Die Restauration des Hauses Habsburg in Ungarn.
Großjährigkeit des Erzherzogs Otto. - Ungarn und die Habsburger. Oer Ehrgeiz der Kaiserin Zita.
Olm 20. November vollendet Erzherzog Otto, der älteste Sohn des letzten Kaisers von Oesterreich und Königs von Ungarn, Karls I., sein achtzehntes Lebensjahr. Nach habsburgischem Hausgesetz erlangt er damit seine Volljährigkeit. Sein Vater, Kaiser Karl, muhte am 10. November 1918 auf die Krone verzichten und nahm darauf seinen Wohnsitz in der Schweiz. Zweimal, im März und im Oktober 1921, unternahm er den Versuch, durch einen Putsch die Krone Ungarns zurückzugewinnen. Die Versuche mißglückten, und der Kaiser wurde nunmehr von der Entente
y-
Erzherzog Otto von Habsburg.
endgültig mit seinem ganzen Hause als der ungarischen Krone verlustig erklärt. Er wurde in Funchal auf der Insel Madeira interniert und ist dort am 1. April 1922, erst fünfunddreihig Jahre alt, gestorben. Mit seinem Tode wurde der kaum zehnjährige Erzherzog Otto Prätendent der Kronen Oesterreichs und Ungarns. Ungarn ist auch nach seiner heutigen Verfassung, die ihm von seiner Nationalversammlung gegeben wurde, noch ein konstitutionelles Königreich. Sein offizielles Oberhaupt, der Reichsverweser, führt sein Amt nur als Ver- treter der Krone. Es ist also nach der Verfassung jederzeit möglich, den Thron wieder mit einem König zu besehen. Und insofern hat die jetzt eintretende Volljährigkeit des Kronprätendenten Otto eine Dedeutung, die über ein gewöhnliches Maß hinausgeht. Wird es hem Erzherzog Otto gelingen, seine Ansprüche auf den Thron in irgendeiner Form geltend zu machen? Das ist die Frage, die jetzt akut wird und die in diesen Tagen die politische Welt in besonderem Mähe beschäftigt.
In Ungarn selbst herrscht zweifellos der Wunsch, die Frage der Thronbesehung in abseh
barer Zeit zu klären und mit dem jetzigen interimistischen Zustande des Reichsverwesertums ein Ende zu machen. Eine republikanische Richtung, die irgendwelchen Anspruch auf eine Bedeutung machen könnte, gibt es in Ungarn nicht. Nur das ist die Frage, ob man den heutigen Zeitpunkt schon für geeignet hält, den Thron wieder mit einem Fürsten zu besetzen. Der ungarische Ministerpräsident Graf Bethlen hat noch vor gar nicht langer Zeit geäußert, das Land habe jetzt drängendere Sorgen als die der Thronbesetzung. Und auch der Reichsverweser Admiral v. H o r t h y dürfte auf diesem Standpunkt stehen. Trotzdem darf man annehmen, daß sie sich beide nicht einem Ereignis in den Weg stellen würden, das der tatsächlichen Wiederherstellung des Königstums den Weg bereitete. Das ungarische Volk aber würde — das steht fest — in seiner weit überwiegenden Mehrheit mit Begeisterung einem neuen König zujubeln.
