Nr. 274 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, 22. November (930
Oer dunkle Bote.
Don Peter Hamecher.
Wir wollen uns nichts entgleiten lassen, und alles entgleitet doch, wie es konunt! Michael Kramer.
Immer ist der Tod die Grenze, daran alles Wissen endet, davor aller Stolz zerfällt. Wenn der Prinz von Homburg vor seinem Grabe steht, ersaht ihn das Grauen. Wir kennen nur das Leben als Sein, und das Nichtsein; können wir nicht denken. All unser Tun ist F l u ch t v o r d e m T o d e. Wir wollen uns aus jede Weise im Irdischen befestigen und das dunkle Tor nicht sehen, das furchtbar hinter uns droht. Wenn sich aber die schweren Flügel in ihren Angeln drehen, verhüllen wir schaudernd unser Haupt und bergen uns vor dem Cishauch, der über uns hin geht.
Einem Manne stirbt die Frau, die Geliebte, und er erhebt Klage. Die Dichtung „Der Acker- manrt'unö derTo d", die um 1400 in Saaz in Böhmen entstand, ist der Prozeh des Menschen wider den ewigen Räuber, der ihm sein Liebstes genommen. Schrill jammert das Leid des armen Erdenmannes, und der Tod sucht seine Position mit allen Gründen des Verstandes zu verteidigen. Er sucht die Llnvernunft des Schmerzkranken zu belehren und durch Lieberlegung zur Ruhe zu bringen: „Tor, wer beweint was sterblich ist. Lah fahren! Ie mehr Liebe dir zuteil wird, desto mehr Leid dir widerfährt. Leid und Liebe ist nichts anderes, als wenn ein Mensch etwas in seinem Herzen festhält und es nicht loslassen will, gleich wie mit Genügsamkeit niemand arm und mit Llngenügsamkeit niemand reich zu sein vermag. Einen so schönen Menschen sähest du nicht, dah dir nicht davor graute, wenn du eines Luchses Augen hättest und ihn inwendig sähest."
Aber der ausschreiende Schmerz des Iohannes will sich nicht trösten lassen. Er ist ganz vom Leid des Verlustes aufgebrochen. Rur Worte, Worte sind es, die der Tod ihm zu sagen vermag, unmilde, schneidende, höhnische, herrische Worte. Eines ist die kühle Lieberlegung, und ein anderes das Gefühl des Schmerzes, das an Körper und Seele reiht. Daran scheitert alle Philosophie: das Leben ist keine logische Rechnung. Das letzte Wort in diesem Prozeh deS Menschen wider den Tod aber spricht Er, der über allem ist, der höchste Richter und die höchste Vernunft, der Herr über Leben und Tod. „Ieder Mensch ist dem Tode sein Leben, den Leib der Erde, die Seele Llns zu geben verpflichtet", spricht Gott. Das ist karger Trost, aber weiter kommen wir Menschen in alle Ewigkeit nicht. „Er wußte nur vom Tod, was alle wissen", heiht es in einem Requiem Rilkes, und das bleibt unsere Situation. Am Ende steht der Glaube, die demütige Llnterwerfung. „Tod ist ein Traum, den nie ein Mensch behält."
Der Tod ist die grohe unbekannte Macht, die uns immer wieder den Glauben aufzwingt. Der dos Nichtsein nicht begreift, träumt sich die Fortsetzung seines Seins über die dunkle Grenze hinüber: anders kann er sich nicht vor der vernichtenden Gewalt erhalten, die schicksalhaft die menschliche und alle Existenz überschattet. Selbst ein Goethe klammerte sich an den Llnsterb- lichkeitsglauben und leitete ihn aus dem Begriff der Tätigkeit ab: „Die LIebcrzeugung unserer Fortdauer entspringt mir aus dem Begriff der Tätigkeit: denn wenn ich bis zu meinem Ende rastlos wirke, so ist die Natur verpflichtet, mir eine andere Form deS Daseins anzuweisen, wenn die jetzige meinen Geist nicht ferner auszuhailten vermag."
