Ausgabe 
20.6.1930
 
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Nr. 142 Erster Blatt

180. Jahrgang

Freitag, 20. Juni 1950

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Die Illustriert«

Liehener FamilienblLtter Heimat im Bild Die Scholle

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Arbeitslosigkeit und Kapitalausiuhr.

Don Otto Lorbach.

Technik und Strategie der modernen Finanz find nicht nur demMann in der Strafte" ein Buch mit sieben Siegeln. Die Sprache der Finanz- Wissenschaft ist mehr alS die irgendeiner andern Theorie eine Geheimsprache, die man sich nur durch ein langwieriges und schwieriges Studium erschlieftt. Der große Krieg aber hat mit seinen Reparations- und Schuldenproblemen die ganze Kulturmenschheit dermaßen in die Gewebe der großen Magier der internationalen Hochfinanz verstrickt, daß die natürlichen Triebkräfte des Wirtschaftslebens sich darin fast zu Tode zappeln. Die meisten Länder sind heute Schuldner­länder und ihre Gläubiger, weit entfernt, sich für ihre Entschuldung zu interessieren, tun alles Mögliche, sie zu immer weiterer Verschuldung zu verführen. Wer sich bei uns über den all­gemeinen Wahnsinn der Weltmiftwirtschaft der Nachkriegszeit Kopfzerbrechen macht, mag Trost darin finden, daß, wenn man die Schuldner­länder nach der Gröhe der Zinsen gliedert, die sie zu zahlen haben, Deutschland nicht an der Spitze marschiert. Das arme, ge­plagte Indien führt: an zweiter Stelle steht Holländisch-Indien, an dritter Argentinien, an vierter Australien. Dann kommt erst Deutschland und danach Kanada. Lediglich Großbritannien, die Vereinigten Staaten, Holland, die Schweiz. Irland und Schweden beziehen nach Feststel­lungen der wirtschaftlichen Sektion deS Völker­bundes eine Rente aus ausländischen. Inveftie- rungen. Dazu kommt noch Frankreich, über dessen Zahlungsbilanz offizielle Ziffern noch nicht vor­liegen. das aber nach einer privaten Schätzung, die dem Völkerbund zuging, heute wieder einen großen Tleberschuß aus ausländischem Kapital­anlagen erzielt. Der glücksspielerische Charakter der finanziellen Leitung der modernen Weltwirt­schaft kommt am deutlichsten in dem Schicksal Australiens zum Ausdruck, dessen Volks­wohlstand bisher auf den aus der Ausfuhr wich­tiger Rohstoffe gezogenen Gewinnen beruhte. Im Iahre 1925 brauchte dieses Land pro Kopf der Bevölkerung erst 0,1 Dollar vom ausländi­schen Kapitalmarkt zu borgen: 1926 waren eS schon 29.9 und 1928 bereit« 42,7 Dollar. Das hatte nicht der natürliche Lauf wirtschaftlicher Dinge, sondern die Regie des internationalen FinanzmaguS bewirkt, der die Kräfte, die auf dem Weltmarkt das Spiel von Angebot und Nachfrage regeln, wie Marionetten an unsicht­baren Fäden tanzen läßt.

Es liegt gewiß so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit in der Art und Weise, wie die internationalen Bankiers durch ihre Anleihe­manipulationen jene Staatsmänner an der Nase herumführen, die sich an die abstrakten Zahlen- größen der Reparationen und Kriegsschulden klammern. Bei gewissenhafterer Finanzgebarung im Staats- und Kommunalwesen könnte man bei uns sogar mit einer gewissen Genugtuung dem 2a»u um das vergoldete Kalb der Vounganleihe zusehen. Wir müssen wie alle Schuldnervölker borgen, nicht nur um Zinsen und Amortisa­tionen zu zahlen, sondern auch um unsere Wirt­schaft in Gang erhalten au können, und wir brauchen unS nicht allzusehr um die festgesetzte Höhe der Zahlungen aufzuregen, solange uns der Druck auf den Rohstoffpreisen gestattet, die tat­sächlichen Leistungen im internationalen Waren­austausch auf die vorwiegend Rohstoffe aus- führenden Länder zum Teil abzuwälzen. Wir müssen aber aufhören, die weltwirtschaftlichen Dinge nur im Schleier der Maja des Geldwesens zu betrachten. Man hat sich über die Höhe der Provisionssorderungen gewundert, die sich die internationalen Bankier«, allen voran die Amerikaner, beim Abschluß der Voung-Anleihe bewilligen ließen, die das Doppelte und Srei- sache darstellten, was für gewöhnliche Anleihen gezahlt zu werden pflegt. Als ob sie nicht am besten wissen müßten, daß das Ende mit Schrecken, das dem Glücksspiel der gegen­wärtigen Weltmitzwirtschaft nur beschieden sein kann, nicht mehr lange auf sich warten lassen kann.

