Lleberflüssige Aufregung in Paris.
Gehässige Angriffe auf Hindenburg.
Paris. 17. Juli. (SU.) Die Pariser Rechts-, presse sieht in der Entwicklung der innerpolitischen Lage in Deutschland eine schwere Sebro* hnng der in den letzten Jahren befolgten L o- carnopolitik. Die Angriffe richten sich je- doch weniger gegen die Regierung Brüning, als gegen den Reichspräsidenten von Hindenburg, von dem es heißt, er habe endgültig die-ZügelderRegierungper- sönlich in die Hand genommen und handhabe sie mit einer Energie, die geradezu erstaunlich sei. Es fehlt natürlich nicht an überaus gehässigen Angriffen, so besonders in der „öiber te“, die sich wieder einmal bemüßigt fühlt, zu erklären, daß das ganze deutsche Volk während des Krieges noch unter das Niveau der Hunnen, Hyänen und Gorillas gesunken sei, und der Präsident der deutschen Republik, Gencralfeldmarschall von Hindenburg auf der Liste der Kriegsverbrecher gestanden habe, die zur Zwangsarbeit verurteilt werden sollten, hinter dem Deckmantel der Finanzaufbesserung, so führt das Blatt weiter aus, habe man zur Anwendung des Artikels 48 der Reichsverfassung gegriffen, während zur gleichen Zeit der Reichspräsident die preußische Regierung dazu zwinge, sich vor dem Stahlhelm zu beugen und die Reichsregierung als Voraussetzung für ihren Beitritt zum europäischen Staatenbund die Revision der Verträge verlange. Das sei, so betont das Blatt, die Bilanz der Nachkriegspolitik. — 3m „3 o u r - nal des Debats" heißt es u. a., das Eingreifen Hindenburgs in die Angelegenheit des Stahlhelms sei ein Ereignis, das in Zukunft alle Illusionen zunichte mache. — Der „Ternps" stellt fest, daß der Reichskanzler mit der Anwendung des Artikels 48 sich entschlossen habe, einen entscheidenden Schritt auf dem Wege zur Diktatur zu machen, wodurch der Rückkehr zu einer linksgerichteten Koalition unüberwindliche Schwierigkeiten entgegengesetzt würden. — Der „<3 o i r" führt u. a. aus, daß die durch wirtschaftliche Rot verdoppelte Krise des Parlamentarismus und des demokratischen Systems außerordentlich beunruhigend wirke. Die deutsche Rechte erhebe das Haupt und verberge gar nicht ihre Absicht, die Autorität der Republik zu schwächen.
Englands Absage an Briand.
<ic Antwort Londons
auf das Paneuropa-Memorandum.
London, 17.Juli. (Tel.-Un.) Die britische Regierung ließ am Donnerstag in Paris die Antwort auf die Briandsche Paneuropadenkschrift überreichen. Sie betont, daß sie die Entscheidung über eine so wichtige Angelegenheit nur in Ueberein st immun g mit den Dominions fällen könne. Sie könne daher nur vorläufig antworten. Sie hoffe, daß der Schritt Briands zu einer besseren Verständigung zwischen den europäischen Regierungen, zu einer Verminderung der internationalen Wirtschaftsschrvierigkeiten und zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit führen werde. Ueber die Wege, die hierzu führen, sei die britische Regie- l rung jedoch anderer Ansicht als Frankreich. So meine sie, daß die Errichtung neuer und unab- 7 hängiger internationaler Einrichtungen nicht not» wenoig oder wünschenswert sei. Falls die britische Regierung Briands Vorschläge richtig verstanden habe, wünsche die französische Regierung eine europäische Konferenz, ein ausführendes Komitee und möglicherweise auch ein neues europäisches Sekretariat zu schaffen. Da der Völkerbund bereits ähnliche Arbeiten ausgenommen habe, sei es schwierig, eine allgemeine Verwirrung und vielleicht auch neue Eifersüchteleien zu verhindern, die mit Sicherheit die Wirksamkeit und das Ansehen der Völkerbundsorgane schädigen würden. Falls man hierauf nicht genau achte, würden nach der Ansicht der britischen Regierung die euro
Deutscher Fischdampfer im Nördlichen Eismeer.
