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Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesseu

Nr. 268 Drittes Blati

Derkehrsmißstände in Gießen.

Jedes Gemeinwesen, das auf gesunden Sort- schritt seiner Wirtschaft Wert legi, wird sich mu allen Kräften bemühen, dem Verkehrswesen weit­gehende Förderung angedeihen zu lassen. Denn gerade durch bestmöglichste Gestaltung der Ver- tchrsverhältnisse wird es in aussichtsreicher Weise möglich fein, zusätzliche Wirtschaftskraft von außen her in eine Stadt hincrnzufuhren und dadurch befruchtend für die Gesamtheit Der ®in* wohner zu wirken. Diese Grundsätze, nach denen bisher auch in Gießen in anerkennenswerter Weise gearbeitet worden ist, müssen aber in ihrer Auswirkung da Einhalt finden, wo lebenswich­tige gesundheitliche Interessen B^olkeruna beeinträchtigt werden. Dieser Zustand scheiill nach vielfachen Klagen, die seit einiger Zell uns vor- gclragen werden, gegenwärtig tu manchen Zei­len unserer Stadt vorhanden zu sein. Don zahl­reichen Mitbürgern wird ernstlich und mit gutem Grund gerügt, daß der Krastsahrzeugverkehr hin­sichtlich des Fahrttempos zahlreicher Automobilisten und Motorradler vielfach das erträgliche Maß über­schreitet. Liebereinstimmend wird beklagt, daß nicht nur in den Durchfahrtstraßen, sondern auch in der Innenstadt manche Kraftfahrer einen Ehr» geiz im Schnellfahren entwickeln, der mit den elementaren Erfordernissen der Sicherheit für den Fußgängerverkehr nicht mehr in Einklang zu bringen rft. Als weiterer Mißstand wird von vielen Bürgern die bedauerliche Tatsache emp­funden, daß zahlreiche Motorradler, insbeson- dere solche in jugendlichem Alter, nicht nur Schnelligkeitsrekorde in den Straßen der Stadt aufzustellen sich bemühen, sondern ein beson­deres Vergnügen auch in möglichst heftigem Motor geknatter ihrer Maschinen erblicken. Wenn dieses starke Geräusch vielleicht jenen Krastsahrern ein Vergnügen und ein Beweis ihrer überschäumenden Lebenskraft sein mag, so ist cs aber doch nach dem übereinstimmenden Ur­teil breiter Devölkerungsschichten nichts anderes als eine unerträgliche Belästigung der Straßen­anwohner und der Passanten.

Unter diesen Mißständen haben namentlich die Bewohner der Ausfallstraßen unserer Stadt sehr zu leiden. Wer in diesen Bezirken auch nur ver­hältnismäßig kurze Zeit die Verkehrsv.'rhältnisfe beobdchtet. wird erkennen können, daß dort hin­sichtlich des Kraftverkehrs manches im argen liegt. Besonders in Mitleidenschaft gezogm sind durch diese Mißstände die Anwohner der Frank­furter Straße, die als Hauptausfallstraße für den Verkehr aus den verschiedensten Stadt- gegenden in Betracht kommt. Dort jagen Kraft­fahrzeuge aller Größen und Arten oft in längerer Reihe mit einer Geschwindigküt hin und her, die das Ueberschreiten des Fahrdammes für die Fußgänger manchmal zu einer geradezu lebens­gefährlichen Sache macht. Dazu kommt noch, daß dort anscheinend auch in erheblichem Maße Probefahrten unternommen werden, bei denen die Fahrzeugführer gelegentlich auch die Leistungskraft ihrer Maschinen erproben wollen und infolgedessen einen Lärm verursachen, der schließlich selbst starke Verven cmpfindich in Mit­leidenschaft zieht. Veranlaßt durch di:se unlieb­same Entwicklung haben sich die Bewohner der Frankfurter Straße dieser Tage beschwerde- führend mit einer Eingabe an die Stadtverwaltung gewandt, in der sie fol­gendes erklären:

Die unterzeichneten Anwohner und Inter­essenten der Frankfurter Straße erheben Be­schwerde dagegen, daß diese im gediegenen Wohnhaus- und Villenstil bebaute und zum Teil im Klinikviertel belegens Straße bereits entwertet worden ist und als gute Wohnlage völlig vernichtet zu wer­den droht durch:

1. Errichtung von Großtankstellen, die Tag und

Dacht und an Sowi- und Feiertagen im Be­trieb sind,

2. Errichtung von Auto »Reparaturwerkstätten und Wietaaragen,

3. den Durchgangsverkehr (Frankfurt a. M. Koblenz Kassel) von Lastkraftwagen und Motorrädern, zwei Fahrzeugarten, welche den schrecklichsten Lärm und unerhörte Explosiv- nen erzeugen, einen Höllenlärm, für den jedes Wort zu schwach ist.

