Nr. 273 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefien)Hreitag, 21. November (930
Deutsche Wegspuren in Italien.
Don Dr. Alphons Nobel.
Auf den Reisewegen Italiens liegt viel deutscher Staub. Die meisten Straßen dieses südlichen Landes weisen Spuren deutscher Taten, deutscher Schicksale und deutscher Leiden auf.
Geschichtlich gesehen liegt das Verhältnis -wischen Deutschland und Italien nicht sehr kompliziert. Die alten Römer, nachdem sie Italien vor den Germanen geschützt hatten, riefen germanische Truppen in ihr Land. Rach dem Riederbruch des römischen Reiches überfluteten germanische Stämme, übrigens fast alles O st g e r m a n e n , die italienische Halbinsel wie das übrige Europa. Ostgermanische Fürsten- oeschlechter und ostgermanische Herrenschichten legten sich über die romanische Bevölkerung. Sodann kamen Rordgermänen und bauten ihre Reiche zwischen Sizilien und Süditalt-.'u (Rormannen). ©djon vorher aber hatte der deutsche Imperialismus eingesetzt, Imperialismus in des Wortes ursprünglicher Bedeutung, also nicht nationalistisch, sondern übernational motiviert. Die deutsche Herrschaft über Italien brach endgültig mit dem Ausgang des Mittelalters und dem Anfang der Reuzeit zusammen. Als Luther zornig den römischen Staub von seinen Füßen schüttelte, und aus der Dia Flaminia nordwärts wanderte, wandte sich der Deutsche überhaupt von Italien ab. Roch einmal kam der deutsche Politiker wieder, aber zerstörend und niederreihend in jenem schrecklichen Saeco di Roma. Erst Iahrhunderte später dehnte O e st e r r e i ch seine Provinzen über Rorditalien aus, ein mißlungenes und in seinen Ergebnissen verhängnisvolles Unterfangen. All diese historische Verbundenheit aber hatte eine kulturelle Verbindung zur Folge, die bis in unsere Tage reicht.
Banal gesprochen drückt sich diese Tatsache in dem Umstand aus, daß Italien bevorzugtes Reiseland für Deutsche unter allen Ländern der Welt ist. Aber das braucht man nicht gleich mit metaphysischen und geheimnisvollen Zusammenhängen zu erklären — es ist doch einfach so, das; Italien von allen südlichen Ländern trotz der Alpen am leichtesten von Deutschland aus zu erreichen ist.
Vielleicht hat man auch zu viel über die schicksalhaften Ursachen der deutschen Italien-Sehnsucht nachgedacht. Hm den vielbeweinten Schallen Konradins aufs neue zu beschwören: dieser Fürst war ja kaum noch Deutscher, er war und fühlte sich durchaus Rormanne und damit Italiener. Schließlich war e r Italiens Kind und nicht der fremde Anjou, an den der Papst ihn verraten hatte und der sein Haupt in den Staub des lauten neapolitanischen Marktes rollen ließ. Enge wirtschaftliche Beziehungen, man denke nur an den für damalige Verhältnisse geradezu ungeheuren Handel über Venedig, traten zu den politischen Abhängigkeiten, und endlich fügte auch die religiöse Abhängigkeit Deutschlands wie des übrigen Europa einen letzten Ring zu jener deutsch-iralienischen Kette.
Hnd nun liegen an allen italienischen Straßen die deutschen Trümmer. Völkische Trümmer, wehmütig stimmende Ruinen eingekapselten oder gewaltsam vom Stamme gelösten Volkstums. verlorene Klänge deutscher Dialekte im welschen Sprachcnsystem. Trümmer und Ruinen einstiger Herrschaft, die hundert Rormannen- burgen zwischen Gaeta und Cesala: Ravello, das über Amalfi ragende normannische Räuber- ncft; die Rormannen-Dome in Palermo und Monreale, die Langobardenschlösser, die Ska- ligevfeste von Verona und die ganz zerfallenen Ruinen deutscher Kaiserpaläste in Rom auf dem Aventin, in denen Otto III., der schärmerischte aller deutschen Kaiser, das römische Cäsarentum wiederholen wollte. Hnd endlich die zahllosen Gräber deutscher Fürsten, deutscher Kaiser, deutscher Kardinäle, deutscher Päpste — von Pisa bis Rom.
