos ganze Museum eine Erinnerung ist.

Richt viele Besucher kommen. Die Kassiererin klagt, daß die City vereinsame.Wer läuft schon durch die Passage? Wir hörens ja auch von dem Panorama gegenüber. Kaum einer geht hinein. Bon Woche zu Woche, von Tag zu Tag wird es schlechter, das Geschäft. Mein Chef möchte ja gerne das große Panoptikum wieder aufmachcn. Aber das Risiko ist zu groß.

And woher auch die Wachsfiguren nehmen, die dafür nötig sind? Die alten sind ins Ausland oder auf den Schutthaufen gekommen Werden sie noch fabrikmäßig hergestellt? Alles, was hier im Museum liegt, ist von Künstlern ge­formt. Anbezahlbar ist so etwas heute."

Anbezahlbar und -r doch nicht besucht. Ob­wohlKünstler" ihre Zeit einmal darauf ver­wendet haben, den Menschen die Leiden der Menschheit anschaulich zu machen. Die Krank­heiten und ihre Behandlung, die Leiden und ihre Operation wie man sie zeigte vor fünfzig und vor zwanzig Iahren.

Wie zeigt man sie heute? Einen Kilometer von der Passage entfernt: Luisenstraße 51. Hier kann man sehen, wie aus einem Magen ein Löffelstiel operiert wird.

Es ist bekannt: Strafgefangene suchen den Weg in die Freiheit auf die verschiedenste Art. Manche brechen aus, andere laufen von offenen Arbeits­stellen fort. And wieder andere glauben die Frei­heit über das Krankenhaus zu finden. Sie machen sich haftunfähig sie schlucken Gabel, Löffel, Schrauben.

Bor einigen Wochen lieferte man wieder einen in die Charite ein, der während der Strafhaft ein Messer heruntergewürgt hatte. Das Messer wurde aus seinem Magen entfernt. Man operierte ihm Die Folgen einer solchen Operation können dem Patienten das Leben kosten. Bedenkt man das, wenn man sieht, mit welcher Sicherheit die Aerzte arbeiten? Wenn man sieht, mit welcher Schnellig­keit die Schnitte geführt, der Leib geöffnet, tue Wunden vernäht werden?

Worauf achtet man, wenn man einer solchen Operation beiwohnt? Richt auf den Patienten, nicht auf die Chloroformmaske, nicht auf die Schwester und nicht auf den Arzt. Man läßt den Blick nicht durch das Zimmer schweifen er ist Sebannt auf die Hände der Aerzte und auf die lrbeit, die sie leisten.

Ein langer senkrechter Schnitt öffnet den Leib. Ein Wattebausch fährt sanft, fest, sicher durch die Wunde, saugt das Blut auf. Das Messer er­scheint wieder. Bon beiden Seiten schiebt sich weißer Stoff über den Leib, bis zu der Oeffnung: Klammern greifen zu, klemmen ihn feft, vom Körper ist nichts mehr zu sehen.

Denkt man jetzt noch an den Patienten? Die Operation geht weiter. Mit unheimlicher Schnellig­keit. Die Oeffnung wird tiefer der Magen wird sichtbar. Hände greifen zu. Gummihandschuhe färben sich. Finger und Daumen fassen nach dem Fremdkörper. Eine Klammer schiebt sich ins Blick­feld, klemmt einen Teil des Magens ab. Ein Messer schneidet die Haut auf und eine Hand zieht einen Löffelstiel hervor.

Im selben Augenblick ist schon der Faden da, mit dem der Schnitt im Magen vernäht wird. Die Hände nur auf die Hände sieht man lagern den Magen zurück. Die Oeffnung des Leibes schließt sich. Der Stoff schiebt sich bÄseite. Der Körper wird wieder sichtbar: Radel und Faden treten in Aktion. Der Schnitt ist vernäht. Ein Wattebausch entfernt die letzten Blutspuren. Die Operation ist beendet. Der Patient erwacht aus seinem künstlichen Schlaf. Ein Löffel ist aus seinem Magen entfernt worden.