Bis vor kurzer Zeit noch war die Personenfrage strittig. Aber auch diese Schwierigkeiten sind jetzt behoben worden. Ungarn war in zwei Lager gespalten. Die einen, allerdings wohl die Minderheit, trat unter der Führung des sehr einflußreichen Grafen Apponyi für die nach dem habsburgischen Hausgesetz legitime Thronfolge des Erzherzogs Otto ein, während die andere Richtung den Erzherzog Albrecht, den Sohn des Erzherzogs Friedrich, auf den Schild erhoben hatte. Der Kampf um die Entscheidung, wem das Thronfolgerecht zufallen sollte, spielte sich weniger zwischen den beiden Prätendenten als zwischen ihren Müttern ab, der sehr ehrgeizigen früheren Kaiserin Zita, die wenigstens als Königin-Mutter wieder eine Rolle zu spielen trachtete, und der Erzherzogin Isabella, die sich nicht minder danach sehnte, das bescheidene Dasein einer Erzherzogin ohne Bedeutung mit dem Glanze eines Hofes zu vertauschen, dessen König ihr Sohn war. Man sagt, daß die Erzherzogin Isabella Unsummen für die Agitation zugunsten ihres Sohnes ausgegeben habe. Aber Erzherzog Albrecht selbst hat seiner Mutter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und auch hierbei war eine Frau im Spiele. Der Erzherzog verliebte sich in die Gattin des ungarischen Gesandten im Haag, v. Dubnay, die Tochter eines bürgerlichen Gutsbesitzers deutscher Abstammung in Ungarn. Sehr gegen den Willen seiner Mutter schloß er, nachdem die erste Ehe der Frau v. Rudnay geschieden worden war. mit dieser in London die Ehe. Und diese illegitime Heirat zerstörte natürlich die Aussicht auf den Thron. Hinter dem Rücken einer grollenden Mutter hatte der Herzog eine Zusammenkunft mit der Kaiserin Zita und ihrem Sohne Otto und verzichtete ihnen gegenüber ganz offiziell auf jeden Thronanspruch. Er reiste mit seiner Gattin nach Amerika, wo er noch heute glücklichen Flitterwochen und seiner Begeisterung für das Flugzeugwesen — er ist selbst ein geschickter Pilot — lebt. Damit ist auch nach dieser Richtung der Weg zum ungarischen Königsthron für den Erzherzog Otto frei geworden. Er ist jetzt der einzige Prätendent.
Diese Prätendentur ihres Sohnes in eine Konigskrone umzuwandeln, ist Kaiserin Zita seit Monaten mit einem außerordentlichen Eifer bemüht. Sie soll, wie es heißt, Beziehungen zu Italien angeknüpft haben, um eine Vermählung des Erzherzogs Otto mit einer italienischen Prinzessin anzubahnen, und man muß annehmen, daß es ganz im Sinne Mussolinis liegen würde, auf diesem Wege eine engere
Liierung zwischen Italien und einem künftigen ungarischen Königtum zu erzielen. Auch den König Albert von Belgien soll Kaiserin Zita bewogen haben, sich für die Restauration in Ungarn einzusehen. Man berichtet, König Albert habe schon bei Briand anfragen lassen. Tatsache ist, daß die Kaiserin schon vor einiger Zeit am luxemburgischen Hofe mit Vertretern der französischen und der belgischen Diplomatie zu- fammentraf und daß zu der gleichen Zeit auch der Oesterreicher Dr. Seipel in Luxemburg weilte. Was hier besprochen wurde, entzieht sich natürlich jeder Kenntnis. Doch drängen die Verhältnisse auf eine Erledigung dieser Frage zu, und sicher wird die Großjährigkeitserklärung des Erzherzogs Otto den Dingen einen neuen Anstoß geben. Man darf nicht überrascht sein, wenn in absehbarer Zeit sich in Ungarn Ereignisse abspielen werden, von denen es nicht ausgeschlossen ist, daß sie neue Wirrnisse in den Südosten/ Europas hineintragen und hier neue Gegensätze entfesseln werden, deren Tragweite man heute noch nicht übersehen kann. Ganz abgesehen von dem Auftrieb, den auch der schwarzgelbe Legitimismus — in Oesterreich — dessen Gefahren bei uns sehr unterschätzt werden — aus der Restauration der Habsburger in Ungarn erhalten müßte.
Die Großjährig'eitserklarung.
Wien, 18. Nov. (TU.) Von legitimistischer Seite wird mitgeteilt, daß anläßlich der Großjäh- rigkeitserklärung des Erzherzogs Otto keine, Manifeste erlassen würden. Am 20. November werde lediglich im Schlosse Ham bei Steenockerzeel in Belgien eine Familienfeier stattfinden, deren Bedeutung nur darin bestehe, daß Otto als Großjähriger an die Spitze des Hauses Habsburg trete. Außer den Familienmitgliedern werden aus Oesterreich und Ungarn nur eine kleine Abordnung von Mitglied dern des ehemaligen Hochadels sowie einige hohe Militärs teilnehmen. Don den nächsten Verwandten sind bereits die Großmutter, Erzherzogin Maria Iosefa, Erzherzog Max und Herzog Max von Hohenberg auf Schloß Ham eingetroffen. Am Donnerstag wird der ehemalige Wiener Burg- Pfarrer Bischof Dr. Seydel in der Schlotzkapelle eine Pontifikalmesse mit anschließendem Tedeum zelebrieren. Dor oder nach dem Hochamt wird die Erklärung der Großjährigkeit stattfinden. Noch am gleichen Tage werden die Gäste von Schloß Ham wieder abreisen.