Als ihn am Tage von Wielands Begräbnis jemand fragte, was die Seele des Hingeschiedenen wohl in dieser Stunde machen werde, sprach Goethe die feierlichen Worte: „Nichts Kleines, nichts Llnwürdiges, nichts mit der sitt
lichen Grohe, die er sein ganzes Leben hindurch behauptete, Llnverträgliches. Vom LIntergrund solcher hohen Seelenkräfte kann in der Natur niemals und unter keinen Llmständen die Rede sein; so verschwenderisch behandelt sie ihre Kapitalien nicht." Immer hielt Goethe an diesem Glauben fest. Am Ende aber von HvfmannsthalS Spiel
vom Tor und dem Lod spricht der Tod, kopfschüttelnd im Abgehen:
„Wie wundervoll sind diese Wesen, Die, was nicht deutbar, dennoch deuten. Was nie geschrieben wurde, lesen, Verworrenes beherrschend binden Lind Wege noch im Ewig-Dunkeln finden."
Oie Graber im Jets.
Eine Totensonntagsennnerung an
Von unserem H. F
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Mauthen (Kärnten), Rvvbr.
Vergeblich kämpft die Glocke des Kirchleins von Sankt Lorenzen gegen die zähe Weichheit der Wolken, die d a s G a i l t a l bis in den letzten Winkel füllen. Matt und immer mat er klingt das Morgengeläut durch den Nebel und die nächtliche Finsternis, die noch nicht gewichen ist. Der matte Lichtschein der Laterne tanzt über den aufge- wcichten Weg, der von dem Dorf steil herunter in Vas tiefe, schmale Bett führt, das sich die Gail gegraben hat. Man ahnt nichts davon, dah im Sommer dort auf halber Höhe hcihe Sonne auf weite grüne Matten herniederbrenn:, zwischen denen als romantische Llnterbrechung das tiefe Tachtal mit seinen dunkelgrünen Tannen nur eine angenehme Abwechslung bietet.
Ieht hat das Brausen der Gail das Geläut verschlungen und es geht herauf auf das andere Steilufer und dann weiter, immer weiter hinein in die Karnischen Alpen, auf deren höchster Höhe sich die Grenze zwischen Oester'reich und Italien enllangzieht, und deren Dergeinsamleit vor anderthalb Iahrzehnten zerrissen wurde von dem dumpfen Krachrn gigantischer Sprengungen, von der Hellen Explosion der Schrapnells und dem mörderisch gleichgültigen Tacken der Maschinengewehre.
Das letzte Dörflein bleibt hinter uns zurück, der irrende Schein der Laterne schlägt sekundenlang auf ein Kreuz, das am Wege steht und nun umfängt uns der Wald, den wir mehr ahnen als sehest. Es ist eine merkwürdig breite Straße, die wir gehen. Lind eigentlich doch auch wieder keine Strahe, denn ganze Derghalden sind stellenweise über sie herabgegangen. Nicht erst heute und gestern, sondern schon vor langem, denn auf diesen Halden stehen schon mannshohe Bäume. Seit Iahren schon wurde diese Einsamkeit durch keinen fleihigen Arbeitertrupp mehr unterbrochen, seit Iahren liehen die Menschen der Natur wieder freies Spiel, die sie damals, im großen Krieg, mit Wasfenlärm erfüllten. Die Strahe selbst wird langsam wieder zum Wald und wie lange wird eS dauern, bis keine Spur mehr von diesem Werk vorhanden ist, das im Kriege in wenigen Wochen geschaffen und ausgebaut wurde?
Ein seltsames Zwielicht dringt durch die Nebelmassen. Ein Licht, das die Formen aller Dinge verzerrt. Rumpelt dort vorn eine schwere Haubitze über den Weg? Nein, es sind einige Felsblöcke, die der Berg auf die Strahe geworfen hat. Stehen dort nicht in Reihen G e we h r py r a m i de n? — Beim Näherkommen sehen wir, dah es eine Schonung ist, und das Donnern, das gerade jetzt von droben das Tal herunterrollt, um sich dann von allen Seiten im Echo zu wiederholen und zu vervielfachen — es ist kein Kanonenschuß, eine Steinlawine geht herab.
