Nr. 39 Erstes Blatt
180. Jahrgang
Samstag, 15. Zedruar 1950
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Der „Neue plan".
Nun hat auch der Reichstag seine Noungdebatte gehabt, sogar mit einer regelrechten Sensation, die er Herrn Hugenberg, dem deutschnationalen Partei- ührer, verdankte. Aber läßt man Regierung und Opposition in Rede und Gegenrede noch einmal an ich vorüberziehen, sucht man aus dem Hin und Her der Meinungen und Auffassungen ein klares Bild zu bekommen, so schwindet leider nicht das Gefühl starker Enttäuschung, das den aufmerksamen Leser schon bei der ersten Lektüre dieser Reichstagßdebatte beschleichen mußte. Zwei Lichtblicke: die kluge, kritische, zurückhaltende Rede des Abgeordneten Brüning, des Benjamins unter den Fraktionschefs, der für das Zentrum sehr viele Gedanken aussprach, die man grade in diesem Augenblick, an einem Kreuzweg deutscher Politik, lieber aus dem Munde des verantwortlichen Außenministers gehört hätte, und die Rede des Abgeordneten Dr. H o e tz s ch, der nach dem Exodus aus der Hugenbergpartei sein mich von seinen Gegnern stets bereitwillig anerkanntes außerordentliches Wissen der neuen volkskonserva- tioen Grupp« zur Berfügung stellt. Auch was Hoetzsch gegen den Youngplan oorbrachte, war positive, fördernde Kritik. Dagegen müssen wir bedauern, daß keiner der drei Reichsminister, die im Reichstage sich zum Worte meldeten, der gewiß naheliegenden Gefahr entging, in Verteidigung des Haager Vertragswerks allzu ausschließlich die Lichtseiten der im Haag und in Warschau getroffenen Abmachungen herauszukehren und manche sehr ernstzunehmende Einwände der Kritik mit dem allzu billigen Hinweis auf die erzielten Verbesserungen gegenüber dem Da- wesplan abzutun. Ueberhaupt machten diese ganzen Auseinandersetzungen, für die nicht einmal im „Hohen Hause" selber das Interesse groß genug war, um «ine größere Anzahl von Dolksboten dauernd im Sitzungssaale festzuhalten, den betrüblichen Eindruck eines Schauspiels mit verteilten Rollen, das man notgedrungen in Szene setzt, um der Form zu genügen und dem Volk den Druck der Verantwortung recht sinnfällig zu demonstrieren, von dem man aber von vornherein weiß, daß dabei nichts Positives dafür oder dawider herauskommen kann. Das ist auch von den Beratungen der Ausschüsse, an die das Vertragswert nach der ersten Lesung im Plenum verwiesen wurde, nicht zu erwarten. Denn Aende- rungen sind nicht mehr möglich. Die Haager Vertrage und mit ihnen das polnische Liguidations- abkommen müssen so, wie sie von der Reichsregierung vorgelegt werden, entweder angenommen oder abgelehnt werden. Und wir dürfen uns heute schon darüber keiner Täuschung hingeben, daß sie angenommen werden, einschließlich des unglückseligen Volenvertrags, trotz der sicheren Opposition auf der Rechten und äußersten Linken, trotz der starken Vorbehalte, die heute noch von einzelnen Regierungsparteien, namentlich vom Zentrum, gemacht werden.
