Nr. 1\1 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch, 22. Oktober 1930
Aus der Welt des Films.
„Oer Liebling der Götter."
Tonfilm-Lustspiel mit Emil Jonningd.
Berlin, im Oktober.
Lustspiel mit Jannings? Ja, es ist wirklich eine Art Komödie geworden, in der die heiteren Tone überwiegen und die ernsten auch nur im Vorüber- gehen angeschlagen werden. Jannings als einfacher Grnll Jannings, als hundertprozentiger Emil spielt sozusagen einige Stücke auS seinem eigenen Leben, ohne Maske, ohne tragische Geste, beinahe auch ohne den berühmten Zusammenbruch, ohne den ein Ian- ningsstlm eigentlich nicht mehr denkbar ist.
Wenn er auch nicht gerade IanningS heißt — im Film nennt er sich Albert Winkelmann und ist Kammersänger an der Wiener Oper — das Leben des Bühnenkünstlers ist es, aus dem Hans Müller und Robert Liebmann eine kleine Episode her- ausgreifen, und sie haben, alle Achtung, in ihrem einfachen und überstchtlichen Manuskript Raum für eine Anzahl wirkungsvoller Rollen und besonders für Winkelmann geschaffen, der mit allen Tönen vom Triumph bis zum Riederbruch auswarten kann. Dieser Laruso, schon nicht mehr ganz jung, ist in Wien, der theaterwütigen Stadt, der Liebling des Volkes: Jannings ist ganz von vitaler Lebenslust erfüllt, die sich primitiv in unmäßigem Trinken. Esten und Küsten äußert, und er kann in seiner Garderobe bis zu drei Frauen verbergen, von denen natürlich nur eine die eheliche sein kann. Volksbegeisterung, wenn er in überströmender Laune sein Lieblings, lieb .Ich bin ja so vergnügt" in den Wirtshaus- garten hinausschmettert, Tumulte, Kameras, Re- porter, Kapellen und Filmleute, wie er nach Süd- amerika aufbricht, wo ihn aus der heißen Lull.der Tropen daS Verhängnis anweht: die Kritiken werden sichtbar schlechter, er selbst ist unsicher, betäubt sich nach alter Weise mit Wcibern und Sekt, zittert vor der Ausführung des erbebten Pierrots", und im Direktionsbüro wird schon sein Rachfolger bestimmt, ein junger Italiener, der den Zauber seiner Stimme und vor allem den Reiz der Jugend vor ihm vor- aus hat, und während er sich als Pierrot schminkt, tritt ein lebendes Gespenst vor ihn: ein Kollege, der einmal europaberühmt war und sich jetzt kümmer. lief) durchs Leben bettelt. Was in einem Jannings- Film immer kommen muh, mag er auch ein Lustspiel heihen, geschieht auch hier: der Tenor verliert die Stimme, es ist zu Ende. Geschlagen kehrt er zu feiner Frau zurück, die ihn in seiner ländlichen Ve- sitzung am Wolfqangsee erwartet - wirklich spielen diese Szenen in IanningS dortiger Villa, kein Kur- ort kann sich eine bestere Reklame wünschen-wird dort als der berühmte TenSr gefeiert>erkundet aber im Rundfunk, er werde nun niemals wieder auf dre Bühne treten. Ländlich-beschauliches Leben bei seiner beglückten Frau bis sich doch wieder einmal dre Ge- le^enheit bietet, leine Stimme zu versuchen, und steye, sie schmettert und tönt so sieghaft wie ehedem Run gibt s kein Halten mehr, schon steht er als Lohen- grin silbersunkelnd auf seinem fahrbaren Schwan, wird aus den Kulisten gezogen, Beifall braust, er kann wieder singen: .Run lei bedankt. . .