Immer Heller wird es — wir sehen, dah der Wald zurückbleibt, der schlammige Weg wird hart, einzelne Schneefelder schliehen sich immer dichter zusammen zu dem großen weihen Tuch, das nur durch schwarze Steilabfälle und Geröllhalden rochtsüber und links unter dem Wege unterbrochen wird. Llnd als auch der Rebel zerreibt, da sehen wir vor uns auf einem urweltlichen Felsblock ein kleines Kirchlein. Eine Tafel nennt das Regiment, das sie erbaute, als es in den Baracken lag, deren morsche Trümmer noch hier und da aus der Schneedecke ragen. Treppenstufen, nein, eine Leiter führt herauf zu dem.
Knegstage im Karniner Gebirge.
.-Korrespondenten.
schwankenden Bauwerk, das doch fünfzehn stürmische Winter überdauerte. Frische Kränze hängen dr'nnen — die Leute aus dem Gailtal drunten grüßen die Seelen derer, die hier droben für sie staroen.
Droben? Wir sind noch lange nicht droben. Der Krieg begnügte sich nicht mit diesen Hochtälern, er stieg auf die Pässe, er stieg auf die Gipfel. Hier an der Kapelle war ja nur eine Ruhestellung, und erst eine Stunde höher taucht an Wänden, auf denen man keine Gemsen vermuten würde, der erste Stacheldraht auf. Unter Lebensgefahr wurden die Pflöcke, die ihn halten, in Risse und Spalten des Gesteins gesteckt. Wer sollte sie unter Lebensgefahr herun- terholen? Llnd erst als wir nach fünf, sechs Stunden durch immer tieferen Schnee an den Wolayer See gelangt sind, und am Wolayer Pah— einer Felsenscharte -, erst .da sind wir in dem eigentlichen Kampfgebiet. Der Führerzeigt eine wenige Meter tiefe Höhle, die dem Wind ausgesetzt ist und in der doch noch heute, nach 15 Iahren, der süßliche Mandelduft des tödlichen Gases liegt.
Drüben, jenseits des Sees, ragen Felsentürme weit über die 3000-Meter-Grenze hinaus. Sie stehen als starre braune Wand, an der auch der Schnee nicht hastet. Bon dort aus wurden die Stellungen der Oesterreicher und der Deutschen immer wieder beschossen. Beobachtungsposten, die auf dieser Seite in Felsnestern lagen, in denen man sie nur durch primitive Seilaufzüge mit Lebensmitteln versorgen konnte, lagen dauernd unter Feuer. Wo standen die Maschinengewehre, wo lagen die italienischen Scharfschützen? Die Türme an der Südseite des Sees boten ihnen keinen Halt, kein Versteck. Das Geheimnis löste sich, als man einen schwarzen Punkt an dieser un- ersteiglichen Wand entdeckte: das Ende eines Stollens, den die Italiener durch die ganze Breite des Felsens hindurchgetrieben hatten.
Dort oben auf dem Felsvorsprung, fast senkrecht über dem Pah, lag eine kleine Abteilung wochenlang abgeschlossen. Sie wurde erst befreit durch den großen Vorstoß über den Wolayer Paß hinunter nach Süden, der mit einem Schlage das ganze Tal, das in der schwachen Wintersonne vor uns leuchtet, in österreichischen Besitz brachte. Llnd erst nach Wochen konnten dietoten Kameraden heruntergetragen werden, denen man dort oben in der Stille der Nacht nur ein Grab aus Steinen hatte bereiten können. Man sieht noch die Balkenverschalung des Stützpunktes und rostig braun zieht sich über die flacheren Teile des Kammes, die mit Schnee bedeckt sind, das Gewirr von Stacheldrahtpfählen. Man muß schon recht behende klettern können, wenn man in friedlicher Mittagsstunde hier hinaus will — und wie mag es getoefefi sein, als feldgraue Soldaten m it Waffen und Lebensmitteln zur Nacht hier hinaufstiegen, in steter Furcht vor der verräterischen Leuchtrakete?!