Das ist ja das Deprimierende an der gegenwärtigen Situation, daß trotz allen Debattierens, trotz aller Kritik keine Verbesserungen an den Verträgen möglich sind, die die Regierung als Vollzugsausschuß der herrschenden Koalition schon vor Monaten abgeschlossen" hat und mit denen sie selber steht und fällt. So bleibt eben nur das eine, zu versuchen, über eine Reihe sehr wesentlicher Punkte, die heute noch sehr verschieden ausgelegt werden, durch Kommentare von authentischer Stelle völlige Klarheit zu gewinnen. Grade deshalb hatten wir gewünscht, daß man bei der Besprechung des Poungplans der französischen Kammer den Vortritt lassen möchte. Die Debatte in Paris hätte schon vieles klären können, was heute in Berlin noch durchaus umstritten und anfechtbar erscheint. Unser geschätzter Mitarbeiter, der Abgeordnete H o e tz s ch, mit dem wir ein gut Stück Weges gemeinsam o-hen können, hat erklärt: „Wenn der französische Ministerpräsident sich in der Sanktion-frage in Meinungsverschiedenheiten mit Deutschland befindet, dann nehm« ich die Partei meines Vaterlandes." Das trifft ganz gewiß zu und hat auch unseren Beifall, wenn es sich um bereits geschlossene Verträge handelt, aber hier geht «s doch erst darum, durch gegenseitige Kommentierungen überhaupt erst möglichst eindeutig festzulegen, welchen Sinn die Haager Abmachungen haben, bevor man sich entschließt, ihnen zuzustimmen oder sie zu verwerfen. Wir bedauern es, daß die Reichsregierung die weitgehenden Aeußerungen Tardieus über die Frankreich im Haag angeblich zugestandene Sanktionsmöglichkeit, mit denen die Opposition im Reichstag operierte, offenbar auf die leichte Schulter nahm. Es mag ja zutreffen und mir find die Letzten, die nicht wünschten, es wär« fo, daß die befremdenden Aeußerungen des französischen Ministerpräsidenten durch die Pariser Presse verfälscht und verdreht widergegeben worden sind, aber wir hätten doch erwartet, daß die Reichsreaierung sich durch den deutschen Botschafter von Hoesch ein klares Dementi oder eine authentisch« Fassung der getanen Aeußerungen verschafft hätte. So bleibt ein Gefühl des Mißtrauens, und wir würden uns nicht wundern, wenn in der Poungdebatte der Pariser Kammer ähnliche Auslegungen der Sanktionsbestimmungen von Regierungsseite unwidersprochen bleiben.
Die Sanktionsbestimmungen des „Neuen Plans" bedürfen noch durchaus der Klärung. Darüber hilft auch alles Dozieren des Herrn Wirth über „N ichtkönnen" und „N i ch t w o l l c n" nicht hinweg. Das ist ja doch gerade das, mit dem uns die Franzosen die ganzen letzten Jahre ins Gesicht gesprungen waren: wenn wir behaupteten, wir könnten nicht zahlen, sagte Herr Poincars: „Die Deutschen wollen nicht" und marschierte ins Ruhrgebiet. In der Aufnahme dieser Sanktionsbestim- mung mit seinem sehr kautschukartigen Begriff des „Vertrag zerreißen" sehen wir im Gegensatz zu Herrn Wirth eine Verschlechterung gegenüber dem
Welche GesamtSelastung bringt der tzoungplan?
Einzelberatung der Haager Abkommen in den Reichstagsausschüffen.
Berlin, 14.Febr. (VDZ.) Die Ausschußbe- ratung der Pounggesetze begann in einer gernein- amen Sitzung des Haushaltsausschusses und des Auswärtigen Ausschusses des Reichstags. Gewisse Fragen der Außenpolitik wurden von vornherein des Auswärtigen Ausschuß zur vertraulichen Beratung überwiesen. Zu Berichterstattern für das Plenum wurden die Abg. Dr. Breitscheid (Soz.) und Dr. Hoetzsch (Chr.-Nat. Arb.-Gem.) bestimmt. Die achliche Beratung wurde begonnen mit der Frage der tatsächlichen Höhe der finanziellen Gesamtbelastung.
