Nr. 165 Erstes Blatt
180. Jahrgang
Donnerstag, iZ.Juli 1930
GiehenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.
1
Das Delkungsprogramm durch Aoiverordnung in Kraft gefetzt.
Oer Reichstag versagt sich dem Kabinett Brüning. - Oer Reichskanzler erhalt alle Vollmachten aus dem Artikel 48. Kommt die Reichstagsauflösung?
Oer Artikel 48.
Der Reichstag hat am Mittwoch in der indirekten Form der Ablehnung eines kommunistischen Mißtrauensvotums dem Kabinett Brüning mit einer Mehrheit das Vertrauen bescheinigt, wie sie noch keine der letzten Regierungen auf die Deine gebracht hat. Derselbe Reichstag aber hat kaum eine halbe Stunde zuvor demselben Kabinett Brüning d i e parlamentarische Gefolgschaft für notwendige Deckungsvorlagen versagt. Das ist ein so krasser innerer Widerspruch, daß es sich schon verlohnt, einmal einige Minuten darüber nachzudenken, wohin der deutsche Parlamentarismus geraten ist und welchen Konsequenzen er entgegensteuert, wenn er auf diesen Wegen weiterschreitet.
Schon in den einführenden Worten, die der Reichskanzler der zweiten Lesung des Deckungsprogramms mit auf den Weg gab, ließ er klar durchblicken, daß er zur Anwendung aller verfassungsmäßigen Mittel entschlossen sei, um die vom Kabinett für notwendig gehaltenen Maßnahmen durchzuführen. Der Reichstag hat dann den grundlegenden § 1 der Deckungsvorlage, der formal alle Einzelheiten des neuen Steuerbuketts bereits enthält, mit Mehrheit angenommen. Rachdem sich zuvor auch der Reichsrat nach eingehenden Beratungen für die Deckungsvorschläge der Regierung Drüning entschieden hatte, dürften der Kanzler und seine Minister durchaus von der Annahme ausgehen, daß grundsätzlich eine große Mehrheit für ihre Vorschläge vorhanden war und daß das Zustandekommen einer parlamentarischen Mehrheit nur an den unmöglichen Verhältnissen, die in dem jetzt bestehenden Reichstag herrschen, scheiterte.
Wer der Entwicklung der letzten Wochen und Tage auch nur mit einiger Aufmerksamkeit gefolgt ist. wird zugeben müssen, daß Dr. Drüning und seine Mitarbeiter sich gewiß nicht leichten Herzens zur Anwendung des Artikels 48 durchgerungen haben. Roch sozusagen in letzter Stunde wurde zwar nicht vom Kanzler selbst, aber doch mit seinem Wissen und seiner Billigung ein letzter Vermittlungsversuch unternommen, um wenigstens die Sozialdemokraten zur Unterstützung der Regicrungspolitik zu bewegen, nachdem sich die Deutschnationalen endgültig versagt hatten. Der Versuch ist an der Intransigenz der Sozialdemokratie gescheitert, die ihrerseits die letzten Vermittlungsbemühungen mit ultimativen Gegenforderungen beantwortet und fo den Derhandlungsführern aus dem Regierungslager die Plattform entzogen hat. Angesichts der Tatsache nun, daß die sozialdemokratische Reichstags- sraktion in Idealkonkurrenz mit den Deutsch- nationalen einen entscheidenden Paragraphen der Regierungsvorlagen niederstimmte, blieb dem Kabinett kein anderer Weg mehr, als der, den es jetzt beschritten hat.
Die Deutschnationale Dolkspartei hat trotz der Kenntnis, daß die Regierung Brüning auf geraume Zeit hinaus das letzte bürgerliche Kabinett sein wird, sich der positiven Mitarbeit in einem gesamtbürgcrlichen Sinne versagen zu müssen geglaubt, wohl in der Hoffnung, daß es ihr gelingen werde, den Kanzler und seine Minister auf dem Wege der Anwendung des Diktaturartikels unserer Verfassung immer weiterzutreibcn. Von diesem Standpunkt aus gesehen, kann auch die Haltung der Deutschnationalen beinahe logisch erscheinen. Ganz unverständlich aber bleibt das Verhalten der Sozialdemokratie. Sie hat dem Parlamentarismus einen entscheidenden Schlag verseht, als sie am Mittwoch gegen die Regierung Brüning stimmte, und wir wissen heute noch nicht, zu welchen weiteren Konsequenzen das führen wird. Gerade wer sich immer wie sie als Hüter der parlamentarischen Idee und der Demokratie aufgcspielt hat, hatte in einem so entscheidenden Augenblick nicht das Recht, die Regierung von sich aus geradezu zur Anwendung des Artikels 48 zu zwingen.