Von Otto Gutzeit.
Dach fechstägiger Fahrt durch die Schären, Sunde, Fjorde Dorwegens gaben wir in Honningsvaag, der nördlichsten Station, den Lotsen von Bord. Um die Halbinsel Dord Kyn Halvöha herum dampften wir ins Dördliche Eismeer. 400 Seemeilen von der Küste entfernt nahmen wir Kurs auf Kap-Kanins Kaja. An Finnmarken, Finnland, westlichem. — östlichem Murman vorbei.
Kein Schiff war zu sehen. — kein Land. Dur See und Himmel, weit, — endlos weit. Und der Tag hatte nur eine Stunde, - und dreiundzwanzig Stunden war es Dacht. — Einsamkeit schmiedete uns 14 Menschen fest zusammen. Jens Broh, der Detzmacher und Rudergänger, stand an der Steuerpinne. „Steuerbord voraus, Feuer von Kanin- Roß." — Wir hatten nach dreizehn Tagen Fahrt unseren Fangplah erreicht. Wir setzten das Deh aus, — „schleppten", — holten nach vier Stunden wieder hoch —: Kein Fischi
Der Kapitän knurrte: „Kalte Strömung oder Grundeis; oder beides. — Der Fisch ist unberechenbar." —
„Kurs West-Dord-West, - zwei Strich zu West I" Wir dampften zwei Tage den Weg zurück, den wir gekommen waren, — zur „Skolpenbark", einem ungeheuer weiten Fangplah, ungefähr 400 Meilen nördlich von Archangelsk. Es waren vierverlorene Tage. — Doch wir „erwischten" den Fischs wir hatten bis zu neunzig Zentner in einem „Hol." Tag und Dacht fischten wir: alle vier Stunden. Wir hatten fünfzehnhundert „Körbe" (Zentner) im Eisraum liegen, — da brach der Sturm los. — Drei Tage trieben wir uns nun auf der „Skolpenbank" ohne Dampf herum.
Der Sturm raste aus Dordwest in Stärke 11. Unser Backbordsanggerät war zerschlagen, an fischen war nicht mehr zu denken; das einzige, was uns zu tun übrig blieb, war, daß wir das Ruder gegen die See hielten. — Die Mannschaft war vollkommen erschöpft — dreizehn Tage hatten wir gefischt, — seit drei Tagen wütete der Sturm. Die Maschine hatten Wir abstellen muffen, weil bei diesem Höl- lentanz Schraube und Kessel in Gefahr waren. Hob fich das Schiff auf den Kamm einer See, dann raste die Schraube ohne Wafferwiderstand in der Luft. Die Kolben der Maschine konnten dieser Belastung nicht standhalten.
Klaus, der Bootsmann, hatte fich an die Ruderpinne festgebunden; er war naß wie eine geba-
päischen und die Weltintercssen geschädigt werden. Dies seien Fragen, auf die die britische Regierung als Mitglied des Britischen Weltreiches Rücksicht nehmen müsse. Es sei daher wünschenswert, daß die Vorschläge der französischen Regierung in den Rahmen des Völkerbundes eingegliedert würden. Die britische Regierung halte die Bildung von europäischen Ausschüssen des Bölkerbundsrates für möglich, um so eine engere Zusammenarbeit der Mächte Europas herzustellen. Hierdurch würden auch das Risiko und die Schwierigkeiten vermieden werden, die ein neues und unabhängiges System mit sich bringen würde.
Oie Neuorganisation
des rheinischen Stahlhelms.
