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Für den Büchertisch.

Länder und Völker.

Dr. C. Leonhard Woolleh: il r unb n t f I u t. Sieben Jahre Ausgrabungen in Chaldaa, der Heimat Abrahams: mit 92 Ab­bildungen, einer Karte und einem Plan von Ur Ganzleinen 8 Mk. Verlag F. A. Brockhaus. Leip- zig (335). Die Ausgrabungen der gemein­samen Expedition des Britischen Museums und des Museums der Universität von Pennsylvanien unter Leitung Woolleys haben eine vollständige Umwälzung unserer Kenntnis von den Anfängen menschlicher Kultur mit sich gebracht. Lange bevor die Pharaonen ihre prächtigen Bauten zu ihren und der Götter Ehren auftürmen ließen bestand in der Heimat Abrahams schon eine alte hohe Kultur. Wie die Ausgräber die verschic- schiedcnen Schichten Urs im Verlaufe sieben ar- beitsreicher Jahre langsam aufdeckten, schildert Woolleh als erster und nur in diesem überaus fesselnden Buche. Die Schätze in den (Ruinen von Ur übersteigen an Pracht oft noch die schon berühmt gewordenen Kostbarkeiten aus dem Grabe Tut-ench-Amuns. Der Leser kann sie in dem Buche Wolleys, das mit 92 prächtigen Originalbildern von den Ausgrabungen auf Kunst­drucktafeln und einem Plane Urs geschmückt ist, staunend betrachten. Freilich dürfte die rein menschliche Anteilnahme an den bewunderungs­würdigen Leuten, die schon vor 5500 Jahren eine wundervolle Kultur schaffen konnten, dem Buch wohl die meisten Leser zuf ähren.

Politik und Geschichte.

Geschichte der französischen Re­volution, 1 7 8 9 b i s 1 7 9 9. Von Professor Dr. O. Wahl. 140 Seiten. 1,80 Mk. 3n Samm­lung Wissenschaft und Bildung. Verlag von Quelle & Mchcr in Leipzig (285). Der Ver­fasser läßt das ganze Drama der Revolution von der Änberufung der Generalstände bis zum Staatsstreich Bonapartes in übersichtlicher Glie­derung vor uns abrollen. Lebendig und anschau­lich sind die führenden Männer der Revolutions­zeit und das meist gewaltsame Ende ihrer Macht gezeichnet. Doch bleibt der Verfasser nie bei Einzelheiten stehen, arbeitet vielmehr stets die großen Linien der Entwicklung und die wechsel­seitigen Beziehungen zwischen Innen- und Außen­politik, Reformversuchcn und Zwangsmaßnahmen heraus.

