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Die gegenwärtige aus Sozialdemokraten, Zentrum und Demokraten bestehende preußische Regie- rungskoalition verfügt bekanntlich über 230 Sitze, also über eine Mehrheit von 10 Stimmen. Die Koalition würde infolge des Zuwachfes beim Zentrum ihre Mandatszahl ungefähr be­hauptet haben, wäre aber trotzdem stark t n die Minderheit gedrängt da die Oppo­sition eine Mehrheit von mehr als 80 Stimmen haben würde. Auch unter Einschluß der Deutschen Volkspartri, also nach Bildung derGroßen Koalition, wäre keine Mehrheit vor­handen. Genau wie im Reiche würde nur eine Große Koalition mit Einschluß der Wirt­schaftspartei über eine Mehrheit verfügen oder nach Auflösung der jetzigen Koalition ein Rechtsblock mit Einschluß des Zentrums.

Das Reichskabinett zur neuen Lage.

Durchführung des 'Regierung«: Programms

Berlin, 16. Sept. (WXB.) Unter dem Vorsitz des Reichskanzler» Dr. Brüning trat heute das Reichskabinett in einen Meinungsaustausch über die durch die Wahlen geschaffene politische Lage ein. Ls bestand die einmütige Auffassung, daß die Reichsregierung das im Sommer in An­griff genommene Programm einet sach­lichen Arbeit zur Lösung der wirtschastlichen, finanzpolitischen und sozialpolitischen Ausgaben mit allem Rachdruck soweit zu fördern hat, daß dem neuen Reichstag be Himmle Vorlagen zuge­leitet werden können.

Das Reichskabiuett hat also zunächst den sehr vernünftigen Beschluß gefaßt, nicht zurückzutreten, wie es vielleicht nach der Wahlniederlage parla­mentarisch üblich gewesen wäre. Aber die Zeiten sind für solche Formalien doch wohl zu ernst, und wir haben oft genug die Erfahrung geinacht, daß Nichts dabei herauskommt, wenn man erst Tatsachen schasst und sich danach überlegt, was werden soll. Diel vernünftiger ist es schon, daß Kabinett bleibt im Amt und prüft die Möglich­keiten, die ihm verblieben sind. Zum Rücktritt ist dann immer noch Zeit. Es würde sogar einen bedauerlichen Mangel an Mut beweisen, wenn das Kabinett, das die Auflösung des Reichstags Luvchführte, nicht 5en Willen aufbringt, um sich noch einmal unter Umständen sogar zum Kampf im Reichstag zu stellens auf die Gefahr hin, dabei zu unterliegen. Obwohl das noch keines­wegs sicher wäre, denn es fragt sich doch, ob Sozialdemokraten und Deutschnatwnale Wert dar­auf legen, ihr Pulver auf Anhieb zu verschießen. Es ließe sich immerhin denken, daß diese beiden gemäßigteren Flügclparteien einer neuen Krise zunächst ganz gern aus dem Wege gingen und da­her dafür Sorge trügen, daß Mehrheiten gegen die Regierung sich im Reichstag nicht zusammen­finden.

Aber das wäre nur der äußerste Weg. Vorläufig gehen die Ambitionen noch nach einer anderen Richtung. Der preußische Ministerpräsi­dent Braun, der schon im Wahlkamps der aner­kannte Führer der Sozialdemokraten war, hat die Parole von derRegierung der Vernünf­tigen" ausgegeben. Das klingt sehr verantwort- tungsbewuht, nur schade, daß diese Vernunft bei den Sozialdemokraten nicht schon vor zwei Monaten ihren Einzug hklt, dann hätten wir uns den ganzen Wahlkampf ersparen können. Jetzt ist es vielleicht schon zu spät. Denn die Wahrscheinlichkeit, daß der Minister Schiele und die Konservativen oder auch ' nur die Wirtschaftspartei politisch oder sachlich mit den Sozialdemokraten sich auf eine erweiterte Große Koalition verständigen könnten, ist - denkbar gering.

