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Nr. 169 Erstes Blatt

180. Jahrgang

Dienstag, 22. Juli 1930

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertag».

Beilagen: Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

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GieheimAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Chefredakteur:

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Derantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Diumschein und für den Anzeigenteil Max Filler^ sämtlich in (Biehen.

Aufmarsch des Bürgertums zum Wahlkampf.

Roch ist es Zeit.

Die Sozialdemokraten sind insofern in ihrem Zu­sammenhalt nicht zu erschüttern, als sie Partei einer Klasse sind und somit von vornherein auf eine fest umrissene Wählerschaft blicken können. Das Bürger­tum hat dagegen nur dem Namen nach eine Einheitsbasis, denn Bürger ist für diese Kreise keine Klasse, sondern lediglich eine höchst ungenaue Be­zeichnung für eine Schicht, die unter dem Gesichts­punkt einer alten Klassenanschauung nur begrifflich, aber nicht tatsächlich existiert. Und so kommt es auch, daß die Zersplitterung in diesen Kreisen immer stär­ker Überhand nimmt. Ja, wir erleben gerade in diesen Tagen eine Spaltungserfcheinung, die an Mannigfaltigkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Alle Versuche, einen bürgerlichen Block zu bilden, sind immer wieder restlos gescheitert. Das Inter­esse n t e n t u m ist in den bürgerlichen Kreisen so froh, daß es bedauerlicherweise zu keiner Einheits- ront kommen kann. Jeder möchte am liebsten eine eigene Partei gründen, und feder sieht im anderen eine Partei, mit der er auf keinen Fall eine Verbindung eingehen will. Es ist bedauerlich, daß dieser Zustand nicht abzuändern ist. Der Reichs- Präsident hat am Sonntag im Rheinlande zur Einigkeit im deutschen Daterlande aufgerufen. Man möchte meinen, daß es nicht so schwer sein kann, diesem Aufruf Folge zu leisten, aber wenn man bte Situation auch nur einigermaßen über- blickt,.dann muß man leider gewahr werden, wie groß die Zerrissenheit im bürgerlichen Lager ist und wie geringfügig andererseits die Gegensätze find, die tatsächlich bestehen, die aber doch als un­überwindbare Hindernisse erscheinen, nur deshalb, weil man feinen Standpunkt nicht aufgeben möchte.

So geht das Bürgertum in den Wahlkampf Es schlägt die unglücklichste Marschroute ein, die es sich wählen konnte Und es ist deshalb durchaus verständlich, daß in der Öffentlichkeit ein geradezu heilloses Durcheinander über die Ansichten der bür­gerlichen Parteien vorherrscht. Keiner weiß, wen er wählen soll, well jeder von jedem das Beste und vom andern das Schlechteste hört. Der bürgerliche Wähler wird dadurch keinesfalls ermutigt, an die Wahlurne zu gehen, und es besteht die große Ge­fahr, daß das Bürgertum diesmal wegen den Ver­wirrungen :m Lager der bürgerlichen Parteien in größerem Umfange zu Hause bleibt als bei den ver­gangenen Wahlen. Diese Nuancen und feinen Unter- schiede, die zwischen den verschiedenen Parteigruppen gemacht werden, kann die Oeffentllchkeit nicht ver­stehen. Und die Oeffentllchkeit erwartet von der poli- tifchen Partei nur das eine, daß sie in der Lage ist, das Schicksal Deutschlands zum Besten zu wenden und damit der deutschen Bevölkerung eine gesicherte Existenzgrundlage zu gewährleisten. Noch i st es Zeit, daß die Parteibureaukratie im bürgerlichen Lager zur Einsicht kommt. Die Entscheidung dar­über muß aber s o schnell wie möglich fal­len, denn Gefahr ist im Verzüge. Nur gemein­sames Vorgehen ermutigt die Wähler. In zahl­reicher die Parteien sind, um so geringer wird die Beteiligung (ein. Es geht jetzt um mehr als um das einzelne Parteifchickfal. Der Wahlkampf geht diesmal tatsächlich um das deutsche Bürger­tum f c I b ft

Oie Sammlung der gemäßigten Rechten.