Heichsaußenminister Or. CurtiuS besprach zunächst die Bestimmungen über die ainiPuitäten. Die Belastung aus den Annuitäten sei oon den Sachverständigen für die ersten 37 Jahre auf den Durchschnitt von.1988 Millionen Reichsmark berechnet worden. Der Gegenwartswert betrage rund 34,5 Milliarden Mark. Man könne nicht einfach die Annuitäten zusammenzählen und dann durch die Zahl der Jahre dividieren. Das würde eine falsche Methode fein. Auch würde dabei die Staffelung der Annuitäten unberücksichtigt bleiben, insbesondere die niedrige Belastung der ersten zehn Jahre. Man solle endlich aufhören, die Oefsent- lichkeit damit zu beunruhigen und irrezuführen, daß man die Annuitäten addiere und eine Riesensumme nenne, die wir zu zahlen hätten. Wenn ein Landwirt eine Hypothek von 34 500 Mark aufnehme, die mit 5,5 v. H. zu verzinsen und in 58 Jahren zu tilgen sei, habe er auch in der Summe der Jahreszahlungen 113 500 Mark zu zahlen. Gleichwohl werde niemand daran denken zu behaupten, daß der Landwirt ober fein Grundstück mit 113 500 Mark belastet seien. Seine Schuld werde stets nur mit der Nominalschuld feiner Hypothek, nämlich 34 500 Mark, beziffert werden. In der gleichen Weise müsse man auch die Schuld aus dem Poung- plan berechnen, nämlich mit 34,5 Milliarden Reichsmark. Der Gegenwartswert beim Voungplan betrage 34,5 Milliarden gegen rund 49 Milliarden beim Daroesplan. Die Durchschnittsannuitäten beim Poungplan betrügen rund 2000 Millionen gegen 2736 Millionen beim Daroes« plan. Nach dem Daroesplan hätten wir in den nächsten zehn Jahren mehr als 7 Milliarden mehr zu zahlen. Die ungeschützte Annuität betrage im elften Jahre rund 700 Millionen Mark und falle bann; im Durchschnitt betrage sie 654 Millionen Mark. Der deutsche Anspruch auf bie in ben ersten fünf Monaten bes laufenben Reparationsjahres gezahlten 379 Millionen Daroesraten ließ sich n i ch t durchsetzen. Darin, baß als Zahlungstermin bie Monatsmi11e unb nicht bas Monatsenbe festgelegt worben ist, liegt eine finanzielle Mehrbelastung nur in dem Fall, wenn das Reichsfinanzministerium sich die nötigen Kassenmittel borgen müßte.
Abg. Or. Reichert (Ont.) bezeichnet es als den größten Nachteil besVoung- planes dem Dawesplan gegenüber, daß jetzt das Maß der deutschen Zahlungen nicht mehr berech
net werden solle nach der deutschen Lei - stungsfähigkeit, sondern nach dem Umfang der interalliierten Schulden an Amerika. Dadurch werde auch die Devisenbeschaffung für Deutschland zu einer Sonder- belastung, die zu großen Schwierigkeiten führen könne. Bisher habe man sich mit Auslandanleihen geholfen. (Darunter war viel verkapptes deutsches Kapital.) Darüber sollte der Reichsbankpräsident hier Aufklärung schaffen. Die Zukunft der Kaufkraft der Goldwährungen sei durchaus offen. Bei anhaltendem Frieden sei mit einer Zunahme der Kaufkraft des Geldes zu rechnen, leider nicht bei der bisherigen Politik innerhalb Deutschlands. Unsere wirtschaftliche Souveränität gehe uns immer mehr verloren.
Abg. Or. Hoehsch (Chr.-N.-A.)
bestritt die Auffassung, daß zwischen unserer Reparationsverpflichtung und dem interalliierten Cchuldenproblem keine Verbindung bestehe.
Warum haben sich die deutschen Sachverständigen auf die jetzige Höhe der Annuitäten treiben lassen. Dr. Schacht habe zuerst nur eine Milliarde Mark angeboten.
Abg. Or. Klönne (Chr.-N.-A.) erklärte, daß er den Plan a b l e h n e. Zwar fei der Dawesplan schwerer, aber er habe nur einen Versuch dargestellt und sei mit einer ganzen Reihe von Schutzmaßnahmen ausgestattet. Der Voungplan scheide alle Möglichkeiten einer Revision ab. Der Endwert der Annuitäten sei allein maßgebend. Rach 58 Jahren sei aus Deutschland ein Kapital von 116 Milliarden geflossen.
