Ausgabe 
19.8.1930
 
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kleinerung der Wahlkreise bringen, um den Persönlichkeitswert der einzelnen Kandidaten mehr zur Geltung zu bringen, sowie eine bessere Verbindung zwischen Wählern und Gewählten ^rbeizuführen. 3m Interesse der Heranbildung eines geschulten und erprobten Führernachwuchses wurde beschlossen, daß jedes Mitglied der Nassauischen Zentrumspartei höchstens zwei Mandate (!) übernehmen darf.

Aus -em Wahlkampf.

Frau D. von Liling, die Vorsitzende der Vereinigung evang. Frauenverbände Deutschlands, wird von den Deutschnationalen an sicherer Stelle der Reichsliste und außerdem in einem Wahlkreis aufgestellt.

Die Deutsche Volkspartei im Wahlkreis III (Potsdam ll) besetzte die ersten Stellen der Kandidatenliste wie folgt: 1. Abg. v 0 n K a r- d o r f f, 2. Frau Regierungsrat AnnaMeyer, 3. Dihl.°Ing. Dr. Kruspi.

Im Wahlkreis 4 (Potsdam I) wurde Gou­verneur z. D. Exzellenz Schnee einstimmig wie­der als Spitzenkandidat der DeutschenVolks- Partei aufgestellt. 2ln zweiter Stelle nomi­nierte der Vertretertag den Führer der Reichs­gemeinschaft junger Volksparteiler Direktor Dr. A. Meier.

In einer Wahlkreiskonferenz der Wirt­schaftspartei des Wahlkreises Düssel­dorf-Ost wurde Reichsjustizminister Dr. Dredt. Marburg, als Spitzenkandidat aufge- stellt.

Von der Wirtschaftspartei wurde für Hessen-Rassau aufgestellt Rechtsanwalt Rhode. Frankfurt. Iohann Ruhl und Georg Vest.

Wie die Deutsche Staatspartei mitteilt, wurden für H e s s e n außer dem Bürgermeister Dr. E h r h a r d von Mainz Landwirt Zehner (Schwal­heim) und Universitätsprofessor Dr. Hunte Mül­ler (Gießen) als Kandidaten benannt.

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Von der Staatspartei sind für den K öl - ner Wahlkreis Dr. Ioseph W insch uh und der Kölner Stadtverordnete Schäfer als Kandi­daten für die Reichstagswahl aufgestellt worden.

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2m Wahlkreise Berlin sind nach einer Verein­barung mit der VolksnationalenReichs- vereinigung die drei ersten Plätze auf der gemeinsamen Liste demokratischen Kan­didaten Vorbehalten. 2ln erster Stelle wurde Reichsfinanzminister Dietrich gesetzt. Reichs­minister a. D. Koch- Weser, der ursprünglich als Spitzenkandidat für Berlin genannt wurde, wird jetzt die R e i ch s l i st e anführen.

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Der Aktionsausschuß der Staatspartei für Potsdam I einigte sich dahin, daß Pots­dam I grundsätzlich der Volks nationalen Vereinigung zugesprochen werden solle, weil die Wahlkreise Berlin, Potsdam H und Frank­furt (Oder) schon demokratische Spitzenkandidaten haben. Georg Bernhard, der von den Demo­kraten als Spitzenkandidat vvrgeschlagen worden ist. wurde endgültig von der Liste abgesetzt.

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Der Reichsparteivorstand des Zentrums stellte an die Spitze der R e i ch s l i st e Reichs­kanzler Dr. Brüning und Prälat Dr. K a a s. Dann folgen an sicheren Stellen als Vertreter der Industrie Geheimer Finanzrat a. D. B ü r ge r s, Köln, und Aorian Klöckner, als Vertreter der Frauen Frl. Dr. Peerenboom. Düssel­dorf, und August Winkler, Köln, der Vor­sitzende des Reichsjugendausschusses der Deutschen Zentrumsparlei.