Eine konservative Staalsvarlci unter WestarpSchieleTreviranus

Berlin, 2l. Juli. (ERD.) Die Verhand­lungen über die Sammlung der Rechten haben ihren Fortgang genommen, und zwar, wie die »Deutsche Allg. Zeitung" betont, in durchaus positivem, erfreulichem Sinne. Es ist damit zu rechnen, daß sie Mitte der Woche zum Abschluß kommen. Graf Westarp würde be­reit sein, die Führung einer Dammelbewe- gung zu übernehmen, wenn die Gewähr geboten wird, daß der Gedanke der Sammlung nicht durch Dondergruppen wieder gestört wird Es besteht alle Hoffnung, daß dieses Ziel erreicht wird. Der Abmarsch der Persönlich­keiten, die sich hinter die neue Sache stellen wollen, aus der alten Deutschnationalen Partei nimmt seinen Fortgang. Eine Anzahl bisheriger Fraktionsmitglieder ist noch nicht ausgeschieden, weil sie die Auseinandersetzungen in ihren heimi­schen Landesverbänden abwarten und beeinflussen wollen. Andere, darunter General v. Le11ow - D o r b e d , haben sich dem Grafen Westarp be­reits vorbehaltlos zur Verfügung gestellt. Der General hat in einem Schreiben an Geh. Rat Hugenberg seinen Austritt aus der Partei mitgetcilt. Es heißt darin u. a.:Durch die letzte Abstimmung im Reichstag bin ich zu der ilcber- zeugung gekommen, daß ich Ihrer Führung nicht mehr zu folgen vermag. Die Gründe sind die gleichen, die ich Ihnen im engeren Kreise und nachher in der Fraktion auseinandergesetzt habe. Ich erkläre daher meinen Austritt aus der Deutschnationalen Partei."

Es wird behauptet, daß Minister Schiele morgen ebenfalls seinen endgültigen Austritt aus der Deutschnationalen Dol^partei vollziehen wird. Die Besprechungen zwischen den einzelnen RechtSgruppen, die die Bestandteile der neuen Konservativen Partei bilden werden, schreiten, wie die »D. 01. Z." betont, durchaus erfreulich fort. Die natürliche Verschiedenheit mancher per­sönlicher Auffassungen wird, erklärt das Blatt, überbrückt werden, da keine der Gruppen ernst­

haft daS Scheitern der Zusammenschlußbestre- bungen verantworten kann und nicht der ge­ringste sachlich ausreichende Grund für unüber­windliche MeinungSverfchiedenheiten vorliegt. Dem »B. T." zufolge beabsichtigt man, die neue ParteiKonservative Staatspartei" zu nennen und eine Stadtliste (mit Westarp und TreviranuS) und Landliste (Schiele) auf­zustellen. Die Verhandlungen sollen bis Mitt­wochabend beendet sein.

Oer Sprung in die Politik.

Der Reichslandbund greift aktiv in die Politik ein.

Berlin, 21.3uIL (Priv.-Tel.) Auf Grund zuverlässiger Quellen kann man erwarten, daß der Reichslandbund zum erstenmal seine parteipolitische bisher streng eingehaltene Olcu- tralität a u f g i b t und mit dem Beschluß deS Bundesvorstandes vom 22. Juli aktiv in die Politik eingreift. Bisher haben die Pro­vinzialverbände je nach Lage der Dinge selb­ständig über die Unterstützung von Wahlkandi­daten entschieden, aber jetzt hat man sich ent­schlossen, daß sich die Provinzialverbände der Dachorganisation, dem Reichslandbund, wenig­stens hinsichtlich der Parole, unter der Wahl­unterstützungen gewährt werden sollen, unter­ordnen. Parallel dazu wird auch die Berliner Reichslandbundzentrale ideell wie finanziell die Hauptverantwortung für den von ihr propa­gierten politischen Rurs übernehmen. Diese ilm- stellung ist bezeichnend für die innerdeutsche Si­tuation. die die BerfufSverbände auto­matisch in wachsendem Umfange in die Poli­tik einbezieht. Selbstverständlich wird die Aufstellung der Wahlkandidaten im einzelnen den Vereinbarungen der Provinzialverbände mit den betreffenden Parteien, in Frage kommen in e rster Linie die Christlichnationalen Bauern, also die Front SchieleHepp, überlassen bleiben. Die Stellungnahme des Reichslandbundvorstandes dürfte im wesentlichen eine eindeullge Abgrenzung gegen Hugenberg, eine FreundschaftSerklärung für WestarpTre­viranus und eine SolidaritätSerklärung zu den Christlichnationalen Bauern enthalten.

Die neuen Notverordnungen.

