Ausgabe 
17.5.1930
 
Einzelbild herunterladen

tung. Das Voungabkommen hat von Paris aus gesehen das zwischen Deutschland und Frankreich stehende Reparationsproblem als solches beseitigt. Die Flottenkonferenz dagegen hat der französischen Politik keinen Erfolg ge­bracht. Die beiden angelsächsischen Weltmächte sind durch den Drcierpakt noch enger anein­andergerückt. die letzten Aussichten für Frankreich, zu einem Bündnis mit England und Amerika zu kommen, das Frankreich seinen Besitzstand, den in Bersailles geschaffenen Status quo garantierte, sind dahin. Die Vereinigten Staaten lehnen nach wie vor jede Einmischung in europäische Dinge strikt ab und England ist nach der erhaltenen Rückendeckung durch Amerika weniger denn je geneigt, ohne zwingenden Grund für Frankreich zu optieren. Frankreich ist heute in Europa die Macht, die, politisch, wirtschaftlich und kulturell saturiert, nichts sehnlicher wünscht, als die un­bedingte Aufrechterhaltung und Stabilisierung der gegenwärtigen Machtverhältnisse. Deshalb der entschiedene Widerstand gegen jede Ab­rüstungstendenz, gegen jeden Versuch zu einer Lockerung der Versailler Verträge. Jede Verän­derung in Europa, jede Verschiebung der euro­päischen Kräfteverhältnisse geht auf Kosten Frankreichs, auf Kosten der französischen Macht­position. Deshalb das uns Deutschen fast schon hysterisch anmutende Geschrei nach Sicherheit, des­halb die vergeblichen Versuche nach Erlangung verstärkter Garantien über Locarnovertrag und Kelloggpakt hinaus. Frankreich-ist mit dem Er­reichten zufrieden, es will in Ruhe die Früchte seines Sieges genießen, und beobachtet daher die starke Bewegung, in die die europäischen Dinge geraten sind, mit schärfstem Mißtrauen. Hier liegt vielleicht auch der tiefere Grund für die große Aktivität, die die französische Außenpolitik in den geschickten Händen Aristide B r i a n d s ent­faltet. Frankreich will, wenn schon die euro­päischen Dinge in Fluh geraten, versuchen, die Reuordnung Europas selber in die Hand zu nehmen und in ein System zu bringen, das wenigstens für Frankreich die Aufrechterhaltung des Status quo, also die Sicherung der erreichten Machtstellung bedeutet. So erklärt sich wohl auch Briands Einstellung zuPaneuropa". Spielte er bis vor kurzem als Präsident der Paneuropäi­schen Anion des Grafen Coudenhove-Kalergi eine ausschließlich repräsentative Rolle, so scheint er nun entschlossen zu sein, diese Gedankengänge für die französische Politik einer Stabilisierung Europas praktisch fruchtbar zu machen, nachdem andere Möglichkeiten, Frankreichs Besitzstand durch Garantiepakte und Bündnisverträge sicher­zustellen, erschöpft sind. Gleiche Interessen fesseln die anderen Rutznieher der Friedensdiktate, Polen und die Mächte der Kleinen Entente an Paris. Sie alle verteidigen den Status quo gegen die Versuche einer Revision.