Ebenso gering freilich sind die Aussichten nach der andern Seite Den Nationalsozialisten ist begreiflicherweise der Kamm sehr stark geschwollen. Sie werfen einstweilen Forderungen in die Lust, die jede Verständigung unmöglich machen. Sie oer- langen für sich die wichtigsten Ministerien Im Reich, verlangen eine vollkommene Neuorientierung in Preußen und das Berliner Polizeipräsidium Das Zentrum hat aber so oft und so ausreichend die Nationalsozialisten als regierungsunfähig be­zeichnet. daß an eine Wandlung kaum zu glauben ist Herr Hugenberg hat zwar verkündet, daß er dem Zentrum die Fortsetzung seiner Schaukelpolitik unmöglich machen würde, aber das Zentrum ist sich seiner Schlüsselstellung in Reich und in Preußen zu genau bewußt, als daß es auf die Vorteile einer solchen Doppelpolitik ohne dringende Notwendigkeit verzichten sollte. Und diese dringende Notwendigkeit wäre ihm erst einmal nachzuweisen. Man mag also die Dinge drehen und wenden, wie man will, das Ende ist immer ein großes Fragezeichen. Die Lösung der Schwierigkeiten durch parlamenta­rische Kombinationen ist kaum gegeben, wenn man nicht an eine Minderheitsregierung ober an ein Kabinett der Fachminister ohne jede Bin- düng heranwill.

Was will Hitler?

München, 16. Sept. (TU.) Im Zirkusgebäude am Marsielde sprach am Dienstagabend der Führer der NSDAP., Adolf Hitler, über die Bedeutung des Wahlsieges. Der Sinn dieses Sieges sei darin zu sehen, daß sich die Bewegung nunmehr einen Platz in der Öffentlichkeit erobert habe. Es sei geradezu lächerlich, in der Bildung einer neuen Regierung das Ziel der nationalsozia- listischen Bewegung zu sehen. Für die National- sozialisten sei das Parlament nicht das Ziel an sich, sondern nur ein Weg zum Ziel. Die Nationalsozialisten seien nicht Parlamentspartei aus Prinzip, sondern Parlamentspartei aus Zwang, und dieser Zwang heiße Verfassung. Der Steg oom 14 September sei nicht das Signal zum Ausruhen, es sei nur eine neue Masse ge­wonnen worden.107 Mann stehen nun auf dem legalen Fechtboden Sie werden zeigen daß die Na- tionalsozialisten nicht nur die Massen beherrschen sondern daß sie auch Florett fechten können. Die W- tionalsozialisten werden auf diesem Boden jede Mög­lichkeit kühnsten Sinnes wahrnehmen, die sie ihrem Ziel näherbringen kann. Nicht um Abgeordneten­mandate kämpfen die Nationalsozialisten, sondern sie erobern Mandate, um das Volk dereinst frei machen zu können." Der Sieg habe nicht im geringsten das nationalsozialistische Ziel verändert. Adolf Hitler schloß seine Rede, zu der auch zahlreiche Vertreter der ausländischen Presse erschienen waren, mit einem beschwörenden Appell an die SA., die er mahnte, weitere Opfer zu bringen. Der Kampf dürfe keine Sekunde erlahmen. Darum müsse das Wort Sieg heute wieder aus den Köpfen gestrichen und an feine Stelle wieder das Wort Kampf gefetzt werden.

Wie kann nun regiert werden?

rung

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Zentrum Sozja/demokr.

WirtM.-Pf. Dt-Vo/kspart Zentrum

Soziatde/nokr.

-Bavr-Vofaparnu Sraatspartei Wirtschfh.-Partei Dt.-Volkspartei Vdkshu.Bautrnpfn. Zentrum

'W/rfschps.-fart Dt-Vo/kspart- Dt-Uatzonale - VolkskuBauernptn Zentrum---

Nafionalsozial.

Wksk-ußauernpln. = Konservative Volkspartei+Welfen +Deutsches Landvolk+Christlich -sozialer Volksdienstr Deutsche Bauernpartei Landbund.

des neuen Reichstags.

Wie kann platz geschafft werden für mehr als achtzig neue Abgeordnete?