Abg. Or. Oernburg (Oem.) wies darauf hin, daß die Reparationskommission nur die Berechtigung gehabt habe, die Zahlungen aufzuschieben, aber nicht das Recht. Kapital zu erlassen. Diese Funktion sei jetzt auf den beratenden Sonderaus-
Polen setzt die Äquidationsversahren fort.
Warschau entschuldigt sich mit Maßnahmen von Lokalbehörden und verspricht ihre Rückgängigmachung.
Berlin, 14. Febr. (TU.) Die in Dromberg erscheinende „Deutsche Rundschau in Polen" stellt in ihrer letzten Ausgabe sest, daß trotz der im polnischen Liquidationsabkommen getrofsenenVere tn- bar u n g , alle liquidativnssähigen und bereits liquidierten Güter, die am 1. September 1929 noch in der Hand ihres Eigentümers bzw. ihres früheren Eigentümers waren, von der Enteignung zu befreien, von feiten Polens noch immer liquidiert und noch immer das Wiederkaufsrecht, auch im Erbfalle ausgesprochen wird. Das Blatt schreibt hierzu: Wir möchten nicht den Sturm der Entrüstung erleben, der etwa eingesetzt hätte, wenn die deutsche Regierung in diesen Wochen vor der Ratifikation besonders eifrig auf die Erledigung der Zusatzklagen der Liquidationsgeschädigten vor dem noch immer bestehenden deutsch-polnischen Schiedsgericht in Paris gedrungen hätte. Zwischen Unterschrift und Ratifikation eines Vertrages ist nach allgemeinem völkerrechtlichen Brauch die einseitige Veränderung des Vertrags- gegenstandes unzulässig. Wir haben in *2tr. 24 der „Deutschen Rundschau" vom 30. Januar d. 2. berichten müssen, daß noch jetzt dem Landwirt Schreiber aus dem unweit von Zempelburg gelegenen Dorf Plöhig sein 110 Morgen großes Landgrundstück durch das Liquidationsamt enteignet wurde. Der Eigentümer, der das Grundstück nicht nur am 1. September
1929, sondern noch heute „in Händen" hat. soll seinen Besitz bis zum 1. W ai d. I. räumen. Soeben wird uns ein zweiter <5au. bekannt, der die Zusatzabreden zum Warschauer Liquidationsabkommen betrifft. In einem vom 6 d. M. datierten Schreiben des Posener De- zirkslandamtes wurde der Witwe des im Jahre 1923 verstorbenen Ansiedlers Heinrich Schmidt in Roneck (Rojewo). Kreis Jnowraclaw, mitgeteilt, daß die Behörde von dem ihr nach unserer Ansicht auch ohne das Liquidations- abt ommen nicht zu stehenden Wiederkaufsrecht Gebrauch mache, und daß die Erben, zu denen neben der Witwe noch zwei Söhne gehören, sofort eine Taxe für die 82 Morgen große Ansiedlung einzureichen hatten. Frau Schmidt und der eine ihrer Söhne besitzen die polnische Staatsangehörigkeit. Der andere Sohn ist Reichsdeutscher.
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Von amtlicher deutscher Seite wird hierzu mitgeteilt: Die Gesandtschaft in Warschau ist sofort bei dem polnischen Ministerium des Aeutzern vorstellig geworden. Dort ist erklärt worden, daß den einzelnen Fällen, die dem Ministerium bisher noch nicht bekannt seien, sofort nachgegangen werden würde. Sollte sich Herausstellen, daß Lokalbehörden Maßnahmen getroffen hätten, die mit dem Abkommen vom 31. Oktober 1929 nicht im Einklänge ständen, so würden diese sofort rückgängig gemacht werden.