Das alles sieht man klar, plastisch. Man ist gefesselt durch die rasche Abwicklung der Dinge. Ein Bild jagt das andere. Man kommt nicht zum Rachdenken, wie dem wohl zumute sein mag, dem man den Löffelstiel aus dem Magen entfernt hat. Man denkt nicht nach, wie einem selbst zumute ist beim Anschauen dieser Opera­tion. Man sitzt da und schaut auf die Leinwand bis das Licht im Saal eingeschaltet wird.

So könnte man sitzen und Film nach Film vorüberrollen lassen. Filme über schwierige und einfache Operationen, über Krankheiten und ihre Behandlung, über Massage und die Tätigkeit des lebenden Herzens, über die Arbeit deS Magens und die Bewegung der Blutkörperchen. Man könnte Filme sehen von einem Hund ohne Großhirn und ohne Hirnstamm, von einem Frosch, dem man das Labyrinth aus dem Ohr operiert hat. Man könnte eine Nasenplastik sehen, die Prof. Ioseph aus der Stirnhaut herstellte. Filme über man kann es nicht aufzählen. Aeber alle Disziplinen der modernen Medizin und die Gegenstände und Fragen, die damit Zusammen­hängen. And weiter über die Forschungsarbeit, die auf medizinischem Gebiet geleistet wird, mit Hilfe der Kamera.

140 000 Meter Regativ-Film umfaßt bis heute das Archiv des Berlages wissenschaftlicher Filme, der die Arbeiten des Medizinisch.Kine- matographischen Aniversitäts-In- stituts für Anterricht und Forschungen der Charite vertreibt. 140 000 Meter Film werden dem ärztlichen Rachwuchs, dem Hilfspersonal und zum Teil auch dem Publikum gezeigt. Sie können erziehen, aufklären und belehren wie es die Technik unserer Zeit ermöglicht und fordert.

Rur einige Jahrzehnte trennen die Zeit des anatomischen Museums von der des medizinischen Filmes. Welche Entwicklung ober in dieser kurzen Zeit! Was im Museum liegt, ist von Künstlern geformt was durch das Institut gezeigt wird, ist durch die Mittel der modernen Kinemato­graphie zum Allgemeingut gewordene wissen­schaftlich-praktische Arbeit. Dort tote Präparate (die nie gelebt haben) in Glaskästen hier die bewegten Photographien von Kranken und Aerzten. Dort Panoptikum hier Leben.

Ein Verkehrsnottus aus dem Vogelsberg.

Groß-Eichen, 19. Rov. Die Gemeinden Dodenhausen ll, Höckersdorf und Groß-Eichen hatten eine Eingabe an den hessischen Minister für Arbeit und Wirtschaft gerichtet mit der Ditte, fich für den Weiterbestand der bestehenden P r i» vatpostlinie Babenhausen IIMücke einzusehen. Wie man hört, besteht wenig Aussicht, daß das Gesuch Erfolg haben wird. Bekanntlich soll diese Linie, auf der neben der P o st auch Kleingüter und Personen befördert wer- ^n, der allgemeinen Berkraftung der Landpost zum Opfer fallen. Das wäre ein 9r0der Schaden für die betreffenden Gemein­den. Man sollte dem Vogelsberg, der so­wieso schon arm an Verkehrsmöglichkeiten ist, nicht auch noch dieses Verkehrsmittel nehmen. Bei der geplanten Verkraftung ist eine Personen­beförderung nahezu ausgeschlossen. Eme große Ersparnis dürfte die Post bei der vorgesehenen Neuerung auch nicht machen Die Postzustellung und Abholung wird in den ge­nannten Gemeinden nicht verbessert, sondern be­deutend verschlechtert. Zur Zeit wird der Brief­kasten hier um 6 Ahr und um 18 Ahr geleert, und bte Postsachen gehen mit dem Frühzug bzw. Abendzug in Mücke weiter. Bei der neuen Verkraftung wird dagegen ein Brief der am Abend eingeworfen wird, erst am nächsten Nachmittag oder Abend mit dem Postzug weiter­gehen. Die Postdirektion behauptet, die neue Linienführung könne von AltenhainWohnfeld nicht anders als über Dobenhausen llGroß- Eichen gehen. Dagegen Wäre es sehr wohl möglich die Straße Altenhain Wohnfeld Sellnrod-

Lardenbach Weickartshain Grünberg zu be­nutzen und unserem Tal seine Privatlinie zu be­lassen. Wir hoffen, daß in dieser Sache noch nrcht das letzte Wort gesprochen ist, und daß keine Mittel unversucht bleiben, die genann­ten Gemeinden vor Verschlechterung ihrer Post- und Personenbeförderung zu bewahren.

