Ist in der Fassung des gemeinsamen Initiativ- antrages der hinter der Regierung stehenden Parteien darin vorgesehen. Die Gemeinde- getränte steuer, für die das Kabinett eine zweite Rotverordnung beschlossen hat, soll nicht etwa den Gemeinden wahlweise mit der Kopfsteuer überlassen werden, sondern es ist vorge- sehrn, daß beide Steuern nebeneinander zur Entlastung der Gemeindefinanzen und zur Milderung der Realsteuerlasten Verwendung finiten. Wie weiter versichert wird, ist die Unterzeichnung der Rotverordnungen bereits am Mittwochabend erfolgt, so bah sie am Donnerstagvormittag bereits dem Reichstag zügele itet werden können.
3n parlamentarischen Kreisen rechnet man damit, daß auch aus den Reihen der hinter der Regierung stehenden Parteien der Versuch gemacht werden wird, die Aufhebung der Rotverordnung über die Gemeindeverzehrsteuer durchzusetzen. Insbesondere hat ja bereits die Wirtschaftspartei in einem früheren Stadium der Dinge zu erkennen gegeben, daß sie eine Gemeindegetränkesteuer mit aller Entschiedenheit a b l e h n e n müsse. Wie sich das Kabinett zu einem etwaigen Aufhebungsbeschluh des Reichstages über die Gemeindegetränkesteuer verhalten wird, darüber liegt eine Kabinettsentscheidung noch nicht vor. Man rechnet in politischen Kreisen jedoch damit, dah die Reichsregierung hieraus keinen Konfliktfall machen wird, der etwa zur Auflösung des Reichstages führen tonnte.
Oie Meinung der presse.
Wird die Notverordnung wieder aufgehoben werden müssen'?
Berlin, 17.Juli. (CNB.) Die mit so aroßer Spannung erwartete Entscheidung im Kampfe um das Deckungsprogramm ist nunmehr durch die Notverordnung des Reichspräsidenten auf Grund des , Artikels 48 der Verfassung gefallen. Die Stellungnahme der Berliner Blätter ist naturgemäß nicht | einheitlich.
Die „Germania^ (Ztr.) macht dem Reichstag zum Vorwurf, daß er in einer Stunde ve rsagt habe, wo er inmitten einer gefahrdrohenden Wirtschaftskrise, inmitten dringlichster finanzieller Aufgaben handeln und entscheiden mußte. Infolge dieses Mangels an Mut und Verantwortung, den der Reichstag gezeigt habe, sei der Reichsregierung nichts anderes übriggeblieben, als das zu tun, was im Interesse des Staates und einer geordneten Finanzwirtschaft ihre unaus- weichliche Pflicht war. Das Blatt hebt besonders die Ablehnung des kommunistischen Mißtrauensantrages mit einer Mehrheit von 185 Stimmen hervor und knüpft daran die Folgerung, daß der gestrige Tag mit einem starken Erfolg des Kabinetts geendet hat.
Ueber das Schicksal des von den Sozialdemokra- ten angekündigten Aufhebungsantrages äußern sich die Blätter zumeist in dem Sinne, daß es mit Hilfe der Deutschnationalen gelingen dürfte, die Notverordnung weiter in Kraft zu halten. Die „Deutsche Tageszeitung" (Landbund) weist auf die Gefahren hin, die bei einer Wiederaufhebung der Notverordnung, insbesondere der Landwirt- s cha ft in der allerkritischsten Zeit der Ernte drohen 'und schreibt:
wir können uns nicht vorstellen, daß die deutsch- nationale Reichstagsfraktion bei der entscheidenden Machtprobe zwischen der Regierung Brüning- Schiele und der aufs äußerste bereits wieder machthungrigen Sozialdemokratie anderswo zu finden fein sollte, als in Gemeinschaft mit dem übrigen Bürgertum an der Seite der Regierung.
Die „Deutsche Tageszeitung" erblickt in der Ablehnung des kommunistischen Mißtrauensantrages eine günstige Vorbedeutung für die letzte Entscheidung der Deutschnationalen. Richt ganz so optimistisch äußert sich der „Berliner Lokalanzeiger" (Hugenberg), der erklärt, dah eine Entscheidung bei den Deutschnationalen noch
nicht gefallen ist. An sich sei das Schicksal t>er Notverordnungen um so prekärer, als anzunehmen sei, daß auch einzelne Mitglieder der Regierungsparteien sich dem Aufhebungsantrag anschliehen dürften.
Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" (Volkspartei) stellt für den Augenblick eine starke Steigerung der Regierungsautorität und einen weiteren Verlust an Ansehen des Parlaments fest. Die -Börsenzeitung" (Volkstons.) bedauert, daß der Artikel 48 in Anspruch genommen wer
den muhte und sagt, es wäre zweifellos besser gewesen, wenn man die Unterschrift des Siegers von Tannenberg nicht für Experimente steuer- diktatorischer Ratur in Anspruch genommen hätte. Der „Vorwärts" (soz.) sagt, Brüning habe es sehr eilig gehabt mit dem Artikel 48 zu kommen. Die Sozialdemokratie werde sofort die Aufhebung der Verordnung beantragen und gegen die Regierung einen Mihtrauensantrag einbringen. Der Mihtrauensantrag liege unterschrieben bereit. Die Sozialdemokratie wolle
den Wahlkampf. Wenn es den bürgerlichen Parteien auch gelingen sollte, den Kampf hinauszuschieben, so werde die Abrechnung nicht lange auf sich warten lassen. Sie komme wahrscheinlich schon in diesem Herbst. Die „Vossische Zeitung" (dem.) rcäjnet nicht damit, bah sich ein« Mehrheit für den sozialdemokratischen Antrag, die Rotverordnung aufzuheben, finden wird. Sie glaubt, dah der Reichstag nicht aufgelöst und am Samstag nach Verabschiedung des Haushalts bis zum Spätherbst in die Ferien gehen wird.
Aufhebung des Giahlhelmverbois im Rheinland.
Einigung zwischen preußischem Innenministerium und Gtahlhelmbundesleiiung.
Hindenburg besucht Sonntag auch die Rheinprovinz.
Berlin, 16.Juli. (TU.) Amtlich. Im Verlauf des 16. Juli fand im preußischen Ministerium des Innern mit bevollmächtigten Vertretern der Bun- desleitung des Stahlhelms, Bund der Frontsoldaten, eine längere Besprechung statt. Hierbei wurde vom preußischen Ministerium des Innern erneut den Vertretern des Stahlhelms dargelcgt, daß die gewünschte Wiederzulassung des Stahlhelms in den Provinzen Rheinland und Westfalen von einer eindeutigen Er-
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Die Stahlhelmführer Düsterberg und Seldte.
klärung der Bundesleitung abhängig gemacht werden müßte, die eine bindende Zusaae enthielt, daß in Zukunft Verstöße gegen bestehende Gesetze nicht mehr vorkommen würden.
In den Abendstunden des 16. Juli ging dann im preußischen Ministerium des Innern die nachstehende Erklärung der Bundesführung des Stahlhelms, vom 1. Bundesführer Seldte und 2. Bundesführer Düsterberg gezeichnet, ein:
1. Die Bundesführer des Stahlhelms haben erneut von der Auffassung des preußi- schen Staatsmini st eriums über die Vorgänge, die zu der Auflösung des Stahlhelms ln der Rheinprovinz und in der Provinz Westfalen geführt haben, Kenntnis genommen.
2. Unter Zugrundelegung dieser Auffassung geben die Bundesführer des Stahlhelms die Erklärung ab, daß sie in Zukunft solche Hebungen, wie sie im Oktober 1929 zur Auflösung Anlaß gegeben haben, unterlassen werden. Sie versichern ferner, daß eine den Vorschriften des Gesches vom 22. Mär; 1921 zuwider- laufende Betätigung, namentlich auch die Ausbildung und Hebung der Mitglieder im Waffenhandwerk und im Gebrauch von Kriegswaffen nicht im Stahlhelm geduldet wird. Der Stahlhelm wird sich mit allen Mitteln dafür einsehen, dah diese Verbote restlos befolgt wer
den und daß Mitglieder, die den verboten zuwiderhandeln, aus dem Bunde ausgeschlossen werden.
3. Insbesondere werden die Bundesführer dafür Sorge trogen, daß im Falle der Reubildung des Stahlhelms in der Rheinprovinz in der Provinz Westfalen nur solche Landesverbände und Hnt e r o rgan i f a- Honen gebildet werden, bei denen die Gewähr dafür geboten ist, daß die Anordnungen und Zusicherungen der Bundesführung von allen Mitgliedern befolgt werden.