Hagen, 17.3uli. (ERB. Eigene Meldung./ Dach Mitteilung der Führung des Stahlhelms Westmark wurde im Bereiche der aufgelösten
Landesverbände 3ndustriegebiet und Rheinland ein Landesverband West mark gebildet. Die Leitung rechnet mit einem in der Derbotszeit eingetretenen Anwachsen der Frontsoldatenbewegung, besonders in den beiden Räumungszonen und glaubt, daß der Landesverband Westmark voraussichtlich acht Gaue mit der entsprechenden Zahl von Ortsgruppen umfassen wird. Die Führung des Landesverbandes hat ein Danktelegramm an den Reichspräsidenten gerichtet. Sie kündigt an, daß sie zur Begrüßung deS Reichspräsidenten i n M a i n z am 20. Juli sämtliche Fahnen des Landesverbandes mit entsprechender Begleitung entsenden werde. Eine Woche später sollen gleichzeitige Aufmärsche an zehn Stellen stattfinden, an denen sämtliche Gaue des Landesverbandes teilnehmen. Wie von Stahlhelmseite erklärt wird, handelt es sich darum, „die ungeschwächte Stärke der Bewegung za erweisen".
Hindenburgs Besuch in Rheinhessen.
Das Programm des Zestsonntags in Mainz. — Oie offiziellen Gäste.
WSR. Darmstadt 17. Juli. Zum Besuch des Reichspräsidenten in Rheinhessen wird von zuständiger Stelle mitgeteilt: Der Reichspräsident trifft mit dem Dampfer „Hinden- b u r g", von Speyer kommend, am Samstag etwa 16.30 Uhr in Worms ein. Dort wird er von der hessischen Regierung und den Vertretern der Stadt Worms auf dem Schiff begrüßt werden. Rach kurzem Aufenthalt erfolgt die Weiter- fahrt nach Mainz. Ankunft dort etwa 19 Uhr. Parade der Mainzer Schleppboote auf der Reede von Mainz. Empfang an der Landungsbrücke durch Oberbürgermeister Dr. Külb, FahrtdesReichs- präfidenten, der Reichsminister und der hessischen Minister über den Fischtorplatz durch Lud- wigsstraße, Schillcrstraße, Große Bleiche zum Palais (Deutschordenshaus). Erster Wagen: Polizeiwagen, zweiter Wagen: Reichspräsident und Staatspräsident Dr. Adelung. Am Abend etwa 21.30 Uhr bringen die Mainzer Vereine vor dem Palais ein Ständchen.
Sonntag, 20. Juli, begibt fich der Reichspräsident kurz vor 9 Uhr in die Christuskirche zum Gottes- dienft. Um 10 Uhr erfolgt eine Rundfahrt, bei der auf dem Schillerplatz zur Enthüllung des Befreiungsdenkmals Halt gemacht wird. Die Rundfahrt endigt an tfcr Stadthalle, wo etwa 11.15 Uhr der Feftakt beginnt. Bei diesem Festakt werden der hessische Staatspräsident, der Oberbürgermeister von Mainz, Reichskanzler
Dr. Brüning, Reichskanzler a. D. Hermann Müller und zuletzt der R e i ch s p r ä f i d e n t das Wort ergreifen. Rach den Ansprachen werden von dem Mainzer Stadtorchester und Mainzer Gesangvereinen Musikstücke oorgetragen. Der Festakt wird von sämtlichen deutschen Rundfunksendern übertragen. Nach dem Festakt findet im Kurfürstlichen Schloß zu Mainz ein Frühstück statt. Um 16.45 Uhr wird der Reichspräsident nach Wiesbaden weiterfahren.