Zwölf Jahre Ruhrbcrgbau. Aus feiner Geschichte vom Kriegsanfang bis zum Franzosenabmarsch (1914 bis 1925) Band IV. Der Ruhrkampf 1923 bis 1 925. Das Ringen um die Kohle. Von Dr. Hans Speth- mann, Privatdozent in Köln, mit einer Karte, 51 Tafeln und 39 Textabbildungen. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin SW 61. (263.) Das große monumentale Quellenwerk für die Wirt­schaftsgeschichte des Rachkriegsdeutschlands wird mit diesem 4. Band textlich zu Ende geführt. Ein 5. Band, der für den Rovember 1930 in Aussicht gestellt ist, soll in einer Auswahl von etwa 450 Photographien ein geschlossenes Bilder­werk des Ruhrkampfes darstellen. 3m 4. Band schildert Spethmann den Kampf, den der deutsche Bergbau' mit den eingedrungenen Franzosen, den Gerichtsvollziehern" Poincares, der Jngenieur- kvmmission, um die Zechen des Ruhrgebiets zu führen hatte. Die Zechenbesehungen, das skrupel­lose Räubern von Deputatkohlen, das Stehlen von Lohngeldern, der Regiebetrieb, sind traurige Etappen einer verfehlten Politik. Eingehend wird dann die Haltung der Bergarbei­ter s ch a f t gezeigt, die keineswegs einheitlich war, da der sozialistische Alte Verband, die Christlichen Gewerkschaften und die Kommunisten zeitweise in ihrer Stellungnahme weit ausein­ander gingen. Während die Freien Gewerk­schaften und die Sozialdemokratische Partei Son­derprotestkundgebungen veranstalteten und ihre Hoffnung auf die 3nternationale setzten, standen die Christlichen Gewerkschaften in der Stunde der nationalen Rot mit dem Unternehmertum ein­mütig gegen die landfremden Eindringlinge zu­sammen. Aber unter dem Eindruck der Ereignisse änderte sich manches. Rach der ersten Rieder- geschlagenheit über die tatsächliche Verwirklichung des Einmarsches löste die fremdländische Ver­gewaltigung mit all ihren aufreizenden Begleit­erscheinungen gerade bei den Bergarbeitern al­ler politischen Richtungen Kräfte starken, ge­funden, nationalen Willens aus. So klingt ein gemeinsamer Aufruf sämtlicher Dergarbeiterorga- nisationen des Reviers, der etwa eine Woche nach dem Einmarsch erging, schon beträchtlich an­ders als jene Aufrufe, die im Augenblick des Einmarsches von den Zentralen in Berlin, fern vom Schuh, erlassen worden waren. Die Haltung des Alten Verbandes rückt nun von der der Berliner Zentrale in wesentlichen Fragen scharf ab. Sozialdemokratische Führer wie Mart­möller vom Alten Verband, der Reichskommis- far Mehlich, unb der wegen seiner energischen Haltung berühmt gewordene Düsseldorfer Re- -Lierungspräsident Dr. G r ü tz n e r wurden Füh­rer des deutschen Abwehrkampfes, die stets be­müht blieben, die Gewerkschaften in einer Front zu führen, im Gegensatz zur Berliner Zentrale und der Parteipresse. Der Verfasser schildert dann des weiteren die kommunistischen Unruhen, die schon im April in Mülheim ein» fetzten und im Mai. wie später im August, fast das ganze Revier erschütterten. Rach dem Zu- fammenbrechen des passiven Widerstandes erhob zu allem Unglück noch der Separatismus, der 1918 keinen Erfolg gehabt hatte, erneut sein Haupt, allerdings auch diesmal ohne irgendwo festen Boden zu gewinnen. Die Anhängerschaft war nur zum kleinen Teil an Ruhr und Rhein ansässig, vielfach war es angeworbenes Gesindel, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte. 3m Dchluhkapitel betrachtet der Verfasser dann die furchtbaren Opfer dieses Kampfes, die Verhaftungen und Verurteilungen, die furcht­baren Zustände in den Gefängnissen, die unzähli­gen Mißhandlungen, Beraubungen. Vergewalti­gungen und sogar Tötungen, die sich die Ein­bruchsarmee der ..ruhmreichen" französischen Ra­tion zusammen mit ihren belgischen Verbündeten zuschulden kommen ließ. Das nunmehr seinem Abschluß zugehende Werk ist der Darstellung nach, wie im Hinblick auf die einzigartige Quellen- fammlung vielleicht das wertvollste, was über den Ruhrkampf geschrieben wurde und gerade rn den Tagen der Rheinlandbefreiung eine be­sonders interessante und nachdenkliche Lektüre.

Dr. Hermann Lufft: Lateiname­rika, mit 17 Karten, 202 Abbildungen und Diagrammen, in Ganzleinen 28 Mk. Verlag Bibliographisches Institut AG. Leipzig (189). 3n dem durch Anlage, Durchführung und Aus­stattung gleich hervorragenden SammelwerkPro­vinzen der Weltwirtschaft und Weltpolitik", das der um die geographische Wissenschaft feit Jahr­zehnten hochverdiente Verlag veranstaltet, er­scheint als neuester Band eine Darstellung Lateinamerikas in einem Augenblick, der durch die nicht alltägliche Revolutionsbewegung in Argentinien und einer Reihe südamerikanischer *'ftftaatcn eine zusammenfassende Betrachtung Lateinamerikas in wirtschaftlicher, politischer und kultureller Beziehung besonders aktuell macht. Der Verfasser, der jahrelang in Uebersee gelebt hat. ist bereits durch eine Reihe von Büchern über

