Ausgabe 
18.7.1930
 
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Lleberflüssige Aufregung in Paris.

Gehässige Angriffe auf Hindenburg.

Paris. 17. Juli. (SU.) Die Pariser Rechts-, presse sieht in der Entwicklung der innerpolitischen Lage in Deutschland eine schwere Sebro* hnng der in den letzten Jahren befolgten L o- carnopolitik. Die Angriffe richten sich je- doch weniger gegen die Regierung Brüning, als gegen den Reichspräsidenten von Hindenburg, von dem es heißt, er habe endgültig die-ZügelderRegierungper- sönlich in die Hand genommen und handhabe sie mit einer Energie, die ge­radezu erstaunlich sei. Es fehlt natürlich nicht an überaus gehässigen Angriffen, so be­sonders in deröiber te, die sich wieder ein­mal bemüßigt fühlt, zu erklären, daß das ganze deutsche Volk während des Krieges noch unter das Niveau der Hunnen, Hyänen und Gorillas gesunken sei, und der Präsident der deutschen Re­publik, Gencralfeldmarschall von Hindenburg auf der Liste der Kriegsverbrecher gestanden habe, die zur Zwangsarbeit verurteilt werden sollten, hinter dem Deckmantel der Finanzaufbesserung, so führt das Blatt weiter aus, habe man zur An­wendung des Artikels 48 der Reichsverfassung gegriffen, während zur gleichen Zeit der Reichs­präsident die preußische Regierung dazu zwinge, sich vor dem Stahlhelm zu beugen und die Reichs­regierung als Voraussetzung für ihren Beitritt zum europäischen Staatenbund die Revision der Verträge verlange. Das sei, so betont das Blatt, die Bilanz der Nachkriegspolitik. 3m3 o u r - nal des Debats" heißt es u. a., das Ein­greifen Hindenburgs in die Angelegenheit des Stahlhelms sei ein Ereignis, das in Zukunft alle Illusionen zunichte mache. DerTernps" stellt fest, daß der Reichskanzler mit der Anwen­dung des Artikels 48 sich entschlossen habe, einen entscheidenden Schritt auf dem Wege zur Diktatur zu machen, wodurch der Rückkehr zu einer linksgerichteten Koalition unüberwindliche Schwierigkeiten entgegengesetzt würden. Der<3 o i r" führt u. a. aus, daß die durch wirtschaftliche Rot verdoppelte Krise des Parlamentarismus und des demokratischen Systems außerordentlich beunruhigend wirke. Die deutsche Rechte erhebe das Haupt und verberge gar nicht ihre Absicht, die Autorität der Re­publik zu schwächen.

Englands Absage an Briand.

<ic Antwort Londons

auf das Paneuropa-Memorandum.

London, 17.Juli. (Tel.-Un.) Die britische Re­gierung ließ am Donnerstag in Paris die Antwort auf die Briandsche Paneuropadenkschrift überreichen. Sie betont, daß sie die Entscheidung über eine so wichtige Angelegenheit nur in Ueberein st im­mun g mit den Dominions fällen könne. Sie könne daher nur vorläufig antworten. Sie hoffe, daß der Schritt Briands zu einer besseren Verständigung zwischen den europäischen Regierun­gen, zu einer Verminderung der internationalen Wirtschaftsschrvierigkeiten und zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit führen werde. Ueber die Wege, die hierzu führen, sei die britische Regie- l rung jedoch anderer Ansicht als Frankreich. So meine sie, daß die Errichtung neuer und unab- 7 hängiger internationaler Einrichtungen nicht not» wenoig oder wünschenswert sei. Falls die bri­tische Regierung Briands Vorschläge richtig verstan­den habe, wünsche die französische Regierung eine europäische Konferenz, ein ausführendes Komitee und möglicherweise auch ein neues europäisches Sekretariat zu schaffen. Da der Völkerbund bereits ähnliche Arbeiten ausgenom­men habe, sei es schwierig, eine allgemeine Ver­wirrung und vielleicht auch neue Eifersüchteleien zu verhindern, die mit Sicherheit die Wirksamkeit und das Ansehen der Völkerbundsorgane schädigen würden. Falls man hierauf nicht genau achte, würden nach der Ansicht der britischen Regierung die euro­

Deutscher Fischdampfer im Nördlichen Eismeer.