Preußen.

Kreis Wetzlar.

> Wißmar, 21. Nov. Der Volksbil­dungs-Ausschuh begann seine Winterarbeit mit einer Vortragsreihe über das ThemaDe­mokratie, Faschismus, Diktatur", das an fünf Abenden behandelt wird. Dr. G u m b e l (Gießen) wurde als Vortragender gewonnen. Die Arbeits­gemeinschaft umfaßt 50 Teilnehmer. Am 30. No­vember findet ein Anterhaltungsabend statt, der dem fünfjährigen Bestehen des VDA. gewidmet ist. Der Volksbücherei-Betrieb weist immer stärkere Benutzung auf. 600 Bände stehen zur Befriedigung des Lesebedürfnisses zur Ver­fügung.

ch Wißmar, 20. Nov. In die Jagdhütte des Pachters der hiesigen Jagd im Wißmarbach- tal wurde in der Nacht auf Donnerstag ein Einbruch verübt. Die Täter, scheinbar zwei, er­brachen die gut verschlossene Tür. Sie setzten den Ofen in Brand und veranstalteten ein Zech­gel a a e, das scheinbar die ganze Nacht hin­durch dauerte. Auch die Betten wurden benutzt. Anter Mitnahme zahlreicher Gebrauchsgegen- ftände (Bettkolter, Schuhe, Gamaschen, Mantel, Konserven, Wein u. dgl.) und nach versuchter

Verwischung ihrer Fußspuren verließen die Ein­brecher den Tatort.

il Groß-Rechtenbach, 20. Nov. 'In den Gemeinden des hiesigen Amtes wurden für den Volksbund Deutsche Kriegsgräber- f ü r s o r g e folgende Geldspenden gesam­melt: Dornholzhausen 22,87 Mk., Ebersgöns 43,30 Mark, Groh-Rechtenbach 57 Mk.. Hochelheim 91,05 Mk., Hörnsheim 37,55 Mk., Klein-Rechten­bach 30 Mk., Lützellinden 104,60 Mk., Münch­holzhausen 32,50 Mk., Niederkleen 25,47 Mk., Oberkleen 40,30 Mk., Reiskirchen 38 Mk., Volln­kirchen 16,42 Mk., Volpertshausen 20,30 Mk., Weidenhausen 19,50 Mk.

Kreis Marburg.

Q Fronhausen, 21. Nov. Die neuerbaute Schule, die kürzlich ihrer Bestimmung über­geben wurde, birgt im Erdgeschoß eine B a d e - anlage mit neun Brausen und drei Wannen. Die Dadeanlage wird nicht nur von den Schul­kindern benützt, sondern kann auch von Privat­personen gegen ein geringes Entgelt und zu bestimmten Zeiten in Anspruch genommen wer­den Auf Beschluß des Gemeinderats wurden für 42 Mann der hiesigen Feuerwehr Uni­formen beschafft. Die Gemeinde hatte zur Be­schaffung nur i/3 der Kosten beizutragen.

Kreis Biedenkopf.