Der Bezirksparleitag der Sozialdemokra- tischenPartei Hessen-Rassaus hat fol­gende Kandidaten aufgestellt: Philipp Scheide-

DaspoMulein von Cadempino

von Siegfried von Vegesack.

Für Postfräuleins habe ich von jeher eine kleine Schwäche. Ich weiß nicht, warum. Der Anblick dieser armen geplagten Geschöpfe in ihrem Käfig rührt mich und quält mich zugbrich. Im kleinen Badeort Trosa in Schweden sitzt ein flachsblondes, sommersprossiges Fröken, in Le Lavandou in Südfrankreich eine schwarz- lockige Mademoiselle hinter dem Gitter. Alle haben denselben erloschenen Blick, denselben bekümmerten Mundwinkel, dieselbe vom vielen Stempeln etwas schief gedrückte Hand. Aber hier in Cadempino bei Lugano waltet eine Signorina ihres schwierigen Am­tes, die mich tiefer erschüttert, als alle ihre Kolle­ginnen. Das Postfräulein von Cadempino ist ein My­sterium.

Da ihr Vater, der alte Postbote, erst gegen zehn, manchmal auch um elf, sich die geflickte Ledertasche um den geflickten Rock schnallt und mit dem geflickten Re­genschirm die Wanderung durch das Dorf beginnt, hole ich unsere Post schon um acht Uhr zwanzig ab. Um acht Uhr fünf trifft nämlich der Postsack von der Station ein. Uebrigens, es ist einerlei, wann ich komme: erst bei meinem Eintritt wacht das Postamt auf, gerät das Fräulein hinter dem Schalter in fieber­hafte Tätigkeit.

Ich trete also in den winzigen dusteren Raum ein, deffen einziges Fenster immer von Läden ge­schloffen ist, und deffen Ausstattung aus einem wack­ligen Schemel und einem pullartig an der Wand befestigten Brett besteht, deffen Bestimmung durch ein Fläschchen mit längst vertrockneter Tinte ange­deutet wird. Dieser etwa ein Schritt tiefer und ein Schritt breiter Raum für das Publikum (übrigens bin ich bisher immer das einzige Publikum gewesen) ist vom Schalterraum durch einen Verschlag mit einem Schiebefenster aus mattem, geripptem Glas getrennt.

Kaum hat die Tür bei meinem Eintritt schrill ge­klingelt, regt es sich hinter dem Schalter. Es sind nicht Schritte, nicht gewöhnliche Geräusche, es weht gespensterhast hinter der Glasscheibe. Rach einiger Zeit wird das Schiebefenster zögernd zur Seite ge­schoben, das Postfräulein erscheint in der Oeffnung und starrt mich mit den großen erschrockenen Augen einer Somnambulen an. Ich begrüße sie so herzlich, so stürmisch, wie ich es mit meinem Italienisch ver­mag, denn ich bin voll Spannung, erwarte wichtige Briefe, und hoffe das Fräulein durch meinen Ueber- schwang aus ihrem Trance-Dämmerzustand zu wel­ken. Das Fräulein lächelt zwar malt, aber es schläft. Und alles, was es tut, tut es mit der unbeirrbaren feierlichen Gemeffenheit einer Rachtwandlerin. Das Postfräulein von Cadempino ist mondsüchtig am hell­lichten Tage. Allerdings, in ihrem Käsig ist es duster,

Englands Gorgen in Indien.