Von Otto Gutzeit.

Dach fechstägiger Fahrt durch die Schären, Sunde, Fjorde Dorwegens gaben wir in Honningsvaag, der nördlichsten Station, den Lotsen von Bord. Um die Halbinsel Dord Kyn Halvöha herum dampften wir ins Dördliche Eismeer. 400 Seemeilen von der Küste entfernt nahmen wir Kurs auf Kap-Kanins Kaja. An Finnmarken, Finnland, westlichem. östlichem Murman vorbei.

Kein Schiff war zu sehen. kein Land. Dur See und Himmel, weit, endlos weit. Und der Tag hatte nur eine Stunde, - und dreiundzwanzig Stunden war es Dacht. Einsamkeit schmiedete uns 14 Menschen fest zusammen. Jens Broh, der Detzmacher und Rudergänger, stand an der Steuer­pinne.Steuerbord voraus, Feuer von Kanin- Roß." Wir hatten nach dreizehn Tagen Fahrt unseren Fangplah erreicht. Wir setzten das Deh aus,schleppten", holten nach vier Stunden wieder hoch: Kein Fischi

Der Kapitän knurrte:Kalte Strömung oder Grundeis; oder beides. Der Fisch ist unbe­rechenbar."

Kurs West-Dord-West, - zwei Strich zu West I" Wir dampften zwei Tage den Weg zurück, den wir gekommen waren, zurSkolpenbark", einem un­geheuer weiten Fangplah, ungefähr 400 Meilen nördlich von Archangelsk. Es waren vierverlorene Tage. Doch wirerwischten" den Fischs wir hatten bis zu neunzig Zentner in einemHol." Tag und Dacht fischten wir: alle vier Stunden. Wir hatten fünfzehnhundertKörbe" (Zentner) im Eisraum liegen, da brach der Sturm los. Drei Tage trieben wir uns nun auf derSkolpenbank" ohne Dampf herum.

Der Sturm raste aus Dordwest in Stärke 11. Unser Backbordsanggerät war zerschlagen, an fischen war nicht mehr zu denken; das einzige, was uns zu tun übrig blieb, war, daß wir das Ruder gegen die See hielten. Die Mannschaft war vollkommen erschöpft dreizehn Tage hatten wir gefischt, seit drei Tagen wütete der Sturm. Die Maschine hatten Wir abstellen muffen, weil bei diesem Höl- lentanz Schraube und Kessel in Gefahr waren. Hob fich das Schiff auf den Kamm einer See, dann raste die Schraube ohne Wafferwiderstand in der Luft. Die Kolben der Maschine konnten dieser Belastung nicht standhalten.

Klaus, der Bootsmann, hatte fich an die Ru­derpinne festgebunden; er war naß wie eine geba-

päischen und die Weltintercssen geschädigt werden. Dies seien Fragen, auf die die britische Regierung als Mitglied des Britischen Weltreiches Rücksicht nehmen müsse. Es sei daher wünschenswert, daß die Vorschläge der französischen Regierung in den Rahmen des Völkerbundes eingeglie­dert würden. Die britische Regierung halte die Bildung von europäischen Ausschüssen des Bölkerbundsrates für möglich, um so eine engere Zusammenarbeit der Mächte Europas her­zustellen. Hierdurch würden auch das Risiko und die Schwierigkeiten vermieden werden, die ein neues und unabhängiges System mit sich bringen würde.

Oie Neuorganisation

des rheinischen Stahlhelms.