Ob das etwas für Jannings ist? Er kennt alle seine Regrster, er kann sie und weih sie mit einer Virtuosität zu spielen, die entwaffnet, auch in dieser Komödie, auch dort, wo er sich selb i gibt und eigentlich ganz privat wirkt. Dort aber wird er, wie immer, grob, wo unter der Obersiäche die tragischen Tiefen sichtbar zu machen sind: seine Unsicherheit, sein angstvolles Warten auf den Auftritt, die Augenblicke, da er sich vor dem Spiegel die Bajazzo-Maste anmalt: große Momente darstellerischer Verwandlungslunst, die mit den sparsamsten Mitteln erreicht werden. So ist auch hier ein Stücklcin von dem Weg allen Fleisches eingefügt und es ist das Beste geworden.
Daneben bringt die Komödie, die bis in die klein- sten Rollen auserlelen besetzt wurde,zwei neue Ramen in den Toniilm. Renate Müller, bisher am Berliner etaatßtbeatct beweist als Frau Kammersängerin, daß sie für dieses Gebiet eine wertvolle Reuentdeckung bedeutet. Hans Moser, der Wiener
Komiker, den Berlinern schon bekannt, wird sich als WinkelmannS getreuer Garderobier nun auch in weiteren Kreisen neue Freunde schaffen. Man kennt auch Willy Prager- wenn nicht anders, so aus einer höchst ergötzlichen Episode des.LiebeSwalzers"-und Wladimir Sokoloff gibt wieder eine seiner höchst eindringlichen Episoden alS verbummelter Kollege des SüngerS. Ratürlich, daß in einem Film, der um einen Tenor gedreht wird, die Musik nicht fehlen kann, aber sie ist unter Schmidt-GentnerS Leitung sparsam und geschickt eingelegt, denn dieS ist keine
Komödie der neuen Schlager, sondern ein Textlustspiel, das für lange Strecken nur vom gesprochenen Wort beherrscht wird. Die Regie hat Hanns Schwarz, der mit der.Melodie deS Herzens" den ersten wirklichen deutschen Tonfilm schuf: er inszeniert auch hier einfallsreich, sicher und geschmackvoll und weiß die beiden Schalen der heiteren und schwermütigen Stimmungen gegeneinander im Gleichgewicht zu halten. So daß, in Summa, dieser Film eine gemachte Sache ist. Schon durch Gmil Jannings. bo.
Hinter den Knüffen eines berliner Groß-Kinos.
Dom Theaterdirektor, den Logenschließern und dem Publikum.
Berlin, tm Oktober.
Wenn Sie den Theaterleiter eines Berliner Groß-Kinos betrachten, wie er im elegantesten Smoking auf der läuferbelegten Treppe steht und lächelnd den Strom der Premiörenbesuchcr an sich vvrüberziehen läßt, so denken Sie sicherlich neidvvll: dieser Mann hat eS gut! Aber es ist nicht alles Gold, was glänzt, und auch dieser Smoking hat seine zwei Seiten. Er wird von den Theaterleitern der Berliner Ufa-Kinos eigentlich nur noch zu den Uraufführungen getragen, für den Alltagsgebrauch aber hat man ihn ab- geschafft, denn eS ist unglaublich, aber wahr, dah dieses festliche Kleid bei manchen Besuchern höchste unfestliche Gefühle erregt Es soll Leute gegeben haben, die den so gewandeten Theaterleiter bei einer Beschwerde — und das ist ein Kapitel für sich — wie einen Dienstboten herunterpuhten. Die steife Hemdbrust reizte rätsel- Hafterweife zu rüdem Derkchrstvn und schlechten Manieren. Um solche Zwischenfälle zu vermeiden, wurde also der Smoking im allgemeinen abgeschafft. Rein, man soll den Theaterleiter nicht beneiden! Er ist einer der verantwortungsbeladensten Menschen und gehört zu einem merkwürdigen Gewerbe, das so gut wie gar keine freie Zeit hat.