Berlin, 16. 3ull 1930.
1. Bundesführer gez. Franz Seldte.
2. Bundesführer gez. Düst erber g.
Auf diese Erklärung hin hat der preußische Minister des Innern der Bundesführung des Stahlhelms ein Schreiben zugehen lassen, in dem es u. a. heißt:
„Nach der von der Bundesführung des Stahlhelms abgegebenen Erklärung werden der Neubildung von Organisationen des Stahlhelms in der Rheinprovinz und in der Provinz Westfalen von der Polizei keine Hindernisse de- reitet werden. Die preußische Staatsreaierung setzt dabei im Vertrauen auf die gegebenen Zusicherungen voraus, daß der etwa neu zu gründende Stahlhelm in den genannten beiden Provinzen da- mit einem wesentlich anderen Charakter haben wird, als die seinerzeit aufgelösten Teile des Bundes und daß auch bei derFührer- o u s w a h l diesen Gesichtspunkten ausreichend Rechnung getragen wird. Die preußische Staats- rcgierung erachtet es im übrigen als selbstverständlich, daß die Wiederzulassung des Bundes nicht zum Anlaß neuer Angriffe gegen die Staatsregierung genommen wird und das schwebende Beschwerdeoerfahren seitens des Stahlhelms gleichfalls als erledigt angesehen werde. gez. Dr. W a e n t i g."
Gleichzeitig hat der preußische Minister des Innern die nachgeordneten Behörden in der Rhein- provinz und in der Provinz Westfalen hiervon un- terrichtet und mitgeteilt, daß eine etwaige Neubildung des Stahlhelms in den genannten beiden Provinzen nicht zu beanstanden fei.
Hindenburg besucht auch die Rheinprovinz.
Berlin. 16. Juli. ($11.) Sicherem Vernehmen nach beabsichtigt der preußische Ministerpräsident Dr. Braun im Lause des Donnerstagvormittags dem Reichspräsidenten zusammen mit dem Reichskanzler Dr. Brüning einen Besuch a b z u st a t t e n , um den Reichspräsidenten in aller Form zu bitten, auf feiner Reise durch d ie b e f rei ten Geb ie te auch die preußischen Gebietsteile zu besuch e n. Da das Stahlhelmverbot für Rheinland und Westfalen am Mitttvvchabend von der
preußischen Staatsregierung aufgehoben worden ist, entfällt der Grund, der bisher den Reichspräsidenten veranlaßt hat, nicht in die preußischen Gebietsteile des befreiten Gebietes zu reisen. Man nimmt daher an, daß die Reise des Reichspräsidenten in derursprünglich geplanten Form und Ausdehnung st a 11 f i n d e n wird.
Oie Sozialdemokraten wollen nicht mitmachen.
Köln, 16. Juli. (ERB.) Die sozialdemokratische „Rheinische Zeitung" veröffentlicht einen Aufruf des Bezirksvorstandes der Sozialdemokratischen Partei Oberrhein (Bezirke Köln, Aachen, Koblenz und Trier), in dem unter Bezugnahme auf den Brief des Reichspräsidenten erklärt wird, dah eine Rückgängigmachung des Stahlhelmverbotes eine Beteiligung der Sozialdemokratischen Partei (Bezirk Oberrhein) an den Befreiungsfeiern aus- schliehen würde.
Neuer Amnestieantrag der Regierungsparteien.
Der durch die Annahme des Einspruchs deS Reichsrates gefallene Amnestieantrag ist von den Regierungsparteien als neuer Initiativantrag im Reichstag eingebracht worden. Der Antrag muß nunmehr nochmals in drei Lesungen vom Reichstag erledigt werden. Ebenso muh er dann noch einmal dem Reichsrat vorgelegt werden.
Ein Künfjahr-Wohnungs- bauprogramm.
