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Konstanze.

Vornan von Karl Heinz Voigt.

Urheber-Rechtsschulz Verlag Oskar Meister, Werdau.

18 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Das ist leider nicht möglich", sagte sie etwas kleinlaut.Dr. Langner übergab mir heute die Rolle der Miß Bovcry. Die Ausnahmen zu dem Ton-Film beginnen schon im nächsten Monat. Ihr Vorschlag ist daher nicht annehmbar."

Daß Sie einem jede Freude nehmen müssen", sagte er enttäuscht.

Sie setzte sich einen kleinen modernen Herren­hut auf und entgegnete:Es ist doch Ihr eige­ner Wunsch, daß ich bald berühmt werde, Herr Emmerstorff."

Gr nahm ihre Hand, küßte sie und sah sie Dankbar an.

Run stand sie fertig vor ihm. Als sie ins Auto stiegen, sagte er:Vielleicht gehen wir später nach St. Moritz oder nach Arosa. Ich will Ihnen die Welt zeigen, Julia. Die Welt ist schön. Sie ist anders, als man sie im Film sieht."

Als eifriger Automobilist fuhr er, wie oft, auch heute selbst.

Der Wagen glitt am Tiergarten vorbei. Pots­dam war das Ziel. Sie ließen bald die belebten Straßen hinter sich. Schnurgerade, wohlgepflegte Wege tauchten auf.

Wie gefällt Ihnen diese Gegend?" fragte Lothar, der die freie Stirn in dem entgegen­kommenden Luftzug wohltuend badete.

Hier muß es sich herrlich wohnen", entgegnete Julia mit einem bewundernden Blick auf die Dillen und schloßähnlichen Bauten. Eine ruhige Vornehmheit schwebte über diesen Besitzungen.

Dieses Palais möchte ich haben", rief Julia übermütig und zeigte auf ein mit schönen hohen Bäumen umgebenes schloßähnliches Gebäude im Barockstil.

Lothar wandte den Kopf.

Diese Villa möchten Sie haben? Ich will mein Möglichstes tun. Vielleicht kann ich so glück­lich sein, sie Ihnen zum Geschenk zu machen."

Sie nahm seine Worte nicht ernst, ließ ihre Gedanken zu dem Manne da vor ihr schweifen, dessen starke Fäuste den Wagen dirigierten. Es müßte die höchste Wonne sein, von diesen starken Armen umfangen, von diesen Händen geliebkost und von diesen männlichen Lippen geküßt zu werden! Aber diese Hände brachten ihr nur Blumen und diese Lippen formten nur anerkennende und kühl höfliche Worte.

Den ganzen Tag verbrachten sie im Freien. Die Sonne lockte und die zahlreichen Kiefernbs- stände in der Umgebung Potsdams hauchten einen Duft aus, der in die Ferne rief.

Sie tranken eine Tasse Kaffee in einem Gar­tenlokal, das von Ausllüglern bevölkert war. Dann unternahmen sie einen langen Spaziergang.

Auf einsamen Wegen schritten sie dahin, schweigsam und in sich gekehrt, als lauschten sie einer Melodie, die in ihnen wie Geigentöne lockte und klang. Dur ihre immer länger wer­denden Schatten waren ihre Begleiter.

Die Sonne tauchte als blutrote Kugel unter, als Lothar und Julia den Wagen wieder be­stiegen.

Ein rotgoldener Schein der versunkenen Sonne schwebte noch in der Dämmerung dieses Abends.

In dieser Stunde glich das Haar Julias einem Gespinst aus purpurroter Seide. Ihre Haut schien blasser geworden zu sein, eine Kom­position aus Elfenbein und Blut. Lothar sah voll Bewunderung dieses Märchenwunder, das ihn einspann und festhielt.

Immer dichter und dichter wurde der Schleier der Sömmerung. Die Schatten waren bald vio­lett. Die Umritte der vorbeihuschenden Villen erschienen größer und entrückter.

Dort jenes Haus wünschten Sie sich", rief Lothar und deutete mit dem Kopf die Richtung an.