Zwar wird ihm in den Ufa-Theatern die Sorge um den Spielplan abgenommen: dafür hat er genug andere Pflichten zu erfüllen. An den Vormittagen hat er gewöhnlich im Berliner Ufa-Haus zu tun. Um 17 Uhr beginnen die Vorstellungen und dauern bis 23 Uhr. An den Samstagen und Sonntagen, wenn wir anderen Wochenendeln, steht er im Foyer und hat an schönen Tagen das Vergnügen, zu beobachten, wie das Pub.ikum an seinem Theater vorbei nach Halensee hinauszieht. Er verfügt kontraktlich über zwei Freitage monatlich, die sich aber in der Praxis auf die Abende beschranken. Vielleicht denkt man sich die Situation so, dah die Theater fünf Minuten vor Beginn den Film erhalten und nun munter darauflos bre'en. Dabci käme etwas Schönes heraus, das war nicht einmal beim stummen Film möglich. Auch damals muhte die sogenannte Presse-Kopie des Spiels (also die zur ersten Aufführung bestimmte) zweimal als Arrangierprobe für das Orchester und noch einmal als sogenannte Generalprobe laufen, und beim Tonfilm ist alles noch viel problematischer geworden, weil man jetzt mit den üblen Scherzen der Olpparatur zu rechnen hat, an der dauernd etwas zu erneuern ist. Ratürlich werden die neuen Tonfilme immer erst in den letzten Tagen vsr der Premiöre fertig, so dah, da die Rachmittage und Abende mit Vorstellungen ausgefüllt sind, praktisch nur die Rächte zum Proben bleiben. So ein neuer Film, der etwa zwei Stunden dauert, muh mindestens dreimal vorher laufen; da sind sie denn alle dabei: auch der Regisse- r, der sein Werk zunächst nur in dem engen Vorführraum der Kopieranstalt auf schwacher Apparatur hörte, vernimmt jetzt zum erstenmal die Wirkung des Films ganz groh im großen Raume.
Mas er hier sieht und hört, ist die erwähnte Presse-Kopie. Sie wird nach der ersten, der
Schnitt-Kopie, und der zweiten, der Muster-Kopie, hergestellt und bildet das fertige vorführungS- bereite Erzeugnis. Aber wie jedes Bild durch di^ Kopie einen anderen Ton empfängt, so bekommt auch jede Tonfilmkopie eine andere akustische Tonung, deren einzelne Teile wieder verschieden gefärbt fein können. Man muh nun sehen, wie man diesen helleren ober dunkleren Ton .fteuert“ ober „fährt". Es gibt immer Stellen, die dumpf, gaumig ober kehlig Ringen; hier hat der an der Vorführungsapparatur angeschaltete Entzerrer zu arbeiten, der diese Perioden klang- rein und frisch wiedergibt. Von diesen technischen und akustisch-musikalischen Dingen und den Tücken der Apparatur darf der Theaterleiter also nicht zu wenig verstehen, er muh den Fehlem auf den Grund gehen können, und hierzu gehört Erfahrung.
Darm hat er fein recht umfängliches Personal der Programmverkäufer, Ordner und Platzanweiser unter sich; um ihnen bei ihrem nicht immer leichten Amt die Arbeitsfreudigkeit zu erhalten, bedarf er eines gewissen Takts und etlicher Menschenkenntnis. Bewerbungen um solche Posten liegen im Personalbureau der Ufa haufenweise, es handelt sich zumeist um Studenten oder Bankbeamte, also um gebildete Leute, auf deren Herkunft das Publikum durchaus nicht immer die elfforderliche Rücksicht nimmt. Erinnern wir uns, warum der Smoking von den Theaterleitern abgelegt wurde; ähnsich scheint es mit den Uniformen zu stehen, in welche die Theaterbeamten gekleidet werden; sie erwecken in manchen Besuchern Kasernenhof-Koller und ermuntern zu Feldwebeltönen. Es steht überhaupt neuerdings seltsam um die Besucher, sie verhalten sich nicht immer richtig. Abgesehen von den abstrusesten Beschwerden ist es diesem zu heiß und jenem zu kalt im Parkett, und wer einen Seitenplatz erhalten hat, leidet unfehlbar unter der Idiosynkrasie, er müsse das Bild „verzerrt" sehen. Für solche Klagen sind die Logendiener und Theaterleiter die gefundenen Prellböcke. Man bewahre aber immer ein freundliches Lächeln, man laviere zwischen allen Wünschen mit Klugheit, Umsicht und Takt. Man nennt das bekanntlich Dienst am Kunden.