In der Wählerschaft draußen wird die Haltung des Kabinetts und der hinter ihm stehenden Parteien gewiß besser verstanden werden, als es nach den Auslassungen der sozialdemokratischen Reichstagsredner scheinen könnte. Es geht heute nicht mehr um verzwickte staats- und verfassungsrechtliche Theorien, es geht heute einfach um die harte und brutale Praxis der Erhaltung und Festigung des deutschen Staates schlechthin. Ein Parlament, das sich solchen Aufgaben aus Eigenbrödelei oder Parteiegoismus versagt, hat keine Existenzberechtigung mehr, hat auch nicht das Recht mehr, bei den entscheidenden Schicksalsfragen der Ration mitzureden. äleber kurz oder lang wird also auch unserer Meinung nach die Reichstagsauflösung unvermeidlich sein. Wir sind überzeugt, daß das Kabinett, das sich nur schweren Herzens zur Anwendung der Vollmachten entschlossen hat, die der Reichspräsident ihm gab, von seinen Vollmachten stets maßvollen Gebrauch machen wird. Es liegt nicht im Interesse Deutschlands, heute mit Hilfe des Artikels 48 politische Maßnahmen zugunsten der einen oder anderen
Schicht, zuungunsten und zum Schaden des einen oder anderen Berufsstandes zu treffen. Es hat stets das Bestreben der Regierung Drüning sein müssen, die notwendigen Lasten in steuerlicher und wirtschaftlicher Beziehung aufeinemöglichst breite Basis zu legen, um sie überhaupt erträglich zu machen. Immer wird die Diktatur ein Rotbehelf sein, und niemand kann mehr wünschen als wir, daß die Anwendung des Artikels 48 der Sache und der Zeit nach fo eng begrenzt wie nur möglich bleibt. Gegenüber einem Parlamentarismus aber, der sich so auf Abwege begeben hat, wie der deutsche Reichstag des Sommers 1930, gibt es keinen anderen Ausweg.
Oas Llnterstühungsangebot der Sozialdemokraten.
Tie Regierungsparteien lehnen ab.
Berlin, 16. Iuli. lVDZ.) Die Abgeordneten Dreitfcheid und Müller-Franken (Soz.) haben an den Zentrumsabgeordneten Esser folgenden Brief gerichtet:
„Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion ist bereit, in mündlichen Verhandlungen die Be
dingungen bekanntzugeben, unter denen sie eine Verabschiedung der Deckungs- vorlage mit ihrer Llnterstühung für möglich hält. Sie hat jedoch schon gestern durch die Rede ihres Vertreters im Reichstage erkennen lassen, daß die in der Deckungsvorlage enthaltene K o p f st e u e r, die sog. Bürgerabgabe, für sie vollkommen unannehmbar ist. Voraussetzung für fruchtbare Verhandlungen wäre daher die Bereitwilligkeit der anderen in Betracht kommenden Parteien, auf die Bürgerabgabe zu verzichten. In diesem Falle wäre auch Gelegenheit gegeben, über notwendige Aenderungen der Vorlagen zur A r - beits- und Krankenversicherung in Verhandlungen einzutreten."
Rach einer Parteiführerbesprechung der Regierungsparteien im Reichstag wurde den Sozialdemokraten mündlich mitgeteilt, daß man in ihrem Brief keine geeignete Grundlage für weitere Verhandlungen über die Deckungsvorlagen erblicke. Während der Plenarsitzung hielten die Sozialdemokraten nunmehr noch eine Fraktionssihung ab, in der der Beschluß erneuert wurde, die Deckungsvorlage der Reichsregierung abzulehnen, zumal die Kopfsteuer in Liese Vorlage selbst mit ausgenommen worden sei.
Ablehnung des Artikels 2 im Reichstag.
Sozialdemokraten und Oeuischnationale gegen die Regierung.