Deren Wortführer ist heute Italien, nicht die Besiegten des Weltkrieges, Deutschland, Oesterreich, Ungarn und Bulgarien, die nach der Regelung der Reparationen noch allzu ausschließlich mit der Ord­nung ihrer inneren Angelegenheiten beschäftigt sind, um in der Außenpolitik die- nötige Ellbogenfreiheit zu haben. Aber neben der Türkei, die schon vor Jahren aus eigener Kraft eine Revision erzwang, sehen zumindest Ungarn und Bulgarien, und neuer­dings wohl auch Oesterreich, in Rom den Anwalt ihrer Reoisionswünsche. So wenig wie Deutschland kann sich Italien mit der Lage abfinden, wie sie .in Versailles geschaffen wurde. Beider Forderungen auf Revision stehen Frankreichs Bemühungen um Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Zustandes und seine Stabilisierung durch einen irgendwie gearteten paneuropäischen Bund entgegen. Italiens Ansprüche gehen zurück auf den Londoner Vertrag von 1915, der in Rom den Entschluß zum Kriege gegen die ehemals verbündeten Mittelmächte reifen ließ, dessen Zusicherungen aber nach dem gemeinsam und ohne Italien schwerlich errungenen Siege bei den Alli­ierten überraschend schnell in Vergessenheit gerieten. Durch die Pariser Friedensvcrträge "sah sich Italien um seine Hoffnungen auf koloniale Expansionsmög­lichkeiten betrogen und auch, was man ihm an der Adria zubilliate, war eine Enttäuschung. Die große afrikanische Kolonialmacht wurde Frankreich, dessen Bevölkerungszahl seit Jahrzehnten stagniert, das ohne den Zuzug von Hunderttaujenden italieni- scher Einwanderer gar nicht in der Lage gewesen wäre, Tunis und Algerien zu kolonisieren, während Italien nicht weiß, wo es für feine rapide zu­nehmende Bevölkerung Raum scyaffen soll. Mit Energie hat das faschistische Regime die noch aus der Vorkriegszeit herrührenden kolonialen Forderun­gen Italiens aufgegriffen. Die Italiener, die zu Hunderttaufenden Sudfrankreich und das franzö­sische Kolonialreich in Nordafrika bevölkern, sollen der italienischen Nation erhalten bleiben. Heute werden die fremdstämmigen Einwanderer zwangs- weise französische Staatsbürger und damit entnatio- nalisiert. Eine Aenderung dieser Praxis würde in ihrer letzten Konsequenz den Verzicht Frank­reichs auf Tunis bedeuten.

Kaum weniger schwerwiegend ist die weitere For­derung Roms auf Zuweisung eines Kolo- nialmandats, wobei man an das ehemals deutsche Kamerun denkt. Schon im Londoner Vertrag von 1915 war den Italienern eine Gebiets­erweiterung versprochen worden, die ihnen eine Verbindung von ihrer Kolonie Tripolis nach dem Tschadsee ermöglichen sollte. Das fascki- stische Regime konnte den tripolitanischen Besitz, ehemals eine reichlich fragwürdige Angelegenheit, wirtschaftlich und militärisch festigen, so daß nun mit dem Plan einer großen Transsahara- b ah n die alten Wünsche wieder laut werden, die die Alliierten in Versailles stillschweigend zu den Akten gelegt hatten. Die Bahn würde die Verbin­dung von Tripolis nach Kamerun, vom Mittelmeer an die afrikanische Westküste schlagen, ein großes italienisches Kolonialreich quer durch Nordafrika böte genügend Raum für fruchtbringende koloniale Betätigung des italienischen Bevölkerungsüberfchus- ses. Aber auch hier steht Frankreich im Wege, iffienn sich auch Briand in Genf zu beträchtlichen Gebietsabtretungen an der tripolitanischen Grenze man spricht von 40 000 Quadratkilometer gegen­über der sich auf 60 000 belaufenden Forderung stauens bereitgefunden haben soll, so bedeutet biejer Verzicht Frankreichs doch gegenüber dem italienischen Anspruch auf ein eigenes afrikanisches Kolonialreich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, solange man Italien nicht die Mandatsherrschaft über Kamerun einräumt. Wird aber erst die Man­datsfrage aufgerollt, werden auch andere Mächte mit berechtigten kolonialen Ansprüchen hinter Jta- lien nicht zurückstehen wollen. Das ganze Gebäude von Versailles droht ins Rutschen zu geraten und das ist es, was Frankreich unter allen Umständen zu vermeiden sucht. So befindet sich die französische Politik in einer Zwickmühle: jedes kleine Zugeständ- nis, das Frankreich Italien in Nordafrika macht weckt neue, größere Ansprüche, stärkt Italiens

Irlands panenropäischer Fragebogen.