Dementis von allen Seiten.
Die ungarische Regierung zur Königsfrage.
Budapest, 18. Nov. (TU.) In verschiedenen ausländischen CBIättem sind in letzter Zeit im Zusammenhang mit der Dolljährigkeit des Prinzen Otto zahlreiche aufsehenerregende Nachrichten erschienen. An zuständiger Stelle wird dazu erklärt: Der Standpunkt der ungarischen Regierung ist unverändert, der durch das Gesetz von 1921 (Dethronisierungsgesetz des Habsburger Hauses) klargelegte Standpunkt. Es liegt keine Ursache vor, ihn zu verändern. Ministerpräsident Graf Bethlen hat in seiner Rede im Juni dieses Iahres erklärt, daß eine Aende- ning infolge des den Großmächten erteilten Der- sprechens nur durch vorherige Zustimmung des ungarischen Parlaments erfolgen kann. Auch von feiten der königlichen Familie liegt keine Absicht für ein Abenteuer vor. Dies wird bekräftigt durch das Dementi, das vor kurzem in Steenocker- zeele, dem jetzigen Aufenthaltsort der königlichen Familie in Belgien, ausgegeben wurde. In der ungarischen öffentlichen Meinung verursacht es eine gewisse Erbitterung, daß einzelne ausländische Zeitungen und Nachrichtenbureaus, die in dieser Angelegenheit Unruhe stiften wollen, wie allgemein bekannt ist, in enger Verbindung mit Prag stehen.
Das SteuervereinfachungsgeseH
Differenzen mit den Ländern im Neichsrat.
B e r I i n, 18. Nov. (DDZ.j Die Reichsratsaus- schüsse berieten am Dienstag unter Vorsitz des Reichskanzlers Dr. Brüning und in Anwesenheit der führenden Ländervertreter dasSteuer - vereinfachungsgeseh. Nachdem der preußische Ministerialdirektor Dr. Hog als Berichterstatter gesprochen hatte, wurde die Generaldebatte durch Ausführungen des bayerischen Ministerpräsidenten Dr. He l d eröffnet. Dem bayerischen Ministerpräsidenten antwortete sofort Deichsfinanzminister Dr. D i e t r i ch. Es kam über das Steuervereinfachungsgesetz zu einer außerordentlich lebhaften Auseinandersetzung. Das Vereins achungsgesetz, das durch Beseitigung kleiner Steuermöglichkeiten, deren Erträgnis mit den Verwaltungskosten in keinem Einklang steht, bestimmte Mindereinnahmen ergibt, insbesondere auch durch die vorgesehene Vereinfachung der Agrar - undReal- steuern, sollte nach dem Wunsch des Reichsfinanzministers ohne Ausgleich der geringeren Einnahmen für die Länder verabschiedet werden. Cs wad sogar geplant, den DSrchsanteil an ben zu erwartenden Mindereinnahmen bei den Länderüberweisungen abzu st reiche tz. Der Dcichsfinanzminister empfahl den Ländern, diesen Ausfall vor allem auf dem Gebiete einiger Verbrauchssteuern, etwa der Bier- vder Getränkesteuer, hereinzuholen. Hiergegen wandte' sich vor allem der bayerische Ministerpräsident Dr. Held, worauf der Deichsfincmzmini- ster andere Komvromißvorschläge machte, ohne daß es bisher zu einer Verständigung gekommen wäre.
Die ursprünglich für den Nachmittag und für den Bußtag angesehten Ausschußsitzungen fallen aus, dg sich herausgestellt hat, daß dis umfangreiche Materie dieses Gesetzes bis zum Donnerstag nicht mehr erledigt werden kann. Das SteuervereinfachungsgeseH wird daher von der Tagesordnung der Vollsitzung des Reichsrates am Donnerstag ab gesetzt werden. Dis Ausschüsse halten zunächst nur am Donnerstagmittag noch eine Sitzung ab, um die dritte Lesung der Tabak st euernovelle vorzunehmen. Die Plenarsitzung findet um 1Z Hhr statt.
Ein Protest des Deutschen Beamtenbundes.
Gegen die Vorverlegung der Gehaltskürzung.