Der Präsident des alten Reichstags hat die Ausgabe, das neue Parlament einzuberu- f e n. Das ist nicht ganz so einfach, tote es aus- sieht, weil eine ganze Masse von Formaten zu erledigen sind, die Doppelinandatare müssen ge­fragt werden, wo sie ihre Wahl annehmen, ihre Listennachfolger müssen benachrichtigt werden und ihre Zustimmung zur Annahme der Wahl ge­ben. Dadurch geht eine Masse Zeit verloren, und deswegen wird vermutlich schon rein technisch die nach der Dersassung gegebene äußerste Frist do n dreißig Tagen ausgenutzt werden müssen. Ebenso schwierig erweist sich das Problem, wie dieser Segen von Abgeord­neten in dem Plenarsitzungssaal unterzu­bringen ist, der ja von Hause aus nur auf vierhundert Abgeordnete berechnet war. Schon die 491 waren des Guten zuviel, es blieb seit 1924 nichts anderes übrig, als auch öle Ruhebänke am Rücken Deä Saales, die nach altem Brauch zu einem verkappten Schlaf dienen sollten, als Sitzgelegenheiten heranzuziehen. Auch das reicht nun nicht, schon muh für über achtzig neue Abgeordnete Platz ge­schaffen werden. Da ist zunächst der phan­tastische Gedanke aufgetaucht, den Reichstag i n Etagen zu besiedeln und einen Teil der Pu° blikumstribünen für die Fraktionen heranzu- ziehen. Der Berkehr soll Dann durch Wendel­treppen hergestellt werden. Man stelle sich nur dieses Durcheinander vor, das dann bei Ab­stimmungen und bei Ordnungsrufen entsteht. Der Präsident müßte ja weitsichtig sein, um den Aeberblick nicht zu verlieren, der bei dem star­

ken Anwachsen der radikalen Flügelparteien dop­pelt notwendig ist.

Es wird also nichts anderes helfen, als mit der geheiligten Tradition aufzuräumen, daß jeder Abgeordnete im Plenarsaal seinen Arbeitsplatz haben muß; heraus mit den Bänken und dafür bequeme Stühle, dann ist das ganze Pro­blem gelöst! Dielleicht würde diese Reuerung auch dazu führen, daß dann etwas mehr Aufmerksamkeit während der Derhandlun- gen herrscht, zumal wenn Hand in Hand damit dem groben Unfug der Wiederholung alles dessen, was bereits in den Ausschüssen gesagt ist, ein Ende gemacht wird. Bedenklich aber wird es auch schon mit der Präsidentenwahl. Daß Herr L ö b e wiedeckehrt, ist selbstverständlich. Rach altem Brauch jedoch werden die Vize- Präsidenten von den nächststärksten Parteien gestellt. Das wären in diesem Falle die Na­tionalsozialisten und Kommunist en. Die Vertretung im Präsidium aber legt den Par­teien auch die Derpflichtung auf, die Grenze parlamentarischer Ordnung innezuhalten. Davon hat man bei den Kommunisten bisher nichts ge­merkt, und ob die Nationalsozialisten dazu bereit sein werden, ist immerhin zweifelhaft. Die Bil­dung des Bureaus wird also nicht so einfach sein wie bei früheren Gelegenheiten. Sie kann sehr leicht zu hitzigen Kämpfen führen, durch die alle in der Luft liegenden Explosionsstoffe schon am ersten Tage zur Entzündung kommen. Eine reine Freud« wird daher das Ab­geordnetenmandat diesmal gewiß nicht sein.

Der Reichspräsident im Mnövergelände.

©er erste Gefechtstag -er Reichswehrrahmenübung in Südihünngen.

Bad Kis fingen, 16. Sept. (TA.) Der erste Gefechtstag der großen Rahmenübung der Reichs­wehr zeigte am Dienstag im Gesamtverlauf der kriegsmäßig durchgeführten Entwicklung eine so- wohl in taktischer wie in militär-technischer Hin­sicht interessante Lage. Auf beiden Seiten hatten die für Rot und Blau eingesetzten Aufklärungs­truppen der Kavalleriedivisionen sich aus dem Raum Mellrichstadt-Heustreu heraus entwickelt. Don Blau war der Versuch gemacht worden, auf den Höhen nordwestlich von Kissingen die anmarschierende rote Infanteriedivision zu über­flügeln und in der Flanke zu fassen. Durch diesen Flankenstoß wurden die drei Infanterie­regimenter 13, 14 und 15 gezwungen, auch nach Nordwesten Front zu machen. (?n den Mittags­stunden übte Blau, das immer weiter den rechten Flügel von Rot zu umfassen suchte, einen starken Druck auf die bei Groh-Barsdorf in Stellung gegangene rote Infanterie aus. Das von Rot am weitesten rechts eingesetzte Infanterie­regiment 15 wurde zurückgedrängt.