Südamerika bekannt geworden. 3n diesem, durch ausgezeichnete, auch technisch gut wiedergegebenen Abbildungen und interessante statistische Zu­sammenstellungen besonders wertvollen Buch gibt Lufft nach einer allgemeinen Betrachtung über die geographische und verkehrswirtschaftliche Lage Südamerikas im ganzen, eine Darstellung der einzelnen Länder, namentlich ihres Außenhandels, ihrer für die Weltwirtschaft bedeutsamen Pro­duktionen, der verkehrswirtschaftlichen Gliederung und Der Aussichten für die Zukunft. Bei dem großen Interesse, das heute für die Weltwirt­schaft neu entdeckter überseeischer Länder in dem übervölkerten und nach Absatzgebieten suchenden Deutschland besteht, wird das Buch wie über­haupt das ganze Sammelwerk auf rege Anteil­nahme, nicht nur in Fachkreisen, rechnen dürfen.

Neue Kriegsliieraiur.

Schicksalswende. Von der Marne bis zur Vesle 19 18. Band 35 der vom Reichsarchiv herausgegebenen Schriftenfolge Schlachten des Weltkrieges". Bearbeiter: Ar­chivrat Alfred Stenger. Druck und Verlag von Gerhard Stalling, Oldenburg i. O. Preis in Halbleinen 5,50 Mk. (237). Der vorliegende Band setzt, unmittelbar an den Band 34 (Der letzte deutsche Angriff, Reims 1918) anschließend, die Schilderung der Kampfereignisse des Jahres 1918 fort. Auf deutscher Seite hatte man auf Grund von Gefangenenaussagen und Agenten­nachrichten für den 14. oder 15. Juli der 14. Juli war der französische Rationalfeiertag! mit einem Angriff zwischen Soissons und Chäteau-Thierrh gerechnet und die entsprechenden Abwehrmaßnahmen getroffen. (Nachdem aber beide Tage ruhig verlausen waren, hielt man die Lage an diesem Frontabschnitt für entspannt. Als daher die französischen und amerikanischen Divisionen am frühen Morgen des 18. Juli im Schuhe dichten Rebels und unterstützt von meh­reren hundert Panzerwagen hinter einer dichten Feuerwalze zum Sturme vorbrachen, traf ihr Angriff die Deutschen völlig überraschend. Die zwischen Aisne und Marne stehenden deutschen Divisionen waren fast alle schon feit sehr langer Zeit eingefeht, durch fortwährende Teilangriffe zermürbt und nur vereinzelt gelang es, die An­greifer abzuwehren ober auch nur längere Zeit aufzuhalten. Sehr bald schon hatten die franzö­sischen und amerikanischen ©turmfolonnen westlich und südwestlich von Soissons die Hauptwider­standslinie und die Artillerieschutzstellung der Deutschen überschritten und den größten Teil ihrer Batterien genommen, unaufhaltsam wälz­ten sich die Tanks und die Massen der feindlichen Infanterie nach Osten. Eine Krise ungeheuren Ausmaßes war da. Aber das fast unmöglich Erscheinende geschah: Es gelang den letzten Resten der deutschen Stellungs-»und Eingreif­divisionen, sich auf den Höhen westlich und süd­westlich von Soissons sestzullammern und eine neue Linie zu bilden, aus der den zu neuen ©türmen vor­brechenden Franzosen und Amerikanern vernich­tendes M. G.-Feuer entgegensprühte. Der An­griff kam zunächst zum Halten. Aber die durch den feindlichen Einbruch entstandenen, überaus ungünstigen Kampfverhältnisse dräng'en zur Zu­rücknahme der deutschen Front in eine Sehnen- I