Möchten Sie vielleicht ein Logenschließer werden? Sie werden bann in die Uniform gesteckt und spielen zunächst den Enipfangsherrn an der Außentreppe, damit Sie sich an den Strom der Vorübergehenden und den Verkehr gewöhnen, auch das hat seine Schwierigkeiten. Mancher hat einen „Schrecken vor der Uniform" zu überwinden, er bildet sich ein, es sähe ihn jeder an, und entflieht am ersten Tage m einen stillen Winkel. Auch der Umgang in der Livree will gelernt werden. Manche Platzanweiser sprechen mehrere Sprachen. Als Pirandellv neulich den Gloria-Palast besuchte, wurde er zu feiner Verwunderung von dem Fahrstuhlführer italienisch empfangen, denn dieser war früher ein Weingroßhändler. Heute wirkt er im Theater, vormittags am Staubsauger und bis in die Rächt hinein im Lift.
Jedes Theater hat seine besondere Rote, seinen besonderen Spielplan und natürlich auch sein
eigene« Publikum. So ist etwa der Riesen-Ufa- Palast am Zoo das große Volkslhcaler. in daS die Leute auch aus den weitesten Vororten hineinströmen. Einige Schritte weiter liegt am Äurfütftenbamm der Gloria-Palast, der seine Besucher hauptsächlich vom Kurfürstenbamm selbst bezieht. Die „Vorstadt" aber geht da nicht hinein, sie meidet dieses Haus ganz offensichtlich eS ist ihr vielleicht zu zurückhaltend und zu feudal. Aber überall ist sich das Publikum darin gleich, daß es ungeheuer viele Dinge liegen läßt. Im Llfa-Haus stehen Schränke über Schränke mit vergessenen Gegenständen, die nicht abgeholt werden. Dort ist vom Regenschirm bis zum Riesenkürbis einfach alles vorhanden.
Auch verdient jene Amerikanerin einige Erwähnung. die ihre Tasche mit den Traveller- Schecks und etlichem Darvermögen nebst Reisepaß! und Dokumenten in einem westlichen Berliner Theater liegen ließ. Man machte sie mit vieler Mühe wirklich ausfindig, und sie zeigte sich sehr anständig, indem sie dem ehrlichen Logenschließer für seinen Fund fünf französische Francs ein* händigte ... da möchte man gewiß nicht Logenschließer sein. Riß früher einmal der stumme, Film, was ja Vorkommen kann, so pflegte man sich zu gedulden, bis die Ausführung weiterging. Seitdem es den Tonfilm gibt, ist das Publikum sehr gereizt und anspruchsvoll geworden. Wenn bei der Vorführung einmal eine Röhre durch- brennt — das geschieht ganz langsam und ist zunächst nicht bemerkbar — revolutioniert das Parkett und gröhlt und kann meist nur unter Pfiffen und ©djrcien abwarten, bis der Schaben toieber behoben ist ... A.
Spaziergang durch Reubabelsberg.
Don Felix panten.
Traum von Hollywovb.