Hier oben liegen die ersten Gräber. Die Hüttenleute haben, bevor sie im Oktober ins Tal hinunter stiegen, einfache Kränze oben gelassen. Hier steigen weder zu Allerseelen noch am Totensonntag Menschen herauf, hierher dringen zu dieser Iahreszeit nur Gebete und die Gedanken. Der Strom der Sommergäste hat sich ja längst verlaufen, die Skisahrer sind noch nicht da, weil Schnee und Wetter noch trügen und
selten nur kommt ein Fremder oder ein Einheimischer in diesem Monat hier herauf.
Ia, drüben am Plöckenpah, auf den eine wohlgepflegte Straße führt, wo Bauernhöfe und Gasthäuser das ganze Iahr bewirtschaftet werden, dort drüben find die Friedhöfe auch an den Gedenktagen der Toten leicht zugänglich. Dort führt die vielbenutzte Straße von Mauthen in sanften Windungen empor. Sie berührt unmittelbar die alten Stellungen und MunitionS- depots und noch heute sucht der Wanderer, den das Wetter überrascht, in den LInterständen Zuflucht, deren Dalken ohne jede Pflege auch heute noch halten. Llnd wenn man vorn PlöckenhauS he runter steigt, den Blick ton der freien Höhe auf die grünen Tannen deS Tals gerichtet, dann wird das Auge festgehalten von den großen Flächen, die Winters im Schnee, Sommers im weihen Gestein leuchten. Von den Flächen, die beim Näherkommen gezeichnet sind von Hunderten, nein von Tausenden von braunen Holz- kreuzen, auf denen ein Name nur und einige Daten davon zeugen, daß hier einer Mutter Sohn für fein Vaterland starb.
Man ist hier in den Bergen sparsam mit der Erde, die man den Toten gibt. Winzig klein nur sind die Friedhöfe, die sich um die Kirche jedes Bergdorfs drängen. Man hat ja nicht viel Boden zur Verfügung in den engen Tälern, deren Hänge Iahr für Iahr von neuen Schutthalden, die von den Höhen herunterstürzen, durchschnitten werden. So wie man die Kirche an den Berghang klebt, so ebnet man ein kleines, aber unbedingt sicheres Stückchen Erde für den Friedhof ein. Diese Friedhöfe reichten bei weitem nicht für die Opfer des Krieges. Für sie mußte man in dieser Höhe weiteren Raum schaffen. Es find nicht Gärten, es sind Felder, weite Aecker des Todes, die man dem Fels abrang. Llnd von diesen Felsgräbem aus sieht man die gewaltigen Berge, um die eben diese Toten einst kämpften, die Gipfel, die aus der ganzen Not unberührt hervorgingen und die eS geruhsam abwarten, bis die Iahrzehnte die Spuren deS großen Krieges verwischen, der um sie tobte. Man sieht auch weit hinein in die Täler, in denen die Menschen noch heute kämpfen mit den Naturgewalten, die auf diesem harten Boden nicht- freiwillig hergeben.
Lind wie die alte Kriegsstraße herauf zum Wolayer See schon in einem Iahrzehnt _ vom Berg verwischt und von der Natur zurückge- nommen wurde, so nimmt die Natur auch diese Friedhöfe in ihre Obhut. Alpenrosen wachsen zwischen den Gräbern und versprechen für daS nächste Frühjahr wieder ihre rote Pracht. Edelweiß, von Menschenhand gepflanzt, toud>crt zur Sommerszeit in großen Sternen, und wer die Geduld hat, zu warten, der sieht, daß die Gemsen, die die Nähe der Strahe meiden, die niedrige Steinmauer des Friedhofs nicht scheuen...