ES ist kein Zufall, daß der »Mann der Strafte" In allen modernen Kulturstaaten anfängt, dem ebenso merkwürdigen wie auffälligen Zusammen­hang zwischen Kapitalexport oder .Ka­pital». Flucht" und Arbeitslosigkeit im Inlande mit den Kräften des gesunden Menschen­verstandes auf die Spur zu kommen. Gerade in den Vereinigten Staaten, wo die Industrie­arbeiterschaft sich am wenigsten durch theoreti­sierende Demagogen die Köpfe verkeilen lieh, entdeckten Gewerkschaftsführer zuerst die Unge­reimtheit in dem Verhältnis zwischen zügelloser Beweglichkeit des Finanzkapitals und stark ge­hemmter Freizügigkeit für die Träger der Ware Arbeitskraft. Der Vizepräsident der American Federation of Labour errechnete das in fremden industriellen Anlagen steckende Vankeekapital auf 3,5 Milliarden Dollar und erklärte, daß darin dieg r 0 ßte, je dagewesene industrie- elle Auswanderung" zu sehen sei. Einige hundertfünfzig der größten Korporationen un­terhalten über zweitausend Werke in fremden Ländern. Dazu gehört z. B. Fords irische Anlage. Der irische Freistaat erhält die Steu­ern. die Ford-Traktoren sind durch amerikanische Patente geschützt und können zollfrei in die Ver­einigten Staaten eingeführt und dort zu Preisen, die sich auf viel höhere amerikanische Löhne gründen, verkauft werden. Ein noch drastischeres Beispiel itz dcks einer Iute-Spinnerei,

Oie Finanzministerkrisis vertagt.

Der Reichskanzler wartet die Wahlen in Sachsen ab. - Roch keine Entscheidung über Moldenhauers Nachfolger.

parlamentarische Pause

Berlin, 19. Juni. (DDZ.) Die Moldenhauer» Krisis ist zunächst vertagt. Wegen des Fronleichnam» toges finden heute im Reichstage weder Voll» noch Ausschußsißungen statt. Daher hatten sich nur wenige Abgeordnete im Hause eingefunden. Rach den bisherigen Dispositionen des R e i ch s k a n 3 lers will dieser seinen Vortrag beim Reichs­präsidenten bis zur nächsten Woche, also bis nach den sächsischen Wahlen, verschie» den, weil er durch eine Reise nach Gut Neudeck an der Teilnahme an der am Samstag stattfindenden Länderkonferenz verhindert werden würde. Er beabsichtigt, die Konferenz, an der die Minister» Präsidenten aller Länder teilnehmen, persönlich zu eröffnen. Der Staatssekretär des Reichspräsidenten Dr. Meißner ist bereits nach Reudeck ge fahren, um dem Reichspräsidenten seine persön­lichen Eindrücke von den letzten Kabinettsverhand­lungen zu schildern.

Für die Weiterberatung der Deckungevorlage ist noch keine neue Sitzung der Reichs- ratsausschüsse einberufen. Am Freitag be- schäftigen sich die Ausschüsse nur mit der Reform der Arbeitslosenversicherung. Die Vollsitzung des Reichsrats ist inzwischen offiziell für Samstag 12 llbr einberufen worden. Don den Deckungs­vorlagen steht zur Tagesordnung allein der Ge­setzentwurf zur Aenderung des ArbeitSlosenver- sicherulrgSgesehes. Außer weiteren kleinen Vor­lagen sollen ferner die Ausführungsbestimmun­gen zum Gaststättengeseh erledigt werden. Da­gegen sind die Gesetzentwürfe über die Reichshilfe der Festbesoldeten, das Ledigennotopfer und die Reform der Krankenversicherung zunächst nur zum Zwecke der formalen Ausschuhüberweisung auf die Tagesordnung gesetzt toorben.

