Nr. 297 Erstes Blatt
180. Jahrgang
Zreitag, 19. Dezember 1950
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GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Dr. Friedr Wilh. Lange. Drrantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange- für Feuilleton Dr H.Tnynot; für den übrigen Teil Ernst Blumschrin und für den Anzeigenteil Max Filier^ sämtlich in (Bieben.
Sehrknappe Mehrheit für das neue französische Kabinett
Sieben Stimmen Mehrheit für die Regierung. - Unterstützung des Kabinetts durch die Sozialisten. Demissionen noch vor der Kammersihung.
Paris, 18. Dez. (WTB.) Die Regierungs-, e r k l ä r u n g, die Ministerpräsident Steeg heute nachmittag, in der Kammer und Iustizminister | Th^ ron gleichzeitig im Senat verlasen, verweist zunächst auf die Schwierigkeiten und Zwischenfälle, die sich der Kabinettsbildung in den Weg stellten, und fährt dann u. a. fort:
Wir sind überzeugt, daß in schwierigen Stunden das Heilmittel im normalen Funktionieren des parlamentarischen Regimes liegt. Wir haben den Willen, den Fortschritt und die Verteidigung der Demokratie durch Arbeit und im Frieden zu gewährleisten. Das Land wendet sich gegen die Einmischung der Finanz in die Politik, denn dadurch würde die Unabhängigkeit des Staates, die Würde der Diener des Staates und das Prestige der Vertreter der Ration beeinträchtigt. Die Regierung wird ohne Zaudern und nur in der Sorge um die unparteiische Gerechtigkeit eingreifen. Die Erinnerung an den tragischen Weltkonflikt lebt noch schmerzlich in uns. Sie diktiert uns gegenüber den ehemaligen Frontkämpfern und den Kriegsopfern Pflichten, die wir nicht verabsäumen werden. Der außenpoli- tische Friede entspricht den heißen Wünschen aller Franzosen. Aber alle wissen auch, daß es nicht genügt, den Frieden zu wünschen, damit er endgültig Einlaß findet. Interessen und Vorurteile bringen die Völker noch immer in Gegensatz zueinander.
Eine organische internationale Aktion aus roirt* schastlichem und moralischem Gebiet, eine gemeinsame gleichzeitige Bemühung um Schiedsgerichtsbarkeit, Sicherheit und Abrüstung können allein eines Tages olle Rachegelüste und Mißverständnisse beseitigen. Diese Politik europäischer Aussöhnung verfolgen wir nachdrücklich und mit Wachsamkeit, nicht aus Furcht dder Schwäche, sondern weil sie in ihrem menschlichen Idealismus die realistischste aller Art von Politik ist.
Die Friedensoufrichtigkeit Frankreichs erscheint um so deutlicher, als Frankreich den andern Ländern eine starke, nicht aber eine schwächliche Hand hin- streckt. Der Landesverteidigung gilt unsere erste Sorge. Wir werden die loyale Anwendung der einjährigen Dienstzeit unter voller Ausnutzung dieses Systems sicherstel- lcn. Frankreich, dem die D e p r e s s i o n in der Welt lange erspart war, verspürt seit einigen Monaten ihre Wirkungen. Diese Krisis verlangt ein um so energischeres Aufraffen, als sie mit einer Steigerung der Preise und der Lebenshaltungskosten au- sammenfällt. An den Versuchen zu gemeinschaftlicher Losung der Weltwirtschaftskrise, die in Genf unternommen werden, wollen wir aktiv teilnehmen. Wir werden so handeln, daß wir den Weltmarkt kräftigen, ohne der französischen Produktion die Aus- londmärkie zu verschließen. Die Regierungserklärung widmet alsdann der Industrie, dem Handwerk, den Landarbeitern, der Landwirtschaft und dem Weinbau ermutigende Worte und betont, daß das neue Kabinett vor allem auch die Auswertung und Förderung der Kolonien, sowie die Besserung der materiellen und moralischen Lebensbcdingungen der kolonialen Bevölkerung sich zur Aufgabe macht. Die Regierungserklärung stellt weiter Maßnahmen zum Schutz der Sparer gegen Spekulationsmanöoer in Aussicht und^ betont die Notwendigkeit der Spar- amkeit im Staatshaushalt. Der Kredit Frankreichs ei immer noch erstklassig, aber immer nur mit dem esten Willen zu einer strengen Sparsamkeit könne Frankreich auch die Finanzsicherheit aufrecht erhalten, auf der dieser Kredit beruht.