Berlin, 16. Juli (DD.) Wie wir aus parlamentarischen Kreisen hören beabsichtigt das Reichsarbeitsministerium nach Abschluß der De- mühungen um die Ankurbelung des Daumarktes die Frage «eines mehrjährigen Wohnungsbau- Programms und seiner Finanzierung einer gründlichen Durcharbeitung zu unterziehen. Man hat schon seit längerer Zeit bei den zuständigen Stellen erkannt, dah die Regierung die von ihr zur Durchführung kommende Wohnungsbaufinanzierung rechtzeitig den Aenderungen am Wohnung sm arkt anpas sen muh. Man teilt dre von Vertretern der freien Wirtschaft und der kommunalen Spitzenbehörden verschiedentlich geäußerte Berechnung, dah im Jahre 1935 der jetzige anormale Reubauwohnungsbedarf im wesentlichen gedeckt sein wird. Die damit verbundene Umstellung der Wohnungsbau p o l i t i k muh rechtzeitig und auf lange Sicht vorbereitet werden. Damit ist auch eine Aufrollung der Frage der Zwangswirtschaft verbunden, die aber in diesem Herbst noch zu keiner Entscheidung gebracht werden kann. Es läßt sich schon jetzt übersehen, dah man — eine normale Entwicklung vorausgesetzt.
Tanz im Tessin
von Siegfried von Vegesack.
Es gibt vielerlei Tanzlokale und vielerlei Musik Mögen andere die mondänen Tanzdielen, den eleganten Eintänzer und die Jazzband bevorzugen, — ich bekenne mich zur Osteria von Bezia, zu Guerino, dem Steinklopser im Trikot, zum elektrischen Klavier.
Bezia ist ein kleines Dorf an der Gotthardstrahe, kurz vor Lugano. Kirche und Osteria liegen dicht nebeneinander. Solange die Glocke läutet, hinter den bunten Fensterscheiben Gesang und Gebetgemurmel herübertönt, muß das elektrische Klavier oder, wie es hier genannt wird, das Vertikal, schweigen. Aber schon sitzt der dicke Mann mit dem spitzen Strohhut und der scharlachroten Bauchbinde in der Ecke neben dem schwarzen Kasten, auf dem ein blauer See mit Alpen» landschaft aufgemalt ist. Und kaum ist die Andacht zu Ende, wirft ein Bursch ein 10-Gentimeftüd in den Schlitz, der Alte dreht die Maschine auf, es kracht und stöhnt und rumort unheimlich in den Gingewei- 6en des Instrumentes — und die Musik geht los.
Wie soll man diese Musik beschreiben? Es ist ein Poltern, Dröhnen, Stampfen, gewaltig wie ein Gewitter, wie das Brausen des Meeres, wie das Donnern eines V-Zuges durch den Tunnel. Aber dann plötzlich quirlen aus der Tiefe unsagbar vergnügte, kindlich lustige Töne auf, es klimpert und klappert, Helle Glöckchen klingeln verführerisch, das ganze elektrische Klavier scheint zu hüpfen, und sogar der dicke Mann schmunzelt und schnallt sich die Binde fester um den gewaltigen Bauch. Doch schon orgelt wieder der Bah ganz tief, dumpf, drohend, der schwarze Kasten mit der blauen Seelandschaft brummt und gurgelt melancholisch, und der dicke Mann vergräbt träumerisch beide Hände hinter der roten Bauchbinde.
Der Raum ist schmal, nur von einer schwachen Petroleumlampe und dem Feuer im mächtigen Kamin erhellt. Gewaltige graue Quadersteine bedecken den Fußboden. Und aus diesen Steinen wird getanzt. Es ist eigentlich kein Tanzen, sondern ein wildes, nur vom Rhythmus gebändigtes Rasen und Wirbeln, ein Sich-Drehen, Sich-Schleudem, jähes ruckweises Stehenbleiben und Sich-weiter-Wirbeln, bis das Klavier plötzlich verstummt.
Der beste Tänzer in Dezia ist Guerino, der Steinklopfer und Athlet, dessen Tanzkünste nur von Giovanni, dem Mehgergesellen von Lamone fast erreicht werden. Ader Guerino hat ein prächtiges rotgrün gestreiftes Trikot, bronzebraune tätowierte Arme und eine verwegene Ballonmütze, neben denen Giovanni mit seinem aufgekrempelten Hemd und dem schwarzen Haarschopf doch nicht recht zur Geltung kommt- Wenn aber diese beiden Burschen miteinander tanzen, so ist das wirklich eine Sehenswürdigkeit, mit
der Berliner Kabaretts ein Bombengeschäft machen könnten.
Leider will Guerino nach Amerika auswandern. Er wartet nur auf den Tod seiner Mutter. Fünf Jahre wird es noch dauern, laxiert er. Bis dahin klopft er Steine und läßt auf Wunsch seine Muskeln spielen. Ader das tut er nur im Rehhemd, im Kramladen seiner Mutter. Sozusagen als Gratiszulage für treue Kunden. Man braucht nur um die Mittagszeit eine Schachtel Uto-Zigaretten zu kaufen, den Athleten zu rufen und schon steht er da, im Retzhemd, und läßt die tätowierten Muskeln spielen . . .