Auf der Tagesordnung der Mittwochsihung des Reichstags steht zunächst der Einspruch desRcichsrats gegen das neue Am - ne st Lege seh. Die namentliche Abstimmung ergab 295 Stimmen gegen, 146 sozialdemokratische Stimmen für den Einspruch und 10 Stimmenthaltungen. Präsident Löbe erklärt, zur Zurückweisung des Einspruchs wären nach der Geschäftsordnung in diesem Falle 300 Stimmen notwendig gewesen. Da diese Zahl nicht erreicht wurde, sei dem Einspruch des Reichsrats stattgegeben worden. (Pfuirufe rechts.) Cs folgt die zweite Beratung der Oeckungsvorlage.
Abg. Dr. B re i t s che i d (Soz.): Llnsere Stellungnahme ist nicht so sehr bedingt durch die Gestaltung der einzelnen Artikel des Gesetzes als durch die politische Gesamtsituation. Einzelne Bestimmungen des Gesetzes lehnen sich an die von uns veröffentlichten Richtlinien an. Ganz unannehmbar aber ist für uns die Bür- gersteuer. Bleibt sie im Gesetz, dann lehnen wir die ganze Vorlage ab. Für uns ist die Vorlage auch unannehmbar, weil sie verknüpft ist mit einer Verschlechterung der Sozialpolitik. Der Konsequenzen unserer Ablehnung sind wir uns bewußt. Die Regierung Drüning ist von Anfang an eine Minüerheitöregierung gewesen. Sie braucht zur Mehrheitsbildung die Llnterstühung von rechts oder links. Die nach rechts hin unternommenen Versuche scheinen gescheitert zu sein. Wir haben unzweideutig unsere Dereitwilligkeit erklärt, an der parlamentarischen Verabschiedung der Deckungsvorlage mitzuarbeiten. Die Verhandlungen sind gescheitert, soweit sie überhaupt begonnen haben, ilnferc ablehnende Haltung zur Deckungsvorlage steht damit fest. Der Reichskanzler beabsichtigt, zur Durchführung seiner Vorlage den A r t. 4 8 anzuwenden. Wir halten das für verfassungswidrig, denn Artikel 48 soll dem Staat helfen, aber nicht einer Regierung aus der selbstverschuldeten Verlegenheit helfen. Wir werden sofort die Aufhebung der Rotverordnung beantragen und ■ werden dann abwarten, ob die Deutschnationalen unserem Antrag zu- stimmen oder lieber ihre Oppositionsstellung aufgeben werden.
Abg. Esser (Z.): Die Verhandlungen sind dadurch zum Scheitern verurteilt gewesen, daß die Sozialdemokraten den dritten Sah ihres Schreibens in eine ultimative Form gekleidet haben, die eine Verständigung unmöglich machte. Wenn auch auf Ihrer Seite der gute Wille gewesen wäre, so würde die Regierung Brüning nicht auf den Weg gezwungen sein, den Sie als verhängnisvoll ansehen. Wenn Sie diese Möglichkeit nicht wollten, dann durften Sie nicht diese ultimative Form schreiben. Ich stelle fest, daß, wenn diese Verhandlungen nicht zum Ziele geführt haben, es nicht an uns liegt, sondern an der Form Ihres Schreibens, daß jede weitere Verhandlung unmöglich gemacht hat.
Abg. Dr. Breitscheid (Soz.) erwidert, der dritte Satz habe lediglich die Ablehnung der Bürgersteuer ausgesprochen. Diese Steuer fei aber in der Regierungsvorlage gar nicht enthalten gewesen, und der Reichsfinanzmimster habe die schwersten Bedenken dagegen geäußert. Wer ernstlich die Verständigung wollte, hätte an der Ablehnung dieser Steuer die Verhandlungen nicht scheitern lassen.
Artikel 2 der Deckungsvorlage (Reichshilfe) kommt nun zur namentlichen Abstimmung. Die Abstimmung ergibt die Ablehnung des
Artikels mit 256 gegen 204 Stimmen. Dagegen haben die Sozialdemokraten, Deutfchnationalen, Kommunisten, Rationalfozialiften und die beiden Mitglieder der Volksrechtpartei gestimmt.