Berlin, 18. Nov. (BDZ.) Die Bundesleitung des DBB. hat heute zu dem gestrigen Beschluß der Reichsratsausschüsse, die Gehaltskürzung bereits am 1. Februar 1931 eintreten zu lassen, Stellung genommen. Dem Deichsrat wurde folgender einstimmig gefaßter Beschluß unverzüglich weitergeleitet: ®ie Leitung des Deutschen De- arntenbundes ist erstaunt und empört über den Beschluß der Deichsratsausschüsse, wonach die von der Deichsregierung für den 1. April nächsten Iahres geplante Gehaltskürzung bereits am 1. Februar eintreten soll. Die Beamtenschaft hat Verständnis für sachlich begründete Notwendigkeiten bewiesen, sie lehnt jedoch entschieden ab, zum Objekt eines politischen Geschäfts gemacht zu werden. Die Bundesleitung erwartet von der Vollsitzung des Deichsrates, daß sie dem Beschluß seiner Ausschüsse nicht z u st i m m t.
Oie Sozialdemokraten für Staffelung der Bürgersteuer.
Berlin, 18. Nov. (VDZ.) Der Vorstand der sozialdemokratischen Deichstagsfraktion nahm einen Bericht über die Unterredung entgegen, die die sozialdemokratischen Fraktionsführer mit
Hauch von Paris.
Äon Albert H. tausch.
IV. Comedie mondaine. Boulevards exterieurs.
In Paris gehe ich weit öfters in ein Theater als in Berlin. Es ist durchaus möglich, daß in Berlin heute besser gespielt wird. Ich weiß es nicht. Aber ich höre es doch sehr oft von Leuten sagen, die ein zuverlässiges Alrteft haben. Damir Theater — in welcher Form immer — niemals eine rein geistige Angelegenheit war, sondern weit eher eine solche der Unterhaltung und des sinnenhaften Genießens, da mich niemals das sogenannte Problem, sondern die Bewegung auf der Bühne schlechthin beschäftigt, so mußten mich viele der neueren deutschen Stücke — und gerade die „ernsthaften" — gleichgültig lassen. Wichtigtuerei von der Bühne herunter ist mir immer lächerlich erschienen^ Spiel, das aufhört ein Spiel zu sein, hat keinen Reiz für mich — und Theater im Dienste bet Politik ist mir ein Abscheu. Ich atme also auf, wenn ich nach Paris komme, wo es noch Theater alten Stils gibt. Wo man sich hinseht, die Ohren und Augen aufmacht — aber vor allem die Ohren — und nun in gutem Französisch etwas „vorgespielt" bekommt. Irgendein gut zurechtgemachtes Stück Leben, mit allerlei Spannungen und Verwicklungen und einem mehr oder minder glaubhaften Ausgang. Es kann sich da um hohe Dichtkunst ober um ein Gesellschaftsstück drehen: 5^5 Hauptsache bleibt, daß ich nicht einen Augen- bhd vergesse: „Theater", „Spiel" ... Sv genieße up — im Schauspielsaale, wohlgemerkt — eine Tragödie von Schiller oder den Fröhlichen Weinberg von Zuckmaher in der gleichen Weise ... Hnb 1° genieße ich - in Paris — ohne Unterschied, toa£ man in der Comedie fran^aise ober im Atelier ober im Th^ätre Pigalle spielt. Wie groß aber war mein Entzücken, als ich vor einigen Iahren die Comddie mondaine in der rue des Martyrs entdeckte und lieben lernte I Heber wieviel 2wende der Müdigkeit hat mich dieses parise- nschste und provinzbaftesle Miniaturtheater zugleich hinweggetäuscht! Wieviel Dinge lang vergangener Zeiten hat es in Schwingung gebracht und erhalten, wieviel oft gemachte Erfahrungen hat es bestätigt, wieviel menschliche Milde gepredigt... In diesem Theater werden nur Gesellschaftsstücke gespielt. Alte und neue. Was nicht bie französische und Pariserische Gesellschaft (Ja societe fran^aise“) angeht, hat keinen Platz aus dieser winzigen Bühne. Dicht das Problem, sondern der Konflikt steht im Vordergrund, das' Aus- einanderprallen der Motive. Nirgends mehr als in dieser Comedie habe ich begriffen, welche Macht noch heute in Frankreich die von der bürgerlichen Gesellschaft errichtete „Norm" bedeutet. Innerhalb
dieser „Norm" ist reichlich viel Spielraum und viel menschliches Nachsehen für „Irrungen" belassen. Aber die „Norm" selber leugnen: das ist Todsünde. Auch hier wieder erweist sich, wie in den kleinen Gebräuchen des Tages, der außerordentliche Konservativismus des französischen Volkes, der das mächtigste Bollwerk gegen alle amerikanischen oder sowjetrussischen Strömungen darstellt.