stellung zwischen Soissons und Reims. Die Rück- wärtsbewcgung begann in der Rächt vom 23. zum 24. Juli und endigte am Morgen des 3. Aug. hinter der Vesle. Das Gelingen der RückzugS- bewegung hinter die Vesle gab zwar den Deut­schen die am 18. Juli verlorene Operations­freiheit in begrenztem Umfang zurück: immerhin aber mußte die Oberste Heeresleitung doch zum mindesten erst eine gründliche Auffrischung der zerschlagenen Divisionen abwarten, ehe sie neue Entschließungen fassen konnte. Tatsächlich kam ihr indessen die Entente in diesen Entschließungen zuvor. Als am 8. August ein neuer feindll.cher Stoß die deutsche Front östlich von AirTens zer­brach, wurde klar, daß der Gegner die Initiative endgültig an sich gerissen hatte, und daß der 18. Juli die Schicksalswende des Krieges ge­wesen war.

Kamerad im Westen. Ein Bericht in 221 Bildern. Preis: Ganzl. 6 Mk. Socieläis- Derlag, Frankfurt a. M. (338). Aus Hundert- taufenben von Bildern deutschen und auslän­dischen ausgewählt, schildern diese Aufnahmen den Krieg vom ersten Tag der Mobilmachung bis zur Abrüstung des deutschen Heeres. Chrono­logisch geordnet sehen wir zunächst die äußerst seltenen und packenden Aufnahmen aus dem Be­wegungskrieg. der nach der Marneschlacht in den Stellungskrieg überging. Von diesem wieder sind die Hauptphasen vorgeführt, so daß, rein ge­schichtlich betrachtet, kein wesentlicher Moment des Lebens an der Westfront unberücksichtigt blieb. Doch nicht nur dies, auch alle Waffen­gattungen. die an der Westfront Verwendung sanden, finden sich im Bilde wieder. Der Krieg ist in diesem Buch, soweit es menschenmöglich ist. tendenziös bargeftellt. Es ist gewissermaßen ein Tagebuch eines einfachen Frontsoldaten, das sich wie ein Film abrollt. ES werden die schönen und die furch.laren Stunden des Frontkämpfers ge­zeigt. die Stunden der größten Anspannung und Entbehrung, wie die darauf folgenden Tage der Ruhe und Sammlung j ; neue Strapazen. Freund und Feind sind kaneradschastlich mit der gleichen Achtung behandelt. Dem Herausgeber kam es wohl auch darauf an, zu zeigen, daß sich hinter der Uniform hüben und drüben Menschen verbergen, die Gleiches erlebten, Gleiches er­litten.

Deutsche Erzähler.

Wilhelm Bölsche: Der Zauber des Königs Arpus. Ein Römer- und Ger­manenmärchen vom Ursprung des Bieres. 15. Auflage. 280 Seiten 8°. Kart. 5, Ganzleinen 6.50. E. Haberland, Verlagsbuchhandlung, Leip­zig CI. (19) Der bekannte Raturwissen- schaftler, Verfasser des »Liebenslebens in der Ratur", hat hier ein harmlos-heiteres, feucht­fröhliches Unterhaltungsbuch geschrieben, eine Schilderung etwa im Geiste Scheffels, wie zwei genußsüchtige Römer auszogen, die Quelle des Cdelbieres" zu entdecken, von dem ihnen For­tuna eine Kostprobe in den verwöhnten Gaumen spülte. Die kulturgeschichtlichen und historischen Hintergründe der lockeren Handlung geben dem ganzen ein solides Fundament.

GeorgHermann: GrenadierWor- delmann. 'Verlag Ullstein. Berlin, Preis: brosch. 4,50 Mk., Leinen 6,50 Mk. (337). Einer der größten Bucherfolge der Vorkriegszeit war Georg HermannsIettchen Gebert", das durch seine liebenswürdige Wiederbelebung des alten Berlin der Biedermeierzeit die Herzen für sich gewann. Rach vielen Jahren kehrt Georg Her­mann in seinem neusten Werk in die vertraute Vergangenheit zurück: Das Potsdam der srideri- zianischen Grenadiere, die letzten Lebensjahre Friedrich des Großen geben den Hintergrund für Grenadier Wordelmann", die Geschichte des armen Bauern Schmitzdorf, aus Wust in der Mark, deren Ablauf in Anekdoten und Doku- menten auf unsere Gegenwart überkommen ist. ölnter Georg Hermanns zart malender Feder wird daraus ein unendlich liebevoll gezeichnetes Bild des alten Potsdam, seiner Grenadiere, seiner Soldatenliebsten, seiner Bürger, seiner Bauten, semer schwermütigen, farbenbunten Landschaft: aber auch ein nachdenkliches und sehr ergreifen­des Bild menschlicher Einfalt und menschlicher Riedertracht.