* Gladenbach, 20. Nov. Die Herdbuch­gesellschaft für das Vogelsberger Rind, Biedenkopf, hielt ihre diesjährige Herb st Versammlung hier ab. Bürger­meister Reitz, Klein-Gladenbach, leitete die Ver­sammlung. Der Haushaltsplan in Höhe von 21 440 Mk. wurde genehmigt. Sodann wurden

die Ergebnisse der Jungviehweiden bekannt- gegeben und Vorschläge zur Pachtung neuer Weideflächen gemacht. Für den weiteren Aus­bau der Milchkontrolle wurde vorgeschlagen, den Leistungsprüsungen erhöhte Bedeutung beizu­messen und die Kontrolle in möglichst allen züchterisch sich betätigenden Gemeinden einzu­führen. Tierschauen sind für das Jahr 1931 in Biedenkopf und eventuell in Rodheim geplant. Ferner wurden die Ergebnisse der Zuchtvieh­versteigerungen von 1930 zur Kenntnis gegeben. Im Mittelpunkt der Tagesordnung stand der von Aniversitätsprofessor Dr. Kraemer, Gießen, gehaltene Vortrag über dieBedeutung der Bodenständigkeit in der Rindviehzucht". Die Aus­führungen des Redners waren so recht für die mitteldeutschen Verhältnisse zugeschnitten und haben vielen Züchtern zu denken gegeben. Der Grundgedanke des Vortrages war, in der Rind- Viehzucht den rechten Weg unbeirrbar zu gehen und einen an die Boden- und Klimaverhättnisse angepaßten Viehschlag zu züchten.

Briefkasten -er Redaktion.

(Rechtsgutachten sind ohne Berbintzlichkeit der Schriftleitung.) ,

Eigentumsborbehalt. Bestand ein Eigentums­vorbehalt, der seitens des als Eigentümer auf- tretenden Dritten zu beweisen ist, oder von dem Vorbesiher der Gegenstände vielleicht zugegeben wird, so besaß letzterer keine Derkaufsberechtt- gung und sie müssen die Gegenstände heraus- gcben. Wird der Eigentumsvorbehalt vom Vor­besitzer bestritten, so muß der Dritte sein angeb­lich besseres Recht im Wege der Klage geltend machen.

Geschichten aus aller Welt.

DasLchickjal eines merkwürdigen Mädchens

(c) Nanking.

Aus Lhasa, der berühmten Hauptstadt von Tibet, ist die Meldung eingetroffen, daß Liu Man-ching trotz aller Beschwerlichkeiten gut an­gekommen sei. Weshalb erregt diese Meldung von der glückhaften Reise einer Frau soviel Aufsehen in ganz China? Weil sie die glück­hafte Reisende, die zierliche Liu Man-ching nach der Meinung der modernen Chinesen eine große Kulturaufgabe zu erfüllen hat. Als Mittlerin zwischen der modernisierten Frau in China und den fast unbekannten und auch bei­nahe völlig unwissenden Schwestern in Tibet betrachtet man sie. Liu Man-ching ist die ein­zige Frau, die aus diesem entlegenen Teil der Welt, aus Tibet, nach Nanking kam, um dort eine gute Erziehung zu genießen und sich selbst für ihre große Aufgabe vorzubereiten.

Miß Liu, wie man sie in den Europäerkreisen nennt, kam vor neun Jahren nach einer beschwer­lichen Reise mit ihrem Vater nach Nanking, der in Lhasa, wo sie das Licht der Welt erblickte, keine Gelegenheit sah, seine Tochter nach seinen Absichten erziehen und bilden zu lassen. Wie ein Löschpapier saugte ihr Hirn Sprachen und Wissenschaften in sich auf. In wenigen Jahren war sie in allen chinesischen Anstalten und eng­lischen Privatschulen eine Musterschülerin. Als im vorigen Jahr der Dalai Lama einen Bot­schafter nach Nanking schickte, um mit Tschiang- kaischek zu verhandeln, zog man die kleine Liu Man-ching als Dolmetscherin heran. In wenigen Stunden hatte sie sich derart geschickt erwiesen, daß Tschiangkaischek sie sofort als Beamtin in höchster Position engagierte und im Staatsrat beschäftigte.

Auf diese Weise wurde sie auch mit den euro­päischen Politikern bekannt und hatte bald viele Freunde unter ihnen gefunden. Aber trotz alles Schönen und Angenehmen in ihrer neuen Po­sition vergaß Liu-Man-ching nicht, daß sie noch eine Kulturaufgabe zu erfüllen habe und in ihrer Heimat, in Tibet. Vor einigen Monaten reichte sie daher bei Tschiangkaischek ihr Ab­schiedsgesuch ein. Man hat es ihr bewilligt, aber die kleine Tibetanerin ist gleichzeitig offizell zur Sendbotin der Regierung zu Nanking und der modernen chinesischen Kultur in Tibet er­nannt worden.