Es wird in der Comedie mondaine — dieses Iahr übrigens ganz ausgezeichnet — vor einem unbedingt kleinbürgerlichen Publikum gespielt. Es wird mit rührender Liebe gegeben und genommen. Die Tränen, die auf der Bühne fliehen, fliehen auch in den Logen und im Parkett... Das Theater ist immer voll. Alle Freitag wechselt das Stück. Soll ich es eingestehen? Alle Freitag finde ich mich ein — alle Freitag sagt mir die Schließerin: „Au revoir, monsieur, vendredi prochain. Ce sera de nouveau un grand succfes!“ („Auf Wieder» sehen am nächsten Freitag. Cs wird wieder ein großer Erfolg werden."). Natürlich wird es das. Bei diesen liebenswerten Schauspielern und diesem liebenswerten Publikum.
Ach — und dann, wenn das Spiel aus ist (Kitsch oder Nicht-Kitsch: was liegt daran, wenn es so viel Freude macht?) — wie ist es dann schön, unter den Bäumen der äußeren Boulevards hinzuschlendern, wo es von Menschen auf- und niederflutet, wo sich die Blicke fassen und lassen und wieder fassen, abmessen, die Wahl treffen... ja wie ist es schön und befreiend in den phantastischen roten Deklamelichtern der Dächer urnher- zustreichen, in alle die merkwürdigen Cafes hineinzuschauen, die da zum Derweilen rufen: Pigall’s Tabac, Noctambules, Clair de Lune und wie sie alle heißen: zum Teil gefährliche Orte mit verwegenen Menschen (früher würde man „Apachen" gesagt haben) ... ja wie ist es schön, sich mit ihnen hinzusetzen, zu plaudern, sich etwas vorlügen zu lassen, ihnen ein paar Zigaretten zu schenken, ein Bier zu bezahlen — und dann weiter- zuwandern, der Place Blanche zu ... und schließlich bei Graff zu landen, wo das große Leben um Mitternacht beginnt und bis zum frühen Morgen weitergeht... Da sind die Musiker und Conferenciers der Nacht-Kabaretts, da sind die Schauspieler der vielen Theater der äußeren Boulevards, da ist das Publikum der Cin6mas, das noch seine „Bocks" trinken und eines der Nachtgerichte essen will, die für wenig Geld zu haben find: Geröstete Würste, Klub-Sandwichs, Eier mit Tomaten, Muscheln, Austern ... Austern (claires portugaises), baS Dutzend zu sechs Franken, zu einer Reichsmark... Hinter den vorderen Kaffeeräumen liegt das ausgezeichnete Restaurant, in dem noch — ein uralter französischer Brauch — nach Mitternacht „soupiert" wird. Da sieht man häufig Leute von Welt, im Abendanzug, Frauen
in prachtvollen Kleidern und mit schönem Schmuck, elegante junge Menschen aller Nationen, sehr viel Spanier und Südamerikaner von oft verblüffender Schönheit... Die Sprachen der Welt schwirren durcheinander — die Kellner rennen, die auf- getragenen Speisen duften durch den Raum. Lachen, sorgloses Lachen durchläuft das Schwingen der Laute ... und (o Segen aller Segen, o Glück des Glückes!) das ist die einzige Musik dieses herrlichen Ortes... Kein Geklimper und kein Gedudel: Möge es immer so bleiben „eher Graff“.
(wird fortgesetzt.)
Kleine Geschichten vom Heater.
Von Emil Lannings.
Cs gab eine Zeit, an die ich mich gut erinnere, und in der es mir herzlich schlecht ging. Im Icchre 1905 war ich Direktor in Wollin in Pommern. Die Bühne ist nicht sehr groß gewesen, die Einnahmen waren noch kleiner. Aber ich war doch ein sehr großer Direktor. Damals kam ein junger Mann namens Behr zu mir, der gerade sein Abitur gemacht hatte und der unbedingt zur Bühne wollte. Er stammte aus Wien und ich gab ihm im „Weißen Röhl" die Dolle des Zählkellners, der bekanntlich österreichischen Dialekt sprechen muß. Behr sprach dieses Idiom auf der Probe, aber er sprach es ganz anders als ich. Ich gestehe, ich kann heute noch nicht wienerisch, aber damals bildete ich mir em, ich könnte es. Ich sagte daher zu Behr:
„Was Sie daherreden, ist niemals österreichisch. Sie müssen so sprechen, wie ich es Ihnen vormache."