~ K°rl Heinrich Waggerl: Brot. Roman. 406 Seiten, 8°. Im Insel-Verlag zu Leipzig, 1930. - 174 - Der Insel-Verlag, der sich neuerdings sehr dankenswerter Weise auch für ganz junge und noch unbekannte Talente ein- fetzt bringt mit dieser Veröffentlichung die erste große literarische Arbeit eines jungen Dichters r»on dem man bisher nichts wußte, als daß er neben einigen anderen in einer Anthologie jun­ger österreichischer Dichtung mit einer Rovelle ^u Wort kam, die man rühmen hörte. Der vorliegende Roman, eine ruhig und stetig flie- ücnbe klar komponierte Erzählung. behandelt ein altes, einfaches, erst in der jüngsten Literatur hier und da wieder aufgenommenes Thema: der Meiisch in der Ratur: der schaffende Mensch im Kampfe mit einer oben, spröben und untoirt- liegen Landschaft. Ein Mann siedelt sich hoch oben m einsamem Bergland an, nimmt sich ein □Selb und behauptet sich gegen alle Unbill von

Wetter und Welt, bis aus der kleinen Sied­lung der große, fest in sich selbst ruhende Bauernbesih geworden ist. Arbeit und Brot heißen die großen, einfachen und immer gültigen Grundkräfte, die die Handlung dieses Buches bewegen. Und der alte RufZurück zur Ratur!, den man hier aufklingen hört hinter dem Gleich­maß einer stetigen Prosa, wird, wie uns scheint, auch in unserer Zeit nicht ohne Echo und Wider­hall bleiben. Die verlegerische Ausstattung des Buches ist vorzüglich.

Wilhelm Speyer: Ich geh aus und bu b I e i b ft b a. Der Roman eines Mannequins. 306 Seiten 8°. Brosch. 4 Mk., Leinen 6 Mk. Ver­lag Ullstein, Berlin. (295.) Speyer hat bas ent­zückende, jugendliche und menschliche Buch vom Kampf der Tertia" geschrieben, für das man ihm dankbar ist, und an das man sich oft und gern erin­nert. Dieser neue Raman aus dem Berlin von 1930 läßt sich erst so an, als ob er eine ähnlich erheiternde und herzbewegende Lektüre werden wollte, aber dann wird man ermüdet und zuletzt enttäuscht, weil Speyer sich zusehends in eine ge­spreizte und exaltierte Unwahrscheinlichkeit seiner Menschen und seiner Szenen verliert, ... und weil er sich einen unangenehm manierierten Stil unge­wohnt hat, über den man bisweilen lächelt, der einem am Ende aber auf die Nerven fallt. Sehr wünschenswert, wenn Speyer demnächst wieder zu der frischen und ungekünstelten Natürlichkeit seines Schülerromans zurückfinden würde.

H. S. Milbe: Die Liebe der Zehn­jährigen. (Roman. 235 Seiten 8°. F. G. Spei- belfche Verlagsbuchhandlung, Wien und Leipzig. (144., Ein Schulrnäbchenrornan, eine Schilde­rung erster Erlebnisse und kindlicher Leidenschaf­ten, die zweifellos aus genauer Beobachtung und wirklichem Erlebnis schöpft. Ein (Beitrag zur mo­dernen Psychologie der Jugendlichen, als naiver, ungeschminkter, auch soziologisch bemerkenswerter Bericht in der Jch-Form gegeben, der sich heute an ein sachlicher denkendes und minder sen­sationell eingestelltes Publikum wendet als seiner­zeit die den gleichen Problemew-nachspürende Kindertragödie Wedekinds: Eltern und Ju- genderzieher werden das Buch mit besonderem Interesse lesen.