Von Teilnehmern sind neben dem Reichspräsidenten und seiner unmittelbaren Begleitung (Staatssekretär Meißner und Oberstleutnant von Hindenburg) zu nennen: Reichskanzler Dr. Brüning, Reichskanzler a. D. Hermann Müller, Reichsaußenminister Dr. Curtius, Reichsinnenminister Dr. Wirth, der bayerische Ministerpräsident Dr. Held, der badische Staatspräsident Dr. Schmitt, der preußische Innen- Minister Prof. Dr. W a e n t i g, der bayerische Innenminister Dr. Stütze!, der oldenburgische Staatsminister Dr. Driver, Staatspräsident a. D. Ulrich, die Gesandten Dr. v. P r e g e r (Bayern/ und Dr. B o d e n (Braunschweig), ferner die Staatssekretäre Dr. P ü n d e r von der Reichskanzlei und Schmid vom Reichsministerium für die besetzten Gebiete, Reichskommissar Frhr. Lanawerth von Simmern, Reichspressechef Dr. Zechlin und die Regierungspräsidenten der Pfalz und von Birkenfeld.
Thüringens Gireii mit dem Reich um die polizeizuschüffe.
Oie Verhandlungen vor dem Staatsgerichtshof.
Leipzig, 17.3uli. (WTB.) Der Staatsgerichtshof für das Deutsche Reich verhandelte unter dem Vorsitz des Reichsgerichtspräsidenten Dr. Bumke in der verfassungsmäßigen Streitsache des Landes Thüringen gegen das Deutsche Reich über den Erlaß einer einstweiligen Verfügung in der Frage der Weiter- gewährung der vom Reich an Thürin- genzutzahlendenReichs Zuschüsse.
Reichsgerichtsrat Schmitz ging als Berichterstatter auf Die Vorgeschichte ein. Die Berufung von Rationalsozialisten, insbesondere in höchste Stellen der Polizei, ist nach Ansicht des Reiches mit den Grundsätzen über die Gewährung von Zuschüssen für Polizeizwecke nicht in Einklang zu bringen. Thüringen stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt, daß es sich bei Polizeizuschüssen um vertragliche Verpflichtungen beiderTeile in
grunds ahlicher Gleichberechtigung handele. Wenn die Polizeizuschüsse nicht weiter gewährt würden, so würde Thüringen unter Umständen gezwungen sein, aus die Unterhaltung einer bewaffneten staatlichen Polizeimacht zu verzichten und eine Miliz einzuführen.
Ministerialdirigent Dr. Hänhschel führte aus, das Deutsche Reich habe überhaupt keine Verpflichtung zu bestimmten Leistungen an die Länder übernommen, sondern nur die Verpflichtung, 195 Millionen für den polizeilichen Schutz in den Ländern in den Haushalt einzustellen. Das Reich habe die Pflicht, im Falle des Artikels 48 dem Reichspräsidenten die Schutzpolizei als ein einheitlich geschlossenes Machtmittel zur Verfügung zu stellen. Deshalb habe die Reichsregierung den Ländern unter gewissen politischen Bindungen die Polizeizuschüsse zugestanden, um sich den notwen
digen Einfluß zu verschaffen. Niemals abev könne dem Reich zugemutet werden, revolutionäre Umtriebe in einem Lande zu finanzieren. Es handele sich nicht um die Besetzung von 2 höheren Polizeistellen, sondern um die planmäßige Durchsetzung der thüringischen Polizei mit Nationalsozialisten. Die Reichsregierung befürchte, daß sich in Thüringen in den nächsten Monaten Dinge ereignen werden, die das Reich unter allen Umständen unterdrücken mühte.
Ministerialrat G u y e t replizierte, daß nach Ansicht der thüringischen Regierung das Reichsministerium des Innern an einer nationalsozialistischen Gespensterfurcht leide. Wenn behauptet werde, in den nächsten Monaten würden sich in Thüringen ganz besondere politische Dinge ereignen, so müsse das die thüringische Regierung auf das entschiedenste zurückweisen. Unerweihliche .Behauptungen könnten unmöglich dazu führen, dem Lande Thüringen die Mittel für feinen poliMttchen Schutz abzuschneiden.
Die Entscheidung des Staatsgerichtshofes soll am Freitag verkündet werden.
Beilegung des Llniverfitätskonflikts in Thüringen.