3m ausgehenden 18. Iahrhundert aber kam ein neuer Deutschenschwarm nach Italien. Auf den Spuren des in Triest ermordeten Winkelmann wandelte Goethe, trieb es toll in Venedigs Epe'>nken und pries bis an sein Lebensende sein rön isches Iahr als sein glücklichstes überhaupt. Htu> eine seltsame Polarität ließ ihn hinter den Zypressen des Borghese-Gartens, in weicher südlicher Luft im Angesichte der maßvollen Kuppeln und abgerundeten Konturen des barocken Rom die nordischsten, herbsten und kantigsten Szenen des Faust schreiben. Die Romantiker tarnen; die echte Romantik, deren leuchtende Spur uns unvergänglich Eichendorfs in seinem „Taugenichts" hrnterließ und die unechte Romantik, deren ebenso unvergängliche Spur uns der Kitsch des 19. Iahrhundert hinterließ.
Mit all dieser Erbschaft belastet, ragt der deutsche Fremdenverkehr ins moderne Italien. Ein Touristenbetrieb, bald aufdringlich, bald wehleidig, bald romantisch, bald sentimental, bald ungerecht und vorlaut, bald all zu schmiegsam und unnachgiebig, ein Betrieb, gegen den sich sehr viel einwenden ließe, wenn man es mit gutem Gewissen tun könnte und sich nicht selbst allzu oft daran beteiligt hätte. Der deutsche Reisende in Italien zetert über den deutschen Reisenden in Italien, meist mit Recht. In den Briesen Rilkes, der mehrere Winter aus Eapri zugebracht hat, heißt es, daß der Deutsche die schöne Insel Capri mit soviel Bewunderung angefüllt habe, daß die Insel leer gesogen scheine. Gewiß ist es merkwürdig, wie sehr Capri dadurch deutsch wurde, gleichsam eine Musterkollektion deutscher Gefühle. Rilke hat zweifellos recht, es ist etwas Unbehagliches und Peinliches an diesem kraftlosen Erfassen und Begehren eines fremden Eilandes. Aber schließlich darf man nicht vergessen, daß ja die deutschen Romantiker diese Insel, wie so viele Landschaften Italiens, überhaupt e n t b e d t e n, fast in des Wortes eigentlicher Bedeutung. Capri ohne die Deutschen würde heute nicht einmal seine blaue Grotte kennen. Gregorovius, Scheffel und Platen haben Capri in die Literatur eingeführt, wo es denn bis heute ein zwar vielerseits verlogenes Dasein, aber immerhin ein Dasein hat, fast wirklicher als wie an jener Stelle vor der Bucht Reapels.
Gibt es davon eine Nutzanwendung? Wahrscheinlich nicht. Auch diese Tatsache der sehr einseitigen deutsch-italienischen Verbundenheit muß man wohl hinnehmen wie ein gegebenes Ding und ein vollzogenes Schicksal, nicht sehr rühmlich, aber zu unserem Wesen gehörig. Denn schließlich ist das „deutsche" Italien, diese romantische Provinz des deutschen Gefühlsimperialismus, ja nur ein gehäuftes und massiertes Beispiel der deutschen Hingabe an die Welt überhaupt. In starken Stunden wird die deutsche Ration sagen dürfen, sie könne sich diese Verschwendung an die Welt leisten, könne es sich gestatten, das eigene Wesen über die Welt ausströmen zu lassen. Hnd die Deutschen haben es oft gesagt, ja in ganz selbstbewußter Stunde haben sie sogar gesagt, daß am deutschen Wesen die Welt genesen könnte. In kraftlosen Stunden aber wird Deutschland immer an solcher unnützen Ausgabe der seelischen Kräfte zu leiden haben und die Hingabe an Fremdes leidvoll wie eine Heberwucherung des Fremden empfinden.
Daten für Freitag, 21. November.
1694: der Schriftsteller Arouet de Voltaire in Paris geboren. — 1768: der Theologe Friedrich Schleiermacher in Breslau geboren — 1811: der Dichter Heinrich v. Kleist am Wannsee bei Pots» darn gestorben. — 1916: Franz Ioseph I. von Oesterreich in Schönbrunn gestorben. — 1928: der Dichter Hermann Sudermann in Berlin gestorben.
Hauch von Paris.
Don Albert H. tausch.