Rudolf v. Beyer: Rot. Rovellen. Be­arbeitet von seinem Enkel Rudolf Schade. Mit einem Rachwort von Ernst Heilborn. Re- clams Universal-Dibliothek Rr. 7066. Geh. 40, geb. 80 Pf. (217). Beyers autobiographische Rovellen geben Einblick in bas buntbewegte Leben eines ganzen Mannes, der Dichter, Edel­mann, Krieger und Revolutionär in einer Person ist. und ein Beobachter dazu, der wie E. Heil- bom im Rachwort betontgerade uns und unserer Zeit in eigener Weise lebt. Besonders reiaoofl die intimen Beziehungen zu E. T. A. Hoffmann, Balzac, Heine, Eichendorfs ufto»

Mderbilder und Kindergedichle

Ein Kind ist b a. Die frühe Kindheit int Bilde deutscher Lyrik. Auswahl und Vorwort von Peter Bauer. 176 Seiten 8°. Mit 23 Photographien von Erich Retzlaff. Leinen 6 Mk. Pädagogischer Verlag G.m. b. H., Düssel­dorf 1930. (261) Dieses schöne und aus lau­terer Gesinnung hervorgegangene Buch ist ge­schaffen worden und dazu angetan, einem großen Kreise besinnlicher Menschen auf eine vornehme und zugleich eindringliche Art das Zarteste und Wertvollste wieder vor Augen zu führen, was eine Ration besitzen kann, und worauf jede Zu­kunft sich gründet: das Kind. Rovalis hat gesagt: Wo Kinder sind, da ist goldenes Zeitalter". Lind indem dieses Buch sich an alle wendet, ohne Unterschied des Geschlechtes, Standes oder Bekenntnisses, an alle, die selbst Kinder haben, die Kinder lieben, mit Kindern umgehn (und wer wäre das nicht!) führt es zugleich zum lyri,scheu Kunstwerk hin und entzieht Dkeses der Isolation und dem Sonderinteresse des leider noch immer kleinen Kreises derer, die heutigen­tags von Gedichten etwas wissen wollen und dafür übrig haben. Das Buch also erschließt die paradiesische Welt des Kindes mit den feinsten und eindringlichsten Mitteln: im Bilde und im Gedicht. Aus der deutschen Lyrik vom späten Mittelalter bis zur nächsten Gegenwart sind hier die schönsten und empfindlichsten, aus dem Leben und aus unmittelbarer Anschauung gebore­nen Gedichte, welche mit dem frühen Kindesalter in irgendeiner Beziehung stehen, ausgewählt und zusammengestellt in Gruppen, welche jeweils einem bedeutsamen Einzelmotiv ober einem be­achtlichen Zeitabschnitt getoibmet wurden: wie zum Beispiel:Das Wunder der Wiege":Erste Zwiesprache mit der Welt";Der Sandmann kommt": ..Der Todesengel":Dom Ernst der Zukunft". Der Herausgeber Peter (Bauer (ge­bürtiger Rheinhesse übrigens) hat in einem klug und warmherzig geschriebenen Vorwort das große Stoffgebiet abgegrenzt, die Auswahl innerlich begründet und den Sinn und die Aufgabe seiner Anthologie umrissen. Auf die Unterabschnitte oder einzelne Gedichte des näheren einzugehen, müssen wir uns, so verlockend es wäre, aus räum­lichen Gründen versagen. Rur ein paar (Hamen seien genannt: Ina Seidel und Ruth Schau­mann an erster Stelle: (vielleicht kann gerade hier, in der Kinderlyrik, überhaupt nur eine Frau aus eigenem innigem Erleben das Letzte und Tiefste aussagen und gestalten.) Linker viele« andern: Claudius und Conrad Ferdinand Meyer neben Münchhausen, Hesse, Binding. Carosfa und etlichen von den jüngsten unter unfern Lyrikern. Dreiundzwanzig ganzseitige Photos sind in den Text eingeordnet: von Künstlerhand ausgenommen, ganz ungezwungen, lebendig: wesenhafte Illustration: gerade die Bilder dürf­ten dem Schaubedürfnis unserer Zeit, dem Wunsche weiter Leserkreise aufs glücklichste ent­gegenkommen: die Reproduktionen sind vorzüg­lich. Die verlegerische Ausstattung zeugt von gediegenem Geschmack. Das wohlfeile Werk er­scheint uns als nobles und sinn olles Geschen?, zumal für Frauen und Mütter, überaus geeignet

s US fremden Literaturen.