Wie sich Frankreich die Organisierung Paneuropas denkt.

Paris, 17. Mal. (2BIB. Aunkspruch.) Der Fragebogen Briands, der heule vormittag den europäischen Hauptstädten überreicht und am Abend veröffentlicht werden wird, führt, demJour­nal zufolge, den genauen TitelM emorandum über die Organisation eines Regimes der europäischen föderativen Unio n. Dieses Memorandum umfaßt nicht weniger als 16 Seiten und rund 600 Zeilen. Eine dreiseitige Ein­führung erinnert daran, unter welchen Bedingungen Briand seine Gedanken in Genf vorgefchlagen hatte, und wie er beauftragt wurde, einen Entwurf, der als Diskussionsgrundlage dienen könne, auszuarbei- len. Der zweite Teil bildet den eigentlichen Fragebogen in Form von Kapitelüberschriften, zu denen die Mächte sich äußern sollen. Jm dritten Teil, der Konklufsion, wird die Unterstützung der 26 europäischen, dem Völkerbund angehörenden Ra­tionen zur Durchführung dieses planes erbeten. Die Mächte werden, demPetit parisien zufolge, ersucht, ihre Antwort noch vor dem 15. Juli zu erteilen.

Rach demMatln beabsichtigt Briand in seinem Plan einer europäischen Föderation vorzuschlagen, erstens eine periodische Konferenz, zwei­tens ein wirtschaftskomitee, drittens ein ständiges Sekretariat, alles dies i m R a h - men und am Sih des Völkerbundes. Ein feierlicher moralischer Pakt und außerdem reprä­

sentative leitende und technische Organe unter einer Jahr für Jahr wechselnden Präsidentschaft, das sei der zu Anfang sehr bescheidene Mechanismus, den Briand im September dieses Jahres ins werk sehen wolle, wenn qualifizierte Vertreter der Staaten Eu­ropas die Gewohnheit gewonnen hätten, zusammen­zukommen und gemeinsam die sie interessierenden Probleme zu bearbeiten, würden alle Lösungen von selbst kommen.

Oer Anschluß und Paneuropa.

Köln, 16.Mal. (ERB.) Der ehemalige öster­reichische Bundeskanzler Dr. Streeruwitz sprach im Oesterreichisch-Deutschen Volksbund über das Verhältnis Oesterreichs zu Deutschland. Er betonte zur Anschlußfrage, es sei falsch, immer daran zu denken, aber nicht davon zu sprechen. Die Rechtslage für den Anschluß sei viel zu günstig. Die Auffassung, der Anschluß habe Zeit, halte er nicht für unbedenklich. Denn auf diese Weise habe man früher die Schweiz und die Riederlande ver­loren. Mit Oesterreich würde Deutschland wert­volle Verbindungen nach Osten verlieren. Die Paneuropabewegung sei ein gefähr­liches Schlagwort, weil sie den gegen­wärtigen Zu st and verewigen wolle. Es gebe nur eine Möglichkeit: Zusammenfassung der deutschen und der österreichischen Wirtschaft, viel­leicht unter Einbeziehung der Tschechoslowakei zu einem mitteleuropäischen Block.

Machtstellung und verschärft den Gegensatz zwischen den beiden Rivalen. Findet sich Frankreich jedoch zu dem großen Verzicht bereit, den Italien fordert Tunis und Kamerun so wäre es aus mit einer Stabilisierung Europas im französischen Sinne. Aber eine wahrhafte Stabilisierung Europas ist un­denkbar ohne Bereinigung des italienisch-französi­schen Problems, so gut wie sie undenkbar ist ohne die Erfüllung der deutschen Reoisionsansprüche im Osten.

Die Nationalsozialisten in Thüringen.