Die englische Regierung hat sich gezwungen gesehen, über den Bezirk Peschawar, der die Rordgrenze gegen Afghanistan deckt, das Kriegsrecht zu verhängen, in der Abwehr gegen einen neuen Einfall der Afridis. Der­artige Einfälle sind an sich nichts Ungewöhn­liches, sie gehören zum täglichen Brot des eng­lischen Kolonialkrieges, sind auch für Indien selbst nicht allzu bedeutsam, da der halb noma­disierte Stamm der Afridis wenig mehr als hun­derttausend Menschen zählt und auch, wenn er noch die Unterstützung der benachbarten Stämme finden sollte, kaum eine militärische Gefahr be­deutet. Denn England hat sich rechtzeitig seine rückwärtigen Verbindungen gesichert und festungsartig ausgebaut, so daß die Afridis sich sehr bald totlausen werden, selbst wenn es ihnen diesmal gelungen sein sollte, die Provinzial- hauptstadt einzuschließen. Immerhin, der Fall bleibt unangenehm genug, weil damit die Ver­kehrswege nach Afghanistan gesperrt sind und der Handel über die Grenze ziemlich lahmgelegt ist, noch mehr aber weil die ganze Spannung in Indien augenblicklich derart mit Elektrizität geladen ist, daß unter Umständen ein Funke genügt, um das Pulverfaß zur Explosion zu bringen. Rur aus dem Grunde ist man Wohl auch in London so nervös und sieht die Be­deutung dieses Einfalls noch mehr herabzu­drücken.

Indien ist nun aber einmal das Gespenst im eng­lischen Hause, die nationalistische Bewegung droht alle Fesseln zu sprengen. Jedenfalls hat die englische Verwaltung trotz aller Gewaltmaßregeln es bisher nicht verstanden, der Gandhibewegung Herr zu wer­den. Nicht als ob man glauben dürfte, daß damit nun von heute auf morgen eine Gefahr für den eng­lischen Besitzstand verbunden wäre, dazu liegen die Dinge in Indien viel zu kompliziert. Dieses Völker­konglomerat von vierhundert Millionen Menschen ist national, religiös und sozial so stark unter sich diffe­renziert, daß eine einheitliche Willensbildung prak­tisch zur Unmöglichkeit wird, um so mehr, als die eingeborenen Fürsten, die von der nationalistischen Bewegung für ihre Stellung und für ein Einkom­men fürchten, die geborenen Bundesgenossen Eng­lands sind.

Aber die letzten Jahre haben doch gezeigt, daß Englands alte und seit Jahrhunderten bewährte Me­thode, mit Hilfe des einen Teils den andern Teil niederzukämpfen, langsam zu versagen beginnt und daß gerade bei der jungen Generation,

die in Gandhis Schule gegangen ist, so etwas wie ein indischer Nationalgedanke sich herauskristallisiert. Es ist deshalb zweifelhaft, ob die englische Regie­rung gut beraten war, als sie Märtyrer schaffte und und ihre Gefängnisse mit den Anhängern Gandhis überfüllte. Sie schweißt dadurch die Bewegung nur noch mehr in sich zusammen und fördert vor allem die Boykottbewegung, die ihrem Handel schwere Wunden schlägt. Daß in einer solchen Zeit eine Re­volte im Norden, die unter Umständen die Heran­ziehung militärischer Kräfte notwendig macht, von ganz anderer Bedeutung werden kann, als unter normalen Verhältnissen, versteht sich am Rande; da­her das Interesse, das man nicht nur in London an dem Aufstand der Afridis nimmt.

Gandhi Friedensbedingungen.

Ein unannehmbares Ultimatum.

London, 19. Aug. (WTD. Funkspruch.) Aus dem Gefängnis von Poona hat Gandhi am letzten Freitag einen Brief an den Vize­könig von Indien gerichtet, der folgenden Inhalt haben soll: Gandhi erflärt, er sehe ein, daß der Vizekönig und die britische sozialistische Regierung angesichts der starken konservativen und liberalen Opposition vielleicht nicht im Stande sein werden, Indien gegenüber die Gewähr dafür zu übernehmen, daß das Ergebnis der Konferenz am runden Tisch wirkliche Unabhängig­keit, d. h. der Status eines Dominions sein wird. Er verlange aber, daß der Dizekönig und die britische Regierung sich verpflichten, diese Politik am Konferenztisch offiziell zu der ihrigen zu machen. Wenn eine solche Verpflichtung über­nommen und durch Gewährung einer Am ne - stie für alle politischen Gefangenen bekräftigt werden würde, dann würden die indischen Ra­tionalistenführer bereit sein, die jetzt im Gange befindliche Bewegung e i n z u st e l len.

