Neue Giadtratsbeschlüsse über die Deckung -es Haushalts für 1930.
Keine Erhöhung -er Steuer vom Gewerbeertrag. Einführung der Bürgersteuer. Ergebnisloser Kampf um die Biersteuer. Neue Mittel für Wohnhausbauten und Notstandsarbeiten. — Zeppelin-Befuch in Gießen vorbereitet.
Der S t a d t r a t beschäftigte sich gestern erneut mit der Beratung über die Deckung des Fehlbetrages im Gießener Haushalt für 1 9 3 0. Wiederholten schwierigen Sitzungen des Finanzausschusses folgte gestern eine mehrstündige Steuerdebatte, die schließlich zu einem Ergebnis führte, von dem man wohl annehmen darf, daß es nunmehr endgültig den Voranschlag unter Dach und Fach bringen hilft, lieber die Beratung wird noch mancherlei zu sagen sein. Den Schluß des Berichtes über die gestrigen weiteren Verhandlungen bringen wir morgen.
Sitzungsbericht.
* Gießen, 20. August 1930.
Anwesend Oberbürgermeister Dr. Keller, die Beigeordneten Dr. Hamm und Kommerzienrat Kling spar, 32 Stadtralsmitglieder. Der Zuhörerraum ist nur schwach besetzt.
Auf der Tagesordnung stehen zunächst die Anträge des Finanzausschusses zur Deckung des Voranschlags für das Rechnungsjahr 1 9 30.
Oberbürgermeister Or. Keller
leitet die Beratungen mit folgender Rede ein: Die vom Stadtrat bei Beratung des Voranschlags am 20. Mai 1930 beschlossene Erhöhung der gesetzlichen Miete, die mit einer Erhöhung der Gebäudesteuer verbunden war, ist von dem Herrn Minister für Arbeit und Wirtschaft nicht genehmigt worden. Aus diesem Grunde hat der Stadtrat erneut über den Ausgleich des Voranschlags für das Rj. 1930 zu beschließen.
Die D e ck u n g s v o r s ch l ä g e, die ich zu diesem Zwecke dem Finanzausschuß unterbreitet habe, sind von diesem in der Hauptsache a b g e l e h n t worden, wie ja Finanzausschuß und Stadtrat in den letzten Jahren besonders hinsichtlich der Aus- gleichung des Voranschlags sich immer weiter von derjenigen Finanzpolitik entfernt haben, die ich für richtig halte.
Ich habe dem Finanzausschuß vorgeschlagen, außer einer weiteren mäßigen Heranziehung der Betriebsüberschüsse der städtischen Werke
die Realsteuern
in sehr geringem Ausmaße zu erhöhen, nämlich die Steuer vom Gewerbeertrag von 220 auf 240, die Steuer vom Gewerbekäpital von 55 auf 60 und die Gebäude st euer von 25 auf 30 Rpf. Die vom Stndtrat in den letzten Zähren beliebte Riedrighaltung der Realsteuersätze — und AtMr beträchtlich unter dem Durchschnitt aller anderen hessischen Städte, selbst der kleinsten —, halte ich für ungerechtfertigt und schädlich für die städti- schen Finanzen. Wenn z. B. in den kleinen ober- hessischen Rachbarstädten Friedberg und Bad-Nau- heim Gewerbesteuersätze von 344 und 300 in Geltung sind, so bedeutet ein Gewerbesteuersatz von 240 Rpf. für Gießen gewiß keine unbillige Belastung. Der Finanzausschuß hat die Steuer vom Gewerbeertrag jedoch nur auf 230 Rpf. erhöht, eine Erhöhung der Steuer vom Gewerbekapitol abgelehnt und die Gebäudesteuer nur um 2 Pf., nämlich auf 27 Pf. erhöht
Auch in der Frage, wie von den durch die Reichs- Verordnung vom 26. Juli 1930 eröffneten
neuen Steuern
Gebrauch zu machen sei, ist der Finanzausschuß von meiner Auffassung abgewichen. Ich habe dem Finanzausschuß vorgeschlagen, für das laufende Rechnungsjahr zunächst die Biersteuer zu erheben und für das Rechnungsjahr 1931 im Falle der Rot
Wirble ins Leben!