Tas Weimarer Kabinett lehnt Ortlesip ab.

Weimar, 16. Mai. (TA.) Die Anstimmig- feiten zwischen den Rationalsozialisten und den übrigen Thüringer Koalitionsparteien haben eine gewisse Verschärfung erfahren, da das Kabi­nett mit Stimmenmehrheit den von den Ratio­nalsozialisten zum Weimarer Polizeidirektor vorgeschlagenen nationalsozialistischen Assessor Or t lepp endgültig ab gelehnt hat. Staats­minister Baum hatte sich bereit erklärt, persön­lich bei der Reichsregierung die Auffassung des thüringischen Gesamtkabinetts zum Ausdruck zu bringen, daß die Zugehörigkeit zur na­tionalsozialistischen Partei kein Hinderungsgrund für eine Einstellung in den Polizeidienst fein könne. Die Rationalsozia­listen weigerten sich jedoch, die Ernennung des Polizeidirektors von neuen Verhand­lungen in Berlin abhängig z u machen. Trotz der Ablehnung halten die Ratio­nalsozialiften an der Kandidatur Ortlepps fest, da es sich für sie um eine Prestigefrage handele. Sie blieben auch am Freitag den Haushalts­verhandlungen im Landtag fern, so daß Ab­stimmungen nicht stattfinden konnten.

Ob es zu einem Rücktritt der Landesregierung kommt, erscheint fraglich, da die Landvolkpartei, die. Wirtschaftspartei, die Deutsche Volkspartei und die Deutschnationalen keinen Anlaß sehen, ihre Kabinettsmitglieder zurückzuziehen. Sollte tatsächlich eine weitere sachliche Arbeit unmöglich sein, so dürfte mit der Möglichkeit einer In­tervention des Reiches gerechnet werden. Es wird aber alles versucht, eine solche Ein­mischung des Reiches zu vermeiden. Die Rationalsozialisten sind jedoch bereit, fest zu bleiben und es nötigenfalls auf Reuwahlen ankommen zu lassen. Im Landtag erklärte Mi­nister Dr. Frick, er habe im Iahre 1927 beim Reichsinnenministerium eine schriftliche E r- k l ä r u n g abgegeben, wonach die Nationalsozia­listische Arbeiterpartei nicht daran denke, auf gewaltsamem Wege die Weimarer Verfassung zu beseitigen. Es sei ein untragbarer Zustand, oah man Polizei beamten verbiete, Rationalsozia­listen zu sein, wenn man auf Grund der Reichs- Verfassung dulde, daß ein Rationalsozialist Län­de rminister werde. Als solcher sei er, Dr. Frick, jetzt Chef der thüringischen Polizei. Es gehe nicht an, daß hier mit zweierlei Maß ge­messen werde, es sei eine Prestige- und Le­bensfrage für die Rationalsozialiften, daß sie als Regierungspartei ebenso be­handelt würden wie die anderen und nicht nur als gut genug erachtet werden, unpopuläre Ge­setze mit zu beschließen. Sie müssen auch das Recht erhalten, wichtige Positionen im Staate zu besehen.

Der Fustizetat im Reichstag

Berlin, 16. Mai. (VDZ.) Auf der Tages­ordnung des Reichstags stand die zweite Bera­tung des Etats für 1930, beginnend mit dem Haushalt des Reichspräsidenten, der ohne Aussprache bewilligt wird: ebenso der Haus­halts des Reichsministeriums, des Reichskanzlers und der Reichskanzlei. Beim Haushalt des Reichsjustizministeriums wendet sich Abg. Dr. Rosenfeld (Soz.) gegen die Rechts­sprechung des Reichsgerichtes. Eine der letzten Entscheidungen, die den Gemeinden eine Ent­schädigungspflicht für die in der Fluchtlinien-, orönung vorgeschriebenen Freiflächen auferlegt, begünstige die Bodenspekulation und mache es den Gemeinden unmöglich, vernünftigen Städtebau zu treiben. Der Sieger in diesem Prozeß verlangt jetzt, gestützt auf die 'Reichsgerichtsentscheidung, von der Gemeinde Berlin eine Entschädigung von 1,7 Millionen Mark für einen Teil des Grund­stücks, obwohl er das ganze Grundstück in der Inflationszeit für 20 000 Mk. erworben hat. (Hört! hört!) Wir verlangen eine durchgreifende Reform des Reichsgerichts.