Verkehr soll und muh fein, aber Auswüchse und grobe Mißstände kön­nen mit gutem Willen beseitigt werden. Unb dgÄn? rechnen wir bestimmt auf Ab­hilfe tf^) unsere Stadtverwaltung.

Wir machen folgende Vorschläge:

zu 1. Tankstellen: a) in der ganzen Frankfurter Straße bis zur Schubertstrahe ferne neuen Tankstellen zu genehmigen und keinen Ausbau der bestehenden zuzulassen: b) die Tankstellen innerhalb der Stadt abends und an Sonn- und Feiertagen zu schließen, wie andere Ladenbetriebe: c) einen Hilfsdienst ein­zurichten, ähnlich wie bei Apotheken:- d) an der freien Landstraße nach Klein-Linden zu die Tankstellen anzufiedeln und diese beliebig (auch nachts und Sonntags) Betriebsstoffe ver­kaufen zu lassen:

zu 2. Autoreparaturwerk st atten und große Mietgaragen gleichfalls an der freien Landstraße nach Klein-Linden unterzu­bringen: , _

z u 3. Durchgangsverkehr: Die Last­kraftwagen und Motorradfahrer, die ohne Aufenthalt in Gießen unsere Stadt nur auf der Fahrt von Süden nach 'Horten und umge­kehrt durchrasen, auf eine Parallel st raße abzuleiten. Dazu bietet sich wohl als ein­fachstes und billigstes Projekt der Ausbau des jetzigen Feldweges zwischen Margaretenhütte am Bahndamm entlang bis zum Viadukt vor Klcin-Linten. Anderseits würde diese Auto­straße, immer am Main-Weser-Dahndamm ent­lang (die Hammstraße nützend) die Marburger Straße im Dorten außerhalb der Stadt Gie­ßen erreichen, so daß auch die Anwohner der Marburger Straße von dem furchtbaren Lärm und Durchgangsvcrstchr entlastet würden.

An der Margaretenhütte liegen heute schon alle großen Benzin! ager. die damit Großtank­stellen an ter gedachten Entlastungsstraße ver­binden formten.

Es entzieht sich unserer Kenntnis, ob die Eifenbahnverwaltung auf den Gelä «bestreifen am Bahndamm Rechte hat Dotwendig ist zu­nächst für unsere Stabt die Entlastungs- unb Umleitung« ft raße für den zu­nehmenden Durchgangsverkehr, während ter Eisenbahn, falls sie später wieder einen Aufschwung nehmen soll e, andere Aus- dehnungsmöglichk i en in Fülle offen stehen.

Wir brauchen wohl kaum zu versichern, daß gegen einen vorschriftsmäßigenPer- sonen-Autoverkehr nichts einzu- wenden ist, und daß ein geräuschlos dahin- gleitentes Auto direk.en Genuß bereiten kann, womit nicht gesagt sein soll, daß uns dieser Ge­nuß allzu oft gebotm wird.

Indem wir dem Herrn Oberbürgermeister heute nur die dringendsten Beschwerden unter­breiten, deren Reihe sich, gerate was die Frank- surter St.aße anbelangt, beliebig erweitern ließe, geben die unterzeichneten Anwohner sich der bestimmten Hoffnung hin, daß baldige und durchgreifende Abhilfe gescha fen wird."