Für Srcitagbormittag haben Demokraten, Deutsche Volkspartei. Wirtschaf tSpartei und Deutschnationale FraktlonSsitzungen ein­berufen. Die ReichstagSsthung beginnt um 12 Ubr. Auf ihrer Tagesordnung steht der Haus­halt des Ministerium für d i e besetzten Gebiete. Hierzu wollen die Regierungspar­teien einen gemeinsamen Antrag über den Zeit­punkt der Auflösung heS Ministeriums ein­bringen, der am Freitagvormittag in den Frak­tionssitzungen der Demokraten, der Deutschen Volkspartei und der Wirtschaftspartei gutge­heißen und dann von den Regierungsparteien unterzeichnet werden soll.

Moldenhauer scheidet aus.

Ter Fraktionsvorsitzende Scholz beim Kanzler.

Berlin, 19. Juni. (ERB. Eigene Meldung.) Reichskanzler Dr. Brüning hat lautDAZ." Donnerstagmittag eine Besprechung mit dem Führer der Deutschen Volkspartei, Reichsmini­ster a. D. Dr. Scholz gehabt, der ihm die Vorschläge seiner Fraktion zum Deckungsprogramm übermittelte.

In politischen Kreisen verlautet, daß nun­mehr nicht mehr damit zu rechnen ist, daß Dr. Moldenhauer im Amt bleibt. Der Reichskanzler wird dem Wunsch der Deutschen Volkspartei, der sich mit dem Dr. Moldenhauers deckt. Rechnung tragen und deshalb dem Reichs­präsidenten nicht Vorschlägen, daS Rücktritts­gesuch abzulehnen. Damit dürfte Dr. Molden­hauer Anfang nächster Woche aus seinem Amte auSscheiden.

Das Schicksal des Deckungsprogramms.

Berlin, 19. Iuni. (Tel.-An) Dem Ergebnis de« Vortrages des Reichskanzlers Drüniirg beim

Reichspräsidenten sieht man im Reichstag mit größter Spannung entgegen DaS Ergebnis die­ser Unterredung »st völlig ungewiß. Der Reichs- kanAler hat bisher über seine Absichten nichts verlauten lassen, so daß man nach wie vor auf Annahmen angewiesen ist. Es wird jedoch ver­mutet, daß Brüning nicht den Versuch machen wird, Moldenhauer noch »u halten, sondern das er statt dessen die sachlichen Voraussetzungen für seine weitere Arbeit mit dem Reichspräsi­denten klären wird. Dem Vernehmen nach ist Brüning nach wie vor überzeugt, daß da« Deckungsprogramm der Regierung im wesentlichen richtig fei und du rch - geführt werden müsse, wenn auch viel­leicht unter Abänderung von Einzelheiten. In dieser Hinsicht ist eS als bemerkenswert zu ver­zeichnen, daß neuerdings als Mittel zum Aus­gleich des Haushalts auch andere als die bisherigen Wege besprochen werden So sollen durch eine Vereinbarung zwischen der Regie­rung und den Deamtenverbänden ein Gehalts- abbau besprochen werden, sowie die Mög­lichkeiten weiterer Abstriche im Haushalt. Wer der Nachfolger Molden­hauers werden wird, ist zur Zeit noch ungeklärt. Möglicherweise kommt Brüning selbst alS Nachfolger in Frage. Angesichts de« Ernstes der Lage erscheint es jedoch nicht ausgeschlos­sen, daß das Kabinett in seiner Ge­samtheit zurücktritt und an seiner Stelle eine Neubildung erfolgt, die wohl wieder Thai­ning übernehmen würde. In diesem Falle würde allerdings ein Kabinett der Großen Ko­alition gebildet werden.

Die Abänderungen in der Krankenversicherung.