VI. Georges.
Wer ist Georges? Wenn ich das in zwei Worten sagen könnte! 3a wenn ich es in vielen Worten sagen könnte. Georges ist ein Mensch, wie et heute vielleicht nur in Frankreich und dort nur in Paris denkbar ist. Er ist ein ganz einfacher Mensch, der nie eine „bessere" Schule besucht hat, sehr früh Geld verdienen mutzte, um eine durch den Krieg zur Witwe gewordene Mutter und eine kleine Schwester au unterstützen, der dann sein Jahr abdiente und zur Polizei überging, da man ihn für diesen Dienst geeignet hielt und ihm ein gutes Dorankvmmen prophezeite. Als Polizisten habe ich ihn vor Iahten lennengelernt. Durch einen Zufall, den ich heute noch glücklich nenne und immer so nennen werde. Durch eine besondere Empfehlung erhielt er vor etwa einem Iaht eine ausgezeichnete Stellung bei einem Grohindustriellen, der ihm — um feiner Anständigkeit und Zuverlässigkeit willen — bei der Verwaltung seiner ausgedehnten Liegenschaften und Häuser einen Vertrauensposten auf Lebensdauer zusicherte. Georges ist also jetzt ein „homme ränge“ („ein gemachter Mann"), er ist — was er innerlich immer war — ein „Herr" geworden, ein „vrai monsieur“, dem niemals jemand die einfache Herkunft anmerken würde. Auch nicht etwa beim Sprachen: denn Georges spricht ein bezauberndes Französisch mit leicht provenzalischem Akzent. Seine Eltern stammen aus der Gegend von Rimes: und da er selbst seine frühe Kindheit im Süden zugebracht hat, ist in dem Tonfall seiner Sprache etwas von der Musik der Heimatlaute geblieben. Die Nachlässigkeit des Pariser Ausdrucks ist ihm fremd. Aber das hat noch einen anderen Grund: Georges hat eine Leidenschaft, deren Grad nicht gut noch gesteigert werden kann: er lieft von morgens bis nachts in jeder freien Stunde, die ihm bleibt. Er liest alles, was vor ihn kommt. Er liest, wie andre fischen, reiten, Tennis, Fußball oder Bridge spielen. Hnd seine Sprache ist das Ergebnis dieses wahllosen Lesens. Natürlich hat er in der Auswahl seiner Bücher ganz besondere Vorlieben: er liebt — bis zur I Vergötterung ihrer Schöpfer — gefühlvolle Verse ... und fast ebenso die gefühlvolle Prosa der |
vorvergangenen Generation. Man kann mit ihm sogar über Chateaubriand sprechen. Mit wem kann man das heute? Er sagt einem auch — seitenlang — Verse von Racine auf. Wer bringt das noch fertig? Hnd — last not least — er schreibt selbst Prosastücke. Er erfindet eine Fabel und schmückt sie aus. Er hätte vielleicht vor fünfzig Iahren mit seinem Schreiben in Provinzblättern Erfolg haben können. Er könnte heute Erfolg Haven, wenn er alles vergäße, was er je gelesen hat und nichts weiter aufzeichnete als was er über Menschen und Dinge denkt. Aber dazu eben fehlt ihm die Kraft und — die Bildung. Das „Literarische" ist ihm wirkliches Element. Hnd das Literarische hat heute keine Geltung, solange es kleinen Formates ist. Das Literarische großen Formates aber ist von den Machern so aufgezogen, daß es nicht mehr als das erkannt wird, was es in Wirklichkeit ist. Aber Georges will ja keinen Ruhm. Er schreibt wirklich nur zu seinem Vergnügen: Denn er ist die leibhaftige Verkörperung der Wortfreudigkeit, wie sie nur der Franzose kennt. Da er gerade dreißig Iahre ist, kann man nicht Voraussagen, welche Entwicklung er noch nehmen wird.
Georges glaubt sich sehr pariserisch („tres- Parisien“). Das ist das wirklich Provinziale an ihm, das er mit vielen in Paris Eingebürgerten teilt. Er bal oft eine Haltung, wie sie feine junge Leute in veralteten Romanen haben. Er ist berauscht von der Zaubermacht des Begriffes „Salon". Kein heutiger junger Pariser ist noch von Aehnlichem berauscht. Er ist nicht minder angetan von allem, was der „Mann von Welt" („homme du monde“) in den gleichen Romanen für unerläßlich hält... Hnd ist dennoch ein ganz natürlicher Mensch, an dem ich noch keine falsche Note entdeckt habe ... Er ist sehr schön. Herausfordernd schön. Hätte er das Zeug dazu, so könnte er mit Leichtigkeit die Karriere des „Bel-Ami" machen, die Maupassant in seinem berühmten Buch verewigt hat. Aber ich tue ihm bitter Hnrecht, auch nur in Gedanken einen solchen Vergleich zu ziehen. Georges ist der sauberste aller Menschen. Seine körperliche Vollkommenheit ist kein Gewicht, das er bewußt auf die Waage seines Lebens legt. Er stellt sie nicht in Rechnung. Ich habe es mehr als einmal erlebt, daß ihm Frauen durch den Kellner Zettel zustecken liehen. Er sagte höflich „Tausend Dank" — und es war nichts geschehen. Als wir einmal über seine
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 21. November 1930.