John Galsworthy: Weltbrüder, Verlag Paul Zsolnay, Wien 4, Prinz-Eugen- Straße 30 (232). Der große Erfolg, den der englische Schriftsteller seinerzeit mit b:r Forsyte Saga errungen hatte, hat ihn anscheinend zu einer sehr in die Breite laufenden Produktion verführt. Schon die letzten Teile der großartigen Chronik des englischen Bürgertums in der viktorianischen Aera waren sehr ungleich und von seinem nun erschienenen neuen Roman Weltbrüder" wirb man ebenfalls kaum sagen können, bah er die Höhe der Forsyte Saga auch nur annähernd erreicht hätte, wenn auch der Verlag ihn auf dem Titelblatt als GalsworthyS soziale Lebensbeichw: ..den aufwühlenden großen Roman seines Volkes" propagiert. Es ist eine Weichheit und Verschwommenheit in Handlung und Charakterzeichnung, die ermüdet und ent­mutigt.

Albous Huxley: Kontrapunkt bes Lebens. Insel-Verlag, Leipzig. (173) Richt nur, wenn man das heutige England und seine führenden Schriftsteller kennen lernen will, muß man sich mit Huxley beschäftigen, sondern auch, wenn man europäische Literatur zu lesen wünscht. Die Gesellschaft und die gesellschaft­lichen Zustände, die in seinem RomanKontra­punkt bes Lebens so witzig unb mit so über­legenem Geiste geschildert werben, kennt jeder Großstadt-Deutsche. Lächelnd wird er sich freuen, daß bestimmte ihm wohlbekannte Typen und Charaktere endlich bei Rainen genannt und daß Fragen, die auf vieler Lippen liegen, beant­wortet oder wenigstens formuliert sind. Es geht bunt genug zu in diesem Roman, der mit dem des Cervantes verglichen und das Buch der Zeit genannt wurde aber ist nicht das mo­derne Leben ein rasendes Orchester mit schwer au findendem Kontrapunkt? Huxley führt uns in diesen Wirbel, folgen wir ihm.

(Samer Fabian: College Girls. Lieberseht von H. Reisiger. Verlag Ullstein, Ber­lin. Preis: broschiert 3,50 Mark, in Leinen 5 Mark. (272)College Girls", das sind die Schülerinnen der amerikanischen höheren Schulen, einem Mittelding zwischen Lyzeum unb Universität. Wie diese Mädchen sprechen, wie sie kokettieren und flirten, wie sie leben unb lernen, wie hinter all ihren Gedanken unb Hand­lungen immer der Mann steht, der für sie meist nur ein Spielzeug ist, das hat Fabian unmittelbar frisch unb doch schonungslos ge­schildert. Weil dieser Roman die vielbespro­chene, bewunderte und geschmähte Amerikanerin in ihrer wichtigsten Entwicklungszeit ohne Maske zeigt, vermittelt er uns ein tieferes Verständnis für die Lebensweise der amerikanischen Frau.

Claude Anet: Mayerling, Verlag E. T. Tal & Co.,-Wien 7, Lindengasse 4 (221). Ein Stoff, der für Sensationen geradezu geschaf­fen unb infolgedessen auch in den letzten zehn Jahren bis zum Ueberdruß behandelt worden ist. wirb hier noch einmal, diesmal in Romanform, vorgesetzt, ohne baß er damit schmackhafter ge­worden wäre. Der Verfasser müht sich aus dev Staatsaffäre, zu der die Tragödie von Mayer­ling werden mußte, die gewiß traurige Geschichte eines sentimentalen und romantischen kleinen Mädchens zu machen, das von Anbeginn an