Vornan von Anna Kink.
Lirheber-Rechtsschuh durch Verlag Oskar Meister. Verdau. S -21.
26 Fortjetzung Nachdruck verboten
Schwester Irene schien sich der Einsamkeit des Herrn Much liebevoll angenommen zu haben. Reginald konnte es beinahe körperlich' fühlen, wie diese Frau den Mann dort mit jeder Bewegung, mit jeder Biegung ihres Körpers an sich zu ziehen verstand.
Sie war von einer geradezu schamlos betonten gelegenen Eleganz und benahm sich genau so, wie Much es brauchte.
Much selbst sah immer noch etwas leidend aus, vielleicht machte das auch, daß sein Gesicht etwas Gedunsenes hatte, was früher nicht vorhanden war.
„Sie ist eine vollkommene Schauspielerin — das muß man ihr lassen", stellte Reginald fest u,rd gmg langsam weiter.
Er hatte genug gesehen.
Em leichtes Ekelgefühl stieg in ihm auf. Seine Freude, die er vorhin an dem Gefühl, ein Reisen- *•**1 Ju icln. gehabt hatte, war weggewischt.
Er hastete in die Stadt, nahm ein Taxi und fuhr zum Konsulat. Zwei Stunden darauf war er wieder auf dem Bahnhof und stieg in den Zug nach Tnest.
. 3“/171 kann der Vergangenheit nicht entrinnen, dachte er niedergeschlagen. Er hatte sich gehütet, dw ganze Zelt an die verflossenen Monate zu denken, nicht an Much, nicht an Irene, vor allem mcht an Barbara. Er hatte nur aus dem Augen- blick heraus fein Leben gestalten wollen. Jetzt |QVr™tn’ auch das nicht möglich war.
Die Vergangenheit lag in ihm. Man konnte sie wohl verarbeiten, aber streichen ließ sie sich nicht.
9Q5 c8 clnc Katastrophe, wenn er, Reginald Contius, nut Frauen in nähere Berührung kam.
, "Aar er fo feige so schwach, so dumm? Dabet hatte er scheinbar die Bestimmung, immer wieder mit ihnen zusammenzutreffen.
Sr dmHte an Barbara, und ihm war zumute, als hätte er sich vor einer Aufgabe die ihm von irgendeiner Seite gestellt worden war, schmählich gedrückt.
Ihm wurde es beim Rattern der Räder mit fast schmerzhafter Deutlichkeit klar, daß er Barbara suchen müsse.
Bislang hatte er diese Aufgabe — das war nicht länger zu umgehen — innerlich auf Much abgeschoben.
Das war ein lächerlicher Rückzieher. Muchs Aufgabe konnte das ja gar nicht sein. Lind wenn er zehnmal ihr angetrauter Mann war.
die Bürgersteuer zu erschließen. Die Biersteue r stellt gewissermaßen eine freiwillige Belastung dar, Die jeder umgehen kann: diese Steuer erfordert zudem für die Verwaltung keinerlei Mehrarbeit. Die Bürgersteuer dagegen ist trotz ihrer Staffelung eine unsoziale Kopfsteuer, die von der Finanz- Wissenschaft längst zum alten Eisen geworfen ist und für die praktische Finanzpolitik nur als alleräußerster Notbehelf in Betracht koüimen kann; ihre Veranlagung, Erhebung und Beitreibung wird erhebliche Mehrarbeit verursachen. Der Finanzausschuß hat jedoch die Einführung der Sier ft euer ab- gelehnt und die Erhebung der Bürger st euer schon jetzt beschlossen, obwohl die notwendigen Ausführungsbestimmungen des Hessischen Staates noch nicht erlassen sind.