Der Reichskanzler erklärte, daß die Regierung auf die Fortführung der Verhandlungen über d i e Vorlage keinen Wert mehr lege. (Rufe bei den Kommunisten: „Ab- (refen!“)
Präsident £ ö 6 e : Damit ist nicht nur d i e Deckungsoorlage gefallen, sondern auch der Lrgänzungsetal. vestehen bleiben aber der Antrag der Wirtschaftspartei, auf Reichslagsauflösung und der kommunistifche Mißtrauensantrag.
Der Antrag der Wirtfchastspartei auf Reichs- tagsauf löfung wird gegen die Wirtfchafts- partei und die Rationalfozialiften abgelehnt. Der kommunistifche Mihtrauensan- t r a g gegen das Reichskabinett wird in namentticher Abstimmung mit 244 gegen 59 Stimmen bei 151 Stimmenthaltungen abgelehnt. Die Deutsch- nationalen haben gegen den Antrag gestimmt, die Sozialdemokraten haben Stimmenthaltung geübt.
Oie zweite
Beratung des Osthilfegesehes
Abg. Hergt (Dntl.) führt aus, im Ausschuß Tei das Gesetz verschlechtert worden durch die Regierungserklärungen über die Durchführung. Bedauerlich sei auch die Animosität gegen d:e Großlandwirtschaft. Durch das Osthilfegesetz dürfe nicht der Winfriede in die verschiedenen Gruppen der Landwirtschaft getragen werden.
21bg. Siegfried (WP.) begrüßt die Vorlage. Die Rot des Ostens sei nicht nur eine Rot der Landwirtschaft, sondern auch des Handwerks und Kleinhandels. Der Redner begründet Anträge, wonach die öffentlichen Arbeiten den Firmen übertragen werden sollen, die ihren Hauptsitz im Wirkungsbereich der Osthilfe haben.
Abg. Rönneburg (Dem.) ist der Meinung, daß die Ausschußbeschlüsse zu einer Verbesserung bet Vorlage geführt hätten. Der bäuerlichen Landwirtschaft müsse dec ihrer Bedeutung entsprechende gerechte Anteil an der Osthilfe gewährt werden. Dabei komme auch der Großgrundbesitz zu seinem Recht, gegen den keine Animosität bei den Demokraten oestehe. Durch die maßlosen Hebertreibungen der Landbundführer, durch ihre unwahre Behauptung, daß die ganze ostpreußische Landwirtschaft bankrott sei, werde den Landwirten nur Schaden zugefügt, indem der Kredit erschwert und verteuert werde.
Re ichsernährungsminister Schiele erklärt: Es handele sich bei der Osthilfe keineswegs um eine Politik der Subventionierung notleidender Wirtschaftszweige, sondern um einen 2lkt der Staatspolitik von größter grundsätzlicher Bedeutung. Die drei großen Ziele der Reichsregierung seien auf wirtschaftlichem Gebiet: Die Bahn frei zu machen für einen organischen Wiederaufbau der Wirtschaft im Osten, auf sozialpolitischem Gebiet: die Bekämpfung ber Landflucht und tatkräftige Förderung der Siedlung, auf nationalpolitischem Gebiet: an Stelle der Landverödung und der wirtschaftlichen Preisgabe des deutschen Bodens im Osten ein starkes Bv llwerk bodenständigen Bauerntums zu schaffen. Die Rettung des Ostens sei die Voraussetzung für die Gesundung und den Wiederaufstieg des gesamten Vaterlandes.
Weiterberatung Donnerstag.
Oie Ermächtigung.
Berlin, 16. Juli. (vvZ.) Der Herr Reichs- Präsident empfing heute den Reichskanzler Dr. Brüning und bestätigte, die Vollmacht, bei Ablehnung der Deckungsoorlagen diese mit Artikel 48 in krast zu sehen. Weiter erteilt« der Herr Reichspräsident die Ermächtigung, den Reichstag aufzulösen, wenn bet Reichstag beschließen sollte, die Verordnung nach Artikel 48 wieder aufzuheben ober wenn ein TNißtrauensantrag eine Mehrheit finden sollte.
Brüning macht von feinen Vollmachten Gebrauch.