Protest gegen Bier- und (Setränkeverzehrsteuer.
WSN. D a r m ft a ö t, 20. Nov. In einer außerordentlich gut besuchten Versammlung der Gast - Wirteinnung Hessen, Sih Darmstadt, nahm man zu der geplanten Einführung der erhöhten Bier- und der Getränkeverzehr st e u e r in Darmstadt Stellung. Nach einem Referat von Syndikus Dr. Mattern und nach sehr lebhafter Debatte, an der fich auch verschiedene Stadträte der bürgerlichen Opposition beteiligten, wurde eine Entschließung angenommen, in der unter Hinweis auf den stetig zurückgehenden Verbrauch in den Gast- und Schankftätten und Konditoreien ein gerechter Steuerausschlag auf alle Devölkerungskreise und die Ablehnung der das Gewerbe erdrosselnden Bier- und Getränkeverzehr st euer verlangt werden. Auch das Konditorgewerbe hat seine schweren Bedenken gegen diese neuen Steuer- Pläne zum Ausdruck gebracht in einem Augenblick, wo man gerade Preisermäßigungen von Handel und Gewerbe verlange.
Hauch von Paris.
Von Albert H. tausch.
VH. pariser Sonntag.
Cofern ich nicht am Sonntag auf das Land fahre, ist es mir Gesetz, zu Hause zu bleiben. Vielleicht — im Frühling oder Sommer — kann es mich locken, in den einsamen Straßen des linken Llfers, vor allem in den Straßen um die Kirchen St. Germain des Pros und St. Sulpice oder auch aus der Isle St. Louis herumzuschlendern. Aber das ist sehr selten, und es kommt eigentlich nur dann vor, wenn ich einem durchreisenden Freunde Paris von einer Seite zeige, von der es der Fremde fast nie zu sehen bekommt: als eine Vereinigung mehrerer durchaus provinzialer Städte, deren jede ihren besonderen Stempel trägt. Natürlich entscheidet auch hier die „Nuance", jenes nur Witterbare, das sich kaum mit Worten umschreiben ober gar aus- beuten läßt. 3m Herbst und im Winter verlasse ich an Eonntagnachmittagen fast niemals meine Wohnung. Denn diese Sonntagnachmittage in Paris sind von einer unendlichen Melancholie. Nicht etwa, weil man keine Menschen in den Hauptstraßen, auf den großen Plätzen oder in den öffentlichen Gärten sieht: sondern weil über den vielen Spaziergängern — den einzelnen und denen in Gruppen —, welchen man begegnet, ein Verlorensein gebreitet ist, wie es nur da aufkommen kann, wo ein von Natur aus Enges, auf kleine Maße Eingestelltes, sich in einem zu weiten Raume zerdehnt. Der Pariser Kleinbürger, der sein „quartier“ verläßt: das ist der Spaziergänger der Sonntage... der kleine Angestellte, das Dienstmädchen, das die Freundin besucht ober den „Bräutigam" trifft, bet Soldat in seiner Llniform „bleu horizon“, der ins Kino ober ins Variete geht, der Frembe, bet sich umschaut und schließlich auf der Terrasse eines großen Boulevard-Cafes landet, wo er nun stundenlang sitzen bleibt und den Strom der Llnbekannten betrachtet, der da an ihm porüberflutet. Im Garten des Luxembourg ober in den Tuilerien sieht man viele Kinder: aber ganz andere als an Werktagen. Nicht solche, die, von ihrer Bonne überwacht, Herumspielen, sondern solche, die von ihren Eltern ausgeführt werden an Orte, wo sie in der Woche niemals hinkommen. Man zeigt ihnen ein Denkmal, ein berühmtes Gebäude, eine schöne
Kirche, man kauft ihnen einen Luftballon, man mietet ihnen ein kleines Segelschiff, das sie auf dem Wasser der Fontänenbecken schwimmen lassen, man läßt sie auf einem Pony reiten ober Karussell fahren. Andere führt man auf den Vogelmarkt vor der Polizeipräfektur. Da gibt es auch Kaninchen und Tauben zu kaufen, Katzen und kleine Hunde. Man geht mit ihnen in eine der unzähligen „Confiseries“ (Konditoreien), wo die herrlichsten süßen Kuchen auf Drahtgestellen ruhen: meringues, eclairs, religieuses, babas, choux ä la creme und wie sie alle heißen... Ia oft genug nimmt man sie am Abend noch in das Vadiete mit — besonders im Viertel der rue de la Gait£ — wo ihre dünnen Stimmen das tiefere Lachen der Erwachsenen mit Vogelgezwitscher unterbrechen... bis sie schließlich im Arm der Väter einschlafen und nach Haus getragen werden...