Mit anerkennenswerter Einsich" stellen sich die Beschwerdeführer auf den Standpunkt, daß sie nich s gegen einen vorschri tsmähigcm Kraftfahr­zeugverkehr einwenden wollen, dagegen aber Auswüchse und grobe Mißstände be­

seitigt leben mochten. Gegen diese Forderung wird auch von denen nichts cinzuwenden fein, die ich sonst für Verkehrsbegünstigung einsetzen, dabei aber die Beschränkung anerkennen, von ter wir im Anfang dieses Artikels sprachen. Bei aller Rücksichtnahme auf die gewerblichen Interessen ter jetzt schon an der Frankfurter Straße und auch in anderen 6tabtteilen vorhandenen Tankstellen wirb man billigerweise zugeben müssen, daß nach dieser Dichtung hin baldigst für eine -Rege­lung gesorgt werten muß, mit ter sich alle Be­teiligten elnverstanten erklären können. Cs er­scheint uns als dringende Aufgabe ter Stadt­verwaltung. ater auch des Polizei- a m t e s , baldmöglichst auf Beseitigung der gegenwärtigen Beschwerden hinzuar­beiten und dabei vor allem auch Maßnahmen zu treffen, durch die den Kraftfahrern die gebotene Rücksichtnahme auf ihre Mitmenschen sowohl bei Zage, als auch zur Rachtzctt zur st r e n g st e n P f l i ch t gemacht wird. Der tägliche Lebenskampf ist für die meisten Bürger ohnehin schon so anstrengend und aufreibend, daß es wirk­lich nicht nötig ist, ihn durch Llngebührlichkerten im Verkehr noch schwerer und in seinen Aus­wirkungen noch verheerender werten zu lassen.

Heimatkundliche Tagung im Kreise Büdingen.

tl. Stockheim, 14. QIod. Hier hielt die biologische Fachgruppe der heimat­kundlichen Arbeitsgemein sch asten des KreiseS Büdingen unter Leitung von Dr. Pfaff (Büdingen) ihre erste Sitzung ab. Unter reger Beteiligung aller Mitglieder wur­den die verschiedenen Arbeitsgebiete besprochen und allgemeine Richllinien für die Arbeit aus­gestellt. , , , ,

Lehrer Schnierle (Bleichenbach) sprach über die geplante volksbotanische und pf lan­zengeographische Durchforschung Hessens und den auf unser Gebiet entfallenden Anteil dieser Arbeit. Das Gebiet der Volks- botanit ist ein Teil der Volkskunde, und es ist deshalb hier auch die Mitarbeit aller vocks- kundlich interessierten Kreise notwendig. Die bio­logische Fachgruppe der hessischen Arbeitsgemein­schaften hat deshalb ihren vollsbotanischen Frage­bogen auch in Gemeinschaft mit der hessischen Gesellschaft für Volkskunde auf gestellt und an viele zur Mitarbeit bereite Männer und Frauen vcr'andt. (Er geht auch allen denen zu, bie Prof. Dr. Spilger (Darmstabt), Päd. 3nftüut, ihre Bereitschaft zur Mitarbeit erklären.) Es ist höchste Zeit, zu sammeln, was an botanischem Volksgut in unserer Heimat noch lebenbig ist: Volksnamen ter Pflanzen, Verwendung von Pflanzen zu Heilzwecken, ihre Bedeutung bei un­seren Festen, ün Spiel der Kinder, in Sitte und Brauch. Die pflanzengeographische Forschungsarbeit bedarf der Mitarbeit einer größeren Anzahl sloristisch eingeftellter Kräfte, die über das ganze Gebiet verteilt sind. Cs sollen zunächst an Hand einer Liste typischer Vertreter von Pflanzengenossenschaf­ten bie Verbreitung dieser Genossenschaften fest- gestellt werben: eine Kartierung aller vorkom- menten Arten würde zu langsam zum Ziele führen. Das ist eine Aufgabe der Zukunft.

Dr. Pfaff sprach sodann über den Hatur- schuh im KreiseBüdingen. Die staatlichen Maßnahmen auf diesem Gebiet waren seither ziemlich unzulänglich. Man muß wünschen, daß es damit in Zukunft besser wird. Es ist ge­wiß in einzelnen Fällen notwendig, auch ein­zelne Pflanzenarten zu schützen: wichtiger er­scheint jedoch, gewisse bezeichnende Pflanzen- vereine zu erhalten, wie z. D. die Sel­terser Dalzwiefen, bas Florenbild des Bieichen­bacher Zechsteins, Reste politischer Flora in der Wetterau, Vorpostengebiete nordisch-montaner Flora am Rande des Dvgelsberges und andere. Dafür mutz für die Zukunft wirksame Hille des Staates gefordert werden.

Samstag, (5. November 1930

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Zum i 00. Geburlslag SlkubenS'

General FriedrichWilhelmoonSteuben wurde am 15. November 1730 in Magdeburg geboren. Seiner strategischen Hilfe als ©eneraünfpettor der Armee Washingtons seit 1778 verdankt Amerika mit seinen Sieg im Unabhängigkeitskriege.