Cs muß ein schaudervolles Deutsch gewesen sein, aber Behr hatte so große Hochachtung vor mir als Direktor, daß er tatsächlich selber glaubte, er könne seine Heimatsprache nicht mehr reden. Er hat dann so gesprochen, wie ich es ihm vormachte. Ob die Leute in Wollin ihn verstanden haben, weih ich nicht. Ieht ist dieser Behr feit Iahren Direktor vom Deutschen Dolkstheater in Wien und ein großer Mann. Als ich aus Hollywood zurückkam, sagte er zu mir:
„Früher habe ich bei dir gespielt. Ieht muht du mal bei mir spielen."
Auf diese Weise bin ich wieder zum Theater zurückgekehrt.
Irn Iahr 1906 waren wir dann in Misdroy. Sommertheater mit allem Drum und Dran. Ich spielte wieder den Direktor, aber Geld hatten wir nie. Einer der jungen Schauspieler, ein ganz begeisterter, hatte sich vor lauter Enthusiasmus lange Haare wachsen lassen. Gr war erst 20 Jahre alt, mußte aber eine« Abends einen
älteren Herrn mit Vollbart spielen. Natürlich hatte der Anfänger die Bartwolle vergessen. Da habe ich ihm mit der Schere feine langen Haare abgefchnitten und nicht nur ihm einen langen Vollbart, sondern noch vier anderen Schauspielern Schnurrbärte daraus geklebt. Die Leute müssen grausam ausgesehen haben, aber das haben wir damals in unserer Begeisterung gar nicht gemerkt.
Als ich nach Amerika übersiedelte, hatte ich mit meinem ersten amerikanischen Film „Der Weg allen Fleisches". einen großen Erfolg. Es war das erstemal, daß ein europäischer Schauspieler kam, einen Film ohne „happy end“ drehte und keinen Durchfall oder etwas ähnliches erlebte. Später verlangte ich eine lustige Dolle, da fielen die Filmdixektoren einfach auf den Dücken:
„Sie eine luftige Dolle? Ausgeschlossen! Jeder Mensch in älSA. weih, dah Emil JanningS großen Erfolg mit einem Film ohne glückliches Ende hatte. Sie sind abgestempelt als „unhappy“, Sie dürfen nur traurige, ganz traurige Rollen spielen."
Ich kann Ihnen sagen, so schlecht wie damals ist es mir nie wieder in meinem Leben gegangen. Ich bin mehrfach gestorben, dreimal erblindet, zweimal verkommen, erschossen und erstochen worden. Nur im Film! Aber immerhin, es ging mir so dreckig, dah ich aufatmete, als ich jetzt in dem deutschen Film „Der Liebling der Götter", wieder eine lustige Dolle darstellen durfte. Die erste seit „Kohlhiesels Töchtern" mit der Henny Porten, älnd das liegt weit zurück! Ich komme mir vor wie Dornröschen, wie aus einem unhappy- Schlaf erweckt und einem happy end wieder- gegeben.
•
Aach drei Jahren Amerika war ich dann doch der Heimat etwas entfremdet, aber ich habe in Berlin fast alle alten Freunde wiedergefunden und sofort wieder Kontakt gehabt. Auch der alte Duff lebte noch. Kennen Sie den alten Duff? ?r,v^L'3®itun98trä9er, und wir kennen uns seit bald 30 Jahren. Damals war er schon ein alter Mann, heute zählt er 85 Jahre. Sie haben ihn bestimmt einmal gesehen, denn als ich den „Letzten Mann' verfilmte, habe ich den alten Duff go* nommen und ihm die Dolle vom „allerletzten Mann" gegeben, jenen Toilettenmann, der m dem Sum mein Nachfolger wurde. Damals war Duff sehr stolz. Jeden Abend kam er in unsers Stammkneipe und erzählte:
„Ich hin jetzt engagiert, ich habe eine Rollq in einem großen Film."
älnd dann fügte er hinzu:
„JanningS spielt auch mit"