Daily Telegraph" nennt diese Mitteilung Gandhis ein Ultimatum und sagt, sie be­deute nur eine Wiederholung der unsinnigen For­derungen, die schon vor Monaten gestellt tour- dem Das Programm Gandhis sei lediglich inso­fern geändert worden, als er jetzt nicht mehr dem britischen Parlament, sondern der britischen Re­gierung ihre Politik diktiere. Der von gemäßig­ten indischen Politikern unternommene Friedens­schritt sei also vergeblich gewesen, und die indische Regierung habe lediglich weiterhin ihre Pflicht zu tun.

mann, Kassel; Franz Metz, Frankfurt a. M.; Heinrich Becker, Herborn; Michael S ch n a» brich, Hersfeld. ,

Arbeitsdienstpssicht und -ie Landwirtschast.

Ein neuer Vorschlag aus Handwerkerkreisen

Berlin, 18. Aug. (BD.) Der Antrag der Wirtschaftspartei auf Einführung der Ar­beitsdienstpflicht hat bekanntlich in der Oeffent- lichkeit einen sehr starken Widerhall gefunden, und besonders die Handwerkerorgani­sationen beschäftigen sich noch immer sehr eingehend mit dem damit verbundenen Fragen­komplex. In der Handwerkszeitung erscheintx jetzt ein neuer Vorschlag, der, da er die Arbeits­dienstpflicht in erster Linie der Landwirt­schaft zugute kommen lassen will, zweifel­los Beachtung verdient. Es wird davon aus­gegangen, daß die der Landwirtschaft nötigen Arbeitskräfte von den Arbeitsdienstpflichtigen ge­stellt werden können, so daß auf diese Weise d i e Beschäftigung von Ausländern, ins­besondere polnischen Arbeitern über­flüssig gemacht werden könnte. Weiter soll aber auch der Staat die von der.Pachtung frei- werdenden Staatsdomänen in eigene Bewirtschaftung nehmen, um auf diese

die Fensterläden sind geschloffen: wahrscheinlich ver­trägt sie kein Licht.

Zuerst ergreift sie den großen braunen Postsack, öffnet ihn umständlich, schüttet ihn aus. Ein win­ziges Päckchen kollert auf den Fußboden, und ob­gleich der Sack nie mehr enthält, schüttelt sie ihn noch lange Zeit, in der unbestimmten Hoffnung, daß viel­leicht doch noch etwas herausfallen könnte. Richts. Der Sack ist leer. Sorgfältig glättet sie ihn und hängt ihn rechts in die Ecke.

Dann bückt sie sich, nimmt das Päckchen, betrach, tet es nachdenklich von allen Seiten und stellt fest, daß es wie immer von einem Schnürchen umwickelt ist. Dieses Schnürchen ist ein Problem. Denn es hat einen Knoten. Und dieser Knoten ist schwer zu öffnen. Aber das Fräulein ist geduldig und vor allem gründ­lich. Zuerst versucht sie es mit den Fingern. Es geht nicht. Dann mit den Zähnen. Es geht nicht. Zuletzt ergreift sie mit nachtwandlerischer Sicherheit eine Schere, die rechts an der Wand hängt, betrachtet aufmerksam Schere und Päckchen, als besänne sie sich darauf, was sie eigentlich tun wollte, und droht dabei wieder völlig einzuschlafen.

Ich räuspere mich, ich huste. Das Postfräulein wacht aber nicht auf. Sie wiegt das Päckchen in der linken Hand, die Schere in der rechten. Endlich öffnet sie langsam, wie im Traum, die Schere, schiebt das eine Ende unter das Schnürchen und drückt zögernd die Schneiden zu. Das Schnürchen ist zerschnitten, das Päckchen liegt nun in der offenen Papierhülle auf dem Tisch.