Traum von südlichen Palmen, flimmernder Wärme, blauem Meer. Der Zugang zur deutschen Filmstadt Reubabelsberg ist grau und nordisch, während wir die Potsdamer Chausee hinaus- fobren, schlägt der Regen gegen den Wagen und wäscht seine Scheiben, die Asphaltstraßen zwischen den Filmateliers sind überschwemmt. Der Betrieb geht weiter. Alle Minuten hält der Wagen, weil über den Türen der Hallen rote Lichter leuchten, dort wird eben gedreht, wir müssen halten. Langsam schlängeln wir uns nach der Kantine durch, in der sich die graue Rachmittagsstimmung fort* seht, durch grauen Tabaksrauch energisch vermehrt. Welt abenteuerlicher Gestalten, Vorhof zu den vielen betriebsamen Bühnen des Films: einige Herren im Frack tuscheln in einer Ecke, Ralph Arthur Roberts darunter, in einer vertrakten, verschmitzten, altmodischen Maske, kaum wiederzu- crtermen; Brigitte Helm in einem zerrissenen Iungmädchenkleid; Damen in seidenen Gesellschaftskleidern; der Schauspieler Rehmann mit sriderizianischem Zopf; stumme, nachdenkliche Typen, Girls, die ganze Auswahl einer Filmbörse.
Inzwischen flammen draußen vor den Türen die roten Lampen auf und erlöschen wieder in der fallenden Dämmerung des Tages; dann ist wieder einmal nach unzähligen Vorbereitungen ein Stückchen Tonfilm gedreht worden oder es ist auch nichts gedreht worden, vielleicht war's nur eine Abhörprobe. In den Ateliers sind die widerspruchsvollsten Welten nebeneinander geschachtelt, auf den Bühnen des Films wird gearbeitet, die Saison geht weiter, gute Filme sind gefragt, der Betrieb rast, die Lichter zucken.
Richts ist phantastischer, als aus dieser Regen- ftimmung in die tropische Hitze des Tonfilms zu geraten, aus grauer Dämmerung in die sengenden Strahlen der Scheinwerfer. Cs ist jedesmal und immer wieder, mag man mit diesen Dingen noch so bekannt sein, wie das Eindringen in eine fremde Welt, in eine von jenen, der die abenteuerlichen
Oie Geburt des Funkfstms.
Don Frank Warshauer.
Die Verbreitung von Filmen durch den Rundfunk wird schon von vielen Amateuren mit heißer Sehnsucht erwartet. Technisch ist das beste Resultat bisher von einer Firma erreicht worden, der cs gelang, eine drahtlose ^Übertragung auf kurzen Wellen über eine Strecke von dreißig Kilometer zu bewerkstelligen, wobei 2500 Bildpunkte pro Bild und 20 Bilder in der Sekunde übertragen wurden, also im ganzen 50 000 Bildpunkte pro Sekunde. Eine normale Kinoprojektion bringt demgegenüber schähungsweue eine Million Bild- punkte. Trotz dieses und ähnlicher Erfolge muß man sich allerdings öarüber klar werden, daß die bei den leitenden Persönlichkeiten des Rundfunks herrschende Ansicht, das Fernsehen sei noch nicht fertig zur praktischen Einführung, doch noch bei der relativen Unzulänglichkeit der erreichten Qualität begründet ist.
Allerdings sind die Mängel, mit denen man gegenwärtig noch rechnen muß, weniger durch das rein Technische bedingt, als durch organisatorische Eigentümlichkeiten. Das Bild der drahtlosen Film- oder Fernsehübertragung ist nämlich um so besser, je größer die Anzahl der Bildpunkte ist, die im Verlaufe der gleichen Zeit abgetastet werden. Man kann hierbei heute schon mit den vorhandenen Mitteln sehr hoch gehen — ja, man war schon ün vorigen Jahre so weit. Aber diese relativ hohe Güte des Bildes ist nur dann zu erzielen, wenn das für die Uebertragung zur Verfügung stehende sogenannte Wellenband relativ breit ist; das heißt in der Sprache des Laien, wenn zwischen der benutzten Welle und den sonst von europäischen Sendern ausgesandten Rachbarwellen ein relativ großer Spielraum besteht. Das ist nun" bei der gegenwärtigen Wellcnvertsilung in Europa nicht der Fall lyid wird auch in absehbarer Zeit nicht der Fall fein. Es müssen nämlich auf dem relativ schmalen Wellenbereich, der für Rundfunkzwecke verfügbar ist — die übrigen sonst dazu geeigneten Wellen werden für Schiffs-, Polizeifunk-, Telegraphie- und andere Zwecke benötigt —, nicht weniger als 187 europäische Sender untergebracht werden. In dem raumloferr Raum des Aethers herrscht deshalb furchtbare
Wälzung mit sich bringen, wie bisher kaum ein technischer Vorgang, außer vielleicht dem des Rundfunks selbst. Cs liegt daher jeder Anlaß vor, sich schon heute mit dem Funkfilm zu beschäftigen, um so mehr, als sonst die Gefahr besteht. daß wiederum die Entwicklung rascher ist, als das Rachdenken über sie, und einen großen Teil der davon Betroffenen überrumpelt, anstatt sie vorbereitet zu finden.