Zwischen den Tänzen wird aber gelungen oder „Morra" gespielt. Die Burschen stellen sich im Kreis auf, sehen sich starr in die Augen und schmettern „La bella Ticinese“ — ein schwermütig verhaltenes Lied von hinreißendem Schwung, wie alle Lieder hier in Moll gelungen. „Morra" ist aber ein Spiel, das von der Polizei verboten ist, weil es dabei oft zu Messerstechereien kommt,und das deshalbnur hinter gesetzlos, jenen Fensterläden gespielt wird. Den eigentlichen Sinn habe ich nicht ergründen können- Jedenfalls muh es sehr aufregend fein: man hockt um einen Schemel, schleudert die rechte Hand vor, streckt dabei einen oder mehrere Finger aus und brüllt sich gegenseitig fürchterlich an.
Man tanzt, man singt, man spielt mit Leidenschaft, mit Vehemenz, mit wildem Rhythmus und zugleich mit einer kindlich unverdorbenen Freude, die beneidenswert ist. Wer das Tessiner Volk kennenlernen will, der meide die Kaibeleuchtung in Lugano, die Kurpromenade und die Dars und wandere statt besten zur Osteria nach Vezia, zum Vertikal, zum dicken Mann mit der scharlachroten Bauchbinde, zum Steinklopfer in Trikot.
Der schwarze Kasten mit der blauen Seelandschaft orgelt und klimpert, brummt und donnert, quirlt und klingelt, die Burschen stampfen und wirbeln auf den Quadersteinen, die alte freundliche Wirtin bringt dir einen neuen „Litro Nostrano“,unb du hockst im Kamin, am Feuer, das die Schatten der Vorbeitanzenden gespensterhaft an die Wand wirft. Im Fenster, hinter dem Gitter, hängt ein Bube, preht das blaffe schmale Gesicht an die eisernen Stäbe und starrt in den Raum. Und hinter ihm hängt der Mond, noch blasser, noch schmaler, im hellblauen Viereck des sommerlichen Rachthimmels.
Wanderst du dann heimwärts, nehmen die zirpenden Grillen die Musik von Dezia auf, flimmern und funkeln die heuduftenden Wiesen von unzähligen Glühwürmchen, atmen die Rebenhügel, heben und senken sich die mondüberglänzten Berge von Eademariound Arosio, tanzt diese ganze tessiner Land- । schast im Takt des elektrischen Klaviers: heiter beschwingt, und doch mit gurgelnden Untertönen 1 schmerzlicher Melancholie.
Lustige Kriminalgeichichten.
Aus den Erfahrungen von Scotland Vard, der englischen Polizeizentrale, erzählt ein Beamter allerlei komische Vorfälle der letzten Zeit. Gin berüchtigter Hochstapler wurde viele Monate hindurch „be- fchattet", weil man erfahren hatte, dah er einen großen Coup plane. Er schien von dieser Aufmerksamkeit, die ihm die Polizei widmete, nichts zu ahnen, und die Erregung der Beamten wuchs immer mehr, da man beobachtete, wie er häufige Besprechungen mit seinen Helfersheisern hatte. Aber nicht das geringste Anzeichen für dieAusführung des Verbrechens wurde beobachtet, so daß man schließlich die „Beschattung" aufgab. Arn nächsten Morgen wurde der Inspektor, der die Sache unter sich hatte, angerufen, und eine Stimme fragte durchs Telefon: „Wo ist denn mein Schalten hingekommen? Ich genieße doch nun schon feit Monaten den Schutz der Polizei, und jetzt plötzlich nehmen Sie mir alle meine Schutzengel fort- Wissen Sie denn nicht, dah meine Leute nicht in Ruhe arbeiten können, wenn sie nicht wissen, dah ich beobachtet werde?" Zwei Stunden später war der langerwartete Coup ausgeführt. - Eine Detektivpatrouille beobachtete jpät in der Rächt einen Mann mit einem Koster, der unruhig und ängstlich vor einem Hause auf und ab ging. Man verhaftete den Verdächtigen, und da er über fein Benehmen keine genügende Auskunft geben konnte, befahl man ihm, den Koster zu offnen. Rach heftigem Widerstreben tat er es: und man fand darin eine gröbere Menge Geld und einigen Schmuck. Das