Aber das Postfräulein ist auch ordentlich. Cs nimmt das Schnürchen, glättet es sorgfältig und hängt es rechts an einem Haken auf. Dort baumelt schon ein ganzes Fischerneh von Schnürchen übereinander aufgereiht: die Ernte vieler Jahre. Dann wird auch die Schere an ihrem Ragel aufgehängt. Und nun wird die Post aus ihrer Hülle herausgewickelt: Briefe und Zeitungen kommen zum Vorschein. Aber auch das Papier muß zuerst ordentlich zusammengefaltet und links in einem Regal verstaut werden. Hierauf beginnt die eigentliche Haupttätigkeit: das Sortieren der Post.

Auch das ist nicht so einfach, obgleich fast alle Briefe für das Haus bestimmt sind, in dem ich wohne, und sonst in Cadempino selten jemand Post bekommt. Aber es könnte ja einmal der Fall eintreten, und deshalb muß jede Adresse sorgfältig geprüft werden. Endlich ist auch diese schwierige Prozedur überstan» den: die Briefe liegen ordentlich auf einem Häufchen, die Zeitungen aus einem andern. Aber auch damit ist die Tätigkeit des gewiffenhaften Fräuleins keines- Wegs beendet.

Jetzt seht sich das Postfräulein feierlich auf ihren Hocker, legt das Briefhäufchen links vor sich auf den

Weise ein Feld zu schaffen, wo die Dienstpflich­tigen ihrer Arbeitspflicht genügen können. Die Organisation der Arbeitsdienstpflicht in der Landwirtschaft soll nach dem neuen Vorschläge durch d i e Domänen Verwaltungen übernommen werden, die für die Verteilung der Arbeitskräfte für alle in Frage kommenden Ge­biete zuständig sein würden. Die Gesamtleitung soll nach Art der Deutschen Landwirtschafts- Gesellschaft organisiert werden. Es bleibt abzu­warten, wie sich die Landwirtschaft selbst und die Regierung zu diesem neuen Vorschlag stellen werden.

Krankenkassen und Reichsregierung. Ein politischer Konflikt auf der Dresdener Tagung.

Dresden, 18. Aug. (TU.) Auf der Ta­gung der deutschen Krankenkassen in Dresden war als Vertreter des Reichsarbeits- ministers Ministerialdirektor Dr. ©riefer er­schienen, der in seiner Begrüßungsrede auf die verhängnisvolle Entwicklung in der Arbeitslosen­versicherung hinwies. Um die Arbeiter gegen die Verkürzung des Reallohnes, die von der Ar­beitslosenversicherung herkommt, zu schützen, müsse der entschlossene Versuch gemacht werden, den

Tisch, ergreift den Stempel mit der rechten Hand und beginnt nun mit der wichtigsten und verantwor­tungsvollsten Tätigkeit: mit dem Stempeln. Wieder wird jeder Brief noch einmal genau untersucht vor dem Stempeln, nach dem Stempeln und nun liegt das Häufchen da, aber in umgekehrter Reihen­folge. Und dies scheint das Postfräulein zu beun­ruhigen. Vielleicht wird sie auch von neuen Gewis­senskrupeln gepackt. Lange überlegt sie, starrt das Päckchen mißtrauisch und sinnend an. Endlich hebt sie noch einmal jeden Brief einzeln ab, ordnet das Häufchen in seiner ursprünglichen Reihenfolge. Dann tritt sie mit einem somnambulen Lächeln an den Schal­ter, reicht mir Briefe und Zeitungen . . .

Aber inzwischen bin ich selbst auf meinem Schemel beinahe eingeschlafen. Erst der Knall des Schiebe­fensters weckt mich auf. Ich nehme die Post und trete aus dem dustern Raum geblendet in das grelle Licht der strahlenden Morgensonne.

Das Postfräulein von Cadempino schläft aber in ihrem Käfig weiter und träumt von der nächsten Post.

Chestertons landen sofort.

* Von Hans JRiebau

Drei Wochen in der Luft", sagten die Brüder Chesterton in Reuyork,das ist gar nichts. Wir werden den Rekord spielend brechen."

Und sie nahmen ein Flugzeug, flogen und flogen. Drei Wochen lang, vier Wochen lang, zehn Wochen lang.