Was wird die Fernfeh- und SernfilmÜbertragung zunächst bringen können? Da-,, ist an den Experimenten und Vorführungen, die man gesehen hat, deutlich genug erkennbar. Da die Wiedergabe noch verhältnismäßig grob ist, so wird sie sich auf relativ große Umritte beschränken müssen. Alle die feineren Einzelheiten, die den Reiz des Bildes in einem modernen Kino ausmachen, fallen vorläufig weg. Das heißt, man wird zunächst einmal, wie dies auch bereits mehrfach geschehen ist, Bilder übertragen, die im wesentlichen in großen Linien gehalten sind. Das ist der Fall, wenn man zum Beispiel einen oder mehrere Köpfe in Bewegung sieht, also bei Großaufnahmen. Um die wesentlichen Züge der dabei gezeigten Gesichter zu übertragen, ist die Technik vorgeschritten genug. Dagegen wird man alle anderen Bilder, wie man sie sonst in Filmen sieht, vorläufig vermeiden müssen, also zum Beispiel solche, bei denen man mehrere Personen in einer Landschaft sieht und ähnliches.
Wenn die technische Etappe erreicht sein wird, derartige Großaufnahmen ün wesentlichen einwandfrei zu vermitteln, wird zweifellos der Zeitpunkt zur Einführung des Fernsehens gekommen sein. Und wenn der Zeitpunkt gekommen ist, was kann man dann überhaupt für Filme sehen? Aus dem vorhandenen Filmmaterial nur das wenige, was dafür geeignet ist; denn es gibt ja kaum einen Film, der nur aus Großaufnahmen besteht. Mithin wird sich schon in der ersten Etappe der Filmsendung durch den Rundfunk die Dotwendigkeit für die Leiter der Sende- stellen oder der Reichsrundfunkgesellschaft ergeben. Filme selbst herzustellen, die für die Fernsehsendungen geeignet sind. Und dann wird es nicht mehr allzulange dauern, bis die Technik der Uebertragung so weit gediehen, ist. daß sie auch die Wiedergabe von feiner durchgeführten Filmen ermöglicht.
Abgesehen von dem Technischen wird auch sehr bald das Inhaltliche eine Rolle spielen. Jede Rundfunksendung wendet sich ja an die allcr- breiteste Allgemeinheit. Daß aber eine gewisse Veränderung der durch den Rundsunk übertragen engilme schon dadurch bedingt ist, daß zum Beispiel Menschen jeder Altersstufe unter dem Publikum sind und sein sollen, ist nicht zu bezweifeln. Bestimmte Stoffe und bestimmte Szenen werden dadurch ganz gewiß von vornherein ausgeschaltet. Auch dieses Moment des möglichen oder unmöglichen Inhalts wird den Sendegesellschaften eine eigene Produktion nahelegen.
Rach einiger Zeit wird cs dann soweit gekommen sein, daß es technisch möglich ist, jeden beliebigen Film durch Rundfunk zu verbreiten. Das wird freilich noch einige Zeit dauern — aber sehr lange bestimmt nicht Man wird also bann, wenn man einen Tonfilm ober bei; vielleicht immer noch vorhandenen stummen Film sehen will, nicht mehr ins Theater zu gehen brauchen, vorausgesetzt, dah der gleiche Film durch den Rundsunk gesandt wird. Cs ist aber anzunehmen, daß die Filmindustrie sich den neuen Möglichkeiten. was den Inhalt der Filme anbetrifft, des Rundfunks anpassen und daß ein großer Teil der von ihr hergestellten Filme auch in den Funkfilm eindringen wird.