Weimar, 17.3uü. (WTB.) Dem neuen Universitätskurator Staatsrat Dr. H e r f u r t h ist es gelungen, die Differenzen, die aus der Berufung des Rassenforschers Dr. Günther zum ordentlichen Professor an die Landesuniversität 3ena zwischen dem Dolksbildungsministerium und der Universität entstanden waren, zu beheben. Man hat sich beiderseits auf eine Erklärung geeinigt, die die 3nnehal tung der in der Hauptsahung der Landesuniversität geordneten Berufungsverfahrensgrundsätze gewährleistet. Der Rektor hat das von ihm gegen den ersten Vorsitzenden des Allgemeinen Studentenausschusses aus Anlaß der Kundgebungen der Studentenschaft für Dr. Günther eingeleitete Disziplinarverfahren niedergeschlagen, und anderseits hat der Ausschuß seinen Antrag an das Volksbildungsministerium auf Entscheidung über die Beanstandungen seiner Maßgaben durch den Rektor zurückgezogen.
Der Wormser llnmhen-prozeß.
WSN. Darmstadt, 17.3uli. Am zweiten Verhandlungstage wegen der Wormser 3a- nuar-Krawalle äußerte sich als erster Zeuge Polizeidirektor D i 11 m a r (Offenbach) über die Auslegung des Wortes „Demonstration". Das Wort sei nicht allgemein gebräuchlich, man sage im allgemeinen Umzug, Kundgebung ober Versammlung. Als nächster Zeuge wurde Polizeidirektor K l a p p r o t h erneut eingehend über die Vorgänge vernommen. Neu ist in der Vernehmung, daß er nunmehr die weiteren Fragen des Verteidigers beantworten wiU, die er in erster Instanz zu beantworten abgelehnt hatte. Der Verteidiger fragte, ob es richtig sei, daß er zu Bürgermeister Schulte gesagt habe, wenn sich ein Polizeibeamter einmal in einer peinlichen Lage befände, dann brauche er es mit der Aussage nicht so genau zu nehmen, auch wenn er einmal etwas Falsches beschwöre. Klapp- r o t h gibt an, eine derartige Aeußerung niemals getan zu haben. Auf die weitere Frage der Verteidigung, ob ihm bekannt sei, daß ein Unterbeamter wegen einer Aussage gegen ihn in ein« Meineidsklage gekommen fei, bejaht Klapproth dies und erklärte, daß er davon überzeugt sei, daß dieser Beamte keinen Meineid geleistet habe. Die weiter vernommenen Polizeibeamten^ und Anwohner des Marktes bestätigten die bereits in erster 3nstanz festgestellten Vorgänge.
Oer Gaarbahnfchuh ist überflüssig.
Berlin, 17. 3uli. (CNB.) Wie wir erfahren, steht die von der Regierungskommifsion des Saargebietes vorgenommene Reduzierung des Effektivbestandes der Eisenbahnschutztruppen des Saar-
bete Katze. Die See hatte die Brückenfenster eingeschlagen — jeder überkommende Brecher peitschte in Brücke und Kartenhaus. Die See machte „Rein Schiff." - Der Kapitän stand auf der Brücke. Seine Augen waren zu schmalem Spalt zusammengekniffen. Er beobachtete unausgesetzt eine dunkle, geballte Wolkenbank, die im Norden stand und mit großer Geschwindigkeit näher kam.
„Schnee" — knurrte er. — Es schneite. Nicht mit einzelnen Flocken, — der Schnee kam vom Himmel wie ein dichter, undurchdringlicher Vorhang. - Wir sahen nichts mehr. Nicht das Licht vom Matrosenlogis, nicht den Dordermast dicht vor uns, — wir sahen nichts als Schnee. — Der Kapitän drückte alle zehn Sekunden auf den „Klingel"-Knopf: „Vorsicht — Schiff I! — Vorsicht — Schiff! I" Dann leuchtete matt an der Vordermastspitze unser Morsezeichen auf. Ich fragte: „Hat denn das einen Zweck?" — „Zweck?!" fauchte mich der Kapitän an. „Es hat auch keinen Zweck, daß Sie hier auf der Brücke stehen!!"