Sie lachte:Das hatte ich schon wieder ganz vergessen. Aber wenn Sie es mir schenken wol­len, werde ich Sie ganz gewiß nicht hindern." Sie zeigte lächelnd ihre schönen Zähne und fühlte die Wärme des Mannes an ihrer Seite.

Der Wagen hielt vor Julias Wohnung. Er geleitete sie hinauf zum ersten Stockwerk. Vor der Tür reichte er ihr die Hand. Sie fühlte das Verlangen im Blicke des Mannes und rief, um ihre Verwirrung $u verbergen:Vielen, vielen Dank für die schönen Stunden, Herr Emmer- ftorffl"

Ich bin dankbar, wenn ich in Ihre Augen blicken darf", entgegnete er demütig und um­armte sie mit einem heißen Blick.

Was ist dir, Lothar?" fragte er sich und horchte auf das Stürmen seines Blutes.Dieser Abschied ist eine Komödie", dachte er und schämte sich ein wenig seiner Regungen.

Als er in seine Wohnung kam, war es ihm, als trete er in ein Grab. Stille herrschte. Er fröstelte, obwohl draußen ein silberheller Mond niedrig an dem Rachthimmel hing.

Er würde eine andere Wohnung nehmen! Hier in diesen Räumen ging Konstanze um. Konstanze, die er nicht vergessen konnte. Lleberall war sie. In jedem Winkel in jeder Ecke stand Konstanze.

Da fiel ihm fein Versprechen ein, das er Julia heute gegeben. Er klingelte.

Wenige Minuten später erschien Paul vor seinem Herrn.

Sehen Sie sich dahin", sagte Emmerstorsf in freundlichem Ton und bot ihm eine Zigarre an. Sie können Sie ruhig anstecken", lächelte er, da er sah, daß sie Paul verlegen zwischen den Fin­

gern drehte.Ich leiste Ihnen Gesellschaft. Ich habe einen Auftrag für Sie, der Ihnen viel Geld einbringen wird. Passen Sie auf. Ich muß bis morgen mittag wissen, wem die Villa auf der Babelsberger Straße Nr. 47 ge­hört und ob sie verkäuflich ist. Wenn Sie mir bis morgen mittag zwölf Ähr eine Auskunft bringen, erhalten Sie eine angemessene Beloh­nung. Haben Sie verstanden?"

Paul schlug die Hacken zusammen.

Gute Nachti" Emmerstorsf kehrte ihm den Rücken.

Als er sich wieder allein fühlte, schüttelte er den Kopf über sich selbst.Du bist ein ausge­machter Narr, Lothar!" Er dachte an seine unsinnigen Geschäfte und Spekulationen, in die er sich in dieser letzten Zeit eingelassen hatte. Er hatte Bergwerke gekauft und wieder ver­äußert. Er gewann dabei ein kleines Vermögen. Ganze Waldbestände hatte er aufkaufen lassen, die er urbar machen wollte. Von dem Verkauf des geschlagenen Holzes versprach er sich große Gewinne. Er hatte einen Pachtvertrag mit dem Besitzer riesiger Obstplantagen auf viele Jahre abgeschlossen. Der Ankauf der Glasfabrik von Anton Fischer & Co. stand kurz vor dem Ab­schluß. Fabelhaften Gewinn versprach er sich von all diesen Unternehmungen.

Obwohl er einen geradezu einzig dastehenden kaufmännischen Spürsinn, der in der Großin­dustrie schon fast sprichwörtlich geworden war, besaß, konnte er doch nicht leugnen, daß er all­mählich die Äebersicht über diese großen -Unter­nehmungen verlieren mußte. Und wenn er sich nun fragte, weshalb er all diese riesigen, ja gigantischen Ankäufe vomahm, die doch mehr oder weniger alle ein Risiko bedeuteten, konnte er sich doch keine Rechenschaft hierüber ablegen.

Meist ohne sich lange zu überlegen, unterzeich­nete er die wahnsinnigsten Kontrakte, sobald ihn irgendeine Sache $u interessieren begonnen hatte.