Hagen, 17.3uli. (ERB. Eigene Meldung./ Dach Mitteilung der Führung des Stahlhelms Westmark wurde im Bereiche der aufgelösten

Landesverbände 3ndustriegebiet und Rheinland ein Landesverband West mark gebildet. Die Leitung rechnet mit einem in der Derbotszeit eingetretenen Anwachsen der Frontsoldatenbewe­gung, besonders in den beiden Räumungszonen und glaubt, daß der Landesverband Westmark voraussichtlich acht Gaue mit der entsprechen­den Zahl von Ortsgruppen umfassen wird. Die Führung des Landesverbandes hat ein Dank­telegramm an den Reichspräsidenten gerichtet. Sie kündigt an, daß sie zur Begrüßung deS Reichspräsidenten i n M a i n z am 20. Juli sämt­liche Fahnen des Landesverbandes mit entspre­chender Begleitung entsenden werde. Eine Woche später sollen gleichzeitige Aufmärsche an zehn Stellen stattfinden, an denen sämtliche Gaue des Landesverbandes teilnehmen. Wie von Stahl­helmseite erklärt wird, handelt es sich darum, die ungeschwächte Stärke der Bewegung za er­weisen".

Hindenburgs Besuch in Rheinhessen.

Das Programm des Zestsonntags in Mainz. Oie offiziellen Gäste.

WSR. Darmstadt 17. Juli. Zum Besuch des Reichspräsidenten in Rheinhessen wird von zu­ständiger Stelle mitgeteilt: Der Reichspräsi­dent trifft mit dem DampferHinden- b u r g", von Speyer kommend, am Samstag etwa 16.30 Uhr in Worms ein. Dort wird er von der hessischen Regierung und den Vertretern der Stadt Worms auf dem Schiff begrüßt werden. Rach kurzem Aufenthalt erfolgt die Weiter- fahrt nach Mainz. Ankunft dort etwa 19 Uhr. Parade der Mainzer Schleppboote auf der Reede von Mainz. Empfang an der Landungsbrücke durch Oberbürgermeister Dr. Külb, FahrtdesReichs- präfidenten, der Reichsminister und der hes­sischen Minister über den Fischtorplatz durch Lud- wigsstraße, Schillcrstraße, Große Bleiche zum Palais (Deutschordenshaus). Erster Wagen: Polizeiwagen, zweiter Wagen: Reichs­präsident und Staatspräsident Dr. Adelung. Am Abend etwa 21.30 Uhr bringen die Mainzer Vereine vor dem Palais ein Ständ­chen.

Sonntag, 20. Juli, begibt fich der Reichspräsident kurz vor 9 Uhr in die Christuskirche zum Gottes- dienft. Um 10 Uhr erfolgt eine Rundfahrt, bei der auf dem Schillerplatz zur Enthüllung des Befreiungsdenkmals Halt gemacht wird. Die Rund­fahrt endigt an tfcr Stadthalle, wo etwa 11.15 Uhr der Feftakt beginnt. Bei diesem Festakt werden der hessische Staatspräsident, der Oberbürgermeister von Mainz, Reichskanzler

Dr. Brüning, Reichskanzler a. D. Hermann Müller und zuletzt der R e i ch s p r ä f i d e n t das Wort ergreifen. Rach den Ansprachen werden von dem Mainzer Stadtorchester und Mainzer Gesang­vereinen Musikstücke oorgetragen. Der Festakt wird von sämtlichen deutschen Rundfunk­sendern übertragen. Nach dem Festakt fin­det im Kurfürstlichen Schloß zu Mainz ein Früh­stück statt. Um 16.45 Uhr wird der Reichspräsident nach Wiesbaden weiterfahren.