Die Stimmung war „geladen"; die Nerven zum Zerreißen angespannt. Jedes Wort wurde zuviel. Man sprach nur das Notwendigste. Und auch das klang dem Knurren eines Hundes ähnlicher, dem man einen Knochen weggenommen hat. Der Sturm raste in unverminderter Gewalt. „Luken — zuuul!" schrie der erste Maschinist durch das Sprachrohr nach der Brücke. „Wasser im Maschinenraum! —"
Jens, der Netzmacher, schlingerte die Haltetaue entlang, um die Bullaugen über dem Kesselhaus festzuschrauben. Da — was war das? Ein unterdrückter Schrei klang durch das Brausen des Sturmes. „Hiiiil--dann war's vorbei. Eine See hatte
Jens gegen das Kesselhaus geschleudert, —die zweite spülte ihn über Bord —. Hinaus in die brodelnde See flog ein Rettungsring. Wo — ? Der Kapitän ließ den Kopf langsam sinken. Wir wußten alle, daß Jens nie mehr wiederkam. — Der Kapitän ging ins Kartenhaus und schrieb ins Journal: „Jens Broh 4,30 Uhr über Bord gespült." —
Das Barometer stieg; doch das Thermometer fiel — 18 — 24 —29—36 —42 Grad unter Null! Der Himmel klarte auf, aber die See kochte unvermindert im Sturm, und jedesmal, wenn die „Brandenburg" ihre „Nase" ins Meer steckte, kam das Schiff schwer und schwerer — dick mit Eis beschlagen — wieder hoch. Das unheimliche Gespenst des Eismeeres hatte uns in den Krallen: die Gefahr des „Niedereisens!"
„Auch das noch." Die Stimme des Kapitäns klang mutlos, müde. Die Mannschaft arbeitete mit Piken und Beilen: „Gis abl!“ Doch das Schiff sank immer tiefer und tiefer. — Da faßte der Kapitän einen kurzen Entschluß. „Westsüdwest, — zwei Strich
zu Weeeestl!" „Maschine volle Kraft vorausII" Wir dampften; und wir wußten alle; Schraubenbruch oder Kolbenbruch — oder wir eisen nieder. Noch ein Viertes gab es, — ein Unwahrscheinliches, aber unsere einzige Hoffnung: Wir kamen weiter westlich aus der Eiszone ohne Havarie heraus.
Wir hielten Kurs; wir mußten Kurs halten; der Sturm aber raste aus Nordwest, so daß die Seen steuerbords über das Kartenhaus hinwegschlugen. Minuten wurden zu Ewigkeiten; daß der alte Kasten hielt, war ein Wunder. Da —, das Thermometer flieg: — 30 — 22 — nur noch 16 Grad unter Null; — schon „sackte" das Schiff nicht mehr so schwer, schon war die Reling zeitweise über Wasser, — da brach die Schraubenwelle! Wir peilten Position. Ist ja Quatsch, dachten wir alle zu gleicher Zeit. Und dann dachten wir: Gute Nacht, Schiff: jetzt ist's richtig. —
Und bann? Dann geschah das Wunder: In dieser Wasserwüste, wo man oft Monate hindurch keinem Schiff begegnet, — 300 Meilen von der vereisten Küste entfernt, — trafen wir auf einen englischen Fischkutter! — Gr nahm uns ins Schlepptau und brachte uns bis Tromsö.wo wir ins Dock gingen. Und es war eigenartig; es ging uns allen, glaube ich, so: Erst als wir festes Land unter unseren Füßen halten, glaubten wir an unsere Rettung. - Sie war zu unwahrscheinlich gewesen. —
Nach behelfsmäßiger Reparatur liefen wir den Heimathafen an. Der Halbmast gesetzte Wimpel hing schlaff hernieder. Am Löfchpier stand eine alte Frau und weinte. — Es war die Mutter von Jens Broh.