Abg. Dr. E v e r [ t n g (Dnl.) begründet einen deutschnationalen Amnestieantrag. Es handele sich um den vierten Vorstoß seiner Partei, um end­lich die Opfer der Femehehe freizumachen. Wa­rum habe die Regierung die von einer Regie­

rungspartei verlangte Amnestie anläßlich der Rheinlandräumung nicht vorgelegt? Sollen, so fragt der Redner, bei den Rheinland­feiern nur Verräter Freiheit bekommen, nicht aber Soldaten, die in nationaler Rotwehr han­delten? Wir werden die Amnestieforderung wie­derholen, bis die Mehrheit im Parlament fühlt, wie es jedes Rechtsgefühl empören muß, wenn Barmat ein halbes Iahr Strafe bekommt, Skla- rek alsbald frei wird und die Opfer der Feme­hehe Iohr um Iahr hinter Gittern sitzen.

Reichsjustizminister Or. Bredi:

In der Frage des Arheberrechtes hat der Internationale Kongreß in Rom gute Vor­arbeit geleistet. Wir werden vielleicht zu der Regelung kommen, daß grundsätzlich die Schutz­frist 30 Iahre beträgt, daß aber in den folgen­den 20 Iahren noch ein beschränkter Schutz be­steht. Hinsichtlich der im Iahre 1932 fällig wer­denden aufgewerteten Hypotheken den­ken wir uns die Regelung so, daß durch Er­höhung des Zinssatzes den Gläubigern weniger an der Rückzahlung liegt, während den Schuldnern ein. Anreiz zur Rückzahlung der Hypotheken gegeben wird. Ein allgemeines Mo­ratorium ist nicht vorgesehen. Die Gläubiger erhalten ein langfristiges Kündigungsrecht, sie müssen aber die Rückzahlung der Hypotheken annehmen, wenn der Schuldner es verlangt. Die Reichsgerichtsentscheidung über die Entschädi­gungspflicht für die durch die Fluchtlinienord­nung vorgeschriebenen Freiflächen wendet sich gegen die Härte, daß im Wege, der Anlieger­beiträge die Enteigneten für die Enteignung noch zahlen sollen. In der Qlmneftiefrage muh ich die Entscheidung des Rechtsausschusses abwar­ten. Der preußische Ministerpräsident hat sich energisch gegen eine Amnestierung der Feme­mörder ausgesprochen. Ich habe dazu zu sagen: Wenn wir eine Amnestie anläßlich der Rhein­landräumung machen, dann kann sie nur die Aufgabe haben, einen endgültigen dicken Strich unter alles zu machen, so daß nichts mehr übrig bleibt, worüber weiter ge­klagt werden kann. Wenn die Amnestie die Feme­mörder nicht einschließt, dann hat sie gar feinen Wert, dann wird der dicke Strich nicht ge­zogen, auf den es ankommt. (Anruhe links.) Eine Amnestie, die nur eine Anruhe schafft, hat feinen Wert.

Abg. Dr. Bell (Ztr.): Wir hoffen, daß die Mei- nungsverschiedenheiten über die Strafrechtsreform so ausgeglichen werden, daß mir möglichst bald zur Kodifikation des neuen Strafrechts unter Rechts- anglelchung an Oesterreich kommen. Wir wünschen eine allgemeine Justlzreform unter Nachprüfung der bestehenden Justizorganifation.