Worte einer Frau.
Zu ihm:
Das ist fürwahr ein Kreuz mit dir!
Und fowas nimmt man sich als Mann!
Wie man nur täglich so viel Bier in feinen Magen stürzen kann! Nie stellst du wieder an den Platz die Dinge, die du nimmst und brauchst! — Nimm für das Glas den Unterfatz! Und was du nur zufammenrauchst!
Nun sprich doch roenijjftens einmal . ein einziges, oernünfrges Wort!
Dein Wesen wird mir bald zur Qual!
Gehst du heut abend wieder fort?
Hörst du nicht, daß der Kleine schreit?
Du gönnst mir nicht ein bißchen Ruh! ' Wie kann man nur die teure Zeit vertrödeln und vertun wie du?
Zu den andern:
Er ist der beste, liebste Mann, der gute Geist in unferm Haus, der alles tut, was er nur kann, der fleißig ist, jahrein, jahraus. Er ist genügsam, urro er liebt das Glück der stillen Häuslichkeit, und wenn es einmal Sorgen gibt, verscheucht er sie durch Heiterkeit!
Er rührt sich, und er sorgt für mich, und niemals läßt er mich allein, und meldet nachts der Kleine sich, so wiegt er selbst ihn wieder ein.
Daß ich ihn einjt für mich gewann
wirkt stets als Glück mir fort und fort. — Er ist ein Muster-Ehemann, ist ein Juwel mit einem Wort!
Puck.
Vornotizen
— Tageskalender für Freitag. Stadttheater: „Geschäft mit Amerika", 20 bis 22 Hhr. — Christliche Versammlung: Vortrag: „Gottes Angebot", 20.15 Hhr, im Casä Leib. — Oeffent- licher Vortrag über „Die Kirchenverfolgungen in Sowjetrußland", 20.15 Hhr, im Realgymnasium. — Sparer- und Aentnerbund: Monats-Versammlung, 20.30 Hhr, im Pfälzer Hof. — Lichtspielhaus Bahnhof stratze: „Die Lindenwirtin." — Astoria-Lichtspiele: „Die weihe Spinne" und „Frauen am Abgrund." —
- Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Heute 20 Hhr gelangt das Lustspiel „Geschäft mit Amerika" von Frank und Hirschfeld unter der Spielleitung von Karl V o l ck zur Aufführung. Mitwirkende find die Damen Iahn, Leutholf und Schwend, sowie die Herren Bäuerle und Hauer.
— Russische Musik. Morgen, Samstag, 22. November, 17 Hhr, findet im Saale des neuen Studentenhauses, Leihgestemer Weg, ein Schüler- konzert der Schule für höheres Klavierfpiel von Minna Körner statt. Zur Aufführung kommen russische Kompositionen für Klavier allein und Klavier mit anderen Instrumenten. Den Abschluß des Programms bildet ein Trio von Gret- chaninow.
— Der Bildungsverband der Deutschen Buchdrucker, Ortsgruppe Gießen, veranstaltet am Samstag, 20 Hhr, im neuen Gebäude des Gewerbevereins Gießen, im großen Sitzungssaal einen Vortragsabend. Herr Ph. A l b i n u s, Frankfurt a. M., spricht über „Kleinschreibung als Zeitproblem". Außerdem findet eine Ausstellung von Drucksachen in Kleinschreibung statt.
** Der Gießener ASTA, im Wintersemester 1 9 30/31. Die Aemter der Gießener Studentenschaft im Allgemeinen Studenten-Ausschuß verteilen sich im Wintersemester 1930/31 in folgender Ordnung: 1. Borsitzender: Erich Leidolph, stud. theol.; 2. Vorsitzender: Ludwig Fritz, stud. jur. et rer. pol.; 1. Schriftführer: Herrn. Schneider, stud. jur.; 2. Schriftführer: Karl B rechte!.