Die Anträge, die der Finanzausschuß zur Ausgleichung des Voranschlags stellt, find aus der Tages- ordnung ersichtlich. Es ist die Aufgabe des Stadtrats, hierüber endgültig zu beschließen.
Gtadtratsmitgl. Mann (Soz.)
erinnert daran, daß seine Fraktion mit der im Mai von der Stadtratsmehrheit beschlossenen Deckung des Voranschlags nicht einverstanden gewesen sei und deshalb den Voranschlag abgelehnt habe. Die sozialdemokratische Fraktion betrachte die Bewilligung der hessischen Durch- schnittssähe der Realsteuern auch für die Gießener Verhältnisse als tragbar. Im Finanzausschuß habe sie sich gegen die Diersteuer ausgesprochen, weil diese auf der Rotverordnung des Reichspräsidenten beruhe und man heute noch gar nicht wisse, ob der neue Reichstag diese Rotverordnung bestehen lassen werde. Hinsichtlich der Bürgersteuer habe er den Worten des Oberbürgermeisters nichts hinzuzufügen. Mit den Durchschnittssätzen der hessischen Realsteuern könne der Voranschlag ausgeglichen werden. Seine Fraktion sei bereit, der vorgeschlagenen Erhöhung der Steuer vom Gewerbcertrag und der Grundsteuer von bebauten Grundstücken und Bauplätzen zuzustimmen. Inzwischen sei aber von Kreisen .außerhalb des Stadtrats ein Schritt unternommen worden, durch den die von Der- antwortungsbewußtsein beseelten Stadtratsmitglieder, die für diese Steuererhöhung stimmen, den Stempel der Richtswürdigkeit ausgedrückt erhalten sollen. Diese Art und Weise des Vorgehens müsse zu einer Schädigung des Wirtschaftslebens führen. Der Redner wendet sich schließlich noch gegen eine Erhöhung der Werktarife, weil diese nur zu einem Konsumrückgang führen werde, und spricht sich für ungesäumte ausreichende Deckung des Voranschlags aus, damit die Stadt nicht mehr von teuren Krediten zu leben braucht, sondern nun endlich Steuern erheben Fann. Wenn die Verwaltung im Finanzausschuß vorgeschlagen habe, die Steuer vom Gewerbeertrag von 220 auf 240 Pf. zu erhöhen, so sei keine Veranlassung zu Angriffen von außen her gegeben.
Gtadtratsmitgl. Horn (ArbeitSgem. der Mitte)
bedauert zunächst, daß die Deckungs-Beschlüsse des Stadtrats vom Mai von der Regierung nicht sofort zurückgereicht worden seien, sondern Darmstadt sich mehrere Monate Zeit dazu lieh. An der Erklärung des Ortsgewerbevereins gegen die Erhöhung der Grundsteuer und der Gewerbesteuer könne die Arbeitsgemeinschaft der Mitte nicht vorübergehen. Der Redner zieht hieraus einen kurzen Vergleich zwischen den Vorschlägen
Es gibt innere Gesetze und Kausalitäten, die man nicht auf die Dauer übergehen darf.
Reginald Contius wußte das von seinem Berufe her.
Erfindungen machen, war ja letzten Endes auch nichts weiter, als bestimmte Naturgesetze erkennen und mit ihnen in einer Weise arbeiten, auf die sonst noch niemand gekommen war.
Er merkte, daß die Erinnerung an Barbara anfing, wieder aufzuleuchten.
Das gab innere Ruhe und Bestimmtheit.
Ob das Liebe zu ihr war, daran dachte Contius überhaupt nicht.
Es war im Augenblick erst mal seine Aufgabe, und daran wollte er sich halten, bis sie gelöst war.