Von Teilnehmern sind neben dem Reichs­präsidenten und seiner unmittelbaren Begleitung (Staatssekretär Meißner und Oberstleutnant von Hindenburg) zu nennen: Reichskanzler Dr. Brüning, Reichskanzler a. D. Hermann Müller, Reichsaußenminister Dr. Curtius, Reichsinnenminister Dr. Wirth, der bayerische Ministerpräsident Dr. Held, der badische Staats­präsident Dr. Schmitt, der preußische Innen- Minister Prof. Dr. W a e n t i g, der bayerische Innenminister Dr. Stütze!, der oldenburgische Staatsminister Dr. Driver, Staatspräsident a. D. Ulrich, die Gesandten Dr. v. P r e g e r (Bayern/ und Dr. B o d e n (Braunschweig), ferner die Staats­sekretäre Dr. P ü n d e r von der Reichskanzlei und Schmid vom Reichsministerium für die besetzten Gebiete, Reichskommissar Frhr. Lanawerth von Simmern, Reichspressechef Dr. Zechlin und die Regierungspräsidenten der Pfalz und von Birkenfeld.

Thüringens Gireii mit dem Reich um die polizeizuschüffe.

Oie Verhandlungen vor dem Staatsgerichtshof.

Leipzig, 17.3uli. (WTB.) Der Staats­gerichtshof für das Deutsche Reich verhandelte unter dem Vorsitz des Reichsgerichtspräsidenten Dr. Bumke in der verfassungsmäßigen Streit­sache des Landes Thüringen gegen das Deutsche Reich über den Erlaß einer einst­weiligen Verfügung in der Frage der Weiter- gewährung der vom Reich an Thürin- genzutzahlendenReichs Zuschüsse.

Reichsgerichtsrat Schmitz ging als Bericht­erstatter auf Die Vorgeschichte ein. Die Be­rufung von Rationalsozialisten, ins­besondere in höchste Stellen der Polizei, ist nach Ansicht des Reiches mit den Grundsätzen über die Gewährung von Zuschüssen für Polizei­zwecke nicht in Einklang zu bringen. Thüringen stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt, daß es sich bei Polizeizuschüssen um vertrag­liche Verpflichtungen beiderTeile in

grunds ahlicher Gleichberechtigung handele. Wenn die Polizeizuschüsse nicht weiter gewährt würden, so würde Thüringen unter Umständen gezwungen sein, aus die Unterhaltung einer bewaffneten staatlichen Polizeimacht zu ver­zichten und eine Miliz einzuführen.

Ministerialdirigent Dr. Hänhschel führte aus, das Deutsche Reich habe überhaupt keine Verpflichtung zu bestimmten Leistungen an die Länder übernommen, sondern nur die Verpflich­tung, 195 Millionen für den polizeilichen Schutz in den Ländern in den Haushalt einzustellen. Das Reich habe die Pflicht, im Falle des Ar­tikels 48 dem Reichspräsidenten die Schutzpolizei als ein einheitlich geschlossenes Machtmittel zur Verfügung zu stellen. Des­halb habe die Reichsregierung den Ländern unter gewissen politischen Bindungen die Polizeizu­schüsse zugestanden, um sich den notwen­

digen Einfluß zu verschaffen. Niemals abev könne dem Reich zugemutet werden, revolutionäre Umtriebe in einem Lande zu finanzieren. Es handele sich nicht um die Besetzung von 2 höheren Polizeistellen, sondern um die planmäßige Durchsetzung der thüringischen Polizei mit Nationalsozialisten. Die Reichsregierung befürchte, daß sich in Thüringen in den nächsten Monaten Dinge ereignen werden, die das Reich unter allen Umständen unterdrücken mühte.

Ministerialrat G u y e t replizierte, daß nach Ansicht der thüringischen Regierung das Reichs­ministerium des Innern an einer national­sozialistischen Gespensterfurcht leide. Wenn behauptet werde, in den nächsten Monaten würden sich in Thüringen ganz besondere poli­tische Dinge ereignen, so müsse das die thürin­gische Regierung auf das entschiedenste zurückweisen. Unerweihliche .Behauptungen könnten unmöglich dazu führen, dem Lande Thü­ringen die Mittel für feinen poliMttchen Schutz abzuschneiden.

Die Entscheidung des Staatsgerichtshofes soll am Freitag verkündet werden.