Die Slellungn hme der Parteien
Im Senat äußerten sich Linke und Mitte z u st i m m e n d zu der Regierungserklärung, worauf sich der Senat auf morgen vertagte.
In der Kammer, die bis auf den letzten Platz gefüllt war, wurde auf Antrag des Ministerpräsidenten in die sofortige Beratung der Intssrpellatio- nen eingetreten.
Der erste Interpellant, der kommunistische Abgeordnete Cachin, bemängelte, daß die Regierungserklärung kein Heilmittel für die auf das kapitalistische Regime zurückzuführende Wirtschasts- krise vorschlage.
Als zweiter Interpellant äußerte der Abgeordnete Bascou von der Radikalen Linken gewisse Bedenken über die Zusammensetzung des Kabinetts.
Der der Gruppe M a g i n o t angehörende Abgeordnete Laquiör« fragte, was der Ministerpräsident morgen früh zu tun gedenke, wenn er sein Leben nur der Unterstützung der Sozialisten verdanke. Die Ausführungen des radikalen Abgeordneten C o l o m b gingen in dem allgemeinen Lärm unter.
Der Abgeordnete Duval von der Republi- kanifch-Demokralischen Vereinigung (Gruppe Marin) kündigte an, daß seine Fraktion gegen die Regierung stimmen w:rde.
Ministerpräsident Steeg
betonte in enger Anlehnung an die Regierungs- erflärung, fein Kabinett wolle außenpolitisch den Frieden, indem es die Politik V r i a n d s f o r t s e tz e. Man müsse den Frieden organisieren; Europa müsse sich organisieren. Die Regierung sei entschlossen, die Mißbräuche an der Vörse abzustellen, Ordnung in die Finanzen zu bringen
und das Budget rechtzeitig zu verabschieden, die Sozialfürsorge auszubauen, ti? Religionsbck.nnt- nisse zu achten und den Gratisunterricht in den Schulen zu fördern.
Oie weiteren Parteiredner.
Rach dem Ministerpräsidenten sprach der Abg. Franklin-Bouillon. Er richtete scharse Angriffe gegen die Sozialisten, die mit dem Rufe antworteten: Auslösung.' Auflösung!
Herriot mahnte das Haus, nicht den Versuch einer Konzentrationsregierung zum Scheitern zu bringen. Wenn die Rechte tatsächlich in der Mehrheit sei, möge sie doch eine rechtsgerichtete Regierung bilden.
Louis Marin warf der Regierung vor, bei der Zusammensetzung des Kabinetts nicht der Mehrheit Rechnung getragen zu haben. Es gebe etwas gefährlicheres, als eine Regierung zu stürzen, nämlich eine unstabile Regierung zu bilden.
Hierauf wurde die Ausspräche geschlossen. Die Sozialisten ließen durch Vincent Auriol erklärten, daß siefürdieRegierung stimmen würden, und zwar, ohne von der Regierung etwas zu verlangen, lediglich um die Gegner des Regimes und die rechtsstehenden Abgeordneten daran zu hindern, in einem für den Frieden Europas gefährlichen Augenblick die Regierung za übernehmen.
Ministerpräsident Steeg nimmt vor der Abstimmung noch einmal das Wort und äußert sich zu dem heute mittag erfolgten Rücktritt eines Ministers und zweier Untelstaatssekretärs. Er hätte den Rücktritt dieser drei Persönlichkeiten bis morgen verzögern und auf diese Weise sich drei Stimmen mehr verschaffen können. Aber das habe er nicht gewollt.
In Beantwortung einer Anfrage des autonomifti- fchen Abg. Dahlet, warum die Regierungserklä- rung nicht die A m n e st i e f r a g e erwähne, erklärte Steeg, die Regierungserklärung habe nicht speziell Elsatz-Lothringen ermähnt, da die Regierung diese Provinz nicht vom übrigen Frankreich trenne, aber die Regierung bedenke allenthalben eine Politik der Beruhigung im Innern zu betreiben.