Berlin, 16. Iuli. (WTB. Amtlich.) De» Reichstag hat am 15.Iuli den Artikel 1 de» Regierungsvorlage zur Deckung bei Haushalts angenommen und damit fcstgelegt, daß zum Ausgleich der Aufwendungen im ordentlichen Reichshaushalt, die sich infolge de« schlechten Wirtschaftslage ergeben, für die Zeit bis zum 31. März 1931 von den Einnahmen de« Personen des öffentlichen Dienstes und der Ledigen ein Betrag und von den einkommensteuerpflichtigen Personen einmalige außerordentlich» Zuschläge zur Einkommensteuer zu erheben sind. Bei der darauf erfolgten Abstimmung über A r t i k e l 2 hat sich eine Mehrheit über die Einzelausgestaltung dieser Vorschriften nicht gefunden. Den für die Vorlage der Reichsregierung über die Reichshilfe der Personen des öffentlichen Dienstes abgegebenen 204 Stimmen de« hinter der Regierung stehenden Parteien standen 256 Stimmen der Sozialdemokraten, Deutschnationalen, Kommunisten und Rationalsozialisten entgegen. Die Einzelheiten der Durchführung der Reichshilfe haben danach die parlamentarische Mehrheit nicht erreicht. Die Regierung hat darauf auf die Weiterberatung der zur Deckung des Reichshaushaltes bestimmten Gesetze verzichtet. Ein gegen sie eingebrachte« Miß trauensantr ag ist mit einer Mehrheit von 240 gegen 59 Stimmen abgelehnt worden.
Die Deckung des Reichshaushaltes Ist ein unbedingtes Erfordernis für die Aufrechterhaltung geordneter Staatsfinanzen und für die Kreditwürdigkeit des Reichs und ber Wirtschaft. Sie ist auch unbedingt vorausfehung für die weitere Durchführung der Fürsorge für die Arbeitslosen und eine unabweisbare Rotwendigkeit in einer Zeit, in der die wirtschaftliche Lage der Welt in fast allen Ländern schwere Gefahren für die Staatsfinanzen bietet Daher hat der Herr Reichspräsident die Voraussetzung für die Anwendung des Artikels 48 bet Reichsverfasfung für gegeben er ad) t e t und auf Antrag der Reichsregierung die zur Deckung des Haushaltes erforderlichen Maßnahmen getroffen. Damit ist ein fester Ausgangspunkt für die weiter» staatliche Tätigkeit und für die Erledigung bet brlngenb erforberlichen parlamentarischen Arbeiten, insbesondere für die Verabschiedung des Reichshaushalts und für die Durchdringung des vsthilfegefetzes geschaffen.
Der Herr Reichspräsident hat gemäß der Reichs- oersassung van den auf Grund des Art. 48 getroffenen Maßnahmen dem Reichstag unverzüglich Kenntnis gegeben. Diese Maßnahmen bestehen in zwei Verordnungen, von denen die eine die Deckungsvorlagen bet Reichsregierung mit Bürgerabgabe unb die zweite die Gemeindegetränkesteuer umsaht. Die finanzielle Sanierung bet Gemeinden ist ebenfalls eine unabweisbare Rot- wcndigkeit, um die Auszahlung der Unterstützungen für die wachsende Zahl der Wohlfahrts-Renten- Empfänger sicherzustellen. Auch gerade aus diesem Grunde hat der Herr Reichspräsident die Anwendung des Art.48 der Reichsverfasfung für geboten erachtet.
Der Wall der Ao Verordnung.
Wie die neuen Steuern aussehen werden«
Re r l in,_ 17. Iuli. (Tel.-äln.) Wie mitgeteilt wird, enthält die erste Rotverordnung einige Aenderungen am bisherigen Deckungsprogramm. Dre Reichshilfe, das 2V,Prozentige Rotopfe» der Beamten und Behördenmrgestellten, ist dahin gemildert: worden, daß Staats- und Behördenangestellte unter einer GehaltS- grenze von 8400 Mark von der Reichshilfe befreit sind. Das Rotopfer ist ferner auf M» Tantiemen der Aufsichtsräte ausgedehnt worden. Der öprozentige Einkommen steuer»uschlag ist unverändert geblieben. Die Ledigensteuer ist dahin gemildert worden, daß Einkommensteuerpflichtige, die fü« einen geschiedenen Gatten oder für einen unterhaltspflichtigen Elternteil Tlnterstützungen über 10 Prozent ihres Einkommens abführen und hierfür einen Steuerabzug genießen, von der Gebigen* steuer befreit fink Die Dürgerabgab«