Die Aufnahme der Funkfilmsendungen wird relativ sehr billigem, ja fast annähernd umsonst, denn sie wird nicht mehr kosten als jetzt, das heißt für Deutschland, wo relativ die höchsten Funkgebühren genommen werden, 0,6 bis 0,7 Pfennig für den ganzen Tag. Die Unterhaltungskosten für die Fernschaufnahmeapparate werden sicher auch nicht hoch sein.
3m Reichspostzentralamt und an anderen Stellen wird intensiv an der Vervollkommnung der Sende- und Anfnahrneapparaturen gearbeitet; an den Sendestellen befindet sich leider noch kein Fernsehdezernat; aber durch Gründung des Fernsehvereins, dem außer Journalisten und Technikern auch leitende Persönlichkeiten der Funkgesellschaften angehören, wird wohl auch ein Einfluß auf die Programmgestaltung des künftigen Funkfilms möglich sein.
Man sieht: Es sind noch mancherlei Schwierigkeiten technischer und künstlerischer Art zu überwinden. Die Geburt des Funkfilms wird noch etwas auf sich warte nlassen.
Enge; die verschiedenen, den Sendern Europas! auf Grund der internationalen Konvention fest Angewiesenen Wellen stoßen einander fast mit den Ellenbogen; der Raum zwischen ihnen ist gerade so groß bemessen, daß sie sich mit knappster Rot. vorausgesetzt, dah ihre Länge auf das allergenaueste cingehalten wird, nicht gegenseitig stören. Aber diese ganze Ordnung ist unter der Voraussetzung getroffen, daß eben mr klangliche Darbietungen gesandt werden. Auch bei diesen ist es nämlich so, dah die Qualität der Wiedergabe durch die Breite des Wellenbandes, das heißt durch den nach oben und unten verfügbaren Rest, von den Rachbarwellen mit bestimmt ist; würde die Breite noch geringer fein als bisher, so würde kein Sender mehr einen reinen Empfang, insbesondere bei hohen und tiefen Tönen, ermöglichen. Aber gegenwärtig gehbs für Älangbarbie- tungen gerade noch — man hält genau die Grenzen ein, die für die einwandfreie Aussendung und Aufnahme technisch geboten ist.
Wenn man nun noch Fernsch- und Femsilm- barbietungen auf den gleichen Wellen verbreitete, so könnten sie nur eine geringe Qualität erreichen, da die Zahl der dabei übertragbaren Bildpunkte nicht genügt, um ein wirklich gutes Bild zu liefern. Ja, so wird der technisch nicht orientierte Leser fragen, warum geht man dann nicht einfach auf andere Wellen über? Das geht deswegen nicht, weil gerade die Wellen innerhalb der für den Rundfiink bestimmten Gröhenordnung bei weitem am geeignetsten für die Zwecke des Rundfunks sind. Sobald man in höhere oder tiefere Wellen geht stellen sich Schwierigkeiten bei der einwandfreien Aufnahme heraus. Lind hier liegt der Hase ün Pfeffer: Man wird für die Zwecke des Fernsehens seine Zuflucht zu den kurzen Wellen nehmen müssen, die für den Rundfunk noch nicht genügend erprobt find.
Kurz gesagt: Fernsehen und Fernfilmübertragung wäre schon heute in verhältnismäßig guter Qualität durchführbar, wenn nicht das bestehende System der Wellenvertellung Hinderungen mit sich brächte. Wan sieht also: Schon jetzt ist die Frage der Einführung von Fernsch- und Fern- filmübertragungen im Rundfunk mehr eine Frage der Organifation als eine solche der technischen Möglichkeit.
Richt heute, wohl aber morgen wirb sie bestimmt eiffolgen. Sie wirb eine derart große Um