Im Triumphzug brachte man sie auf den An­fang ihres langen Weges: dann zog sie allein mit einer kleinen Bedeckungsmannschaft durch das Szechuan-Gebiet. Von Zeit zu Zeit hörte man von ihr durch zufällige Boten. Sogar die Räuberbanden, die in diesen Gebieten furchtbar hausen, waren friedlich und halfen ihr sogar weiter. And wie die letzte Meldung aus Lhasa besagt, ist sie nach fast neunjähriger Abwesen­heit gut wieder in ihrer Heimat angelangt. Mit sich bringt sie die Kultur und die Tradition Chinas aber auch die neuen Ideen und die Impulse der modernen Welt des fernen Ostens. Die wird noch eines Tages eine große Frau werden in Tibet die kleine Liu Man-ching.

Der Haupttreffer im Large.

(g) Madrid.

Es soll schon vorgekommen sein, daß man den Verstorbenen wichtige, ja für dessen Nachkom­menschaft entscheidende Dokumente hat mit ins Grab nehmen und später unter ungeheuren | Schwierigkeiten die Leiche wieder ans Tages­licht befördern lassen, um seine Taschen einer gründlichen Revision zu unterziehen. In einer kleinen spanischen Stadt hat sich jetzt aber ein weit kurioserer Fall ereignet. Stirbt unerwartet ein Mann auS dem Volk, ein armer Schlucker, und die Witwe weih nicht einmal, wie sie die Begräbniskosten auftreiben soll. Gr war zwar sein ganzes Leben ein liederliches Subjekt und hat sich weder um Frau noch um Kind geküm­mert. Aber dennoch soll er ehrlich bestattet wer­den, und der Frau gelingt es auch, sich das Geld zu borgen, das sie später abarbeiten will. Kaum ist der Mann aber in der Erde, da kommen ihr seltsame Gerüchte zu Ohren. Noch am letzten Tag seines Lebens soll er in der Kneipe geprahlt haben, er werde bald reich werden, denn er habe sich ein Lotterielos er­standen, ein Los in einer der unzähligen spa­nischen Lotterien, die es überall gibt. Sie sucht alfo fieberhaft die Hinterlassenschaft des Mannes durch, kann aber von dem Los keine Spur ent­decken. Schon will sie das Ganze nur für einen bösen Scherz ansehen, da wird in der benach­barten Stadt bekanntgegeben, baß der Haupt­treffer auf eine Losnummer gefallen sei, deren Inhaber nicht aufzutreiben sei. Jetzt bekommt sie einen Schreck und läuft nach einem nochmaligen erfolglosen Suchen zum Totengräber. Er könne das allein nicht machen, sagt dieser: aber sie solle sich ruhig die Genehmigung zur Exhumierung

holen. Die Frau geht zur Kirche, geht zu den Behörden und schließlich hat man Mitleid mit ihr. Unter behördlicher Aufsicht wird die Leiche ausgegraben. Eine große Menschenmenge um­steht die Grabstätte, als der Sargdeckel gehoben und in einer Tasche des sonntäglichen Braten- rockes, in dem der Mann die Wanderung in die Ewigkeit angetreten hat, das Los entdeckt wird. Es war der vermißte Haupttreffer.

Verhängnisvolle Raumersparnis.

(a) Neuyork.

Auch im großen und reichen Amerika mangelt es an Wohnungsraum, und deshalb beobachtet man bei der Inneneinrichtung moderner' Woh­nungen als obersten Grundsatz den der Raum­ersparnis. Möbelstücke wie Schränke und Betten baut man zurückklappbar in die Wände ein, aus denen sie auf einen Federdruck hin heraustreten. Diese Raumersparnis ist einer jungen Dame in Milwaukee zum tödlichen Verhängnis geworden.