Oas Schicksal des WelfenschaheS.
Der Welfe ns chatz, der seit seiner Erwerbung durch deutsche Kunsthändler in der Schweiz aufbewahrt wird, soll nunmdhr am 1. August in Frankfurt öffentlich gezeigt werden. Ursprünglich war vorgesehen, ihn schon im Mai im Berliner Schloßmuseum zur Ausstellung zu bringen. Dies mußte jedoch unterbleiben, da der beabsichtigte Katalog noch nicht fertiggestellt war. Dieser Katalog, der die 82 Kunstwerke des Schatzes zusammenfaßt, ist jetzt fertiggestellt. Geheimrat Dr. Otto von Falke, Direktor Robert Schmidt vom Berliner Schloßmuseum und der Generaldirektor der Frankfurter Museen, Prof. Dr. Swarzenski, haben nach monatelanger Arbeit das wissenschaftlich hochinteressante Werk fertiggestellt. Damit ist die Möglichkeit der Publikation der meist der Kirchenkunst des frühen und hohen Mittelalters entstammenden Werkes nähergerückt, was in der Absicht der Autoren des Kataloges liegt, die unter allen Umständen
vermeiden wollen, daß der älteste deutsche Kunstschah und wahrscheinlich auch der wertvollste, ins Ausland abwandert. Nach den nunmehrigen Dispositionen soll der Schatz, nachdem er im August in Frankfurt gezeigt worden ist, nach Berlin gebracht werden, um hier im Rahmen der Ausstellungen anläßlich der Hundertjahrfeier der Berliner Museen gezeigt werden zu können. Aus dem Katalog, der in aller Kürze erscheinen wird, geht im übrigen hervor, daß der Welfenschah, was bisher nicht einwandfrei bekannt war, bis nach dem Mittelalter im Dom zu Braunschweig aufbewahrt wurde. Er umfaßte neben einigen Arbeiten früherer Zeit Reliquien, die Heinrich der Löwe um 1173 von Pilgerfahrten aus Palästina und Konstantinopel nach Deutschland brachte. An die hannoversche Linie des Welfenhauses wurde der Schatz im 17. Jahrhundert abgetreten und in der Schloßsirche zu Hannover untergebracht. Die Furcht vor den napoleonischen Raubgelüsten war die Veranlassung, den Schah dann nach England zu bringen, von wo er in das Archiv nach Hannover und schließlich an das Welfenmuseum zurückging. 1866 überführte ihn Exkönig Georg nach Wien, und dort war er auf kurze Zeit im österreichischen Museum für Kunst und Industrie ausgestellt. Dann blieb er Jahrzehnte hindurch der öffentlichen Besichtigung entzogen.
Hochschulnachrichten.
Der ordentliche Professor für Tierzuchtlehre an der Universität Jena Dr. Friedrich Percival Steg mann ist auf fein Ansuchen vom 1. April 1931 ab entpflichtet worden. Der Gelehrte habilitierte sich 1920 in Gießen und siedelte bald darauf als Extraordinarius nach Jena als Nachfolger von Prof. Jonas Schmidt über, wo er 1924 zum Ordinarius befördert wurde. — Zur Wiederbesehung des durch die Emeritierung des Geheimen Rates Prof. Karl von Goebel an der Universität München erledigten Ordinariats für Botanik ist ein Ruf an Prof. Dr. Hans Winkler an der Universität Hamburg ergangen. — Ernannt wurde der o. Professor Dr. Friedrich K l i n g n e r von der Universität H a rn- burg vom 1. Oktober 1930 ab zum ordentlichen Professor der klassischen Philologie in Leipzig. Dr. Klingner, der dem Lehrkörper der Hamburgischen Universität seit 1925 als Nachfolge? Friedrich PlaSoergs angeführt, lehrt« früher ÜJ Marburg, .