Oer Angriff auf das Salzloser von Oharajana.

Bulsar, 17. Mai. (WTB. Funkspruch.) Jm gern« zen liegen jetzt vier Abteilungen von je 50 Frei­willigen vor den Salzlagern von Dharasana. Die Polizei hat ihnen den Weg versperrt. Die Einwoh­ner von Dharasana haben beschlossen, den Polizei­beamten alle Lebensmittel zu verweigern. 100 An­hänger Gandhis, die nach Schiroda marschierten, um in die dortige Salzniederlage einzudringen, wur­den in dein Augenblick verhaftet, als sie sich auf einen italienischen Dampfer einschiffen wallten. Der Vollzugsausschuß des nationalistischen Kongres- ses nahm ein« Reihe von Beschlüssen an, die zur Förderung und Belebung des Feld­zuges des zivilen Ungehorsams ver­schiedene Maßnahmen empfiehlt, wie z. B. Boykott der ausländischen Stoffe, der britischen Bank- und Schiffahrtsorganisationen und ähnlicher Unterneh­mungen, sowie Ausdehnung der Bewegung gegen das Salzmonopol. Wie liberale Kreise erklären, ist ein Schritt der Regierung zum Zwecke der An­bahnung von Verhandlungen mit Gandhi demnächst zu erwarten.

Wieder ein Neger gelyncht.

Sherman (Texas), 17. Mai. (WTB. Funk­spruch.) In dem 80 Kilometer von Sherman, dem Schauplatz der kürzlich gemeldeten Lynchung eines Regers, entfernten Honey Rove, hat der Mob wiederum die Lynchjustiz ausgeübt. Ein Reger hatte am Rachmittag einen wei­ße n Farmer erschossen und verbarrika­dierte sich nach der Tat in einer Hütte. Er wurde regelrecht belagert und befchos- f e n. Als er zu seuem av.fhorte, stürmte eine Menge von einigen hundert Menschen die Hütte, bemächtigte ich der Leiche des inzwischen seinen Verletzungen erlegenen Regers, band sie an ein Automobil und schleifte sie nach dem Reger­viertel, wo die Menge die Leiche ver­brannte.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 17. Mai 1930.

Oie Freude am Kleinen.

Vor einigen Iahrzehnten war es Heinrich Seidel, der uns in feinem Leberecht Hühnchen in wundervoller Weise auf die Poesie der klei­nen Leute hinwies, auf die Glücklichen, die selbst bei größtem Mißgeschick die Zufriedenheit nicht verlieren und da noch Sonne und Licht sehen, wo andere schon verzweifeln. Von den neueren Dichtern ist Ludwig F i n ck h, derRosendoktor", in die Fuhtapsen Seidels getreten und wird nicht müde, in seinen Schriften darauf hinzuweisen, daß wir auch im Alltagsleben die Poesie nicht vergessen sollen, daß wir auch Freude und Glück bei den kleinsten Sachen finden. In feinem Buch Die Iakobsleiter" steht der Sah: ^Wkc brauchen nicht auf Monde zu steigen und uns um andere Sterne zu mühen: es gibt neben uns und auf unserer Erde Brunnen, die niemals auszuschöp­fen find und ihre Stuben öffnen dem, der den Eimer hat."

Es gibt Menschen, die sich nur freuen können, wenn sie das große Los gewonnen haben, oder wenn sonstwie das Glück scheffelweise Einkehr bei ihnen hält. Im übrigen sind sie unzufrieden und schimpfen auf die schlechten Zeiten. Damit berauben sie sich aber mancher schönen Stunde: denn gerade die Freude am Kleinen erhellt unser Leben, macht es auch in trüben Zeiten lebens­wert. Selbst wenn uns der Rachmittagsspazier­gang verregnet, soll man das nicht tragisch nehmen.