Die Reichsregicrung als Führer im Wahlkampf

Berlin, 21. 3uli. Der Reichskanzler und der Reichsfinanzminister find bekanntlich nicht zu den Bcfreiungsfeiern ins Rheinland gefahren, weil dringende Dienstgeschäfte sie in Berlin zuruckgehal- ten haben. Ls handelt sich dabei um die Aus­arbeitung der neuen Steuernotoer- orbnungen, die Ende der Dache nach Rückkehr des Reichspräsidenten mit dessen Rnterfchrift ver­öffentlicht werden fallen. Die sie im einzelnen ans- fehen werden, stehl natürlich nach nicht fest. Es ist aber wahrscheinlich, daß sie gewisse Deränbe- rungen gegenüber bem Programm enthalten Iwerben, bas den Inhalt der beiden vorigen Notver­ordnungen bildete. 3n den Kreisen der Reichsregie­rung ist man sich darüber klar, daß sogar eine Er­höhung der Einnahmen bzw. weitere Abstriche am Etat notwendig sind, da die neuen Steuergesetze infolge der vorschrittenen Zeit wahrscheinlich erst am 1. September in Kraft treten können, wodurch wiederum ein Ausfall von einigen 30 Millionen entstehen dürfte.

3m Reichskabinett werden außerdem noch Be­ratungen über das Vorgehen i m Dahl- kämpf gepflogen, es besteht die Absicht, eine ge­meinsame Front der Regierungspar­teien für die große wahtpolitifche Auseinander - fehung herzustellen. 3n welchen Formen sich dieses Ziel erreichen lassen wird, steht allerdings nach nicht fest, da noch bedeutende Schwierigkeiten zu über­winden sein werden. 3edenfalls kommt die Ausstel­lung gemeinsamer Listen der Regierungsparteien nach unseren 3nformationen nicht in Frage.Voss. Zeitung" undBerliner Bötfcn-Couricr weisen übereinstimmend darauf hin, bah ber Reichskanzler biefe neue Notverordnung al» eine Wahlparole zur Sammlung unb Ver­breiterung ber Front zu benutzen beabsich­tige, die bis zur Auflösung des Reichstages hinter ber Regierung Brüning gestanden hat.Denn erst der Etat dekretiert ist", so schreibt dieVoss. Ztg.", will ber Reichskanzler, ber auf seinen Sommer­urlaub verzichtete, bie Verbindung mit ben Parteien aufnehmen und den versuch einer Samm­lung machen. Die sich ber Reichskanzler biefe Kon­zentration im neuen Reichstag vorstellt, mit wel­chen Parteien unb Gruppen er schon in ber Dahlbewegung auf sie zusteuern wolle, fei jetzt allerbings noch nicht deutlich zu sehen. Der Börsen-Lourier" erklärt, alle Zeichen sprächen da­für, und der Kanzler und die übrigen Mitglieder der Regierung seien sich dessen bewußt, daß sie dies­mal mit besonderer Aktivität in den Dahlkamps eintreten und auf die Kristallisation der in so viele Splitter zerfallenden bürgerlichen Grup­pen zu festen Gebilden hinwirken müßte. Sollte sich biefe Absicht ber Regierung Brüning bewahrheiten.

so würben bie Parteien, bte bisher hinter ihr stau­ben, ben Dahlkampf mit einer beutlich sichtbaren Front auch gegen bie SPD zu führen haben.

Oie Zersplitterung im bürgerlichen Lager.

Berlin, 21. Juli. (D. B.) In politischen Krei­sen rechnet man bereits jetzt mit mindestens 2 Mil­lionen bürgerlichen Stimmen, die durch Zer­splitterung verloren gehen, weil in zahlreichen Wahlkreisen die für ein Mandat not­wendige Stimmenzahl von 60 000 nicht a u f - kommen wird. Auf diese Weise wird der neue Reichstag wahrscheinlich um mindestens 30 Mandate kleiner werden, die aber alle als Ausfall der bürgerlichen Par­teien zu buchen find. Auf die Jungdeutsche Dolksnationale ReichSvereinigung rechnet man dabei mindestens 400 000 Stimmen. Die Aussichten der Christlich nationalen Bauern werden als recht günstig angesehen; nach vorsichtigen Schätzungen werden sie mit