Hessische Landes-Geflügelschau in Gießen

Starkes Meldecrgebnls. Sondergruppen. Jlcrj und Silberfuchs als Gäste.

Die Hessische Lantes-Geflügelschau, die vom 5. bis 7. Dezember in der Votkshalle m Dreyen ftüttfinten soll, verspricht, was die Zahl ter ausgestellten Tiere anbetrifft, die größte Ver­anstaltung dieser Art zu werden, die bisher im Hessenland stattgefunde.i hat. Cs liegen bereits zahlreiche Anmeldungen namhafter Geflügel­züchter aus Rheinhessen, Starkenburg und Ober- hessen vor. Mit Sonder schauen beteiligen sich an der Veranstaltung die Hessische Zwerg­huhnvereinigung 1923, der Reichsverband Der Züchter schwarzer Wyandotles (Dau Süd), Ver­einigung der Ilalienerzüchter für Hessen und Hessen-Ras au, bie Züchtervereinigung schwarzer Italiener Sübteutschlands. Verein bet Kampf- Zier- unb Haubenhuhnzüchter, Hessische Kropf- taubenzüchter-Vcreinigung unb der Verein Hessi­scher Kröpfer Der Besitzer einer De r zf ar m hat zur Ausstellung eine Kollektion von 6 Stuck seiner Zucht sowie einige Exemplare Silber­füchse angemeltet. Es ist wohl bas erstemal, daß in Hessen diese wertvollen Pelztiere einer breiteren Oesfenllichllit vorgeführt werden.

Das Universitäts»Tierzucht-Insti­tut Oberer Hardthof wird in einer Sonder- gruppe veranschau ichen: bie Entwicklung der hessischen Geflügelzucht, den Aufbau ter Geflügel­zucht Deutschlands, die Einfuhr von Geslügelpro- buften 19131919, bie länbliche Geflügelzucht, die Berufsausbilbung bes Geflügelzüchters. Wettlegcergebnisse 1928/29 unb 1929'30, und bie Lehr- und Versuchsanstalt für Ge­flügel am ilnioerfitäU T erzucht-Institut in Gießen als Ausbilbungsstätte unb als For- schungs- und Zuchtstätte. Bei ter groß angelegten Land es-Geflügelschau unb um eine gründliche

Gießener Stadttheater.

Schtller:Kabale und Liebe".

Alle Iahre wieder feiert man, zum Andenken an Schillers Geburtstag, durch eine würdige Aufführung den großen unb noch immer nicht überlebten Dramatiker. Doppelt zu begrüßen, wenn man, entgegen dem allgemeinen Brauch, wie cs hier geschah, aus solchem Anlaß toieber eins der drei Frühwerke in Prv'a hervorhebt, wenn man also den jungen Schiller feiert, bet in den Schulen und auf dem Theater häufig zu kurz kommt.

Man hat sich zu sehr daran gewöhnt, Schiller nur als den Professor in Iena, als den Freund und Geistesbrudec Goethes, als den reifen Mei­ster der weimarischen Klassik zu betrachten, und man ist leicht geneigt, diese Iugend eines großen Dichters und großen Menschen darüber zu ocr- gefsen. bie so unglücklich unb unwürdig gewesen ist, tote kaum bei einem zweiten.

Kabale unb Liebe" aber ist das echteste und künstlerisch reifste Zeugnis der Sch.llerfchen 3u- genb. Er selbst ist freilich halb über bas Werk hinausgewachsen, hat sich nicht gerne baran er­innert, hat esnicht leiten" mögen. Es ist auch schon früh embfunben unb eingeräumt* Worten, daß diesem Schauspiel, obwohl es einen sehr ent­schiedenen Fortschritt über seine beiten Vorgänger hinaus bedeutet, mancherlei Mängel anhaften: aber welches Iugendweek ha te bie nicht? Am be­dauerlichsten scheint uns heute, daß der von 3ff- land gewählte, schlechte (unb vielen nur halb ver­ständliche) Titel sich durchgesetzt hat und in die Literaturgeschichte eingegangen ist.