Beilegung des Llniverfitätskonflikts in Thüringen.

Weimar, 17.3uü. (WTB.) Dem neuen Uni­versitätskurator Staatsrat Dr. H e r f u r t h ist es gelungen, die Differenzen, die aus der Beru­fung des Rassenforschers Dr. Günther zum ordentlichen Professor an die Landesuniversität 3ena zwischen dem Dolksbildungsministerium und der Universität entstanden waren, zu beheben. Man hat sich beiderseits auf eine Erklärung geeinigt, die die 3nnehal tung der in der Hauptsahung der Landesuniversität geordneten Berufungsverfahrensgrundsätze ge­währleistet. Der Rektor hat das von ihm gegen den ersten Vorsitzenden des Allgemeinen Studen­tenausschusses aus Anlaß der Kundgebungen der Studentenschaft für Dr. Günther eingeleitete Disziplinarverfahren niedergeschlagen, und anderseits hat der Ausschuß seinen Antrag an das Volksbildungsministerium auf Entscheidung über die Beanstandungen seiner Maßgaben durch den Rektor zurückgezogen.

Der Wormser llnmhen-prozeß.

WSN. Darmstadt, 17.3uli. Am zweiten Verhandlungstage wegen der Wormser 3a- nuar-Krawalle äußerte sich als erster Zeuge Polizeidirektor D i 11 m a r (Offenbach) über die Auslegung des WortesDemonstration". Das Wort sei nicht allgemein gebräuchlich, man sage im allgemeinen Umzug, Kundgebung ober Versammlung. Als nächster Zeuge wurde Polizei­direktor K l a p p r o t h erneut eingehend über die Vorgänge vernommen. Neu ist in der Ver­nehmung, daß er nunmehr die weiteren Fragen des Verteidigers beantworten wiU, die er in erster Instanz zu beantworten abgelehnt hatte. Der Verteidiger fragte, ob es richtig sei, daß er zu Bürgermeister Schulte gesagt habe, wenn sich ein Polizeibeamter einmal in einer pein­lichen Lage befände, dann brauche er es mit der Aussage nicht so genau zu nehmen, auch wenn er einmal etwas Falsches beschwöre. Klapp- r o t h gibt an, eine derartige Aeußerung niemals getan zu haben. Auf die weitere Frage der Ver­teidigung, ob ihm bekannt sei, daß ein Unter­beamter wegen einer Aussage gegen ihn in ein« Meineidsklage gekommen fei, bejaht Klapproth dies und erklärte, daß er davon überzeugt sei, daß dieser Beamte keinen Meineid geleistet habe. Die weiter vernommenen Polizeibeamten^ und Anwohner des Marktes bestätigten die bereits in erster 3nstanz festgestellten Vorgänge.

Oer Gaarbahnfchuh ist überflüssig.

Berlin, 17. 3uli. (CNB.) Wie wir erfahren, steht die von der Regierungskommifsion des Saar­gebietes vorgenommene Reduzierung des Effektiv­bestandes der Eisenbahnschutztruppen des Saar-

bete Katze. Die See hatte die Brückenfenster einge­schlagen jeder überkommende Brecher peitschte in Brücke und Kartenhaus. Die See machteRein Schiff." - Der Kapitän stand auf der Brücke. Seine Augen waren zu schmalem Spalt zusammengekniffen. Er beobachtete unausgesetzt eine dunkle, geballte Wolkenbank, die im Norden stand und mit großer Geschwindigkeit näher kam.

Schnee" knurrte er. Es schneite. Nicht mit einzelnen Flocken, der Schnee kam vom Himmel wie ein dichter, undurchdringlicher Vorhang. - Wir sahen nichts mehr. Nicht das Licht vom Matrosen­logis, nicht den Dordermast dicht vor uns, wir sahen nichts als Schnee. Der Kapitän drückte alle zehn Sekunden auf denKlingel"-Knopf: Vorsicht Schiff I! Vorsicht Schiff! I" Dann leuchtete matt an der Vordermastspitze unser Mor­sezeichen auf. Ich fragte:Hat denn das einen Zweck?"Zweck?!" fauchte mich der Kapitän an. Es hat auch keinen Zweck, daß Sie hier auf der Brücke stehen!!"