Niemals trifft man Pariser Freunde unterwegs, wenn man am Sonntag einmal ausgeht. Sie sind „en famille“. Man weiß, was das heißt: Sie langweilen sich zu Tod, ruhen sich in dieser Langweile aus, sofern sie nicht zu einem endlosen Bridge gezwungen werden — und gähnen die Stunde herbei, wo sie sich endlich davonmachen können... Manchmal finden an Sonntagnachmittagen um fünf bedeutende Konzerte statt. In ihnen sieht man wenig von jener Gesellschaft, die sich „Tout Paris“ nennt. Man sieht Menschen, die wirklich um der Musik willen kommen, nicht um der gesellschaftlichen Parade willen. Lind diese ist den Leuten von „Tout Paris“ auch heute noch sehr wichtig. Aber sie verlangt natürlich den Abend, die große Toilette — und möglichst nicht den Sonntag...
Es ist sehr schön, am Sonntagnachmittag allein zu Hause zu sein. Wie ruhig es auf den Treppen ist! Wie gut man arbeiten, endlich Briefschulden tilgen kann... Von draußen bringt manchmal — wehmütig fast — ber Ruf einer Hupe... das Licht geht von den Giebeln der gegenüberliegenden §>aiifer langsam fort, wird grau und lila... man schließt die Läden, zieht die Vorhänge zu, steckt eine amerikanische, honiggetränkte Zigarette an... träumt... Da klingelt es...
Georges ruft an. Er ist in der Stadt. Ob man sich sehen kann... Wohin? Wird sich finden. Also um sieben bei mir. Auf Wiedersehn. Auf gleich... Gerade Zeit, sich umzuziehen...
(wird fortgesetzt.)
Toienwachi.
Don Peter Bauer.
Die Zypresse.
Sie hat die Form einer riesigen Kerzenflamme. Doch sie verzehrt sich nicht mit strahlendem Jubel wie ihre Heinere Schwester vor dem weihen Zelt Gottes, die glücklich ist, eines Tages ihre lichte Seele lächelnd auszuhauchen. Das düstere Grün ihrer Trauer lischt nicht, ihr stilles Weh ist ewig. Je mehr die Menschen vergessen, um so größer wächst ihr Leid, um so höher trägt sie den stummen Schrei ihrer Klage.
Frühling, Sommer, duftende und singende Lüfte umbranden sie vergebens. Der schillernde Falter erschrickt vor ihrem Ernst, und der zwitschernde Vogel, der in spielerischem Husch einen Augenblick auf ihrem Wipfel zu rasten gedachte, und keinen Halt greift, flüchtet entsetzt.
Herbst und Winter schicken umsonst ihre grimmsten Gesellen. Sie peitschen und biegen die Flamme. Aus bläst sie keiner.
Daphne wurde auf der Flucht vor ihrem Bedränger, als sie den Himmel um Hilfe flehte, der Sage nach in einen Lorbeerstrauch verwandelt. Vielleicht hat einst ein junges, in namenlosem Schmerz sich zerschluchzendes Weib am Grab ihres Geliebten eine ähnliche Bitte getan. Lind Gott hörte ihr Gebet und ließ sie als Zypresse auf dem Hügel wurzeln. Eingehüllt in ihr Weh. abgefchieden von der Welt, trauert sie einsam und ohne Trost...