Was dann kam, wußte er nicht. Vielleicht würde er die ganze Welt durchwandern, oder auch in ein Kloster gehen, das konnte man doch nicht Vorhersagen.
Seit langer, langer Zeit fühlte Reginald sich konzentriert und bei sich selbst.
Lind es kam ihm vor, als sei Italien das richtige Land für sein neues Ziel.
Barbara stand aus dem riesigen Platz vor der Peterskirche in Rom. Sie war zum Umfallen müde.
Sie war von Frascati zu Fuß bis nach Rom gegangen, denn die paar Mark in deutschem Geld nützten ihr nichts dort draußen.
Lind um keinen Preis hätte sie sich in Frascati noch länger aufhalten mögen. Der Conte hätte vielleicht doch ihr Verschwinden noch in der Rächt bemerken und auf ihre Spur kommen können.
Es war schon sehr spät in der Rächt, und sie wollte in einem kleinen Hotel unterkommen.
Das Geld würde vielleicht gerade zum Lieber- nachten reichen.
Sie wanderte ziellos durch einige Straßen.
Oesters flog chr ein aufforderndes oder auch ein freches Wort zu.
Einmal verfolgten sie zwei Kavaliere, die eine angenehme Bekanntschaft machen zu können glaubten.
Wie ein gehetztes Reh rannte sie ihnen davon und bog so geschickt in eine Querstraße ein, daß die beiden ihre Spur verloren.
Aus der anderen Seite der Straße brannte ein kümmerliches Licht und beleuchtete ein Schild auf dem das Wort „Albergo" gerade noch zu erkennen war. Alles andere war in der Dunkelheit unleserlich.
Barbara eilte hinein.
Rur eine Unterkunft für diese eine Rächt finden, so war ihr Gedanke.
Sie war doch immer noch reichlich mitgenommen und konnte große körperliche Strapazen nicht ertragen.
der Verwaltung und den Beschlüssen des Finanzausschusses, und erkennt dabei an, daß von der Verwaltung alles geschehen ist, um den erforderlichen Deckungsbetrag zusammenzubringen. Seine Fraktion habe sich nur schwer zu den Vorschlägen des Finanzausschusses durchringen können, denn überall in der Bürgerschaft höre man, daß die Grundsteuer und die Gewerbesteuer nicht mehr erhöht werden könnten. Auch von einer führenden sozialdemokratischen Seite sei anerkannt worden, daß es zu begrüßen sei, wenn hier noch die bisherigen Steuersätze gehalten werden könnten, damit die Wirtschaft nicht noch schwerer erschüttert werde. Die Fraktion der Arbeitsgemeinschaft der Mitte hätte es lieber gesehen, wenn die Diersteuer an Stelle der Dürgersteuer in den Vordergrund gestellt worden wäre. Seine Fraktion habe die beiden anderen Stadtratsfraktionen gefragt, wie sie sich zur Einführung der Diersteuer stellen würden, sie habe damit aber hei beiden Fraktionen keine Gegenliebe gefunden; seine Fraktion habe sich sehr ernstlich mit der Einführung der Diep- fteuer beschäftigt, aber- angesichts der Stellungnahme der beiden anderen Fraktionen darauf verzichten müssen. Wenn nun der Ortsgewerbeverein in der Anzeige im „Gieß. Anz." vom Dienstag erkläre, daß eine weitere Erhöhung der Steuersätze nicht zu ertragen sei, so könne er das verstehen. Aber der Schlußsatz der Erklärung des Ortsgewerbevereins sei verletzend für alle die Stadtratsmitglieder, die mit ernster Sorge an den Steuerfragen mitgearbeitet hätten. Seine Fraktion sei dabei mit größter Sorgfalt vorgegangen und habe sich schweren Herzens nur mit dem Rotwendigsten einverstanden erklärt, deshalb müsse er auch die Vorwürfe zurückweisen. Durch die Erklärung des Ortsgewerbevereins sei nun eine neue Situation entstanden. Seine Fraktion lehne die Erhöhung der Steuer vom Gewerbeertrag und der Grundsteuer ab, bis ihr gesagt werde, woher nun die Deckung für die hierbei in Detracht kommenden Deträge von 8700 Mk. und 22 000 Mk. kommen solle. Er erwarte hierauf die Antwort von den beiden anderen Fraktionen. Die Arbeitsgemeinschaft der Mitte widersetze sich so lange der Annahme der beiden Steuern, bis nicht erneut über die Diersteuer beraten sei, zu der sich die Arbeitsgemeinschaft bekenne; die Gewerbesteuer- Erhöhung lehne sie ab, hinsichtlich der Grundsteuer wolle sie noch abwarten.