Pariser Plan. Danach hätte im Falle eines deutschen Zahlungsverzugs oder der Erklärung, überhaupt zahlungsunfähig zu (ein, der Prüfungsausschuß der Tributbank nach Untersuchung der deutschen Wirtschaftslage Deutschland „Ratschläge" zur Behebung seiner Schwierigkeiten zu geben. Bestand Deutschland auf seiner Leistungsunfähigkeit, dann blieb nur die Einberufung einer neuen Konferenz oder Gewaltanwendung der Gläubiger. Das aber wäre, da ja die Reparationskormmfsion verschwunden ist, keine „Sanktion" im Sinne des Versailler Vertrages, die wir zu dulden uns verpflichtet hätten, sondern Bruch des Friedenszustandes. Nach dem „Neuen Plan" können Frankreich ober eine andere empfangsberechtigte Macht — sie brauchen es natürlich nicht, aber man muß mit der Möglichkeit" rechnen — auf die Erklärung der deutschen Zahlungsfähigkeit damit antworten, daß sie Deutschlands guten Willen be ft reiten, daß sie behaupten, Deutschland lasse den Willen zur Zerreißung des Poungplans erkennen, und daß sie Klage vor dem Internationalen Gerichtshof im Haag anstrengen. Wer bürgt uns dafür, daß dieser unvoreingenommen und unbeeinflußt von weltpolitischen Stimmungen Deutschlands Wirtschaftslage gerecht beurteilt? Paul Rohrbach hat auf die sehr bedenklichen Konsequenzen hingewiesen, die ein gegen Deutschland gefällter Spruch des Haager Gerichtshofs, der ja jeder einzelnen Gläubigermacht „volle Handlungsfreiheit" roiebergibt, haben müßte. Wir unterwerfen uns im „Neuen Plan" im voraus einer Verhanblungsprozebur, bei ber wir „rechtskräftig" verurteilt werben können unb bann nicht nur materiell, fonbern auch moralisch in bie benfbar schlimmste Lage kommen müßten. Die Erklärungen bes Außenministers können uns in biesem Punkt so wenig genügen, wie bie Darlegungen Wirths wir möchten wünschen, daß in den Ausschüssen hierüber noch volle Klarheit geschaffen wird und wenigstens versucht wird, vor der Annahme des Poungplans eine Auslegung der Sanktionsbestimmung oon authentischer französischer Seite zu erlangen. ,
lieber die finanzielle Seite des Polenabkommens, dessen tatsächliche, wenn auch nicht rechtliche Verknüpfung mit den Haager Abmachungen uns für die Entscheidung über den Poungplan eine schwere Belastung zu sein scheint, haben wir an dieser Stelle schon in der vergangenen Woche gespro
chen. Heute sei lediglich nachgetragen, daß wir den Vertragsabschluß mit Polen auch von allgemein p o l i t i sch e n G e s i ch t s p u n k t e n aus gesehen, für höchst bedenklich halten. Schon die Tatsache einer weitgreifenden finanziellen Entlastung des polnischen Staatssäckels von den beträchtlichen Forderungen der Liquidationsgeschädigten, Enteigneten u. a. wird den Staatskredit Polens wesentlich heben, ganz abgesehen von dem moralischen Plus, das sich für Polen aus dem Abschluß eines Vertrages mit seinem großen deutschen Nachbarn unzweifelhaft ergibt. Hat Deutschland daran ein Interesse? Gibt es damit nicht wertvolle Pfänder für kommende unvermeidliche Verhandlungen über die Revision der deutschen Ost grenze vor- zestig preis? Wir wollen nicht rechten, ob der viel- umstrittene Ausdruck „Ost-Locarno" hier angebracht ist oder nicht. Die Tatsache besteht doch aber, daß mir Polen, mit dem wir die wichtige Rechnung — Korridor, Danzig, Oberschlesien u. a. — noch z u begleichen haben werden, in einem Augenblick materiell wie moralisch stärken, in dem Deutschland an einer solchen Stärkung nichts, aber auch gar nichts gelegen fein kann. Erträgliche