Den Leuten auf der Erde wurde es unheimlich. Hallo", riefen sie (drahtlos natürlich),wann gedenken Sie wieder herunterzukommen?"

Ueberhaupt nicht", sagten die Chestertons. Und flogen und flogen.

Da bekamen es die Angehörigen mit der Angst.Sie sind verrückt geworden", flüsterten sie.Wie bekommen wir sie wieder herunter?" Und sie riefen von neuem an.Hallo", sagten sie,was wollt ihr eigentlich mit dem Rekord? Kein Mensch zahlt euch etwas dafür. Die Zeiten sind vorüber. Landet sofort!"

Rein", sagten die Chestertons,wir bleiben."

Der Flugzeugrohölmotor ist erfunden", logen die Verwandten,man fliegt überhaupt nicht mehr mit Benzin."

Trotzdem", lachten die Chestertons,wir fliegen.

Die Verwandten berieten.

Euer Vater ist krank", ließen sie telephonie­ren,kommt herunter."

Wir bleiben", sagten die Chestertons,holt lieber den Arzt."

Beitrag kn der Krankenversiche­rung auf das natürliche Maß zurück­zuführen. Das sei der wirtschaftliche Zweck der Verordnung über die Kranken­versicherung. Für den Inhalt der Verordnung übernehme das Reichskabinstt die Verantwor­tung. Die Reichsregierung erwarte aber, daß die Krankenkassen die Verordnung nach Sinn und Zweck durchführen würden, auch wenn der eine oder der andere sich einen anderen Inhalt gewünscht hätte.

Die darauf folgende Rede des Verbandsgeschästs- führers Lehmann wurde von dem Vertreter des Reichsarbeitsminifters als parteiagitatorisch und verletzend empfunden. Lehmann griff u. a. auch in schärfster Weise den früheren Arbeitsminister Dr. Brauns und den jetzigen Arbeitsminister Dr. Stegerwald an. Ministerialdirektor Grieser sah sich veranlaßt, noch während dieser Rede die Ver­sammlung verlassen. Er richtete an den Vor­sitzenden des Hauptoerbandes, den Berliner Stadtrat Ahrens sofort das folgende Telegramm:

Herr Lehmann hat heute seinen Vortrag über Inhalt und Anwendung der Verordnung über die Krankenversicherung z u einem politischen Angriff gegen denReichskanzler und zu persönlichen Auseinandersetzungen mit dem Reichs- arbeitsminister benutzt. In meiner Begrüßungsan­sprache hatte ich nicht ohne Absicht auf die Gren­zen hingewiesen, die einer Kassenvereinigung ge­zogen sind. Herr Lehmann hat sich über diese Gren­zen in einer Weise hinweggesetzt, die mir das wei­tere Verbleiben in der Versammlung unmöglich machte."

Ministerialdirektor Dr. Grieser reiste darauf sofort nach Berlin zurück.

Nervosität auf dem Balkan.

Serbien und die ungarische Königsfrage.

Belgrad, 18. Aug. (Tel.-Un.) DieNooosti" veröffentlicht einen Artikel aus Veldes, wo sich gegen­wärtig der jugoslawische Hof, die Minister und das diplomatische Korps aufhalten. Der Artikel beruft sich auf Informationen von unter­richteter Seite und kündigt gegen Ungarn und Bulgarien Waffengewalt an, falls die Habs­burger Frage und d^e Frage des mazedonischen Komitees nicht in befriedigender Weife gelöst wür­den. Der Gewährsmann derNovosti" betont, daß die Wiedereinsetzung der Habsburger in Ungarn eine flagrante Verletzung der Frie­densverträge bedeuten würde.-Daher hätten Süd- slawien und die Kleine Entente in diesem Fall das Recht, mit Waffengewalt einzugreifen. Wenn man auch hoffen könne, daß die ungarische Politik nüch­tern genug sei, um einen Unterschied zwischen Demonstranten und praktischer Politik zu machen, so sei doch für jeden Fall Aufmerksamkeit geboten. Gegenüber Ungarn warte Südslawien die Entwick­lung der Beziehungen noch ab. Die Regierung werde aber nicht länger mit gekreuzten Armen die blutigen Herausforderungen der Mazedonier entgegen- nehmen, sondern ganz energisch das Einschrei­ten des Völkerbundes gegen die Friedens­störer am Balkan verlangen. In dem Fall, daß der Völkerbund sich einzugreifen weigere, würde Süd­slawien den Standpunkt vertreten, daß es gegen­über Bulgarien freie Hand habe. Bezeich- nend ist, daß der Artikel derNovosti" auch durch die amtliche AgenturAvala" verbreitet wird.