Luise Millerin" sollte dieses berühmteste bür­gerliche Trauerspiel ter Deutschen heißen,... wie Schiller selbst es getauft hatte. Er hat schwer unb zäh unb in einer schlimmen Zeit seines mühseligen Lebens baran gearbeitet:Meine .Luise Millerin" jagt mich schon morgens um 5 aus dem Bette. Da sitz' ich, spitze Federn unb käue Gebauten. Es ist gewiß unb wahrhaftig, daß ter Zwang dem Geist alle Flügel abschneibet. So ängstlich für daS Theater, so hastig, well ich pressiert bin, unb doch ohne Tadel zu schreiben, ist eine Kunst... Hub: Gott dem Allmächtigen will ich danken, wenn ich fertig bin...

In einem Brief an Dalberg äußert sich seine unbestechliche Selbstkritik: .Außer der Vielfältig­

keit der Karaktere unb der Verwicklung der Hand­lung, der vielleicht allzufreien Satyre unb Ver­spottung einer vornehmen Da.ren- unb Schurken­art hat dieses Trauerspiel auch diesen Mangel, daß komisches mit ttagischem, Laune mit Schrecken wechselt unb, obschon bie Entwicklung tragisch ge­nug ist, boch einige lustige Karaktere unb Si­tuationen hervorragen."

Wir heute wollten Gott danken, wenn nur einer unter unseren jungen Leuten ein solch s Trauer­spiel mit solchen igeln schriebe, das nach anderthalb Iahrhunterten noch so wundervoll auf ter Bühne bestehen t mixte.

.Luise Millerin" sollte es heißen ein Liebes- (btama ist es zunächst unb vor allem, unb ge­rate in ben Szenen der Liebenden entfaltet sich der ganze Dcywung unb Glanz, die prachtvoll leidenschaftliche Sprache des jungen Dichters hin­reißender unb ungestümer als in den späterem Werken der Reise unb Mäßigung, ter form Vollenbeten Klassizität, die den Ueterschwang ter frühen Sturmjahre ablefjnte ober belächelte.

Aber dieses bürgerliche Trauerspiel ist auch ein höchst politisches, höchst revolutionäres unb aggres­sives Drama, ist einZeitstück' gewesen für bie damalige Gegenwart so gut tote heute für uns ettoaSektion Rahnstetten" oder§ 218 ober Amnestie". Hob wie bieMillerin" künstlerisch durchaus über ihre Vorläufer, bieRäuber" unb denFiesco", hinauskam, wie sie einen Fortschritt bedeutete in ter Psychologie unb ter Drama­turgie sie gehört rein theatralisch zum Stärk­sten, was Schiller je geschrieben hat, so war auch ihre Aktualttät, ihre bittere Anklage und schonungslose Satire völlig unmißverständlich und viel schärfer noch als in ben ersten Dramen.

Denn währenb ber Schreiin tirannos ter Räuber" nur aus dem Titelblatt stand unb bie Handlung immerhin ein zeitloses Phantasiegebilde Darfteilte,... wahrend imFiesco" das revo­lutionäre Pathos sich in einer Szenenreihe aus ber italienischen Renaissance entlub, waren Zustände und Gestalten terMillerin" derartig eindeutig angelegt, bah die Zeitgenossen gleich­sam mit Fingern auf bie Vorbilder unb Modelle hätten weisen können.

Unb wenn auch die unmittelbare Aktualität ter Fabel für den heutigen Leser oder Beschauer ver- blaht ist, so hat sie doch als anklägerisches Doku­ment aus einem der traurigsten und unwürdigsten Kapitel deutscher Kulturgeschichte auch heute noch nichts von der Wucht ihrer Wirkung verloren.

Die Aufführung unter der Regie von Walter Bäuerle war obwohl man ihr nicht in allen Einzelheiten zustimmen kann unb etsiche Einwände äußern darf als Ganzes ein: schöne unb sinnvolle Vorstellung infof m als i: ichllich vom Geiste dessen getragen war, dem hier gehul­digt werden sollte: ein Hauch vom heißen, stür­mischen Acem ber Schillerjugend war in allen Szenen spürbar. Cs erwies sich auch als ein guter Gedanke, ganz junge Schauspieler in d n tragenden Rollen hrrauszust.l en; dies kam der Frische und Lebendigksit des Eindrucks unb dem inneren Tempo und Schwung ter gar nicht akade­mischen, ersrcu ich unfonren ianellen Auf sich ung zugute, die in ihren entscheidmben Szenm stark und manchmal einfach erschütternd wirkte: überzeugender Beweis für bi: ganz unveraltete, leibenschaftliche Kraft dieses Schauspiels.