Beziehungen zu unserem polnischen Nachbarn wünschen auch wir, aber sie sind erst möglich, wenn die Bestimmungen des Versailler Vertrages über die deutsche Ost- grenze in einem für Deutschland erträglichen Sinne revidiert sind. Warum enchält übrigens der Polenvertrag unseres Wissens keinerlei Sanktions- beftimmungen? Hat die Republik Polen bislang vielleicht gültigere Beweise oon Vertragstreue gegeben, als Deutschland, dem man auch im „Neuen Plan" wiederum Sanktionen androht, mag man auch über das Wort selber feilschen? Die erst gestern gemeldeten Zwangsparzellierungen, von denen in Ausführung der famosen polnischen Agrarreform zehntausend Hektar deutschen Grundbesitzes betroffen werden, werfen ein sehr merkwürdiges Licht auf die Methode, wie Polen sich vertraglich übernommener Verpflichtungen auch künftig wird entziehen können. Wir glauben, daß das Polenabkommen noch einer sehr gründlichen Überprüfung bedarf und können die Befürchtung der Reichsregieruna keineswegs teilen, ohne das Polenabkommen würde Frankreich die Ratifizierung des Poungplans verweigern und die Rheinlandräumung hinausschleppen. Frankreich wünscht das Geld aus der Reparationsanleihe, wünscht es baIb unb wirb auch feinem polnischen
Freunde zuliebe kaum länger darauf warten wollen.
Das Zentrum hat bekanntlich für seine Zustimmung 3um Poungplan den Vorbehalt gemacht, daß vor dessen Annahme im Reichstag über die innere Lastenoerteilung Klarheit geschaffen werden müsse. Das bedeutet erst einmal die Sanierung der R e i ch s s i n a n z e n unb dann unseres Erachtens auch ein Plan für die Lastensenkung, die der nur noch mühsam atmenden Wirtschaft schon im vergangenen Jahre, spätestens mit dem Inkrafttreten des Poungplanes, versprochen wurde. Von Lastensenkung und Drosselung der öffentlichen Ausgaben wird kaum noch gesprochen. Die Ausgaben sind „zwangsläufig" sagt man, und statt über Steuersenkungen wird über neue Steuern diskutiert. Es erscheint uns dringend notwendig, daß das Zentrum mit aller Entschiedenheit auf feinem Vorbehalt bestehen bleibt unb dabei von allen bürgerlichen Parteien die tatkräftige Unterstützung findet, die diese Politik im Interesse der gesamten deutschen Wirtschaft verdient. Hat die Sozialdemokratie, die eine grundlegende Finanzreform scheut, wie das gebrannte Kind das Feuer, erst den Poungplan unter Dach und Fach, wird sie gut und gern den bürgerlichen Parteien das Odium überlassen, neue Steuern dekretieren zu müssen, statt der Lastensenkung, auf die die Wirtschaft wartet. Diesmal muß auch die Sozialdemokratie gezwungen werden, Farbe zu bekennen. Ist sie auch nicht allein schuld an dem Schlendrian unserer öffentlichen Finanzwirtschaft, so geschah doch zum mindesten der letzte Sturz in das Chaos unter ihrer verantwortlichen Führung. So wird sie auch höflichst eingeladen werden müssen, nun die Suppe mitauszulöffeln, die sie uns eingebrockt hat. Und es darf ihr auch nicht erlaubt werden, sich an Steuererhöhungen und Reformmahnahmen vorbeizudrücken, die ihr unbequem find, weil sie ihr die Popularität ihrer Wähler koste« könnten. Deshalb muß auch das dringende Verlangen gestellt werden, vor der Annahme des Poungplans nicht nur die vordringlichen Maßnahmen für bie Sanierung der Rei ch s- taffe zu beschließen, sondern jetzt schon die Regierungsparteien, auch die Sozialdemokraten, auf ein tiefgreifendes Finanzreform • Programm feftzulegen, das der Wirtschaft endlich die Lasten- fentung bringt, auf die sie ein Anrecht hat.