Dr. Käthe Schirmacher, der die deutsche Frauenbewegung unendlich viel verdankt, ist im Alter von 65 Jahren an Herzschwäche verstorben. Käthe Schirmacher, eine geborene Danzigerin, trat in der Nachkriegszeit besonders als Vorkämpferin für das Deutschtum im Osten ein und gehörte 1919 bis 1920 als deutschnationale Abgeordnete der Nationalversammlung an.
stud. phil.; 1. Kassenwart: Emil Wols, stud. phil.; 2. Kassenwart: Paul Sonnet, stud. phil.; Beisitzer. Fritz Kratz, stud. jur.; Auslandamt: Keller; Vergünstigungsamt: Heinr. Hübher, stud. phil.; Amtsleitung: Kurt Weber, stud. theol.; Nachrichten: Walter Gräf, stud. phil. cl.; Nachrichtenblatt: Kurt Weber, stud. theol.; Lesehalle: Heinz Schäfer, stud. theol.; Amt f. polit. Bild.: Ernst Haas, stud. med.
** Vom Wochenmarkt. Der Verkauf von Grabschmuck, Kränzen usw. für den Totensonntag findet morgen, Samstag, auf dem Wochcnmarkt an den Ständen am Landgraf- Philipps-Platz statt. Auch in der Senckenberg- straße werden Derkaufsstände der Gärtner auf- gestellt sein.
** Vom Rundfunk. Die Eröffnung des Grotzrundfunksenders Mühlacker findet am heutigen Freitag um 19.45 Hhr statt. Der neue Großsender wird dabei auf der Welle 360 Meter zum erstenmal das Abendprogramm des Süddeutschen Rundfunks übernehmen.
" Fremdenvorstellung im Stadttheater. Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Am Sonntag, 23. November, veranstaltet das Stadttheater wieder eine seiner beliebten Fremdenvorstellungen. Zur Erinnerung an die Wiederkehr des 125. Todestages des Dichters Friedrich von Schiller gelangt feine bürgerliches Trauerspiel „KabaleundLiebe" zur Aufführung. Das Trauerspiel kommt in völlig neuer Inszenierung unter der Spielleitung von Oberregisseur Walter Bäuerle heraus. Beginn der Vorstellung 18 Hhr, Ende 20.30 Hhr.
" Eine Feierstunde am Abend deS Totensonn tags veranstaltet der Evangelische Kirchengesangverein in der Stadtkirche. Dazu schreibt man uns: Der Totensonntag und die Erinnerung an die, die von uns geschieden sind, ist für viele nur eine Quelle bittersten Schmerzes, und der Gedanke an den eigenen Tod will sich wohl wie lauter Dunkel auf alle Kraft und Lebensfreude legen. Da ist es wie eine Offenbarung aus einer ganz anderen Welt des Lichtes und der Zuversicht, wenn man einmal in stiller Seele diese wunderbaren Gaben Bach- scher Musik und Bachschen Glaubens aufnimmt. Was in dieser Abendseier geboten werden soll, zeigt keineswegs hauptsächlich Trauer, sondern eine inbrünstige Todessehnsucht, die freilich dem Ungläubigen unbegreiflich ist. Die Bachsche Kantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme" bildet den Höhepunkt und Abschluß des Abends. Mit dem Schluhchor „Gloria sei dir gelungen" werden wir
großen Erfolge sprachen und über die Tatsache, daß er seine Chancen nicht ausnützt, lachte er mich mit seinen starken, gespaltenen Lippen an und sagte: „Wie können Sie sagen, daß ich nicht die Chancen ausnühe, die mir Spaß machen? Aber darüber spricht man doch nicht! Les rela- tions qu’on a, doivent etre discretes (die Beziehungen, die man hat, müssen doch heimlich bleiben)!“
Georges ist mein Vertrauensmann in Paris. Wenn ich abwesend bin, erledigt er für mich die vielen kleinen Dinge, um deretwillen man nur ungern Briese schreibt. Er ist von rührender Gewissenhaftigkeit. Wenn ich in Paris bin, gehen wir einmal in der Woche am Abend aus. Meistens in ein Vorstadttheater, wo wir uns halb tot lachen — — dann aufs Geratewohl in „ausgefallene" Lokale. Ich könnte ein Buch über diese Eskapaden in Paris — mit Georges — schreiben. Es würde vielleicht das menschlichste meiner Bücher werden ... und eben deshalb ein sehr pariserisches Buch ...