Oie Abstimmung. — Eine Mehrheit von 7 Stimmen für das Kabinett.
Hierauf wird eine von der Radikalen Liyken ein- gebrachte und von der Regierung angenommene Tagesordnung zur Abstimmung gestellt, die folgen- den Wortlaut hat: „Die Kammer billigt die Erklärungen der Regierung. Sie setzt in sie das Vertrauen, daß sie die Politik der Einigung unter den Republikanern fortsetzen wird und geht zur Tagesordnung über.“ Auf Antrag des linksrepublikanischen Abg. Puech wird zunächst über den Ersten Teil dieser Tagesordnung, d. h. die Worte: „Die Kammer billigt die Erklärungen der Regierung. Sie setzt in sie das Vertrauen", abgestimmt.
Ministerpräsident Steeg stellte die Vertrauensfrage. Bei der Abstimmung bleibt die Regierung Steeg mit 291 gegen 284 Stimmen in der Mehrheit.
Demiffionen im Kabinett vor der Kammersitzung.
Paris, 18. Dez. (WTD.) Kurz vor Zusammentritt des Parlaments wird bekanntgegeben, daß die Llnterstaatssekretäre Cantru (Landwirtschaft), Coty (Inneres» und Thoumyrc (Pensionen- nach dem heute vormittag abgehaltenen Ministerrat, der die Regierungserklärung billigte und sich mit der vor der Kammer einzn- nehmenden Taktik beschäftigte, Ministerpräsident Steeg ihre Demission gegeben haben. Steeg setzte sofort den Präsidenten der Republik in Kenntnis, erklärte zedoch, daß nichtsdestoweniger die Regierung vor die Kammer trete. Als Grund sollten die ausgcschiede- nen Kabinettsmitglieder angegeben haben, sie könnten nicht einer Regierung angehöre n , die die Unterstützung der S o z i a I i st e n haben würde. Abg. Cantru steht der Marin- Gruppe nabe, Coty und Thoumyrc sind Linksrepublikaner, also Fraktionsgenofsen Tor- dieus.
Oie Abrüstungssrage vor dem Auswärtigen Ausschuß
Oie Bedrohung der deutschen Sicherheit soll der Welt planmäßig vor Augen geführt werden.
Berlin, 18. Dez. (Vdz.) Der Auswärtige Ausschuß des Reichstages trat heute zusammen und nahm einen ausführlichen Bericht des Botschafters a.D. Grafen Bernstor s f über die Genfer Abrüstungsver- handlungen entgegen. Reichsaußenminister Dr. C u r t i u s wohnte der Sitzung bei.
Rach dem Bericht des Grafen Bernstorfs begann die Aussprache über die Abrüstungssrage. Als erster sprach der Rationalsozialisti Hier!. Deine Ausführungen riefen den lebhaften Protest und erregte Zwischenrufe der Linken beroor. Die Folge war eine stundenlange Geschäftsordnungsdebatte, die zeitweise stürmische Formen annahm.
Schon bei Beginn der Ausschußsitzung war bekannt geworden, daß in den frühen Morgenstunden der in Warschau akkreditierte deutsche Gesandte LI l r i ch Rauscher einer schweren Krankheit erlegen war. 3n parlamentarischen Kreisen erregte es Befremden, daß weder das Auswärtige Amt, noch der Ausschußvorsitzendc Dr. Frick (Rat.-Soz.) Veranlassung nahm, dem Auswärtigen Ausschuß offiziell von dem Ableben Rauschers Mitteilung zu machen. Man führt das Verhalten der Regierung darauf zurück, daß schon in der letzten Sitzung beinahe ein Antrag der Rational''ozialisten und der Deutschnationalen angenommen worden wäre, der die Abberufung Rauschers verlangte. In diesem Zusammenhang war die schwere Erkrankung Rauschers von der Opposition als eine „politische Krankheit" bezeichnet worden. In parlamentarischen Kreisen nimmt man an, daß die Regierung einen Hinweis auf den Tod Rauschers vermieden habe, weil sie bei der gegenwärtigen Zusammensetzung und Leitung des Auswärtigen Ausschusses eine neue abfällige Kritik selbst an dem Toten befürchtet habe.