Gtadtratsmitglied Nicolaus (Wirtschaftliche Vereinigung) erklärt, seine Fraktion habe den Qlnträgen der Stadtverwaltung nicht zustimmen können, weil damit wiederum der alte Weg der Delaftung nur einer Bürgerschicht gezeigt worden sei. Wenn seine Fraktion im Mai trotzdem den Voranschlag mit verabschiedete, bann habe sie bewiesen, daß sie zu positiver Arbeit bereit fei. Seine Fraktion sei der Meinung, daß alle diejenigen, die die Wohltaten eines geordneten Gemeinwesens genießen, auch zu dessen Lasten beitragen müssen; dieser Standpunkt sei nur gerecht. Der Redner polemisiert sodann gegen die Entscheidung des Ministers für Arbeit und Wirtschaft, der die im Mai gefaßten Beschlüsse des Stadttates nicht gutgeheißen habe, die Gebäude- steuererhöhung mit einseitiger Auswirkung auf den Hau^-sitz beibehalten, aber die .Umlegung dieser £_-dL |.uf die Mieter vermeiden möchte. Die Entscheidung des Ministers findxt der Redner nicht ausreichend begründet, es gehe aus ihr eine
vollständige Verkennung der wirtschaftlichen Verhältnisse des entrechteten Hausbesihes hervor. Bei der Entscheidung des Ministers für Arbeit und Wirtschaft seien nicht wirtschaftspolitische Gesichtspunkte maßgebend gewesen, sondern zweifellos nur parteipolitische Rücksichten. Der Hausbesitz habe von 1926 bis 1929 eine Mehrbelastung von rund 325 000 Mark allein auf sich nehmen müssen, und heute sei er so weit, daß er auch die geringste Steuererhöhung nicht mehr tragen könne. Aus diesen Erwägungen heraus habe seine Fraktion die Erhöhung der Grundsteuer abgelehnt. Zur Frage der Gewerbesteuer-Erhöhung erklärt der Redner, daß schon im vorigen Jahre berechtigte Gründe gegen eine solche Erhöhung vor- ae legen hätten, die in diesem Jahre noch viel stärker geworden seien. Die gegenwärtige große Arbeitslosigkeit sei doch nur der Austzxuck eines tatsächlich bestehenden Aufttags- und "Arbeits- mangels, unter dem auch der ganz kleine Handwerker außerordentlich schwer leide. Es gebe jetzt Handwerkerexistenzen, die nur knapp über 1500 Mark Jahreseinkommen verfügen. Angesichts dieser Sachlage könne man dem Hand- toerF und Gewerbe eine weitere ©teucrbelaftung nicht mehr zumuten. Seine Fraktion lehne es ab, an einer solchen Steuererhöhung sich zu beteiligen. Die wirtschaftlichen Gesetze der Privatuntemehmungen, nämlich die Bemessung der Ausgaben nach den Einnahmen, müßten auch für die Kommune, das Land und das Reich nun endlich Geltung erlangen. Auch in unserer kommunalen Verwaltung müsse ernstlich darüber nachgedacht werden, wie man zu einem Abbau der Lasten komme. Die Möglichkeit dazu bestehe durchaus, wenn der gute Wille vorhanden sei. Er (Redner) wünsche, daß die Fraktionen nicht erst von sich aus noch im Laufe diese- Jahres Vorschläge zum Ausgabenabbau einreichen mühten. Er hoffe vielmehr, daß die Stadtverwaltung sich der Rotwendigkeit der Ausgabensenkung bewußt sei und nun auch den Wilken aufbringe, hieraus die erforderlichen Konsequenzen zu ziehen. Der Redner betont sodann, daß seine Fraktion sich nur einverstanden erklären könne mit den vorgeschlagenen Mehreinnahmen aus den städtischen Betrieben und mit der Einführung der Bürgersteuer. Für die Stellungnahme seiner Fraktion sei die Erklärung des Ortsgewerbevereins nicht maßgebend gewesen, da seine politischen Freunde sich schon vor dieser Erklärung auf den gegenwärtigen Standpunkt geeinigt hätten in der Lieberzeugung, daß nur auf diesem Wege den heutigen Zeitverhältnissen Rechnung getragen werden könne.