(wird fortgesetzt.)
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. phil. Dr.-Ing. h. c. Georg De- hio, der Altmeister der deutschen Kunstgeschichte, begeht in Tübingen am 22. November seinen 8 0. Geburtstag. Geboren zu Reval, studierte er Geschichte und habilitierte sich für dieses Fach 1877 in München. Tann wandte er sich nach Reisen in Italien und Frankreich der Kunstgeschichte zu, wurde 1883 a. o., ein Iahr später ord. Professor in Königsberg und kam 1892 in gleicher Eigenschaft nach Sttahburg. 1914 wurde Dehio emeritiert. Die Technische Hochschule zu Darmstadt verlieh Dehio, „dem weitsichtigen bewährten Förderer des Denkmalschuhgedankens und hervorragenden baugeschichtlichen Forscher, dessen Arbeiten für die Entwicklung der Architektur dauernd von größter Bedeutung bleiben werden", die Würde eines Doktor-Ingenieurs ehrenhalber. Das eine Hauptwerk Dehios ist die gemeinsam mit Gustav von Bezold herausgegebene fiebenbündige „Kirchliche Baukunst des Abendlandes". Dann hat Dehio in fünf Bänden das „Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler" geschrieben. Ein weiteres Hauptwerk ist seine „Geschichte der deutschen Kunst". Ferner sind zu nennen „Die Denkmäler der deutschen Bildhauerkunst" (mit Gustav von Bezold).
Die Handvoll Erde.
Von Max Zungnickel.
Als sie wußte, wo das Grab ihres Iungen uegt, fing sie an zu sparen. Sie mußte hin. Es war, als ob der tote Soldat, der in einem Erdloch in den Vogesen begraben liegt, immer nach ihr riefe, tief im Grabe nach ihr riefe. Er war noch nicht siebzehn Iahr, als er von der Kadettenanstalt ins Feld zog. Ein lachender, glücklicher Junge, der in den Rausch großer Geschichte hineingerissen wurde und nun darin stand wie ein flackerndes Gestirn. — Sie sieht ihn noch, wie er von ihr ging. Es war morgens zwei Hhr. Auf einen Sprung, nur so zum Abschied kam ec zu ihr aus der Anstalt. Wie er sich entschuldigte, daß er sie ausgerechnet in der Nacht aus dem Bette holte. Hm drei Hhr gehe es los. Ein tiefer Schmerz riß an ihrem Herzen. Sie konnte kein Wort sagen, vergaß ganz, Licht zu machen. Sie hielt nur feinen Kopf zwischen den Händen und herzte ihn und lachte dabei. Hnd wenn ihr Mund seinen Mund freigab, hörte sie ihn nur immer flüstern „Cs wird ja doch nicht gefährlich. Mir passiert ja doch nichts!" — Hnd dann riß er fich los. Sie stand noch lange im dunkeln Hausflur wie vom Schicksal eingerammt. Als sie fröstelte, merkte fie erst, daß sie im Hemd stand. Dann ging fie wieder hinaus, lag noch lange wach, bis leise Vogel- stimmen auf tonten, die noch fein Lied wurden. Dann schlief sie tief ein, wie vom 2Ib< schiedsschmerz hingerissen. — Er schrieb nur hm und wieder eine Karte. Immer, wenn daS „Schlamassel“ losging. Nach drei Monaten war er tot, am Hartmannsweilerkopf gefallen. — 2Iber nun hat sie ihn wirklich besucht, hat eine lange Reise bis an sein Grob gemacht. Als sie am ^^be ftanb, griff ihre Hand in die fran* iofifdje Erde, darin er liegt. Griff tief hinein. Uno fie nahm eine Handvoll Erde mit nach Hause. UnD nun, da fie wieder daheim ist, nun hat sie die Empfindung, als ob in den französischen Erdkrumen noch der letzte Atem von ihm lebt, das letzte Leuchten seines Gesichts, ein Klang feiner fröhlichen Stimme. Und Wurzelfasern sind zwischen der Erde, kleine Grashalme. Sie sind wohl aus seinem warmen Herzen empor- geschossen? Und nun hat sie wahrhaftig das Gefühl: als ob er wieder zurückgekommen ist.