Was wir auszufetzen haben, richtet sich zum Teil gegen Einzelheiten in der Besetzung, auf die wir noch zurückkommen. Ferner gegen größere Streichungen zu Anfang des vierten Akt^: bas Fehlen dieser Partien machte ft£) später doch be­merkbar. (3m übrigen sind die Kürzungen zu billigen.) Ferner gegen gewisse symboli ierende Motive in ter szenischen Gestaltung: der ganze Oberstock mit den vom Feuerwerk beleuchteten Totengerippen ist störend, überflüssig, und sollte ebenso unbarmherzig ausgetilgt werten wie die expressionistisch aufgeredte Gebärde zuletzt. Das sind Mätzchen, die Schiller nicht nötig hat, und welche die übrigens sehr stilrein unb schon ge­tönten Bühnenbilter (von Löffler) unnötig belasten. Eine Kleinigkeit noch: die unangenehm guietschente Tür (bei Miller: fünfter Akt) wird sich gewiß leicht beseitigen lassen.

Was bie Darstellung angeht, so hatte man die Freude, eine junge Schauspielerin, ter wir immer etwas zugetraut haben, vor eine wirklich große unb ernsthafte Aufgabe gestellt unb dieser schwierigen Probe über Erwarten gut g?wachsen zu sehen: Beatrice Doering als Luise. Cs fehlten ihr in ter großen Driefszene ein paar feinere Hebergänge unb an einigen Stellen die sprachliche Routine in ter Tempo- unb Ge­fühlssteigerung; bas ist aber auch bas einzige, was wir vermißt haben. Sie brachte sonst alles, was bie Millerin haben muß an Iugendlichkeit, an Wärme ter Empfindung, an seelischer Hal­tung; sie setzte sich ganz ein, ohne boch den taktischen äkbeeblid über die weitläufige Rolle

unb den Atem für bie letzte (Steigerung zu ver­lieren. Eine sehr schöne Leistung.

Raimund Schelcher hatte den Ferdinand: man ist gewohnt, einen älteren Schauspieler in dieser Partie zu sehen, aber ter Text gibt ber hier bevorzugten Auffassung durchaus recht. Die Darstellung Schelchers war keine üble Talent­probe; er ging mit Begeisterung an die Sache heran und hatte damit schon hall» gewonnen: es spricht sogar für ihn, daß er im letzten Akt das Beste bot. Allerdings machte ihm die schwere Prosa Schillers noch Schwierigkeiten: er über­stürzte sich manchmal im Text, dessen technische Beherrschung ihm mit ter Zeit und häufiger Hebung noch zuwachsen muß. Darstellerisch fehlte es vor allem in der Milford-Szene, wo er von ter gewandteren Partnerin ein wenig überspielt tourte und die chargierenden Rüancen vermissen ließ. Aber auch das wirb noch werden. Fürs erste darf man schon zufrieden sein.

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Den Präsidenten gab Bäuerle: ausgezeich­net; scheint ihm sehr zu liegen. Er spricht und spielt knapp, unpathetisch, pointiert. So wollen wir diese Rolle heute sehen. Herr Bruck (als Wurm) hatte wegen stimmlicher I.idispo'ition um Rachsicht gebeten; er vermied mit Glück den Stil des berüchtigten Theaterintriganten auf Gummisohlen, dürfte sich aber noch immer um etliche Grate nüchterner geben; je verhaltener, .-esto besser. Im übrigen eine recht begabte Leistung. Maria Koch war bie Milford: elegant unb sehr routiniert wie immer; aber mit ber Routine allein unb nur als ©alonbamo ist die Milford nicht zu machen; es fehlte tec Gestalt doch zuletzt bas menschliche Format, das sie bei Schiller entschieden hat. Am reifsten: die Rorfolk-Erzählung (II 3).

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Linkmanns Miller war mit ehrlichem Ge­fühl gegeben unb ein neuer Beweis für die viel­seitige Verwendbarkeit dieses Chargenspielers: aber er sollte auf seine Atemtcchnik achten. Hub als Hosmarschall Kalb ist um der Dis­kretion seines Humors willen zu loben: diese Par sie taim nämlich übel ausgeschlachtet werten. In Rebenrollen: Schubert-Iüngling: Zingel: 3 ahn.

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Die Aufführung war diesmal angenehmerweise vor der festgesetzten Zeit beendet. Es gab sehr herzlichen Beifall. hth.