war aber noch viel verdächtiger, und nun bequemte sich der Verhaftete zu einer Erklärung: „Ich bin der Schatzmeister einer Wohltätigkeitsgesellschaft und komme von einem Essen, bei dem eine Sammlung veranstaltet wurde. Den Ertrag führe ich bei mir. Ich habe mich etwas verspätet und weih, dah meine Frau auf mich wartet. Deshalb wanderte ich noch etwas herum, um mir Mut zu machen, bevor ich ihr unter die Augen trete." Die Detektive begleiteten den zitternden Pantoffelhelden in feine Wohnung und als sie bereits an der Tür die Gattin erblickten, die sofort ihre Gardinenpredigt eröffnete, verzogen sie sich, von der Unschuld des Mannes überzeugt. — Zwei Einbrecher führten kürzlich in dem Garten einer Vocstadtvilla eine unbeabsichtige Komödie auf. Sie hatten es beide auf die Teppiche und das.Silber des stattlichen Hanfes abgesehen, und jeder belauerte vorsichtig und argwöhnisch die Bewegungen des andern. Wenn der eine aus seiner Ecke hervorkam, ergriff der andere die Flucht, um wieder zurückzu- kehren, wenn der erste verschwand. Rach einer halben Stunde dieses Katze-und-Maus-Spiels wollten beide flüchten und stießen dabei aufeinander. Run entstand ein heftiger schwelgender Kampf, bis die unterdessen
aufmerksam gewordenen Schutzleute dazu kamen und beide verhafteten. .Du Idiot", sagte der erste Einbrecher auf dem Wege zur Polizei zu feinem Gegner. „Warum hast du denn nicht gesagt, was du vorhattest? Ich dachte, du wärst ein Polyp." „Wie konnte ich denn", erwiderte der andere gekränkt. „Ich hielt ja dich für einen!" —
Rudolf Schildkraut t«
Rudolf Schildkraut ist, wie aus Washlng- t o n gemeldet wird, in Hollywood an den Folgen eines Herzschwächeanfalls gestorben. Erst die Nachricht von seinem Tode erinnert wieder an diesen Schauspieler, der in der deutschen Oeffentlichkeit heute schon ziemlich vergessen und vielen Jüngeren überhaupt nicht mehr bekannt ist.
Abenteuerlich und fremdartig genug waren fein Leben und Aufstieg. 1862 wurde er in Konstan- tinopel als Sohn eines Hoteliers geboren, lernte erst mit 12 Jahren die deutsche Sprache und kam dann nach Wien, wo er die Aufmerksamkeit Friedrich Mitterwurzers erweckte, als dessen einzigen Schüler er sich gerne bezeichnete. 1893 spielte Schildkraut am Wiener Raimund-Theater, einige Jahre später am Karl-Theater und war von 1900 bis 1905 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Don dort holte ihn Reinhardt plötzlich fort, und es erging daher ein Urteil, nach dem Schildkraut eine sehr bedeutende Konventionalstrafe nach Hamburg zu zahlen hätte. Von nun an läuft der Rest feines Ledens im Dunkeln. Dieser Schauspieler, der erst mit 50 Jahren seine ganz großen Erfolge buchen konnte, mußte, um seine Verpflichtungen zu erfüllen, im Berliner Apollo-Theater einen krassen Sketch spielen, der für seine vielseitigen Gaben und Fähigkeiten eigens geschrieben wurde. Dann ging Schildkraut nach Amerika und spielte dort am Jiddischen Theater und scheint hier alles gefunden zu haben, was er brauchte, denn er ist nicht mehr nach Deutschland zurückgekehrt.
Es war wohl so, daß sich dieser Schauspieler und Vagant in den geordneten Verhältnissen der großen Bühnen niemals recht wohlfühlte, darum brach er immer wieder aus ihnen aus. Es bleiben von ihm in der Erinnerung einige weitzurückliegende Abende bei Reinhardt, ein packender „König Lear", der Vater in Schalom Aschs „Gott der Rache" und der S h y l o ck in der Reinhardtschen Inszenierung des „Kaufmanns von Venedig". Der Schauspieler ist in dem biblischen Alter von beinahe 70 Jahren in dem Hause feines Sohnes gestorben, der in Hollywood Filme dreht.