Fräulein S. wollte umziehen. Da sie nicht genügend Einkünfte besah, um sich für die Am- zugsarbeiten Personal engagieren zu können, mußte sie sich selbst der mühseligen und zeit­raubenden Packerei unterziehen. Aber endlich war unten vor der Haustüre alles glücklich im Möbelwagen verladen, und der Hausbesitzer suchte Fräulein S. in ihren Räumen auf, um sich die Wohnungsschlüssel aushändigen zu lassen. In den leeren Zimmern jedoch war die junge Dame nicht aufzufinden, und der Hausbesitzer entfernte sich wieder in der Annahme, die Dame sei schon fort und habe die Schlüssel aus Vergeßlichkeit mitgenommen.

Als aber am nächsten Tage von der neuen Wohnung des Fräuleins aus angefragt wurde, wo denn die Dame bleibe, begab sich der Haus­besitzer nochmals in Begleitung eines Polizisten in die verlassenen Räume und untersuchte jeden Winkel. So wurde auch das Bett der Dame aus der Wand herausgeklappt, und zum Ent­setzen der beiden Männer rollte dabei die Leiche der jungen Dame aus der Wand.--

Die sofort angestellte Antersuchung ergab, daß die Anglückliche sich, vom Packen ermüdet, für einige Minuten auf ihr Bett gestreckt hatte. Durch einen unseligen Zufall löste sich die Feder aus, das Bett glitt in die Wand zurück und das Fräulein erstickte.

Man schenkt sich Rosen . .

(r) Wien.

Der Herr Regierungsrat war bei der Kammer­sängerin zum Souper geladen, fühlte sich sehr wohl und beauftragte am nächsten Tage den Diener, der Hausfrau einen Blumenkorb zu über­reichen. Wundervolle rote Rosen. Madame ließ schön danken. Monate vergingen. Der Regie- rungsrat halt» den Abend bei der Kammer­sängerin vergessen. Da traf man sich ganz zu­fällig wieder in einer Gesellschaft. Die Diva reichte Herrn Rat beide Hände:Wie soll ich Ihnen danken, lieber Freund, für Ihre ent­zückende Aufmerksamkeit?! And man sagt noch, heutzutage gäbe es keine Kavaliere mehr! Ihre tägliche Blumensendung ist ja mehr als rührend. Diese wundervollen Rosen ..." Der Rat der Regierung war ratlos, stammelte un­verständliche Worte und stand vor einem Rätsel. Er hatte nur einmal Blumen geschickt. Der Diener gestand: er bekam jedesmal 10 Schilling Trinkgeld von der Primadonna. Die roten Rosen kosteten bloß 6 Schilling. Machte in sechs Mona­ten 732 Schilling aus. Ganz schön als Neben­verdienst. Es geht halt nichts über DieWeaner" Gemütlichkeit ...

Der stumme Loldat.

(r) Brüssel.

Daß in einem aktiven Friedensheere ein Mann Dienst tut, der infolge seines schweren körper­lichen Mangels sogar im zivilen Leben mit den erdenklichsten Schwierigkeiten zu kämpfen haben würde, dürfte ein Kuriosum sein, teert, dem Gedächtnis erhalten zu bleiben. Dieser Soldat üst der 34jährige belgische Unteroffizier Joseph Delatre, der als Pistonbläser einer aktiven Re- gimentskapelle in Namur angehört. Delatre ist stumm. Im Herbst 1917 hat er als Pa- trourllenführer in Flandern bei einem schweren Mmeneinschlag vor Schreck die Sprache verloren. Alle ärztliche Kunst versagte. Im Lazarett ent­deckte er seine musikalische Begabung und wandte sich nach der Rückkehr in die Heimat im Jahre 1919 mit einem Immediatgesuch an seinen König mit der Bitte, ihn, der nie aufhören werde, sich als einen diensttauglichen Soldaten Seiner Maje­stät zu fühlen, als Pistonbläser in die Kapelle seines ehemaligen Regiments einstellen zu wollen. Da er die glänzendsten Zeugnisse seiner Front- vorgesetzten beibrachte, fand das Gesuch Genehmi­gung, und die belgische Armee dürfte die einzige der Welt sein, die einen völlig stummen Soldaten aufzuweifen hat.