Berlin, 19.3uni. (211.) Die Arbeitsgemein­schaft der für die Sozialversicherung tätigen Be­rufe, in der die Berufsstände der Aerzte. Zahnärzte, Apotheker, Optiker und Orthopädie -Mechaniker zusammenge- schlossen sind, hat eine Entschließung gefaßt, in der eS u. a. heißt:

.Die in der Arbeitsgemeinschaft der für die Sozialversicherung tätigen Berufe zusammenge­schlossenen Berufsstände haben gegen die Vor­schläge der Reichsregierung zur Abänderung der Reichversicherungsoronung schwere Bedenken Insbesondere bedeuten die Erhebung von einer Mark für den Krankenschein und die Beteiligung deS Versicherten an den Kosten für Arznei- und Heil­mittel eine Abkehr von dem Grundgedanken der deutschen Krankenversicherung. Diese Kosten­beteiligung des Versicherten muß dazu führen, daß der unbemittelte Versicherte von der rechtzeitigen Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe und der Beschaffung der notwendigen Arznei- unb Heilmittel abgehalten wird. Die vor­gesehene Äoftenbeletligung von 0,50 Mark be­lastet den Versicherten bei einem Durchschnitts­preis einer ärztlichen Verordnung von 0,90 Mark im Durchschnitt mit mehr al« 50 Prozent.

Die vorgesehenen Eingriffe in die ärztlichen An« und Verordnungen und das einseitige Be­st immungs» und Entscheidungsrecht der Kasse auf dem Gebiete des Prüfungswesen»

Brünings Antwort auf das Briand - Memorandum.

Oer Reichskanzler über Paneuropa und Deutschlands innerpolitische Schwierigkeiten.

Berlin, 20. 3unl. (leL-lln.) Der Auhenpolitiker desMotin". Jules Sauerwein, halte eine Unterredung mit Reichskanzler Brüning, der dabei mitteilte, daß die Regierung do» Memoran­dum Briand» innerhalb der gestellten Frist beantworten werde. Sie werde nicht nur die fran­zösische Einladung beantworten, sondern auch In großen Umrissen ihre eigenen wirtschaft- lichen und politischen Ziele darlegen. Die einzelnen Ministerien hätten schon begonnen, sich mit Einzelheiten ;n befassen Dabei lege die Regierung Mert darauf, daß das Reich zu jedem der Kapitel sein besonderes Urteil abgebc und reich­lich überlegte Anregungen vermittle, die auf eine gesunde Einschätzung der deutschen Bedürfnisse und dec gesamten Weltlage gegründet seien. L» sei eine Arbeit aus lange Sicht, bei der Deutschland und Frankreich die erste Rolle spielen würden.

Ueber die innerpolltische Lage sagte der Reichskanzler, gegenwärtig habe die Regierung nuhergewöhntiche Schwierigkeiten zu überwinden. Der haushalt sei sehr schwer in» Gleich­gewicht zu bringen. Die Regierung sei auf der Suche noch Steuern, die die deutsche Wirt­schaft nicht allzusehr belasteten und müsse dabei feststellen, daß die Grenze der Ceiftungs- söhigkeit annähernd erreicht fei. hinter dielen Schwierigkeiten stehe natürlich die Wirtschafts­krise. Sie sei in erster Linie eine Krise der

Landwirtschaft gegenüber den europäischen Bestrebungen, die Zölle zu senken, müsse Deutsch­land die Existenz seiner Landwirtschast sichern. Da» Kapitel der Zollerhöhungen werde Deutschland ein­fach durch die Umstände aufgezwungen, und Deutschland sei nicht da» einzige Land, dem e» so gehe. Die Industrie habe Interesse daran, weitere Absatzmärkte zu schassen. Da ober machen sich di« Unterschiede in den Löhnen geltend. So habe ;. B. die Tschechoslowakei weit billigere Ar- beitskräste, andererseits unterscheide sich unser Lohn­niveau gegenüber Frankreich und Belgien. Die Länder, die sich zusommenschliehen wollten, wären also zu einer gewissen Angleichung der Löhne gezwungen. Es müsse ein weg gefunden werden, in den noch unerschlossenen und gering bevölkerten Gebieten Deutschland» Arbeitskräfte unterzubringen. Deutschland habe einen Gebur­tenüberschuß, der zwar in den Städten fort­während sinke, ober auf das Ganze gesehen sich noch immer steigere. Er sei überzeugt, daß durch die Ver­handlungen mit den Nachbarländern und besonder» mit Frankreich neue Wege für die Hebung der deutschen Schivierigkeiten entdeckt würden. Deutsch- lond dürfe andererseits in keine Organisation ein­treten, durch die d i e Ketten, mit denen uns d i e Verträge belastet hoben, noch schwerer würden.