Der Kampf gegen die Arbeits­losigkeit in Italien.

2t o m , 18. Aug. (WTB.) Das große Programm für Rotstandsarbeiten, das die italienifcfyc Re­gierung zur Bekämpfung der Winterarbeitslosig­keit aufgestellt hat, ist nach einer Mitteilung des Organs der faschistischen Partei bereits durch früher bereitgestellte Geldmittel finanziert. Mit den staatlichen Rotstandsarbeiten, die Ende Oktober schon im vollen Gange sein sollen, fin­den über 200 000 Arbeiter in den Win termonaten Beschäftigung und V e r d i e n ft. Daneben sind von den großen

Die Polizei hat Flugverbot gegen euch er­lassen."

Wir zahlen die Strafe."

Der Wetterdienst hat Schneesturmwarnung verbreitet.

«Mitten im Sommer? lachten die Chestertons.

Da rangen die Verwandten die Hände. Der Telephonbeamte auf dem Flugplatz aber sagte: Wollen Sie sie gern herunter haben?"

Aber natürlich", nickten die 2)erwandten, was denn sonst?"

Da ging der Beamte ans Mikrophon.Hallo, hallo", rief er,das Reueste vom Reuen: soeben ist durch Volksabstimmung die Prohibition in den Vereinigten Staaten aufgehoben worden."

Fünf Minuten später waren die Chestertons gelandet.

Hochschulnachrichten.

Der Berliner Prioatdozent Gerichtsassessor Dr. Walter H a l l st e i n hat einen Ruf als außerordent­licher Professor für deutsches Recht an die Universi­tät R o st o ck erhalten. H. war Fakultätsassistent an der Universität Berlin, 1927 Zivilprozeßrichter und ist seither im Institut für ausländisches und inter­nationales Privatrecht in Berlin (Kaiser-Wilhelm- Jnstitut) beschäftigt. Der Lehrstuhl für Veterinär- Chirurgie und Operationslehre in L e i p z i g ist dem dortigen a. o. Professor Dr. Ewald B e r g e, zur Zeit stellvertretender Leiter der Stuttgarter Tierklinik, angeboten worden.

Amtlich wird die Ernennung des o. Professors Dr. Richard L a q u e u r von der Universität Gießen zum ordentlichen Professor der alten Geschichte in Tübingen als Aachfolger von Prof. Ioseph Vogt bestätigt. Dr. Laqueur, Sohn des früheren Professors der Augenheilkunde Dr. Ludwig Laqueur in Straßburg, begann seine akademische Laufbahn im Jahre 1907 in Göttin­gen, wo er klassische Philologie dozierte. Später wirkte er in Straßburg und übernahm Michaelis 1912 den Lehrstuhl der alten Geschichte in Gie­ßen. Hier bekleidete er 1923/24 das Rektoramt der hessischen Ludwigs-Dlniversität. Er ist Mit­glied der Historischen Kommission für Hessen. Sein Sondergebiet ist antike Historiographie. Der durch den Weggang des ord. Professors B. Bleyer an der Technischen Hochschule in Mün­chen mit dem Dienstsihe in Weihenstephan er­ledigte Lehrstuhl der Chemie ist dem Privat­dozenten Dr.-Ing. Friedrich Re in del an dieser Hochschule angeboten worden.