Der Regen strömt vom Himmel, alles ist von Wolken verhüllt. Ist dann der Gedanke: Es ist doch gut, daß wir nicht unterwegs sind! nicht auch ein Trost? Oder betrachten wir doch ein­mal die runden Regentropfen, die gegen das Fenster schlagen. Wie sie einen Augenblick hän­gen, dann aber langsam an der glatten Fläche abgleiten. And nun bricht die Sonne doch für einige Minuten aus den Wolken hervor und be­leuchtet die nasse Welt. Die kleinen Regentrop­fen am Fenster saugen sich voll Licht. Sieh, wie sie funkeln und glitzern, wie sich das Licht in vielen Farben bricht! Ein kleiner Regenbogen. Beim langsamen Abrollen am Fenster ändern sich die Farben beständig. Sind die Tropfen nicht glänzende Edelsteine? Ein kleines Wun­der. Ist das nicht schön?

Aber der Frühling bietet uns ja nun Schön­heiten in Hülle und Fülle. Gehen wir nicht so schnell an den blühenden Bäumen vorüber! Blei­ben wir doch auch einmal stehen und betrachten die zarten Blüten, schauen zu, wenn die sum­menden Bienen chren Honig holen! Das kann man nicht im Vorüberhasten, da muh man sich Zeit nehmen. Aber man hat seine helle Freude an diesem Anblick.

And haben wir keinen Garten mit blühenden Blumen, bdhn ist ein Strauß im Zimmer ein kleiner Ersah. Im Frühling muh man etwas Lebendiges und Farbiges in der Stube haben. Da helfen uns die einfachen Feld- und Wald­blumen. Seien es nun die duftenden Maiglöck­chen, oder schlichtes Wiesenschaumkraut. Jede offe­ne Blüte, jede aufbrechende Knospe ist ein Lab­sal für unser Auge. And erst in der Zusammen­stellung im Glas kommen die Blumen mit ihrer gesammelten Schönheit voll und ganz zur Gel­tung. Sie sind schön, wenn sie mitten auf dem» Tisch stehen und seitlich vom einfallenden Son­nenlicht getroffen werden, sie find noch schöner, wenn am Abend die große Hängelampe ihren matten Schein darüber gießt. Bei unserer Ar­beit, bei unserer Erholung bringt uns dieser Strauß den Abglanz des Frühlings ins Zimmer.

Wir können in jedem Garten kleine Ratur- wunder beobachten und Gewinn davon haben. Da klettert am Hause der selbstklimmende Wein. An den glattesten Stellen, selbst an Glanzsteinen haftet er fest. Das ganze Haus bekommt durch

Oie Wetterlage.

© Wolkenlos. O neuer. o halb bedeext. ® woixig. o bedeckt. «-Regelt

* Schnee o Graupeln e nebei K Gewitter.® Windstille. «O> seh» leichter Ost. V massiger Südsüdwest <5 stürmischer «ordwest die Pfeile fliegen mH dem winde Oie oeiaen Stationen stellenden Zah­len geben die Temperatur an. Die Limen verbinden Orte mit gleichen! «uf heercsniveau umgereenneten LultdrucM

Wettervoraussage.

Von der Biskaya in nordöstlicher Richtung über Frankreich, Deutschland nach dem Baltikum hin la­gert hoher Druck, welcher bei uns durch den Ein­fluß der Warmluft der nördlichen Störung jedock keine ausgesprochene Schönwetterlage entwickelt hat Wenn auch im Bereich des hohen Druckes zunächst trockenes und aufheiterndes Wetter herrscht, so schein! es nur von kurzer Dauer zu fein, denn erneuter Luftdruckfall über Irland und das Drehen der Wind« auf Süden zu, deuten auf spätere Wetterverschlech­terung hin.

Wettervoraussage für Sonntag: Dunstig und wolkig mit Aufheiterung, zunächst trocken, tagsüber warm.

Witterungsauss ich ten für M ona tag: Wieder mehr Eintrübung, warm, späte! Riederfchläge wahrscheinlich.