Hierbei tarn das am Dienstag bereits zahl­reich im Manövergelände versammelte Publikum gut "auf seine Kosten. Sogar ein regelrechtes Ortsgefecht gab es bei dem Dorfe Rödel- mayer, das rote und blaue Aufklärungstrup­pen wegen seiner beherrschenden Lage beider­seits stark in Besitz zu nehmen strebten. Mit­ten zwischen staunenden Ortsbewohnern, wild- gewordenen Gänsen, sperrenden Ochsenfuhrwer­ken knatterten die Schüsse einer motorisierten! blauen Aufklärungstruppe, klatschten die Platz­patronen und bellten die Maschinengewehre. Der Truppenführer von Rot der das Dorf so gern in seiner Hand behalten hätte, mußte auf Schiedsrichterentscheid mit seinem Stabe beschleu­nigt weichen. Bald darauf gab es bei Groß- Elbstadt einen schneidig durchgeführten Vor­stoß von zwei blauenTankwagen", die unbekümmert durch die roten Plänklerlinien hindurchpreschten, links und rechts Maschinen- gewehrfeuer streuend. Selbstredend handelt es sich bei denTanks" nur um die von den Der-

$ General der Kavallerie o. Kayser, Befehlshaber derRoten Partei". In der Mitte: Reichs- Präsident von Hindenburg und Reichswehrminister Oraner. Rechts: General der Infanterie Haffe, Befehlshaber derBlauen Partei",

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fallier Mächten unbeanstandet gebliebenen Pappe-Atrappen. Dabei erwies sich wie­der einmal in der Praxis, wie unsere Reichs­wehr hinsichtlich aller modernen Rüstung waf­fenlos gemacht worden ist. So verfügten die roten Truppen über keine Spezialwaffe, wie z. D. Infanteriegeschütze, die notwendig gewe­sen wären, um sich im Ernstfall der vernichten­den Wirkung des Tankeinbruchs erwehren zu können.

Daß unsere Feldgrauen hier im Lande nichts an der alten Zuneigung eingebüßt haben, dafür bietet bas starke Interesse aller Dolkskreise an dem Ver­lauf der Hebungen den besten Beweis. Diese innere Anteilnahme erreichte am Dienstagnachmittag einen Höhepunkt in der kleinen 300 Seelen zählenden Ort­schaft Königshofen. Da war kein Haus, das nicht Kranz- und Fahnenschmuck trug, lieber die Hauptstraße roimpelten blauweiße Fähnchen, un­aufhörlich strömten Menschen zu Fuß unb allerlei Fahrgerät heran, um in unserem Reichsprä­sidenten den Mann zu begrüßen, der heute den Begriff aller großen deutschen Ueberlieferung in höchster Pflichterfüllung gegenüber dem Staat ver­körpert. Gegen 5 Uhr nachmittags traf im Kraft­wagen R e i ch s p r ä s i de n't von Hin den-- bürg ein, umjubelt von Tausenden, feierlich be­grüßt vom Stadtoberhaupt. Das toaF nicht nur der übliche festliche Empfang, wie eine solche Gelegen­heit ihn zu bringen pflegt. Hier kam die Liebe einer treuen, überwiegend bäuerlichen und boden­ständigen Bevölkerung mit einer Stärke zum Aus­druck, von der der Reichspräsident sichtlich ergriffen war. Als der Wagen wieder, anzog, um Hinden­burg nach dem nahen Schloß Sternberg in fein Manöverquartier zu bringen, gelang es nur mit Mühe, durch die jubelnde Menge einen Weg zu bahnen.

Westarp fordert die Große Koalition der Rechten.

Die Nationalsozialisten müssen zur Ber- anwortung erzogen werden.