Das Merkwürdigste aber war, was ihn heute noch interessierte, langweilte ihn schon sehr bald. Es war ein Verlangen nach Neuem in ihm, das ihn zu Hetzen schien und ihn nicht befriedigte.

Er überlegte, feit wann diese Verwandlung bestand. Ja, von der Stunde an, da Konstanze ihn verlassen, begann dieses Hetzen, dieses ziel- und planlose Spekulieren. Von dieser Stunde an wurde wenn auch ganz allmählich aus dem sonst so kühl berechnenden Großindustriellen der nach Gewinn und Geld heischende unüberlegte Mensch, der keine Freude fand an seinem Tun, aber den doch irgendeine Macht zum Unsinnig­sten trieb.

Seine Gedanken wanderten zu seinem früheren Kompagnon Siegfried Marschner. Die chemi­sche Fabrik steht jetzt hart an der Pleite. Auch daran, daß er dort ausgetreten, war Kon­stanze indirekt schuld. Und plötzlich kreiste eine irrsinnige Erkenntnis in seinem Hirn: Seit

Konstanze aus dem Hause fort war, hatte siH sein Vermögen ganz gewaltig vergrößert. Es war ohne Zweifel, Konstanzes Weggang hatte ihm materielle Güter gebracht. Die Kassen der Erde schienen sich ihm erschlossen zu haben.

Schon am zeitigen Vormittag des nächsten Tages machte Paul seine Meldung:Das Han­aus der Babelsberger Straße Nr. 47 ist ver­käuflich."

»Sie sind ein Genie, Paul", lachte Emmerstorsf und schenkte ihm hundert Mark.Ich fahre sofort hin, Sie haben heute Urlaub."

Eine Stunde später stand Lothar vor der Villa.

Sie schien im Dornröschenschlaf zu liegen und zu träumen. Die heiße Sonne dieses Tages glitzerte in den mächtigen Spiegelfenstern und zauberte auf die Fassaden und Türmchen einen flimmernden Schein.

Emmerstorsf läutete dreimal. Endlich schien das Haus zu erwachen. Ein Bedienter kam mit ge­messenen Schritten über den Kiesweg auf das große Eingangstor zu. Eine englische Dogge folgte dem Lakai ruhig und wohlerzogen. Sie schielte den Fremdling lauernd an und lieh ein warnendes Knurren hören.

Dieses HauS ist zu verkaufen, kann ich es be­sichtigen?"

Ich will sehen, ob die Damen zu sprechen sind."

Emmerstorsf trat ein.

Die Kühle einer äußerst vornehmen Diele um­fing ihn wohltuend. Don der Diele führte eine breite Marmortreppe nach dem obersten Stock­werk. Von der Galerie herab hingen kostbare Felle. Sie verliehen dem großen Raume ein ge­wisses exotisches Gepräge. Irgendwo plätscherte ein kleiner Zimmerspringbrunnen, den man nicht entdecken konnte. Ein paar überaus wohlgepflegte Palmen mit weit ausladenden Fächern boten dem schweifenden Auge einen gewissen Ruhe­punkt. Eine seltsam feierliche Stille herrschte in dieser Diele.

Eine alte Dame mit schneeweißem Haar trat ein. Sie sah gepflegt aus und machte den Ein­druck einer Aristokratin.

Emmerstorfs nannte seinen Namen und gab einige Erklärungen.

..Es ist schlimm für uns, sehen Sie. Wir sind leider gezwungen, zu verkaufen. Mein Mann starb in der Zeit der großen Umwälzungen in Deutschland. Wir haben unser ganzes Vermögen verloren. Das einzige, was uns geblieben, ist dieses Haus. Ich wohne mit meiner Schwester zusammen hier. Sie ist krank und bedarf sehr der Pflege. Das Haus kostet Geld. Der Park Wilk gepflegt fein. Das Personal will feinen Lohn naben und, sehen Sie, Herr Emmerstorff, wir können das nicht mehr durchführen. So müssen wir uns trennen von diesem Besitz."

(Fortsetzung folgt.)

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