Rach Beendigung der Geschäftsordnungsdebatte wurde die Aussprache über die Abrüstungs- f rage fortgesetzt. Cs sprachen darüber weiter die Abgeordneten von Freytagh-Loring- hoven (Dn.) und Dr. Goering (Rat.-Soz.), die vornehm.ich Luftsahrtfragen erörterten. Rach- dem noch die Abgeordneten Dr. B r e i t s ch e i d (Eoz.) und Dr. K a a s (Zentr.) gesprochen hatten, trat die Mittagspause ein.
Rachmittags setzte der Auswärttge Ausschuß die Aussprache über die Genfer Verhandlungen der Vorbereitenden Abrüstungskommission fort, wobei Reich «außenminister Dr. Curtius wiederholt in die Debatte eingriff.
Angenommen wurde eine Entschließung des Grafen Westarp (Kons.), worin die Regierung aufge'orbert wird, Material über die Bedrohung der Sicherheit Deutschlands und über Die Abrüstungsfrage durch ständige planmäßige Propaganda unter Anforderung der erforderlichen Wittel im Auslande und im Inlande (im Benehmen mit dem Auswärtigen Ausschuß) zu verbreiten und den ülnterrichts- verwaltungen in geeigneter Form für den Unterricht und für die Verteilung an Schüler zu überweisen. Das Material soll mit statistischen Zahlen und anschaulichen Bildern darstellen.
1. die Bedrohung der deutschen Sicherheit durch die jetzigen Grenzen, in der entmilitarisierten Zone und durch die Entfestigung Deutschlands;
2. den deutschen Anspruch auf allgemeine Abrüstung und feine praktische Ablehnung
durch die sogenannten Abrüstungsverhandlungen unter onschau.icher Erläuterung der Hauptpuntte, wie Friedenspräsens, ausgebildete Reserven, Kriegsmaterial;
3. die deutsche Entwaffnung im Verhältnis zu dem Stande der Rüstungen bei den benachbarten europäischen Mächten, insbesondere Frankreich und Polen;
4. die R ü st u n g s a u s g a b e n der einzelnen Mächte.
Damit war die Aussprache beendet. Die Verhandlungen des Auswärtigen Ausschusses hatten sich auch am Nachmittag sehr lebhaft gestaltet. Insbesondere wurde die Frage besprochen, ob der Auswärtige Ausschuß von sich aus das Recht habe, M i h - traue nsanträge zu beschließen, wie sie von den Nationalsozialisten und Kommu- n i st e n dem Ausschuß vorgelegt worden waren. Der Ausschuß stellte sich in seiner Mehrheit auf den Standpunkt, daß solche Mißtrauensanträge nicht zulässig seien; infolgedessen konnte auch eine Ab- ftimmung über diese Anträge nicht stattfinden.
Vom Zentrum war ein Antrag gestellt worden, der mit Befremden fcststellte, daß auf den letzten Genfer Verhandlungen die allgemeine Abrüstung nicht im gering st en gefördert worden sei und daß der wirkliche Wille zur Abrüstung fehle. Es wurde weiter gefordert, daß die Reichsregierung sich einer weiteren Verschleppung der endgültigen Entschei- düng in der Abrüstungsfrage e n t g e a e n ft e 11 e. Dieser Antrag fand jedoch nicht ine Zustimmung des Ausschusses. Mit großer Mehrheiten b gelehnt wurde ein nationalsozialistischer Antrag, der die Abrüstungskonferenz für das Frühjahr 1931 verlangte und für den Fall der Ableh- nung des deutschen Verlangens forderte, ab 1. O k -
tober 1931 mit der deutschen Wehroer« ft ä r f u n g zu beginnen.
Aus dem Reichsrat.
Berlin. 18.Dez. (VDZ.) In der Sitzung d-eS R e i ch s r a t s toun c der Gesetzentwurf zur Aen- derung des Lichtspielgesetzes an den Ausschuß überwiesen. Gegen das Gesetz über den Ladenschluß am 24. Dezember wurde Einspruch erhoben und eine Entschließung angenommen. bie Regierung -n ersuchen, mit möglichster Beschleunigung einen Gesetzentwurf über die Arbeitsruhe am 24. De ze m ber vorzulegen.