Oie weitere Aussprache.
Oberbürgermeister Dr. Keller empfiehlt dem Hause^ von einem großen Redekampf abzusehen. Die Gewerbesteuererhöhung um 10 Pfennig sei ja doch nur. gering und mache jährlich bei 3000 Mark nur 3 Mk., bei 6000 Mk. nur 6 Mk., bei 10 000 Mk. nur 10 Mk. Ein großer Teil des Gießener Gewerbestandes fei sicherlich gern bc reit, diese verschwindend geringe Steuererhöhunq auf sich zu nehmen in der Erkenntnis, daß doch die Stadt leben müsse und sie diese Einnahmen brauche, die ja auch zum großen. Teile dem heimischen Gewerbe wieder zugute kämen.
Stadtratsmitglied Mann (Soz.) betont, daß die Gesamtheit der Bürgerschaft, also nicht nur die Hausbesitzer und Gewerbetreibenden, an den steuerlichen Lasten der Stadt beteiligt seien, denn die Lieberweisunyen aus Reichssteuern an die Stadt und die Einnahmen durch die Werktarife
Ein listig aussehender italienischer Wirt kam ihr im Flur entgegen und musterte sie frech von oben bis unten.
Ob sie ein Zimmer für die Rächt bekommen könne, fragte Barbara von oben herab.
Daraufhin wurde er etwas höflicher.
„Gewiß, gewiß", versicherte er händereibend. Er führte Oie Dame in den ersten Stock uni) öffnete die Tür zu einem mäßig großen Zimmer.
Cs war mit schäbiger Eleganz ausgestattet. Lleberall hingen schmutzige Portieren und Vorhänge, das Bett war nicht frisch bezogen und sah unordentlich aus.
Der ganze Raum war von einer so üblen Hintertreppenatmosphäre erfüllt, daß Barbara ganz schlecht wurde.
Trotzdem fragte sie tapfer nach dem Zimmerpreis.
Es sollte zehn Lire kosten, was reichlich teuer war für diese Albergo.
„Ich habe nur deutsches Geld", sagte Barbara, „aber Sie können es einwechseln gehen." Sie zeigte ihm ein paar Markstücke.
Der Padrone besah sie mißtrauisch und erklärte dann: Er bedauere, aber er müsse italienisches Geld haben.
Barbara sah ihn flehend an. Ihr erschien das hier immer noch besser, als in den Straßen Roms herumzuirren.
„Bitte, geben Sie mir das Zimmer. Ich wechsle morgen das Geld. Ich will Sie doch nicht betrügen.“
Sie sprach schon ein ganz leidliches Italienisch, genug, um sich verständlich machen zu können.
„Sie können umsonst hier wohnen bleiben, Signora", flüsterte er ihr verttaulich zu, „wenn Sie Ihre Zimmertür nicht zuschließen."
Barbara sah ihn verständnislos an.