Die Aster.
Aus der braunen Hügelerde, zwischen vergilbten Gräsern und letzten Stümpfen abgestorbenerSommer- blumen leuchtet die weihe, reine Blüte. Sie lächelt eine sanfte Freude, die Schlaf und Schweigen nicht stört.
Sie muh vom Himmel niedergeweht fein wie die zarte Flocke ersten Schnees, Sterben und Wesen zu überblühen mit ihrem stillen, leisen Licht. Vielleicht auch sind kleine Engel über die stillen Gräber gehuscht und haben den Glanz ihrer perlmutternen Flügel ausgeschüttelL Sie, die alle Tränen, die geweinten und ungeweinten sammeln, wollten eine selige Spur hinterlassen, auf dah wir des Wegs nicht vergäben.
Weiher Himmelsstern,Allerseelenblume. Die brennende Liebe ist erloschen. Der heiße Atem letzter Düste hat fich ausgeströmt. Kühle, heilig-reine Ruhe
strahlt. Frommer Friede tröstet: Llnd eure Sünden werden weißer werden, als der Schnee...
Die Trauerweide.
Sie war noch jung, als sie der Schmerz aufs Grab pflanzte. Dennoch hielt sie schon die wenigen Zweige gelenkt, wie die Witwe ihre leeren Arme. Ihr Laub hing an ihr nieder wie der schleiernde Flor über Haupt und Antlitz der Vereinsamten. Llnd jeder neue Zweig wuchs in die gleiche Geste. Keiner spricht von Sehnsucht, Hoffnung oder Freude. Trostloler Trauer hingegeben läßt sie teilnahmslos Frühling und Sommer, Herbst und Winter an sich geschehen.
Wohl wimpelt sie mit ihren Kätzchen, die die ersten Sonnenstrahlen aus Bast und Rinde locken, aber nicht wie ihre Schwestern am Bach erwartungsfroh kommendem Lenzglück entgegen, sondern hoffnungslos wie einem Scheidenden nach,dessen Rimmer- Wiederkehr man ahnt. Die schmetternden Amselrufs haben für sie keine Verheißung. Ohne auch nur flüchtig die gesenkten Arme danach zu heben, empfängt sie aus des Himmels verschwenderischer Güte ihr grünes Kleid und trägt es keinen Augenblick anders, denn in Trauer. Bis es der Herbst in rauhem Spiel zersetzt.
Aber mag sie auch schauem in Rebeln oder frieren in Frösten, ihre Trauer ist stärker als Winter und Tod, unwandelbar wie die Treue, die über alles menschliche Vergessen hier erhebendes Ereignis wurde.
Immergrün.
Im Kranz umgrünt es den Hügel mit immerwährendem Laub. Ceben umarmt den Tod. CwigeS fieben, das nichts vom Sterben weiß, kreist ihn ein. Widerton, Widertod nennen in vielen Gegenden die Menschen das tapfere Pflänzchen und trauen ihm schützende Kraft zu: Ein Büschel Immergrün über Tür oder Fenster befestigt, feil das Haus vor mancherlei Gefahr, vor Seuchen und Feuer, Blitz und WassernoL
Immergrün! Schon der Rame ist ein Klang der Hoffnung, ein Motiv der Freude. Widerton tönt wie schmetternde Fanfaren, wie ein Kreuzfahrerruf. Der Kranz um den Hügel kündet: Leben überwindet den Tod.
Leuchten im Sommer die kleinen blauen Blüten nicht wie von der Himmelswiefe gepflückt und als Sterne der Zuversicht von heimlichen Engelhänden zwifchen das wuchernde Grün gesteckt?
Mag das Laub zu unfern Füßen rascheln und wesen, im Kranz des Immergrüns lebt unvergänglich unsere Hoffnung: das Ende des Todes.