Die Stimmung wargeladen"; die Nerven zum Zerreißen angespannt. Jedes Wort wurde zuviel. Man sprach nur das Notwendigste. Und auch das klang dem Knurren eines Hundes ähnlicher, dem man einen Knochen weggenommen hat. Der Sturm raste in unverminderter Gewalt.Luken zuuul!" schrie der erste Maschinist durch das Sprachrohr nach der Brücke.Wasser im Maschinenraum!"

Jens, der Netzmacher, schlingerte die Haltetaue entlang, um die Bullaugen über dem Kesselhaus festzuschrauben. Da was war das? Ein unter­drückter Schrei klang durch das Brausen des Sturmes. Hiiiil--dann war's vorbei. Eine See hatte

Jens gegen das Kesselhaus geschleudert,die zweite spülte ihn über Bord. Hinaus in die brodelnde See flog ein Rettungsring. Wo ? Der Kapitän ließ den Kopf langsam sinken. Wir wußten alle, daß Jens nie mehr wiederkam. Der Kapitän ging ins Kartenhaus und schrieb ins Journal: Jens Broh 4,30 Uhr über Bord gespült."

Das Barometer stieg; doch das Thermometer fiel 18 24293642 Grad unter Null! Der Himmel klarte auf, aber die See kochte unvermin­dert im Sturm, und jedesmal, wenn dieBranden­burg" ihreNase" ins Meer steckte, kam das Schiff schwer und schwerer dick mit Eis beschlagen wieder hoch. Das unheimliche Gespenst des Eis­meeres hatte uns in den Krallen: die Gefahr des Niedereisens!"

Auch das noch." Die Stimme des Kapitäns klang mutlos, müde. Die Mannschaft arbeitete mit Piken und Beilen:Gis abl! Doch das Schiff sank immer tiefer und tiefer. Da faßte der Kapitän einen kurzen Entschluß.Westsüdwest, zwei Strich

zu Weeeestl!"Maschine volle Kraft vorausII" Wir dampften; und wir wußten alle; Schraubenbruch oder Kolbenbruch oder wir eisen nieder. Noch ein Viertes gab es, ein Unwahrscheinliches, aber unsere einzige Hoffnung: Wir kamen weiter west­lich aus der Eiszone ohne Havarie heraus.

Wir hielten Kurs; wir mußten Kurs halten; der Sturm aber raste aus Nordwest, so daß die Seen steuerbords über das Kartenhaus hinwegschlugen. Minuten wurden zu Ewigkeiten; daß der alte Kasten hielt, war ein Wunder. Da, das Thermometer flieg: 30 22 nur noch 16 Grad unter Null; schonsackte" das Schiff nicht mehr so schwer, schon war die Reling zeitweise über Wasser, da brach die Schraubenwelle! Wir peilten Position. Ist ja Quatsch, dachten wir alle zu gleicher Zeit. Und dann dachten wir: Gute Nacht, Schiff: jetzt ist's richtig.

Und bann? Dann geschah das Wunder: In dieser Wasserwüste, wo man oft Monate hindurch keinem Schiff begegnet, 300 Meilen von der ver­eisten Küste entfernt, trafen wir auf einen eng­lischen Fischkutter! Gr nahm uns ins Schlepptau und brachte uns bis Tromsö.wo wir ins Dock gingen. Und es war eigenartig; es ging uns allen, glaube ich, so: Erst als wir festes Land unter unseren Füßen halten, glaubten wir an unsere Rettung. - Sie war zu unwahrscheinlich gewesen.

Nach behelfsmäßiger Reparatur liefen wir den Heimathafen an. Der Halbmast gesetzte Wimpel hing schlaff hernieder. Am Löfchpier stand eine alte Frau und weinte. Es war die Mutter von Jens Broh.