mindestens 18 Mandaten, also mit Fraktions­stärke. auS dem Wahlkampfe hcrvorgehen. Auch der bisherige volkslonservative Abgeordnete Dr. v. K c u d e l l wird sich diesmal, da er zum Land­bund gehört, von den Christlichnattonalen Dauern aufstellen lassen. Da die Christlich-Sozia­len in eine Listenverbindung mit der Volks- rcchtpartei cingehen, werden sie wahrschein­lich ihre Mandate in Sachsen, Württemberg und Westfalen retten und darüber hinaus noch zwei bis drei Mandate auf der verbundenen Reichs­liste gewinnen. Trotzdem werden es diese beiden Gruppen kaum über mehr als acht bis neun Mandate bringen. Die VolkSkonservati- ven, die in ein Wahlkartell mit den Deutsch- Hannoveranern eingcgangen sind, werden damit wahrscheinlich ihren bisherigen Stand einv- germaßcn aufrechtcrhalten. In den Kreisen der Deutschen Volkspartei Plant man eine Listenverbindung mit der WirtschaftSpar- t e i. Die Demokraten wollen sich mit den ihnen nahestehenden Deutschen Dauern zu­sammentun.

Hindenbnrgtage im Rheinland.

Oer Reichspräsident besucht Bingen und Kreuznach. Abstecher in den Hunsrück. Ruhestunden in Eltville.

Dingen, 21. Juli. (WTB.) Unter dem stür­mischen Jubel einer vieltausendköpfigen Wenge und dem Geläut der Kirchenglocken traf heute vormittag kurz nach 10 Uhr Reichspräsi­dent v. Hindenburg auf feiner Reise von Eltville nach Dad-Kreuznach in Din­gen ein. In seinem Gefolge befanden sich Oberst­leutnant v. Hindenburg. Staatssekretär Dr. Meißner und der Reichskommissar für die be­setzten Gebiete, Freiherr Langwerth von Simmern. An der Hindßnburgbrücke entbot

Leiden hin. die die Stadt Dingen unb ihrs (Bürger während der Zeit der Besetzung zu er­dulden hatten und fügte hinzu, der Dank für die Befreiung gebühre nicht ihm. sondern den Män­nern, die die Außenpolitik in den vergangenen Jahren geführt hätten.

Rach einem Ehrentrunk erfolgte die Weiter- fahrt durch die Straßen Dingens nach der Dru- suSbrücke, wo an der preußischen Grenze der Landrat deS Kreises Kreuznach, Wüser, den Reichspräsidenten willkommen hieß und nach

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Die Fahrt durch bas festlich geschmückte Mainz. Hinter dem Wall der jubelnden Plenge unb dem Schmuck der wogenden Fahnen grüßt der altehrwürdige Dom.

der Kreisdirektor deS Kreises Bingen, Frei­herr von Gemmingen-Hornberg, dem Reichspräsidenten den ersten WillkommenSgruh Dingens. Der Reichspräsident dankte herzlich für die Degrüßung. Anschließend ging die Fahrt nach Dingen weiter. In den Rheinanlagen be­reitete die Spalier bildende Menge, die teilweise aus weiter Ferne gekommen war, dem Reichs­präsidenten einen jubelnden Empfang.

An der Festhalle entbot der Bürgermeister von Dingen, Dr. Stieglitz, dem Reichspräsidenten den Gruß der Stadt und dankte ihm dafür, daß es seinem Wirken gelungen fei, den deutschen Rhein wieder frei zu machen, und dafür, daß er auch der Stadt Dingen einen Besuch abstattet. Er erinnerte an das Treugelöbnis zum deutschen Vaterland und brachte ein begeistert aufgenom­menes Hoch auf den Reichspräsidenten auS. Der Reichspräsident dankte für die herzliche Begrü­ßung. Er wies dann auf die Mühsal und die

Kreuznach begleitete, wo der Reichspräsident gegen 11 Uhr unter großem Jubel der Bevölke­rung eintraf. Unter Böllerschüssen und Glocken­geläut durchfuhr er in ganz langsamer Fahrt alle die Straßen, die er früher als Ches deS Großen Hauptquartiers so oft durch­schritten hatte, und besuchte die alten Stätten der Erinnerung. Gegen 13.30 Uhr erfolgte die Abfahrt durch den Hunsrück nach der nahen Gräfenbacher Hütte, wo während der Zeit des Großen Hauptquartiers Frau von Hin- benburg gewohnt hatte. Von der Gräfenbacher Hütte setzte der Reichspräsident seine Rundfahrt über Stromberg und Wald-AlgeS- h e i m nach Dingen fort, von wo er über bie Hin- benburg-Drücke wieber nach Eltville zurückkehrte. Ueberall würbe der Reichspräsident von den auS der ganzen Umgegend herbeigeeilten DolkSmassen mit jubelnder Begeisterung begrüßt, die ihren Höhejnmkt erreichte, als Hindenburg auf der