„Ich weih nicht, wie Sie das meinen."
Run wurde er deutlicher.
Er hatte ihr die Treppe versperrt und drängte seinen plumpen Körper an den ihren.
Barbara stieß ihn so heftig vor die Brust, daß er, um nicht die Treppe herabzustürzen, sie freigab und sich am Treppengeländer festhielt.
Diesen Augenblick benutzte Barbara. Sie huschte die Treppe hinunter und stürzte auf die Straße. In wilder Hast rannte sie weiter. Lieber im Freien bleiben, als so etwas Fürchterliches noch einmal durchmachen.
Die war wieder in belebtere Straßen gekommen.
3m Süden ist das Rachtleben viel intensiver als in Deutschland.
Wäre Barbara nicht so verwirrt gewesen, so hätte sie Freude an dem temperamentvollen, durchgluteten Rachtleben gehabt.
Plötzlich kam ihr ein erlösender Gedanke.
Die brauchte doch nur in einem der großen ®af<& nach einer Pension zu fragen, wie sie es in jeder großen Stadt gab.
Sie entsann sich dunkel, daß sie einmal .mit Much zusammen in der Schweiz gereift war und sie für ein paar Rächte in einer sehr guten ßu- zemer Pension untergekommen waren.
Sie trat vor das Caf6, vor dem sie sich gerade befand, und fragte den aufmerksam tzerbei- eilenöen Kellner nach einer guten, bescheidenen Pension.
Der Kellner holte den Inhaber des CafsS, einen elegant gekleideten Herrn, herbei.
„Ditte, nehmen Sie Pkch", fagte er höflich und bestellte sofort für sie einen schwarzen Expreß-Kaffee. Darbara wollte abwehren.
Er machte nur eine liebenswürdige, abwehrend« Handbewegung.
„Sie sind allein, gnädige Frau?" fragte et und sah sie prüfend an. Rein, wie eine elegante Dirne sah die Frau nicht aus. Er hatte Erfahrung in diesen Dingen.
Barbara fühlte es instinkttv und war dankbar dafür.
Ihre Sicherheit kam wieder.
„Ich bin mit dem Zug allein angekommen und will morgen nach Neapel weiterfahren, um dort meine Schwester zu treffen", phantasierte sie los. „Ich habe den Äamen der Pension, die sie mir gesagt hatte, vergessen."
Der Kaffee kam und Barbara sagte entschuldigend: „Ich habe leider nur deutsches Geld bei mir.“
»Aber gnädige Frau", sagte der Desiher, der ihr gegenüber Platz genommen hatte, „das macht doch nichts. Diese kleine Erfrischung" — der Kellner hatte auf seinen Wink ein Stück Kuchen gebracht — „müssen Sie mir schon gestatten. Ihnen anzubieten. Ich freue mich, Ihnen behilflich fein zu dürfen. Wenn Sie sich etwas gestärkt haben, gebe ich Ihnen einen meiner jungen Leute mit, denn eine so schöne Frau wie Sie ist nachts immer Belästigungen ausgesetzt."
Barbara lächelte befreit.
„Ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar."
Er sah befriedigt zu, wie sie aß und trank. Als sie fertig war, rief er einen feiner jungen Leute heran.
»Du gehst jetzt mit der Signora und bringst sie nach der kleinen Pension, die der Schweizer Dame gehört. Lind gib gut acht auf die Dame, daß ihr nichts passiert. Sie ist fremd hier."
Lind zu Barbara gewandt, sagte er: „Es ist eine kleine Schweizer Pension, sehr sauber und preiswert. Sie könnten nirgendwo besser aufgehoben fein. Fernando ist zuverlässig."
Er verbeugte sich höflich vor Barbara, di« chm warm dankte.
„Buona notte", sagte er lächelnd in dem weichen toskanischen Tonfall und winkte mit der Hand.
(Fortsetzung folgt.)