Oas Schicksal des WelfenschaheS.

Der Welfe ns chatz, der seit seiner Erwer­bung durch deutsche Kunsthändler in der Schweiz aufbewahrt wird, soll nunmdhr am 1. August in Frankfurt öffentlich gezeigt werden. Ur­sprünglich war vorgesehen, ihn schon im Mai im Berliner Schloßmuseum zur Ausstellung zu brin­gen. Dies mußte jedoch unterbleiben, da der beabsichtigte Katalog noch nicht fertiggestellt war. Dieser Katalog, der die 82 Kunstwerke des Schatzes zusammenfaßt, ist jetzt fertiggestellt. Geheimrat Dr. Otto von Falke, Direktor Robert Schmidt vom Berliner Schloßmuseum und der Generaldirektor der Frankfurter Museen, Prof. Dr. Swarzenski, haben nach monatelanger Arbeit das wissenschaftlich hochinteressante Werk fertiggestellt. Damit ist die Möglichkeit der Publi­kation der meist der Kirchenkunst des frühen und hohen Mittelalters entstammenden Werkes nähergerückt, was in der Absicht der Autoren des Kataloges liegt, die unter allen Umständen

vermeiden wollen, daß der älteste deutsche Kunstschah und wahrscheinlich auch der wertvollste, ins Ausland abwandert. Nach den nunmehrigen Dispositionen soll der Schatz, nachdem er im August in Frankfurt gezeigt worden ist, nach Berlin gebracht werden, um hier im Rahmen der Ausstellungen anläßlich der Hundertjahr­feier der Berliner Museen gezeigt werden zu können. Aus dem Katalog, der in aller Kürze erscheinen wird, geht im übrigen hervor, daß der Welfenschah, was bisher nicht einwandfrei bekannt war, bis nach dem Mittelalter im Dom zu Braunschweig aufbewahrt wurde. Er umfaßte neben einigen Arbeiten früherer Zeit Reliquien, die Heinrich der Löwe um 1173 von Pilger­fahrten aus Palästina und Konstantinopel nach Deutschland brachte. An die hannoversche Linie des Welfenhauses wurde der Schatz im 17. Jahr­hundert abgetreten und in der Schloßsirche zu Hannover untergebracht. Die Furcht vor den napoleonischen Raubgelüsten war die Veranlas­sung, den Schah dann nach England zu bringen, von wo er in das Archiv nach Hannover und schließlich an das Welfenmuseum zurückging. 1866 überführte ihn Exkönig Georg nach Wien, und dort war er auf kurze Zeit im österreichischen Museum für Kunst und Industrie ausgestellt. Dann blieb er Jahrzehnte hindurch der öffent­lichen Besichtigung entzogen.

Hochschulnachrichten.

Der ordentliche Professor für Tierzuchtlehre an der Universität Jena Dr. Friedrich Percival Steg mann ist auf fein Ansuchen vom 1. April 1931 ab entpflichtet worden. Der Gelehrte habi­litierte sich 1920 in Gießen und siedelte bald darauf als Extraordinarius nach Jena als Nach­folger von Prof. Jonas Schmidt über, wo er 1924 zum Ordinarius befördert wurde. Zur Wiederbesehung des durch die Emeritierung des Geheimen Rates Prof. Karl von Goebel an der Universität München erledigten Ordinariats für Botanik ist ein Ruf an Prof. Dr. Hans Winkler an der Universität Hamburg er­gangen. Ernannt wurde der o. Professor Dr. Friedrich K l i n g n e r von der Universität H a rn- burg vom 1. Oktober 1930 ab zum ordentlichen Professor der klassischen Philologie in Leipzig. Dr. Klingner, der dem Lehrkörper der Hambur­gischen Universität seit 1925 als Nachfolge? Friedrich PlaSoergs angeführt, lehrt« früher ÜJ Marburg, .