Auf Vorschlag fernes Vcrsassungsausschusses beschloß der Reichsrat. daß künftig die Verabschiedung aller Gesetzentwürfe durch den Reichsrat nur für die laufende Wahlperiode des Reichstages gelten soll, so daß also die vom Reichstag nicht mehr erledig en Vorlagen vor ihrer Einbringung im neuen Reichstag noch einmal an den Reichsrat zurückgeheü müssen.
Gegen die Stimmen der meisten preußischen Provinzen und bei Stimmenthaltung Thüringens wurde das Entschädigungsgesetzfürdic gewerbsmäßigen Stelle,.vee mittler angenommen. Die Tätigkeit der Vermi.t.er von künstlerischem und artistischem Per onal hllrt mit mit dem 1. Januar 1931 auf. Diese Vermittler sollen eine Entschädigung erhalten, die sich nach dem Turch'chnitt ihres Clnlo.nmens ans d n Jahren 1927 bis 1929 berechnet. Den Konzer.agrn'.en, für die es noch keine CrsaZeinrichtung gibt, soll die weitere Vermit.lung erlaubt weiden. Auch für die Vermittler von Haus». Gastwirtschafts- und Landwirtschastsperfonal ist eine Entschädigung nicht vorgesehen.
Mssoüni über die MWaWage Wiens
Neuer Hinweis auf die Notwendigkeit einer Revision der KriedenSverträge.
Rom. 19. Dez. (WTB. Funkspruch.) Bei der Beratung der Gesetzesvorlage über die Herabsetzung der Beamten, und Angestelltengehälter im «enat hielt Mussolini eine Rede über die Finanz- und Wirtschaftslage Italiens und teilte mit, daß das Defizit im Rechnungsjahre 1930 auf ctroa 900 Millionen Lire geschätzt werden müsse. Es sei unmöglich, neue Steuern einzuführen, oder die bereits bestehenden zu erhöhen, denn der Steuer- druck in Italien sei sehr erheblich. Man habe daher eine Erleichterung des Budgets durch Herabsetzung der Beamtengehälter herbeiführen müßen. Andere Ersparnismöglichkeiten gebe es nicht.
Auch eine Einschränkung der Militärausgaben, die von 650 Millionen in der Vorkriegszeit auf etwa 5 Milliarden angestiegen seien, sei im gegenwärtigen Augenblick nicht möglich, wo alle Mächte stark rüsten, soviel sie auch vom Jrlebcn sprächen.
Im zweiten Test seiner Rede beschäftigte sich Mussolini sehr eingehend mit wirtschaftlichen Fragen. Die Herabsetzung der Löhne der Landarbeiter habe zur Folge, daß die italienische Land- wirtschaft eine Erleichterung ihrer Ausgaben in Höhe von 1 Milliarde 200 Millionen erfahre. Die
entsprechende Erleichterung für die Industrie belaufe sich auf fast eine Milliarde. Rechne man die Ersparnisse durch die Gehaltskürzungen von allen anderen Arbeitern, wie Beamten und Angestellten hinzu, so erhalte man eine Gesamtsumme von mindestens drei Milliarden. Mussolini wies darauf hin, daß man in Deutschland wieder mit dem Pfennig zu rechnen beginne und gedachte der „heldenhaften Mittel", durch die Reichskanzler Dr. Brüning das Defizit auszugleichen suche. „Es unterliegt keinem Zweifel", fuhr Mussolini fort, „daß
die Jrieöensoerfräge in der Horm, wie sie aus den von Leidenschaften erfüllten Jahren 1919 und 1920 hervorgegangen sind, nicht mehr mit dem Gewissen der Gegenwart zu vereinen sind.
Die Hauptursache der allgemeinen Krise liegt in dem Mißverhältnis zwischen Erzeugung und Verbrauch." Er sei indessen überzeugt, daß bald wieder eine Erholung für die Welt im allgemeinen und für Italien im besonderen eintreten werde.
Nachdem der Ministerpräsident unter fä)r lebhaftem Beifall seine Rede beendet hatte, wurde die Gesetzesvorlage über die Gehaltskürzungen vom Senat angenommen.