Berlin, 16. Sept. (TU.) In derKreuzzeitung" stellt Graf Westarp fest, daß Zentrum (68), Bayer. Vp. (19) und Nationalsozialisten (107), die aus der Deutschnationalen Volkspartei hervorgegangenen anderen Rechtsparteien (40), Hannoveraner und Deutsche Bauern (9) und Wirt­schaftspartei (23) mit 367 Stimmen eine sehr feste Mehrheit, zu der noch die Deutsche V o l k s p a r t e i mit 30 hinzutreten würde, im neuen Reichstag bilden. Auf die Staatspartei brauche also nicht gerechnet zu werden. Westarp sagt dann u. a. weiter. Will die Regieruno Brüning alle parlamentarischen Möglichkeiten ausschöpfen, so wird sie sich nicht der Aufgabe entziehen dürfen, über diese Mehrheitsbildung in Verhandlungen ein- zutreten Voraussetzung dieser Regierungs­bildung würde die Loslösung des Zen­trums von der Sozialdemokratie in Preußen sein Sie ist auch von uns stets gefor­dert worden und die bisherigen fünf bis sechs Mo­nate, während deren die Regieruntz Brüning an der Arbeit ist, haben erneut gezeigt, wie eine sozialisten- freie Regierung im Reich durch die sozialdemokra­tische Herrschaft in Preußen in ihren Erfolgen ge- hemmt wird. Es bleibt die Frage offen, ob in Verbindung mit den Nationalsozia­listen das Programm der Hilfe für die Landwirt­schaft und den Offen, und der umfassenden Refor­men der Sozialversicherung der Finanzen und der Wirtschaft sich durchführen und weiter ausbauen läßt. Zu den Ergebnissen des 14. Sep­tember gehört auch, daß für die Frage eines Ein­tritts der nationalen Opposition in die praktische Arbeit jetzt nicht die von Herrn Dr. Hugenberg ge­fügte Deutschnationale Volksoartel, sondern die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei mit ihrem wirtschaftlichen Sozialismus an erster Stelle steht. Das Zentrum hat oft ausge­sprochen, daß es sich berufen fühle, andere Parteien zur Verantwortung zu erziehen. Die Nationalsozialisten bieten sich ihm jetzt als Er­ziehungsobjekt dar. Man wird es ihnen im Ernst gesprochen nicht ersparen können, den Nachweis zu führen, ob sie, ihrer so überraschend gewonnenen Stärke entsprechend, gewillt und befähigt sind, verantwortlich an Der Leitung der äußeren und inneren Politik teilzunehmen.

Das unbekannte Deutschland.

Das Echo derReichstagswahi tmAuslande

Der Ausfall der Reichstagswahlen hat im Ausland eine noch größere Lleberraschung als bei uns ausgelöst. In London, Paris, Brüssel, Rom, Washington und allen anderen Hauptstädten war man zunächst völlig sprachlos, dann setzte ein wildes Rätselraten über die Ar- sachen und die Bedeutung namentlich des natio­nalsozialistischen Sicgcs, aber auch des geradezu beängstigenden Anwachsens der kommunistischen Stimmen ein. Am Tage nach der Wahl hat es wohl kaum einen ausländischen Zeitungsartikel gegeben, der eine wirklich einwandfreie Begrün­dung des Abmarsches der Wählermassen zu den extremen Parteien brachte. Und fragen wir uns, warum, dann gibt es darauf nur eine Ant­wort: Deutschland ist für das gesamte Ausland noch immer ein Buch mit sieben Siegeln, obwohl es durch keinerlei chinesische Mauern von seinen Nachbarn getrennt ist. Aber draußen weih man eben herzlich wenig von der Not unserer Wirtschaft, den Leiden unserer Arbeitslosen, von der katastrophalen Finanzlage des Reiches und dem unerhörten Druck des Versailler Vertrages, der unS wertvolle Wirtschaftsgebiete geraubt und das deutsche Volk zu einem Ausbeutungsobjekt degradiert hat. Amerika, England, Frankreich kennen nur ein Deutschland, das über unerschöpf­liche Reichtümer verfügt. Daran ist aber die ausländisch« tendenziöse Berichterstattung Schuld, die aus durchsichtigen Gründen immer wieder die Behauptung in die Welt seht, daß Deutsch­lands Leistungsfähigkeit unbegrenzt sei und daß bas deutsche Volk trotz der Tribute von Iahr zu Iahr wohlhabender werde. Kein Wun­der also, daß mqjr sich das Abströmen der Wäh­lerschaft nach rechts und links nicht erklären kann.

Es läßt sich auch nicht leugnen, daß das Ausland über die Radikalisierung der Wählerschaft bis zu einem gewissen Grade beunruhigt ist. Aller- dings sind diese Nachrichten zum großen Teil von der deutschen Linkspresse sensationsmäßig stark aufgebauscht worden, da Blätter wie der ..Vorwärts" und dasBerliner Tageblatt" immer die Auffasfuna vertreten, daß nur eine deutsche Linksregierung dasVertrauen" des Aus- landes genießt. Man erinnert sich bei dieser Ge­legenheit der Zeit vor der Wahl des Reich*«

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