die im amerikanilchen Staate Maine verschwand, um im Orient wieder aufzutauchen, wo sie braune Menschen zu 30 Cents täglich beschäftigt, während im Staate Maine hochqualifizierte weiße Ar­beiter aufs Pflaster flogen. Auch in England mehren sich die Stimmen, die für eine Kontrolle des Kapitalexports zugunsten der einheimischen Beschäftigung eintreten. Man erinnert dabei an die in den siebziger Iahren des vorigen Iahr- hußderts an amerikanischen Bahnbauten ver­lorenen Riefensummen. Dabei wird freilich ver­schwiegen. bah die Gelder, die durch die Bank von England für BaHnbauten nach den Ver­einigten Staaten flössen, und, weil es sich meist um Schwindelunternehmungen handelte, verloren gingen, großenteils vom europäischen Kontinent stammten. Die Amerikaner be­kamen ein riesiges Bahnnetz halb umsonst gebaut, die Banken verdienten gewaltig an ihrer Ver­mittlung und die große Masse der trortoiegenb kontinentaleuropäischen letzten Inhaber wertloser Papiere hatten das Nachsehen. Das Endergeb­nis solcher internationaler finanzieller Trans­aktionen ist regelmäßig masienhafte Arbeits­losigkeit in den kapitalanssührenden ßänbern.

Daß auch der Umfang der Arbeitslosigkeit in Deu tschland nicht unwesentlich mit einer un­kontrollierten, allerdings auch schwer kontrollier­baren »Kapitalflucht zusammenhängt,

lehrte der neuliche Hinweis des Ministers Cteger- wald auf die acht Milliarden Mark, die in der Nachkriegszeit aus dem kapitalarmen Deutsch­land ins Ausland verschoben werden konnten. Man darf freilich nicht übersehen, daß es sich dabei großenteils nur um eine notwendige Neben- funktion eines zwangsweise forcierten Exports handelt, zu dem die Reparation«- und andere Schuldenlasten die deutsche Wirtschaft zwingen. Es kann sich aber bei weitem nicht nur um Erportsinanzierung, es muß sich auch in großem Umfang um reine .Kapitalflucht" handeln, deren Einschränkung, soweit sie mit wirtschaftspoliti­schen Mitteln möglich »ft, die Mittel zu einer um­fassenderen .produktiven Erwerbslosenfürsorge" liefern würde, als der jetzt geplante Ausweg einer Inanspruchnahme des ausländischen Ka­pitalmarktes zur Belebung der Bautätigkeit in Deutschland, bedeuten doch die vierhundert Mil­lionen Mark, die auf diele Weise beschafft wer­den sollen, im Verhältnis zu dem Umfang der Wohnungsnachfrage nur einen Tropfen auf einen heißen Stein.

Letzten Endes handelt es sich in Deutschland wie in anderen modernen Kulturstaaten bet aller produktiven Arbeitslosenfürsorge im Rah­men nationaler Wirtschaftspolitik nur um Pallia­tivmittel. Not tut eine internationale Front- billnmg für planmäßige Anstrengungen zur

Uebcrtoinbung der gegenwärtigen Weltmihwirt- schaft. Man kann die Kaufkraft der Schuldner­länder nicht dadurch immer auf« neue galvani­sieren, daß man sie zu uferloser Borgwirtschaft anreizt und doch find auch die ®[äubtgerlänber nicht nur auf Gedeih und Verderb an der Auf­rechterhaltung der bisherigen Kaufkraft dieser Länder interessiert, sondern es bedarf darüber hinaus noch der Schaffung neuer Ab­satzmöglichkeiten. Da aber die Absatz - Verhältnisse in den Kolonien und Halbkolonien sich infolge innerpolittscher Wirren noch eher weiter verschlechtern, statt verbessern, so kann eS sich nurmehr um die planmäßige Entwicklung wirt­schaftlich rückständiger Gebiete innerhalb de« eigentlichen Bereichs deS westeuropäisch-amerika­nischen KulturkreiseS handeln. Die Hauptvoraus- sehungen dafür lauten: Beschränkung der Frei­zügigkeit deS Finanzkapitals zugunsten der Er­schließung dünn besiedelter überteeischer Lände* und Aboau der Einwanderungsschranke»». Diese Einwanderungsschranken erscheinen heute nur da­durch gerechtfertigt, daß man dem internationalen Finanzkapital gestattet, die Arbeitsrnärkte der Äulturftaaten veröden zu lassen, um in rückstän­digen Ländern , Unternehmerparadiese* zu schas­sen und auS den Weltbörsen Spielhöllen zu machen.